Pròdromos
| [7]
PETER ALTENBERG / PRÒDRŎMŎS
* * *
* * *
Der Geist ist die endentwickelte Natur. Der Geist muss die Natur in sich besiegen, wie der reife Mensch seine unsinnigen Kindlichkeiten! Oh schöne Kinderzeit, wenn du nur nicht so stupid wärest! Oh schöne Kinderzeit, wenn du [8] nur nicht so unsicher wärest! Immer kannst du eine Tollkirsche für eine Kirsche nehmen – – –. „Aber das ist ja gerade das Rührende und Poetische daran“ erwiderte mir eine Dame mit verklärten Blicken. „Das finde ich nicht“, erwiderte ich trocken. * * *
Der Geist in uns jedoch befiehlt es unerbittlich: Iss erst, bis du hungrig, höre auf, bevor du satt bist! Wir reagieren leider nicht auf Träumereien. Nur auf Feldherrn-Befehle! Das Moltke-Gehirn in uns! Gehirn, der Sieger! Nacht-Träume sind nicht zwingend. Aber Tag-Erkenntnisse! * * *
Sie muss wieder auferstehen in Gehirnen! * * *
* * *
* * *
Es gibt nur „seelische Untreue“! Sonst könnte der Genuss einer ersehnten Speise auch fast bereits Treulosigkeit sein! * * *
Aber das ist das allein Wichtige dabei: Jedes Schlafmittel muss im Organismus seine Wirkung vollkommen zu Ende auswirken können! Es muss sich gleichsam restlos in Schlaf umsetzen [10] können! Das heisst, ungestörter Schal in sauerstoffreiner Luft, also bei geöffneten Fenstern, bis zum von-selbst-Erwachen! Es gibt da keine konventionelle Zeitbemessung. Eine jede wäre ein Verbrechen! Möge das Unnatürliche wirken, bis das Natürliche zu seinem notwendigen Siege gelange! Das Schlaf-Mittel verzehrt sein Gift selbst restlos im Schlafe, wenn es durch nichts daran gehindert wird! Ich schläfere dich künstlich ein, damit du natürlich erwachest! Lasse dich um Gottes willen durch die übertriebenen Zahlen „15 Stunden Schlaf“, 20 Stunden Schlaf, 30 Stunden Schlaf, nicht abschrecken! Es kommt ein Augenblick, da du nicht weiterschlafen kannst! Um diesen allein handelt es sich. Ein fast Übersättigtsein von Schlaf muss eintreten. Du wirst dich matt und ungewöhnlich dabei fühlen. Die Natur hat aber alle Gifte in dir bereits besiegt! Der Sieger darf sich matt und ungewöhnlich fühlen! Vom Siege! Irgend ein Schlaferzeugungs-Mittel nehmen und demselben nicht Zeit lassen, im Organismus sich endgültig auszuwirken als Schlaf, ist eine Art von Selbstmord. Es ist der „tückische Selbstmord“, der ungewollt gewollte! Es ist der idiotische Selbstmord. * * *
[11] Wenn ich auf der Strasse im Spätherbst oder sogar im Winter eine junge Mutter antreffe, deren Kinder noch Socken und keinerlei Unterkleider tragen, möchte ich jedesmal vor ihr ehrerbietig Front machen! * * *
„Meine Tochter wurde erst Weib mit 17 Jahren, mein Sohn erst Mann mit 17“ sagte eine edle Dame stolz zu mir. Und ich segnete diese einzige Mutter innerlich. * * *
* * *
Sagen Sie zu ihm: „Gehe zu jenem Weibe, bei [12] dem der Gedanke, sie nie wiederzusehen, dich tief bedrücken würde! Selbst im Bordell kannst du eine solche finden. Es muss unter allen Umständen vorerst eine seelische Angelegenheit sein!“ Aus Seelischem allein erblüht Kraft und Frieden. * * *
* * *
* * *
* * *
[13] Ehrfurcht vor reiner frischer Luft wird die Marke künftiger Generationen sein müssen! * * *
* * *
* * *
* * *
Wozu haben wir unsere Ärzte und Hygieniker?!? Ein Dichter sollte uns überraschen. Nun, überrascht hat er uns! * * *
„Das ist, weil sie gegen alle Tücken und feigen Grausamkeiten des Schicksals nur eine einzige Waffe besass – – – ein Tränenerschimmerndes Auge!“ * * *
[15] Ich ass einmal diese wunderbaren nahrhaften grossen gelben Bohnen in Essig und Öl, spuckte natürlich die ganz unverdaulichen Schalen aus, wie Schalen von Trauben. Da verzog die junge Dame an meiner Seite ihr wunderschönes Gesichterl zu einer bösartigen Grimasse. Ich erwiderte sofort: „Sehen Sie, Gnädige, ganz dasselbe Schnoferl möchte ich machen, wenn Sie diese gänzlich unverdaulichen und beschwerlichen Schalen hinunterschlucken würden! Mich würde das noch viel mehr ekeln!“ * * *
* * *
„Ich sehne mich nach dir,“ „du fehlst mir,“ ist alles! Jeder kann seine Liebe daher auf Echtheit erproben! „Du fehlst mir.“ „Ich sehne mich nach dir.“ Eine geliebte Frau ist ein Teil meines Organismus! Mein Magen, meine Leber, meine Niere, meine Frau! * * *
[16] Götterdämmerung. Das Orchester singt, jauchzt in tiefster Erregung die Spannung der wartenden Frau auf ihren Helden Siegfried. Da erscheint statt Dessen der „fremde Mann“. Eine Welt von Verzweiflung in einer bangen Minute. Dann Stille. Das Orchester ist vor Trauer in sich zusammengesunken. Die Frau, erschöpft: „Wer drang zu mir?!?“ Wer drang zu mir?!? Lebens-Leit-Motiv aller edlen Frauenseelen. * * *
Ich schrieb dazu: „Die anderen kommen mit Geschenken für das Greisenalter – – – wunderbarer Lehnsessel, seidener Schlafrock, Rheinwein, Pelz-Schuhe etc. Ich aber mache dir diese Geschenke entbehrlich! Ich bringe deinem Greisenalter die Jugendlichkeit! Jeden Morgen vor dem Frühstück eine Pastille! Morgens, nicht abends!“ Die Verwandten sagten: „Verrückt ist er. Ist es ein Geschenk eines Sohnes?!? Was bezahlt Grillon für die Reklame?!?“ In seinem 75. Lebensjahre sagte mein Vater zu mir: „du, was ist es mit diesem Worte „Greisenalter“?!? Ich begreife es nicht. Wie mit 20 fühle ich mich, in jeder Beziehung. Sollte es wirklich [17] dein gepriesenes Tamar bewirken?!? Ich glaube es fast schon selber – – –.“ Tamar Indien Grillon, ideales Verjüngungsmittel, sei gepriesen! * * *
Wehe denen, die du schwächst und lebensmatt machst! Für den Kultur-Menschen ist es die naturgemässe Erlösung von überschüssigen Lebens-Spannkräften! Wer satanisch lebt, der fürchtet sie! Sie belohnt den Natur-Gemässen. Sie bestraft den Natur-Widrigen. Heil dem, der sie sich ersehnt! Fluch dem, der sie befürchtet! Sie versetzt uns in die Lage, auf unsere „Ideale“ warten zu können! Aber jene anderen zwingt sie, auf Ideale vorzeitig zu verzichten! * * *
Sie adaptiert uns für das Seiende, bewahrt uns vor ungewissen und dennoch möglichen „werdenden Welten“, die aus unseren überschüssigen Kräften erblühen wollen. Sie nimmt selber deine treibenden überschüssigen Kräfte in sich auf, dich scheinbar erlösend, [18] dich auf das „normale Mass“ immer zurückbringend! Deine Träumereien, deine Utopien, deine Wahrheits-Ahnungen, deine Fanatismen nimmt sie liebevoll gleichsam in ihrem Becken auf! Sie kann dich vor allem bewahren, was dir scheinbar unzuträglich ist, indem sie dich es erhoffen lässt, dass in deinem Söhnchen, deinem Töchterchen deine von dir nicht erreichten Ideale zur Betätigung kommen werden. Sie betrügt die naturgemässe Entwicklung um Generationen! Sie entzieht dich deinen Idealen, um sie auf deine Kinder zu übertragen, die sie dann doch nicht erfüllen! * * *
Wir sind Untiere. Aber wir wissen es bereits, wie wir Götter werden könnten! Es ist ein langer, langer Weg. Aber Gott hat Zeit! Das ist eine seiner Genialitäten! Er rechnet mit unbegrenzten Stunden! Heute?! Morgen?! Übermorgen?!? Nein, er ist zuversichtlich; in Milliarden Jahren! Die Natur in uns muss ersetzt werden durch den Geist! Denn der Geist ist nichts anderes als zum Bewusstsein ihrer selbst gekommene Natur! Die Natur, wissend geworden über sich selbst! Die Natur, aus den Dämmerungen geleitet durch das Gehirn des Menschen, in die Tag-Sonne [19] ihres eigenen Geistes! Die Natur zum Frieden gebracht durch Endgültigkeiten! Welt und Gehirn Identitäten geworden! * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
Aber dieser ist es ewig, bis zu seiner Sterbestunde, jauchzend, jammernd! Verzehrt werdend und wieder auferstehend! * * *
* * *
* * *
„Mizi hat Sie mit Herrn v. T. betrogen – – – –“ sagte später einmal ein Schwarzalberich zu mir frohlockend. „Nein“ sagte ich. „Erbleicht sie beim Domino, wenn er verliert, wird sie rosig, wenn er gewinntß! Nun also!“ * * *
* * *
* * *
„Wie würdest du dann erst gedeihen, Dame, bei leichtverdaulichen Nahrungsmitteln! Fast genial fröhlich könntest du werden!“ Wie wenn ein Bergführer sagte: „Ich kann das Klosterwappen noch erklimmen mit 30 Kilo Gepäck am Rücken – – –.“ Wie würdest du es da erst erfliegen, gepäcklos, Bergführer?!? * * *
Wir wollen aber eine edle mysteriöse chemische Retorte sein, keine Steinklopfmahlmühle! * * *
[25] Nun erst erhöre ihn, Weib! Nun erst, nachdem du ein physiologisch Unentrinnbares geworden bist infolge seelisch-zehrender Not! * * *
* * *
„Schenken Sie mir dieses Wort“ sagte er. Und ich schenkte es ihm. Er kann mehr damit nützen als ich. Darum allein handelt es sich. * * *
Das sanfte flüchtige Berühren einer geliebten Hand, insgeheim, unter dem Tische, während eines Nachtmahles – – – und die elektrische Vibrations-Maschine! Für die erste Sache gibt es leider keine Kur-Anstalten. Aber für die letztere! * * *
[26] Ich halte die elektrische Vibrations-Massage für eine Quelle der Regeneration und idealer Evolution der Menschheit. * * *
Er befindet sich in ununterbrochenen unbewussten Gereiztheiten. Seine Sündhaftigkeit geht an den Nebenmenschen aus. Ein doppeltes Verbrechertum – – – an sich und an den unschuldigen anderen! * * *
* * *
* * *
Im Rasten allein liegt die Weiter-Entwicklung unserer [27] organischen Kräfte. Im Ausrasten von höchster Bewegung! * * *
* * *
Die Berührung einer ungeliebten Hand macht grämlich! * * *
* * *
Die M. ist eine Schwächung des Organismus. Wehe der, die sie nicht schwächt. Sie glaubt über sie zur Tagesordnung übergehen zu können! Aber die M. rächt sich für Missachtung – – –. * * *
[29] Wenn jemand sagte: „Mir schadet das nicht – –,“ denke ich immer: „Aber wie nützte es dir dann erst, wenn du es vermiedest – –?!?“ * * *
* * *
Es kommt da ein Moment, in dem einem der unbezahlte Zins und die treuelose Geliebte gleichgültig werden – – –. * * *
* * *
* * *
[30] Französischer Champagner: Eingesargte, in Bescheidenheit und Demut bisher eingesargte Originalität lebt auf, erblüht bei sanften Frauen. Das, was der strenge Tag nicht duldet, die ewige Wahrhaftigkeit, traut sich hervor. Der Gatte, der Geliebte, Knechte des strengen Tages, erbleichen vor den neuen unverständlichen Welten. Der Künstler-Mensch jedoch, der Rahm-Abschöpfer des Lebens, frohlockt bewundernd! Denn, siehe, das Genie im Alltag-Menschen erwacht! Wie sonst nur bei feierlichen Gelegenheiten, diesen Ausnahmsfällen der schlappen Seele! * * *
* * *
Wehe denen, die Glück haben! Der Weg, der [31] Weg, diese langsame Akkumulation von ungeheuren Lebens-Energieen ist ihnen erspart, ist ihnen versagt! Sie sind betrogen um das einzig Wertvolle! Armselige Besitzende! Welten-Gerechtigkeit! Don Juan um sich selbst betrogen! * * *
Gott wartet seit Jahrtausenden geduldig auf das Durchdringen dieser Erkenntnis! Er selbst ist die antizipierte Kraft, die endgültig aus allem Geist und aller Seele wird! Deshalb versteht Er es, weil Er es ist! * * *
„Ich erkenne dich als die mir Zugehörige“ sagt bedächtig der Geist in uns, und lebt dahin in unzerstörbarem Glücke. * * *
Aristokratische Hände verpflichten zu vornehmerer Lebensführung! * * *
[32] Der Kulturmensch hat mit der Nahrungs-Aufnahme solange zu warten, bis eine ungeheure Sehnsucht nach Speise eingetreten ist, fast eine Speise-Liebe! Was der erhöhte beschleunigte Stoffwechsel einer Bergpartie in 5 Stunden an Nahrungs-Sehnsucht in dir erzeugt, erzeugt das gewöhnliche Leben erst in doppelter, dreifacher, vierfacher Zeit. Kraft haben zu warten ist Alles. Auf seine tiefste Nahrungs-Sehnsucht warten können! Die Erlösung hinausschieben, hinausschieben! Heiliger Satz: Iss erst, bis du hungrig, höre auf, ehe du satt bist! Es muss zu einer „fixen Idee“ werden, zu einer Religion. Ideale Forderung: Der gesamte Verdauungsapparat sei rein und in Ruhe, bevor neue Nahrungszufuhr eintritt. Nahrungszufuhr muss eine unentrinnbare Notwendigkeit sein. Darin allein bestehe ihr Genuss! Das Unentrinnbare allein sei unser Gesetz! * * *
Oft sieht man dieses zarte edle Maschinchen bereit, eine wunderbare Arbeit zu verrichten. Aber die „Erwachsenen“ stopfen gleichsam Häcksel und Holzspäne hinein! Nur der Wissende kann gütig sein! * * *
[33] Unwissen ist die einzige Tragödie des Daseins. Es gibt keine andere. * * *
* * *
* * *
* * *
[34] Mit einem Wort: mens sana in corpore sano. Nein, eben nicht mit einem Wort. Sondern mit Millionen Wörtern, mit Wort-Schrapnells, mit einem Regen von Wort-Ekrasitbomben in diesen Feind Stupidität hineinkartätscht! * * *
„Nichts. Aber wissen Sie, dass man wieder weite Sammet-Blusen zu tragen anfängt?!?“ * * *
* * *
Heize mit Reis! [35] Und dann – – – Vibrations-Massage! Vibrations-Massage! Hört ihr?!? Vibrations-Massage! Nein, sie hören es nicht. Ein ungläubiges Lächeln. Ungläubiges Lächeln, was bist du für ein satanisches Grinsen! * * *
* * *
* * *
Es ist nicht nur wegen des wohlklingenden Namens – – –. * * *
* * *
„Ich liebe dich“, und dessen physiologische Konsequenzen! „Würdest du sie aber auch lieben, wenn sie unbenützbar wäre?!?“ „Ganz ebenso!“ * * *
Eine Welt von edler Sanftmütigkeit muss in euch wirken und wirken, auf dass ihr der Freiheit würdig, nein, fähig seid! Schwarzen Panthern kann man nicht in den Strassen der Grossstadt ihre Freiheit gönnen! Sie gehören in Käfige! * * *
* * *
[37] Seid nackt unter der Hülle des Kleides, in Wind und Wetter – – – und Franzensbad wird verödet liegen! * * *
* * *
* * *
„Und mich, wenn Sie dieses Unverdauliche hinunterschlucken!“ * * *
* * *
* * *
„Sie erinnern mich, mein Herr, an eine Legende; in allen Ihren Betätigungen. Im Sonnenbrande in einer staubigen Dorfstrasse lag ein schrecklich verwesender Hunde-Kadaver. Alle Menschen wichen ihm aus und flohen. Da sagte Christus, der Herr: „Weshalb flieht ihr?!! Seht doch diese wunderschöne Perlenreihe von Zähnen, die der Verwesung trotzt und schimmert – – –!?!““ * * *
* * *
„Dann geben Sie mir 41!“ „Gnädiger Herr werden aber darin schwimmen können – – –.“ „Eben das beabsichtige ich darin zu tun!“ * * *
Übertriebene Reinlichkeit ist Schwächung. [39] Auch der Leib muss sich erst sehnen, nach Reinlichkeit, um zu exzeptioneller Kraft zu gelangen! Die Hautporen müssen gleichsam bereits weinen nach lauem Wasser und milder Seife! Dann komme die Erlösung über sie! Heilige Rache der Armen. Sie sind gezwungen, auf die Notwendigkeit zu warten! * * *
* * *
Der Fanatismus von Dreh-Derwischen ist da gerade [40] noch genügend! Was nicht zur Tiefe einer Religion auswächst, erhält nicht Wurzel, Blüte und Frucht in unseren Herzen! Es bleibt ein Jour-Gespräch! * * *
* * *
In dem einen Falle wird er ein Milliardär an Lebens-Energieen, in dem anderen ein Bankrotteur! * * *
* * *
Im Buche des Schicksals wird jede Sünde (die tiefste Sünde ist die Unwissenheit) eingetragen, das Resultat der Addition ergibt die „organische Erkrankung“! Organisch erkranken, heisst unwissend gewesen sein! * * *
* * *
* * *
* * *
Aber der bereits vom Künstler aus End-Gelernte, der, der sehen und hören und empfinden kann aus erster Hand?!? Der „End-Kultivierte“?!? In einer Art von historischer atavistischer Dankbarkeit wird er auf diesen Lehrer der Jahrhunderte, „Künstler“, zurückblicken; aber das direkte zarte Abbild der Natur, „Photographie“, wird sein ganzes lebendiges Künstler-Empfinden nun in ihm kurzer Hand bereits erwecken können! Er ist selbst Lebens-Künstler geworden! Und die zarten tragischen Gestalten der Dramen von Ibsen und Maeterlinck findet er weit tiefer in jeder Familie, in der er verkehrt, und genialer dargestellt von einem jeden, der seine Bürde durch das Leben schleppt! * * *
* * *
* * *
* * *
Sie erhielt ihn mittags während der Suppe. Sie erbleichte vor Erregung. Sie sagte nur: „Aber essen tu ich jetzt nix mehr – – –.“ Und ging in ihr Zimmerchen. Was, was müsste man einer Erwachsenen schenken, damit sie sagte die heiligen Worte der Seele: „Aber essen tu ich jetzt nix mehr – – –“?!? * * *
„Nein, heute freut mich mein Geschäft nicht mehr, begleiten Sie mich bis zum Haustore, ich gehe mit meinem wunderschönen Lebzelt-Herzen nach Hause. Es ist meine glücklichste Nacht.“ „Nun, und wenn ich mit Ihnen schlafen ginge?!?“ „Das wäre dann wieder ganz etwas anderes. Nein, lassen Sie mich heute allein mit meinem Glücke – – –.“ * * *
* * *
* * *
[45] Es gibt nur Tragödien der Unwissenheit. Das einzig Tragische im Leben ist Nicht-Wissen! Ein Wissender werden, ist alles. * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
[46] In jeder Gewandung muss man die tiefe Rumpfbeuge nach vor- und rückwärts, die tiefe Kniebeuge, das Anfersen, das Beinheben nach vor- und seitwärts, den Port-de-bras nach auf- und seitwärts, das Arm-Stossen nach unten, oben, seit- und vorwärts in unbeschreiblich beschleunigtem Tempo ausführen können! Jedes Gewand sei von selbst auch ein Turn- und Tanz-Gewand! Ein Schutz der Beweglichkeit und Freiheit! Eine zarte diskrete Hülle deiner lebendigen Kräfte! „Ein Turngewand?!? Eben dasselbe ist es, in dem ich auch das Kaiserliche Opernhaus besuche!“ * * *
