Pròdromos

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Textdaten
Autor: Peter Altenberg
Titel: Pròdromos
Untertitel:
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Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1906
Verlag: S. Fischer Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
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[7]

Peter Altenberg / Pròdrŏmŏs


Ein unbescheidener Titel. Im Titel liegt das,
was man gewollt hat. Und im Inhalt das, was man
nicht gekonnt hat. Die Gegenwart wird ihn verdammen,
pardon, belächeln. Aber die Zukunft wird ernst
und nachdenklich bleiben. Ein Wegweiser ist kein Ziel. Aber
ein Weg-Weiser!


* * *

Keiner, dem laut tönend zu sprechen ist, hat das Recht,
stumm abzutreten. Und wenn er nur verkündet, welches die
beste Tinte, welches die vorzüglichste Schreibfeder sei.
Nur der Stumme ist unnützlich. Er könnte
niemandem den Weg ein wenig verkürzen helfen,
erleichtern, den er selbst zu wandeln hatte zeitlebens, vom
Irrtum zum Richtigeren! Und ein jeder, ein jeder deckt
Irrtümer auf, Zeit seines Wandelns. Aber er zieht es
vor, es mit ins Grab zu nehmen. Weshalb! Aus Schadenfreude.


* * *

Die Natur ist der Embryo des Geistes.

Der Geist ist die endentwickelte Natur.

Der Geist muss die Natur in sich besiegen, wie der reife
Mensch seine unsinnigen Kindlichkeiten!

Oh schöne Kinderzeit, wenn du nur nicht so
stupid wärest! Oh schöne Kinderzeit, wenn
du

[8]

nur nicht so unsicher

wärest! Immer kannst du eine Tollkirsche für eine
Kirsche nehmen – – –.

»Aber das ist ja gerade das Rührende und Poetische
daran« erwiderte mir eine Dame mit verklärten
Blicken.

»Das finde ich nicht«, erwiderte ich trocken.


* * *

Die Natur in uns träumt es nur
dämmernd: Iss erst, bis du hungrig,
höre auf, bevor du satt bist!

Der Geist in uns jedoch befiehlt es unerbittlich:
Iss erst, bis du hungrig, höre auf,
bevor du satt bist!

Wir reagieren leider nicht auf Träumereien. Nur auf
Feldherrn-Befehle! Das Moltke-Gehirn in uns! Gehirn,
der Sieger! Nacht-Träume sind nicht zwingend. Aber
Tag-Erkenntnisse!


* * *


Die Diätetik liegt eingesargt in Büchern.

Sie muss wieder auferstehen in Gehirnen!


* * *


An eure Pflicht, Eltern! Eltern-Liebe! Nein,
Eltern-Erkenntnisse! Eltern-Weisheit

ersetze endlich die dumme und bequeme Eltern-Liebe!


* * *

Solange du sagst: »Nun ja, ich gebe es zu, die Luft in
diesem Raume ist gerade nicht Ozon-reich,

[9]

Waldesluft ist anders – –

–,« solange du noch die tändelnde ironische
Note zur Verfügung hast, bist du unreif und unrettbar.
Erst bis du sauerstoffarme Luft in irgend einem Raume, in dem
du zu atmen gezwungen bist, als eine tödliche
Beleidigung deines Organismus, als ein Verbrechen an ihm, als
eine Selbst-Verstümmelung empfinden wirst, bist du auf
dem Wege des Reif-Werdens! Auch Erkenntnis ist noch zwanglos.
Zwingend ist erst Verzweiflung!


* * *


Der junge Neger in Europa sagte: »Ich bleibe meiner
Freundin in Afrika getreu. Ich gehe niemals mit Damen
schlafen, die ›auf mich fliegen‹, oder auf die
›ich fliege‹, also aus Liebe. Ich gehe nur mit
Damen, die ich mir kalt bezahlen darf.«

Es gibt nur »seelische Untreue«! Sonst
könnte der Genuss einer ersehnten Speise auch fast
bereits Treulosigkeit sein!


* * *


Ich kenne nicht absolut genau den Wert-Grad von
Schlafmitteln. Professor Neusser nannte mir als die
überhaupt unschädlichsten Veronal und Hedonal.
Daher sind sie es wahrscheinlich. Ferner Alkohol,
insofern er einschläfernd wirkt!

Aber das ist das allein Wichtige dabei: Jedes
Schlafmittel muss im Organismus seine Wirkung vollkommen
zu Ende auswirken können! Es muss sich gleichsam
restlos in Schlaf umsetzen

[10]

können! Das heisst,
ungestörter Schal in sauerstoffreiner

Luft, also bei geöffneten Fenstern, bis zum
von-selbst-Erwachen! Es gibt da keine
konventionelle Zeitbemessung. Eine jede wäre ein
Verbrechen!

Möge das Unnatürliche wirken, bis das
Natürliche zu seinem notwendigen Siege gelange! Das
Schlaf-Mittel verzehrt sein Gift selbst
restlos im Schlafe, wenn es durch nichts daran
gehindert wird!

Ich schläfere dich künstlich ein, damit du
natürlich erwachest!

Lasse dich um Gottes willen durch die übertriebenen
Zahlen »15 Stunden Schlaf«, 20 Stunden Schlaf, 30
Stunden Schlaf, nicht abschrecken! Es kommt ein Augenblick,
da du nicht weiterschlafen kannst! Um diesen allein
handelt es sich. Ein fast Übersättigtsein

von Schlaf muss eintreten. Du wirst dich matt und
ungewöhnlich dabei fühlen. Die Natur hat aber alle
Gifte in dir bereits besiegt! Der Sieger darf sich matt und
ungewöhnlich fühlen! Vom Siege!

Irgend ein Schlaferzeugungs-Mittel nehmen und demselben nicht
Zeit lassen, im Organismus sich endgültig auszuwirken
als Schlaf, ist eine Art von Selbstmord.

Es ist der »tückische Selbstmord«,
der ungewollt gewollte!

Es ist der idiotische Selbstmord.


* * *

[11]

Wenn ich auf der Strasse im Spätherbst
oder sogar im Winter eine junge Mutter antreffe, deren Kinder
noch Socken und keinerlei Unterkleider tragen, möchte
ich jedesmal vor ihr ehrerbietig Front machen!


* * *


Eltern verdienen erst diesen Ehrentitel »Eltern«,
wenn sie in höchster Kultur, in höchstem Wissen, in
Liebe, in genialer Intuition, es zuwege bringen, das
Pubertätsalter ihrer Kinder bis an die
äusserste mögliche Grenze
hinauszurücken! Der Natur Zeit lassen, Zeit

lassen ist alles!

»Meine Tochter wurde erst Weib mit 17 Jahren, mein Sohn
erst Mann mit 17« sagte eine edle Dame stolz zu mir.
Und ich segnete diese einzige Mutter innerlich.


* * *


»Das Geschlechtsleben meiner Kinder ist meine bange
zitternde Sorge Tag und Nacht«, sagte eine Adelige zu
mir. Anderen sind es die Dienstboten und Kleider und
Hüte.


* * *


»Mein Sohn wird bestimmt zu mir kommen und
mich fragen, wenn er nach dem Weibe verlangt!«
sagte ein edler Vater zu mir zuversichtlich. »Was aber
soll ich ihm antworten! Mir bangt!«

Sagen Sie zu ihm: »Gehe zu jenem Weibe, bei

[12]

dem der Gedanke, sie nie wiederzusehen, dich
tief bedrücken würde! Selbst im Bordell
kannst du eine solche finden. Es muss unter allen
Umständen vorerst eine seelische Angelegenheit

sein!«

Aus Seelischem allein erblüht Kraft und
Frieden.


* * *


Bei geschlossenen Fenstern schlafen und so die Luft, die der
Organismus als für seine Zwecke unbrauchbar ausatmet,
wieder einatmen müssen, heisst ein idiotischer
Selbstbetrüger sein!


* * *


Geld ist eine vollkommen gleichwertige Kraft zur Erhaltung
unseres Organismus wie unsere übrige Nervenkraft. Es ist
ganz ebenso ein Erzeuger, Erhalter, Steigerer unserer
Gesamt-Lebens-Energieen. Daher gibt es eine ganz identische
ökonomische Hygiene und Diätetik.
Sparsamkeit ist die Tugend der Tugenden. Geiz und
Verschwendung sind Laster! »Ich bin
Blut-arm« ist gleich »Ich bin
Blut-arm«!


* * *

Keinerlei Unterkleider tragen! Und Franzensbad wird
bald verödet daliegen in seiner Moorlandschaft!


* * *

[13]

Ehrfurcht vor reiner frischer Luft
wird die Marke künftiger Generationen sein müssen!


* * *

Akkumulation von Lebens-Energieen, auf der Basis von
Erkenntnis und Weisheit, wird die Marke der künftigen
Generation sein. Jede Speise zum Beispiel, die ich meinem
Organismus zuführe, zwingt diesen zu einer
ungeheuren Ausgabe von Lebens-Energieen, um das
Geschäft der Verdauung, der Verarbeitung in brauchbare
Stoffe und der Ausscheidung von Unbrauchbarem
durchzuführen. Bei zarten Organisationen kann es sich
sogar ereignen, dass die aufgewendete Kraft der
Verdauungsarbeit grösser ist als jene, die durch die
Kraft der verdauten Speise neu zuströmt. Also eine
Schwächung des Organismus statt einer Stärkung.
Siehe Über-Ernährung von Kindern und zarten
Frauen!!! Von der Kraft, die der Speise innewohnt, musst du,
Törichter, Leichtsinniger, die Kraft abziehen, die
du aufwenden musst zu ihrer Verarbeitung!

20, minus 50, ergibt minus 30. Es gibt auch eine
Algebra der Verdauungstätigkeiten!


* * *


Hunger ist der beste Koch. Wenn ich aber hungrig bin und noch
dazu den besten Koch hätte!


* * *


Wenn ich hungrig bin, verdaue ich sogar Säge

[14]

späne! Wie würde ich aber dann
erst Sole en filet, sauce tomate, verdauen! Oder mit Sauce
Crevette oder Sauce Parmesan! Hunger verbunden mit edler
Wöchnerinnen-Kost! Höchste Erzeugung von
Lebens-Energieen! Le minnimum d'effort et le
maximum d'effet gilt nicht nur in Sachen der Kunst.


* * *

Das jüngste Buch von Peter Altenberg bereitete seinen
zahlreichen Verehrern und Verehrerinnen eine arge
Enttäuschung. Man erwartete sich von seinem
engumgrenzten Talente nicht viel. Aber mehr oder weniger
richtige Aphorismen zur Lebensführung!

Wozu haben wir unsere Ärzte und Hygieniker!

Ein Dichter sollte uns überraschen. Nun, überrascht
hat er uns!


* * *


»Sage mir, wie kommt es, dass du in deinem bewegten
rastlosen ereignisreichen Dasein gerade nur diese eine
ziemlich unscheinbare Geliebte niemals innerlich
überwinden konntest! Wie ein ›Krebs der Seele
‹ frisst die Erinnerung an dir – –
–!!«

»Das ist, weil sie gegen alle Tücken und feigen
Grausamkeiten des Schicksals nur eine einzige Waffe
besass – – – ein Tränenerschimmerndes
Auge!«


* * *

[15]

Ich ass einmal diese wunderbaren nahrhaften
grossen gelben Bohnen in Essig und Öl, spuckte
natürlich die ganz unverdaulichen Schalen aus, wie
Schalen von Trauben. Da verzog die junge Dame an meiner Seite
ihr wunderschönes Gesichterl zu einer bösartigen
Grimasse.

Ich erwiderte sofort: »Sehen Sie, Gnädige, ganz
dasselbe Schnoferl möchte ich machen, wenn Sie
diese gänzlich unverdaulichen und beschwerlichen Schalen
hinunterschlucken würden! Mich würde
das noch viel mehr ekeln!«


* * *

Viele Dinge in diesem Büchlein haben den Charakter von
flüchtigem Dilettantismus. Immerhin besser als
schwerfälliger Bücherwurmismus!


* * *

Sehnsucht ist der Massstab aller menschlichen Beziehungen zwischen einem Mann und einem Weibe.

»Ich sehne mich nach dir,« »du fehlst
mir,« ist alles!

Jeder kann seine Liebe daher auf Echtheit erproben!

»Du fehlst mir.« »Ich sehne mich nach
dir.«

Eine geliebte Frau ist ein Teil meines Organismus! Mein
Magen, meine Leber, meine Niere, meine Frau!


* * *

[16]

Götterdämmerung. Das Orchester
singt, jauchzt in tiefster Erregung die Spannung der
wartenden Frau auf ihren Helden Siegfried. Da erscheint statt
Dessen der »fremde Mann«.

Eine Welt von Verzweiflung in einer bangen Minute. Dann
Stille. Das Orchester ist vor Trauer in sich
zusammengesunken.

Die Frau, erschöpft: »Wer drang zu
mir!« Wer drang zu mir! Lebens-Leit-Motiv
aller edlen Frauenseelen.


* * *


Meinem vergötterten Vater schickte ich zum 70.
Geburtstage zwei Schachteln Tamar Indien Grillon, Paris.

Ich schrieb dazu: »Die anderen kommen mit Geschenken
für das Greisenalter – – – wunderbarer
Lehnsessel, seidener Schlafrock, Rheinwein, Pelz-Schuhe etc.
Ich aber mache dir diese Geschenke
entbehrlich«!

Ich bringe deinem Greisenalter die Jugendlichkeit!
Jeden Morgen vor dem Frühstück eine
Pastille! Morgens, nicht abends!

Die Verwandten sagten: »Verrückt ist er. Ist es
ein Geschenk eines Sohnes! Was bezahlt Grillon für die
Reklame!«

In seinem 75. Lebensjahre sagte mein Vater zu mir: »du,
was ist es mit diesem Worte ›Greisenalter‹!
Ich begreife es nicht. Wie mit 20 fühle ich mich, in
jeder Beziehung. Sollte es wirklich

[17]

dein
gepriesenes Tamar bewirken! Ich glaube es fast schon selber
– – –.«

Tamar Indien Grillon, ideales Verjüngungsmittel, sei
gepriesen!


* * *


Heilige erlösende Kräfte-auslösende P. ... .
...!

Wehe denen, die du schwächst und lebensmatt machst!

Für den Kultur-Menschen ist es die naturgemässe
Erlösung von überschüssigen
Lebens-Spannkräften!

Wer satanisch lebt, der fürchtet sie!

Sie belohnt den Natur-Gemässen.

Sie bestraft den Natur-Widrigen.

Heil dem, der sie sich ersehnt!

Fluch dem, der sie befürchtet!

Sie versetzt uns in die Lage, auf unsere »Ideale«
warten zu können!

Aber jene anderen zwingt sie, auf Ideale vorzeitig
zu verzichten!


* * *


Die unideale Frau erlöst uns von der Tragik des
Nachdenkens über uns selbst!

Sie adaptiert uns für das Seiende, bewahrt uns vor
ungewissen und dennoch möglichen »werdenden
Welten«, die aus unseren überschüssigen
Kräften erblühen wollen. Sie nimmt selber deine
treibenden überschüssigen Kräfte in sich auf,
dich scheinbar erlösend,

[18]

dich auf das
»normale Mass« immer zurückbringend!

Deine Träumereien, deine Utopien, deine
Wahrheits-Ahnungen, deine Fanatismen nimmt sie liebevoll
gleichsam in ihrem Becken auf! Sie kann dich vor allem
bewahren, was dir scheinbar unzuträglich ist, indem sie
dich es erhoffen lässt, dass in deinem Söhnchen,
deinem Töchterchen deine von dir nicht er reichten
Ideale zur Betätigung kommen werden. Sie betrügt
die naturgemässe Entwicklung um Generationen! Sie
entzieht dich deinen Idealen, um sie auf deine Kinder zu
übertragen, die sie dann doch nicht erfüllen!


* * *

Von der Betätigung der Gesetze der
Diätetik und der Hygiene hängt ausschliesslich die
Evolution der Menschheit in geistig-seelischer Beziehung ab!

Wir sind Untiere. Aber wir wissen es bereits, wie
wir Götter werden könnten! Es ist ein langer,
langer Weg. Aber Gott hat Zeit! Das ist eine seiner
Genialitäten! Er rechnet mit unbegrenzten Stunden!
Heute! Morgen! Übermorgen! Nein, er ist zuversichtlich;
in Milliarden Jahren!

Die Natur in uns muss ersetzt werden durch den
Geist! Denn der Geist ist nichts anderes als zum
Bewusstsein ihrer selbst gekommene Natur! Die Natur,
wissend geworden über sich selbst! Die Natur,
aus den Dämmerungen geleitet durch das Gehirn des
Menschen, in die TagSonne

[19]

ihres eigenen
Geistes! Die Natur zum Frieden gebracht durch
Endgültigkeiten! Welt und Gehirn
Identitäten geworden!


* * *

Tamar Indien Grillon, Pastille aus Frankreich, Bohnen-Schote
des exotischen Baumes, ein Teil bist du der
Menschen-Lebenskräfte selbst! Du kannst Greisen die
Martyrien des Alters ersparen, Frauen die Martyrien
des Alt-Werdens, Männer kannst du auf den Höhen
ihrer Leistungsfähigkeiten erhalten, Kindern
ihr ideales Wachstum garantieren! Frisch und
weich-zart musst du sein, und genommen erst beim
Erwachen aus endgültigem ergiebigem Schlafe! Die
Menschen warten in dieser Hinsicht fälschlich auf die
»Natur«. Denn die Natur in ihnen wartet wieder
auf den »Geist«, der die Natur
erlöst in ihnen von ihrer eigenen
Unzulänglichkeit! »Ich weiss, was not
tut!« Gott sei Dank hat endlich die Naturkraft ihre
Macht verloren, damit der »Geist«, die zum
Bewusstsein ihrer selbst gelangte Natur, seine Herrschaft
antreten könne! Tamar besiegt die
unzuverlässige Naturkraft!


* * *

Ich fluche denen, die die Poesieen der Kindheit, der Jugend
preisen! Lob des »Idiotismus« im Menschenherzen!
Nur der »Wissende« kann glücklich
sein, der Reife, der »Erschauende«! Gott allein
ist wahrhaft glücklich, denn Er ist
»All-wissend«,

[20]

Entwirrer aller
Wirrnisse, schwebend über den Dingen in den
Dämmerungen! Frauen können nie glücklich
sein, denn sie haben ihr Schicksal nicht in der Hand. Sie
sind daher zeitlebens tragische
Persönlichkeiten!


* * *

Altenbergs salbungsvoller Ton stört mir oft das
Vergnügen an seinen Körnchen von Wahrheiten.


