Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Gottlieb Fichte

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Gottlieb Fichte
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 103–104
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Johann Gottlieb Fichte.
Geb. d. 19. Mai 1762, gest. d. 29. Jan. 1814.


Fichte erwarb sich den Namen eines großen deutschen Philosophen, und gründete sich als solcher einen bedeutenden Nachruhm. Er wurde zu Rammenau bei Bischofswerde in der Oberlausitz geboren. Da er glänzende Gaben des Geistes, aber nicht ausreichende Mittel zu seiner Ausbildung besaß, so nahm ein Freiherr von Miltitz sich des Knaben an, und sorgte für dessen Erziehung. Fichte kam zu einem Pfarrer in Niederau bei Meißen in Privatunterweisung und dann nach Schulpforte. Darauf besuchte er die Hochschulen Jena und Leipzig vom Jahre 1780 an, und übernahm nach vollendeter academischer Laufbahn vom Jahre 1784 mehrere Hauslehrerstellen. Naturgemäß konnten diese Stellen einem selbstdenkenden Geist, wie dem seinen, nicht zusagen, doch studirte er eifrig fort, warf sich mit Vorliebe auf das Studium der Philosophie, und gewann die Ueberzeugung, daß die Grundlage der philosophischen Wissenschaft, die Bestimmungs- oder Nothwendigkeitslehre sei. Durch diese Richtung sperrte sich Fichte eine Anstellung im sächsischen Lande, und die Noth trat an ihn heran mit ihren bittern Kämpfen. Er blieb Hauslehrer, und kam 1788 als solcher nach Zürich, wo er seine nachherige Frau, eine Nichte Klopstocks, kennen und lieben lernte. Kant zog Fichte’s philosophischen Sinn vorzugsweise an; um sich dessen Studium ganz zu widmen, ging Fichte wieder nach Leipzig und half sich mit Unterrichtsstunden durch, einer bessern Zukunft entgegen hoffend. Aber diese Zukunft säumte, den Vater seiner Braut traf ein empfindlicher Verlust, und er versagte nun ein Ehebündniß, an das sich keine Hoffnung künftigen genügenden Auskommens knüpfte.

Fichte nahm 1791 eine Hauslehrerstelle in Warschau an, aber als er an Ort und Stelle kam, mißfiel ihm die künftige Frau Principalin so entschieden, wie er ihr, und er trat daher schleunig seine Rückreise an. Auf dem Wege berührte er auch Königsberg, verweilte dort und schrieb seine »Kritik aller Offenbarungen«, welche Schrift vieles Aufsehen machte, für eine Arbeit Kants gehalten wurde, und seines Verfassers Ruhm begründete. Kant selbst machte Fichte dem Publikum bekannt, zeichnete ihn aus, und Fichte wurde nun dessen erster Jünger und Nachfolger. Unterdeß [Ξ] versah Fichte immer noch eine Hauslehrerstelle, bei dem Grafen Krokow auf einem Gute in der Nähe von Danzig, bis er dieselbe 1793 aufgab, nach Zürich reiste und sich mit dem Gegenstande seiner dauernd gehegten Zärtlichkeit verehelichte, da die Umstände ihm diesen Schritt jetzt gestatteten. Er schrieb im Hause des Schwiegervaters glücklich lebend, die »Beiträge zur Berichtigung der Urtheile des Publikums über die französische Revolution« in 2 Bänden, und arbeitete sein eigenes philosophisches System mindestens den Grundzügen nach in Gedanken aus, mit welchen er später hervortrat, nachdem er an die Stelle des Philosophen Reinhold im Jahre 1794 nach Jena berufen worden war. Als Vorläufer sandte er seine »Abhandlung über den Begriff der Wissenschaftslehre« voraus, und ließ dann die »Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre« folgen. Diese erschien ebenfalls 1794, dann brachte das Jahr 1796 und 1797 die »Rechtslehre«, 1798 die »Sittenlehre«. In dieser Zeit verband sich Fichte mit Niethammer zur Herausgabe einer philosophischen Zeitschrift, für welche Fichte äußerst thätig war, und in der er seine »neue Darstellung der Wissenschaftslehre« zuerst zur Veröffentlichung brachte. Als akademischer Lehrer wirkte Fichte im allgemeinen und auch durch besondere Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, mit großem Ernst darhin, nicht die akademischen Sitten, sondern die eingerissenen akademischen Unsitten zu verbessern, was ihn in nicht ganz angenehme Begegnungen mit Jena’s Studentenschaft brachte, welcher ihr rohes Gebahren mehr und höher galt, als die Lehren der Weltweisheit. Indeß glichen diese Reibungen sich wieder aus, da kam aber die Verketzerungssucht, die alte Kalenderwunde des Mißtrauens von oben her; das Ministerium oder mit einem andern Worte: die Regierung, fand für gut, sich zu erinnern, daß in Fichte’s früherer Nothwendigkeitslehre wohl gar der heidnische Sodomsapfel des Fatalismus stecke, am Fatalismus der Atheismus, und an diesem der Democratismus hänge, wie Kettengelenke, und es wurde beschlossen, ihm einen Verweis zu ertheilen. Nun fühlte sich aber der große Philosoph nicht geneigt, sich von kleinen Nichtphilosophen Verweise ertheilen zu lassen, und reichte seine Entlassung ein, welche auch angenommen wurde. Fichte wandte sich 1799 nach Berlin, und fand dort den Boden, wo kleinlich beschränkende Beschränktheit einer Staatsbehörde fürder den Denker nicht hemmte, und lohnte dem neuen Vaterlande mit der ganzen Fülle und Treue seiner Liebe, wie in gefahrvoller Zeit mit der vollsten Hingebung an dasselbe. Zunächst erschien 1800 von Fichte dessen Werk über die Bestimmung des Menschen, außerdem arbeitete er mehrere kleinere Schriften aus, und hielt Verträge vor gebildeten und hohen Kreisen über Theile der philosophischen Wissenschaft. Einen Ruf nach Erlangen, um während des Sommers dort zu lehren, nahm er an, doch blieb es bei einem einzigen Sommer. Die Wogen des Krieges und der Napoleonische Druck verschlugen Fichte von Berlin nach Königsberg, von da nach Kopenhagen, endlich kehrte er, ehe noch Berlin von der französischen Besatzung geräumt war, dorthin zurück und hielt deutschpatriotische Reden und Vorträge, keine Gefahr scheuend. Für die Gründung der Universität zu Berlin war Fichte äußerst mitwirksam; er wurde zunächst an derselben Professor, dann nach 2 Jahren Rector, und suchte als solcher, wie in Jena, das Studententhum zur Gesittung zu führen. Fichte ließ nach und nach seine gehaltenen Verträge, die »Reden an die Deutschen«, »die Thatsachen des Bewußtseins«, »die Wissenschaftslehre in ihrem allgemeinen Umrisse dargestellt« und: »über den Begriff des wahren Krieges«, im Druck erscheinen, und mehr und mehr erhob sich sein denkender Geist zur Fülle klarer Anschauungen in seiner Wissenschaft, da erlag er mitten im freudigen Schaffen und Wirken einem Nervenfieber. Fichte’s Philosophie machte Epoche und schuf ihm dauernden Nachruhm.