* * *
Denn Gottes Stimme tönt nur aus Gott-Ähnlichen! * * *
[47] Ich sah eine junge Person in unbeschreiblicher natürlicher Anmut Arm und ideale Hand auf die Sessellehne legen. Ich sagte sogleich infolgedessen zu ihr: „Sie können nicht lügen!“ „Nein, das kann ich leider nicht“ erwiderte sie. Anmut der Gebärde verpflichtet zu innerlicher Anmut und Reinheit! Innerliche Anmut und Reinheit bewirken wieder Anmut der Gebärde! * * *
Der „fremde Mann“, der dazu da ist, ihr ökonomisch das Leben möglich zu machen. Mann gewordenes Portemonnaie. Sie nützt ihn daher unerbittlich aus, leistet nur das unbedingt Notwendige, auf kaltem Wege unentrinnbarer Verpflichtung. Erzgepanzert liegt sie gleichsam, den Blick starr in Fernen gerichtet, seelenlos. Der „Flug“ oder „das Flugerl“, der, auf den sie mit ihren Sinnen momentan fliegt; Seelen-los, eine Fresserin, Verzehrerin in leiblichem Durst und Hunger ist sie da! Rassasiée, wendet sie sich ab, unbekümmert um sein ferneres Schicksal! Er war ein „Flug“, ein „Flugerl“, die sinnliche Sehnsucht einer verflüchtigten Stunde. „Ich habe meinen Durst gestillt an ihm. Und basta.“ Der „Strizzi“. Der, dem ihr Herz gehört, der, um den sie zagt, weint und leidet. Der, der ihr Gelegenheit gibt, ein Weib zu sein! Der, den sie [48] lieb hat wie eine Mama ihr Baby, der, den sie sich krank wünscht, um ihn pflegen zu können, arm, um ihn erhalten zu können, tot, um ihn ewig beweinen zu können! Die anständigen Frauen fühlen nichts von einer solchen Drei-Teilung. Oder doch?!? * * *
* * *
Auf Reizungen unmittelbar reagieren müssen, ist ungenial! Es ist, sein immanentes Künstlertum im Keime ertöten! Seelische Fruchtabtreibung! * * *
Von Wien aus, an seinem Schreibtische, mit seiner Geliebten in Berlin, Konversation führen können [49] – – – Anna, deine liebe süsse Stimme, Anna, Anna – – –, war auch einmal eine Utopie. „Ich trage Zwicker-Nummer 20“. „Und ich sehe mit freiem Auge bereits diese Dame dort am Ende der Allee!“ „Ist es möglich?!“ „Ja, es ist möglich!“ Utopien – – – Fernblicke! * * *
„Behalte lieber die Kraft, die dazu aufgebraucht würde, in dir zurück. Du kannst vielleicht daraus ein „flammendes Gedicht“ erzeugen!“ * * *
Sorgen-Freiheit ist ein Born unserer Lebens-Energieen. Sparsamkeit ist ein Gesetz der Hygiene. * * *
„Ich aber esse erst, bis ich den Hunger eines Schneeberg-Ersteigers habe! Eines Hoch-Touristen in Aktion!“ „Ich kann solange nicht warten – – –.“ [50] „Dann kannst du auch kein genialer Organismus werden!“ * * *
Nektar – – – Kaiserbrunn-Hochquellen-Wasser. * * *
* * *
Wir sind endlich reif geworden für die Darbietungen der Natur auf direktem Wege! Zola war das erste Genie, das das erkannt hat! Dass die Menschheit reif geworden ist für die künstlerische Kraft der Natur selbst, vita ipsa! Die, die keine Kraft haben, keine [51] künstlerische Fähigkeit, die Natur-Schönheit, die Natur-Merkwürdigkeit, aus erster Hand zu geniessen, im Leben der Stunde selbst, diese noch nicht Freigesprochenen von diesen Lehrjahren „Kunst“, die Lehrlinge des Daseins, werden uns nicht irre machen! Sokrates beirrt durch Bett-unreine Kindlein!? Welten-Schönheit aus erster Hand, erfasst von diesen Künstlern „Auge“, „Ohr“, „Herz“, „Gehirn“! * * *
* * *
Wie beneidet der Künstler die Mutter! Was [52] sie um einen einzigen durchzuerleben hat, erleidet er um alle! * * *
2 und 3 ergibt 5. * * *
Solange ihr weinet, tragt ihr im traurigen Herzen die Welt! Weinet, sanfte Mädchen – – –! Haltet vor das bebende Antlitz die Hände – – –. Wenn ihr sie lächelnd senkt, ist es zu Ende! * * *
Da du, geschlossene Blüte, alles Lebendige in dir birgst?!? Bleibe verschlossenes Blüh'n, o Mädchen – –! Denn die gewöhnliche Tat des Seins mordet dein göttliches Ungeschehnis! * * *
Die Mittelglieder „Tier“ und „Mensch“ jedoch [53] sind angewiesen, einer bestimmten Nahrung mühselig nachzupürschen – – –. * * *
* * *
Wem da ist zu seufzen und der seufzet nicht – – – Dem sollst du ewiglich misstrauen und sollst ihn meiden! Denn wohin verkriechen sich diese feigen Kräfte, welche nicht den Mut haben, hinauszuströmen?!? In die Gallen-Blasel! * * *
[54] Die traurigen Schwierigkeiten endgiltigen Ereignisses sind noch in weite Fernen gerückt und nah gerückt ist Gottes Plan, der Seele eine unbeschwerliche Hülle zu geben! Diese Form prävalierender Göttlichkeiten in dem dem Fortpflanzungs-Geschäfte später so schnöde gewidmeten Kunstwerke „Frauenleib“, hat der Zeichner Fidus zu seinem Hauptthema gemacht. Und die Jünglinge, welche diesen Kindlichen sich nahen, tragen daher auf ihrem Antlitze jenen Ausdruck, welcher mehr dem eines Beatrice-erfüllten Dante als dem eines besitzwahnsinnigen Fauns entsprechen! ......................... Die Welt der „Fertigen“ ist nützlich!! Die Welt der Unfertigen jedoch ist schön!! * * *
10.000 Kilometer weit zieht das Häringmännchen an die Küste aus dem unendlichen Ozeane, um das Weibchen zu befruchten! In das Gehirn des Häringmännchens legte die vorsorgliche Weisheit der Natur diesen Gedanken, an die ferne Küste zu ziehen zu dem Liebe-strotzenden Weibchen! Sie sorgt eben für die Erhaltung – – – der Häring-Rasse!! Petrarcas Seele entflammte sich zu einem ewigen [55] Feuer an dem Antlitz einer Dame, welche er ein einziges Mal im Leben sah, an einem Altare knieend! Niemals zog er an die Küste, zu ihr! Aus Fernen, aus Seelentiefen, gleich dem Ozeane, liebte er sie und dreissig Jahre lang blieb er „in ihrer Ferne“! Und ohne seinen Körper befruchtet zu sehen, lebte dieses Weibchen selig in dieser unfruchtbaren Liebe dahin! O unergründliche Weisheit der Natur, die du à tout prix deine Zwecke zu erreichen strebst!! Du sorgst für die Erhaltung der Petrarca-Rasse!! Denn mit dieser Dame zeugte er so aus Fernen seine Kinder, die Liebeslieder! * * *
Merke dir das, du armer „nicht warten Könnender“, Mann! Merke dir das, du reiche „ewig warten Könnende“, Frau! * * *
„Habe ich es verlangt, gewünscht?!“ [56] „Nein, aber auf deinem bleichen Antlitz liegt die maladie de l'idéal!“ „Maladie?!“ „Maladie! Denn die Gesundheit in uns wäre es, die Kraft zu haben, die Unzulänglichkeiten ertragen zu können! Wie die starke Lunge selbst Miasmen ertrüge, während die schwächliche daran krank wird!“ „Nein, meine süsse Freundin, Märtyrerin meiner Liebe! Die Gesundheit ist, die Zulänglichkeiten rastlos zu ersehnen, zu erstreben! An Unzulänglichkeiten erkranken und zugrunde gehen können, ist die Gesundheit einer Seele, die als Kranke zu leben zu gesund ist!!“ * * *
Puvis: „Si tu mets une image sur une muraille, qu’elle ne peut pas digérer, cette muraille vomira cette image!“ P.A.: „Si tu mets une âme d’homme sur une âme de femme, qu’elle ne peut pas digérer, cette âme de femme vomira cette âme d’homme!“ * * *
[57] „Warum lässt du dir dieses Bild einrahmen?!“ sagte meine Geliebte zu mir. „Dieses Chinesengesicht?!“ „So – – –“, sagte ich und betrachtete die Tatzen meiner Angebeteten, welche für mich zu sterben jeden Augenblick bereit war! * * *
Da sagte die Alte: „Du, die hat’s noch nicht nötig, lustig zu sein – – –!“ * * *
Pürée von ganz mürbem, hellrosigem, fettlosem Schinken, Pürée von grünen Erbsen, Pürée von gelben Bohnen, Pürée von Karolinen-Reis, Pürée von Bries, sauce tomate, beef tea jellie in Suppe mit gesprudelten rohen 8 Eidottern, Extractum „Puro“ in gesprudelte Eidotter-Suppe, saures Obers, frischer Gervais-Käse mit Salz, Spinat, Pürée von prima-Erdäpfeln – – –. Von der Kraft jeder Speise muss der denkende Mensch die Kraft abziehen, die erforderlich ist, um sie zu verarbeiten! Daher ausschliesslich leichteste Wöchnerinnenkost, Rekonvaleszenten-Kost! Mit den [58] Ersparnissen an Verdauungsarbeiten wird man zum genialen Menschen! Das Genie ist nichts anderes als ein natürlicher Akkumulator von ersparter Arbeit im Organismus! Und Hartleibigkeit darf es nicht geben! In der Hälfte von 24 Stunden muss es irgendwie behoben sein! Das Schädliche jedes Heilmittels kann durch Ruhe und Diät wieder ausgeglichen werden! Was schwächt, kann durch Bett-Ruhe ausgeglichen werden! Bett-Ruhe, erstklassiger Accumulator von Lebens-Energieen. * * *
Der Schmerz während ihrer Abwesenheit muss tiefer sein als das Glück, das ihre Anwesenheit dir bietet! * * *
Sie hingegen sagte: „Ich bin für ihn sicherlich etwas, was ich für keinen andern Menschen auf dieser Erde noch sein könnte. Ich werde das aber erst recht spüren, bis ich anfange zu verwelken. Aber vorläufig bin ich ein grosses Luder und muss es leider bleiben! Bis ich anfange zu verwelken! Dann werde ich ihn aber belohnen für alles Ausgestandene.“ Womit?!? Nun, mit dem Pofel, der übrig geblieben ist! * * *
Zu einem Gedichte wertest du dich um, zu einer verschwiegenen Träne, zu einer ernsten philosophischen Stunde, zur Melancholie, die sanft und gerecht macht! Nichts, nichts geht verloren von den Herzens-Kräften. Und das Winseln eines ausgesperrten Hundes kann an das Ohr eines Musikers dringen, der es in eine Symphonie umwandelt: Treue und Sehnsucht. * * *
Tamar Indien Grillon, morgens vor dem Frühstück eine Pastille, gut zerkaut. [60] Vibrations-Massage, ausgiebig bis zum ersten Ermüdungsgefühle. Schlafen bei geöffneten Fenstern, das Bett hart an das Fensterbrett herangerückt. Essen von Rekonvaleszenten-Kost, Wöchnerinnen-Kost, leichtestverdaulich und nahrhaft. Warten können auf Hunger, auf Bergpartie-Hunger! So wirst du zu einem John Rockefeller deines Lebens-Kapitales! * * *
* * *
Sie hielt mich für einen ausgewachsenen Narren. Aber sie kaufte sich diese beiden Mittel. Als ich sie wiedersah, sagte sie: „Sie sind gar nicht so verrückt wie ich es gedacht habe – – –.“ Ich verneigte mich schweigend. * * *
* * *
Infolgedessen wirst du Zugluft nicht mehr scheuen und kalte und feuchte Luft und überhaupt – – –. Immer ganz offenen Hals tragen! Keinerlei Unterkleider! Socken statt der Strümpfe! Licht und Luft seien deine Freunde! Deine Masseure! Sonst wird man ein Schwarz-Albe, auch seelisch-geistig! * * *
Roh und gemein ist auf alle Fälle, wer plump und schwerfällig geht! Nur die schon fast Fliegenden sind nobel und ehrlich! Gott will uns in leichter Anmut haben! Er selbst schwebt über den Dingen, plant! * * *
[62] Wer anmutig ist, kann nicht ganz schlimm sein! Rancune haben nur die Missgestalteten! Wer mitbekommen hat, was nötig ist, kann nicht allzu boshaft sein! Er ist versöhnt mit dem Schicksal! Was einem Menschen versagt ist an Idealen, das gleicht er aus durch Böswilligkeiten an anderen! Er rächt sich an den anderen für das, was er zu wenig mitbekommen hat! Sein „nicht Cocquelin-mässig französisch-sprechen“ müssen die anderen büssen! Wer „ideal“ schreitet, schreitet scheinbar „affektiert“; denn das gebräuchliche Schreiten ist „Plumpheit“ und „Schwerfälligkeit“ – –. * * *
Er hat innerlich niemanden zu beneiden! Er ist, der er ist und überhaupt sein kann! Er ist in gewisser Beziehung sein eigenes vollendetes Ideal! Sein restlos erfülltes eigenes Schicksal! Aber die anderen sind Rudimente ihrer eigenen Möglichkeiten! Das frisst an ihnen wie ein Krebs. Sie trauern um sich selbst! Sie sind verzweifelt über die, die wenigstens das sein können, was sie sind! Sie hassen die, die wenigstens das sind, was ihnen gnadenweise vom Schicksale beschieden wurde! Den lieb haben können, der mehr kann als man selbst, ist „Menschlichkeit“! Ich liebe „Maeterlinck“, „Strindberg“, „Zola“, „Hamsun“, „Ibsen“, „Gorki“ etc. etc.! * * *
[63] Ich bin überzeugt davon, dass andere meine Ideen schon besser, deutlicher oder ganz so ausgedrückt haben. Aber es ist notwendig, eine geschlossene Phalanx zu bilden gegen die „Stupiditäten“. Die Wahrheit muss, in welcher Form immer, Vorstösse machen, immer und immer. Eine „lächerliche Figur“ werden dabei, ist das geringste Märtyrertum. * * *
* * *
Nur der, der immer gerade soviel immer wieder ausgibt als er besitzt, bleibt eingesperrt im kleinen Kreislaufe, ein ödes Geschlechts-Tier! Seine Melancholieen drängender Kräfte ertragen können, heisst Mensch sein! Trauern-können um seine Gott-Unähnlichkeiten! Sich davon jederzeit erlösen können im „geschlechtlichen Rausche“ ist Feigheit! Es ist „sich betrügen um Ideale“, aus einem tragischen Ideal-Dasein ein bequemeres Hausierer-Leben konstruieren! Beethoven konnte sich nur in Symphonieen [64] erlösen! Es stand ihm eben kein anderes Mittel zu Gebote! Wehe denen, die „gesund“ bleiben und „friedevoll“ auf Kosten ihrer Ideale! Satan in uns ist nichts als der verleugnete Gott! * * *
„Ich bin nichts, nichts – – –“ fühlt sie. „Aber wenn er es findet?!? Sollte ich ihn aufklären?! Aber wird es andererseits anhalten bei ihm für ein ganzes Leben!? Ich bin jedesfalls vorläufig seine kleine Königin, vorläufig, ich, ich, eine doch Bettelarme! Er hat eine Bettlerin gekrönt! Trage es würdig, Bettlerin!“ * * *
Ohne seelische Betätigung gibt es nur schwächendes Bleich-Werden! Die Seele allein ist der Motor dieser zarten Lebensmaschine „moderner Mensch“! [65] „Ich kann ohne Sie nicht mehr existieren Anna – – –“. Sie errötet, sie gedeiht, sie lebt auf! „Ich möchte Sie nur momentan besitzen, geniessen, Anna – – –.“ Sie erbleicht, sie wird zaghaft, sie stirbt ab! Es gibt ober uns, planend, eine segnende, eine verfluchende Kraft der Gesamt-Natur! Der Gesamt-Seele! * * *
Er blickte sie immer an, immer und immer, in Zärtlichkeiten, die das Gefäss Herz zu sprengen drohten! Seine kleinen schwarzen Äuglein schrieen vor Liebe und Zärtlichkeit. Seine Füsschen tanzten, seine Flügel bebten vor Zärtlichkeit. Und die Herrin trank und trank diese unglaubliche Liebe in sich hinein, und wurde stark und froh und zuversichtlich dadurch! Und dann starb das geliebteste Vögelchen eines tragischen Todes. Die Mutter des Mädchens trat zufällig darauf. Und es war aus! Alles war aus. Irreparabel. Sie lebte seitdem wie eine Absterbende. „Wenn er mich anblickte mit seinen winzigen schwarzen geliebten Äuglein – – –. Aber die Augen der Männer haben Wucherer-Blicke, Blicke von geriebenen Geschäftsleuten. [66] Weshalb gräme ich mich?!? Ich, ich allein unter Tausenden lernte doch das Wesen der Liebe kennen – – –.“ * * *
„Dann gehe also hin, brich ein und bringe mir den ersehnten Smaragd-Schmuck!“ Da wuchs er sogleich von selbst zu seinen nächsthöheren Gipfeln empor und ohrfeigte sie. „Ihr habt eure Macht mitbekommen, um uns hinauf- nicht herunter zu bringen!“ * * *
* * *
Warte nun aber gerade so lange, bis dieser Gedanke für dich etwas direkt Beseeligendes erhält! Gerade so lange! [67] Dann erst bist du idealisch-reif zu neuer Nahrungs-Aufnahme! * * *
Wenn der Duft meiner Haut, meiner Haare dich beglücken, so duften sie infolgedessen wieder in diesem Augenblicke stärker, angeregt durch deine Beglückung! O Mann, lasse mich diesen Anteil nehmen an dem Gebäude deiner Welten-Seele!“ * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
„Mir schadet das nichts“ sagte im gleichen Falle die Brutale und sekierte während dieser Tage ihre ganze Umgebung infolge ihrer Nerven-Überreizung. Es schadete ihr wirklich nichts – – – aber den anderen! * * *
Das Selbstverständliche ist Nerven-Mord. Das mit Bewusstsein erfasste Nützliche wird erst zu einem Nerven-Tonikum. * * *
Jungen zarten Frauen möchte ich an „gewissen“ Tagen nur Gervais-Käse geben und Hühner-Bouillon, beaf-tea-jellie, Spinat, weichgekochten Karolinen-Reis, durchsichtige Sago-Suppe, Erdäpfel-Pürée, grünes Erbsen-Pürée, rohe Eidotter gesprudelt in klare Hühnersuppe. * * *
* * *
[70] Einen geraden idealen Rücken haben, ist eine Voraussetzung eines kultivierten Menschen. Dazu ist ein jeder verpflichtet. Junge Damen mit unidealem Rücken müssten auf Bällen boykottiert werden. Niemand tanze mit ihnen! * * *
Aber sogleich beim Erwachen am Morgen! Denn der Tag bringt Mittel und Mittelchen. Aber am Morgen siegt oder unterliegt die Natur selbst in ihrer unerbittlichen Wahrhaftigkeit! * * *
* * *
* * *
„Das bilden Sie sich nur ein“ sagte der alte Arzt. [71] „Ich werde darüber 10 Jahre lang nachsinnen“ sagte der junge Arzt. * * *
* * *
* * *
Man kann nicht wenig genug anhaben! Der einzige Massstab sei Polizei und Strafgesetz! „Ich habe so wenig an, als die Polizei mir gerade noch gestattet!“ * * *
Reine Hände sind fast schöne Hände. Man hat jedenfalls Mitleid mit ihnen. [72] Und das ästhetisch Vollkommene überlassen wir ausschliesslich den Schicksals-Genies! Denen, die es mitbekommen haben als Erbteil! Hagen kann nie Siegfried werden. Er ist bleich und schwarz, schwerfällig und von langsamer Verdauungskraft. Hagen mit manikürten Händen – – – ha ha ha ha. Es bleiben dennoch ewiglich schwere Mord-Hände! * * *
