Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johannes Calvin

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johannes Calvin
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 51–52
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Johannes Calvin.
Geb. d. 10. Juli 1509, gest. d. 27. Mai 1564.


Der Geburt nach kein deutscher Mann; aber soll ein Mann, der wie Calvin auf Deutschland einen Einfluß und eine Bedeutsamkeit gewann, wie kaum ein zweiter Sohn des Auslandes, nicht verdienen, unter den Reihen deutscher Männer zu stehen, und würde er nicht geradezu da vermißt werden, wo man sich bestrebt hat, die Bilder der Reformatoren und besonders die der hervorragenden Häupter der Reformation zu zeichnen und mindestens in übersichtlichen treuen Umrissen zu schildern? Mehrere Millionen Deutscher gehören noch heute dem religiösen Bekenntniß an, wie Calvin und Zwingli es lehrten und feststellten; der zweite Gründer der reformirten Kirche, der dritten der drei großen Kirchengemeinschaften Deutschlands, muß natur- und sachgemäß neben Luther und Zwingli seine Stelle finden.

Johannes Calvin hieß eigentlich Jean Chauvin und entstammte dem Orte Noyon in der Picardie. Er bestimmte sich nach dem Willen seines Vaters zum Geistlichen, besuchte Pariser Schulen und studirte zu Orleans auch die Rechtswissenschaft, wie in jener Zeit es so häufig der Fall war, daß junge Lernende nicht alsbald einem ausschließlichen Fachstudium sich hingaben, das man später in Deutschland mit dem trivialen Namen Brotstudium zu bezeichnen beliebte. In vielen Wissenschaften sich die Macht guter Kenntnisse anzueignen, war das Bemühen aller geistvollen Studirenden im Mittelalter, und in vielen Zweigen der Wissenschaften und Künste bewandert zu sein, galt damals als die Signatur eines wahren Gelehrten, nicht die einseitige Verständniß nur einer Doctrin. Auch mit den alten Sprachen machte Calvin sich innig vertraut und rüstete sich so mit vielseitiger Kenntniß aus zu einer großen und folgenreichen Laufbahn. Auch zu Bourges studirte er noch und begab sich von dort nach Paris, wo er über Seneca’s Abhandlung de clementia schrieb und an der Königin Margaretha von Navarra eine fördernde Freundin gewann, welche nicht ungern die Bemühungen des 24jährigen Theologen sah, helleres Licht in Bezug auf Religionslehre und Glaubensbekenntniß zu verbreiten, wie es sich von Deutschland aus bereits durch Luther und seine Mitarbeiter am großen Reformationswerke strahlend ergoß. Aber König Franz I. [Ξ] von Frankreich verfolgte alle, die sich der neuen Lehre zuneigten, und Calvin sah sich genöthigt, 1533 Paris heimlich zu verlassen und einige Jahre ohne Ruheport Frankreich, Italien und die Schweiz zu durchirren, bis ihm endlich Basel ein friedliches Asyl zu gewähren schien. Doch auch dort litt es Calvin nicht lange, er ging wieder nach Italien, kam nach Ferrara und fand große Theilnahme bei der Herzogin Renate, ging von da nach Aosta, dann wieder nach Frankreich zurück und ließ sich endlich 1536 in Genf nieder.

