Ariosts rasender Roland
|
[83] V.
Ariosts rasender Roland.
Neue Uebersetzung.
Erster Gesang.
1.
Von Frauen sing ich euch, von Rittern und von Schlachten, 5
Bewaffnet durch die Wuth, die Agramant durchglühte,Auf Gallien den wilden Sturm gethan, 2.
Auch will ich euch von Roland Dinge melden, 10
Die man in Reim und Prosa nie gehört,Wie Liebe den verständigsten der Helden 15
An meinem dünnen Witze feilet,Mir anders soviel läßt, daß ich es enden mag. 3.
Empfange, schöne Zierde meiner Zeiten, 20
Laß deinen Diener mit GedichtenDir, Hippolyt, die große Schuld entrichten, 4.
25
In jenem heldenvollen Kreis,Den ich jetzt zu besingen mich bereite, 30
Von seinen Löwenmuth will ich dir Kunde thun,Gefällt es dir, von deines Geistes hohen Flügen 5.
Nach tausend glänzenden Trophäen 35
In Indien, am Phrat und auf des Kaukas Höhen,Held Roland sich ersiegt an ihrer Hand, 40
Im Lager Karls versammelt waren.6.
Er kam just zu gelegner Zeit, 45
Und Marsils Wuth, der, es gewisser zu zerstören,Zu Leons Waffen seine Zuflucht nahm. 7.
Denn bald (so leicht kann sich der Mensch betrügen) 50
Sah er die Schöne sich entwandt,Die Schöne, die er sich mit heldenkühner Hand 55
Denn um der Zwietracht Flammen zu erstickenEntrückte sie der Kaiser seinen Blicken. 8.
Schon hatte ihrer Reitze Macht 60
Daß Roland und Rinald in Eifersucht entbrannten,Besorgt, durch diesen unglücksvollen Streit 9.
65
Und setzte sie zum Preiß des HeldenmuthsFür den, der sie in nächster Schlacht erkämpfte, 70
Geschlagen flieht das Christenheer davon,Der Baier wird gefangen von den Mohren, 10.
Verlassen blieb indeß Angelika zurück, 75
Zur Flucht geschürzt, wohin der Kampf sich neige;Und jetzt, da das verrätherische Glück 80
Auf einmal tritt ein Ritter ihr in Weg.11.
Er geht gepanzert, mit dem Helm bedecket, 85
Nie floh die zarte SchäferinnErschrockner fort beym Anblick einer Schlange, 12.
Es war Rinald, ein edler Sohn 90
Des Herrn von Montalban; und seinen HändenWar jetzt Bojard sein Roß – er weiß nicht wie – entflohn. 95
Den holden Reitz, der seine Brust entzückte,Und längst ihn mit der Liebe Netz umstrickte, 13.
Die Schöne lenkt ihr Roß zurück, 100
Mit athemloser Brust, und angsterfülltem Blick.Das Roß durchfliegt die selbstgewählten Pfade: 14.
105
Vom Kampf erhitzt, von Staub bedeckt, weilt dortDer Ritter Ferrau; seinen Durst zu stillen 110
Gebückt, mit heißem Durst getrunken,War ihm sein Helm vom Haupt gesunken, 15.
Von Furcht getrieben flog die Schöne 115
Und kaum vernimmt der SarazeneDes schönen Busens Angstgetöne; 120
Selbst in den bebenden, von Angst entstellten Zügen.16.
Da er dem Dienst der Schönen sich geweiht, 125
Als deck’ ein Helm sein Haupt, eilt er zum Streit.Rinald, gewohnt kein Treffen zu vermeiden, 17.
Furchtbar begann auch jetzt das Handgemenge, 130
Zu Fuße kämpften sie und mit entblößtem Stahl.Nicht Helm, nicht Panzer bloß – ein Ambos selbst zerspränge 135
Entführt des schnellen Rosses FlugDurch Wald und Feld des Kampfes schöne Beute. 18.
Vergebens ringt der beiden Gegner Wuth 140
Da beide gleich geschikt die Waffen führen.Jetzt aber nimmt der Held von Montalban 19.
145
Mich Ferrau, ruft er aus, mich glaubst du zu verwunden?Dich selbst befehdest du! Sprich, warum streiten wir? 150
Bezwängest du mich auch mit tausend Wunden,Die Schöne wird nicht dein! Schon allzuweit 20.
Hör an! liebst du mit mir in gleichem Maße, 155
Wir halten sie im Fliehen ein,Und ist sie unser, ja, dann mag das Schwerdt entscheiden, 160
Nur Schaden kann er beiden bringen.21.
Der Mohr ist zum Vergleich bereit, 165
Daß beide Gegner Hand in HandDasselbe Roß vertraulich theilen; 22.
O, ächte Treu der alten Ritterzeit! 170
Voll Eifersucht, im Glauben unterschieden,Sieht man nach kaum geschloßnem Frieden, 175
Das Roß von beider Sporn getrieben eiltRasch wie ein Pfeil dahin, bis sich die Straße theilt. 23.
Unkundig welche sie erwählet, 180
Und auf gut Glück dahin zu wandern,Rinald auf einem Pfad, und Ferrau auf dem andern, 24.
185
Ja, an desselben Stroms Gestad,In dem sein Helm versank, muß er sich wieder finden. 190
Ob er vielleicht den Helm noch rette.Umsonst! Der lag tief in des Stromes Bette, 25.