* * *

Ein idealer Arzt sagte zu einem höchst-kultivierten
Patienten: »Mein Herr, ich habe mehr von Ihnen
profitiert als Sie von mir!«


* * *

Nur die äusserlich vollkommene und innerlich
sanftmütige edle Frau, kann den Mann um seines
Fanatismus willen für sie achten und verehren. Die
andere, unbewusst im Gefühle ihrer öden und
lächerlichen Unzulänglichkeiten, verachtet in ihm
eigentlich seinen begeisterten Idiotismus, hat wenig
Anerkennung für den Tölpel, der ihre Leere für
voll nimmt! Man darf daher eigentlich nur jene Hand liebevoll
berühren, die einer liebevollen Berührung
würdig ist! Infolge ihrer Vollkommenheit!


* * *

Reine sauerstoffreiche Luft bei Tag und Nacht, zu jeder
Stunde, muss zu einer »fixen Idee« der

[21]

Menschheit werden! Alle Gesetze der Hygiene
müssen im modernen Kulturmenschen zu »fixen
Ideen« auswachsen, zur Macht des Unentrinnbaren in uns!
Gesund sein, bisher, hiess, der Wahrheit trotzen können!
Krank sein heisst, die Wahrheit ersehnen, sich ihr
schliesslich demütig unterwerfen, um zu einer
nächst höheren Gesundung zu gelangen!
Krankheit ist die Möglichkeit zu einer höheren und
endgültigen Gesundheit! Bisherige Gesundheit
ist Trotz, der gebrochen wird!


* * *

Grünes Erbsenpürée ist ungleich
leichtverdaulicher als grüne Erbsen in ihren
unverdaulichen Schalen. Es ist daher die Betätigung
eines Blödsinnigen, dieselbe Frucht absichtlich in
schwer verdaulichem Zustande zu sich zu nehmen.
Für den Verdauungsapparat gelten dieselben Gesetze wie
für den Künstler-Organismus: Le minnimum d'effort
– – – et le maximum d'effet! Der bisher
Gesunde lebte schwerfällig trotz seinem
Verbrechen an den Gesetzen der Natur! Der künftige
Gesunde wird leicht leben vermittelst der Gesetze
der Natur!


* * *

Den Gipfel ihres erreichbar möglichen Nerven-Tonus,
ihrer Lebens-Energieen, ihrer Emotion-Fähigkeit,
erreichen die meisten Menschen nur in seltenen Augenblicken
ihres Lebens. Beim Anziehen zum

[22]

ersten
Balle; beim ersten Berühren einer geliebten Hand; Fahrt
zum Theater; Wir verreisen morgen früh; Er kommt, Er
kommt; Verlobung; unerwartetes Geld; Der Tod geliebter
Menschen. Da werden sie momentan zu inneren Künstlern,
zu jauchzenden, jammernden, erbebenden in Freud und Leid, zu
verzehrt werdenden! Aber die Künstler sind
immer auf diesen Gipfeln. Alles macht sie
erbeben, jauchzen und jammern. Das Schicksal der Welt
tönt in ihnen nach, und wer in die Donau geht, ist ihr
gemordetes Kind! Fünfzigmal höchstens während
deines Daseins, schlapper unbewegter Mensch, wirst du zum
empfindsamen Künstler-Menschen!

Aber dieser ist es ewig, bis zu seiner Sterbestunde,
jauchzend, jammernd! Verzehrt werdend und wieder
auferstehend!


* * *

Anhäufung von Lebens-Energieen durch Einführung
kolossal leichtverdaulicher nahrhafter Speisen, sogenannter
Rekonvaleszenten-Kost, Wöchnerinnen-Kost, durch Atmen in
ganz reiner Luft bei Tag und Nacht, durch Freiturnen, durch
Hautpflege, Abführmittel etc. etc. und Benützung
der angehäuften Spannkräfte zu seelisch-geistigen
Betätigungen, ist der Entwicklungsweg der künftigen
Menschen!


* * *

Melancholie jeglicher Art ist das Gefühl der
Unfähigkeit, den Weg seiner Ideale zu Ende gehen zu

[23]

können! Deshalb machen sich die, die
sich schwach fühlen, vorzeitig künstliche
nahegelegene Ideale, um ihren Melancholieen entrinnen zu
können!


* * *


Ich spielte mit einem Mädchen schweigend Domino. Ich
sah, dass sie erbleichte, wenn sie gewann; dass sie jedoch
rosig wurde, wenn sie verlor und ich hingegen im Gewinne war.
Wir spielten um nichts.

»Mizi hat Sie mit Herrn v.T. betrogen – –
– –« sagte später einmal ein
Schwarzalberich zu mir frohlockend.

»Nein« sagte ich. »Erbleicht sie beim
Domino, wenn er verliert, wird sie rosig, wenn er gewinnt!
Nun also!«


* * *


Eine Speise essen, die dem dir heilig sein sollenden
Verdauungsapparate mehr Widerstand entgegensetzt als
unbedingt nötig ist, ist eine barbarische
Betätigung! Ein mürbes Filet de boeuf
und hingegen ein zähes Filet.
Fettdurchwachsener fettumsponnener Schinken und hingegen ein
zerfliessendes sich fast von selbst auflösendes
Schinken-Steak!! Dein diätetischer Wahlspruch
sei: »Es zerfliesse auf der Zunge!«


* * *

Der Verdauungs-Apparat des Kultur-Menschen

[24]

muss geschützt werden wie ein Baby von
seiner Mama. Zärtlichste Sorgfalt.


* * *

»Bitte sehr, ich vertrüge Kieselsteine und gediehe
noch dabei – – –« sagte eine Dame zu
mir.

»Wie würdest du dann erst gedeihen, Dame, bei
leichtverdaulichen Nahrungsmitteln! Fast genial fröhlich
könntest du werden!«

Wie wenn ein Bergführer sagte: »Ich kann das
Klosterwappen noch erklimmen mit 30 Kilo Gepäck am
Rücken – – –.«

Wie würdest du es da erst erfliegen,
gepäcklos, Bergführer!


* * *


Satans Lehre: Der Magen muss was zum verarbeiten
haben!

Wir wollen aber eine edle mysteriöse chemische Retorte
sein, keine Steinklopfmahlmühle!


* * *

Das Seelische allein ist das dem Wesentlichen des
menschlichen Nervensystemes entsprechende. Das
Sexuelle kann nur die letzte unentrinnbare
Auslösung ungeheurer aufgesammelter seelischer
Lebens-Spannkräfte sein! »Ich sehne mich zu Tode,
geliebtestes Geschöpf dieser Erde. Der Schlaf flieht
mich, ich versage die Speise, ich segne dein geliebtes Dasein
unter bitteren Tränen Tag und Nacht – –

–.«

[25]

Nun erst erhöre ihn, Weib! Nun erst,
nachdem du ein physiologisch Unentrinnbares geworden bist
infolge seelisch-zehrender Not!


* * *


Für die Mysterien des Nervus Sympaticus die Mysterien
der Condurango-Wurzel im Condurango-Weine! Ein
Likörgläschen, ganz langsam, in kleinen
Unterbrechungen, in kurzen Schlucken, getrunken, während
der Mahlzeiten! Es verschafft innere Freiheit und Frohheit.
Man wird fast zu einem Künstler-Organismus! Man
wird von sich selbst befreit!


* * *

»Ich habe körperliche
Melancholieen« sagte ich einmal zu einem
berühmten Arzte.

»Schenken Sie mir dieses Wort« sagte er.

Und ich schenkte es ihm. Er kann mehr damit nützen als
ich. Darum allein handelt es sich.


* * *


Es gibt zwei unermessliche Kräfte-Spender:

Das sanfte flüchtige Berühren einer geliebten Hand,
insgeheim, unter dem Tische, während eines Nachtmahles
– – – und die elektrische
Vibrations-Maschine! Für die erste Sache gibt
es leider keine Kur-Anstalten. Aber für die letztere!


* * *

[26]

Ich halte die elektrische
Vibrations-Massage für eine Quelle der
Regeneration und idealer Evolution der Menschheit.


* * *

Der unausgeschlafene Organismus kann nicht gütig,
sanftmütig, liebevoll sein.

Er befindet sich in ununterbrochenen unbewussten
Gereiztheiten. Seine Sündhaftigkeit geht an den
Nebenmenschen aus. Ein doppeltes Verbrechertum –
– – an sich und an den unschuldigen anderen!


* * *

Immer wieder auf gewisse Dinge zurückkommen! Ja, man
kommt immer wieder darauf zurück, dass 2 und 3 5 ergebe.


* * *


Vino Condurango, die undurchdringlichen Mysterien unseres
Nervensystemes besiegst du durch die undurchdringlichen
Mysterien der Condurango-Rinde des Ceylon-Baumes!


* * *

Lenke deine höchste Aufmerksamkeit nicht auf die
Bewegung, die du vollführst, sondern auf die
Rast, die dieser Bewegung folgen muss! In der
Rast liegt alle Wirkung! Bewegung ist ein
Hilfsmittel, um die Rast zu ersehnen und in derselben zu
gedeihen!

Im Rasten allein liegt die Weiter-Entwicklung unserer

[27]

organischen Kräfte. Im
Ausrasten von höchster Bewegung!


* * *

Maeterlinck und Altenberg erwünschen es sich, dass die
Seele des Menschen an Terrain gewinne. Sie sehen
darin die Quelle der Weiter-Entwicklung. In den Menschen sind
ungeheure Kapitalien von Lebens-Energieen noch
aufgespeichert, scheintot eingesargt. Sie können nur
frei werden, in lebendige Kraft umgesetzt werden auf
seelisch-geistigem Wege! Gott gab uns eine Seele zu
seiner Wiederauferstehung in uns. Aber wir liessen sie
eingesargt. Erwache, Seele, und herrsche! Jeder Mensch
trägt in sich den träumerischen Idealismus des
Friedrich Schiller. Aber er hält es für
unpraktisch, denselben in sich zu erwecken!


* * *

Die Berührung einer geliebten Hand gibt
Götterkräfte.

Die Berührung einer ungeliebten Hand macht
grämlich!


* * *


Leichtest-verdauliche Nahrung für moderne
Kultur-Menschen: Ausschliesslich weisses Fleisch:
Poularde, Chapon de Styrie, ganz frische Fluss- und Seefische
(vor allem Zander, Fogosch, Sole, Branzin, Schellfisch),
junge Rebhuhn-Brüste, Hirn, Bries; dann

[28]

ganz weichgekochter Karolinen-Reis; Spinat;
ganz weiche Eidotter; Fleisch-Suppe; Extraktum Puro; Beef
tea jellie; Sardines de Nantes, geschält
natürlich; Erdapfel- Pürée;
Gervais-Käse, mit Salz; grünes
Erbsen-Pürée; ganz mürbe
Schinken-Steaks; ganz weich gekochte Makkaroni; rohe
Eidotter in Fleischsuppe gesprudelt; saures Obers;
abgekochtes Obers mit einem Gläschen Rum zur
Parfümierung; Schwedischer Tee (Tee direkt in siedendes
Obers geschüttet, bis es goldgelb wird);
Emmentaler-Pürée; Crême d'orge;
Ostsee-Fettheringe, Milchner; alles was überhaupt
möglich ist, in Pürée-Form! Jede
Speise werde entweder durch Zubereitung in
Pürée-Form, oder im Munde durch
Zähne und Speichel! Der Magen empfange
ausschliesslich Pürées! Den edlen
wunderbaren mysteriösen Verdauungs-Säften ihre
Arbeit erleichtern, ist die Sache, der Wunsch des
kultivierten Menschen!


* * *

Für Mädchen und Frauen während der M . ... .
... ...

Wöchnerinnen-Kost, Rekonvaleszenten-Kost! Womöglich
in ruhender Stellung bleiben, bei stets geöffneten
Fenstern, Tag und Nacht frische Luft!

Die M. ist eine Schwächung des Organismus. Wehe der, die
sie nicht schwächt. Sie glaubt über sie zur
Tagesordnung übergehen zu können! Aber die
M. rächt sich für Missachtung – –

–.


* * *

[29]

Wenn jemand sagte: »Mir schadet das
nicht – –,« denke ich immer: »Aber
wie nützte es dir dann erst, wenn du es vermiedest
– –!«


* * *

Unser Organismus ist ein Kapital, mit dem man in Weisheit ein
Rockefeller-Vermögen machen oder in Dummheit Bankrott
machen kann!


* * *

Französischer Champagner: Erhöhung der
Lebens-Energieen durch Erlösung von Hemmungen. Man singt
innerlich: »Verkauft's mein G'wand, i fahr in' Himmel
– – –.«

Es kommt da ein Moment, in dem einem der unbezahlte Zins und
die treuelose Geliebte gleichgültig werden –
– –.


* * *


Alkohol ist ein Rasiermesser in den Händen eines
Kindes, eine Toledanerklinge, Waffe des Lebens, in
den Händen des reifen Wissenden!


* * *


Das gewöhnliche Weib erlöst uns vom Nachdenken, vom
Vor-denken. Heiliges Medikament für Den, der eben
dazu keine Kraft hat!


* * *

[30]

Französischer Champagner: Eingesargte,
in Bescheidenheit und Demut bisher eingesargte
Originalität lebt auf, erblüht bei sanften Frauen.
Das, was der strenge Tag nicht duldet, die ewige
Wahrhaftigkeit, traut sich hervor. Der Gatte, der Geliebte,
Knechte des strengen Tages, erbleichen vor den neuen
unverständlichen Welten. Der Künstler-Mensch
jedoch, der Rahm-Abschöpfer des Lebens,
frohlockt bewundernd! Denn, siehe, das Genie im
Alltag-Menschen erwacht! Wie sonst nur bei feierlichen
Gelegenheiten, diesen Ausnahmsfällen der schlappen
Seele!


* * *

Nach lauem Bade lange Rast!


* * *

Der Atem einer Frau muss dich seelisch

beglücken können, der Duft ihrer Bluse und jedes
Kleidungsstückes überhaupt. Alles an ihr muss
märchenhaft wirken, wirklich etwas
Zauberhaftes. In einem Meer von Sehnsucht musst du zu
ertrinken wähnen, Tag und Nacht. Die Sehnsucht muss dich
krank machen, noch kranker und noch kranker; und dann fast
irrsinnig. Dann, dann erst öffne die Schleusen,
erlöse und begatte dich! Dann erst! Vor den
schrecklichen Toren des Irrsinns musst du
stehen können und warten! Früher hast du kein
Anrecht auf Seligkeit!

Wehe denen, die Glück haben! Der Weg, der

[31]

Weg, diese langsame Akkumulation von
ungeheuren Lebens-Energieen ist ihnen erspart, ist ihnen
versagt! Sie sind betrogen um das einzig Wertvolle!
Armselige Besitzende! Welten-Gerechtigkeit! Don Juan um sich
selbst betrogen!


* * *


Nur aus Seele und Geist erblüht Kraft!

Gott wartet seit Jahrtausenden geduldig auf das Durchdringen
dieser Erkenntnis! Er selbst ist die antizipierte Kraft, die
endgültig aus allem Geist und aller Seele wird!
Deshalb versteht Er es, weil Er es ist!


* * *

»Ich liebe dich« jauchzt die Naturkraft

in uns und wird dann elend enttäuscht um dieses
Jauchzens willen.

»Ich erkenne dich als die mir
Zugehörige« sagt bedächtig der
Geist in uns, und lebt dahin in unzerstörbarem
Glücke.


* * *

Nagelpflege: Nach dem lauen Bade schiebe die sorgsame Mama
dem geliebten Kinde mit dem Ballen des Daumens
ganz sanft die Haut an der Nagelwurzel zurück.
Aber ganz sanft.

Aristokratische Hände verpflichten zu
vornehmerer Lebensführung!


* * *

[32]

Der Kulturmensch hat mit der
Nahrungs-Aufnahme solange zu warten, bis eine ungeheure
Sehnsucht nach Speise eingetreten ist, fast eine
Speise-Liebe! Was der erhöhte beschleunigte Stoffwechsel
einer Bergpartie in 5 Stunden an Nahrungs-Sehnsucht in dir
erzeugt, erzeugt das gewöhnliche Leben erst in
doppelter, dreifacher, vierfacher Zeit. Kraft haben zu
warten ist Alles. Auf seine tiefste
Nahrungs-Sehnsucht warten können! Die Erlösung
hinausschieben, hinausschieben! Heiliger Satz: Iss erst,
bis du hungrig, höre auf, ehe du satt
bist! Es muss zu einer »fixen Idee« werden, zu
einer Religion. Ideale Forderung: Der gesamte
Verdauungsapparat sei rein und in Ruhe,
bevor neue Nahrungszufuhr eintritt. Nahrungszufuhr muss eine
unentrinnbare Notwendigkeit sein. Darin allein
bestehe ihr Genuss! Das Unentrinnbare allein sei
unser Gesetz!


* * *

Kindern, die hungrig sind, schwerverdauliche, wenig nahrhafte
Dinge zu geben, ist ein verbrecherischer Idiotismus.

Oft sieht man dieses zarte edle Maschinchen bereit, eine
wunderbare Arbeit zu verrichten. Aber die
»Erwachsenen« stopfen gleichsam Häcksel und
Holzspäne hinein! Nur der Wissende kann
gütig sein!


* * *

[33]

Unwissen ist die einzige
Tragödie des Daseins. Es gibt keine andere.


* * *

Wenn ein jeder wüsste, was er zu wissen hätte,
wäre die Welt erlöst!


* * *

Hartleibigkeit länger als 12 Stunden ertragen, ist eine
Schändlichkeit. Auf die »Natur«

warten wollen, ist ein zynischer Blödsinn. Auf welche!
Auf die, die wir im Laufe der Kultur uns zerstört haben!
Auf eine verlorene warten! Ja, ist denn Tamar Indien Grillon,
Cascara Sagrada, Bitterwässer, weniger Natur! Ist die in
der Welt verteilte Naturkraft nicht die unsrige! Wird die
Kraft der mysteriösen Bohne Tamar nicht die meine, indem
ich sie meinem Organismus einverleibe und dienstbar mache!
Wehe denen, die die Natur verloren haben und dennoch auf sie
noch immer warten wollen! Kraft meines Geistes fange ich mir
die in der Welt verteilten Naturkräfte ein und mache sie
mir zu meinen eigenen! Die Welten-Kräfte mir dienstbar
gemacht kraft meines Geistigen in mir!


* * *


Zart denken, zart empfinden wollen, aber unzart fressen
wollen, das gibt es nicht!


* * *

[34]

Mit einem Wort: mens sana in corpore sano.

Nein, eben nicht mit einem Wort.

Sondern mit Millionen Wörtern, mit Wort-Schrapnells, mit
einem Regen von Wort-Ekrasitbomben in diesen Feind
Stupidität hineinkartätscht!


* * *


»Was wissen Sie mir über die allmählige
Pubertäts-Entwicklung Ihres geliebten Kindes zu
sagen!«

»Nichts. Aber wissen Sie, dass man wieder weite
Sammet-Blusen zu tragen anfängt!«


* * *


»Ich gebe meinem geliebten Kinde statt Fleisch nur mehr
französischen Gervais-Käse mit Salz, und eine
Schüssel Spinat. Man nennt mich verrückt. Ich
bringe gerne dem Gedeihen meines Kindes den Ehrentitel
›normal‹ zum Opfer,« sagte eine junge
Frau zu mir.


