Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Gotthold Ephraim Lessing

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Gotthold Ephraim Lessing
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 233–234
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Gotthold Ephraim Lessing.
Geb. d. 22. Jan. 1729, gest. d. 15. Febr. 1781.


Eine der Centralsonnen des deutschen Geistes, wie sie in großen Zwischenräumen der Literaturgeschichte meist fern von einander glänzen und mit dauernden Strahlen die Welt erleuchten, Geistessonnen, die nie erlöschen und an deren Flammen andere Genien ihre Fackeln entzünden.

Lessing’s Geburtsort ist das Städtchen Kamenz in der Lausitz; sein Vater war Prediger daselbst und ein fleißiger, gelehrter Mann von strenger Richtung, der eine Zeitlang den Unterricht des Sohnes selbst leitete, bis er letzteren in die Stadtschule nach Königsbrück that, von wo aus der junge Lessing auf die berühmte Klosterschule zu St. Afra in Meißen kam. Dort weilte und lernte er vom 12. bis zum 17. Jahre, legte guten Grund in den klassischen Wissenschaften, in Philosophie und Mathematik, übte sich selbst in poetischen Versuchen und bezog, auf das beste vorbereitet, 1746 die Universität Leipzig in der Absicht, nach des Vaters Wunsche dort Theologie zu studiren. Aber der Genius in ihm drängte ihn nach freieren Sphären des Gedankens hin, zu den schönen Künsten des Geistes, wie zu denen körperlicher Ausbildung durch reiten, tanzen, fechten u. s. w. Der Zauber der Bühne unter der Neuberin lockte ihn mächtig an, edle Freundschaft beglückte ihn, und genialische Gedanken hoben ihn in das Reich der Freiheit und der Humanität, in deren Dienst Lessing zum Fortbildner der Menschheit berufen war. Von hoher und schöner Gestalt, leichter und doch kräftiger Haltung, von untadelhaften Formen war der junge Student eine Herzen gewinnende Erscheinung, wie nach ihm der geistesverwandte Goethe – aber der freiere Umgang, den er sich wählte, und das verlassen der theologischen Laufbahn bewogen den Vater, ihn nach der Heimath zurückzurufen. Ungern verließ Lessing den Kreis liebgewonnener Freunde in Leipzig, zu denen Weiße, die beiden ältern Schlegel, Mylius u. a. gehörten, gab sich daheim ernsten Privatstudien hin und kehrte dann später doch wieder nach Leipzig zurück, dichtete Lieder, Epigramme und Fabeln, und wurde für das Theater durch Stücke thätig, denen der Beifall nicht mangelte. »Damon«, »die alte Jungfer«, »der junge Gelehrte« traten in dieser seiner Anfangsperiode in die Welt.

[Ξ] Lessing’s vertrautester Freund, Christlob Mylius, hatte sich nach Berlin begeben, Lessing folgte ihm dorthin, nahm an jenes Arbeiten Theil und ließ unter dem Titel »Kleinigkeiten« eine Sammlung Gedichte erscheinen. Des Vaters Wunsch blieb aber immer noch derselbe, in dem Sohn einen Theologen zu erblicken, daher begab sich Lessing von Berlin nach Wittenberg, wurde Magister, übersetzte dort das Werk Huart’s: »Von der Prüfung der Köpfe«, aus dem spanischen, machte in Begleitung eines jungen wohlhabenden Leipzigers eine Reise nach Holland und wundte sich dann abermals nach Berlin zurück, wo er für seinen reichen Geist Nahrung und jene Anregung fand, ohne welche dem begabtesten die Gefahr zu versauern droht. Im Kreise von M. Mendelssohn, Nicolai, Sulzer, Ramler und andern bewegte sich Lessing voll Geistesfrische und schöpferischer Kraft, seine »Miß Sara Samson« entstand, ebenso »Emilie Galotti«, das allbewunderte Trauerspiel, dem es nicht an Nachahmungen fehlte, auch die so einflußreichen »Literaturbriefe« wurden begonnen. Der kenntniß- und geistreiche Lessing wurde indeß nicht stets vom Glück getragen, wie Goethe, trotz allem Fleiß und allem Ertrag theilte er das Loos vieler minder begabten, bisweilen Mangel zu leiden, vor dem nicht einmal die Mitgliedschaft von Academien der Wissenschaften schützte.