* * *
Da begann er heimlich des Morgens mit den adeligen Frei-Übungen: Arm-heben nach auf-seit-abwärts-vorwärts, in blitzschneller Präzision. Beinheben vor-und seitwärts. Anfersen. Tiefe Rumpfbeuge nach vor-und rückwärts. Alles in blitzschneller Präzision. Bis zur ersten leichten Ermüdung. Dann Rast in Liege-Stellung. Eines Tages sagte sie beglückt: „Du schreitest nun leichter und froher dahin, mein Lieber – – –.“ * * *
[73] Der deutsche Aufsatz. Der „Deutsche Aufsatz“ des Gymnasiums ist das Unglück des späteren Lebens. Es ist eine „geistige Schwäche“, das Wesentliche und Wertvolle einer Sache nur in einem verdünnten Brei von Überflüssigem geniessen zu können! Es ist die unselige Fähigkeit, einen monumentalen erzenen Satz zu einem Artikel zu zerreiben, eine Skizze zu einer Novelle auszuwalzen wie die Köchin den Strudelteig, aus einer gehaltvollen Szene ein gehaltloses Stück zu machen! Es ist die schreckliche Fähigkeit, stundenlang Konversation zu führen, statt stundenlang schweigen zu können und in einer Minute das Erschöpfende sanft mitzuteilen! Sparsamkeit, sagt Bernhard Shaw, ist die Tugend der Tugenden! Bis zu dem Augenblicke, da ich das las, hätte ich mich gescheut, diese These als meine ureigenste Erkenntnis seit 25 Jahren zu propagieren! Ich freue mich aufrichtig, dieselbe nun bei einem gefunden zu haben, dem man jedenfalls eher glauben wird als mir! Sparsamkeit ist die Tugend der Tugenden! Man muss das einer Künstlernatur liebevoller glauben als jeder anderen, da gerade diese die Verluste ihrer Lebensenergieen in jeder Beziehung, seelisch, geistig, körperlich und ökonomisch, tiefer und tragischer empfindet wie jene Naturen, deren Produktionskräfte auf minder Wertvolles gerichtet sind! Ein Franzose hat es so wunderbar ausgesprochen: [74] „Être artiste, c’est tout simple – – le minimum d’effort et le maximum d'effet!“ Nüchtern und knapp! Aber wir erlernen das schrecklich Überflüssige im „Deutschen Aufsatz“ des Gymnasiums! Es verfolgt uns dieses Danaergeschenk des schönen Stils, der wohlklingenden Sprache, in alle unsere geistig-seelischen Emanationen! Die gute Hausfrau hat sich noch allein die Fähigkeit erhalten, die Knochenzuwage zum Beefsteak als etwas Störendes zu empfinden! Wir aber haben uns daran gewöhnt, zu verdaulicher Geistesnahrung unverdauliche Knochen und Flachsen freudig mitzubezahlen und mit hinunterzuschlucken! Überwindet den „Deutschen Aufsatz“ des Gymnasiums, ihr, die ihr als Gereifte ins Leben entlassen seid! Wir erlassen euch für immer Einleitung und Schluss und alle Vergleiche aus dem Mittelalter und Altertume! Ziele, fertig, triff ins Schwarze! Ich glaube, der Leser wartet schon lange auf eine solche Ausdrucksweise – – nur der Schreibende hat noch nicht den Mut dazu! Sparsamkeit ist die Tugend der Tugenden, sagt Shaw. * * *
Wozu?!? Um im besten Falle normal zu werden?!? [75] Aber die gesunde Lunge bedarf reiner sauerstoffreicher Luft, um „göttlich“ zu werden, übermenschlich! * * *
* * *
Den Gesunden von seiner Höhe zu Gipfeln endzubringen – – – Gott-gefälliges Werk! Von eigener Höhe zu überhaupt erreichbarer Höhe! Erschöpften Kräften aufhelfen?!? Aber unerschöpfte zu unerschöpflichen machen! Das ist das Werk! * * *
Wie kurierte man sich da aber erst, wenn man noch keinen „Leck“ hat!?! * * *
* * *
* * *
„Was wissen Sie mir, Gnädige, über die ideale Zubereitung von Reis zu sagen?!?“ „Was wissen Sie über den Wert der Milchner-Ostseefetthäringe?!?“ „Welche Verwandtschaft haben Semmering-Luft und „glückliche Liebe“ als „tonische Mittel“?!?“ „Wie verhält sich „körperliche Elastizität“ zu „geistiger“?!?“ „Was wissen Sie mir über den Wert von grünem Erbsen-Pürée zu sagen?!?“ „Welche Seife ist für das Waschen von englischen weichen Hemden die vorzüglichste?!?“ * * *
* * *
* * *
* * *
Ich sagte zur Bäckermeisterin: „Reissen Sie doch um Gottes willen dieses zarte Geschöpf nicht um diese Stunde aus dem Schlafe, jetzt, in den Entwicklungsjahren – – –.“ „Ja, mein lieber Herr, glauben Sie, dass es mir besser ergangen ist seinerzeit?!?“ [78] „Desto tiefer müssten Sie es nun mitfühlen können!“ „Also bitte, wenn der Herr Doktor übrigens glaubt – – –“ sagte die Bäckermeisterin und schickte das süsse Geschöpf wieder schlafen. * * *
Zu kaufen in den Läden für chirurgische Instrumente. In Wien bei Breuer, I., Führichgasse. * * *
10 kreisrunde Blätter aus Hohl-Hippen-Teig, gefüllt mit Crême fleur d’orange, übereinandergelegt. Mein Bruder ist ein Dichter. Aber wenn er diese Torte isst, sagt er jedesmal: „Hilsen Loute, du bist die grössere Dichterin!““ * * *
* * *
* * *
In meinem Hotel ist es durch 3 Zentimeter dicke Kokos-Teppichläufer und 10 Zentimeter dick mit Werg ausgefütterte Tuchtüren als zweite Aussentüren, ferner durch strengste Vorschriften an die Bediensteten, für welche Stille-Prämien ausgesetzt sind, unmöglich gemacht, anders als durch den Wunsch gleichsam der Natur selbst geweckt zu werden! Von 10 abends bis 10 morgens ist jedem meiner Gäste absolute Ruhe garantiert! * * *
In meinem Gasthofe werden ausschliesslich, unter Aufsicht eines Arztes, Speisen zubereitet, die in einem normalen aber zarten Organismus in 2–4 Stunden vollkommen verdaut sind! * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
Sein eigener Sohn werden können, sich in sich selbst höher-organisieren zu seiner End-Entwicklung! Aber es von seinen Kindern erwarten, erhoffen?! Feigheit! * * *
[81] Es gibt nur zweierlei Menschen: Die, die in irgend einer Weise den Plänen des Schöpfers in Bezug auf die Sanierung der Menschheit Vorschub leisten, und die „Après moi le déluge-Menschen“, also Christliche und Jüdische! * * *
Man schütte die trockenen Teeblätter statt in siedendes Wasser, direkt in siedendes bestes Obers (unabgerahmte Milch). Dann lasse man es „ziehen“, bis die Milch goldgelb geworden ist, seihe die Teeblätter heraus und fertig! Man hat das wertlose Wasser durch nahrhafte Milch ersetzt und dieser die Tee-Seele eingeflösst, das Tee-Aroma, ein Tonikum der Nerven. * * *
* * *
* * *
[82] Kalte Klystiere sind „kalte Bäder von innen“. Man darf eine Dame fragen: „Waren Sie heute schon im Schwimmbade?!?“ Aber die ebenso natürliche andere Frage – – – ist unerlaubt. Und dennoch garantiert die zweite Art dir Jugend und Schönheit mehr als die erstere. Aber man darf nicht fragen: „Tust du etwas für deine Jugend und Schönheit, geliebtestes Geschöpf?!?“ * * *
Die Zeit verschafft dir ihn. Vielleicht in 24 Stunden, in 30. Aber dann sicherlich. Bis dahin musst du ausharren können in Ausharrungs-Kraft! Habe ich das schon einmal mitgeteilt?!? Ich sollte es noch hundertmal erwähnen. Bis zum Überdrusse. Stahl-hart-elastisch werden, um ausharren zu können bis zum Hochgebirgs-Hunger! * * *
* * *
[83] Ein wirklich glücklicher Augenblick im Leben: Wenn der Zahnarzt sagt: „So, heute sind wir fertig geworden. Sie brauchen vor einem halben Jahre nicht wiederzukommen – – –.“ * * *
* * *
* * *
Sonst beginnt die organische Tragödie – –. * * *
* * *
[84] „Ein solcher wird nicht kommen, Fräulein – – –. “ „Dann bin ich wenigstens denen entgangen, die zu wenig edle Zärtlichkeit gehabt hätten – – –.“ * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
[85] Freiturnen zu den ungeheuren Klängen von amerikanischen Märschen in einem Riesen-Orchestrion, Firma Caivioli, mit Anfeuerung durch die Zurufe des Turnmeisters, wie beim Parforce-Reiter auf ungesatteltem Pferde im Zirkus durch den Stallmeister! Freiturnen nach Trommelwirbeln! Die Musik muss aufstacheln und Kräfte auslösen! Freiturnen sei eine Art Bewegungs-Schlacht. Vor, vor, nur vor, gebt euer Letztes! * * *
* * *
* * *
[86] Man erwiderte ihm: „Narr, Träumer, Esel!“ Auch im Jahre 1905 gibt es dieselben Narren, Träumer, Esel. Sie sprechen eben vom Jahre 3000. * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
Misstrauen in sie hingegen hält sie in Schlummer versenkt. Sie bedarf schützender und gläubiger Kräfte, um zu erwachen zu ihrem zarten Leben – – –. * * *
„Sie zeigte mir einmal begeistert in einer Auslage einen Ring, und es war wirklich unter Hunderten von Ringen der zarteste, feinste und diskreteste – – –.“ * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
Und erlischt eines Tages meine magische Anziehungskraft, so will ich sanftmütig aus seinem [91] Leben verschwinden, gedenkend der heiligen Tage und Nächte, da er gedieh gleichsam unter meinen Atemzügen!“ * * *
Récréation. „Ich gehe für 8 Tage zu Frau G. – – –.“ * * *
Mehr Glück vielleicht und Liebe bei den anderen Frauen, aber diesen Ausdruck des Antlitzes nur bei mir!“ * * *
„Nein, ich, ich brauche meine Frau – – –.“ * * *
[92] „Ich habe weder Weib noch Kind. Ich möchte meine unerschöpften Kräfte den kranken fremden Menschen weihen. Ich möchte daher die Kur-Anstalt in Z. übernehmen – – –.“ Aber es erhielt sie natürlich der erstere, denn er hatte doch eben Weib und Kind zu erhalten! * * *
* * *
* * *
* * *
Konzentration auf das eigene Ich – – – Verlangsamung des Stoff-Wechsels! * * *
Hat mein Kanarienvogel schon frischen Sand?!? Hat mein Rosenstock schon Sonnenlicht und frisches Wasser?!? Ich bin beschäftigt, Gott sei Dank! Und zwar in Liebe – – –.“ * * *
„Das tue ich ja. Eben deshalb denke ich ja nie an mich selbst – – –.“ * * *
* * *
[94] „Meine Grossmutter wird nicht alt. Sie hat eine riesige Wiese hinter dem Haus zu einem Wäldchen von Rosenbäumchen umgestaltet. Von ihrem Fenster aus überblickt sie ihr künstlerisches Sorgen-Kind, den Rosen-Wald. Es ist bereits zu einer fixen Idee geworden. Gott sei Dank. Es lenkt ab, macht vergessen. Es ist fast das Glück des Irrsinnigen. Aber es lenkt ab, macht vergessen – – –. Meine Grossmutter kann nicht sterben. Wer schützte denn dann ihr Rosen-Wäldchen?!?“ * * *
* * *
* * *
Man wäscht sich äusserlich mit Wasser und Seife. Aber das innerliche Waschen ist wichtiger! Keine Rückstände. Purgiert, purgiert! Innerlich frei und leicht sein – – –. Ganz rein sein, von aussen und von innen! Das Wesentliche des Genies! Aber für jeden erreichbar, der sich die Mühe dazu geben möchte – – –.“ * * *
* * *
* * *
Und dennoch wird er eines Tages trotzdem zu ihr gehen, zu der schwebenden Tänzerin, der leichtfüssigen fast-Fliegerin. Da vergrabe ich dann meinen Kopf unter der Decke, und bleibe so 2 mal 24 Stunden in Angst und Bangen – – –.“ * * *
Falls man ihn rüttelt, auferweckt, sieht er die Dinge wie die anderen, die Vorgänge des Tages und der Stunde. Aber lasst ihn! Dass er im lichten Traume verkünde, was da kommen wird! * * *
Als mir eine junge wunderbare Person sagte: „Ich war gestern zum ersten Male bei „Rheingold“. Aber ich begann sogleich bei den ersten Takten bitterlich zu weinen – – –“, da begann ich sie sogleich unbeschreiblich lieb zu haben. Der Graf, der mit ihr damals ein Verhältnis hatte, sagte zu mir: „Ich war nahe daran, sie zu verlassen, aus gewichtigen, vor allem sozialen Gründen. Aber ein Geschöpf, das bei den ersten Takten von „Rheingold“ in Tränen ausbricht?!? Niemals!“ * * *
Denn sie gibt unserer Seele die Kraft, aus ihr eine Märchen-Prinzessin zu machen! Ein über-irdisches Geschöpf also! Sie verleiht uns die Kraft zur hysterischen Sentimentalität der Religiosität! Sie treibt uns zu den Gipfeln unserer Gefühls-Möglichkeiten. Sie entreisst uns der Bequemlichkeit der geregelten Stunde. Wir können uns an einen edlen Hund kolossal attaschieren. Dennoch wird uns seine Ausdünstung stets fatal bleiben. Anders bei der Frau. Ich liebe fanatisch den Duft deines Kleides, deiner Achselhöhlen – – –. [98] Sie ist eine mysteriöse Geberin. Nur muss man nehmen können! Ihre Mysterien! * * *
Aber für den, der nur hindurchgeht?!? Oder verweilte wie ein träumender Dichter?! * * *
* * *
Aber man frisst und frisst – – –. Dennoch könnte man dabei dieselbe Stimmung haben. Und noch dazu die andere! Reales und romantisches Geniessen zugleich! * * *
[99] Harun al Raschid. Eine Grossmutter ging des Mittags mit ihrem wunderbar schönen Enkelkinde, einem 8jährigen Mäderl, über den Graben. Das Kind machte Halt vor einem Manne, der bewegliche Blech-Männchen verkaufte, Männchen, die in rasender Geschäftigkeit die Arme schwangen in Boxerhandschuhen infolge eines geheimnisvollen Mechanismus. Ideale Freiturner und Boxer, ohne Unterlass. Merkwürdige Unermüdliche! Das wunderbare Kind hielt seine Grossmama zurück, die vorwärts drängte: „Wozu ihre Tantalus-Qualen vergrössern?!? Es kostet ja doch 3 Kronen!“ Da trat ein fremder Mann vor, zog den Hut, sagte zu dem wunderbaren Kinde: „Darf ich Ihnen diesen Gegenstand schenken, Fräulein?!?“ Weder die Grossmutter noch die Enkelin sagten eine Silbe. Sie standen da. Perplex. Er kaufte den Hampelmann und überreichte ihn der jungen Dame. Niemand sprach ein Wort dabei. Die Grossmutter sagte später verlegen: „Weil du aber auch immer bei allen Sachen auf der Strasse stehen bleiben musst – – –.“ Das Kind verstand das gar nicht – – –. Sie fühlte: „Jemand Fremder war sanfter zu mir als alle meine Angehörigen – – –.“ * * *
Er ging in die Vorstadt hinaus, zu der Frau, die ihr Kindchen misshandelt hatte. Er trat ein, gab der Bestie zwei fürchterliche Ohrfeigen, liess sich verurteilen, fertig. Er hätte ruhig sagen können: „Nevermind, was geht es mich an, mein Knäbchen macht wirklich im Französischen bereits ganz prächtige Fortschritte – – –.“ * * *
„Ich kann sie ja doch nicht haben“ fühlte er. Ich aber hatte sie, mit meinen begeisterten Augen! * * *
Kannst du es gegen das Licht halten und es gleich mysteriösem Spinneweben-Netze achten?!? Einer, der ein vollkommenes Spinnweben-Netz [101] im Walde zerstören könnte?!? Wovor hätte er noch überhaupt Achtung?!? Wenn mysteriöse Vollkommenheiten ihn kalt und lieblos liessen?!? * * *
Am nächsten Tage schriebe er unter anderen Umständen vielleicht aber einen Essay voll Witz und milder Weisheit. Aber so greift er an, vernichtet, schlägt zu wie Fafner und Fasolt. Un-französisch – – –. Un-menschlich. „Ich habe nichts gespürt von Unverdaulichkeiten – – –!“ denkt er am nächsten Morgen. Aber die Leser haben es gespürt! * * *
Dem anderen, der es ernst und idealisch meint mit dem Leben, ist es eine „Offenbarung“. * * *
Vielleicht unter unsäglichen Opfern – – –. Opfert euch – – – euch selber! * * *
Ein Schwert, das nicht zuschlagen kann, nicht besiegen kann! Alle Wahrheit, alle Erkenntnis muss zur Kraft einer „Idée fixe“, einer „Verrücktheit“ auswachsen! Man muss ein Irrsinniger werden können an seinen Erkenntnissen! Begeisterung ist das Nervenmaterial Gottes! Es fehlt den Juden! Sich selbst verbrennen können an einer Erkenntnis! „Ich sterbe für diese Idee – – –!“ Aber diese anderen fühlen: „Was geht das Alles mich schliesslich an?!?“ Begeisterung ist das, was uns zwingt, besser zu werden als wir sind – – –! Es ist der heilige Unruhe-Bringer! * * *
* * *
Es darf aber kein Reizungs-Gefühl zurückbleiben. Ganz sanft hingleiten wie über die Haut eines Kindchens! Nur so effleurieren! In 6 Wochen kannst du dich dann gesichert in regen-triefende Wiesen legen! Un-abhängig sein von Sturm und Feuchtigkeit, ja diese aufsuchen als „freundliche Elemente“! „Ich verkühle mich nie und nirgends!“ Triumph des modernen Kultur-Organismus! * * *
Nicht der feigen Stunde sklavisch dienen müssen! Am Unzulänglichen nicht sich erlösen müssen! Die Schwäche, warten zu können; die Kraft! * * *
* * *
* * *
Man wird es einfach nicht mehr aushalten können. * * *
* * *
* * *
[105] Ich bitte diejenigen inständigst, die sich bei mir an Form, Kleinheit des Repertoires und so weiter stossen, sich wenigstens das ihnen plausibel Erscheinende herauszunehmen. Ich will gern beschimpft werden, wenn auch nur die feige schamlose Furcht vor Zugluft aus dem Leben der Menschen ein bisschen verschwinden könnte – – –. * * *
Man übt sich unwillkürlich dann das Rumpf-Drehen ein, nach links und rechts, nach rück- und abwärts. Es zwingt dazu! Aber unsere Kleidung ist allen Schwerfälligkeiten angepasst. Irdischer Schwere allzufeiger Sklave. Diejenige Kleidung ist die schönste, in der man unbeengt einen Doppel-Salto-mortale noch vollbringen könnte! * * *
* * *
* * *
Die horizontale Lage wird zu wenig gewürdigt.
* * *
Lesbische Liebe. Da weiss man doch genau, was im anderen vorgeht, sich ereignet. Denn man ist es selbst, nur projiziert in einen Zweiten, Gleichen! Das Mysterium des Ich, erlebt an diesem Mysterium Nicht-Ich! Sie erlebt ihre eigene Seligkeit an einer Fremden, die doch wieder Ich-gleich ist.
* * *
Alle ihre Zärtlichkeiten für ihn waren doch nur wieder die Zärtlichkeiten gleichsam aller anderen.