* * *

Reis ist das edelste Verbrennungsmaterial, Heizmaterial
für diesen Ofen »Organismus«. Aber er muss
prima sein. In der Reis-Sorte sparen, ist eine Gemeinheit.
Feinster Karolinen-Reis. Jedes Korn
matt-durchscheinend wie Edel-Alabaster! Ganz weich
gekocht und dennoch jedes Korn in Form bleibend. Reis muss,
gekocht, aussehen wie hart und dennoch im Munde zergehen.

Heize mit Reis!

[35]

Und dann – – –
Vibrations-Massage!

Vibrations-Massage! Hört ihr! Vibrations-Massage!

Nein, sie hören es nicht.

Ein ungläubiges Lächeln.

Ungläubiges Lächeln, was bist du für ein
satanisches Grinsen!


* * *


»Alles wirkt individuell« sagte ein Skeptiker und
trank statt Kaiserbrunn-Gebirgsquellwasser
Schwefelsäure.


* * *


Eine Zahnbürste muss halbweich und breitflächig
sein. Sollte mir jemand darauf erwidern, er könne sich
absolut nur einer harten und schmalen bedienen, so wäre
es besser, ihm eine Schrotladung in den Mund zu schiessen.
Besser auf einmal kaput, als in einer langen Reihe
mühseliger Angriffe!


* * *


Pasta Dr. Suin de Boutemard, ideales Zahnputzmittel!

Es ist nicht nur wegen des wohlklingenden Namens –
– –.


* * *

Ein Mann, der leidenschaftlich Krebse ass, legte immer die
Scheren auf den Teller seines jungen

[36]

Weibes,
das ebenfalls gern Krebse ass, und begnügte sich mit dem
übrigen. Das ist eigentlich das Wesen aller Zuneigung
auf Erden! Etwas anderes gibt es eigentlich nicht.


* * *

Es gibt keine sexuellen Unentrinnbarkeiten. Es gibt
nur seelische Unentrinnbarkeiten für den
Kulturmenschen.

»Ich liebe dich«, und dessen
physiologische Konsequenzen! »Würdest du
sie aber auch lieben, wenn sie unbenützbar
wäre!« »Ganz ebenso!«


* * *

Zur Freiheit muss man reif sein! Das ist das
Erz-Gebot. Schwarzen Panthern darf man nicht zur
Freiheit verhelfen wollen. Und dummen unerzogenen Frauen!

Eine Welt von edler Sanftmütigkeit muss in euch
wirken und wirken, auf dass ihr der Freiheit würdig,
nein, fähig seid! Schwarzen Panthern kann man nicht in
den Strassen der Grossstadt ihre Freiheit gönnen! Sie
gehören in Käfige!


* * *

»I möcht' so gern heut' mit dir schlafen gehn,
Maxi; aber i kann's dem Menschen dort net antun. Er frisst
mir dann morgen wieder nix zu Mittag – –

–.«


* * *

[37]

Seid nackt unter der Hülle des
Kleides, in Wind und Wetter – – – und
Franzensbad wird verödet liegen!


* * *


Mit seinem Kräfte-Kapitale wirtschaften können wie
John Rockefeller mit seinem Geld-Kapitale, ist alles!


* * *


Als ich kam, errötete sie. Als ich ging,
erbleichte sie. So war sie bereits dadurch meine
geliebteste Geliebte geworden.


* * *

»Wenn Sie die Bohnenschalen ausspucken, ekelt es
mich« sagte eine junge Dame zu mir.

»Und mich, wenn Sie dieses Unverdauliche
hinunterschlucken!«


* * *

Wisst Ihr, was das heisst, freien offenen Hals tragen! Es
heisst, freie offene Seele tragen, freien offenen Geist
tragen! Wie dein Hals ist, so bist du!


* * *


Einen Menschen wirklich lieb haben, heisst, ihm in der
Konversation soviel Konzessionen machen, auf ihn so viele
Rücksichten nehmen, dass man zu einem kompletten Kretin
wird! Aber dann hat man

[38]

ihn eben auch nicht
mehr wirklich lieb infolgedessen.


* * *


Meine grösste Ehrung von seiten eines Unbekannten:

»Sie erinnern mich, mein Herr, an eine Legende; in
allen Ihren Betätigungen. Im Sonnenbrande in einer
staubigen Dorfstrasse lag ein schrecklich verwesender
Hunde-Kadaver. Alle Menschen wichen ihm aus und flohen. Da
sagte Christus, der Herr: »Weshalb flieht ihr!! Seht
doch diese wunderschöne Perlenreihe von Zähnen, die
der Verwesung trotzt und schimmert – – –!!
‹«


* * *

Luft und Haut sind Liebesleute. Sie wollen sich
vermählen, trotz aller Fährlichkeiten!


* * *

»Ihre Schuh-Nummer ist 40« sagte der Schuster zu
mir.

»Dann geben Sie mir 41!«

»Gnädiger Herr werden aber darin schwimmen
können – – –.«

»Eben das beabsichtige ich darin zu tun!«


* * *


Frische Wäsche sei ein Ereignis für deinen
Leib, keine schlappe alltägliche Gewohnheit!

Übertriebene Reinlichkeit ist Schwächung.

[39]

Auch der Leib muss sich erst
sehnen, nach Reinlichkeit, um zu exzeptioneller
Kraft zu gelangen! Die Hautporen müssen gleichsam
bereits weinen nach lauem Wasser und milder Seife! Dann komme
die Erlösung über sie! Heilige Rache der Armen. Sie
sind gezwungen, auf die Notwendigkeit zu warten!


* * *


Ein laues Bad (27°) sei ein königliches
Fest deiner Haut! Sie sehne sich ihm direkt entgegen,
wie der Liebende nach der Geliebten! Sie geniesse es wie eine
Erlösung, leidenschaftlich. Verwöhne doch diese
Zarteste nicht durch immerwährende Feste. Die Haut
gewöhnt sich rasch an den Luxus und wird schlaff. Einem
Menschen, der nur einmal in der Woche lau badet, merkt man es
sogleich an. Wie nach einem kurzen Aufenthalt am Semmering
wird er! Stoffwechsel-beschleunigt! Verjüngt. Aber der,
der täglich lau badet, hat die stumpfe
gleichmässige Physiognomie des reinlichen
Alltag-Menschen. Das laue Bad sei ein Reiz, eine
Erlösung, ein exzeptionelles Glück für die
Haut!


* * *

Die Wahrheiten, die Erkenntnisse liegen schlapp, fast leblos
in uns, ohne elastische Kraft und Spannung. Sie müssen
erst zur Macht von »fixen Ideen«

auswachsen, um in uns zu wirken! Wir müssen
irrsinnig an ihnen werden können.

Der Fanatismus von Dreh-Derwischen ist da gerade

[40]

noch genügend! Was nicht zur Tiefe
einer Religion auswächst, erhält nicht Wurzel,
Blüte und Frucht in unseren Herzen! Es bleibt ein
Jour-Gespräch!


* * *

Die Liebe des Kulturmenschen zu einem geliebten
Geschöpfe enthält zugleich auch alle
väterlichen und mütterlichen

Freundschaften, die es überhaupt auf Erden gibt. Wenn
man ein echtes Liebespaar erschaut, müsste man
es zugleich empfinden: »Ein edler Papa mit seinem
vergötterten Baby – – –.«


* * *

Von der Zufälligkeit, ob der Knabe zum ersten Male im
Leben eine geliebte oder eine ungeliebte

Hand in Zärtlichkeit berührt, hängt das
Schicksal seines ganzen Daseins ab!

In dem einen Falle wird er ein Milliardär an
Lebens-Energieen, in dem anderen ein Bankrotteur!


* * *


Seelische Liebe ist der genialste Akkumulator und
Regenerator. Ferner das Licht der Sonne, von selbst endender
Schlaf bei weit geöffneten Fenstern, Freiübungen in
freier Luft, zarteste Rekonvaleszenten-Kost, Tamar Indien
Grillon und Vino Condurango.


* * *


Jede organische Erkrankung ist bei erblich Unbelasteten
absolut nichts anderes als die Bestrafung

[41]

für sämtliche Verbrechen an den
Gesetzen der Hygiene und Diätetik, die der Betreffende
während seines Lebens stündlich begangen hat!

Im Buche des Schicksals wird jede Sünde (die tiefste
Sünde ist die Unwissenheit) eingetragen, das
Resultat der Addition ergibt die »organische
Erkrankung«! Organisch erkranken, heisst
unwissend gewesen sein!


* * *

Kein erblich Unbelasteter braucht organisch zu erkranken! Es
ist ihm als Wissendem beschieden das Gnadengeschenk
der gerechten Natur, sanft im Lehnstuhle
hinüberzuschlummern!


* * *

Sämtliche Stoffwechsel-Krankheiten sind nichts als
Sühne für Verbrechen! Gott duldet deshalb nicht,
dass sie leicht heilbar werden!


* * *

Krebs ist Sühne für alle schrecklichen
Unwissenheiten, ein Endresultat von unbewussten Verbrechen.
Um aufzurütteln aus dem Stumpfsinne!


* * *

Der geniale Maler, das heisst der, der mit seinen Edel-Sinnen
einfach der Natur und ihren romantischen Schönheiten
näher gerückt ist als die übrigen Menschen,
erschaut in einer Alm-Wiese mehr und verborgenere Poesieen
als die anderen Touristen des Lebens.

[42]

Im Bilde macht er es ihnen daher plausibel,
gräbt es heraus, macht aufmerksam und verständlich.
Sodass der Mensch auf diesem Umwege des »Gott-gesandten
Lehrers« die Welt in ihrem mysteriösen Wunderbaren
erkennen, verehren lernt.

Aber der bereits vom Künstler aus End-Gelernte, der, der
sehen und hören und empfinden kann aus erster Hand! Der
»End-Kultivierte«! In einer Art von historischer
atavistischer Dankbarkeit wird er auf diesen Lehrer der
Jahrhunderte, »Künstler«, zurück
blicken; aber das direkte zarte Abbild der Natur,
»Photographie«, wird sein ganzes lebendiges
Künstler-Empfinden nun in ihm kurzer Hand bereits
erwecken können! Er ist selbst Lebens-Künstler
geworden! Und die zarten tragischen Gestalten der Dramen von
Ibsen und Maeterlinck findet er weit tiefer in jeder Familie,
in der er verkehrt, und genialer dargestellt von einem jeden,
der seine Bürde durch das Leben schleppt!


* * *

Eine Speise zu sich nehmen, die nicht eine
unbedingte Notwendigkeit ist für den Organismus
und nicht zugleich leichtest verdaulich ist, wird
einmal als ein Vergehen gegen die Sittlichkeit beurteilt
werden!


* * *

Die Schönheit des Apollo-Falters (weiss- durchschimmernd
mit schwarzen und orangefarbigen Ringen),

[43]

des Tagpfauenauges (zimtbraun mit lila
Flecken), des Alpenbock-Käfers (schwarzsamtartig und
hellgrau) waren meine ersten tiefen Leidenschaften. Wiesen an
Berg-Lehnen, im Sonnenbrande, von dörrenden Erdbeeren
duftend, bevölkert mit märchenhaft schönen
Geschöpfen und dazu die Gefahr der Kreuzotter unter
weissen Steinen! Man erschauerte vor Glück und Erregung.


* * *

Seinen Organismus als ein lebendig gewordenes edles Kunstwerk
behandeln, betreuen, ist Kultur!


* * *

Ich kaufte einem wunderbaren 7 jährigen Mäderl, von
der ich hörte, dass sie eine ganz exzeptionelle und
ausschliessliche Liebe für Tiere habe (niemals spielte
sie mit Puppen, sondern nur mit Tieren aus Papier
geschnitten) einen sehr schönen kleinen Elefanten aus
einer Masse modelliert.

Sie erhielt ihn mittags während der Suppe. Sie
erbleichte vor Erregung. Sie sagte nur: »Aber essen tu
ich jetzt nix mehr – – –.« Und ging
in ihr Zimmerchen.

Was, was müsste man einer Erwachsenen schenken, damit
sie sagte die heiligen Worte der Seele: »Aber essen tu
ich jetzt nix mehr – – –«!


* * *

Ich sprach einmal in einer Winternacht eine zarte

[44]

wunderschöne ganz junge Gefallene an,
bewunderte ihr edles Gesichterl. Sie wurde grob, sagte:
»Sie, halten Sie einen anderen zum Narren, nicht
mich!« Ich liess mich nicht abschrecken, sie zu
bewundern wegen ihrer süssen Schönheit. Da sagte
sie: »Nun, wenn es wirklich Ihr Ernst ist, so beweisen
Sie es mir und kaufen Sie mir am Stefansplatz das
schönste lebzeltene Herz, das es gibt, in einer
Stand-Bude. ›Bitte sehr‹ erwiderte ich. Sie
erhielt das schönste Herz. Es kostete 2 Kronen.
›Nun will ich Sie aber nicht länger aufhalten
‹ sagte ich.«

»Nein, heute freut mich mein Geschäft nicht mehr,
begleiten Sie mich bis zum Haustore, ich gehe mit meinem
wunderschönen Lebzelt-Herzen nach Hause. Es ist meine
glücklichste Nacht.«

»Nun, und wenn ich mit Ihnen schlafen ginge!«

»Das wäre dann wieder ganz etwas anderes. Nein,
lassen Sie mich heute allein mit meinem Glücke –
– –.«


* * *


Angst vor Zugluft wird einmal als Schande und
Feigheit betrachtet werden!


* * *


Der Fisch fürchtet sich nicht vor seinem Elemente
»frisches Wasser«, aber der Mensch vor seinem
Elemente »frische Luft«!


* * *

[45]

Es gibt nur Tragödien der
Unwissenheit.

Das einzig Tragische im Leben ist Nicht-Wissen!

Ein Wissender werden, ist alles.


* * *

Habe ich das schon einmal geäussert! Mache mir erst
einen Vorwurf, bis ich es das zehntausendste Mal gesagt habe.
Und dann erst, wenn du wenigstens bereits daran bist, es
aufzufassen und zu befolgen!


* * *

Die meisten Dinge, die einem am Herzen liegen, sollte man
jedesfalls bescheidener und diskreter vorbringen, um das
Selbstbewusstsein der Idioten nicht zu kränken!


* * *

Edle englische Woll-Stutzeln (Puls-Wärmer) ersetzen den
teuersten Pelz. Sie sind wie ein Ofen. In geschlossenem
warmem Raume sogleich abzulegen! Man beneidet niemand mehr um
seinen Seehund-Pelz für 500 Kronen. Man besitzt in der
Tasche wunderschöne schwarze oder braune oder dunkellila
Woll-Stutzeln für 2-3 Kronen! Pelz der Armen!


* * *

Weite weiche ungestärkte Hemden, Adels-Tracht!


* * *

[46]

In jeder Gewandung muss man die tiefe
Rumpfbeuge nach vor- und rückwärts, die tiefe
Kniebeuge, das Anfersen, das Beinheben nach vor- und
seitwärts, den Port-de-bras nach auf- und
seitwärts, das Arm-Stossen nach unten, oben, seit- und
vorwärts in unbeschreiblich beschleunigtem Tempo
ausführen können! Jedes Gewand sei von selbst auch
ein Turn- und Tanz -Gewand! Ein Schutz der Beweglichkeit und
Freiheit! Eine zarte diskrete Hülle deiner lebendigen
Kräfte! »Ein Turngewand! Eben dasselbe ist es, in
dem ich auch das Kaiserliche Opernhaus besuche!«


* * *

Werde so fein, so empfindlich in deinen idealen
Träumereien, dass ein unelastischer Gang, eine
ungeschickte Gebärde beim Grüssen oder sich erheben
von einem Sessel, dich bereits tief enttäuschen
könnten und ernüchtern! Dann bist du gefeit gegen
diesen Feind »Unzulänglichkeit«!


* * *

In einer süssen sanften edlen Stimme jedoch wieder kann
bereits ein ganzer tiefer Mensch verborgen liegen! Grabe ihn
daher aus, mit allen seinen Schätzen, vorsichtig, und
folge nur getrost dem Laute dieser menschlich-süssen
Stimme! Sie wird dich nicht irreleiten!

Denn Gottes Stimme tönt nur aus Gott-Ähnlichen!


* * *

[47]

Ich sah eine junge Person in
unbeschreiblicher natürlicher Anmut Arm und ideale Hand
auf die Sessellehne legen. Ich sagte sogleich infolgedessen
zu ihr: »Sie können nicht lügen!«

»Nein, das kann ich leider nicht« erwiderte sie.

Anmut der Gebärde verpflichtet zu innerlicher Anmut und
Reinheit! Innerliche Anmut und Reinheit bewirken wieder Anmut
der Gebärde!


* * *


Die »Gefallene« hat eine dreifache Beziehung zum
Manne:

Der »fremde Mann«, der dazu da ist, ihr
ökonomisch das Leben möglich zu machen. Mann
gewordenes Portemonnaie. Sie nützt ihn daher
unerbittlich aus, leistet nur das unbedingt Notwendige, auf
kaltem Wege unentrinnbarer Verpflichtung. Erzgepanzert liegt
sie gleichsam, den Blick starr in Fernen gerichtet,
seelenlos.

Der »Flug« oder »das
Flugerl«, der, auf den sie mit ihren Sinnen
momentan fliegt; Seelen-los, eine Fresserin, Verzehrerin in
leiblichem Durst und Hunger ist sie da! Rassasiée,
wendet sie sich ab, unbekümmert um sein ferneres
Schicksal!

Er war ein »Flug«, ein »Flugerl«, die
sinnliche Sehnsucht einer verflüchtigten Stunde.
»Ich habe meinen Durst gestillt an ihm. Und
basta.«

Der »Strizzi«. Der, dem ihr Herz gehört,
der, um den sie zagt, weint und leidet. Der, der ihr
Gelegenheit gibt, ein Weib zu sein! Der, den sie

[48]

lieb hat wie eine Mama ihr Baby, der, den
sie sich krank wünscht, um ihn pflegen zu können,
arm, um ihn erhalten zu können, tot, um ihn ewig
beweinen zu können!

Die anständigen Frauen fühlen nichts von
einer solchen Drei-Teilung. Oder doch!


* * *


Der Moltke seines eigenen Schlachten-Heeres »Lebens
-Energieen« sein, ist alles!


* * *


Erregungen in sich sich anhäufen lassen können,
ohne der drängenden Erlösung nachzugeben,
gehört zum Wesen der genialen Naturen.

Sie repräsentieren Naturkraft-Speicher, riesige
Etablissements, aus denen man dann unerhörte
Symphonieen, Dramen, Gemälde, Wahrheits-Bücher etc.
beziehen kann!

Auf Reizungen unmittelbar reagieren müssen, ist
ungenial! Es ist, sein immanentes Künstlertum
im Keime ertöten!

Seelische Fruchtabtreibung!


