Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/August Hermann Francke

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: August Hermann Francke
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 109–110
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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August Hermann Francke.
Geb. d. 23. März 1663, gest. d. 8. Juni 1727.


August Hermann Francke war einer der auserwählten Menschen, die gleich guten Engeln über die Erde schreiten, nachhaltige Segensspuren ihres reinen und gottgeliebten Wandels hinterlassen, und deren Gedächtniß nimmer erlischt und untergeht. Lübeck war Francke’s Vaterstadt, doch folgte er schon in zarter Jugend dem Vater nach Gotha, wohin dieser als Justizrath berufen wurde. Das Gothaische Gymnasium, das einer bedeutenden Anzahl berühmter deutscher Männer die Grundlagen zu wissenschaftlicher Ausbildung und zu ausgezeichneten Lebenswegen verlieh, bildete auch diesen Zögling trefflich aus. Von Gotha begab sich der Jüngling nach der nahen Hochschule Erfurt, wo er Theologie zu studiren begann, welches Studium er in Kiel fortsetzte und in Leipzig beschloß. Dort begann Francke 1681 exegetische Vorlesungen, welche sich bald ungemeinen Beifalles erfreuten, zugleich aber auch Gegner fanden. Er begründete mit Spener das Collegium philobiblicum und nahm 1685 die theologische Magisterwürde an. Als Freund und Anhänger des ungleich älteren Spener führte Francke’s ganzes innerliches Gemüthsleben ihn zu der frommen Richtung religiöser Anschauung hin, welche von den Gegnern Pietismus genannt, und da, wo diese Richtung zu einem stolzen Gefühl des eigenen Werthes durch Frömmigkeit und zur geistlichen Ueberhebung über die sogenannten Weltkinder wird – mit Recht verschrieen wurde. Spener’s junge Anhänger, von denen Francke der bedeutendste war, setzten dem kalten und starren protestantischen Dogma eine johanneische Milde und eine christliche Sanftmuth entgegen, worüber es zu Kämpfen kam, in denen selbst der hellblickende Thomastus parteinehmend zum Vertheidiger seiner Freunde, darunter auch Francke, wurde – leider ohne Erfolg; die protestantisch dogmatische Unduldsamkeit trieb auch Francke aus Leipzig, nachdem er schon vorher einmal das Pleiße-Athen verlassen, eine Zeit lang in Lüneburg und dann einige Monate in Dresden bei Spener, der dort Hofprediger war, sich aufgehalten hatte. Im Jahre 1690 wurde Francke zum Diaconus der Augustiner-Gemeinde nach Erfurt berufen, und es mag ihn wohl mit hoher Freude erfüllt haben, da zu lehren [Ξ] und zu wirken, wo Luther mit sich selbst kämpfte und überwand. Francke’s Predigten in der Augustinerkirche zogen Schaaren von Zuhörern herbei; die Milde seines Wesens, der liebevolle christliche Geist seiner Vorträge gewannen ihm alle Herzen, selbst Katholiken hörten mit Erbauung Francke’s Predigten – aber das schadete ihm, und hatte der protestantische Fanatismus ihn aus Leipzig vertrieben, so vertrieb ihn 1691 der katholische unter nichtigen Vorwänden mit grausamer Hast aus Erfurt. Francke wandte sich nach Halle und wurde Prediger in der Vorstadt Glaucha, wo er das Wohl seiner armen und auch sittlich vernachlässigten Gemeinde sich Herzenssache werden ließ, und namentlich sich armer verlassener Kinder, zumal wenn es Waisen waren, auf das liebevollste und väterlichste annahm. Mittlerweile wurde durch den Kurfürsten von Brandenburg, nachherigen König Friedrich I. in Preußen die Universität zu Halle begründet, und Francke wurde an derselben als Professor der Theologie, später auch der orientalischen Sprachen angestellt. Als solcher gründete er das Kollegium orientale mit dem Druck hebräischer Bibeln. Im Jahre 1715 erst legte er sein Pastorat zu Glaucha nieder und trat als Prediger an der Ulrichskirche in der Stadt Halle selbst an. In diesem Zeitraum verfaßte Francke eine ziemliche Anzahl meist asketischer Schriften, gab auch viele Predigten und Tractate heraus und setzte die seinen Namen ungleich mehr, als seine Schriften, unsterblich machenden Bemühungen zum Wohle der armen Menschheit fort, welche Gott mit einem wahrhaft wunderbaren und überirdischen Segen krönte. Francke’s Wort wußte Begüterte zur Wohlthätigkeit zu begeistern und Armen ihr Scherflein zu entlocken, alles für das Waisenhaus und die Waisenschule, dazu er bereits 1698 den Grund gelegt hatte. Stattlichen Fürstenbauten gleich erhoben sich allmählich im Glauchaischen Stadttheil jene Gebäude, für die verwaiste Armuth, für Leib und Seelenpflege, für Unterricht und für Bibelverbreitung in einer Großartigkeit der Ausdehnung, wie wenige ähnliche Wohlthätigkeitsinstitute in Deutschland. Mochte Francke in der frommen Richtung seines Gemüthes, die bei ihm innere, warm empfundene Wahrheit und nicht, wie bei so vielen, ein angelernter Heuchelschein war, zu weit gehen, mochte er von manchen Seiten auch härter beurtheilt und heftiger verketzert werden, als er verdiente, seine Schwächen, gesetzt die tiefinnerlich religiöse, gläubigfromme unerschütterliche Ueberzeugung und die Vertiefung in die heilige Schriftoffenbarung dürften Schwächen genannt werden – schadeten niemand und sind mit ihm gestorben, unsterblich aber lebt sein Andenken fort in seinen Stiftungen. Diese waren und sind das Waisenhaus, Erziehungsanstalt für 100 bis 200 Waisen, 1695; die lateinische Schule, 1697 eingerichtet mit 10 Classen für 400 bis 500 Zöglinge; das Pädagogium, Erziehungsanstalt für Jünglinge aus höheren Ständen, und die Real-, Bürger- und Armenschule. Diesen Anstalten dienen zur belehrenden Benutzung eine Bibliothek, wie ein Kunst- und Naturalienkabinet, und zu ihren Einkünften tragen bei eine höchst bedeutende Buchhandlung und Buchdruckerei mit trefflichen Verlagswerken; eine Bibelanstalt, aus der schon Millionen Bibeln und neue Testamente in alle Welttheile gingen; eine Apotheke mit umfassenden Laboratorien, deren Ertrag durch Geheimmittel sich früher jährlich allein auf 40,000 Thaler belief. (Wer hätte nicht einmal die Halleschen Tropfen nennen hören?) Und dieß alles zum Wohle der Armuth und der leidenden Menschheit! – Die letzte Vorlesung, welche Francke nach längeren kränkeln und einem erlittenen Schlaganfall hielt, schloß er mit den Worten: »so gehet nun hin und seid gesegnet dem Herrn immer und ewiglich!« Wenige Wochen darauf ging er selbst dahin, ein Gesegneter des Herrn immer und ewiglich.