Durch sein schon in Basel begonnenes Hauptwerk: Unterweisung der christlichen Religion in 4 Büchern, dessen Vorrede an Franz I. gerichtet war, that Calvin kund, welch ein hoher Geist ihn beseelte und wie sehr er befähigt sei, am Werke der Kirchenverbesserung thätig mit zu arbeiten; er befreundete sich auch mit alle den bedeutenden Franzosen und Schweizern, deren Ziel das seine war, mit Capito, Grynäus, Farel und andern. Der Rath zu Genf nahm Calvin zum Prediger an und räumte ihm einen Lehrstuhl der Theologie ein; er verfaßte dort einen Katechismus für den religiösen Jugendunterricht, eine Bekenntnißformel und entwarf eine Kirchenordnung, durch deren Annahme die Bürgerschaft Genfs sich 1537 feierlich von der katholischen Kirche lossagte. Da indeß eine zahlreiche sittlich verdorbene Jugend, die Partei der sogenannten Libertiner, welche von kirchlicher Zucht und Ordnung nichts wissen wollte, einestheils, anderntheils eine Gegenpartei, die von Bern und Lausanne aus mächtige Unterstützung fand, ihm und seinem Freund Farel heftig entgegenarbeiteten, so sahen sich beide veranlaßt, ja gezwungen, 1538 Genf zu verlassen. Calvin wandte sich nun nach Straßburg, wo sich eine französische Gemeinde gebildet hatte und wo er als Prediger wie als Professor der Theologie die Lehrkanzeln bestieg. Dort weilten und wirkten Buzer, Capito und Hedio, die ihn mit offenen Armen aufnahmen und mit offener Liebe entgegenkamen; dort auch verheirathete sich Calvin und dort schrieb er seine wichtige Schrift De la Cène du Seigneur, in welcher er sich gegen die Bedeutung der Abendmahls-Einsetzungsworte, wie Luther und wie Zwingli sie lehrten und deuteten, entschieden aussprach, welche bald in die lateinische und in die deutsche Sprache übersetzt wurde und sich viele zustimmende Vertheidiger und Bewunderer gewann. Darauf wohnte Calvin auch den Religionsverhandlungen zu Hagenau, Worms und Regensburg bei und lernte Melanchthon kennen und hochschätzen. In Genf vermißte man schmerzlich Calvin, bereute das gegen ihn verübte und bewirkte 1541 seine glänzende Zurückberufung. Seine Wiederkehr glich einem Triumphzuge, während Straßburg, durch große Bitten Genfs bewogen, den bedeutenden Mann ziehen zu lassen, ihn höchst ungern verlor. So wurde Calvin Deutschland wieder entzogen, aber sein Einfluß blieb, zumal er fortfuhr, mit derselben Unerschrockenheit und Strenge, die er früher in Genf gezeigt, für die Wahrheit und den geläuterten Glauben, für Ordnung, Zucht und Sittenreinheit zu kämpfen, wo immer deren Feinde auftreten und begegnen mochten. Abermals wurde die kirchliche Disciplin durchgesehen und neu vom Genfer Rathe bestätigt, und Calvin entwickelte als Prediger, als Vorsitzender des Consistoriums, als kirchlicher Rathgeber nach vielen Seiten, besonders auch nach Frankreich hin, und als Schriftsteller eine außerordentliche Thätigkeit. Er übersetzte in diesem Zeitraum seinen Katechismus der Genfer Kirche, der 1536 in französischer Sprache erschienen war, in die lateinische (die Uebertragung erschien 1545), veranstaltete für Genf eine Gesetzsammlung, schuf eine neue Liturgie, bekämpfte standhaft und fortwährend die Lehre der Wiedertäufer und die schon erwähnten sittenlosen Libertiner, wie nicht minder einzelne Gegner mit nicht geringer Heftigkeit, worin die Freunde Beza, Farel und Viret ihm treulich Beistand leisteten. Freilich steigerte sich bisweilen die Strenge des eifrigen Reformators Calvin bis zur Härte, ja zur Grausamkeit, wie die Geschichte Michael Servet’s lehrt, der die Dreieinigkeit Gottes und anderes abläugnete und den Calvin 1553 gnadenlos verbrennen ließ; doch entsprang diese furchtbare Strafe keinem persönlichen Haß, sie galt nur dem gefährlichen Beispiel, denn wenn Servet’s Lehre, wie es allerdings hie und da geschah, Anhang und Zustimmung fand, so war es um die ganze christliche Kirche gethan, die zu verspotten und zu untergraben zu allen Zeiten Köpfe und Federn bereit sind. Calvin wurde auch 1558 der Begründer der ersten reformirten Hochschule, der zu Genf, die unter dem Namen einer Academie ins Leben gerufen und unter Beza’s Rectorat gestellt wurde. Einen ehrenvollen Ruf nach Frankreich schlug Calvin aus, er wollte in Genf bleiben, zumal körperliche Leiden ihm anhaltend das Dasein verbitterten. Seine Lehre, die sich weit ausbreitete, bildet noch heute im Bunde mit der Lehre Zwingli’s, mit dem Calvin, früher sein Gegner, sich später geeinigt hatte, die Basis der reformirten Kirche, in welcher die Dogmen vom Abendmahl und der Gnadenwahl als die hauptsächlichsten Abweichungen von denen der lutherisch-evangelischen Kirche entgegenstehen und in welcher zahlreiche Spaltungen entstanden.

Calvin endete erst nach langen Leiden sein von Anerkennung und Ruhm gekröntes Leben und blieb in gefeiertem Andenken.