* * *


Philosophie des Optimismus! Es ist einfach der
»vorausschauende Geist«. Utopien sind
»noch nicht« realisierte Dinge.

Von Wien aus, an seinem Schreibtische, mit seiner Geliebten
in Berlin, Konversation führen können

[49]

– – – Anna, deine liebe
süsse Stimme, Anna, Anna – – –, war
auch einmal eine Utopie.

»Ich trage Zwicker-Nummer 20«.

»Und ich sehe mit freiem Auge bereits diese Dame dort
am Ende der Allee!« »Ist es möglich!«
»Ja, es ist möglich!« Utopien –

– – Fernblicke!


* * *

»Ich möchte gern vor Wut ein ganzes Zimmer
demolieren – – –.«

»Behalte lieber die Kraft, die dazu aufgebraucht
würde, in dir zurück. Du kannst vielleicht daraus
ein ›flammendes Gedicht‹ erzeugen!«


* * *

Die Kraft des Guldens gehört zu dem Komplexe der
Lebenskräfte unseres Gesamt-Nervensystemes.

Es sind immer Lebens-Energieen, die wir hier weise verwalten
oder, uns schwächend, verschwenden!

Sorgen-Freiheit ist ein Born unserer Lebens-Energieen.

Sparsamkeit ist ein Gesetz der Hygiene.


* * *

»Ich esse pünktlich um 8, um 12, um 5 und um
9!«

»Ich aber esse erst, bis ich den Hunger eines
Schneeberg-Ersteigers habe! Eines Hoch-Touristen in
Aktion!«

»Ich kann solange nicht warten – –
–.«

[50]

»Dann kannst du auch kein genialer
Organismus werden!«


* * *


Ambrosia – – – rohe Eidotter, in
Hühner-Bouillon gesprudelt.

Nektar – – –

Kaiserbrunn-Hochquellen-Wasser.


* * *

Wir können während unseres ganzen bewegten Daseins
seelisch nichts erleben, was wir nicht restlos bei Richard
Wagner in Musik umgesetzt wiederfänden! Er hat unser
Herz und alle seine Emotionen bereits in Musik umgesetzt!


* * *

Man wird sehr bald Theater bauen für
Kinematograph-Vorstellungen! Die Natur aus erster Hand, unverfälscht vom Künstler erhalten, wird die Marke
kommender Entwicklung sein! Ich lerne Brasilien kennen und
das Fällen von Urwald-Bäumen nicht mehr durch
Berichte, phantastische Erzählungen und Gemälde,
sondern direkt mit allen Poesieen und Schauern der Natur
selbst!

Wir sind endlich reif geworden für die
Darbietungen der Natur auf direktem Wege!
Zola war das erste Genie, das das
erkannt hat! Dass die Menschheit reif

geworden ist für die künstlerische Kraft der
Natur selbst, vita ipsa! Die, die keine Kraft haben,
keine

[51]

künstlerische
Fähigkeit, die Natur-Schönheit, die
Natur-Merkwürdigkeit, aus erster Hand zu geniessen, im
Leben der Stunde selbst, diese noch nicht
Freigesprochenen von diesen Lehrjahren
»Kunst«, die Lehrlinge des
Daseins, werden uns nicht irre machen! Sokrates beirrt
durch Bett-unreine Kindlein! Welten-Schönheit aus
erster Hand, erfasst von diesen Künstlern
»Auge«, »Ohr«, »Herz«,
»Gehirn«!


* * *

Was eine Mama in ihrem Kindlein zu erblicken die
Liebes-Genialität hat, an Merk-Würdigem und
Wunderbarem, das hat der Künstler in bezug auf alle
Menschen! Sie sind seine ihm ans Herz gewachsenen Kindlein!
Er erzählt von ihnen, er erlebt an ihnen minutiöse
nichtssagende vielsagende Ereignisse, wie eine Mama an ihrem
Baby. Eine liebevolle Mama macht sich oft lächerlich,
weiss die seelische Fassungskraft der Fremden nicht
zu taxieren. Desgleichen der Künstler. Er weiss die
seelische Fassungskraft der Fremden nicht zu
taxieren – – –.


* * *

Nur ein Künstler versteht eine Mama. Sie ist selbst ewig
in einer »künstlerischen Ekstase«, in einer
»genialen liebereichen Erkenntniskraft« in bezug
auf diesen einzigen Organismus »ihr
Kind«.

Wie beneidet der Künstler die Mutter! Was

[52]

sie um einen einzigen durchzuerleben hat,
erleidet er um alle!


* * *

Ältere, bereits geäusserte, aber nicht minder
wichtige Dinge:

2 und 3 ergibt 5.


* * *


Weinet, sanfte Mädchen – – –!

Solange ihr weinet, tragt ihr im traurigen Herzen die Welt!

Weinet, sanfte Mädchen – – –!

Haltet vor das bebende Antlitz die Hände – –
–.

Wenn ihr sie lächelnd senkt,

ist es zu Ende!


* * *


Was erhoffst du dir, Mädchen, noch!

Da du, geschlossene Blüte, alles Lebendige in dir
birgst!

Bleibe verschlossenes Blüh'n, o Mädchen –

–!

Denn die gewöhnliche Tat des Seins

mordet dein göttliches Ungeschehnis!


* * *

Pflanze und Genie besitzen die Erdkraft, von
überall, aus der zufälligen

Umgebung, die für sie dienlichen Nährsalze zu
ziehen – – –.

Die Mittelglieder »Tier« und »Mensch«

jedoch

[53]

sind angewiesen, einer
bestimmten Nahrung mühselig nachzupürschen
– – –.


* * *


Ehebruch. Aluminium hat eine so unentrinnbare Leidenschaft zu
Sauerstoff, dass es denselben selbst aus so zähen
Verbindungen wie mit dem Chrom zu reissen im stande ist und
ihn für sich gewinnt!!


* * *


Wem da ist zu schreien und der schreiet nicht
– – –

Wem da ist zu seufzen und der seufzet nicht
– – –

Dem sollst du ewiglich misstrauen und sollst ihn meiden!

Denn wohin verkriechen sich diese feigen Kräfte, welche
nicht den Mut haben, hinauszuströmen!

In die Gallen-Blasel!


* * *

Künstler, Dichter, ahnet ihr noch nicht, dass das
»werdende Weib« euch näher stehe als das
»gewordene«!

Welche »niedere Form« zweckdienlicher
Notwendigkeiten repräsentiert denn dieser dem Manne
entgegen ächzende Leib!

In welcher Freiheit hingegen, losgelöst vom Zwecke, ganz
in Grazie und Zartheit schwebend, steht das Kind-Weib vor
dir, Künstler!

[54]

Die traurigen
Schwierigkeiten endgiltigen Ereignisses sind noch in weite
Fernen gerückt und nah gerückt ist Gottes Plan,
der Seele eine unbeschwerliche Hülle zu geben.

Diese Form prävalierender Göttlichkeiten in dem dem
Fortpflanzungs-Geschäfte später so schnöde
gewidmeten Kunstwerke »Frauenleib«, hat der
Zeichner Fidus zu seinem Hauptthema gemacht.

Und die Jünglinge, welche diesen Kindlichen sich nahen,
tragen daher auf ihrem Antlitze jenen Ausdruck, welcher mehr
dem eines Beatrice-erfüllten Dante als dem eines
besitzwahnsinnigen Fauns entsprechen!

... Die Welt der »Fertigen« ist nützlich!!

Die Welt der Unfertigen jedoch ist schön!!


* * *

Unergründliche Natur! Die du à tout prix
deine Zwecke zu erreichen strebst!

10.000 Kilometer weit zieht das Häringmännchen an
die Küste aus dem unendlichen Ozeane, um das Weibchen zu
befruchten!

In das Gehirn des Häringmännchens legte die
vorsorgliche Weisheit der Natur diesen Gedanken, an die ferne
Küste zu ziehen zu dem Liebe-strotzenden Weibchen!

Sie sorgt eben für die Erhaltung – – –

der Häring-Rasse!!

Petrarcas Seele entflammte sich zu einem ewigen

[55]

Feuer an dem Antlitz einer Dame, welche er
ein einziges Mal im Leben sah, an einem Altare knieend!
Niemals zog er an die Küste, zu ihr!

Aus Fernen, aus Seelentiefen, gleich dem Ozeane, liebte er
sie und dreissig Jahre lang blieb er »in ihrer
Ferne«!

Und ohne seinen Körper befruchtet zu sehen, lebte dieses
Weibchen selig in dieser unfruchtbaren Liebe dahin!

O unergründliche Weisheit der Natur, die du à
tout prix deine Zwecke zu erreichen strebst!!

Du sorgst für die Erhaltung der Petrarca-Rasse!!

Denn mit dieser Dame zeugte er so aus Fernen seine
Kinder, die Liebeslieder!


* * *

Der erste Kuss kommt immer zu früh und nie
zu spät.

Merke dir das, du armer »nicht warten
Könnender«, Mann!

Merke dir das, du reiche »ewig warten
Könnende«, Frau!


* * *


»Giwril, mein Freund, du bist mein Folterknecht! Wenn
ich mit dir zusammenkomme, esse ich 24 Stunden lang absolut
nichts, trinke nur Eau de Cologne-Wasser. Damit ich die
Sicherheit eines idealen Atems habe!«

»Habe ich es verlangt, gewünscht!«

[56]

»Nein, aber auf deinem bleichen
Antlitz liegt die maladie de l'idéal!«

»Maladie!«

»Maladie! Denn die Gesundheit in uns wäre es, die
Kraft zu haben, die Unzulänglichkeiten ertragen

zu können! Wie die starke Lunge selbst Miasmen
ertrüge, während die schwächliche daran krank
wird!«

»Nein, meine süsse Freundin, Märtyrerin
meiner Liebe! Die Gesundheit ist, die
Zulänglichkeiten rastlos zu ersehnen, zu
erstreben! An Unzulänglichkeiten erkranken und
zugrunde gehen können, ist die
Gesundheit einer Seele, die als Kranke zu leben
zu gesund ist!!«


* * *

Puvis: »Si tu mets une image sur une muraille, qu'elle
ne peut pas digérer, cette muraille vomira cette
image!«

P.A.: »Si tu mets une âme d'homme sur une
âme de femme, qu'elle ne peut pas digérer, cette
âme de femme vomira cette âme
d'homme!«


* * *

Einst sagte ich: »He, eine Dame, die meine Neigung
erringen soll, müsste mindestens so schöne
Hände haben, als meine Füsse schön
sind!« Endlich fand ich eine solche. Aber es war eine
Siamesische Prinzessin in Bangkok, aus einer englischen
illustrierten Zeitung.

[57]

»Warum lässt du dir dieses Bild
einrahmen!« sagte meine Geliebte zu mir. »Dieses
Chinesengesicht!«

»So – – –«, sagte ich und
betrachtete die Tatzen meiner Angebeteten, welche für
mich zu sterben jeden Augenblick bereit war!


* * *

Ich sass einmal mit zwei Gefallenen. Die eine alt, fertig,
zerpatscht vom Leben wie die Fliege unter der Pracke. Die
andere jung, blühend. Die Alte war ungeheuer lustig und
die Junge ungeheuer traurig. Da sagte ich zu der Alten:
»Du, wieso ist es!«

Da sagte die Alte: »Du, die hat's noch nicht
nötig, lustig zu sein – –
–!«


* * *

Akkumulatoren von Lebens-Energieen:

Pürée von ganz mürbem, hellrosigem,
fettlosem Schinken, Pürée von grünen Erbsen,
Pürée von gelben Bohnen, Pürée von
Karolinen-Reis, Pürée von Bries, sauce tomate,
beef tea jellie in Suppe mit gesprudelten rohen 8 Eidottern,
Extractum »Puro« in gesprudelte Eidotter-Suppe,
saures Obers, frischer Gervais-Käse mit Salz, Spinat,
Pürée von prima-Erdäpfeln – –

–.

Von der Kraft jeder Speise muss der
denkende Mensch die Kraft abziehen, die
erforderlich ist, um sie zu verarbeiten! Daher
ausschliesslich leichteste Wöchnerinnenkost,
Rekonvaleszenten-Kost! Mit den

[58]

Ersparnissen
an Verdauungsarbeiten wird man zum genialen
Menschen! Das Genie ist nichts anderes als ein
natürlicher Akkumulator von ersparter Arbeit im
Organismus!

Und Hartleibigkeit darf es nicht geben!

In der Hälfte von 24 Stunden muss es irgendwie
behoben sein!

Das Schädliche jedes Heilmittels kann durch
Ruhe und Diät wieder ausgeglichen
werden!

Was schwächt, kann durch Bett-Ruhe ausgeglichen
werden!

Bett-Ruhe, erstklassiger Accumulator von Lebens-Energieen.


* * *


»Verkehre« nur mit Frauen, nach welchen du dich
»sehnst«!

Der Schmerz während ihrer Abwesenheit muss
tiefer sein als das Glück, das ihre Anwesenheit

dir bietet!


* * *

Er besass ein kleines Taschentuch von ihr, mit ihrem
Lieblings-Parfum »Cuir de Russie«. Er konnte nur
einschlafen, wenn er dasselbe in seiner linken Hand
festhielt. Er war jedenfalls erfüllt von Milliarden
innerer Zärtlichkeiten. Jede ihrer Hautporen
vergötterte er gleichsam. Er war tief traurig
darüber, dass er nicht jeden ihrer Atemzüge in sich
hineinsaugen konnte, den geliebten Duft ihrer Haare, ihrer
Haut unaufhörlich

[59]

einatmen konnte!
Diese unersetzlichen Lebens-Elixire!

Sie hingegen sagte: »Ich bin für ihn sicherlich
etwas, was ich für keinen andern Menschen auf dieser
Erde noch sein könnte. Ich werde das aber erst recht
spüren, bis ich anfange zu verwelken. Aber
vorläufig bin ich ein grosses Luder und muss es leider
bleiben! Bis ich anfange zu verwelken! Dann werde ich ihn
aber belohnen für alles Ausgestandene.« Womit!
Nun, mit dem Pofel, der übrig geblieben ist!


* * *


Sehnsucht, Sehnsucht, die du aus den Herzen der Menschen und
der Tiere ausströmst, ausströmst, ausströmst,
und keine Seele findest, die dich liebevoll aufnimmt, wohin,
wohin begibst du dich denn!

Zu einem Gedichte wertest du dich um, zu einer verschwiegenen
Träne, zu einer ernsten philosophischen Stunde, zur
Melancholie, die sanft und gerecht macht!

Nichts, nichts geht verloren von den Herzens-Kräften.
Und das Winseln eines ausgesperrten Hundes kann an das Ohr
eines Musikers dringen, der es in eine Symphonie umwandelt:
Treue und Sehnsucht.


* * *


Vino Condurango, ein Likörglas nach der Mahlzeit,
langsam in kurzen Schlucken getrunken.

Tamar Indien Grillon, morgens vor dem Frühstück
eine Pastille, gut zerkaut.

[60]

Vibrations-Massage, ausgiebig bis zum ersten
Ermüdungsgefühle.

Schlafen bei geöffneten Fenstern, das Bett hart an das
Fensterbrett herangerückt.

Essen von Rekonvaleszenten-Kost, Wöchnerinnen- Kost,
leichtestverdaulich und nahrhaft.

Warten können auf Hunger, auf Bergpartie-Hunger! So
wirst du zu einem John Rockefeller deines Lebens-Kapitales!


* * *

Eine jede Krankheit kann ausschliesslich nur durch
Ersparung an Lebensenergie-Ausgaben und
Anhäufung von Lebensenergie-Einnahmen

besiegt werden!


* * *

Ich sagte zu einer jungen Dame: »Sie sind sehr
schön. Aber Sie könnten noch tausendmal
schöner werden! Durch Vino Condurango und
Tamar Indien Grillon!«

Sie hielt mich für einen ausgewachsenen Narren.

Aber sie kaufte sich diese beiden Mittel.

Als ich sie wiedersah, sagte sie: »Sie sind gar nicht
so verrückt wie ich es gedacht habe – –

–.«

Ich verneigte mich schweigend.


* * *


Spürst du es, wenn du ausgeschlafen bist, nämlich
restlos! Eine Unmöglichkeit tritt nämlich dann ein,

[61]

noch länger im Bette zu bleiben! Ein
Ekel vor dem Liegen! Dann erst bist du ausgeschlafen! Ein
direkter Ekel vor dem Liegen! Bett-Flucht! Das Bett wird
plötzlich zu einem unnötigen und lästigen
Gegenstande! Dann erst bist du wirklich ausgeschlafen! Bis
die Bett-Liebe zum Bett-Ekel wird!


* * *

Trockenes sanftes rosig-reiben der Haut mit einem
zarten flesh-glove morgens beim Erwachen!

Infolgedessen wirst du Zugluft nicht mehr scheuen und kalte
und feuchte Luft und überhaupt – – –.

Immer ganz offenen Hals tragen! Keinerlei Unterkleider!
Socken statt der Strümpfe!

Licht und Luft seien deine Freunde! Deine Masseure!

Sonst wird man ein Schwarz-Albe, auch
seelisch-geistig!


* * *


Elastischer Gang ist das Zeichen des innerlichen
Adels-Menschen!

Roh und gemein ist auf alle Fälle, wer plump und
schwerfällig geht!

Nur die schon fast Fliegenden sind nobel und ehrlich!

Gott will uns in leichter Anmut haben!

Er selbst schwebt über den Dingen, plant!


* * *

[62]

Wer anmutig ist, kann nicht ganz schlimm
sein!

Rancune haben nur die Missgestalteten!

Wer mitbekommen hat, was nötig ist, kann nicht allzu
boshaft sein! Er ist versöhnt mit dem Schicksal!

Was einem Menschen versagt ist an Idealen, das gleicht er aus
durch Böswilligkeiten an anderen! Er rächt sich an
den anderen für das, was er zu wenig mitbekommen hat!

Sein »nicht Cocquelin-mässig
französisch-sprechen« müssen die anderen
büssen! Wer »ideal« schreitet, schreitet
scheinbar »affektiert«; denn das
gebräuchliche Schreiten ist »Plumpheit« und
»Schwerfälligkeit« – –.


* * *

Gutmütig kann nur der Vollwertige sein!

Er hat innerlich niemanden zu beneiden!

Er ist, der er ist und überhaupt sein kann!

Er ist in gewisser Beziehung sein eigenes vollendetes Ideal!
Sein restlos erfülltes eigenes Schicksal! Aber die
anderen sind Rudimente ihrer eigenen Möglichkeiten! Das
frisst an ihnen wie ein Krebs. Sie trauern um sich selbst!
Sie sind verzweifelt über die, die wenigstens das sein
können, was sie sind! Sie hassen die, die wenigstens das
sind, was ihnen gnadenweise vom Schicksale beschieden wurde!
Den lieb haben können, der mehr kann als man selbst, ist
»Menschlichkeit«! Ich liebe
»Maeterlinck«, »Strindberg«,
»Zola«, »Hamsun«,
»Ibsen«, »Gorki« etc. etc.!


