Das Himmelreich (Dante Alighieri/Schlegel)
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
| [170]
Über den Aufbau des ersten Gesanges findet sich das Nähere in Dantes Brief an Can Grande (V. 1–18 und 22–142): Die Hoheit dessen, welcher für und für, |
|
Nunmehr betritt der Dichter den ersten Kreis, den Mondhimmel. Die Erörterungen über die Mondflecken usw. sind mit der Volkssage von Kain verknüpft sowie mit der Lehre von Averroes, während Beatrice – mit geringen Abweichungen am Ende – die Lehre von Albertus Magnus vertritt (2. Ges. V. 1–123 und 127–148): [175] Ihr, die ihr meinem Schiff, das durch die Wogen War ich ein Körper und begreift sich nicht, Die Gestalten der seligen Geister erscheinen Dante in der Mondsubstanz unwirklich wie Spiegelungen. In diesem untersten, sich am langsamsten drehenden Himmel befinden sich, ähnlich wie in den Vorräumen der Hölle und des Purgatoriums, Seelen, die nicht höher steigen können, weil sie im Leben gegen irgendein Gelübde verstoßen haben. Aus dem Munde einer der Verklärten vernimmt der Dichter, daß das echte Gelübde aus der Liebe hervorgehe und dem göttlichen Willen entsprechen müsse (diese Merkmale finden sich in der Lehre von Thomas von Aquino). Daran schließt sich im folgenden Gesange eine Betrachtung über die platonische Lehre (im Timäus), daß die Seelen vor ihrer irdischen Verkörperung auf Sternen hausen und nach dem Tode dorthin zurückkehren, wenn sie nicht durch ein lasterhaftes Leben eine Wanderung durch Tierkörper durchmachen müssen. Dantes Annahme, daß er durch den Anblick der Verklärten eine Bestätigung dafür finde, berichtigt Beatrice durch die Belehrung, daß alle Seligen bei Gott seien und ihm nur als Irdischem räumlich erschienen: der Aufenthalt in den Sphären sei nur eine Vorstellungsform für die Stufen ihres Seligkeitsgrades. Ein weiterer Zweifel behandelt die Frage, ob gerechterweise von einem versäumten Gelübde gesprochen werden könne, wenn äußerer Zwang daran schuld gewesen sei. Der Glanz in Beatrices Erscheinung wird immer überwältigender für Dante. Er erfährt von ihr, daß mit dem Fortschreiten im Erkennen die Seligkeit wachse und sich in dem ausgestrahlten Glanze kundtue. Dies göttliche Licht ist der eigentliche Ursprung aller Liebe. – Dann wendet sich das Gespräch wieder dem Wesen des Gelübdes zu, bis Beatrice durch einen Aufblick zur Äquatorialgegend des Himmels den Aufstieg in den zweiten Himmel (Merkur) bewirkt. Dort begegnet Dante dem Kaiser Justinian und erfährt durch ihn das Wesen des Adlers, seine Geschichte und den Grund, weshalb die hier lebenden Geister sich auf dem Merkur befinden; die Liebe zum Ruhm ist ihr Leitstern gewesen. Der folgende Gesang enthüllt Erkenntnisse über die Erlösung durch Gottes Sohn, der menschlichen Natur und ihrer Vereinigung mit dem Worte Gottes in Christo. [180] Nun gelangt der Dichter in den dritten Himmel (Venus), der mit der heidnischen Liebesgöttin nur den Namen gemeinsam hat. Die Seligen schwingen sich gemäß der Bewegung, die vom Primum mobile ausgeht, gleich Lichtpunkten in einem Reigen, der ihre ewige Freude zum Ausdruck bringt. Aber noch reichen die Schatten der Erde bis in diesen Himmel; das soll heißen, daß die Verklärten der unteren drei Himmel immer noch gewisse irdische Mängel in sich tragen. Ihnen entrückt sie der Flug zum vierten Himmel (der Sonne, dem größten Diener der Natur). Hier sättigt Gott die seligen Kirchenlehrer mit der Erkenntnis von den Geheimnissen der Dreieinigkeit, dem ewigen Werden des Sohnes und dem Wehen des Heiligen Geistes. Die Lichtgestalten gemahnen