Lessing nahm 1760 eine Secretairstelle bei General Tauenzien zu Breslau an, in der er unter mancherlei Zerstreuungen, zu denen auch leidenschaftliches Spiel gehörte, 5 Jahre aushielt und so lange für die gelehrte Welt gleichsam tod blieb. Wieder nach Berlin zurückgekehrt, mit nichts bereichert als mit Büchern, ließ Lessing, der in seiner Stellung keineswegs die schönen Wissenschaften vernachlässigt hatte, seinen herrlichen »Laokoon« erscheinen, noch heute ein anerkanntes Muster klassischen Geistes, geläuterten Geschmackes, und seine »Minna von Darnhelm«.

Freunde bewogen Lessing, den Aufenthalt in Berlin mit dem in Hamburg zu vertauschen und dort an der Verbesserung des Theaters mit arbeiten zu helfen. Leider beschränkten Verhältnisse diese erwünschte Thätigkeit, zu welcher niemand so sehr als Lessing berufen war, nur auf den Zeitraum von 1766 auf 1767, in welchem die »Hamburgische Dramaturgie« entstand, die 1768 erschien und mit Recht das größte Aufsehen erregte. Im äußern Verhältniß des begabtesten deutschen Geistes jener Zeit besserte sich indeß nichts, dieß verschlimmerte sich vielmehr und der Kampf mit dem Leben blieb auch ihm nicht erspart.

Endlich ging ein Glücksstern für Lessing auf; er erhielt die stets beneidete Stellung eines Bibliothekars, und noch dazu an einer der bedeutendsten Bibliotheken Deutschlands, der zu Wolfenbüttel, 1770, durfte 1775 den trefflichen Prinzen Leopold von Braunschweig auf dessen Reise nach Italien begleiten, und konnte dann nach der Rückkehr mit Lust und Muffe von den gewonnenen Bereicherungen seiner Kenntnisse wie von dem Reichthum des ihm anvertrauten Literaturschatzes edle Frucht ärnten. Die »Beiträge zur Geschichte und Literatur« erschienen als eine solche, die übel berufenen »Fragmente eines Ungenannten (Deisten) vom Zweck Jesu und seiner Jünger«, regten vielfachen Sturm und Staub der orthodoxen Theologie gegen den Herausgeber auf und verbitterten Lessing’s Leben, indem er, so sehr er Philosoph war, nicht Philosoph genug war, über absichtliche Kränkung und Anfeindung ruhig hinwegzusehen. Wer sich in Federkriege einläßt, geht, selbst wenn er Sieger bleibt, nie ohne unheilbare Wunden aus dem Kampfe. In Lessing blieb eine krankhafte Verstimmung, und er fühlte mitten in beneideter Lage sein Dasein in Wolfenbüttel verödet. Eine Heirath mit einer Wittwe aus Hamburg zerriß nach 2 Jahren der Tod, und Lessing vermählte sich nicht zum zweiten male. Sein unübertrefflicher »Nathan« (1779) war der letzte und leuchtendste Blitz seines großen Geistes neben der »Erziehung des Menschengeschlechts«, 1780 erschienen. Von da ab erlosch in ihm die Gluth der Begeisterung, die ihn zum Gipfel unsterblichen Nachruhms getragen; er ward körperlich schlaff, und die Freunde, in deren Kreise er noch trat, erlebten wohl, daß er mitten in ihrer Unterhaltung einschlief, was für letztere nicht eben schmeichelhaft war. Brustwassersucht und ein Stickfluß machte seinem Leben im 53. Jahre zu Braunschweig ein Ende. Mit ihm schied ein Geist, der nicht ersetzt wurde, bis Goethe’s Stern zu strahlen begann, ohne jenen Lessing’s zu verdunkeln. Die deutsche Literaturgeschichte wird letztem ewig als eine ihrer ersten Größen feiern.