* * *

[63]

Ich bin überzeugt davon, dass andere
meine Ideen schon besser, deutlicher oder ganz so
ausgedrückt haben.

Aber es ist notwendig, eine geschlossene Phalanx zu bilden
gegen die »Stupiditäten«. Die Wahrheit muss,
in welcher Form immer, Vorstösse machen, immer und
immer. Eine »lächerliche Figur« werden
dabei, ist das geringste Märtyrertum.


* * *

Den Menschen den Wert des ausgiebigen von selbst
endenden Schlafes näherrücken, ist eine
wertvollere Tat als alle Dramen und Gedichte der Welt!


* * *


Im Menschenleben selbst liegt, erblüht alle Poesie, wenn
er danach lebt! Jeder wird zum Dichter, wenn er seine
überschüssigen Kräfte in sich anhäuft,
die zu »Symphonieen des eigenen Lebens« werden!

Nur der, der immer gerade soviel immer wieder ausgibt als er
besitzt, bleibt eingesperrt im kleinen Kreislaufe,
ein ödes Geschlechts-Tier! Seine Melancholieen
drängender Kräfte ertragen können, heisst
Mensch sein! Trauern-können um seine
Gott-Unähnlichkeiten! Sich davon jederzeit erlösen
können im »geschlechtlichen Rausche« ist
Feigheit! Es ist »sich betrügen um Ideale«,
aus einem tragischen Ideal-Dasein ein bequemeres
Hausierer-Leben konstruieren! Beethoven konnte sich nur in
Symphonieen

[64]

erlösen! Es stand ihm
eben kein anderes Mittel zu Gebote!

Wehe denen, die »gesund« bleiben und
»friedevoll« auf Kosten ihrer Ideale!

Satan in uns ist nichts als der verleugnete Gott!


* * *

Die meisten edlen Frauen trauern innerlich um ihre
Unzulänglichkeiten, sind bedrückt und zaghaft.
Deshalb ersehnen sie einen, der soviel seelische
Kraft hätte, ihre Unzulänglichkeiten zu
Zulänglichkeiten umzudichten und aus ihnen
Königinnen und Märchenprinzessinnen des Daseins zu
machen!

»Ich bin nichts, nichts – – –«
fühlt sie. »Aber wenn er es findet! Sollte ich ihn
aufklären! Aber wird es andererseits anhalten bei ihm
für ein ganzes Leben! Ich bin jedesfalls vorläufig
seine kleine Königin, vorläufig, ich, ich, eine
doch Bettelarme! Er hat eine Bettlerin gekrönt!
Trage es würdig, Bettlerin!«


* * *

Was »aus Liebe« geschieht, geschieht gleichsam
unter den segnenden Händen der Natur! Die
»Welten-Seele«, die in der Welt verteilte latente
Seelen-Kraft, wird in irgend einer Weise dabei in lebendige
Kraft umgesetzt!

Ohne seelische Betätigung gibt es nur
schwächendes Bleich-Werden! Die Seele allein
ist der Motor dieser zarten Lebensmaschine »moderner
Mensch«!

[65]

»Ich kann ohne Sie nicht mehr
existieren Anna – – –«. Sie
errötet, sie gedeiht, sie lebt
auf!

»Ich möchte Sie nur momentan besitzen, geniessen,
Anna – – –.« Sie erbleicht, sie wird
zaghaft, sie stirbt ab! Es gibt ober uns, planend,
eine segnende, eine verfluchende Kraft der
Gesamt-Natur! Der Gesamt-Seele!


* * *

Ich lernte eine junge Dame kennen, die ihren Kanarienvogel so
liebte, wie jeder Mann in seinen idealen Träumereien von
seinem vergötterten Geschöpfe geliebt werden
möchte! Es war das Muster-Beispiel einer wirklichen
gegenseitigen Liebe!

Er blickte sie immer an, immer und immer, in
Zärtlichkeiten, die das Gefäss Herz zu sprengen
drohten! Seine kleinen schwarzen Äuglein schrieen vor
Liebe und Zärtlichkeit. Seine Füsschen tanzten,
seine Flügel bebten vor Zärtlichkeit. Und die
Herrin trank und trank diese unglaubliche Liebe in sich
hinein, und wurde stark und froh und zuversichtlich dadurch!

Und dann starb das geliebteste Vögelchen eines
tragischen Todes. Die Mutter des Mädchens trat
zufällig darauf. Und es war aus! Alles war aus.
Irreparabel. Sie lebte seitdem wie eine Absterbende.

»Wenn er mich anblickte mit seinen winzigen schwarzen
geliebten Äuglein – – –.

Aber die Augen der Männer haben Wucherer-Blicke, Blicke
von geriebenen Geschäftsleuten.

[66]

Weshalb gräme ich mich! Ich, ich allein
unter Tausenden lernte doch das Wesen der Liebe kennen
– – –.«


* * *


»Der Duft deines Polsters, auf dem du eine Nacht lang
geruht, und der den Duft deiner Haare, deines Atems, deiner
Haut enthält, kann mein Dasein verschönern,
verklären.«

»Dann gehe also hin, brich ein und bringe mir den
ersehnten Smaragd-Schmuck!«

Da wuchs er sogleich von selbst zu seinen
nächsthöheren Gipfeln empor und ohrfeigte sie.
»Ihr habt eure Macht mitbekommen, um uns
hinauf- nicht herunter zu bringen!«


* * *

Iss um zu leben, lebe nicht um zu essen! Wie lange dauert es,
bis eine alte Erkenntnis durch irgend einen Hokus-Pokus zur
Kraft eines unentrinnbaren Gesetzes anwachse in den
Gehirnen!! Welches pikante Gewürz, um den Idioten Etwas
mundgerecht zu machen! Es sei
»gepfeffert« – – –.


* * *

Hat der Gedanke an eine alte harte Brotrinde aus bestem
Landbrote für dich etwas Sympathisches!

Warte nun aber gerade so lange, bis dieser Gedanke für
dich etwas direkt Beseeligendes erhält! Gerade so lange!

[67]

Dann erst bist du idealisch-reif zu neuer
Nahrungs-Aufnahme!


* * *


»Wie der Morgentau für zarte Wiesenblumen, wie
Regen nach Trocken-Tagen sei meine Schönheit, meine
Anmut für dich! Wie ein beglückter Gärtner,
will ich dieses Edelste, ›Mannesgehirn‹,
betreuen, beschützen, fördern. Und mein Triumph sei
seine Gipfel-Höhe!

Wenn der Duft meiner Haut, meiner Haare dich beglücken,
so duften sie infolgedessen wieder in diesem Augenblicke
stärker, angeregt durch deine Beglückung! O Mann,
lasse mich diesen Anteil nehmen an dem Gebäude deiner
Welten-Seele!«


* * *


Möge ein jeder sein Scherflein beitragen – –
–; dann kommt die Milliarde zustande – –
– an Wahrheit und Licht!


* * *

Fleisch, ich habe nichts gegen Fleisch. Aber ich bin davon
tief überzeugt, dass, wenn einer in Eifersuchtsqualen
dahinvegetiert, und dabei täglich schwarzes Fleisch
isst, er dem Mord- und Selbstmord-Gedanken näher
rückte als wenn er in derselben Zeit Gervais-Käse
und Spinat zu sich nähme!!


* * *

Harte erstklassige Eidotter, passiert durch HaarSieb,

[68]

mit Estragon- oder Bertram-Essig und ein
wenig Salz, zu einem dicken Brei verrührt!


* * *

Zwischen schwarzem Fleisch und weissem Fleisch ist
ungefähr der Kraft-Unterschied der robusten Lungen-Kraft
eines trainierten Meister-Ringers und der zarten Lungen-Kraft
eines gesunden neugebornen Kindleins. Schwarzes Fleisch ist
daher nur für erstklassige Meisterschafts-Ringer des
Lebens! Ich empfehle Schill-Steaks, Fogosh-Steaks,
Zander-Steaks, Branzino-Steaks etc. etc. in leichten
Paradeis-Saucen, in leichten mehl-freien Einmach-Saucen,
Sauce Hollandaise etc. etc. Ich empfehle desgleichen
eingemachtes Hirn und Bries.


* * *

»Ich habe Verluste, also suche ich dieselben
natürlich durch Bett-Ruhe und Rekonvaleszenten-Kost
auszugleichen« sagte die edle junge Frau
sanftmütig an gewissen Tagen.

»Mir schadet das nichts« sagte im gleichen Falle
die Brutale und sekierte während dieser Tage ihre ganze
Umgebung infolge ihrer Nerven-Überreizung.

Es schadete ihr wirklich nichts – – – aber
den anderen!


* * *

Empfinde Wäsche-Wechsel nicht als etwas
Selbstverständliches. Empfinde es als Besonderes,
Regenerierendes,

[69]

Wunderbares! Empfinde es
als eine neue »Häutung«, wie die
Libelle aus der Puppe, in lichtere, reinere, leichtere
Welten!

Das Selbstverständliche ist Nerven-Mord. Das
mit Bewusstsein erfasste Nützliche wird erst zu
einem Nerven-Tonikum.


* * *


Frischer französischer Gervais – Käse, mit
Salz, mildestes, sanftestes Nahrungsmittel dieser Erde,
gleichsam Edel-Betreuerin unseres Verdauungssystems.
Weshalb nehmen dich hie und da satte Menschen zum Dessert,
während du für dich allein bereits ausreichtest,
einem Hungrigen alle Lebenskräfte in edler einfacher Art
zu spenden!

Jungen zarten Frauen möchte ich an
»gewissen« Tagen nur Gervais-Käse geben und
Hühner-Bouillon, beaf-tea-jellie, Spinat, weichgekochten
Karolinen-Reis, durchsichtige Sago-Suppe,
Erdäpfel-Pürée, grünes
Erbsen-Pürée, rohe Eidotter gesprudelt in klare
Hühnersuppe.


* * *

Die Kopfbedeckung ist ein Irrsinn, eine
überkommene Institution dieses Mittelalters »20.
Jahrhundert«! Es ist nicht weniger blöd als
Hexenverbrennung! Die Hutmacher wollen eben existieren; wie
die Postkutsche zur Zeit der Eisenbahnen!


* * *

[70]

Einen geraden idealen Rücken haben, ist
eine Voraussetzung eines kultivierten Menschen. Dazu ist ein
jeder verpflichtet. Junge Damen mit unidealem Rücken
müssten auf Bällen boykottiert werden. Niemand
tanze mit ihnen!


* * *

Vor allem – – – dein Atem sei wie
Berg-Alm-Wiese.

Aber sogleich beim Erwachen am Morgen!

Denn der Tag bringt Mittel und Mittelchen.

Aber am Morgen siegt oder unterliegt die
Natur selbst in ihrer unerbittlichen Wahrhaftigkeit!


* * *

Frei-Übungen zu einer rhythmischen Klavier-Begleitung
(amerikanische Kriegs-Märsche), unerhört
präzise, blitzschnell ausgeführt,
erhöhen das Turnen zu einem »hygienischen
Tanzen«. Das Tanz-Turnen.


* * *

Schöne Frauen, traget Socken, Sommer und Winter lang,
und keinerlei Unterkleider! Es macht euch
widerstandsfähig und rosig!


* * *

»Es gibt Frauenhände, deren Berührung mir
Lebens-Energieen zuführt, es gibt Frauenhände, die
mir Lebens-Energieen rauben!«

»Das bilden Sie sich nur ein« sagte der
alte Arzt.

[71]

»Ich werde darüber 10 Jahre lang
nachsinnen« sagte der junge Arzt.


* * *

Hände maniküren heisst aufbegehren mit dem
Schicksal!


* * *

Sauge einer jeden Speise ihre Kraft, ihre Seele aus, vermeide
ihre schwer verdaulichen Rückstände, die
Überflüssigkeiten! Was zu einem leichten Brei in
deinem Munde vermittelst der Zähne und des Speichels
verwandelbar ist, das schlucke hinunter – –

–. Das andere – – – schlucke
nicht hinunter!


* * *


Kleidung – – – Verhinderer dieser
wunderbaren Verbindung »menschliche Haut« und
»atmosphärische Luft«!

Man kann nicht wenig genug anhaben! Der einzige
Massstab sei Polizei und Strafgesetz!

»Ich habe so wenig an, als die Polizei mir gerade noch
gestattet!«


* * *


Sich bescheiden, ist aristokratische
Lebensführung.

Reine Hände sind fast schöne Hände. Man hat
jedenfalls Mitleid mit ihnen.

[72]

Und das ästhetisch Vollkommene
überlassen wir ausschliesslich den
Schicksals-Genies! Denen, die es mitbekommen haben
als Erbteil! Hagen kann nie Siegfried werden. Er ist bleich
und schwarz, schwerfällig und von langsamer
Verdauungskraft.

Hagen mit manikürten Händen – – –

ha ha ha ha. Es bleiben dennoch ewiglich schwere
Mord-Hände!


* * *

»Mein Gatte geht im Schneegestöber ohne Hut,
lässt die Schneeflocken in seinen geliebten Haaren
zerrinnen – – –« sagte stolz eine
junge Dame. »Die Passanten bleiben lächelnd
stehen, aber das ist eben mein grösster Stolz!«


* * *

»Du gehst ziemlich schlapp und linkisch« sagte
sie sanft-traurig zu ihm.

Da begann er heimlich des Morgens mit den adeligen
Frei-Übungen: Arm-heben nach
auf-seit-abwärts-vorwärts, in
blitzschneller Präzision. Beinheben vor-und
seitwärts. Anfersen. Tiefe Rumpfbeuge nach vor-und
rückwärts. Alles in blitzschneller

Präzision. Bis zur ersten leichten Ermüdung. Dann
Rast in Liege-Stellung.

Eines Tages sagte sie beglückt: »Du schreitest nun
leichter und froher dahin, mein Lieber – –
–.«


* * *

[73]

Der deutsche Aufsatz.

Der »Deutsche Aufsatz« des Gymnasiums ist das
Unglück des späteren Lebens.

Es ist eine »geistige Schwäche«, das
Wesentliche und Wertvolle einer Sache nur in einem
verdünnten Brei von Überflüssigem geniessen zu
können!

Es ist die unselige Fähigkeit, einen monumentalen
erzenen Satz zu einem Artikel zu zerreiben, eine Skizze zu
einer Novelle auszuwalzen wie die Köchin den
Strudelteig, aus einer gehaltvollen Szene ein gehaltloses
Stück zu machen!

Es ist die schreckliche Fähigkeit, stundenlang
Konversation zu führen, statt stundenlang schweigen zu
können und in einer Minute das Erschöpfende sanft
mitzuteilen!

Sparsamkeit, sagt Bernhard Shaw, ist die Tugend der Tugenden!

Bis zu dem Augenblicke, da ich das las, hätte ich mich
gescheut, diese These als meine ureigenste Erkenntnis seit 25
Jahren zu propagieren! Ich freue mich aufrichtig, dieselbe
nun bei einem gefunden zu haben, dem man jedenfalls eher
glauben wird als mir!

Sparsamkeit ist die Tugend der Tugenden!

Man muss das einer Künstlernatur liebevoller glauben als
jeder anderen, da gerade diese die Verluste ihrer
Lebensenergieen in jeder Beziehung, seelisch, geistig,
körperlich und ökonomisch, tiefer und tragischer
empfindet wie jene Naturen, deren Produktionskräfte auf
minder Wertvolles gerichtet sind!

Ein Franzose hat es so wunderbar ausgesprochen:

[74]

»Être artiste, c'est tout simple
– – le minimum d'effort et le maximum
d'effet!«

Nüchtern und knapp!

Aber wir erlernen das schrecklich Überflüssige im
»Deutschen Aufsatz« des Gymnasiums! Es verfolgt
uns dieses Danaergeschenk des schönen Stils, der
wohlklingenden Sprache, in alle unsere geistig-seelischen
Emanationen!

Die gute Hausfrau hat sich noch allein die Fähigkeit
erhalten, die Knochenzuwage zum Beefsteak als etwas
Störendes zu empfinden!

Wir aber haben uns daran gewöhnt, zu verdaulicher
Geistesnahrung unverdauliche Knochen und Flachsen freudig
mitzubezahlen und mit hinunterzuschlucken!

Überwindet den »Deutschen Aufsatz« des Gymnasiums, ihr, die ihr als Gereifte ins Leben entlassen seid!

Wir erlassen euch für immer Einleitung und Schluss und
alle Vergleiche aus dem Mittelalter und Altertume!

Ziele, fertig, triff ins Schwarze!

Ich glaube, der Leser wartet schon lange auf eine solche
Ausdrucksweise – – nur der Schreibende hat noch
nicht den Mut dazu! Sparsamkeit ist die Tugend der Tugenden,
sagt Shaw.


* * *

Die kranke Lunge bedarf reiner sauerstoffreicher
Luft, bei Tag und Nacht – – –.

Wozu! Um im besten Falle normal zu werden!

[75]

Aber die gesunde Lunge bedarf
reiner sauerstoffreicher Luft, um
»göttlich« zu werden,
über-menschlich!


* * *

Man gab Vino Condurango Magenkrebs-Kranken, zur
Linderung. Nun wird man es Magen-Gesunden geben, zur
Erhöhung!


* * *

Den Kranken, das heisst den Herunter- Gekommenen zu
seiner früheren Höhe zurückbringen
– – – armseliges Bemühen!

Den Gesunden von seiner Höhe zu Gipfeln
endzubringen – – –
Gott-gefälliges Werk! Von eigener Höhe zu
überhaupt erreichbarer Höhe!

Erschöpften Kräften aufhelfen! Aber
unerschöpfte zu unerschöpflichen machen!
Das ist das Werk!


* * *


Wenn man einen »Leck« hat, kann man sich
notdürftig kurieren!

Wie kurierte man sich da aber erst, wenn man noch keinen
»Leck« hat!!


* * *

Der »Rekonvaleszent« erwachte aus einem
15-stündigen Schlafe bei weit geöffneten Fenstern.
Er war wie neugeboren. Wie erwachte aber da erst einer,

[76]

der kein »Rekonvaleszent«

wäre! Nicht neu-geboren, sondern höher
entwickelt!


* * *


»Hauche mich an« sagte er; »denn dein
geliebter Atem führt mir die Kraft zu, die ich brauche,
um die Verzweiflungen zu ertragen, die du mir sonst seelisch
anderweitig auferlegst – – –.«


* * *

Prüfungsfragen an eine moderne Frau:

»Was wissen Sie mir, Gnädige, über die ideale
Zubereitung von Reis zu sagen!«

»Was wissen Sie über den Wert der
Milchner-Ostseefetthäringe!«

»Welche Verwandtschaft haben Semmering-Luft
und ›glückliche Liebe‹ als
›tonische Mittel‹!«

»Wie verhält sich ›körperliche
Elastizität‹ zu ›geistiger
‹!«

»Was wissen Sie mir über den Wert von grünem
Erbsen-Pürée zu sagen!«

»Welche Seife ist für das Waschen von englischen
weichen Hemden die vorzüglichste!«


* * *

Die Spannung, die eintritt, wenn wir als Kinder

Coopers »Lederstrumpf« lesen und mit dem
geliebten Edelsten »Wildtöter« oder dem
»Cingachgouck« mitleben, mit-leiden, mit-sterben,
eben dieselbe Spannung müsste eintreten, wenn wir
Erwachsene geworden

[77]

sind, dem
geliebten Weibe gegenüber. Man möchte sie retten,
schützen, betreuen – – – aber man kann
nur in Tränen und Angst ihr Schicksal lesen, den Schlaf
verlieren und die leichte Tagesfreude. Und auf das
nächste Kapitel ihres Lebens warten – –

– wird sie also untergehen oder nicht!