an den Hof des Mondes. Hier trifft Dante Thomas von Aquino mit seinem Lehrer Albertus Magnus und zehn weiteren Begleitern. Der elfte Gesang ist Gedanken über das Streben nach irdischem Wissen, Jurisprudenz und Medizin, in ihrem Verhältnis zur himmlischen Kontemplation und dem Wesen der großen Mönchsorden des Dominikus und Franziskus gewidmet. Das Wort ‚Aphorismus‘ im Anfange bezieht sich auf die medizinischen Betrachtungen des Hippokrates (V. 1–12): O tolles Tun der blöden Menschenwelt! Um den Reigen der zwölf Seligen, der gleich einer Mühle kreist, schließt sich ein Kranz anderer Geister wie der äußere Streifen eines Regenbogens um den inneren. Dominikus mit elf andern Seligen ist es, die teils den Kirchenvätern, teils Lehrern und Fürsten der Kirche zugehören. Die beiden großen Mönchsorden werden mit den zwei Rädern am Streitwagen der kämpfenden Kirche verglichen und der Niedergang des Mönchswesens und die Spaltung der Orden getadelt. [181] In immer wieder neuen Bildern malt Dante den Anblick der kreisenden Chöre, und doch reicht seinem Gefühl nach sein Bild nicht aus, denn der Flug der Seligen gleicht der Bewegung der Irdischen so wenig wie der Flug des äußersten Himmels dem trägen Laufe eines Flusses. Das Gespräch beschäftigt sich mit Fragen über die Grade der Weisheit. Im vierzehnten Gesange schildert der Dichter den Sang der schwebenden Geister, der Ihm gilt (V. 28–30): Der Ein und Zwei und Drei, der immer bleibet und wendet sich dann weiter der Frage zu, ob die Körper der Seligen nach der Auferstehung leuchten und die Sinnesorgane sich wie auf Erden verhalten werden. Im fünften Himmel erblickt Dante die Seligen wie funkelnde Juwelen, zur Gestalt des Gekreuzigten zusammengefügt. Dieser Anblick entzündet in seinem Herzen ein Liebesgefühl, wie er es nie erlebt hat (V. 127–129): Ich fühlte so von Liebe mich durchdrungen, Aber das ist keine Herabsetzung der Geliebten. Im fünfzehnten Gesange wird eine Begegnung mit Dantes Ururgroßvater geschildert. Die Begegnung mit seinem Ahn erfüllt selbst den Dichter, den Feind des Adelsstolzes, mit einem stolzen Gefühle. Er läßt sich vom alten Florenz erzählen und von dem Untergange mächtiger Städte und regierender Geschlechter. Alle Dinge sind eben dem Zwange der Notwendigkeit unterworfen, und Gott sieht, wie sie geschehen werden – aber sie müssen nicht geschehen, weil Gott sie sieht. In Form einer Weissagung seiner Geschicke durch den Ahn gibt Dante wesentliche autobiographische Andeutungen. Weiter lernt er einige der streitbaren Heiligen kennen, die im Marshimmel vereinigt sind. Als er dann zum sechsten Himmel (Jupiter) emporsteigt, wird ihm die weitere Spannung des Bogens der höheren Sphäre und die schnellere Drehung bewußt. Die Geister bilden dahinfliegend die Gestalt eines Adlers, des Symbols der Herrschertugend „Gerechtigkeit“; denn hier ist die Stätte der Rechtsordnung, und das veranlaßt Dante zu einem Gebet um die Bestrafung der Kirchenschänder. [182] Die Gesamtheit der Gerechten des siebenten Himmels spricht in dem Adler wie ein einziges Wesen. Dantes Betrachtungen über die Gerechtigkeit knüpft an die Frage an, ob denn ein Mensch verdammt werden könne, der von Christus nie etwas gehört habe. Allmählich lösen sich die einzelnen Seligen aus dem Adler heraus, nachdem er verstummt ist. Darunter erscheinen zwei Heiden, wodurch die vorhergehende Betrachtung eine Ergänzung findet. Die reuige Begier nach der Taufe vermag ebenso wie der Märtyrertod die fehlende Taufe zu ersetzen. Der einundzwanzigste Gesang bringt den Aufstieg in den siebenten