Da wurde sie die einzige. Die, die nie war und die, die nie mehr kommen wird! Die Unersetzliche. Die, die bei „Rheingold“ weinte – – –! * * *
Liebes-Abschiedsbrief. Ich – bin – zur – Besinnung [107] – gekommen. Möge – es – Dir – gut – ergehen – auf – Erden! * * *
Darin hat sie geniale Intuitionen. Ewig erträumt sie ihre Tonika. Unwillkürlich wird sie dabei allmählich dem feindselig gesinnt ohne es zu wollen, der sie atonisch lässt, macht ihm ihre schlaffen leblosen Züge und ihre Un-Elastizitäten zum schweren Vorwurf. „Ich werde ein bisschen stark, mein Freund – –.“ Da müsste er erbeben wie ein „ästhetischer Meuchelmörder“, einer, der die Schönheit mordete. Aber er lässt sie massieren, unternimmt eine kleine Reise, opfert sich wirklich auf – – –. Sind es aber Tonika, Tonika?!? Stoffwechsel-Beschleuniger?!? * * *
* * *
Ich konnte ihr nicht erwidern: „Geliebteste, hättest du um 11 Uhr 50 Minuten meine Hand unter dem Tisch nur ein einzigesmal sanft, flüchtig berührt – – – es wäre alles anders gekommen. Du unterliessest es. Weshalb?!? Ich habe dir nur Gutes gespendet. Du unterliessest es heute abends, es mir einfach mitzuteilen, dass du mir dennoch gut gesinnt geblieben seiest, trotz allem – – –!“ * * *
* * *
Man wird sie lieb haben müssen, weil sie „menschlich sein wird.“ „Mein Herr, nehmen Sie diesen meinen Platz ein, ich kann stehen in der Tramway – – –.“ Und er wird verlegen-erstaunt sagen: „Wie kommen Sie dazu – – –?!?“ „Weil ich hässlich bin. Deshalb ist es meine Verpflichtung – – –.“ * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
„Milliarden meiner Atemzüge gingen bisher kraftlos, ungenützt verloren in den Weltenraum, bis einer kam, der aus ihnen unermessliche Lebens-Energieen schöpfte – – –!“ * * *
* * *
* * *
* * *
Ja, denn ich kann durch Weisheit es verhüten, dass sie kommen! * * *
* * *
Sie wurde bei dieser Bemerkung nicht rosiger, ihr Antlitz veränderte sich in nichts. Sie ass ruhig, wie wenn nichts Besonderes sich ereignet hätte, nichts Heiliges und Mysteriöses, nämlich die seltene Zärtlichkeit eines übervollen Herzens – – –. * * *
Wer an das künftige Fliegen wirklich glaubt, muss bereits unerhörte exzeptionelle Elastizitäten in sich spüren. „Ich fliege fast.“ Skeptisch sein heisst einfach keinerlei Keime künftiger Entwicklungen in sich tragen! * * *
Schmach des Da - seins – – – ich stagniere! [113] Ich stagniere, ich schrumpfe ein – – – Vorbereitungen für das Sarg-Mass! * * *
Man kann auch eine Kreuzotter so geschickt anfassen, dass sie einen nicht beissen kann. Aber freilich, Kinder – – – und Männer?! Der Paradiesvogel ist wunderbar – – – nur darf man von ihm nicht erwarten, dass er Klavier spiele. Denn das tut er einmal nicht. „Hättest du mich besser erzogen!“ sagt Lulu zu Dr. Schön. Auf das Prokrustesbett seiner Bedürfnisse kann man jede Frau legen. Aber was hat man dann von dem verkrüppelten Rumpfe?! Chinin ist wunderbar gegen Fieber. Wenn ich aber Fieber brauche? Da wäre fast der Malaria-Bazillus vorteilhafter! „Nimm mich!“ sagt die hundertfache Männer-Mörderin. „Ich bin noch immer schön!“ „Ihr nehmt uns unsere besten Kräfte!“ sagte der Schriftsteller pathetisch. „Was kümmert das aber uns?!“ sagte die Frau in ihrer Stube. „Es ist ethisch, dass es euch kümmere!“ sagte der Schriftsteller pathetisch. [114] „Dazu müsst ihr uns erst erziehen!“ sagte die Dame. „Wir haben keine Zeit dazu!“ Der Kenner sah ein Kieselsteinchen mit einem Schneeklümpchen behaftet den Tannwald-Abhang herunterrieseln. „Eine Lawine!“ schrie er und stürzte fort. „Wo?“ fragte der Spaziergänger und war bereits begraben. Jedem Vorteil, den ich für mich einem lebendigen Geschöpfe hienieden abringe, entspricht in unentrinnbar gleicher Grösse ein Nachteil. Ein kastriertes Tier wird sanft und lenkbar. Aber es ist ein „kastriertes Tier“! * * *
Weshalb zeigst du das mühselig in endeloser Arbeit dem Leben Abgerungene als dein Schönstes?!? Siehe, deine übertriebenen Muskeln machen dich nur schwer und gewichtig und sind bestimmt, zu Fett zu werden, wenn deine Urkräfte im Laufe der Tage nachlassen! Im Sarge deiner Muskeln wirst du dann erstarren! Aber das von Anfang an dir Verliehene, die Gnadengeschenke eines gütigen milden Schicksals, das ist dein Schönstes, dieses [115] weise nach! Was dir an Gott-Ähnlichkeit anhaftet von Eltern und Ureltern her, das weise nach! Deine Beweglichkeit aus dem Edelbau heraus erweise, die an den Flug der Engel mahnt, an das Schweben überirdischer Gebilde! Zeige die adelige Zartheit deiner Hand- und Fussgelenke, das edle Gerüste deiner Hände und Füsse, die feine Beweglichkeit deiner langen mageren Finger, die Wohlgeordnetheit deiner feinen Zehen; zeige, dass dein fettloser Hals wie ein bewegliches Stahl-Scharnier ist, zeige, dass deine Rumpfbeuge nach vorne und rückwärts ist wie windbewegtes Schilf! Zeige, dass dein Schädel als ein geräumiges adeliges Gefäss für ein Welt-Gehirn intendiert war vom Schicksal und dass dein Antlitz durch die Nase nicht zu einem bekümmert zu Boden gerichteten, sondern zu einem geradeaus in das Leben oder sogar ein wenig in die Sterne blickenden werde! Zeige, dass du weit und nobel dahinwandeln, dahinschreiten kannst, dass du federnd auf einem Sessel dich niederlassen, federnd dich erheben kannst! Zeige, dass die Schwere, dieses vom Tode Herkommende, keine Macht mehr über dich hat und dass du leicht und schwebend geworden bist, wie ein erster Entwurf zum künftigen Flieger! Zeige deine einfachen Mühelosigkeiten; wie der Vogel mühelos ist und die Gazelle. Zeige einen Brustkasten, der schon in der Wiege vom Schicksal aus zur Hochwölbung bestimmt war! Zeige, dass die Gnade der Natur wertvoller ist als der Schweiss des Menschen! [116] Zeige, wie die edle Beweglichkeit deines Leibes die ewige Quelle edler geistiger Beweglichkeit ist, gleichsam der Jugend-Brunnen, in dem der schwer und stagnierend werdende Geist sich immer wieder zu Beweglichkeit und Frische badet! Zu einer solchen Männer-Schönheits-Konkurrenz werden dann auch edle Frauen in Menge eilen: denn ihrem oft betrübten und enttäuschten Auge wird sich das Bildnis von Organisationen bieten wie von altenglischen Königsprinzen, und sie werden die adeligste Hülle, ja die untrügliche Bestätigung erblicken von Geistig-Seelischem im Menschen, von zarter Kraft, von Mass und innerer Würde!
Es gibt keine „plastische Schönheit“. Es gibt nur eine Schönheit in der Bewegung. Die „plastische Schönheit“ ist das, was als überflüssig überwunden werden muss!
Heilige Magerkeit, getreueste Beschützerin unserer Beweglichkeiten! Werde das Ziel kommender Generationen!
[117] Junge, edle Mädchen sollten die, denen sie ihr Schicksal anzuvertrauen beabsichtigen, fragen: „Wie oft können Sie die tiefe Kniebeuge machen, mein Herr?!?“
* * *
Dies ist die Tragödie Elektra von Hugo von Hofmannsthal: Die geniale Göttlichkeit „Wahrheit und Gerechtigkeit“, eingedrungen ohne Rest in diesen zarten Frauenleib „Elektra“! Alles andere musste da heraus, Platz machen, weichen, vernichtet werden: edle Sanftmut, unbewusstes Träumen, jungfräuliches Hoffen, antizipierte Schauer kommender Seligkeiten, Braut-Beben, heiliges Mutter-Werden-Wollen! Alles musste da weichen der göttlicheren Mission „Wahrheit und Gerechtigkeit auf Erden!“. Wie das Genie wird Elektra, über das kleine gewöhnliche Schicksal des Menschen hinaus, verdammt, erhöht zum Vertreter des „göttlichen Willens“! Wie die Walküre, ausserhalb und oberhalb des weiblichen Empfindens, nur die Gebote des Gottes [118] befolgend, so Elektra hier die Gebote göttlicher Gerechtigkeit! Die Begriffe: Mutter, Schwester, Liebe, Bräutigam, Erfüllung, Mütterlichkeit, Glück, Frieden, werden hinweggeschwemmt von der Sturmflut leidenschaftlicher Gerechtigkeitsliebe, und das Ziel, den feig hingemordeten Vater, Agamemnon, an der schmählichen Mutter und Aegisth zu rächen, den feigen Verbrechern zügelloser Sexualität, leuchtet blutrot als eine einzige ausfüllende fixe Idee in ihrem entweibten, vermännlichten Genie-Gehirne! Um sie herum sind Menschlein: kriechende, hoffende, sehnende, wünschende, sich begnügende, dahinlebende! Chrysotemis, die süsse Schwester, will lieben und gebären! Aber blutrot leuchtet in Elektras Gehirne, unzerstörbar, die göttliche fixe Idee der Gerechtigkeit! * * *
Ich bin ein fanatischer Anti-Alkoholiker, aber ausschliesslich nach dem Tolstoi-Prinzipe: Wenn die Menschen einmal so gesundheitsgemäss, so weise mässig, so bewusst, erkennend das Gute und das Böse, leben werden, dann werden sie in ihren genialen Nüchternheiten des Alkohols entbehren können. Die Krücke Alkohol für den Lahmen! Der Alkohol ist das Betäubungsmittel, damit wir es nicht spüren, wie weit entfernt von unseren innersten unentrinnbaren Idealen wir dahin vegetieren! [119] Damit wir nicht vorzeitig verzweifeln! Der Alkohol lässt uns Zeit – – – zum Entschluss des Selbstmords! Der Gulden, den wir mehr ausgeben als wir sollten, die Frau, die wir als Ungeliebte, Unverehrte dennoch in unsere Arme nehmen, die Stunde, die wir dem notwendigen Schlafe rauben, die Nahrung, die wir überflüssigerweise geniessen, alles, alles, was nicht das heilige Notwendige im Haushalt des natürlichen Organismus repräsentiert, es muss durch Alkohol in unseren reuevollen Gedächtnissen ausgetilgt werden! Die Melancholie über seine Sünden, seine Unwissenheiten, seine Schwachheiten muss hinweggeschwemmt werden durch Bier und Wein und Schnaps! Bei irgend einem Glase Bier wird einem die ohne Liebe genossene Frau, der überflüssig ausgegebene Gulden und das ganze Martyrium des Daseins gleichgiltig! Bier besiegt jede unglückliche Stimmung, schwemmt sie dahin. Der Zins steht vor der Türe oder die Schneider-Rechnung. Aber beim vierten Krügel Löwenbräu sage ich dem Hausherrn die grässlichsten Dinge ins Gesicht, innerlich natürlich, schmeisse ich den Schneider die fünf Treppen hinab, innerlich. Und selbst die Geliebte erhält einen Tritt, innerlich. Bier besiegt jede unglückliche Liebe. Alkohol füllt die schreckliche Kluft aus zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein möchten, sein sollten! Werden müssten! Als der Affe erkannte, dass er ein Mensch werden könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz [120] seines Noch-Affe-Seins hinwegzuschwemmen. Als der Mensch erkannte, dass er ein Göttlicher werden könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz seines Noch-Mensch-Seins hinwegzuschwemmen. Gebt dem Menschen die ihm zugehörige Tätigkeit – geistige oder körperliche –, die ihm zugehörige Frau, die ihm zugehörige Nahrung, die ihm zugehörige Ruhe – – – und er wird es, ohne selbst es zu wissen, spüren: Ἄριστον μὲν ὓδωρ[WS 1]. Alkohol ist die Ausgleichung für unsere Unzulänglichkeiten! Je zulänglicher wir sind nach den idealen Plänen Gottes, desto weniger Alkohol brauchen wir. Alkohol ist der Massstab für die Melancholie des Idealisten. Ich schwemme es hinweg, dass ich noch nicht göttlich sein kann! * * *
Im Affenreiche von einst erhob sich ein etwas heller gefärbter Affe an einem Krück-Aste aufrecht und sagte mit exaltierter Stimme: „Und es wird, es muss eine Zeit kommen, sie ist organisch unentrinnbar in der notwendigen Entwicklung von Ursache zu Wirkung, da werden die Affen auf Zweien gehen, aufrecht, und die Kletter-Hände werden verkümmern zu Geh-Füssen und ihr werdet nicht mehr euch von Ast zu Ast behende schwingen können!“ „Elender Dekadent!“ brüllte ihn nun die Herde an. „Willst du unsere wertvollsten Kräfte verkümmern machen?!?“ [121] „Jawohl,“ erwiderte der heller gefärbte, an einem Baumaste aufrecht gelehnte Affe, „zu Gunsten wertvollerer Kräfte, die da kommen werden!“ Daraufhin schrieb der damalige Nerven-Pathologe Professor Schimpanse eine Broschüre: Die Décadence und ihre Gefahren. * * *
An die Wiege des Königssohnes schwebten durch die hohen Fenster die Feen und es entbrannte ein edler Wettstreit unter ihnen, wer dem Königssohne die wertvollste Gabe verleihen würde. Die eine verlieh Schönheit, die andere Gesundheit, die dritte Geist, die vierte Gemüt etc. etc. Man konnte jedoch keiner den Preis zuerkennen. Da schwebte die jüngste Fee eilig herein (immer ist es die jüngste und immer verspätet sie sich) und rief: „O Königssohn, ich aber verleihe dir die Gabe, dich nur in Liebe mit einem Weibe verbinden zu können, sonst aber dazu unfähig zu sein!“ Als dies die übrigen Feen vernahmen, verhöhnten sie ihre Kollegin und nannten sie sogar eine „Moderne“, obzwar dieser Ausdruck damals noch gar nicht existierte. Aber die junge bleiche Königin im Wochenbette rief: „Sie hat den Preis errungen!“ Der König glaubte, seine Frau sei übergeschnappt, [122] aber er getraute sich nicht, es zu sagen und führte alles auf das „Kindbettfieber“ zurück. Da verfluchten alle übrigen Feen das Königshaus als pervers und entzogen zur Strafe dem Königssohne alle verliehenen Gaben. Der König war erschrocken und verzweifelt. Die jüngste Fee aber lächelte und lächelte. Denn sie wusste es, dass aus ihrer verliehenen merkwürdigen Gabe ganz von selbst alle Tugenden und Genialitäten entspringen würden, die die Feen dem Königssohne entzogen hatten. Und so geschah es. Der Königssohn wurde ein Wunder an Weisheit und Güte, an Kraft und Heldentum und allen adeligen Menschlichkeiten. Aber im Zenite seines Lebens suchte er einst die jüngste Fee auf (in einem meilenweiten Walde) und bat sie, für ein einziges Mal den segensvollen Fluch doch von ihm zu nehmen. Denn er kenne eine wunderbar schöne Maid, die er aber nicht lieb haben könne, dieweil sie schlecht und dumm sei und gefrässig. Und die Fee gewährte es ihm für dieses eine Mal. Später erschien ihm die Fee, die eine ausgemachte Idealistin war, und fragte gespannt: „Nun, o Königssohn“ „Gar net schlecht, gar net schlecht!“ erwiderte dieser hoheitsvoll. [123] Kleider müssen lose an dir hängen, gleichsam verkündend: Die Bewegungsfreiheit unseres Herrn ist uns heiliger als unsere eigene sogenannte Schönheit! Ärmellöcher können nicht weit genug sein! Wir wollen unserem Herrn, unserer Frau den edlen Port-de-bras ermöglichen! Das sei unser Kleiderschönheitsehrgeiz! * * *
Dann erst befindet sie sich in ihrem überhaupt erreichbaren Schönheitshöhepunkte! * * *
* * *
Wehe denen, die durch nichts auffallen! Jede Vollkommenheit ist auffallend! * * *
„Das Herbstrot der Blätter ist ein Mysterium der Weltenschönheit – – –“ fühlte der Dichter. Nüchtern und berauscht zugleich sein können! Synthese der Künstlernatur! * * *
„Die Frau ist eine reiche Geberin,“ sagte der Künstler und dachte dabei an ihre Form. * * *
„Sind wir weniger Weltenspiegel als du?!? Nur verhieltest du dich um ein weniges ruhiger. So konnte die Welt sich deutlicher spiegeln!“ * * *
[125] Das Theater des Lebens – das tiefste Theater! * * *
„Du bist schön – – – also habe ich dich lieb!“ sagte ein Künstler. * * *
Seine einfache Pflicht tun ist unkünstlerisch, in allem. Mehr als seine Pflicht tun, seiner „idealen Verpflichtung“ nachkommen, ist künstlerisch, in allem und jedem! * * *
* * *
Nein, Eindrücke verdauen! * * *
[126] Ohne Herz gibt es keinerlei Kunst. Nur darf das Herz bei den Vorkommnissen der Stunde und des Tages nicht zerrinnen, auseinanderfliessen, sondern nur weich-elastisch werden! „In Form bleiben“ wäre der technische Ausdruck für das Künstlerherz! Wir haben mehr Arbeit zu leisten, als einen Toten, eine Enttäuschung zu beweinen! * * *
Oscar Wilde schrieb über einen Mörder-Schriftsteller: „Ich hoffe, dass die Emotionen, die Herr D. bei der Ermordung seiner Gattin gehabt hat, reinigend auf seinen Stil wirken werden!“ * * *
Gmunden, du mein Heimatlichstes auf dieser Welt, wie sanftmütig gehst du mit mir um, immer spendend und spendend und spendend, und meine inneren Zärtlichkeiten aufnehmend in stummer friedevoller Schönheit! Ohne mich bist du ein totes Traumland, ohne dich bin ich ein toter Träumer. Ich erwecke dich, du erweckst mich zu träumerischen Lebendigkeiten! * * *
„On ne vit pas de ce qu’on mange, on vit de ce qu’on digère!“ [127] Dieses gilt nicht nur für Speisen, sondern auch für Bücher und Menschen! Vor allem für diese! * * *
Corriger la fortune, pfui! Deine Maniküre sei deine adelige Rasse! * * *
Auf einer Ansichtskarte darf er nun offen schreiben: „Ich gedenke Ihrer!“ Und sie erwidert: „Gruss aus B.“ Wie selig ist er! * * *
Erkenntnisse in ein System bringen ist, einige wenige lebensfähige Wahrheiten in einem toten Meer von Lüge ertränken wollen! * * *
Eine undeutliche Schrift ist daher etwas Widersinniges. [128] „Sie haben eine übertrieben deutliche Schrift,“ sagte einmal ein Psychologe zu mir. * * *
* * *
Auf wienerisch: „Drah-Dilettantinnen!“ * * *
Alles andere ist teuflische Irrlehre! * * *
Vermeide alle Situationen, durch die du verlegen werden könntest! [129] Wie anmutig tanzt man oft allein in seinem Zimmer. Oder singt und deklamiert. Jedoch, wenn man sich beobachtet fühlt?!? Da werden die Elastikgelenke zu Pappendeckel! * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
[130] Eine ungeschickte, linkische, unfreie, verlegene Verbeugung beim Betreten eines Zimmers ist der Massstab für alle anderen Kulturlosigkeiten in einem Organismus! Vor allem sage frei und leicht: Guten Abend! * * *
Eine junge Amerikanerin, jung, schlank, tritt auf, in einem geschlossenen Kleide aus schwarzer plissierter Seide. Wie Damen gekleidet sind zu einem Souper. Nicht anders. Anti-Variété. Sie singt und bewegt sich wie Kinder in der Kinderstube. So innerlich rücksichtslos gegen das Publikum. So ganz sie selbst einfach. Ihre Art und Weise ist fürstlich. Fürstlich. „Ich bin, die ich bin, nichts weiter!“ Der Durchschnittbesucher weiss damit nichts anzufangen. Er findet es fade. Der Kavalier in der Loge getraut sich nicht, sie zum Souper einladen zu lassen. Nur der Dichter im Parkett wagt es, für sie zu schwärmen. Da ist nichts Riskiertes dabei. Der Direktor fühlt: Es ist kein Succès mit ihr. Das Publikum ist jedesfalls noch nicht reif. Vielleicht in 50 Jahren … vorläufig wünscht man den Firlefanz. * * *
[131] Sich an eine gute, dem Organismus wertvolle Sache „gewöhnen“, ist ein Merkmal „geistiger Schwäche“. Den Wert einer Sache immer und immer wieder in gleicher Intensität empfinden können, ist ein Merkmal „geistiger Spannkraft“! Mein wunderbarer seidener Regenschirm! Meine unverwüstlichen amerikanischen Schuhe! Mein ideales Opernglas! Meine süsse anmutige Frau! * * *
Er sagte: „Sie sollen nicht meine Schrift erlernen, sondern die Ihrige! Rasch, ohne Bedenken, weite Striche, vorwärts, leben Sie sich aus auf dem Papiere, vor, nur vor!“ * * *
* * *
* * *
[132] Neue Gärten! „Extrakte“ repräsentierend eines wirklichen Stückes der Natur selbst! Z. B. Bergesalm mit Zirbelholzkiefergestrüpp und Polstern von gelbem Moose. Erinnerungen an Freiheit, Schönheit und Frieden! Dinge im Tale für die Bergsehnsüchtigen! Ein Garten sei ein Extrakt eines wirklichen Stückes der Natur! Aber wirklich der Natur selbst! Man spüre nicht die vermittelnde Menschenhand. Deshalb sind Beete etwas Naturwidriges. Alle, alle Blumen seien als „Wiesenblumen“ behandelt, verstreut auf die ganzen Wiesen wie sonst Löwenzahn, Margueritten etc. Die Orchideenwiese! Die Ritterspornwiese! Die weisse Hyazinthenwiese! Die blaue Hyazinthenwiese! Die rot-gelbe Tulpenwiese! Die gelbe Nelkenwiese! Dann Teiche, die wahrhaftiges Sumpfleben darstellen, nicht in öder Kreisform und künstlich klar, sondern bizarr, naturgemäss und erfüllt von Leben und Verwesung zugleich! Dann der weiss-rot-goldene Karpfenteich, angefüllt mit weiss-rot-goldig gesprenkelten Karpfen! Herrliche Tiere! Dann der „dunkle Teich“: Umrandet von Rotbuchen. Auf dem Teiche schwarze Schwäne mit roten Schnäbeln. Der graue Teich: Silberweiden rundum und graue Gänse mit hellroten Schnäbeln. [133] Die Natur selbst in ihren eigenen künstlerischen Merkwürdigkeiten! Exotische Blumen, die wie frei auf Wiesengrund wachsen! Gleichsam nicht mehr im „Käfig des Blumenbeetes“! Teiche, die Naturausschnitte repräsentieren! Nicht mehr von Menschengnaden herausgezirkelt! Das Mysterium der Natur erhalten! Schonungsvoll wiederhergestellt in dieser „mordenden Kultur“! Und breite Tafeln an den Gartengittern: „Von heute an bis – duften die Syringen, die Linden! Von heute an bis – blüht die weiss-rote Tulpenwiese.“ Dann werden Menschen kommen einer höheren Lebensordnung, an dem Gitter harrend, um zu geniessen, was bisher wenige des Genusses für wert hielten! Genuss-Fähigere! * * *