* * *

»Ich wünsche mir leidenschaftlich ein
Töchterchen« sagte eine junge Frau zu mir,
»aber nur, um ihr alles das ersparen zu können,
woran ich selbst gescheitert bin – – –.
Einen Knaben müsste infolgedessen leidenschaftlich mein
Gatte sich erwünschen!«


* * *

Im »Variété« lernt man es, wie weit
es ein jeder in einer Spezialität bringen könnte.
Der kommende Mensch wird ein
Variété-Künstler seines
Gesamt-Organismus sein!


* * *

Ich traf in einem Bäckerladen um 4 Uhr morgens ein
bleiches mageres wunderschönes Kind von 14 Jahren.

Ich sagte zur Bäckermeisterin: »Reissen Sie doch
um Gottes willen dieses zarte Geschöpf nicht um diese
Stunde aus dem Schlafe, jetzt, in den Entwicklungsjahren
– – –.«

»Ja, mein lieber Herr, glauben Sie, dass es mir besser
ergangen ist seinerzeit!«

[78]

»Desto tiefer müssten Sie es nun
mitfühlen können!«

»Also bitte, wenn der Herr Doktor übrigens glaubt
– – –« sagte die Bäckermeisterin
und schickte das süsse Geschöpf wieder schlafen.


* * *

Antiphon! Hartgummi-Kugel mit Stahl-Bügel!
Getreuer Bebüter tiefen von selbst endenden Schlafes!
Helfer der Natur selbst, die liebevoll an der Nacht-Arbeit
ist, die Schäden des Tages wiederherzustellen! Das Ohr
verschliessest du und den Nerven gibst du den Frieden
bewusster Sicherheiten. Sei gesegnet!

Zu kaufen in den Läden für chirurgische
Instrumente. In Wien bei Breuer, I., Führichgasse.


* * *


»Ich kann nach dem Tempo eines amerikanischen
Militär-Marsches hundertmal die tiefe Rumpfbeuge
machen« sagte eine junge Dame; »und dann habe ich
noch meine Hilsen Loute-Torte erfunden:

10 kreisrunde Blätter aus Hohl-Hippen-Teig, gefüllt
mit Crême fleur d'orange, übereinandergelegt. Mein
Bruder ist ein Dichter. Aber wenn er diese Torte isst, sagt
er jedesmal: »Hilsen Loute, du bist die grössere
Dichterin!««


* * *

Jeder kultivierte Mensch möchte ein Goethe-Leben
führen. Da er aber die Kraft nicht dazu

[79]

hat, versauft er sich. Das heisst, seinen
Gram dar über!


* * *

Einen Menschen aus dem Schlafe wecken, heisst ein
Meuchelmörder der Natur sein!


* * *

Annonce:

In meinem Hotel ist es durch 3 Zentimeter dicke
Kokos-Teppichläufer und 10 Zentimeter dick mit Werg
ausgefütterte Tuchtüren als zweite
Aussentüren, ferner durch strengste Vorschriften an die
Bediensteten, für welche Stille-Prämien

ausgesetzt sind, unmöglich gemacht, anders als durch den
Wunsch gleichsam der Natur selbst geweckt zu werden! Von 10
abends bis 10 morgens ist jedem meiner Gäste
absolute Ruhe garantiert!


* * *


Annonce:

In meinem Gasthofe werden ausschliesslich, unter Aufsicht
eines Arztes, Speisen zubereitet, die in einem normalen aber
zarten Organismus in 2-4 Stunden vollkommen verdaut
sind!


* * *

»Mein Geliebter ist bloss ein Schreiblehrer. Aber ich
ersehne es mir, dass er der Welt eine grosse deutliche
Schrift beibringe, sie in seinem Gebiete

[80]

wenigstens erlöse! Kann mein Leib,
meine Seele ihm dazu dienen, bon. Es soll seinen Idealismus
anfeuern, den Menschen eine deutliche Schrift beizubringen
– – –.«


* * *

Vibrations-Massage! Den Kranken machst du
vielleicht gesund, aber dem Gesunden

verleihst du sicherlich göttliche Kräfte!


* * *


Den Lahmen zum Gehen verhelfen! Nein, dem Gehenden zum
Fliegen!


* * *


Man muss soweit heruntergekommen sein,
schwerverdauliche Nahrung nicht mehr zu vertragen, um so weit
hinauf zu kommen, durch ausschliesslich
leichtverdauliche Nahrung eine neue
Höher-Entwicklung erreichen zu können!


* * *

»Mein Söhnchen wird das erreichen, was mir versagt
blieb« dachte der Feigling-Vater.

Sein eigener Sohn werden können, sich in sich selbst
höher-organisieren zu seiner End-Entwicklung! Aber es
von seinen Kindern erwarten, erhoffen! Feigheit!


* * *

[81]

Es gibt nur zweierlei Menschen: Die, die in
irgend einer Weise den Plänen des Schöpfers in
Bezug auf die Sanierung der Menschheit Vorschub leisten, und
die »Après moi le déluge-
Menschen«, also Christliche und
Jüdische!


* * *

Schwedischer Tee! Ambrosia des modernen Menschen.

Man schütte die trockenen Teeblätter statt in
siedendes Wasser, direkt in siedendes bestes Obers
(unabgerahmte Milch). Dann lasse man es »ziehen«,
bis die Milch goldgelb geworden ist, seihe die
Teeblätter heraus und fertig! Man hat das wertlose
Wasser durch nahrhafte Milch ersetzt und dieser die Tee-Seele
eingeflösst, das Tee-Aroma, ein Tonikum der Nerven.


* * *

Eine Familie gründen heisst, seine für eine
Milliarde von Menschen-Schicksalen ausreichende latente
Freundschaft auf ein Frauen-Schicksal und
zwei bis fünf Kinder-Schicksale
herabdrücken.


* * *

Freiturnen, in blitzschneller Präzision
ausgeführt, macht frei. Wovon! Fast von
allem, was bedrängt! Was bedrückt!


* * *

[82]

Kalte Klystiere sind »kalte Bäder
von innen«.

Man darf eine Dame fragen: »Waren Sie heute schon im
Schwimmbade!«

Aber die ebenso natürliche andere Frage – –
– ist unerlaubt.

Und dennoch garantiert die zweite Art dir Jugend und
Schönheit mehr als die erstere. Aber man darf
nicht fragen: »Tust du etwas für deine Jugend und
Schönheit, geliebtestes Geschöpf!«


* * *

Auf seinen »Hunger« warten können,
ist fast der Triumph

körperlich-seelisch-geistiger Erziehung. Überall
kannst du dir den heiligen Hochgebirgs-Touristen-Hunger
erzeugen, der gleichsam Leder noch verdaulich machen
möchte.

Die Zeit verschafft dir ihn. Vielleicht in 24
Stunden, in 30. Aber dann sicherlich. Bis dahin musst du
ausharren können in Ausharrungs-Kraft!
Habe ich das schon einmal mitgeteilt! Ich sollte es noch
hundertmal erwähnen. Bis zum Überdrusse.
Stahl-hart-elastisch werden, um ausharren

zu können bis zum Hochgebirgs-Hunger!


* * *

Pasta Suin de Boutemard. Idealstes Zahnputzmittel.
In Wien bei Twerdy, Apotheke, Kohlmarkt.


* * *

[83]

Ein wirklich glücklicher Augenblick im
Leben: Wenn der Zahnarzt sagt: »So, heute sind wir
fertig geworden. Sie brauchen vor einem halben Jahre nicht
wiederzukommen – – –.«


* * *


Bevor der Zahnarzt nicht gesagt hat: Fertig! hat
niemand das Recht zu liebevoller Zärtlichkeit!


* * *


Schwerfällig gehen, ist ein Verbrechen. Denn man
könnte es ändern! Irreparabel ist ein
Nasenrücken. Aber selbst der wird durch edle Gedanken
veredelt, aristokratisiert!


* * *


Jeder Mensch, der liebt, muss für den, den er lieb hat,
ein Tonikum sein!

Sonst beginnt die organische Tragödie

–.


* * *

Der Mörder »Optimismus«! Es wird schon
gehen. Es ist anderen auch gelungen. Weshalb gerade mir
nicht! Ist es nicht heute, ist es morgen. Dieser feige
schleichende Gedanken-Mörder
»Optimismus«!


* * *


»Ich bereite mich in jahrelanger gegenseitiger
Zärtlichkeit mit meinem Kanarienvogel für den vor,
der da kommen wird – – –!«

[84]

»Ein solcher wird nicht kommen,
Fräulein – – –. «

»Dann bin ich wenigstens denen entgangen, die
zu wenig edle Zärtlichkeit gehabt hätten –

– –.«


* * *

Die Märchen vom Jugend-Brunnen sind Antizipationen
künftiger Menschheits-Entwicklung! Alle Träume sind
antizipierte Entwicklungen – – –.


* * *


Ich höre, dass man Vino Condurango bei
Magenkrebs verordnet. Welche Kraft muss dieses Mittel erst
spenden können, solange der Magen noch gesund ist!


* * *


Man ist ein »unerschöpflicher Born«!


* * *


Nachmittags-Schläfchen. Man ziehe sich vollständig
aus wie abends, ziehe das Nachthemd an, nehme die Antiphone
ins Ohr, lege sich ins Bett! Man spiele
»Nacht-Ruhe«; so holt man in einer halben Stunde,
in einer Stunde, viele viele versäumte Stunden ein. Man
kann dann wirklich neuausgerüstet das Tageswerk
vollenden bis zur Nacht! Völlig gerüstet für
den Kampf der Stunden.


* * *

[85]

Freiturnen zu den ungeheuren Klängen
von amerikanischen Märschen in einem Riesen-Orchestrion,
Firma Caivioli, mit Anfeuerung durch die Zurufe des
Turnmeisters, wie beim Parforce-Reiter auf ungesatteltem
Pferde im Zirkus durch den Stallmeister! Freiturnen nach
Trommelwirbeln! Die Musik muss aufstacheln und Kräfte
auslösen! Freiturnen sei eine Art Bewegungs-Schlacht.
Vor, vor, nur vor, gebt euer Letztes!


* * *

Jeder Organismus ersehnt sich unentrinnbar seinen
möglichen Ideal-Zustand und nur bewusste
Weisheit kann ihn ihm verschaffen!


* * *

Eine Dame schrieb einem Manne, den sie nicht leiden konnte
und der sie nicht leiden konnte: »Heute abends kommt
zum Nachtmahle Fräulein B. zu uns, an die Sie
kürzlich das schöne Gedicht gerichtet haben. Kommen
Sie, Sie brauchen mich selbst jedoch nicht einmal zu
begrüssen.« Und der Herr tat ihr die Ehre an, zu
kommen und sie nicht einmal zu begrüssen. Aber im
Inneren befanden sich die Siege der Seele – –

–.


* * *

Philosophie des Optimismus. Im 17. Jahrhundert sagte einmal
einer: »Man wird einmal von Paris nach Wien
fernsprechen können – – –.«

[86]

Man erwiderte ihm: »Narr,
Träumer, Esel!«

Auch im Jahre 1905 gibt es dieselben Narren, Träumer,
Esel. Sie sprechen eben vom Jahre 3000.


* * *


Pferde-Misshandlung. Sie wird aufhören, bis die
Passanten so irritabel-dekadent sein werden, dass sie, ihrer
selbst nicht mächtig, in solchen Fällen
tobsüchtig und verzweifelt Verbrechen begehen werden und
den hündisch-feigen Kutscher niederschiessen werden
– – –. Pferde-Misshandlung nicht mehr mit
ansehen können, ist die Tat des dekadenten
nervenschwachen Zukunfts-Menschen! Bisher haben sie eben noch
die armselige Kraft gehabt, sich um solche fremde

Angelegenheiten nicht zu kümmern – –
–.


* * *


Kindheit und Jugend sind die öden torkelnden Verbrechen
des Unwissens! Die Sandwüsten gepriesenen
Instinkt-Vegetierens! Gott weiss, und nur der
Wissende kann Gott-ähnlich werden,
tief und friedevoll! Kindheit und Jugend – –

– Hallstädter Kretin-Dasein! Idylle des
Trottels!


* * *


Melancholie ist, den Abstand seines Seins von seinen eigenen
möglichen erreichbaren Idealen spüren! Wehe dem,
der diese Melancholieen nicht hätte! Vorzeitig seine
Ruhe, seinen Frieden finden, heisst die

[87]

Sedan-Kapitulation seiner selbst
unterzeichnen! Melancholie ist die Stimme Gottes in uns, die
uns unentwegt an unsere Pflicht ruft, Gott-ähnlich zu
werden! Diese dunkle unentwegte Stimme, die tönt und
nicht zur Ruhe kommen lässt. Wehe denen, die beruhigt
dahinleben. Nur auf erreichten Gipfeln ist
endgiltige Ruhe!


* * *

»Ich liebe dich« wird ersetzt werden durch
»Ich erkenne dich.« »Ich erkenne
dich, Freundin, als die mir Zugehörige! Du wirst mir
Kraft verleihen zu meinen Gipfeln – – –.
Und ich werde dich belohnen durch Sanftmütigkeiten, die
aus der Kraft meines Friedens kommen, den ich wieder nur
dir verdanke – – –.«


* * *

Es wird eine Zeit herankommen, da werden alle
arbeitenden Menschen den Dienst versagen, wenn es
nicht in einem durch erstklassige elektrische Ventilatoren
mit sauerstoffreicher reiner Luft erfüllten Raume
geschieht. Alles andere ist Kräfte-Meuchelmord!


* * *

Die Sohlen meiner Schuhe beginnen zu reissen, ihren Dienst zu
versagen. Aber ich habe seit 2 Jahren noch ein Paar
amerikanischer Schnürschuhe in Reserve. Das
macht mich sorgenlos, frei und glücklich.

[88]

Es ist ein Tonikum für die
Nerven. Schuhe in Reserve haben!


* * *

Semmering, ungeheurer Speicher von Lebens-Energieen! Sei
gesegnet! Du adeliger
Stoffwechsel-Beschleuniger!


* * *

In jedem Menschen ruht schlummernd die »Göttliche
Seele«. Indem man sie in einem Menschen
anerkennt, erwacht sie sogleich und beginnt sich zu
regen – – –.

Misstrauen in sie hingegen hält sie in
Schlummer versenkt. Sie bedarf schützender und
gläubiger Kräfte, um zu erwachen zu ihrem zarten
Leben – – –.


* * *

»Weshalb sind Sie immer so freundschaftlich gerade
diesem Mädchen gegenüber, so direkt sorgsam!«

»Sie zeigte mir einmal begeistert in einer Auslage
einen Ring, und es war wirklich unter Hunderten von Ringen
der zarteste, feinste und diskreteste – –

–.«


* * *


»Ich habe heute nachts eine Suppe erdichtet«
sagte das Fräulein G.E. »Geräucherte
Sprotten, geschält, entgrätet, im Siebe passiert zu
Pürée, in

[89]

einer dünnen
Einmach-Brühe. Potage G.E.! Vielleicht nicht für
alle mundlich, aber immerhin meine Erdichtung – –

–! Das sind unsere modernen
Dichtungen


* * *


Ich erwarte allein schon von der Vibrations-Massage
eine Erhöhung und Erlösung des Menschengeschlechts!


* * *


Tonikum. Betrachte doch genau das Antlitz eines jun gen
Mädchens, unmittelbar vor einem Balle oder einer
Opern-Vorstellung. Es erreicht in diesen Augenblicken seine
Schönheits-Möglichkeiten durch erhöhte
Verbrennungsprozesse im Organismus. Freudig bewegt. Eben
diesen Ausdruck erhöhten Daseins sollte stets der
Verkehr mit einem Edel-Manne erzeugen. Ein Edel-Mensch muss
ein Tonikum sein!


* * *

Ein Dutzend Leinen-Sacktücher von feinstem Gewebe
besitzen und bewundern und lieb haben können!
Besorgt sein können um ihr Schicksal bei der
lieblosen Wäscherin. Freudig bewegt sein, wenn
sie heil zurückkehren. Verzweifelt sein, wenn
ihnen ein Leids geschah – – –. Eine solche
Frau – – – da sind eben diese
Taschentücher nur Gratis-Proben von
Welten-Impressionabilität. Alles Edle wird da
überhaupt auf fruchtbaren

[90]

Boden fallen.
Die Seele wird nicht verstreut in alle Winde für nichts
und wieder nichts – – –.

Es gibt nur »seelische Beziehungen«. Das Sexuelle
ist dann nur die Erlösung von
übermächtig angesammelten, aufgespeicherten
Lebens-Energieen der Seele. »Da die Geliebteste von 7
bis 1/2 12 nachts, in Tränen gebadet, starr und stumm,
in sich versunken, bei der
»Götterdämmerung« verharrte neben mir,
musste ich sie um 1 Uhr morgens in meine liebevollen
Arme nehmen. Es war gar kein Unterschied mit dem heiligen
Opernhause. Sie sagte sanft: »Es ist die Fortsetzung
– – –.««


* * *

Triumph. »Er geht elastischer, seit er mich kennen
gelernt hat – – –.«


* * *

Ich möchte die Summe der Lebens-Energieen meines
Geliebten, in körperlicher seelischer geistiger und
ökonomischer Beziehung, betreuen und beschützen,
erhalten und vermehren zu jeder Stunde. Durch meine
liebevollen Kräfte. Ich möchte für diese
Edel-Maschine »Mann« das sein was reine
Bergesluft und leichte feine Nahrung sind! Ein Tonikum
für seine Gottes-Ähnlichkeiten!

Und erlischt eines Tages meine magische
Anziehungskraft, so will ich sanftmütig aus seinem

[91]

Leben verschwinden, gedenkend der heiligen
Tage und Nächte, da er gedieh gleichsam unter meinen
Atemzügen!«


* * *

Récréation. »Ich gehe für 8 Tage auf
den Semmering –.«

Récréation. »Ich gehe für 8 Tage zu
Frau G. – – –.«


* * *

Meine Geliebte sagte mir einmal: »Mit mir allein nur
siehst du immer aus wie ein träumerischer exaltierter,
von magischen göttlichen Kräften erfüllter
Künstler. Wie Beethoven, Symphonieen gebärend. Da
möchte ich dir zu Füssen sinken, dass ich das
vermag, und dem Schicksal danken – – –.