Er wühlt mit einem großen Baume, 195
In des Gewässers tiefstem Raume,Wo er den Helm verborgen glaubt. 200
Und hebt sein drohend Haupt empor.26.
Ein Panzer dekte seine Brüste, 205
Verräther ohne Treu und Glauben,Ruft die Erscheinung laut und fürchterlich: 27.
Denk nach, Ungläubiger, als du 210
Den Bruder von Angeliken erschlagen,Was sagtest du auf Treu und Wort ihm zu? 215
Betrübt es dich, daß er nicht dein geblieben?Dein treulos Herz allein mag dich betrüben. 28.
Gelüstet dich, solch einen Helm zu tragen, 220
Almontens Helm, der diesem gleichet,Und einen andern, dem der noch an Schönheit weichet, 29.
225
Es sträuben sich des Sarazenen Locken,Als sich der Geist aus dem Gewässer hebt, 230
Den er erwürgt an diesen Fluten,Und der ihn falsch und treulos nennt, 30.
Er schweigt von tiefem Unmuth voll, 235
Von Schmerz und Schaam ist seine Brust durchwühlet.Nie, rief er aus, ich schwör es hier, nie soll, 240
Rolando riß bey Aspramont.31.
Und treuer blieb, als seinem ersten Eide 245
Durch Wald und Höhn, auf allen Straßen,Wo irgend Hoffnung ist den Ritter zu erspähn. 32.
Sein stolzes Roß fand er nach wenig Schritten, 250
Das wiehernd sich vor seinen Augen bäumt.Halt an! o mein Bajard, begann er sanft zu bitten, 255
Rinald folgt ihm mit Wuth und Fluchen. –Doch, eilen wir Angeliken zu suchen. 33.
Sie fliegt durch dunkler Wälder Nacht, 260
Und wenn im Sturm der Ulme Wipfel kracht,Flieht sie betäubt zur Rechten bald zur Linken, 34.
265
So bang entflieht den mütterlichen TriftenEin junges Reh, wenn es durchs Laub erblickt, 270
Mit Zittern flieht es fort auf ungewisser Bahn,Ein Strauch der es berührt, erfüllt es schon mit Grauen, 35.
So irrt sie Tag und Nacht, und bis der Abend sinket, 275
Wo laue Luft in frischen Zweigen spielt,Um das sich klare Quellen murmelnd gießen, 280
Gebrochen über kleinen Kieseln!36.
Hier wähnt sie sich in Sicherheit, 285
Sie wandelt fort auf der beblümten Au,Und läßt den Zelter frey vom Zügel grasen; 37.
Bald tritt sie in ein duftendes Gebüsche, 290
Wo, in der Flut gespiegelt, ein GemischeVon Rosen und Jasmin dem Blick entgegen lacht, 295
So dicht sind Zweig’ und Blätter hier verschlungen,Kein Auge hat sie je durchdrungen. 38.
Ein weiches Bett, erhöht von zartem Laub und Flieder, 300
Umsäuselt vom gelinden West.Doch ein Geräusch, als wie von Rosses Schlägen, 39.
305
In Furcht und Hoffnung schwankt ihr Sinn,Kein Seufzer wagt die Lüfte zu durchdringen, 310
Vom nahen Bach, starr wie ein Marmorbild,Das Haupt ist in den Arm gedankenschwer gesunken, 40.
Still sinnend saß er eine Stunde, 315
Ein klageschwerer schwacher Laut entquoll –Ein Laut, so sanft, so weich, so seelenvoll, 320
Ein kochender Vulkan ist seines Busens Glut.41.
Gedanke, rief er aus, der mich zu Eis erstarret, 325
Ein andrer hat den vollen Reitz empfunden,Nur Wort und Blick erhielt mein liebend Herz. 42.
Die Jungfrau gleicht der jungen Rose, 330
Die in des stillen Gartens Schoose,Aufblüht in still verborgner Zier. 335
Und Jünglinge und liebevolle Schönen,Erwählen sie, um Brust und Stirn zu krönen. 43.
Doch kaum ist sie getrennt vom mütterlichen Strauch, 340
Und alle Grazien, die sie vordem geschmücket,So schnell verblüht der Jungfrau Werth, 44.
345
Nur dem noch werth, an den sie dieses Gut verpraßt,Sieht sie von jedem andern sich verachtet. 350
So könnt’ ich auch mein eignes Daseyn fliehn,So mag mir heute noch des Lebens Strahl verglühn, 45.
Und kommt ein Wanderer vorbey, 355
So sag ich ihm, daß es Zirkassiens König sey,Der hier in bitterm Gram zerfließet; 360
Ach, einst war er auch günstig ihr bekannt!46.
Er eilt ihr nach, bis wo der Sonne Wagen, 365
In Frankreich ist der Ruf zu ihm geflogen,Wie Kaiser Karl dem Aug’ der Freyer sie entzogen, 47.
Er eilt’ ins Lager, fand die Zeichen 370
Des Unglücks, das der Christen Heer erfuhr,Umsonst sucht er durch Wald und Flur 375
Beweglich gnug, am FirmamentDie Sonne selbst voll Mitleid zu verweilen. 48.
Indem der Mund die bittre Klage spricht, 380
Scheint ihm des Glückes Sonnenlicht,Mit seltner Gunst beschloß es, ihn zu krönen. D.
|