4 Uhr nachmittags. Sonne, Sonne, Sonne und Wasserspiegel. Er fuhr im Boote an der Schwimmschule vorbei. Da stand auf der letzten Stufe, die in den See führte, eine Fünfzehnjährige, aschblond, in einem weissen Trikot, das ganz nass war und rosig durchschimmerte. Er lud sie ein, sich an das Boot anzuhängen. Er fuhr in die wunderbare Bucht mit [134] Haselstauden und Schilf. Ihre nackten Arme waren unbeschreiblich schön und das Antlitz mit den runden Augen und der breiten Stumpfnase das einer Wassernixe. Wenn er sie am Lande traf, war sie das armselige Bürgermädchen. Da sagte er verlegen: „Wie geht’s, Annerl?!?“ Um 4 Uhr nachmittags aber hing sich jeden Tag die süsse Wassernixe in weissem Trikot mit nackten Armen an sein Boot an. Er sprach nie ein Wort mit ihr, berührte hie und da zärtlichst ihre süssen nassen kalten Hände an dem Bootrande. Wenn er sie am Lande traf, war sie das armselige Bürgermädchen. Da sagte er verlegen: „Wie geht’s, Annerl?!?“ * * *
Kindermädchen, blondes Kindermädchen, tagaus, tagein, gleichmütig-heiteren Sinnes, erfüllst du deine Pflicht. Die jungen Herren vom Hause blicken dich an, blicken dir nach – – –. Der fremde Gast bewundert deinen edlen weissen Hals – – –. So schöpfst du leicht das Obers ab des Lebens in der Familie, welche schwerer lebt! Und irgendwo, in weiter Ferne ist stets noch ein „Bräutigam“ in Sicht. „Er wird mich heiraten, bis – – –.“ [135] Kindermädchen, blondes Kindermädchen, tagaus, tagein, gleichmütig-heiteren Sinnes, erfüllst du deine Pflicht –. Der fremde Gast bewundert deinen edlen weissen Hals, und leicht errötend gehst du aus der Stube. * * *
Frau B. Geliebtestes Seestädtchen, mit deinen unbeschreiblichen Abenddämmerungen am See-Ufer, wenn plötzlich nach verbrecherischer Tagesschwüle ganz kühle Wasser-duftende Luftwellen kommen und die Felder Kukuruz-süss zu duften beginnen, wie erlöst von bannender Tagesschwüle, geliebtestes Seestädtchen, ich sah die Dame tanzen, nachts, auf der Kurhaus-Réunion. Es war die süsse Anmut der ganzen Natur selbst, vereinigt in einem zarten Menschenleibe! So wie ich, einige Stunden früher, sass und sass und sass, die Wasserfläche anstarrte in ihrer mysteriösen Schönheit, die zerschlissenen zerrinnenden Wolken, die schiefen See-pflügenden Jachten, die fliegenden und ins Wasser einrutschenden Schwäne, den durchscheinenden weissen Wasserdunst im Abenddämmern, so sass ich nun und trank mit meinen Augen die unermessliche Anmut deiner heiligen Bewegungen in mich hinein, Frau B.! Oh, wie viel süsse kindlich-freudige Lebenskraft, wie viel zugleich bereits von Ergebung und Müdigkeiten, [136] wie viel inneres zartestes Erleben, wie viel stummes Nachgeben, stilles Dahinschleichen, war in deinem süssen Tanzen, Frau, und das Wissen, dass Jugend eine Sekunde währt, erlischt und niemals wiederkehrt – – –! Ich fühlte: Wer, oh, Frau, genoss dich so wie ich mit meinen Augen, da ich dir tanzen zusah in der Nacht der Kurhaus-Réunion?!? Ein Herr sagte zu mir: „Sehen Sie, da haben Sie einmal ausnahmsweise recht; Sie, das muss eine sehr fesche Person sein! Da muss man sich gleich durch ein Mitglied des Vergnügungskomitees vorstellen lassen. Lieber Herr Apotheker – – – ja, die im weissen Kleid, die so fesch tanzt, ja, die, bitt’ schön – – –.“ – – – – – – – – – – “ – – – ja, der verrückte Schriftsteller hat auch g’sagt, gnä' Frau, es liegt so was in Ihnen – – –.“ Die Dame: „Er blickte wenigstens so – – –.“ „Ja, hat er?! Ja, die Dichter, die können blicken. Bei uns is es mehr drinnen – – –.“ * * *
Immer dachte ich es mir: Woher, woher nimmt der gottbegnadete Dichter Maeterlinck diese dem Irdischen so süss entrückten Gestalten, diese allerzartesten Frauengebilde, die wie mit Libellenflügeln über dem Leben schwirren und gleichsam edleren Gesetzen gehorchen und aus einer Welt zu kommen [137] scheinen, wo die primitiven Sexualkräfte bereits in seelisches Empfinden völlig umgesetzt und verbraucht wurden!?! Woher nimmt er diese Gestalten, die gleichsam auf besseren Sternen wohnen als unsere alte Erde ist und im Leben des Tages ein Mysterium bilden von überschwenglichen zartheitkranken Seelen?!? An welchen Quellen der Natur trank der Dichter?!? Wo entdeckte er die Kräfte, die zugleich vom sicheren Boden des Alltags und zugleich aus den Geheimnissen der Allwelt kamen?!? Nun las ich sein Buch, „Das Leben der Bienen“. Hier war die Quelle! Im Bienenstaate, in diesem irdischen Geheimnisvollsten, im Bienenkorbmärchen, wo die hunderttausend Jungfrauen einem höheren Zweck zuliebe ihr keusches Dasein führen, die Königin ihr königliches Leben lebt und dennoch eines Tages in einer dunklen Ecke verschmachten muss, wo die Drohnenschlachten sich ereignen, die ewig patrouillierenden Wächter beim Eingange mysteriösen Dienst verrichten, wo rastlose Arbeit im Finstern stattfindet, geheimnisvolles Morden von Prinzessinnen im Schlaf, geheimnisvolles Werden im Finstern, wo riesige wachsbleiche Wachsgebäude sechs-wandiger Zellen sind, wunderbar errichtet, wo Schrecken ist durch Eindringlinge bei Nacht, Klagelaute und Gemurmel, selbstlos-freudiger Auszug des Schwarms ins öde Ungewisse, Hochzeitsglück in Lüften und zugleich der [138] Tod, alles Gesetzen unterworfen, die der Mensch niemals ganz durchdringt, voll Weisheit, voller Unergründlichkeit, ein lichter Weg und eine dunkle Wirrnis! Wo Gesetze unerbittlich ehern herrschen, die der Mensch nicht enträtseln, nicht bekämpfen kann, da, da lernte es der Dichter, der Bienenzüchter während 20 Jahren, die Menschen, losgelöst vom Tages-Gesetze, in antizipierten Entwicklungsstadien der Seele zu erfassen, die gleichsam bereits ausserhalb des Irdischen sich befinden und wohin ausser der wissende Blick Gottes nur noch der ahnende Blick des Dichters zu dringen vermag! * * *
Es war in einer ganz kleinen Provinzstadt, ich war Obmann der Geschworenen. Lauter Bauern. Eine „Madonna“ von siebzehn Jahren war angeklagt. Sie hatte in einem Stalle geboren. Sie lehnte in dem schmerzlichen Augenblicke an der Stallwand. Das Kind war direkt, wie sie sagte, auf die Steinfliesen heruntergefallen. Den Schädel eingedrückt. Niemand glaubte es ihr. Der Verführer sass im Gerichtssaale. Wie ein Verführer – – – schön und roh, gemein bis in die Knochen. Was ging es ihn an?! Hätte sie sich nicht –!? Meine Bauern-Kollegen sagten zu mir: „Na, na, Sie, dös kennen mir. Wenn mir nix kennen, dös [139] kennen mir. Dös is a Luder! Sie sein alle so. Dös andere möcht’ ihnen passen. So a Kanaille!“ Da sagte ich in meiner äussersten Not zu diesen Bauernklacheln: „Meine Herren, sie hat monatelang an Kindswäsche genäht. Sie hat Kindswäsche genäht, meine Herren, fleissig und emsig. Kindswäsche – – – bedenken Sie, seit Monaten – – –!“ Das Wort „Kindswäsche“ ist bereits überhaupt wie ein Purgiermittel, es wirkt milde und auflösend bei Seelenverstopfung. Die Bauernschädel dachten: „Wann sie im vorhinein Kindswäsche genäht hat – – –?!?“ Sie bekam also nur zwei Jahre, wegen fahrlässiger Tötung. Der Verführer sass da, schön und roh, gemein bis in die Knochen. Was ging es ihn an?!? Hätte sie sich nicht – – –. * * *
Sie dachte: „Ich will, ich will leben für dieses heilige Welten-Gehirn des Mannes, das der Welt endlich den Frieden bringen soll nach Jahrhunderten des Chaos, für das Bismarck-Gehirn der Welt, das endgültiges Licht brächte ins Dunkel, Ordnung in die Wirrnis! Ich will daher, dass jede meiner Bewegungen ihn beglücke, ihn leicht und froh und arbeitsfreudig und menschenfreundlich erhalte, der Atem meines Mundes, die Form meiner knabenhaften [140] Brüste, der Duft meiner Haare und was sonst noch an mir ist. Kraft und Freudigkeiten will ich ihm bringen, dass er an seiner Mission arbeiten könne, die Welt zu erlösen von ihren Lügenhaftigkeiten! Mit meinem Leib, diesem bezweckten Geschenke Gottes, will ich ihn reicher machen und reicher, da ich denselben nur mitbekam, um aus diesem Menschen „Mann“ den Menschen „gottähnliches Wesen zu machen! Der Schöpfer dachte sich in genialer Weise mich als Mittel aus, den Mann durch mich zu Seinem Ebenbilde zu erhöhen! Wie die Sonne und der Regen für Blüten will ich sein für ihn, wie der Sauerstoff für die Lungen, wie der Schlaf für die Ermüdeten, eine Heil-Spenderin! Wie wenn die Geliebte des Blondin nur dafür Tag und Nacht sorgte, dass er sicher den Niagara-Fall auf gespanntem Seile überschritte! Oder dass Battie Seeth abends im Löwenkäfig Herr bliebe! Oder der Gelehrte sein Ziel fände! Der Dichter sein Gedicht!“ So erträumte sie es, gleichsam in dem Gitterbettchen ihrer jungfräulichen Kinderstube. Aber später merkte sie es, dass die anderen Damen andere Pläne hatten mit dem Mann. Sie dachte: „Weshalb, weshalb wollen sie ihn nicht erhöhen, sondern erniedrigen?!?“ Und Frau D. sagte einmal zu der Weinenden: „Sie müssen ihn eifersüchtig machen, meine Liebe, glauben Sie es mir. Es muss ihm vor Verzweiflung sein Gehirn ausrinnen. Er muss ganz vertrottelt [141] werden und um sich selbst herum zu rasen beginnen, wie eine in der Kerzenflamme angebrannte Fliege. Glauben Sie es mir. Sie dürfen ihn nicht zu sich selbst kommen lassen!“ Und sie glaubte es ihr. Aber sie fühlte zu sehr in sich die Mission, den von Gott in den Schädel des Mannes eingesetzten „Welt-Extrakt“ Gehirn zu schützen, als dass sie es zu ihren Gunsten hätte schwächen und ausrinnen lassen können. So überliess sie ihn unter Tränen den Damen, die weniger „Religion“ in sich hatten. * * *
Eines Morgens waren an allen hervorragenden Plätzen der Stadt riesige Plakate in englischen roten und weissen Lettern auf Goldgrund angeschlagen: Bürger, meine Kinder! Ich beginne mit einem Gleichnis: Wenn ein zartes Linnen, in Tagesbetätigungen ein bisschen verbraucht und zerrissen, in jeder Nacht von einer idealen Näherin und Büglerin aufs allerzarteste wiederhergestellt würde, so könnte theoretisch dieses Linnen ewig dauern! Nun, sehet, so eine ideale Näherin und Büglerin an eurem Leibe, eurem Geiste und an eurer Seele, die in Tagesbetätigungen abgenützt werden, ist euer Schlaf! Ich verkünde euch daher die Stadt des Schlafes! [142] Von acht Uhr abends an beginnt die gesetzliche Totenstille in meiner Stadt und wehe, wer durch einen Laut sie störte! Von acht bis neun ist es meinen geliebten Bürgern gestattet, sich für die heilige Nachtruhe vorzubereiten. Jeder meiner Bürger hat ein staatlich verbrieftes Recht auf zehn Stunden Schlaf innerhalb 24 Stunden! Im tiefen, von selbst endenden Schlafe liegt die Kraft des Leibes, der Seele und des Geistes meiner Bürger! Was sie an Kräften bei Tage hinopfern, zum Wohle der Gesamtheit, muss ihnen nachts unter staatlicher Garantie und Kontrolle ersetzt werden, damit ihr Lebenskapital sich nicht verringere, das ein Faktor des Gesamtwohles ist! Die Gerichte werden ihre Tore schliessen müssen, denn der vollkommen ausgeschlafene Mensch ist sanftmütig und weise und fügt sich liebevoll von selbst in die Gesamtordnung ein! Die Ärzte werden auswandern, denn der innerhalb 24 Stunden vollkommen ausgeschlafene Mensch bringt immer während der Nachtruhe alle Wunden wieder zur Verheilung, die seine Tagestätigkeit ihm etwa schlüge! Es gibt keine unglückliche Ehe, denn der vollkommen ausgerastete Mensch, also auf der Höhe seiner geistig-seelischen Clairvoyancen, weiss zu wählen und zu warten, weiss Ideale aufrecht zu erhalten, und auch in Weisheit zu verzichten! Franzensbad wird verödet liegen und Karlsbad [143] und Marienbad für meine Bürger! Ihr werdet liebenswürdig werden wie der Japaner, beweglich wie der Franzose, eisenfest wie der Deutsche, arbeitstüchtig wie der Amerikaner und in tausenden Familien werden besonders Veranlagte, Überlebensgrosse erstehen, zu Genies gemästet an ausreichendem Schlafe! Jeder wird zu seiner Kraft, zu seinem Können kommen und diese unglückseligste Herde, die vergeblich Wollenden, werden aussterben, verschwinden! Ich gebe euch das Gesetz der Gesetze, kein anderes! Denn aus ihm erblüht von selbst der Friede, die Kraft und das Glück! Ich gebe euch die Stadt des Schlafes! Von acht Uhr abends an herrsche Todesstille! Bis sechs Uhr morgens! Oh Mensch, lasse doch, Verbrecherischer, Irrsinniger, Blödester, dieser unerschöpflich gütigen langmütigen Natur, die das Äusserste an Zartsinn und genialen Fürsorglichkeiten für dich aufwendet, lasse ihr doch um Gottes willen Zeit, in der heiligen Stille der Nacht, an dir, Sünder, das wieder auszubessern, gutzumachen, wiederherzustellen, was du in Tagestätigkeiten verausgabt und verloren hast! Bürger, meine Kinder, ich bin nur euer eigener Gesetzgeber in euch selbst, vorzeitig, rechtzeitig aus euch hinausgestellt als euer befehlender König! Amen. * * *
[144] Lunaria biennis. Im empfehle den Damen als zartesten Zimmerschmuck für Vasen die Mond-Viole, Lunaria biennis. Es sind lange, zarte Zweige, an welchen viele viele ganz dünne weiss-silberne durchscheinende perlmutterglänzende Membranen gleichsam gespannt sind. Wie Silberhäutchen. Es sieht ganz merkwürdig aus. Wie wenn Japaner es sich erdacht hätten! Mehr so wie kunstgewerblich. Sie werden mich fragen: „Was sind es?! Blüten, Blätter, Früchte?! Ist es ein Baum, ein Strauch?! Und wo gedeiht er?!“ Ich antworte ganz bescheiden: „Ich weiss es nicht.“ Ich hatte nie die Absicht, dem edelzarten Gewächse durch Wissen das Romantisch-Märchenhafte zu nehmen, das es in seiner geheimnisvollen Merkwürdigkeit ausstrahlt. Es gibt genug Leute, die beim Anblick der süssen Mond-Viole sagen würden: „Dieses Gewächs nämlich gehört in die Klasse der sogenannten – – –“ und jetzt kommt meistens ein lateinischer Name. Ich bin nicht so. Ich habe es seit einem Jahre mit Geschick vermieden, mir eine Aufklärung über meine süsse geliebte Pflanze aufbürden zu lassen. Ich weiss nur, dass sie schön ist. * * *
Ballast. Und jeder Seelenschritt spürt dein Gewicht, Helene! * * *
[146] Konditorei im Seestädtchen, ein Genie im Verborgenen, Grossstadt-Konditoreien mit aufgeblasenen Namen weit hinter sich lassend. Z. B. Nuss-Crême-Kugeln, in einer geöffneten entkernten Malagatraube eingebettet. Die Dreizehnjährige hatte wunderbar edle Beine in grauseidenen Strümpfen, hörte ganz impassibel den Médisancen zu. „Jawohl,“ sagte der Dichter, „Anna sprang ganz direktement aus dem Sacré-Coeur in das Pavillon ‚Irroy‘ in ‚Venedig in Wien‘ als Animier-Mädchen. Es wurden da natürlich grausame Worte gesprochen, für die es einer gewissen Vorbereitung bedurft hätte. Da sah ich Tränen langsam ihre Wangen herabgleiten. Ich legte meine Hand sanft auf die ihrige. Sie erwiderte mir jedoch: „C’est moi, c’est moi seule qui a tort, monsieur. Excusez moi – – –.“ Der Dichter schenkte der Dreizehnjährigen mit den edlen Beinen in grauseidenen Strümpfen zehn Nuss-Crême-Kugeln in Malagatrauben eingebettet. Sie sagte: „Ich werde auch im Sacré-Coeur erzogen – – –.“ Die junge Gräfin sagte: „Was sagen Herr Dichter zu dem süssen Fräulein, das sich auf einer Schilf-Insel splitternackt von Herrn so und so photographieren liess?!?“ „Ich sage, dass wenn die Frau Fabrikdirektor von C. dazu seinerzeit den Mut gefunden hätte, sie jetzt nicht jahrelang ihre Mitmenschen mit den Berichten vergangener Schönheit belästigen würde [147] müssen. In uns allen lebt und webt nämlich unentrinnbar das Ideale und der Sinn für Vollkommenheit. Eine schöne Hand dürfte nicht lange im Handschuh bleiben wollen, ein schöner Fuss sehnt sich krankhaft nach Sandalen und verachtet eigentlich den schönen teuren Schuh, der ihn nur einsargt! Wenn eine schön tanzt, wird sie uns baldigst etwas vortanzen. Oder in späteren Jahren uns allzuoft die Mitteilung machen: ‚O, mein Herr, ich war eine leidenschaftliche Tänzerin.‘ Das Vollkommene hat Altruismus in sich, es möchte sich dem Nebenmenschen offenbaren, mitteilen, ihn beglücken und erfreuen, es scheut nicht das Licht der Öffentlichkeit, spürt eine innere Mission. Die Schönheit will nicht ungenossen sterben! Nur das Unzulängliche bleibt gerne in Schranken, deckt sich, schützt sich mit verlogenen Prinzipien, sagt: ‚Ich bin einmal nicht dafür‘!“ Die junge Gräfin zahlte dem Dichter seine ganze Konditorei-Rechnung infolge dieser Ansichten. Die Dreizehnjährige kreuzte die wunderbaren Beine in grauseidenen Strümpfen und sagte: „Im Sacré-Coeur haben wir unter uns eine Königin erwählt. Die, die am schönsten war. Eines Nachts wurde sie erwählt. Man macht ihr von nun an alle ihre Aufgaben, hilft ihr, wo man es nur kann, schnürt ihr ihre Stiefelchen zu, ja man wäscht sie sogar. Man ist selig, ihr helfen zu dürfen – – –.“ „Und was wird aus dieser Unglücklichen im Pavillon ‚Irroy‘ werden?!?“ sagte Frau von G. mitleidsvoll [148] und besorgt. Sie dachte aber: „So ein junges Mistviecherl – – –.“ Der Dichter erwiderte: „Einer meiner reichen Freunde wird sie demnächst heiraten, Gnädige!“ „Ich bezahle also, bitte, fünf Marons glacés, ein Melonen-Eis und zwei Butterteig-Palmiers,“ sagte die Gnädige und entfernte sich schleunigst infolge dieser Hiobspost. Die junge Gräfin sagte: „Wo befindet sich diese Schilf-Insel, auf der man sich nackt photographieren lassen kann?!?“ Die Dreizehnjährige hingegen hatte Bauchschmerzen infolge von Nuss-Crême und Eis-Wasser. * * *
Das Bangen. Mir bangt, wie einem bangt, * * *
Eine junge Dame kaufte sich eine wunderbare grün-blau-lila schillernde Tiffany-Vase. Und dann in einem Naturalien-Sammlung-Geschäfte einen grün-blau-lila schimmernden Riesenkäfer aus Brasilien. Diese beiden Objekte stellte sie in ein viereckiges Glaskästchen aus geschliffenen dicken Glasplatten auf ein dickes poliertes graues Birkenholzbrett. Darunter schrieb sie: Natura
* * *
[150] Lob der Mangelhaftigkeit. Er hatte die Dame innerlich ganz überwunden, war mit ihr, mit sich fertig geworden. Sein siedendes Rückenmark war durch die Nordpolarkälte seines Gehirnes besiegt worden. Aus einem Träumer war ein Erwacher, aus einem dunklen Romantiker ein heller Klarseher, ein Clairvoyanter geworden! Und dennoch verdankte er diesen Sieg dem Zufall! Dem Zufall ihrer Unzulänglichkeiten! Hätte sie die Hände der N. B. gehabt, das Adelsantlitz der Prinzessin R. in M., den Ambrateint der Frau Professor T., die Stirne der E. T., die tönende und dennoch sanft-mysteriöse Stimme der Ch. de V., die französische Grazie der R. L., die Lawn-tennis-Kunst der Schwestern P., die Naturliebe, die Rax- und Schneebergliebe der Gr. E., den englischen, über den Dingen sanftmütig schwebenden Humor der M. M., die süsse Bohêmenatur der L. L., die sehnige Elastizität der Th. K., den Adel und die sanfte Würde der Fr. M. – – – er hätte niemals die Krankheit seiner sehnsuchts-irrsinnigen Nerven heilen können durch diesen ernsten kalten Arzt „Erkenntnis“! Er wäre unterlegen seinem Herzen! Was ihn rettete, was ihn ewig retten wird, ist der glückliche Zufall der Unzulänglichkeiten der Angebeteten! Wehe, wenn er eine Zulängliche anträfe auf seinen Wegen! Da triebe er mit einem abgerissenen Säumchen ihres Kleides einen Kultus bis an sein Lebensende, der mehr dem Irrsinn gliche als der [151] Liebe! Da ertränke er im Meere seiner eigenen Zärtlichkeiten! Aber ein gütiges Schicksal spült nur Atome deiner Ideale dir an den Strand! Da kannst du „irrsinnig“ werden auf Zeit, kannst deine vierzehn Tage machen, kündigen und geh'n, geheilt entlassen. * * *
Elisabeth Barret-Browning, die Dichterin, schrieb an ihren Gatten, Robert Browning, den Dichter: „Vergiss es nie, oh mein Geliebter, dass Du frei bist! Deine Entwicklung, Dein Sein, Dein Werden, sind mir teurer als die Empfindung, Dich ganz und ganz allein zu besitzen! Ich bin über nichts erstaunter als über dieses Mysterium, dass Du immer wieder in meine liebevollen Arme kommst! Dass Gewohnheit und Selbstverständlichkeit des Besitzes Dich noch nicht müde, gleichgültig gemacht haben! Was, was haben wir Armseligen denn Euch zu bieten?!? Trotz unserer liebevollen Herzen?!? Jede, jede junge schöne Frau besitzt doch in ihrem wunderbaren süssen Leibe schon die mysteriöse Anziehungskraft auf den Mann eines Magnetes auf Eisen! Wodurch könnten wir diese besiegen, wir, die wir eigentlich nicht mehr zu bieten haben als jene?!? Deshalb staune ich, erbebend, dass Du zu mir, [152] zu mir wiederkehrst, wiederkehrst und wiederkehrst, Geliebtester!“ * * *
„Menschen“ von Ellen Key. (S. Fischer, Verlag, Berlin.)