Mehr Glück vielleicht und Liebe bei den anderen
Frauen, aber diesen Ausdruck des Antlitzes nur
bei mir!«


* * *

»Ich brauche eine Frau – –.«

»Nein, ich, ich brauche meine Frau –
– –.«


* * *

»Ich und Marie wollen nun endlich heiraten, nach diesen
Jahren der Unsicherheiten. Auch haben wir ein Kind. Ich
möchte die Kur-Anstalt in Z. daher übernehmen
– – –.«

[92]

»Ich habe weder Weib noch Kind. Ich
möchte meine unerschöpften Kräfte den
kranken fremden Menschen weihen. Ich möchte daher die
Kur-Anstalt in Z. übernehmen – –

–.«

Aber es erhielt sie natürlich der erstere, denn er hatte
doch eben Weib und Kind zu erhalten!


* * *


Vanité, du »Krebs der Seele«, du
Flügel-Stutzer zum Fluge auf die Gipfel der
Gottähnlichkeit, du Hemmer und Verhinderer, bleibe fern
dem Dasein der jungen Hilsen Loute V.! Vanité, du
einziger Krebs der Seele! Du Zerstörer der
edlen sanftmütigen Menschlichkeiten in uns! Bleibe fern!


* * *

Menschen-freundliche Menschen! Ärzte,
Advokaten, Kaufleute, gleichviel. Aber
Menschen-freundliche Menschen!


* * *

Er wählte unter hunderten von Ansichtskarten die feinste
wunderbarste aus, photographierte Schneelandschaft,
verschneites Dörfchen. Da kam infolgedessen momentan
eine rosige Begeisterung auf ihr zartes Antlitz. Und den, den
sie liebte, hasste sie momentan, denn er wählte eine
Schmarren-Karte aus. »Idiot« fühlte sie. Und
dennoch zugleich: »Aber ich kann ihn dennoch keiner
anderen überlassen – – –. Den anderen
kann ich überlassen,

[93]

aber ich verehre
ihn. Woher kommt es! Niemand weiss eine Erklärung
– – –.«


* * *

Ablenkung vom eigenen Ich – – –

ein Tonikum erster Ordnung.

Konzentration auf das eigene Ich – –
Verlangsamung des Stoff-Wechsels!


* * *

»Hat mein Hund schon sein Essen bekommen!

Hat mein Kanarienvogel schon frischen Sand!

Hat mein Rosenstock schon Sonnenlicht und frisches Wasser!

Ich bin beschäftigt, Gott sei Dank! Und zwar in
Liebe – – –.«


* * *

»Sie sollten aber auch an sich selbst denken,
Fräulein – – –!«

»Das tue ich ja. Eben deshalb denke ich ja nie an mich
selbst – – –.«


* * *


Ein Minister, der in den »Zwischenpausen«
Bäume fällte! Ein genialer Regenerator seiner
selbst! Im All liegt alle Kraft. Hole sie dir dort,
Geschicke-Lenker!


* * *

[94]

»Meine Grossmutter wird nicht alt. Sie
hat eine riesige Wiese hinter dem Haus zu einem Wäldchen
von Rosenbäumchen umgestaltet. Von ihrem Fenster aus
überblickt sie ihr künstlerisches Sorgen-Kind, den
Rosen-Wald. Es ist bereits zu einer fixen Idee
geworden. Gott sei Dank. Es lenkt ab, macht vergessen. Es ist
fast das Glück des Irrsinnigen. Aber es lenkt ab, macht
vergessen – – –. Meine Grossmutter kann
nicht sterben. Wer schützte denn dann ihr
Rosen-Wäldchen!«


* * *

Solange reine sauerstoffreiche Luft für die Menschen
nicht zu einer Art von »fixer Idee« geworden ist,
solange können sie ihre Entwicklungs-Gipfel nicht
erreichen! Es ist das Medikament für
Geistes-Riesen!


* * *

Solange leichtest-verdauliche Nahrung (saures Obers,
Sardinen, Französischer Gervais-Käse, grünes
Erbsen Pürée, ganz mürber Schinken,
Fische, Hirn, Bries, Poularde, Chapon etc. etc.) nicht zu
einer Art von »fixer Idee« geworden sind, solange
können die Menschen ihre Entwicklungs-Gipfel nicht
erklimmen! Le minnimum d'effort et le maximum d'effet gilt
vor allem für die Verdauungskräfte!


* * *

»Ich bin innerlich rein und frei; aber
physiologisch.

[95]

Durch
Wöchnerinnenkost und Cascara Sagrada!

Man wäscht sich äusserlich mit Wasser und Seife.
Aber das innerliche Waschen ist wichtiger!

Keine Rückstände. Purgiert, purgiert! Innerlich
frei und leicht sein – – –. Ganz rein sein,
von aussen und von innen! Das Wesentliche des Genies! Aber
für jeden erreichbar, der sich die Mühe dazu geben
möchte – – –.«


* * *

Schwarzes Fleisch erzeugt Schwarz-Alben, weisses Fleisch
Licht-Alben. Siegfried, Poularde-essend, Hagen, Rindfleisch,
Wildpret-essend! Hirn und Bries können Engel erzeugen,
wunschlose sanfte Flieger – – –!
Über-Irdische! Doch schwarzes Fleisch zeugt
Schwer-Fällige!


* * *

»Mehr kann ich leider nicht bieten als ich zu bieten
habe« sagte sie sanftmütig zu dem Geliebtesten und
opferte sich der strengen unerbittlichen Stunde –

– –. Sie fühlte: »Du hast mich von
Herzen lieb. Da muss ich mich irgendwie doch revanchieren
– – –.«


* * *


Bekenntnis. »Ich bin schwerfällig, ungraziös
– – – und die blonde Mizl ist anmutig und
leichtfüssig. Aber meine Plumpheit rührt
ihn, trotzdem ihn

[96]

ihre Leichtigkeit

begeistert. Er achtet es in mir, dass ich meine
Schwerfälligkeit verachte und ihre Leichtfüssigkeit
anbete! Insofern bin ich bereits für ihn die, die ich
nicht bin! Wenn ich sie hassen würde, würde er
stutzig werden, bedenklich. Aber ich liebe sie um ihrer
Leichtfüssigkeit willen. Ich begreife es nicht, dass er
nicht zu ihr geht. Er hat zuviel Mitleid mit meiner elenden
Schwerfälligkeit. Mein Bewusstsein, dass ich
schwerfällig bin, ist meine Leichtfüssigkeit. Er
achtet in mir das schreckliche Bewusstsein meiner
Unzulänglichkeiten.

Und dennoch wird er eines Tages trotzdem zu ihr gehen, zu der
schwebenden Tänzerin, der leichtfüssigen
fast-Fliegerin.

Da vergrabe ich dann meinen Kopf unter der Decke, und bleibe
so 2 mal 24 Stunden in Angst und Bangen – –
–.«


* * *


Ein Dichter ist ein Mensch, der in der Selbst-Hypnose seiner
Seele dahinlebt.

Falls man ihn rüttelt, auferweckt, sieht er die Dinge
wie die anderen, die Vorgänge des Tages und der Stunde.
Aber lasst ihn! Dass er im lichten Traume verkünde, was
da kommen wird!


* * *

Richard Wagner hat die in die Welt verteilte, verstreute
»göttliche Seele« eingefangen und in Musik
umgesetzt. Daher findet ein jeder, der eine Seele

[97]

hat, dieselbe voll und ganz darin enthalten,
umgesetzt in Tönendes. Deshalb wird er zu Tränen
gerührt, weil er plötzlich sein Tiefstes, Bestes,
Geheimnisvollstes sich entgegentönen hört!

Als mir eine junge wunderbare Person sagte: »Ich war
gestern zum ersten Male bei ›Rheingold‹. Aber
ich begann sogleich bei den ersten Takten bitterlich zu
weinen – – –«,

da begann ich sie sogleich unbeschreiblich lieb zu haben.

Der Graf, der mit ihr damals ein Verhältnis hatte, sagte
zu mir: »Ich war nahe daran, sie zu verlassen, aus
gewichtigen, vor allem sozialen Gründen. Aber ein
Geschöpf, das bei den ersten Takten von
›Rheingold‹ in Tränen ausbricht!
Niemals!«


* * *

Die Frau ist kein armseliges gewöhnliches einfaches
Wesen.

Denn sie gibt unserer Seele die Kraft, aus ihr eine
Märchen-Prinzessin zu machen! Ein
über-irdisches Geschöpf also! Sie verleiht
uns die Kraft zur hysterischen Sentimentalität der
Religiosität! Sie treibt uns zu den Gipfeln unserer
Gefühls-Möglichkeiten. Sie entreisst uns der
Bequemlichkeit der geregelten Stunde. Wir können uns an
einen edlen Hund kolossal attaschieren. Dennoch wird uns
seine Ausdünstung stets fatal bleiben.

Anders bei der Frau. Ich liebe fanatisch den Duft deines
Kleides, deiner Achselhöhlen – – –.

[98]

Sie ist eine mysteriöse
Geberin. Nur muss man nehmen können! Ihre
Mysterien!


* * *

Ein Wald repräsentiert so und soviel Brennholz,
geschichtet in Klaftern.

Aber für den, der nur hindurchgeht! Oder verweilte wie
ein träumender Dichter!


* * *


Die Frau. Vielleicht ist gerade das an ihr wertvoll, was
»unbenützbar« ist. Wie am Spinate seine Form
und seine Farbe. Natürlich benützt man ihn zur
Ernährung, zum verspeisen, wegen Eisengehalt und anderer
wichtiger Ingredienzien. Aber sein Wert! Aus der Erde
wächst er frei, dunkelgrün und eigentümlich
gedrechselt; niemandem zu Nutzen in diesem Zustande und
dennoch wunderbar!


* * *

Ein Kartoffelfeld, abends, mit den weiss-lila Blüten und
dem Geruch von Erde-Kraft – – –. Man
müsste bei Kartoffel-Pürée, bei
Kipfel-Erdäpfel in der Schale, heiss gekocht, dieselbe
Stimmung haben können!

Aber man frisst und frisst – – –. Dennoch
könnte man dabei dieselbe Stimmung haben. Und noch dazu
die andere! Reales und romantisches Geniessen zugleich!


* * *

[99]

Harun al Raschid.

Eine Grossmutter ging des Mittags mit ihrem wunderbar
schönen Enkelkinde, einem 8jährigen Mäderl,
über den Graben. Das Kind machte Halt vor einem Manne,
der bewegliche Blech-Männchen verkaufte, Männchen,
die in rasender Geschäftigkeit die Arme schwangen in
Boxerhandschuhen infolge eines geheimnisvollen Mechanismus.
Ideale Freiturner und Boxer, ohne Unterlass. Merkwürdige
Unermüdliche!

Das wunderbare Kind hielt seine Grossmama zurück, die
vorwärts drängte: »Wozu ihre Tantalus-Qualen
vergrössern! Es kostet ja doch 3 Kronen!«

Da trat ein fremder Mann vor, zog den Hut, sagte zu dem
wunderbaren Kinde: »Darf ich Ihnen diesen Gegenstand
schenken, Fräulein!«

Weder die Grossmutter noch die Enkelin sagten eine Silbe. Sie
standen da. Perplex.

Er kaufte den Hampelmann und überreichte ihn der jungen
Dame. Niemand sprach ein Wort dabei.

Die Grossmutter sagte später verlegen: »Weil du
aber auch immer bei allen Sachen auf der Strasse stehen
bleiben musst – – –.«

Das Kind verstand das gar nicht – – –.

Sie fühlte: »Jemand Fremder war sanfter
zu mir als alle meine Angehörigen

– –.«


* * *

In sich selbst versunken bleiben – – –
einziges Verbrechen des Mannes! Aus sich heraus gehen –
– – einzige Pflicht! In die Welt! Goethisch

[100]

werden! Rundum schauen und planen. Wie der
Kondor über den höchsten Bergesgipfeln.
Meine Frau, mein Kind, mein

Geschäft – – – das heisst: meine
Vorurteile, meine Leere, meine
Un-Menschlichkeit!

Er ging in die Vorstadt hinaus, zu der Frau, die ihr Kindchen
misshandelt hatte. Er trat ein, gab der Bestie zwei
fürchterliche Ohrfeigen, liess sich verurteilen, fertig.
Er hätte ruhig sagen können: »Nevermind, was
geht es mich an, mein Knäbchen macht wirklich im
Französischen bereits ganz prächtige Fortschritte
– – –.«


* * *

Wir sassen an der ersten Tisch-Reihe, hart an der Rampe der
Variété-Bühne. Nummer 12, die
amerikanische Tanz-Sängerin. Ich setzte mir gleichsam
zehntausend Augen ein, um sie damit ganz in mich einzusaugen.
Aber mein Freund drehte den Sessel gegen die Bühne zu,
sass mit dem Rücken dagegen, um sich »die
Tantalus-Qualen zu ersparen« – – –.

»Ich kann sie ja doch nicht haben« fühlte
er.

Ich aber hatte sie, mit meinen begeisterten Augen!


* * *


Kannst du dich erfreuen an dem edlen Gewebe eines
Leinen-Taschentuches! Dann beginnst du!

Kannst du es gegen das Licht halten und es gleich
mysteriösem Spinneweben-Netze achten!

Einer, der ein vollkommenes Spinnweben-Netz

[101]

im Walde zerstören könnte! Wovor
hätte er noch überhaupt Achtung! Wenn
mysteriöse Vollkommenheiten ihn kalt und lieblos
liessen!


* * *

Solange einer noch abends Geselchtes mit Sauerkraut gut
verträgt, ist er nicht reif, die Vorteile der
Ambrosia-Nahrung: 8 rohe Eier, gesprudelt in
Hühner-Bouillon, zu ermessen! Er pampfe sich an, der
ordinäre Klachel!

Am nächsten Tage schriebe er unter anderen
Umständen vielleicht aber einen Essay voll Witz und
milder Weisheit. Aber so greift er an, vernichtet,
schlägt zu wie Fafner und Fasolt.
Un-französisch – – –.
Un-menschlich.

»Ich habe nichts gespürt von
Unverdaulichkeiten – – –!«
denkt er am nächsten Morgen.

Aber die Leser haben es gespürt!


* * *

Der Philister erniedrigt jede »heilige
Erkenntnis« zu einer
Selbstverständlichkeit, nur um darüber zur
Tagesordnung übergehen zu können. Er sagt: Das
weiss ja sowieso ein Jeder!

Dem anderen, der es ernst und idealisch meint mit dem Leben,
ist es eine »Offenbarung«.


* * *

Niemand kann über sich selbst hinaus – –

– schändlichstes feigstes
un-christlichstes Wort, das

[102]

je
geprägt wurde. Ein wahres Judas-Wort der Menschheit! Wer
gebückt geht, kann ein Gerade-Geher werden, wer gerade
geht, ein »Flieger«!

Vielleicht unter unsäglichen Opfern – –

–.

Opfert euch – – – euch selber!


* * *


Glatte, ruhige Erkenntnis ist ein Unglück.

Ein Schwert, das nicht zuschlagen kann, nicht besiegen kann!
Alle Wahrheit, alle Erkenntnis muss zur Kraft einer
»Idée fixe«, einer
»Verrücktheit« auswachsen! Man muss ein
Irrsinniger werden können an seinen Erkenntnissen!
Begeisterung ist das Nervenmaterial Gottes! Es fehlt den
Juden! Sich selbst verbrennen können an einer
Erkenntnis! »Ich sterbe für diese Idee –

– –!«

Aber diese anderen fühlen: »Was geht das Alles
mich schliesslich an!«

Begeisterung ist das, was uns zwingt, besser zu werden als
wir sind – – –! Es ist der heilige
Unruhe-Bringer!


* * *


»Läuten Sie an einer Glocke, mein Herr, wenn Sie
erwecken wollen! Aber bitte, läuten Sie nicht so heftig,
dass man davon aufwache – – –!« Ha ha
ha ha!


* * *

Flesh-glove, trockener Reib-Handschuh, der die

[103]

Haut sanft rosig emotioniert, habe
ich dich bereits

gepriesen!

Es darf aber kein Reizungs-Gefühl zurückbleiben.
Ganz sanft hingleiten wie über die Haut eines Kindchens!
Nur so effleurieren!

In 6 Wochen kannst du dich dann gesichert in regen-triefende
Wiesen legen!

Un-abhängig sein von Sturm und Feuchtigkeit, ja diese
aufsuchen als »freundliche Elemente«! »Ich
verkühle mich nie und nirgends!« Triumph des
modernen Kultur-Organismus!


* * *


Platoniker sein heisst, seine Lebens-Energieen unter
Verschluss halten können, bis das
»Ideal« erscheint.

Nicht der feigen Stunde sklavisch dienen müssen! Am
Unzulänglichen nicht sich erlösen müssen! Die
Schwäche, warten zu können; die Kraft!


* * *


Jeder Speise gleichsam nur ihre Seele ausschlürfen, ihr
Wertvollstes! Und das übrige den Hunden!


* * *


Eine vollkommen schöne Frau als ein »lebendiges
Kunstwerk Gottes« erfassen können, ist der
Gipfelpunkt künstlerischer Entwicklung im Manne.
»Sie hat mich betrogen – – –! Ich
finde es dennoch nicht. Sie hat noch immer ihre zarten Hand-
und

[104]

Fussgelenke und diese süsse
wunderbare Aussprache. Und dieses edle Gehen, Gleiten, und
das nonchalante Sitzen einer Königin – –

–. Sie hat ihn betrogen, nicht mich. Denn sie
gab ihm das Minderwertige und beliess mir ihre
unvergänglichen Schätze!«


* * *


Dekadenz. Eine junge Dame war bereits so
dekadent, dass, als sie auf dem Nach-Hause-Wege ein
Fiakerpferd malträtieren gesehen hatte von einem rohen
Kutscher, sie zu Hause das Essen erbrechen musste.
Infolgedessen machte ihr verzweifelter junger Gatte die
Anzeige beim Tierschutzverein. Infolgedessen werden wegen
Dekadenz der Nerven künftig die Tiere nicht mehr
misshandelt werden!

Man wird es einfach nicht mehr aushalten können.


* * *

Aristokratisch essen, heisst nur eine solche Speise und nur
so geniessen, dass sie in 2-4 Stunden vollständig und
fast ohne Rückstände aufgebraucht ist!


* * *

Den Tätigkeiten des Verdauungs-Apparates täglich
eine Million Lebens-Energieen ersparen. Es kommt den
höheren Funktionen zugute. Gott-ähnlich werden ist
eine Sache von aus freier Weisheit aufgestapelten
Lebens-Energieen!


* * *

[105]

Ich bitte diejenigen inständigst, die
sich bei mir an Form, Kleinheit des Repertoires und so weiter
stossen, sich wenigstens das ihnen plausibel Erscheinende
herauszunehmen. Ich will gern beschimpft werden, wenn auch
nur die feige schamlose Furcht vor Zugluft aus dem
Leben der Menschen ein bisschen verschwinden könnte
– – –.


