Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johannes Aventin

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johannes Aventin
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 11–12
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Johannes Aventin.
Geb. 1468, gest. d. 9. Jan. 1534.


Der Vater der bayrischen Geschichtschreibung, welcher, hochverdient um sein Vaterland, auch andern Geschichtschreibern Beispiel und Anregung zu gleicher ruhmvoller Thätigkeit gab.

Abensberg in Oberbayern war der Geburtort Johann Thurmair’s (dieß der ursprüngliche Vatername), dessen Jugendgeschichte im Dunkel liegt. Er bestimmte sich den Studien und der Wissenschaft und studirte zuerst auf der heimischen Hochschule, dem berühmten Ingolstadt, wo unter vielen Hochbegabten auch der erleuchtete Conrad Celtes lehrte, und nannte sich dann Aventinus, weil er der Ansicht war, sein Heimathort Abensberg sei von altrömischer Gründung und habe als Colonie der Römer den Namen Aventinium geführt, genannt nach dem größten Berge der weltbeherrschenden Siebenhügelstadt. Von Ingolstadt wandte sich Aventin nach Paris, wo ebenfalls berühmte Männer seine Lehrer wurden und er die Magisterwürde erlangte. Im Jahre 1503 kehrte er nach Deutschland zurück und reiste nach Wien, wo er Privatvorlesungen in der Poesie und Beredsamkeit hielt, von da 1507 nach Krakau, der altberühmten Hochschule Polens, wo er gleich dem früher dort ebenfalls verweilt habenden Conrad Celtes Lehrer und Schüler zugleich war, wie es überhaupt zur Zeitsitte gehörte, möglichst viele Hochschulen zu besuchen. In Krakau lehrte Aventin öffentlich griechische Grammatik und studirte Mathematik. Nach Verlauf einiger dort zugebrachten Jahre zog es ihn abermals nach der Heimath, er weilte eine Zeitlang in Regensburg und begab sich dann wieder nach Ingolstadt, wo er mit Ruhm Rhetorik lehrte und einige Bücher Cicero’s erklärte.

Ein ehrenvoller Ruf nach München, vielleicht veranlaßt durch seine 1512 erschienene Rudimenta grammaticae latinae – erhob Aventin zum Erzieher der beiden Prinzen des Bayernherzogs Albert, Wilhelm Ludwig und Ernst, und hier war es nun, wo Beruf und Aufmunterung ihn veranlaßte, sein großes Werk: Annales Bojorum zu verfassen, zu welchem er die sorgsamsten Geschichtsstudien in den Archiven Bayerns und Deutschlands, ja selbst Italiens machte, für welchen Zweck die Reisen mit dienten, auf denen er seine fürstlichen [Ξ] Zöglinge begleitete. Aventin huldigte in diesem Werke der unbedingten geschichtlichen Wahrheit, die freilich nicht stets und nicht überall gefallen wollte; gleichwohl erwarb ihm das mühsam zusammengestellte Werk seines Fleißes, die Aufgabe seines Lebens, unsterblichen Nachruhm, und die Stimmen, welche den Freimuth des Geschichtschreibers verdammten – die in allen Zeiten, alten und neuen – ihren Widerhall finden und fanden, verhallten, während Aventin’s Arbeit ein echtes gründliches und gediegenes Nationalwerk blieb und noch heute als Quellenschrift dienen kann, wie sehr auch die in Bayern mit aller Vorliebe gepflegte und durch königliche Freigebigkeit gestützte und unterstützte Einzelforschung auf dem vaterländisch geschichtlichen Gebiete weiter vorschritt und Quellen zu Tage hob, die zu Aventinus Zeit noch wie in ehernen Särgen ruhten.

Aber minder ruhten Aventin’s Gegner; es scheint als habe deren Einfluß ihn vom Münchner Hofe wieder entfernt, wo er auch nach Vollendung seines Erzieheramtes wohl die geeignetste Stellung eingenommen hätte. Im Jahre 1529 lebte er wieder zu Hause, in Abensberg, bei seiner Schwester, und dort sah er sich plötzlich überfallen und verhaftet und – der Ketzerei beschuldigt – in ein Gefängniß geschleppt und geworfen. Ketzerei hieß damals wie noch heute die Formel auf kirchlichem nicht nur, sondern auch auf politischem Boden, welche für die Märtyrer der Wahrheit die Kerker öffnet, um sie einzusperren, oder die Pforten der Städte und Länder, um sie hinauszuweisen.

Aventin entging indeß der drohenden Gefahr. Der Bayernherzoge, seiner dankbaren Zöglinge, Machtspruch befreite ihn aus der kurzen Haft, aber sein Geist war getrübt, eine hypochondrische Stimmung erfaßte den großen Geschichtschreiber, sein Name war doch einmal verunglimpft worden, und dieß ertrug er sehr schwer. Das Mittel endlich, getrübte Stimmung zu heilen, welches Aventin wählte, war das ungeeignetste, welches er wählen konnte – im 64. Jahre eine Heirath! Er freite eine Schwäbin, die ihm auch noch Kinder schenkte, aber eine Xantippe war, die ihm das Leben vergällte. Für eine Zeitlang befreite sich Aventin, indem er 1533 von Regensburg, wo er mit der Frau sich niedergelassen, wegzog, um den Unterricht des Sohnes Leonhard’s von Eck zu leiten, und schloß ein erheiterndes Freundschaftband mit Peter Apian und dessen Sohn Philipp, der für das Bayerland durch seine Chorographia Bavariae als Geograph dasselbe wurde, was Aventin ihm als Geschichtschreiber ward. Aventin übertrug sein bayrisches Geschichtswerk noch selbst in die deutsche Muttersprache, hat auch manches andere gründliche Werk verfaßt, eine Chronik der Scheyren, eine Geschichte der Stadt Oettingen, das Leben Heinrich’s IV. und mehreres handschriftlich hinterlassen.

Endlich reiste er 1534 nach Regensburg, um die Frau nach Ingolstadt nachzuholen, dort starb er, 68 Jahre alt, vielleicht an den Freuden des Wiedersehens, und wurde im Stift Sanct Emmeran beigesetzt. Seine Büste ziert Bayerns Walhalla.