Ich habe für eine teure Dame das Buch zusammen gestrichen und zerschnitten. Es blieben übrig Seite 149, 13. Zeile bis Seite 203 inklusive. Nun ist es ein Extrakt geworden! Auf diesen Seiten erlebt man das Märchenhafteste des Daseins – – – Zwei, die zusammenkamen! Zwei, die, im Weltenraume einzig für einander bestimmt – – – sich fanden! Dies, dies allein ist das Wesen der Ehe, wie Gott es sich erträumt hat in seinen romantischen Weltenplänen! Da allein entsteht dieses unbeschreibliche und mysteriöse Erblühen der rastlosen Selbstlosigkeiten! Die Dauer-Romantik! Die Dauer-Romantik, die unerschöpflich Kräfte saugt und saugt für ihr zartes gebrechliches Wesen aus dem Sein des anderen! Männer, wartet auf die euch Zugehörigen im Weltenraume! Wartet bis zu eurer Sterbestunde! Da habt ihr [153] dann in eurem Innern eine Ehe gehabt, eine wahrhafte wirkliche Ehe, mit der, die nie kam! * * *
Ich trinke Tee. Sechs Uhr abends rückt heran. Ich spüre es heranrücken. Nicht so intensiv, wie die Kinder den Weihnachtsabend heranrücken spüren. Aber immerhin. Punkt sechs Uhr trinke ich Tee, ein feierliches Geniessen ohne Enttäuschungen in diesem belasteten Dasein. Etwas, was man sicher hat, man hat seine friedevolle Glückseligkeit in seiner eigenen Macht. Es ist direkt unabhängig vom Schicksale. Schon das Eingiessen des guten Hochquellwassers in mein schönes weites Halb-Litergefäss aus Nickel macht mir Freude. Dann warte ich das Sieden ab, den Sang des Wassers. Ich habe eine riesige halbkugelige tiefe Schale aus ziegelrotem Wedgewood. Der Tee ist aus dem „Café Central“, duftet wie Almwiese, wie Kohlröserl und Gräser im Sonnenbrande. Der Tee ist goldgelb-strohgelb, niemals bräunlich, leicht und unbedrückend. Dazu rauche ich eine Zigarette „Chelmis, Hyksos“. Ich trinke sehr, sehr langsam. Der Tee ist ein inneres anregendes Nervenbad. Man trägt die Dinge leichter dabei. Man fühlt es, eine Frau sollte eine solche Wirkung ausüben. Aber sie tut es niemals. Sie hat noch nicht die Kultur friedereicher Sanftmütigkeiten, um wie ein edler warmer goldgelber Tee zu wirken. Sie glaubt, sie verlöre dann etwa ihre Macht. Aber mein Tee [154] sechs Uhr abends verliert niemals seine Macht über mich. Ich sehne mich ihm täglich in gleicher Weise entgegen und liebevoll vermähle ich ihn meinem Organismus. * * *
Man fragte mich einmal: „Sie, P. A., welche von allen Anerkennungen hat Ihnen am meisten Freude bereitet in Ihrem Leben?!?“ Ich erwiderte: „Einmal schrieb mir eine fremde Dame aus Berlin: ‚Mein Herr, seitdem ich Ihren Satz über die Heiligkeit des Schlafes gelesen habe, bin ich nicht mehr imstande, mein dreizehnjähriges süsses wunderschönes Töchterchen aus dem Morgenschlafe zu reissen! Sie weiss nichts davon und ist sehr erstaunt über diese glückliche Wendung ihres Geschickes!‘ Diese Worte haben mir seit 1897 bis heute die grösste Freude von allen bereitet!“ „Und weshalb gerade diese?!?“ „Ich habe einen jungen, mir ganz fremden schönen Organismus durch einen einzigen Satz aus der Ferne vor Anämie, vor Franzensbad, vor Entwicklungsstörungen, vor Melancholieen und Depressionszuständen bewahrt, habe ihm Gesundheit, Lebensheiterkeit und Frieden gesichert – – –!“ * * *
[155] Buchbesprechung. Eine Dame sagte zu mir: „Empfehlen Sie mir ein wunderschönes Buch – – –.“ „Lesen Sie „Die Hochzeit der Esther Franzenius“!“ „Ist es wirklich so besonders schön?!?“ „Ich habe es nicht gelesen – – –.“ „Wie?!?“ „Ich hörte nur einen Satz daraus zitiert: „Sie überliess ihm ihre Hände wie einen Trunk und schaute zu – – –.“ Lesen Sie daher die „Hochzeit der Esther Franzenius“!“ * * *
Als mein Buch herauskam, 1896, entspann sich bei den wenigen, die überhaupt daran Anteil nahmen, oft eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob man zu betonen habe ‚Wie ich es sehe‘ oder ‚Wie ich es sehe‘!? Die letztere Betonung nun ist die einzig richtige: Denn insofern eine Individualität nach irgend einer Richtung hin eine Berechtigung, ja auch nur den Schein einer Berechtigung hat, darf sie nichts anderes sein als ein Erster, ein Vorläufer in irgend einer organischen Entwicklung des Menschlichen überhaupt, die aber auf dem naturgemässen Wege der möglichen Entwicklung für alle Menschen liegt! [156] Der „Einzige“ sein ist wertlos, eine armselige Spielerei des Schicksals mit einem Individuum. Der „Erste“ sein ist alles! Denn er hat eine Mission, er ist ein Führer, er weiss, die ganze Menschheit kommt hinter ihm! Er ist nur von Gott vorausgeschickt! In allen Menschen liegt ein zarter trauriger, Ideale träumender Dichter tief verborgen. Alle Menschen werden einst ganz fein, ganz zart, ganz liebevoll sein, und die Natur, die Frau, das Kind mit allen Zärtlichkeiten lieb haben eines exaltierten Dichterherzens. Der Dichter ist nie der „Einzige“. Dann wäre er wertlos, ein Seelen-Freak! Er ist der „Erste“. Er fühlt es, er weiss es, dass die anderen nachkommen, weil sie bereits in sich verborgen die Keime seiner eigenen Seele tragen! Es darf nicht heissen ‚Wie ich es sehe‘. Es muss heissen ‚Wie ich es sehe‘! Wahre Individualität ist, das im voraus allein zu sein, was später alle, alle werden müssen! Falsche Individualität ist, ein zufälliges Spiel der Natur sein wie ein weisses Reh oder ein Kalb mit zwei Köpfen. Wem nützte es denn?!? Es gehörte in ein Kuriositäten-Kabinett der Menschheit! * * *
Und ich gab mein Wort, nicht zu kommen. [157] Da liessest du, meinen Bitten nachgebend, deine Türe, die in mein Zimmer führte, unversperrt. Draussen lag die vereiste Waldstrasse im Mondlicht und der Sturm sang vom Mürztal herauf in den schwarzen Föhrenwald hinein am Göstritz. Ich lag und lauschte. Ich lag und weinte. Hie und da, in langen Zwischenräumen, hüsteltest du. So von der ungewohnten Berg-Nacht-Luft. In namenloser Wehmut begrüsste ich diesen zarten Laut als das einzige Zeichen deiner Anwesenheit. Der Sturm sang vom lichten Mürztale herauf in den dunklen Föhrenwald hinein. Von Zeit zu Zeit hüsteltest du. Ich lag und lauschte. Ich lag und weinte. Langsam – verging – die Nacht. Am Morgen sagtest du: „Weshalb sind Sie nicht gekommen?!?“ „Wenn ich gekommen wäre, Sie hätten mich beschimpft, vertrieben – – –.“ „Was macht das?! Aber es wäre dann mächtiger gewesen in Ihnen als Ihr Eid?!“ * * *
„Darf ich mir die ganze Schachtel nehmen?! Ich rauch’ die so riesig gern – – –“ sagte sie zu mir. [158] Ich war verzweifelt. Ich betete das süsse, anmutige Geschöpf an, während jedoch die ganze Schachtel „Chelmis Ramses“ im Café zehn Kronen kostete, Trafik acht Kronen. „Ja, nehmen Sie die ganze Schachtel!“ Als ich die Zigaretten dem Kellner des eleganten Nachtcafé bezahlen wollte, sagte er: „So ein Mistviecherl; nimmt Ihnen gleich eine ganze Schachtel weg!“ „Nun,“ sagte ich, „da haben Sie die zehn Kronen. Was kümmert es Sie?!“ „Nein,“ sagte der Kellner, „die Sache ist so, die Dame hat mir die Schachtel sofort für zwei Kronen weiterverkauft. Morgen verkauf’ ich sie wieder für zehn Kronen, folglich schulden Sie mir nur die zwei Kronen, die ich der Dame bezahlt habe!“ Ich war selig. Ich sagte: „Sie, ich lasse mir von Ihnen nichts schenken, verstehen Sie mich??!“ Er: „Das würde ich auch gar nicht wagen. Aber ich habe es Ihnen vorgerechnet!“ „Ja, aber weshalb tun Sie denn das für mich?!“ „Herr Doktor, ich kenn’ Sie schon so lang, Sie sind ja auch schon quasi von unserm G’schäft. Herr Doktor, wir müssen zusammenhalten gegen diese Mistviecher!“ So hielten wir denn zusammen gegen die Mistviecher, wobei ich ganze acht Kronen ersparte. * * *
[159] Götterdämmerung. Anfang. „Zu neuen Taten, Der gebildete Philister: „Ich weiss ja, was er sagen will damit, der Richard Wagner. Glauben Sie, ich bin so dumm?!? Aber könnte er nicht viel einfacher und verständlicher sagen: ‚Teurer Helde, Das würde ein jeder verstehen. Nein, er muss es umdrehen, um uns zu blamieren!“ Mir aber, mein Herr, gefällt die erste Fassung tausendmal besser. Sie ist aus dem Mysterium hochadelig-weiblichen Empfindens heraus gedichtet: Zu neuen Taten – Höchstes selbstloses Verständnis für den Geliebten „Zu neuen Taten, [160] ist das Um und Auf jeder moderne Entwicklungen durchmachenden Frau. „Ich wünsche es, dass mein Geliebtester die Gipfel seiner eigenen Fähigkeiten erklimme! Mit mir, aber auch sogar gegen mich. Was ihm dazu verhelfen mag, ist mir heilig. Ich selbst bin selbstverständlich immer bereit. Aber reiche ich aus?!? ‚Zu neuen Taten, teurer Helde, wie liebt’ ich dich, liess’ ich dich nicht?!?‘“ * * *
Sie wurde ganz krank vor Erregung, als sie Battie Seeth sah mit seinen 25 Löwen. Sie bat ihren Kavalier, es ihr doch zu gestatten, zu den Löwen sich zu begeben. Er sprach also mit dem Bändiger darüber. Eines Nachts nach der Vorstellung befahl also Seeth den Löwen Achmed in die offene Arena. Achmed knurrte schrecklich, umschlich das fremde Mädchen, erhob ohne böse Absicht die Pranke. Seeth gab ihm einen leichten Schlag darauf, da küsste das Mädchen den Löwen rasch auf die Schläfe. Fertig. Ich fragte sie, welche Empfindungen man dabei habe?!? Sie erwiderte: „Gar keine. Man ist verloren. Man lebt schon nicht mehr. Es ist einem alles ganz gleich. Das Leben hängt so an einem dünnen Faden, dass es bereits abgeschnitten, nicht mehr vorhanden ist, vorüber. Aber das ist das Wunderbare [161] daran. Ich möchte auf dem Turmseile tanzen ohne Rettungsnetz. Bleibe oben oder stürze! Krepiere, wenn du Balance verlierst! Ich möchte in einer Arena so reiten auf ungesatteltem Pferde, dass die Damen in Ohnmacht fielen und die Herren Stallmeister erbleichten!“ „Das sind die Geschäftsspesen der Berühmtheit,“ sagte ich. „Nein,“ sagte sie, „man riskiert ja nichts. Denn ein Leben ohne das ist überhaupt nichts wert.“ Ich fühlte: „Geborene Löwenbändigerin.“ Sie sagte: „Ich habe einen ‚Freund‘. Er ist wie der Löwe Achmed. Das Leben hängt da stets an einem Faden.“ Ich begleitete sie nachts zu ihrem Hause. Irgendwo im Dunkeln stand ein Mann mit einem Mädchen. Meine Begleiterin schlich sich an, stürzte sich auf die Rivalin und ohrfeigte sie fürchterlich. Der Mann zog ein Messer und stiess es meiner Begleiterin zwischen die Rippen. * * *
Ich segne eure armseligen Unzulänglichkeiten, ihr, die ihr mein allzu zartes Herz entzündet! Da spielet ihr mit uns nur – solang wir mit euch spielen! Mögest du mir nie erscheinen, körperlich vollkommene, seelisch zarteste, anmutsreichste, verständnisvollste, lieblich-sanfteste, Blumen und Tiere fanatisch verehrende, edel-bescheidene, in dich gekehrte, [162] leicht versöhnliche, milde-gütige, vornehm-würdevolle, ruhige und dennoch innerlich erbebende süsse Fraue, mögest du mir nie, nie erscheinen! Denn plötzlich erkennend der anderen schreckliche Unzulänglichkeiten, würde ich da, wie ein irrsinniger Sklave, nichts tun, als den Boden, den du wandeltest, Tage und Nächte lang mit meinen Ehrfurcht-bebenden Küssen tränken! Unzulängliche, schützet mich vor den Wahrheits-Ekstasen meines bisher mit Lüge gepanzerten Herzens! Schützet mich! Auf dass ich lachen könne meiner Tränen, Einhalt gebieten könne meinem Schmerze und Gott, dem Idealeträumer treu bleiben könne, indem ich Euch immer treulos werde! * * *
Ich zog in das ruhige Zimmerchen, fünften Stock, gutes, altes Stadthotel, ein, mit zwei paar Socken und zwei riesigen Flaschen Slibowitz für unvorhergesehene Fälle. „Bitte,“ sagte der Zimmerkellner, „soll ich das Gepäck holen lassen?!?“ „Ich habe keines,“ sagte ich einfach. Dann sagte er: „Wünschen Sie elektrische Beleuchtung?!“ „Jawohl.“ „Es kostet fünfzig Heller per Nacht. Sie können aber auch bloss Kerze haben,“ sagte er in Berücksichtigung der gegebenen Umstände. [163] „Nein, ich wünsche elektrische Beleuchtung.“ Um Mitternacht hörte ich Geräusche von zerrissenen und zerkratzten Papiertapeten. Dann kam eine Maus, stieg meinen Waschtisch hinan und betrat das Lavoir, machte überhaupt verschiedene artige Evolutionen, begab sich sodann wieder auf den Fussboden, da Porzellan nicht zweckentsprechend war, hatte überhaupt keine festen weitausgreifenden Pläne und hielt schliesslich die Dunkelheit unter dem Kasten bei den gegebenen Umständen für ziemlich vorteilhaft. Morgens sagte ich zu dem Dienstmädchen: „Sie, eine Maus war heute nacht in meinem Zimmer. Eine schöne Wirtschaft!“ „Bei uns gibt’s keine Mäuse, das wäre nicht schlecht. Woher sollte denn bei uns eine Maus herkommen?! So was lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!“ Ich sagte infolgedessen zu dem Zimmerkellner: „Ihr Stubenmädchen ist ein freches Geschöpf. Heute nacht war eine Maus im Zimmer.“ „Bei uns gibt’s keine Mäuse. Woher sollte denn bei uns eine Maus herkommen?! So was lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!“ Als ich in das Hotelvorhaus trat, betrachteten mich der Herr Portier, der Herr Hausknecht, die anderen beiden Fräulein Stubenmädchen und der Herr Geschäftsführer, wie man einen betrachtet, der mit zwei paar Socken, zwei Slibowitzflaschen einzieht und bereits Mäuse sieht, die nicht da sind. [164] Auch lag mein Buch „Was der Tag mir zuträgt“ offen auf meinem Tische und ich überraschte einmal das Stubenmädchen bei der Lektüre desselben. Unter diesen facheusen Umständen war meine Glaubwürdigkeit in bezug auf Mäuse ziemlich untergraben. Dafür hatte ich immerhin einen gewissen Nimbus eingeheimst und man rechtete nicht mehr mit mir, liess mir sogar kleine Schwächen passieren, drückte ein Auge zu, benahm sich ausserordentlich kulant wie mit einem Kranken oder anderweitig zu Berücksichtigenden. Die Maus jedoch erschien jede Nacht, kratzte an der Papiertapete, bestieg häufig den Waschkasten. Eines Abends kaufte ich eine Mausefalle samt Speck, ging mit dem Instrument ostentativ an dem Portier, dem Hausknecht, dem Geschäftsführer, dem Zimmerkellner und den drei Stubenmädchen vorbei, stellte die Falle im Zimmer auf. Am nächsten Morgen war die Maus drin. Ich gedachte nun, ganz nonchalant die Mausefalle hinabzutragen. Die Sache sollte für sich selber sprechen! Aber auf der Stiege fiel es mir ein, wie erbittert die Menschen werden, wenn man sie einer Sache überführt, zumal eine Maus sich nicht in einem Passagierzimmer eines Hotels befinden sollte, in dem es Mäuse einfach „gar nicht gibt“! Auch wäre mein Nimbus eines Menschen ohne Gepäck, mit zwei paar Socken, zwei Flaschen Slibowitz, einem Buche „Was der Tag mir zuträgt“ und der nachts bereits Mäuse [165] sieht, dadurch beträchtlich erschüttert worden, und ich wäre sofort in die peinliche Kategorie eines sekkanten und höchst ordinären Passagiers herabgesunken. Infolge dieser Bedenken liess ich die Maus in einem für diese Zwecke ziemlich geeigneten Orte verschwinden und stellte meine Mausefalle auf dem Fussboden meines Zimmerchens wieder leer auf. Von nun an wurde ich mit noch zärtlicherer Rücksicht behandelt, man wünschte mich unter keinen Umständen zu erregen, gab nach wie einem kranken Kindchen. Als ich endlich abreiste, war bei allen freundschaftliches Mitgefühl und Attachement vorhanden, obzwar ich als Gepäck nur zwei paar Socken, zwei leere Slibowitzflaschen und eine Mausefalle mitnahm! * * *
Mir ist der Lift noch immer ein „Mysterium“. Ich bin nicht so blöde, durch leichte Gewöhnung an die Segnungen moderner Kultur mir den Reiz derselben zu zerstören! Ich fühle dieses geheimnisvolle Stiegenüberwinden, diese Kraftersparnis meiner Kniegelenke, meines Herzens, meiner ach! keineswegs kostbaren Zeit noch immer als etwas Wunderbares. Die Türe meines Lifts schiebt sich von selbst langsam zu, was für Leute mit Paketen oder Körben direkt störend, für einen Schriftsteller jedoch ziemlich angenehm sich gestaltet. [166] Ich weiss nicht, an welcher Art von Maschinerie mein Lift hängt. Ich erfahre nur hie und da durch den Hausmeister, dass heute etwas nicht ganz in Ordnung sei oder dass der Installateur da sei. Ich verstehe jedoch weder, was für eine Katastrophe im Entstehen war, noch was ein Installateur ist. Beides jedoch scheint mit eventuellen Lebensgefahren vereinbarlich zu sein. Grässlich ist es, mit einem fremden Menschen hinaufzufahren. Man glaubt die Verpflichtung zu haben, ein Gespräch zu entrieren, und überlegt es sich krampfhaft von einem Stockwerke zum anderen. Es ist eine verlegene Spannung wie bei der Maturitätsprüfung. Das Gesicht nimmt einen starren glotzenden Ausdruck an. Endlich sagt man: „Ich empfehle mich!“, mit einer Betonung wie wenn man eine Freundschaft fürs Leben geschlossen hätte. Deshalb, um allen diesen Unannehmlichkeiten auszuweichen, komme ich immer erst um 6 Uhr morgens nach Hause. Da darf der Lift noch nicht funktionieren. * * *