* * *

Der wunderbare schmale seidene spanische Schal mit langen
Fransen, um die Schultern gelegt, verpflichtet bereits zu
sanften elastischen Bewegungen.

Man übt sich unwillkürlich dann das Rumpf-Drehen
ein, nach links und rechts, nach rück- und abwärts.
Es zwingt dazu! Aber unsere Kleidung ist allen
Schwerfälligkeiten angepasst. Irdischer Schwere
allzufeiger Sklave. Diejenige Kleidung ist die schönste,
in der man unbeengt einen Doppel-Salto-mortale noch
vollbringen könnte!


* * *

Sombrero – – – einziger Hut für
schöne edle Frauen. Tod der Mode! Zum Sombrero darf man
aber nicht den Gang watschelnder Gänse haben! Sondern
Tortajada-Beweglichkeiten!


* * *


»Weil ich Sie momentan freundschaftlich

angeblickt habe, Fräulein, deshalb müssen Sie mich
sogleich um 5 Kronen bitten!«

[106]

»Soll ich einen vielleicht um 5
Kronen bitten, der mich feindselig anschaute!«


* * *


Die horizontale Lage wird zu wenig gewürdigt.

Es ist ein Extrakt des Ausruhens.


* * *


Lesbische Liebe. Da weiss man doch genau, was im anderen
vorgeht, sich ereignet. Denn man ist es selbst, nur
projiziert in einen Zweiten, Gleichen! Das Mysterium

des Ich, erlebt an diesem Mysterium Nicht-Ich! Sie
erlebt ihre eigene Seligkeit an einer Fremden, die doch
wieder Ich-gleich ist.

Höchster Altruismus!

»Ich fühle meine eigene Seligkeit mit in einem
fremden Organismus – – –!« fühlt
sie.


* * *


Alle ihre Zärtlichkeiten für ihn waren doch nur
wieder die Zärtlichkeiten gleichsam aller anderen.

Aber ihr Weinen im »Rheingold«, Opernhause, war
ihr Weinen. Niemand hätte es früher oder
später so tun können. Sie weinte und weinte –

– –. Da wurde sie die einzige. Die, die nie war
und die, die nie mehr kommen wird! Die Unersetzliche. Die,
die bei »Rheingold« weinte – –

–!


* * *


Liebes-Abschiedsbrief. Ich – bin – zur –

[107]

Besinnung – gekommen.
Möge – es – Dir – gut – ergehen
– auf – Erden!


* * *

Kennt ihr den Ausdruck eines in erhöhten
Lebens-Energieen erstrahlenden Antlitzes, eines gleichsam
seine eigenen Schönheits-Gipfel rührend
erklimmenden! Nun, dann kennt ihr auch in jeder Stunde
euer Schicksal bei der geliebten Frau! Denn sie ist
ein unbewusster diätetisch-hygienischer

Organismus und sie wird innerlich sich stets nur und
ausschliesslich das erwünschen, was für sie ein
Tonikum stärksten Grades sein kann! Einen
Lebens-Energie-Vermehrer!

Darin hat sie geniale Intuitionen. Ewig erträumt sie
ihre Tonika.

Unwillkürlich wird sie dabei allmählich dem
feindselig gesinnt ohne es zu wollen, der sie
atonisch lässt, macht ihm ihre schlaffen
leblosen Züge und ihre Un-Elastizitäten zum
schweren Vorwurf.

»Ich werde ein bisschen stark, mein Freund –

–.«

Da müsste er erbeben wie ein »ästhetischer
Meuchelmörder«, einer, der die Schönheit
mordete.

Aber er lässt sie massieren, unternimmt eine kleine
Reise, opfert sich wirklich auf – – –.

Sind es aber Tonika, Tonika!
Stoffwechsel-Beschleuniger!


* * *

»Auf mein kleinen Spiegel verlass' i mi, nur auf

[108]

den« sagte eine wunderschöne
Leichtsinnige zu mir. »I schau in der Früh hinein
und weiss alles. Mit 14 Jahren hat mi einmal einer
ang'schaut, ang'schaut, i hab' mein Herz nur so schlagen
gehört. Da hab' i in den Spiegel geschaut,
zufällig. Seitdem weiss i, wie i alleweil ausschau'n
müsst', ausschau'n sollt', ausschau'n könnt'
– – –. Auf Den wart' i, der mir das
verschafft – – –.«


* * *

»Meine 5 Freunde haben meiner Geliebten heute abends
kolossal den Hof gemacht. Ich freute mich riesig über
ihre gute Laune. Aber dann ›übersah‹ sie
mich. Da wurde ich eine »lächerliche Figur«.
Da stieg mir das Weinen auf. Ich wurde seelen-krank, sah
schlecht aus. Da sagte sie, ich missgönnte ihr jedes
unschuldige Vergnügen.

Ich konnte ihr nicht erwidern: »Geliebteste,
hättest du um 11 Uhr 50 Minuten meine Hand unter dem
Tisch nur ein einzigesmal sanft, flüchtig berührt
– – – es wäre alles anders gekommen.
Du unterliessest es. Weshalb! Ich habe dir nur Gutes
gespendet. Du unterliessest es heute abends, es mir einfach
mitzuteilen, dass du mir dennoch gut gesinnt
geblieben seiest, trotz allem – – –!«


* * *

Eine junge Dame sagte zu mir: »Das Windes-Rauschen in
den Wipfeln der Rot-Tannen bei Sonnen-Untergang macht mich
allein friedevoll und melancholisch

[109]

zugleich. Idealster Zustand der Seele.
Ihnen allein wage ich das zu sagen. Es ist wie wenn alles,
alles bereits vorüber wäre und über
leidenschafts-erlöste Welten der Abendwind dahin
rauschte in Versöhnungs-Gesang – –

–.«


* * *

Sie sagte zu mir: »Mein Kindchen ist nicht schön.
Ich werde in ihr daher eine Riesenseele züchten
müssen, damit Mitleid und Verehrung die ästhetische
Anziehungskraft ersetze!

Man wird sie lieb haben müssen, weil sie
»menschlich sein wird.«

»Mein Herr, nehmen Sie diesen meinen Platz ein, ich
kann stehen in der Tramway – – –.«

Und er wird verlegen-erstaunt sagen: »Wie kommen Sie
dazu – – –!«

»Weil ich hässlich bin. Deshalb ist es meine
Verpflichtung – – –.«


* * *


»Ich bin nichts. Vorläufig weiss ich nur, dass
mich misshandelte Pferde unglücklich machen
– – –. Meine Nacht-Ruhe mir rauben!«
sagte eine ganz junge Dame zu mir. »Ich könnte
mich einem Manne hingeben, der einen Kutscher deshalb
ermordete – – – – –.«


* * *

Die wirklich edle Frau trauert um ihre zahllosen

[110]

Unzulänglichkeiten, und ist
gerührt erstaunt, dass er sie nicht merke.
»Wer bin ich, die ich den Kreislauf von 4 Wochen stets
durchzumachen habe, statt des geraden Weges in die
Sterne!«


* * *

»Weniger wäre mehr« sagte der elastische
Kultur-Akrobat und reduzierte seine tägliche Nahrung auf
10 in Fleischbrühe eingesprudelte rohe Eidotter.


* * *

Gemeinplätze – – – Plätze, die
all-gemein werden sollen.


* * *

»Hauche mich an, Geliebteste,« sagte er zu ihr.
Und sie fühlte:

»Milliarden meiner Atemzüge gingen bisher
kraftlos, ungenützt verloren in den Weltenraum, bis
einer kam, der aus ihnen unermessliche Lebens-Energieen
schöpfte – – –!«


* * *


Mein Buch: Ein erster Versuch einer physiologischen
Romantik!


* * *


Idylle. Ich besitze einen Stahlfeder-Schützer
aus schwarzen langen Borsten-Bündeln in einem
hellblauschimmernden, opalisierenden matten
Glastöpfchen.

[111]

Feder-Schutz in idealer Hülle. Ich
denke an die Gesellschaft »Kinderschutz«. Etwas
Zartes, Brauchbares wird sanft und zärtlich erhalten.
Ich bette die willig-elastische Kuhn-Feder ein wie ein
Kindchen in eine Wiege. Ich bin sicher, dass ihr nichts
Böses geschieht. Sie trocknet und ruht. Und das
Glastöpfchen, der Borsten-Behälter, irrisiert
hellblau wie Wasserwellen im Sonnenlichte. Und Stahlfeder und
Feder-Trockner erwidern meine Liebe, meine
Zärtlichkeit, denn sie lassen sie sich ruhig
gefallen!


* * *

Langweile, wie gesund, wie ausruhend wärest du,
wenn du nicht zugleich so sehr Stoffwechsel hemmtest und
daher uns wieder unlebendig machtest! –


* * *

Kannst du durch Weisheit Krebs heilen, Zuckerkrankheit,
Leber-Cirrhose!

Ja, denn ich kann durch Weisheit es
verhüten, dass sie kommen!


* * *


Geniale Organisation: Eine ungeheure Summe von treibender
Kraft in sich aufspeichern können, ohne Schutz-Ventile
öffnen zu müssen! Dampfkessel, die nicht
platzen!


* * *

Beginnende Tragödie. Er sagte zu ihr: »Ich bin in

[112]

glücklich, dass dir der Spargel so
schmeckt. Ich könnte dir stundenlange zuschauen essen
– – –.«

Sie wurde bei dieser Bemerkung nicht rosiger, ihr Antlitz
veränderte sich in nichts. Sie ass ruhig, wie wenn
nichts Besonderes sich ereignet hätte, nichts Heiliges
und Mysteriöses, nämlich die seltene
Zärtlichkeit eines übervollen Herzens –
– –.


* * *

Richtig denken, richtig träumen ist,
auf dem bequemeren leichteren geistig-seelischen Wege
Entwicklungen antizipieren, die, embryonal, schweren
Jahrhundert-Geburten entgegen harren. Wer den Frieden der
Menschheit erschaut, erträumt, muss ihn als latente
Möglichkeit in seiner eigenen Organisation
tragen! Niemand glaubt wirklich an Etwas, das er nicht in
sich selber irgendwie als realisierbar spürte!
Nur daraus schöpft er seine träumerischen
Kräfte!

Wer an das künftige Fliegen wirklich glaubt,
muss bereits unerhörte exzeptionelle Elastizitäten
in sich spüren. »Ich fliege fast

Skeptisch sein heisst einfach keinerlei Keime
künftiger Entwicklungen in sich tragen!


* * *


Triumph des Lebendigseins – – – ich
wachse!

Schmach des Daseins – – – ich
stagniere!

[113]

Ich stagniere, ich
schrumpfe ein – – – Vorbereitungen für
das Sarg-Mass!


* * *

Hetäre.

Man kann auch eine Kreuzotter so geschickt anfassen, dass sie
einen nicht beissen kann.

Aber freilich, Kinder – – – und
Männer!

Der Paradiesvogel ist wunderbar – – – nur
darf man von ihm nicht erwarten, dass er Klavier spiele. Denn
das tut er einmal nicht.

»Hättest du mich besser erzogen!« sagt Lulu
zu Dr. Schön.

Auf das Prokrustesbett seiner Bedürfnisse kann man jede
Frau legen. Aber was hat man dann von dem verkrüppelten
Rumpfe!

Chinin ist wunderbar gegen Fieber.

Wenn ich aber Fieber brauche

Da wäre fast der Malaria-Bazillus vorteilhafter!

»Nimm mich!« sagt die hundertfache
Männer-Mörderin. »Ich bin noch immer
schön!«

»Ihr nehmt uns unsere besten Kräfte!« sagte
der Schriftsteller pathetisch.

»Was kümmert das aber uns!« sagte die Frau
in ihrer Stube.

»Es ist ethisch, dass es euch kümmere!«
sagte der Schriftsteller pathetisch.

[114]

»Dazu müsst ihr uns erst
erziehen!« sagte die Dame.

»Wir haben keine Zeit dazu!«

Der Kenner sah ein Kieselsteinchen mit einem
Schneeklümpchen behaftet den Tannwald-Abhang
herunterrieseln.

»Eine Lawine!« schrie er und stürzte fort.

»Wo« fragte der Spaziergänger und war
bereits begraben.

Jedem Vorteil, den ich für mich einem lebendigen
Geschöpfe hienieden abringe, entspricht in unentrinnbar
gleicher Grösse ein Nachteil. Ein kastriertes Tier wird
sanft und lenkbar. Aber es ist ein »kastriertes
Tier«!


* * *

Zur
Männer-»Schönheits«-Konkurrenz.

Weshalb zeigst du das mühselig in endeloser
Arbeit dem Leben Abgerungene als dein Schönstes!
Siehe, deine übertriebenen Muskeln machen dich nur
schwer und gewichtig und sind bestimmt, zu Fett zu werden,
wenn deine Urkräfte im Laufe der Tage nachlassen! Im
Sarge deiner Muskeln wirst du dann erstarren! Aber das
von Anfang an dir Verliehene, die Gnadengeschenke
eines gütigen milden Schicksals, das ist dein
Schönstes, dieses

[115]

weise nach! Was dir
an Gott-Ähnlichkeit anhaftet von Eltern und Ureltern
her, das weise nach!

Deine Beweglichkeit aus dem Edelbau heraus erweise, die an
den Flug der Engel mahnt, an das Schweben überirdischer
Gebilde!

Zeige die adelige Zartheit deiner Hand- und Fussgelenke, das
edle Gerüste deiner Hände und Füsse, die feine
Beweglichkeit deiner langen mageren Finger, die
Wohlgeordnetheit deiner feinen Zehen; zeige, dass dein
fettloser Hals wie ein bewegliches Stahl-Scharnier ist,
zeige, dass deine Rumpfbeuge nach vorne und
rückwärts ist wie windbewegtes Schilf!

Zeige, dass dein Schädel als ein geräumiges
adeliges Gefäss für ein Welt-Gehirn intendiert war
vom Schicksal und dass dein Antlitz durch die Nase nicht zu
einem bekümmert zu Boden gerichteten, sondern zu einem
geradeaus in das Leben oder sogar ein wenig in die Sterne
blickenden werde!

Zeige, dass du weit und nobel dahinwandeln, dahinschreiten
kannst, dass du federnd auf einem Sessel dich niederlassen,
federnd dich erheben kannst! Zeige, dass die Schwere, dieses
vom Tode Herkommende, keine Macht mehr über dich hat und
dass du leicht und schwebend geworden bist, wie ein erster
Entwurf zum künftigen Flieger! Zeige deine einfachen
Mühelosigkeiten; wie der Vogel mühelos ist und die
Gazelle. Zeige einen Brustkasten, der schon in der Wiege vom
Schicksal aus zur Hochwölbung bestimmt war! Zeige, dass
die Gnade der Natur wertvoller ist als der Schweiss des
Menschen!

[116]

Zeige, wie die edle Beweglichkeit
deines Leibes die ewige Quelle edler geistiger Beweglichkeit
ist, gleichsam der Jugend-Brunnen, in dem der schwer und
stagnierend werdende Geist sich immer wieder zu Beweglichkeit
und Frische badet!

Zu einer solchen
Männer-Schönheits-Konkurrenz werden dann
auch edle Frauen in Menge eilen: denn ihrem oft
betrübten und enttäuschten Auge wird sich das
Bildnis von Organisationen bieten wie von altenglischen
Königsprinzen, und sie werden die adeligste Hülle,
ja die untrügliche Bestätigung erblicken von
Geistig-Seelischem im Menschen, von zarter Kraft, von Mass
und innerer Würde!

Ich gliedere hier zu dieser Abhandlung noch einige recht
unliebsame Aphorismen an, die nicht gerade geeignet
erscheinen, den Kreis meiner Freunde um ein
Beträchtliches zu vermehren:

Es gibt keine »plastische Schönheit«. Es
gibt nur eine Schönheit in der Bewegung. Die
»plastische Schönheit« ist das, was als
überflüssig überwunden werden muss!

Nur das Skelett am Menschen ist schön. Das Fleisch ist
das, was man sich schleunigst abgewöhnen muss!

Heilige Magerkeit, getreueste Beschützerin unserer
Beweglichkeiten! Werde das Ziel kommender Generationen!

»Wadeln« sind fast ein moralischer Defekt.

[117]

Junge, edle Mädchen sollten die, denen
sie ihr Schicksal anzuvertrauen beabsichtigen, fragen:
»Wie oft können Sie die tiefe Kniebeuge machen,
mein Herr!«

Die Parole des Jahrhunderts laute: Auf
»Muschkeln« wird verzichtet!

»Ich habe meinen ›Bizeps‹ im
Kopf«, sagte der Weise.


* * *

Elektra.

Dies ist die Tragödie Elektra von Hugo von
Hofmannsthal:

Die geniale Göttlichkeit »Wahrheit und
Gerechtigkeit«, eingedrungen ohne Rest in diesen
zarten Frauenleib »Elektra«! Alles andere musste
da heraus, Platz machen, weichen, vernichtet werden: edle
Sanftmut, unbewusstes Träumen, jungfräuliches
Hoffen, antizipierte Schauer kommender Seligkeiten,
Braut-Beben, heiliges Mutter-Werden-Wollen!

Alles musste da weichen der göttlicheren Mission
»Wahrheit und Gerechtigkeit auf
Erden!«. Wie das Genie wird Elektra, über
das kleine gewöhnliche Schicksal des Menschen hinaus,
verdammt, erhöht zum Vertreter des
»göttlichen Willens«!

Wie die Walküre, ausserhalb und oberhalb des weiblichen
Empfindens, nur die Gebote des Gottes

[118]

befolgend, so Elektra hier die Gebote
göttlicher Gerechtigkeit!

Die Begriffe: Mutter, Schwester, Liebe, Bräutigam,
Erfüllung, Mütterlichkeit, Glück, Frieden,
werden hinweggeschwemmt von der Sturmflut leidenschaftlicher
Gerechtigkeitsliebe, und das Ziel, den feig hingemordeten
Vater, Agamemnon, an der schmählichen Mutter und Aegisth
zu rächen, den feigen Verbrechern zügelloser
Sexualität, leuchtet blutrot als eine einzige
ausfüllende fixe Idee in ihrem entweibten,
vermännlichten Genie-Gehirne!

Um sie herum sind Menschlein: kriechende, hoffende,
sehnende, wünschende, sich begnügende,
dahinlebende! Chrysotemis, die süsse Schwester, will
lieben und gebären!

Aber blutrot leuchtet in Elektras Gehirne, unzerstörbar,
die göttliche fixe Idee der Gerechtigkeit!


* * *

Alkohol.

Ich bin ein fanatischer Anti-Alkoholiker, aber
ausschliesslich nach dem Tolstoi-Prinzipe: Wenn die Menschen
einmal so gesundheitsgemäss, so weise mässig, so
bewusst, erkennend das Gute und das Böse, leben werden,
dann werden sie in ihren genialen
Nüchternheiten des Alkohols entbehren können.
Die Krücke Alkohol für den Lahmen! