Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Gottfried Hermann

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Gottfried Hermann
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 175–176
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Gottfried Hermann.
Geb. d. 28. Nov. 1772, gest. d. 31. Dec. 1848.


Gottfried Hermann ist in Leipzig geboren, wo sein Vater Senior des Schöppenstuhls war. Das lebhafte, feurige Temperament, welches er von seiner Mutter, die aus einer französischen Familie stammte, geerbt hatte, sprach sich schon im Knaben aus, der bei großer Gutmüthigkeit doch schwer zu bändigen war, und obgleich von zarter Konstitution alle Leibesübungen leidenschaftlich trieb, vom Stillsitzen bei den Büchern nichts wissen mochte und durchaus Soldat werden wollte. In seinem zwölften Jahr wurde er der Obhut Carl David Ilgens übergeben, eines Mannes von unbeugsamer Festigkeit des Willens, ernster Strenge bei herzlichem Wohlwollen und gründlicher Gelehrsamkeit, der später als Rector in Schulpforte viele Jahre hindurch segensreich gewirkt hat. Diesem gelang es den Feuereifer des Knaben auf das Studium der alten Sprachen zu lenken und er verstand es, ihn zu eigener Selbstthätigkeit anzuregen und zu strengster Selbstprüfung anzuhalten. In zwei Jahren war er reif geworden die Universität zu beziehen, wo er nach dem Willen des Vaters Jurisprudenz studiren sollte und nur mit Mühe erreichte, sich der Philologie widmen zu dürfen. Hier fand er an Friedrich Wolfgang Reiz einen Lehrer, der für ihn geschaffen schien. Dieser, ein Mann von tadelloser Rechtschaffenheit, von unbestechlicher Wahrheitsliebe, im Besitz der genauesten und gründlichsten Gelehrsamkeit, erkannte das hervorragende Genie des Jünglings und, ohne ihn zu beschränken, leitete er ihn nur an, durch gewissenhafte und sorgfältige Forschung den angeborenen Scharfsinn und die glückliche Divinationsgabe zu bilden und zu beherrschen. Unter seiner Zucht gab sich Hermann ganz der Beschäftigung mit den Alten hin, mit welcher er, überall bemüht auf den Grund der Sache zu gehen, ein eifriges Studium der kantischen Philosophie verband. Uebrigens war er bei angestrengtem Fleiß keineswegs ein Stubensitzer, sondern nahm am Verkehr mit Kommilitonen und in geselligen Kreisen gern und lebhaft Antheil, und folgte seiner Neigung zu starken Leibesübungen, die ihn namentlich zu einem leidenschaftlichen und kunstgerechten Reiter bis in seine letzten Lebensjahre machte. Nach vollendeten Universitätsstudien habilitirte er sich als Privatdocent [Ξ] in Leipzig 1794, und seine Erfolge als Schriftsteller und Lehrer waren so entschieden, daß ihm im Jahr 1797 eine außerordentliche und 1803 eine ordentliche Professur übertragen wurde. In demselben Jahr gründete er durch die Ehe mit Wilhelmine Schwägrichen seine Häuslichkeit, welche dem für das stille Glück eines schönen Familienlebens Empfänglichen volle Befriedigung gewährte. Von da an war Hermann’s Leben das anspruchslose, durch keine hervortretenden Ereignisse ausgezeichnete eines deutschen Gelehrten; in ununterbrochner und bis ins hohe Greisenalter ungeschwächter Thätigkeit wirkte er als Lehrer und Schriftsteller für seine Wissenschaft in einer Weise, die seinen Namen auch über den Kreis der Fachgenossen hinaus populär gemacht hat, bis ihn am 31. December 1818 ein sanfter Tod hinwegnahm.

Hermann ist in Deutschland und im Ausland als ein echter Repräsentant der Wissenschaft anerkannt, welche sich mit der Litteratur der Griechen und Römer beschäftigt und die Wiederherstellung und das Verständniß ihrer Schriftwerke sich zum Ziel setzt. Die Sprache war das eigentliche Element seiner geistigen Thätigkeit und sein Verdienst ist es, zuerst, nicht blos im Allgemeinen anerkannt, sondern im Einzelnen durchgeführt zu haben, daß die Sprache nicht willkührlich ersonnenen Regeln sondern den im Menschengeiste tief begründeten Gesetzen des Denkens folgt, und daß diese ergründen und ihre Wirkungen in den einzelnen Erscheinungen der Sprache begreifen muß, wer die Sprache verstehen will. Neben diesem Gesetz der logischen Nothwendigkeit, welches in der Sprachbildung herrscht, erkannte er das gleich berechtigte Streben des menschlichen Geistes nach künstlerischer Gestaltung der Sprache, welche ihren letzten formalen Ausdruck im Rhythmus und Metrum findet. Hermann hat die Grammatik und Metrik der alten Sprache rationel begründet, und dadurch weit über die Grenzen der Philologie hinaus mächtige Impulse für geistige Forschung und Erkenntniß gegeben. Nicht minder hat er sich als Kritiker, vor allen der griechischen Dichter, bewährt. Vornemlich das Studium des Pindar, des Aeschylus, Sophokles und Euripides hat durch ihn eine neue Grundlage, einen frischen Aufschwung erhalten, aber es ist kein Theil des großen Gebietes der allen Litteratur, auf den er nicht reinigend und erleuchtend Einfluß geübt hätte. Durch Gesundheit und Frische, Ursprünglichkeit und Einfachheit seines Geistes eine den Alten verwandte Natur, durch treffenden Scharfblick und rasche Combinationsgabe ausgezeichnet und durch ununterbrochene methodische Studien in die Auffassung und Ausdrucksweise des Alterthums eingelebt, vermochte er es, die verborgensten Schwierigkeiten und Verderbnisse der überlieferten Teile aufzudecken und aus dem Geist des Schriftstellers heraus oft mit einer Kühnheit, die der äußeren Wahrscheinlichkeitsrechnung sich entzieht, aber stets im Sinne des Alterthums ist, dieselben zu heilen. Diese Congenialität zeigt sich nirgend glänzender als in der Meisterschaft, mit welcher er die alten Sprachen in Wort und Schrift in jeder Form nicht als anerlernte, sondern als in ihm wieder lebendig gewordene handhabte. Die zahlreichen Schriften Hermann’s, welche sämmtlich den Charakter seiner genialen Natur fest ausgeprägt zeigen, werden seinen Ruhm erhalten. Dennoch überwog seine Wirksamkeit als Lehrer noch die des Schriftstellers. Hermann war eine Persönlichkeit von der größten Bedeutung, ein Mann im vollen Sinne des Worts, einig und fest in sich wie Wenige, bei großer Milde und herzlichem Wohlwollen ernst und streng, mehr noch gegen sich als gegen andere, offen und gerade und von der reinsten Wahrheitsliebe. So zeigte sich Hermann stets unverändert und die glänzendste Leistung seines Scharfsinns und seiner Gelehrsamkeit erschien zugleich als der Ausdruck seines innersten sittlichen Wesens. Dazu rechne man die feurige Begeisterung und die hinreißende Beredsamkeit, mit welcher er sprach, und man wird den Eindruck ermessen, welchen Hermann auf seine Schüler machte, die bei ihm nicht blos lernten, sondern in ihrem innersten Wesen ergriffen und angeregt wurden. So ist namentlich die griechische Gesellschaft, in welcher er die fähigeren Schüler um sich zu näherem Verkehr versammelte, eine Pflanzschule echter Philologie geworden, der angehört zu haben eine Reihe von Männern sich freudig rühmen, auf welche Deutschland stolz ist.