Himmel (Saturn). Beatrices Verklärung kündete ihn (V. 1–12): Schon heftet’ ich das Auge wieder hin Hier weilen die Heiligen der Betrachtung, und wie diese Betrachtung die Seele zu Gott erhebt, so geleitet von hier eine Leiter zu den letzten Höhen. – Während Dante den Prior Damiani begrüßt, der einst ob seiner Strenge bekannt war, steigen die Flammen tiefer und ein gewaltiger Schall erdröhnt um Dante; es ist der Gesang der Heiligen, die ein Strafgericht gegen die unwürdigen Hirten herabflehen. Wohl wird Dante es erleben, aber er darf die Geduld nicht verlieren. Der Aufstieg in den achten Kreis, den Fixsternhimmel, vollzieht sich mit großer Schnelligkeit, da er immer leichter wird. Dieser Himmel steht im Zeichen der Zwillinge, und die Andeutung, daß die Sonne bei Dantes Geburt auch in diesem Kreise gestanden habe, ist der einzige Beleg dafür, daß er im April oder Mai seines Geburtsjahres das Licht der Welt erblickt hat. Der Siegeszug Christi mit allen Seligen naht: Christus erscheint ihm wie eine Sonne inmitten der Gestirne, denen sie ihr Licht leiht. Dante erträgt den Anblick nicht (23. Ges. V. 76–78): [183] So Beatrix: ich aber, voll Vertrauen Seine Eindrücke vermag er jetzt nur noch lückenhaft zu erzählen, weil seine sterbliche Natur ihn behindert. Das größte der seligen Feuer, die Himmelskönigin und der Erzengel Gabriel, der ihr Haupt gleich einer Krone umkreist, nimmt seinen Blick gefangen. Maria wendet sich mit Christus zurück ins Empyreum, aber Dante kann ihr mit dem Blicke nicht folgen, denn selbst das Primum mobile , das die andern Sphären umschließt, ist noch mit seinem untersten Rande unermeßlich weit entfernt. Im achten Himmel begegnet Dante Petrus und den andern Aposteln, Petrus verläßt auf Beatrices Ruf den Reigen und spricht mir ihr. Sein Anblick ist unbeschreiblich herrlich. Vor ihm besteht Dante eine Prüfung über die Definition des Glaubens, und Dante preist den Glauben des Petrus, der noch vor Johannes zum Grabe des Erstandenen gelangt ist. Als Dante die Hoffnung ausspricht, durch sein Werk wieder in die Heimatstadt zurückkehren zu können, befragt ihn Jakobus der Ältere über die Hoffnung, die er repräsentiert. Dante kann nur durch die inzwischen erlangte Läuterung seinen Anblick ertragen. Aber als nun auch Johannes zu ihm tritt, leuchtend wie die Sonne, und Dante sich vergewissern will, ob er wirklich noch im irdischen Leibe wandle, erblindet er. Symbolisch soll damit gesagt sein, daß der Vorwitz theologischen Forschens den Blick des Geistes lähme, sowie er durch die echte Gotteswissenschaft (hier durch Beatrice) wieder sehend werden kann. Die Frage des Johannes beschäftigt sich mit der Richtung seines Geistes, der Liebe. Sie ist das Feuer, das durch das Auge eingezogen war, das A und O, Gott. Nachdem Dante durch Beatrice wieder sehend geworden ist, erblickt er nun auch Adam, der als einziger in voller Reife zur Welt gekommen ist, und dieser beantwortet ihm vier scholastische Fragen, darunter: daß nicht das Essen der Frucht, sondern der Ungehorsam die Vertreibung aus dem Paradiese verschuldet habe, und welche Sprache er gesprochen habe (diese Frage beantwortet er anders als in seiner Schrift über die Volkssprache). Im folgenden Gesange schildert Dante, wie sich das Licht des verklärten Petrus rot färbt im Zorn über die Sünden des römischen Hofes. Die Seligen fliegen dann zum Empyreum empor wie Schneeflocken. Auch Dantes Flug geht weiter zum neunten Himmel, dem Primum mobile , wo keine Sterne stehen und ein einheitliches, scheinbar ursprungsloses Licht herrscht. [184] Der Zusammenhang des Primum mobile mit den tiefsten Gründen auch der irdischen Ordnung läßt Dantes Gedanken hinschweifen zu den irdischen Wirrnissen und Verderbnissen. Beatrice prophezeit ihm, wenn auch für ferne Zukunft, eine Besserung. Ihr Augen sind wie Spiegel geworden, in denen Dante den Widerschein der neuen Herrlichkeit erblickt, bevor er sich ihr selbst zuwendet: das heißt er sieht des Himmels Herrlichkeit erst durch die Augen der kirchlichen Wissenschaft, ehe er ihrer durch die Erfahrung inne wird. Die neun Kreise, deren er ansichtig wird und die sich um einen Lichtpunkt schwingen, sind die neun Chöre der himmlischen Heerscharen. Den innersten bilden die Seraphinen und dann folgen die Gottesengel nach der hierarchischen Rangordnung, wie sie der Areopagit Dionys aufgestellt hat. Der Rang richtet sich nach dem Grade ihres Schauens – dem Maße der Energie, mit der ihr Wille die dargebotene Gnade ergriffen hat. Beatrice richtet einen Augenblick ihren Blick auf den Lichtpunkt der Gottheit und weiß dadurch Dantes Wünsche, so daß sie seinen Fragen durch die Antwort zuvorkommen kann. Sie erklärt ihm Gottes schöpferische Tätigkeit als den Ausfluß seiner Güte, die Schöpfung der Engelschöre als den Widerglanz seiner Vollkommenheit usf. Daran schließt sich eine Betrachtung über die Frage, ob die Engel Gedächtnis haben und weiter über die Natur der Engel. Im dreißigsten Gesange vollzieht sich der Aufstieg zum letzten Stadium der Verklärung, zum Empyreum, und hier versagen dem Dichter die Worte. Bilder schildern das Anschauen Gottes seinem Wesen nach – Dantes höchstes Ziel –, bis ihm das Amphitheater bewußt wird gleich einer „Rose“ (V. 58–123). Ich fühlte meine Sehkraft sich entzünden, Auf einer der Stufen ist Heinrich VIII. ein Sitz bereitet. Mit einer Verkündung gegen Clemenz V. spricht Beatrice ihre letzte Prophezeiung aus. Rings um das Lichtmeer sitzen auf den Stufen der „ewigen Rose“ die durch Christi Blut Erlösten, und darüber schwebt das Heer der Engel, das gleich den Seligen singend das Anschauen Gottes genießt. Dante vergleicht seine Gefühle bei diesem Anblick mit denen der Barbaren beim Anblick Roms. Hier nun verläßt ihn Beatrice und statt ihrer sieht Dante einen verklärten Greis, der ihm zeigt, wo sie sich im Kreise der Seligen eingegliedert hat. Und den Blick auf sie gerichtet, betet er, daß sie die Gnadenfülle in ihm erhalten möge (31. Gesang V. 91–93): So betet’ ich: sie, auf dem Sitz der Wonnen, Sein Begleiter ist nunmehr der heilige Bernhard, der beste Hort in dem letzten höchsten Augenblick der Ekstase, im Anblick der Mysterien der Dreieinigkeit. Bernhard lenkt seinen Blick hinauf zur höchsten Bank des Rundbaus, wo die Himmelskönigin im hellsten Lichte erstrahlt. [187] Nun kommt die Beschreibung der „Rose“, eine Schilderung der Seligen, die von Maria ausgehend, rechts und links sich in dichten Reihen zusammenfügen. Auf der untersten Stufe sitzen die getauften unschuldigen Kindlein, rechts die Seligen des alten Bundes, links die Getauften. Das Gebet des heiligen Bernhard eröffnet den letzten (33.) Gesang der „Göttlichen Komödie“, um Fürbitte der Himmelskönigin für den Dichter zu erlangen (V. 1–75): „O Jungfrau, Tochter des, den du gebarst, So heftig wirkt das Licht auf Dante ein, daß er dahingeschwunden wäre, wenn er sein Gesicht abgewendet hätte, und so blickt er in das Gnadenmeer, bis ihn ein Blitz himmlischer Erleuchtung das Ziel alles menschlichen Ringens klar erkennen läßt, das er mit der Vernunft nicht erfassen konnte (V. 143–145). So wie der Geometer sich vertieft, |