„In der Weisheit liegt alle Güte“ sagte der End-Entwickelte. * * *
[167] Die Zukunft ist die Gegenwart des Voraus-Schauers!! * * *
Ein Vanderbildt seiner Lebens-Kräfte. Vor allem: Warte auf die, um die du Tag und Nacht tief besorgt sein könntest, wie eine Mama um ihr zartes Baby. Nur von seelischen Tätigkeiten kommen dir unerschöpfliche Kräfte. Aus den inneren Tätigkeiten der Sehnsucht und der zärtlichen Besorgnis! Wehe dem, der „liebelos“ sich ausgibt. Nichts kommt ihm zurück von seinen gespendeten Kräften! Er züchtet sich seine künftige Stoffwechsel-Erkrankung, diese schreckliche Abrechnung! * * *
„Ich bin müde“ sagte der Dampfkessel, „aber man muss es überwinden.“ Da barst er. * * *
„Mein Kind gedeiht. Es kann nicht anders als gedeihen! Ein Ziegel müsste denn vom Dache stürzen und es treffen. Sonst aber habe ich sein Schicksal in ehernen Händen, nein, in ehernem Gehirne – – –.“ „Deutschland gedeiht“ sagte Bismarck, „ich habe sein Schicksal in ehernen Händen, nein, in ehernem Gehirne!“ * * *
Ja, alles! * * *
* * *
So friss doch Leder, in einer Fein-Hack-Maschine zu Brei zerrieben, also noch besser zerkaut! * * *
[169] Und zum edlen Gervais-Käse bedarfst du überhaupt keiner Zähne! * * *
* * *
Mit 60 bekam er ein schweres Magennervenleiden. „Er hat zuviel gelebt – – –“ sagte man. Ich glaube, zuwenig! * * *
Sie weinte bitterlich bei der Aufführung von „Rheingold“. Infolgedessen heiratete er sie. Sie weinte bitterlich bei der Aufführung von „Rheingold“. Infolgedessen wagte er es nicht, sie zu heiraten – – –. * * *
[170] Ihr einziges unzerstörbares Mysterium ist die Schönheit ihrer Form. Wie sollte durch das, was sie tut oder unterlässt, ihr süsser märchenhaft wunderbarer Leib schlechter, minderwertiger werden?!? Er spendet ewig gleichmütig seinen Märchen-Zauber! * * *
* * *
* * *
* * *
[171] „– – – – – nur bleibe mir immer, mein Sohn, elastisch wie Kautschuk, körperlich und geistig; daran allein werde ich es merken, dass die Frauen dir nur nützen und dich nicht belasten!“ * * *
* * *
In Schweiss gebadet, ruhten die Truppen, flach auf dem Boden liegend – – –. * * *
Alles andere ist Selbstbetrug! * * *
„Wenn ich nicht so gut mindestens tanzte, dass [172] alle anderen aufhörten zu tanzen und lieber zusähen, würde ich es überhaupt nicht wagen zu tanzen!“ * * *
* * *
„Wieso denn?!?“ „Sie setzt Fett an – – –.“ * * *
* * *
* * *
* * *
Jemand starb ihm dahin, den er lieb hatte – – – da schuf er die Symphonie „Gedenken“! * * *
* * *
Ewig kommen und versinken Welten auf deinem geliebtesten Antlitz, und ich stehe vor diesem brandenden Ozeane, ohnmächtig und dennoch in Andacht versunken!“ * * *
Ich sagte es ihr. Sie erwiderte: „Ich weiss es. Aber der Parfüm [174] „Cuir de Russie“ hat auf mich bereits schon eine anregendere Wirkung als er und seine Liebe – – –.“ * * *
„Ich musste es erst erfahren, dass du doch von allen der Beste seiest – – –.“ Sie musste es erst erfahren, dass man nicht ewig jung und anziehend bleibe und daher sich rechtzeitig an den Idioten anklammern müsse – – –. * * *
* * *
„Ich habe Hilsen Loute die Zigarette angezündet, 11 Uhr abends, Café D., 5. Februar 1905.““ * * *
Es gibt nur eine Perversität – – – sein Lebens-Kapital schwächen, verringern! * * *
Jeder müsste zu ihr sagen: „Waren Sie vielleicht kürzlich am Semmering?!?“ Wie das Antlitz eines, der in der Ziehungsliste soeben läse, er habe den Haupttreffer gemacht! Was man durch Turnen und Tanzen erreichen kann, Erhöhung des Stoffwechsels, muss mindestens auch die Liebe erwirken können! Sonst remonstriert [176] der Körper unbewusst gegen die angebliche „seelische Erlösung“! Im letzten Grunde ist die Liebe eine hygienisch-diätetische Angelegenheit. „Ich habe Otto sehr, sehr gern, aber meine Verdauungstätigkeiten lassen dennoch nach – – –.“ „Wenn Georg bei mir ist, werde ich frisch und unbedenklich.“ „Ich war sehr strenge gegen meine Dienstboten; aber seit ich Karl kenne, bin ich ungeheuer milde mit ihnen.“ „Wir sind alle Kanaillen, solange wir nicht unser „Ideal“ gefunden haben. Dann erst beruhigen wir uns.“ Der liebende Mann sagt: „Ich habe alles getan, was in meinen Kräften steht – – –.“ Aber was nicht in seinen Kräften steht?!? Da erst begänne vielleicht ihr Glück! * * *
* * *
Im Spiegel liest du deine Gott-Ähnlichkeiten ab – – – * * *
[177] „Als ich anfing, älter zu werden, begann ich für ihn wunderbare Stickereien zu verfertigen. Dadurch gab ich mich mit meinen nunmehrigen Kräften ihm hin, wie in den Zeiten meiner blühenden Jugend auf andere Weise. Ich sagte zu meinen Nachfolgerinnen: „Gebt nur acht, mit euren zarten nackten Füssen, auf seinen Bett-Teppich. Denn ich habe ihn in Tränen gestickt – – –.““ * * *
* * *
* * *
„Kannst du mir das antun, kannst du mir das, das antun?!? Du, du, die ich so märchenhaft lieb habe?!? Kannst du zu anderen Menschen gehn?!?“ Ja, sie konnte es. Sie konnte es ganz leicht und einfach. [178] Gibt es eine Mama, die zu Hause bliebe wegen des Jammerns ihres Kindchens?!? „Er wird sich schon beruhigen, gnädige Frau,“ sagte die Bonne, „gehen Sie nur rasch fort – – –.“ Aber er beruhigte sich nie. * * *
* * *
* * *
* * *
* * *
* * *
Sie erfüllen ihren Zweck in unübertrefflichen Vollkommenheiten. Zündhölzchen-Genies! Man ist immer wieder überrascht und tief erfreut. Ein Schächtelchen 4 Kreuzer! Niemals eine Enttäuschung. Ich kannte einen ganz armen Menschen, der immer Wax Vestas, Bryant and May, bei sich trug und den es glücklich machte, anderen damit Feuer anzubieten für ihre edlen Zigaretten. Man hielt es für unnötig in seinen Verhältnissen. Aber gerade in seinen Verhältnissen war es nötig. Der einzige Luxus, die einzige Noblesse, die er sich noch gestatten konnte! * * *
* * *
In einem solchen Hause möchte ich leben. Da befindet sich alles unbedingt auf der Höhe der Zahnstocher – – –! * * *
„Er opferte sich auf für mich; aber er hatte kleine schwarze Punkte auf der Nase. Deshalb musste ich ihn allmählich hassen – – –.“ * * *
* * *
[181] Wenn „Don Juan“ wirklich es wüsste, was eine Frau zu ihrem wirklichen Glücke brauchte, würde er momentan die Kraft verlieren, ein Don Juan zu sein. Nur aus seiner dummen Frechheit schöpft er die Kraft, ein sieghafter Don Juan zu bleiben! * * *
* * *
Der Weise muss eine Meinung eigentlich von uns haben, die uns alle zwänge, uns aufzuhängen! Einer, der alle unsere Unzulänglichkeiten spürte – – –. Deshalb favorisieren wir den Idioten. Aber wir wissen es dennoch zugleich, dass er einer ist!“ * * *
Aber die „Leugner“, die „Gottes-Leugner“ müsste man vorerst vernichten! Die „sich in den Weg Stellenden“ infolge von verkümmerten eingeschrumpften Herzen!! Fluch denen, die „das Tier in ihnen selbst“ predigen! Der Schachtelhalm-Wald, der den Buchen-Wald nicht ahnte und verleugnete! Und den zu endgültiger Gott-Ähnlichkeit prädestinierten Organismus „Mensch“! Fluch dem „nur sich selbst Sehenden“!! * * *
Die ersteren sind rohe Schurken, die letzteren Lebens-unfähige Allzuzarte. Wenn man aber die ersteren sofort umbrächte, könnten die letzteren verhältnismässig bequem bestehen! * * *
* * *
[183] Wenn eine Frau ihre eigene „ästhetische Unzulänglichkeit“ betrauert, wie muss sie den eigentlich verachten, der davor weinend in die Kniee sänke – – –. „Ich weiss, was du von mir brauchst, Schurke, aber sage es doch wenigstens gerade heraus – – –“ fühlt sie. Man kann nur Vollkommenheiten anbeten. Denn nur diese sind in der Lage, es uns zu glauben, dass sie vollkommen sind! „Jawohl, mein Herr, mein Busen ist so, wie sie ihn besingen – – –.“ * * *
„Jawohl, mein Herr, das bin ich“ erwidert ruhig die versierte Wärterin. * * *
„Weshalb lässt Karl morgens jedesmal die Seife in das Seifenschüsselchen herabfallen?! Kann er sie denn nicht leise hinlegen?! Oh wie ich auf dieses Geräusch [184] schon bereits ängstlich und verzweifelt jedes mal warte, lauere! Oh wenn ich es ihm nur einmal sagen könnte! Aber ich werde es nie!“ * * *
* * *
Oder sollten sie ihn nie gehabt haben?!? * * *
* * *
Sehr geehrter Herr, Sie haben mir es heute brieflich mitgeteilt, dass Sie sich in bezug auf Ihre geliebte Frau und mich in qualvoller Todesnot befinden. Obzwar Ihre süsse Gattin mir nicht gleichgültig ist, ist es von nun an [185] für mich selbstverständlich, Sie, mein Herr, in jeder Beziehung zu berücksichtigen. Ergebenst
A. R.
* * *
* * *
„So gehe denn, Anna! Aber möge er mindestens so glücklich werden an dir wie ich bereits, wenn ich den Griff deines Schirmes an meine Lippen drücke – – –.“ Da sagte sie erbleichend: „Ich gehe nicht –.“ * * *
Wenn du es kannst, dann bin ich verloren. [186] Denn unsere Seele ist nicht anders vor euch wie eine lebende und eingefangene Fliege.“ * * *
Vor der Zeit wurde sie alt, wegen der Enttäuschungen, wie alle Menschen. Es ist ein Krebs der Seele, unmerklich zernagend. Sie wurde 60 Jahre alt, immer dicker, immer gelber, immer enttäuschter. Ihr ältester Sohn hatte ihr schon vor Jahren gepredigt: „Mama, Schlafen ist wichtiger als Essen und Trinken. Lasse doch wenigstens der Natur Zeit die Sünden unserer Unwissenheiten zu tilgen!“ Sie erwiderte: „Um 6 Uhr morgens muss aber das Speisezimmer gebürstet, geklopft werden, ferner, aber davon verstehst du ja nichts – – –“ Nein, davon verstand er nichts. Die Lebens-Ordnung auf Kosten der Hausordnung! Diese Hausordnung wurde ihr grässlicher Henker. Das Gesetz der leblosen Materie hatte das Gesetz der lebendigen Materie besiegt! Die Hausordnung die Lebensordnung! Eines Nachts wurde sie gehenkt, gehenkt, gehenkt – – – – – dann im letzten entsetzlichen Augenblicke befreit, losgemacht, abgeschnitten – – – aufgespart nämlich für einen späteren noch entsetzlicheren Anfall der Herzkrankheit und Atemnot! [187] Die Augen, die Augen, erfüllt mit unsäglicher Angst! Diese Augen schrieen: „Hilfe!“ Ihre Tochter, die sich selbst in Leid verzehrte, wegen der mannigfachen Enttäuschungen, Krebs der Seele, und ebenfalls ein bisschen dick und schwammig wurde infolgedessen, sagte nach diesem ersten Anfalle: „Heute habe ich mir einen Revolver gekauft. Wenn mir dasselbe passierte wie Mama, passiert es mir ein zweites Mal nicht mehr – – –“ Der älteste Sohn sagte: „Gott führt Buch über unsere Einnahmen und Ausgaben während unseres ganzen Lebens. Er hofft, dass wir haushalten werden, segnet uns darum. Aber wir tun es nicht. Gott weint nicht über uns, lächelt nicht über uns. Er ist gerecht und wartet. Er will die Wahrheit unseres Lebens durch entsetzliche Strafen erzwingen. Er kontrolliert den allmählichen Konkurs des Lebenskraft-Kapitales und bestraft ihn mit „chronischer Krankheit“! Man erwiderte dem ältesten Sohne: „Philosophieren statt Mitleid haben, pfui, aus der Art Geschlagener!“ Ja, aus der Art war er geschlagen: Er besass das rechtzeitige, das vorzeitige Mitleid, das Präventiv-Mitleid, jenes allein wertvolle Gefühl, das sich bereits mit dem Denken vermählt hat, das Herz-Gehirn, das Gehirn-Herz! Die alte Schwester der kranken Dame spielte mit ihr jeden Abend Bézigue, liess sie gewinnen, [188] damit sie noch ein bisschen sich freuen könne. Man schickte ihr aus Aufmerksamkeit Seefische, Austern, Champagner, beaf tea jellie ins Haus. Sie dachte: „Für die Würmer mästet man mich.“ Aber sie sagte: „Ich danke euch von ganzem Herzen. Es hat mich so erfreut.“ Dem ältesten Sohne sagte sie: „Du, ich habe 45 Jahre hindurch meine armen Dienstboten morgens um 5 Uhr aus dem Schlafe getrieben, wegen der Hausordnung. Glaubst du, dass das nun die Strafe ist?!?“ „Ja. Ich glaube es. Ich weiss es!“ Die Verwandten kamen meistens nachmittags. Da war das Haus schon in Ordnung. Die Sterbende sagte bei der Jause: „Willst du den Tee licht oder dunkler, bitte, du kannst beides haben, nein, es macht wirklich keine Mühe?!? Mit Milch oder mit Rum?!? Oder mit Zitrone?!? Bitte, bediene dich doch. Ja, was du mir da erzählst, ist wirklich sehr komisch. Nein, wer hätte das gedacht?! Marie, servieren Sie die Orangen-Creme. Bitte, nehmen Sie von den Südfrüchten. Auf meine Datteln und Malagatrauben bin ich wirklich sehr stolz. Ich verrate nicht die Quelle.“ „Dieses Geheimnis nehme ich ins Grab mit,“ sagte sie lächelnd, worauf sie jemand vorwurfsvoll auf die Hand tippte. Abends war sie ganz erschöpft von der Jause und den Gesprächen. Um 9 Uhr spielte ihre alte Schwester mit ihr Bézigue und liess sie absichtlich gewinnen. [189] „Wie konntest du! Wusstest du denn nicht, dass alle 8 Könige bereits draussen sind?!?“ Nein, sie wusste es angeblich nicht. „Ich getraue mich wirklich kaum, die 50 Heller von dir anzunehmen – – –“ „Mache doch keine Geschichten. Ich habe korrekt verloren.“ „Nun, auf Revanche.“ In derselben Nacht kam der letzte Anfall. Das Herz arbeitete sich zu Ende. Es wollte und konnte nicht. Entsetzlich! Sie starb lautlos. Die Tochter erwachte und sagte in die Dämmerung hinein: „Mama – – –“ Dann schrie sie: „Marie, Agnes – – –“ Die aus dem Tief-Schlafe aufgeschreckten Dienstboten erschienen fast taumelnd. Am Vormittage erschien der älteste Sohn. Er sagte zu Marie und Agnes: „Ihr seid ja ganz gelb. Ihr habt zu wenig geschlafen. Legt euch nieder!“ Zu seiner Schwester sagte er: „Lege dich nieder und schlafe! Bist du nicht gewarnt genug? Ich werde sorgen, dass dich niemand wecke – – –“ Sie fiel weinend in Kleidern aufs Bett. So wurde es 1 Uhr nachts. Und nichts rührte sich im Hause. Der älteste Sohn hielt Wache! Er trat in das Zimmer zu der toten Mutter, stellte sich hin, küsste ihre Hand und sagte: „Zum ersten Male schläfst du dich aus, Irregeleitete! Ich hielt seit [190] jeher den Schlafenden für einen Gestorbenen. Er ist unfähig für das Lebendigsein, noch nicht reif, noch nicht parat. Ich hatte immer tiefstes Mitgefühl, wenn das Leben ausrasten wollte vom Leben! Nun wirst du die Stunden einbringen, arme Mama, mit Zinsen und Zinseszinsen!“ Am Tage des Leichenbegängnisses sahen alle ganz unausgeschlafen aus, gelb, verwittert, schlaff, wie vorzeitig gealtert. Sogar der Hausmeister und die Hausmeisterin, die die Sache nichts anging, sahen verfallen aus. Die Tote im Sarge hatte ein ganz friedevolles Antlitz. Die Tochter liess am nächsten Morgen das Speisezimmer usw. usw. bürsten, klopfen, reinigen, die Teppiche mit Kraut natürlich. „Wenn Mama es noch sehen könnte – – –“ fühlte sie. * * *
Ich sah wie du gingst, schleichend schleifend gleitend, mit weiten Schritten, der Oberkörper sanft nachgebend der Bewegung. Da liebte ich dich! Ich sah deine wunderbaren schmalen Hände mit den leichten langen adeligen Fingern auf der Sessel-Lehne lässig lehnen, schwebend, wie Schmetterlinge noch fast im Fluge auf Blütendolden sitzen. Da liebte ich dich! Ich sah dich sanft dich bücken und in unerhörter [191] Leichtigkeit irgend einen Gegenstand vom Boden aufheben. Da liebte ich dich! Ich sah dich deinem Vater schmeichelnd über die grauen Haare zärtlich streichen. Da liebte ich dich! Ich sah dich deinen Goldfischen das Wasser im Aquarium sorgsam reinigen. Da liebte ich dich! Ich sah dich genial Lawn-tennis spielen. Da liebte ich dich! Ich sah dich in japanischer Grazie Tee trinken. Da liebte ich dich! Ich sah dich sticken und nähen, lesen und Briefe schreiben. Da liebte ich dich! Ich sah dich mit einem Wort in allen deinen süssen unbewussten Wahrhaftigkeiten. Da musste ich dich lieben, lieben! Aber es kam ein Tag, da geschah alles nur mehr für mich, für mich, und mir zuliebe – – –. Da hörte ich auf, dich zu lieben! Ich war gerührt, erstaunt, ergriffen, selig und bewegt – – –. Aber es war, wie wenn eine riesige mysteriöse grenzenlose Liebe nun in kleinem handlichem Taschenformat herauskäme, eine gemeinverständliche Edition. Die zum Gebrauche adaptierte Liebe – – –! * * *
Es ist Sache des Kulturmenschen, sobald er auch nur einen einzigen Gulden in seinem Eigentume hat, ein Testament zu machen! [192] Die Möglichkeit der Verfügung über irgend ein Eigentum über das Leben hinaus aus der Hand zu geben, ungenützt zu lassen, ist die Fahrlässigkeit eines Unkultivierten! Das Testament und seine Art ist das Zeichen aller Kultur-Grade in einem testierenden Organismus! Dein Testament bist du! Hier allein kannst du, losgelöst von Zwang und Leidenschaft der Stunde und des Tages, gleichsam träumerisch, versunken in eine Zeit, da das Irdische nichts mehr für Dich bedeutet, deinen in freier Geistigkeit, in freier Seelenruhe geläuterten Willen wirken lassen! Das bisher durch tausend Rücksichten geknebelte Menschentum in dir mag in dieser Stunde der Entrücktheit aus diesem verworrenen Getriebe „Leben“, nun erblühen, sich dieses einzige Mal vielleicht entfalten, und, während du bisher als starrer Ich-Mensch leben musstest im Kampf ums Dasein, erwachse in dieser kurzen Stunde der Testament-Abfassung deine bis dahin unterdrückte Menschenfreundschaft! Gerechtigkeit und Sanftmut, Weisheit, Voraussicht, edle Menschenkenntnis, befeuert und gestärkt durch seinen lebhaften philosophischen Trieb, seine Dankbarkeit für das gütige Schicksal des Daseins, das einem Eigentum verlieh, zu beweisen, vereinigen sich nun in dem Organismus eines kultivierten Testators zu einer seine bisherigen Lebenskräfte in eins zusammenfassenden und das Gebäude seines [193] Lebens krönenden geistig-seelischen Betätigung! Wehe den konventionellen gleichgültigen Testamenten! Der letzte Wille sei gleichsam ein Überfliegen über seine eigene Persönlichkeit hinaus, aus freierem friedevollerem Lande kommend, mit verklärter Geisterhand geschrieben, einen Hauch von Gottes Gnädigkeit enthaltend! Dein Testament bist du! Es trage den Stempel einer abgeklärten Stunde, da ein bereits Verstorbener dennoch am Leben war! Es sei der Ausdruck der von düsterer Erdenschwere erlösten Menschenseele, die versäumten Idealismus nachholen möchte! * * *
Jeder Kultur-Mensch müsste eine Schreibfeder haben, die irgendwie mit seiner Persönlichkeit zusammenhinge! Man müsste es sich einfach nicht recht vorstellen können, wie er mit einer anderen schreiben könnte. Jede andere müsste für ihn direkt eine Gedanken-Hemmerin, eine Empfindungs-Zurückdrängerin sein! Während die ihm zugehörige Schreibfeder gleichsam von selbst Geist und Seele zu Papier brächte, in Schrift umsetzte! Meine Feder ist die blaue Stahlfeder Kuhn 201. Wie eine Cremoneser Geige, wird sie durch Benützung immer sanfter und besser. Oft scheint sie [194] fast dem sogenannten „ Gedankenfluge“ vorauszueilen. Jedesfalls überlasse ich mich ihr, als einer sicheren edlen Führerin. Ein ausländischer Psychologe schrieb mir vor zwei Jahren: „Ich brauche es für ein grundlegendes Werk – – – was wissen Sie mir über die Art Ihrer Produktion Wichtiges mitzuteilen?!?“ Ich erwiderte sofort: „Blaue Stahlfeder Kuhn 201, Papier-Gross-Quart-Format, starke Pappendeckel-Unterlage, um, im Bette liegend, schreiben zu können. Seelenruhe und etwas Geld. Alles andere nebensächlich!“ Wenn mir eine junge Dame sagt: „Ich schreibe alles nur mit der Feder so und so,“ wird sie mir bereits dadurch innerlich nähergerückt. Wenn eine ältere Dame es sagt, halte ich es für eine Schrulle. Keine bestimmte Schreibfeder zu benützen, ist ein Zeichen von „mangelnder Individualität“ würde ein Moderner dekretieren. Ich aber sage nur sanft und bescheiden: Blaue Stahlfeder Kuhn 201, sei bedankt! * * *
Sandalen, ideale Fuss-Nichtbekleidung! Überlege es aber erst, ob die „fatale Neuerung“, der du dich ergibst, in der ästhetischen Welt entschädigen könne für die Unannehmlichkeiten gestörter und verletzter Gewohnheiten!?! Ob deine zarten Gelenke am Fusse, dein hoher [195] edler Rist, deine lieblichen rosigen und beweglichen Zehen, deine Mitmenschen mit dem ungewohnten Anblicke deiner Nacktheiten zu versöhnen imstande sind?!? Ich sah einst im Sommer auf der See-Esplanade zwei Kinder von 9 und 11 Jahren mit Sandalen und nackten Füssen. Die Schönheit des Anblickes kämpfte einen Augenblick lang mit der Un-Gewohnheit. Aber das Künstlerisch-Vollkommenetrug den Sieg davon. Nur wünschte ich es mir sogleich innerlich dringend, nicht alle anwesenden Kinder auf der Esplanade von nun an mit nackten Füssen in Riemen-Sandalen spazieren gehen zu sehen. Die „Gunst des Schicksals“ spreche da stets das letzte Wort, und die „perfide Eitelkeit“ sogleich tölpelhaft mitkonkurrierender Mütter würde die „hygienisch-diätetische“ Welt zwar fördern, aber der „ästhetischen Welt“ zugleich schreckliche Opfer auferlegen! Der Fuss, nackt in Riemen-Sandalen, ist das gewiss gleichsam von der Natur vorbestimmte und vorausgeträumte Ideal. Aber zu dieser letzten und höchsten Entwicklung des Fusses muss man erst gleichsam die griechischen Götter der Schönheit versöhnt haben durch ästhetische Vollkommenheit! Bleibe solange verhüllt, eingesargt, oh Mensch, in deinem Gewande, bis du durch Schicksal [196] oder Selbst-Erziehung ein „ästhetisches Zeugnis der Reife und Vollendung“ vor dem Throne der Natur niederzulegen imstande bist! Riemen-Sandalen an nacktem Fusse sind die ideale Fussbekleidung! Aber möge dieser durch seine Form-Vollendung erst es versuchen, mit seiner ungewohnten Nacktheit die Mitmenschen zu versöhnen! * * *
In einem Prater-Wirtshaus. 5 Kreuzer-Tanz. Nachts. Sie und er an einem Tische. Sie, spöttisch, aufreizend: „No also, jetzt sein mer alsdann da – – –.“ Stille. Er: „No, hab’ i Ihna g’hindert zu tanzen?!? Na also. Was woll’ns?!?“ Sie: „Wer red’t von Tanzen?!?“ Es kommt jemand, sie zum Tanze aufzufordern. „Ich danke, ich tanze nicht – – –.“ „Gib doch dem Herrn keinen Korb – – –.“ Sie blickt ihn an, blickt ihn an, fühlt: „Du Falscher, du Feiger – – –.“ 3 Uhr morgens. Er lauert ihr und ihren beiden Tänzern auf, schleicht nach, verschwindet. Ein Morgen, ein Vormittag, ein Nachmittag des Irrsinns, der Herzens-Not. Krebs der Seele. Es frisst an, zehrt, untergräbt, höhlt aus, vernichtet. Kanaille! [197] Abends 5 Uhr kommt er mit ihr zusammen bei der Sophienbrücke. Sie habe nur getanzt, er selbst habe sie dazu doch animiert. Nichts sei geschehen. Wirklich gar nichts. Er steht schweigend. „No,“ sagt sie, in der tausend Leben unausgeschöpfter Jugend brausen, „no,“ sagt sie liebevoll, „Sie grosser Dummrian, Sie – – –.“ Er sticht ihr ein Messer in den Bauch. Die Wiener Geschworenen sprachen ihn frei vom Morde, wegen „momentaner geistiger Unzurechnungsfähigkeit“. Der Dichter aber träumte: „17-Jährige, tausend Leben unausgeschöpfter Jugend brausten in dir – – –. Amen.“ * * *
Nach den Mühseligkeiten, Demütigungen des Gelderwerbes vermittels Blumen und Champagner im „Englischen Garten“ kommen die Mädchen ins Kaffeehaus, als freie Herrinnen, zu ihrem eigenen Vergnügen, gleichsam momentan in Prinzessinnen umgewandelt aus dienenden Sklavinnen. Niemand darf mehr denken über sie: „Zudringliche Geschöpfe“ oder es sogar aussprechen: „Bitte, belästigen Sie uns nicht!“ Sie sind Damen geworden, die Gnaden austeilen, nach Laune und eigenem Willen. Von 3 Uhr morgens [198] an spielt Herr Karl dort auf seiner süssen sanften Geige. Wally beginnt zu tanzen und Steffi und Tertschi. Jede in ihrer Weise eine Vollkommenheit. Wally tanzt, wie eine kranke, leidenschaftliche Seele sich austanzen möchte, um sich zu erlösen. Oft mit Tränen in den Augen und Hilfe suchend. Steffi tanzt in wilder, wunderbarer, unermüdlicher Kinder-Naturkraft. Tertschi tanzt wie die süssen Wiener Mädel tanzen auf dem Relief vom Strauss-Lanner-Denkmal im Rathausparke. Wie ein Modell zu Seiferts wunderbar zarten Reliefen ist sie. Besonders der Gesichtsausdruck. So weltentrückt vor Tanzesfreude. Erfüllt von romantischen Träumereien und Hirngespinsten und unerfüllbaren Sehnsuchten und Gutmütigkeiten sind diese Mädchen. Künstlerische Anmut wird in ihnen frei bei den Klängen des Kake-Walk und der polnischen Mazur. Man versteht es, dass sie in heldenhafter Leichtsinnliebe eventuell in Abgründe stürzen und zerschellen, klaglos und dennoch verwundert über ihr Schicksal. Wer will sie denn je erretten, beschützen, betreuen?!? Wer hat Achtung und Ehrfurcht vor ihren künstlerischen Qualitäten?!? Der Mann ist dumpf und stumpf und träge in seiner ermüdeten und ebenfalls enttäuschten Seele. Daran gehen diese Mädchen zugrunde. An dem, was die schlechteren Mädchen am Manne [199] gesündigt haben. Er rächt sich – an den besseren unter ihnen. Es schämt sich ausserdem heute ein jeder, begeistert zu sein, aus sich selbst für Augenblicke herauszutreten, einfach ausser sich zu sein! Jeder hat im Kampf ums Dasein irgendwo eine schäbige Würde zu bewahren, eine Stellung zu berücksichtigen! Einer Lüge seine Wahrhaftigkeit zum Opfer zu bringen! Nur die Würde seiner menschenfreundlichen Begeisterung achtet er nicht! Er hat nicht den Mut, in diesen Mädchen ein tiefes Künstlertum zu erlauschen, zu entdecken. Es sind eben noch keine „protokollierten Firmen“ à la Cleo, Otero, Cavalieri, Paquerette. Für Blumenmädel und Champagnermädel setzt man sich noch nicht ein. Die verführt man und nützt sie aus, wirft sie dann weg wie Krebsschalen und Zitronenschalen. Feiges, duckmäuserisches Gesindel der Männer! Nur vor immens bezahlten „Sternen“ habt ihr den Mut, begeistert zu sein? Weshalb? Weil ein Variété-Direktor ihnen 6000 Kronen monatlich bezahlt? Das, das treibt euch, Hohlköpfe, zu Schulden und Verbrechen? In unbeschreiblich rührender Weise bieten Wally, Steffi, Tertschi ihre Künste gratis dem Zuschauer dar im Café, 3 Uhr morgens. Keine Brettl-Diva könnte je so wirken. Man erlebt Menschenschicksale. Schweigende Not des Herzens und wiederum daneben die kreischende [200] Verzweiflung. Und alles ausgelöst durch Alkohol und Musik. Frei geworden in der geknechteten Seele! In den Ruhepausen singt die süsse, sanfte Geige: „Madrigal“ und „Ouvres tes yeux bleus“ und „Wenn es am schönsten ist, dann muss man scheiden“. Tertschi, du hast die idealsten zartesten Beine und Füsse von der Welt und die süsseste wienerische Anmut! Wally, du tanzest die Leiden der Seele und ihre Qualen! Steffi, du bist die Tanzkönigin an und für sich, in edler Bewegung jauchzend, erst dabei du selbst werdend! Morgens zwischen 3 bis 5 Uhr spendet ihr eure edle Künstlerschaft! Im „Englischen Garten“ waret ihr Angestellte, Verkäuferinnen, Sklavinnen. Da aber seid ihr freie Herrinnen, so ohne Wunsch und Zweck. Edle, süsse, geniale Tänzerinnen! Seid bedankt und gesegnet! * * *
Er fiel ab bei ihr. Der Herr A. Obzwar er ein ganz netter Bursche war. Nichts interessierte sie nämlich an ihm. Ihr zartes Nervensystem blieb stumpf in seiner Gesellschaft. „Er regt mich nicht an,“ sagte sie. Es war eben einmal so und nichts zu machen trotz aller seiner guten Eigenschaften. An einem sehr drückenden August-Tage (die Zeitungen brachten ungeheuerliche Berichte von Sonnen-Stich [201] in Amerika) sprach man von der Fliegen-Plage und ihrer grausamen Störung bei Kühen und Pferden; und bei Menschen besonders während des Nachmittag-Schlafes. Und von der Unzulänglichkeit der patentierten, in allen Ländern patentierten Apparate „Fliegentod“! Lauter Leim-Mittel, an welchen die Fliegen nicht kleben bleiben wollten. Da sagte jemand in der Gesellschaft: „Beneidenswerter Herr A., der unfehlbare Fliegen-Jäger!“ „Wie macht er es denn?!?“ sagte die Dame und erwachte aus dem Märchen-Schlummer ihres eigenen Nervensystemes. Es war nämlich der Herr, der sie durch nichts emotionieren konnte. „Wie fängt er denn die Fliegen?!?“ „Er schleicht sich mit der hohlen Hand an, er „pürscht“ sich an, und unfehlbar, eine blitzschnelle Bewegung, hat er sie und futsch – – –.“ „Besuchen Sie mich morgen nachmittags, Herr A.,“ sagte die Dame herablassend. „Auf die Fliegen-Pürsch!“ Er nahm an, wie zu einer anderen Jagd-Einladung. Z. B. im Vorfrühling zur Hahnen-Balz im Gebirge, oder zum Hasen-Triebe oder auf Rehe. Er fing ihr, unfehlbar, alle Fliegen weg, mit ungeheurer Präzision. Sie war ganz begeistert. Er hätte nun sagen können: „Den Dank, Dame, begehre ich nicht“ und hätte sie zur selbigen Stunde verlassen können – – –. [202] Aber es war ja gar kein so gefährliches Abenteuer – – –. Infolgedessen sagte er nicht die Schluss-Pointe von Schiller! Und zur „selbigen Stunde“ verliess er sie auch nicht. Sondern etwas später. „Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie so geschickt sein können – – –“ sagte sie sanft zu dem Fliegen-Fänger. * * *
Um 12 mittags haben wir immer das Geschäft gesperrt. Da ist sie gekommen, unseren Herrn Chef abzuholen. Wunderbar war sie. Wie eine Kaiserin. Um 7 abends haben wir zugesperrt. Da ist sie gekommen, unseren Herrn Chef abzuholen. Wunderbar war sie. Wie eine Kaiserin. Dann ist sie aber plötzlich nicht mehr gekommen. Und dann hat unser Herr Chef den Oberleutnant im Duell erschossen. Dann ist auch unser Herr Chef nicht mehr regelmässig ins Geschäft gekommen. Dann ist er ganz ausgeblieben. Aber eines Tages ist er wiedergekommen und hat zu uns gesprochen: „Ich danke euch für eure seltene Pflicht-Treue.“ Und unseren Gehalt hat er uns freiwillig erhöht. Wir waren sehr befriedigt. Aber die Frau, die wie [203] eine Kaiserin aussah, haben wir nie mehr zu Gesicht bekommen – – –. * * *
Also Arterien-Verkalkung höchsten Grades – – –. Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt hat: „Ich glaube nicht, dass mein Erscheinen jemanden je so glücklich gemacht hat wie Sie! Mein Mann ist auf Sie nicht eifersüchtig. Natürlich. Dennoch hat mein Erscheinen nie jemanden so glücklich gemacht wie Sie. Ich danke Ihnen – – –.“ Die Berg-Wiesen in R. werden duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. Sie sprachen direkt zu mir: „Wir haben niemanden je so glücklich gemacht wie dich – – –.“ Enkelin, süsse, bescheidene, allzuzarte, verlegene, in dich gekehrte, immer spürtest du es: „Mein Grosspapa versteht mich besser als alle – – –.“ Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: „Warte, warte auf einen, der dich so, so verstünde wie dein verstorbener Grossvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten können – – –.“ Amen – – –. Arterien-Verkalkung höchsten Grades – – –. Lebet wohl! * * *
[204] Aus dem Tagebuch eines süssen Mädels in Wien. „Ich hab den Peter so gern, wenn er nicht da ist. Da hab ich ihn lieber wie alle anderen. Aber wie er da ist, mag ich ihn nicht mehr. Er ist so beschwerlich für uns, wie wenn ein Fisch in der Luft atmen müsste!“ Ich weiss nicht, was das ist. Man kennt sich nicht aus in ihm. Hat er uns gern, hat er uns nicht gern?!? In seinen Briefen, da ist er wirklich der einzige Peter, wie er leibt und lebt! Seine geschriebenen Worte glaubt man ihm aufs Wort, aber nicht seine gesprochenen – – –. Er ist aber auch nur als Geschriebener der Peter! Da ist er so, dass man gerührt ist, wenn man an ihn denkt! Aber wenn er kommt, ist alles aus. Er verlangt zum Beispiel in einem Briefe ein lila Strumpfband, das ich lange Zeit getragen habe. Wenn man diese begeisterten Worte liest, möchte man sofort das Strumpfband ausliefern, in Freude und Glück. Aber wenn er persönlich kommt, sagt man ihm sogleich: „Nein, ich gebe das Strumpfband nicht her. Wie komme ich dazu?! Und übrigens, was hast du davon?! Es ist ein Unsinn. Und überhaupt, es passt mir nicht – – –.“ „Bitte sehr,“ sagt er, „ich dachte, du könntest es entbehren. Ich hätte dir ein wunderschönes neues Paar gegeben – – –.“ [205] „Ich brauche keine neuen. Ich behalte lieber meine alten – – –. Mach mich nicht nervös – – –“ Kaum ist er draussen, möchte man ihn zurückrufen, ihm das Strumpfband mit tausend Freuden schenken. Aber man ruft ihn nie zurück, schenkt ihm nie das Strumpfband. Sondern man fühlt: „Er wird traurige Stunden haben meinethalben – – –. Der arme süsse Peter – – –.“ Anmerkungen (Wikisource) |
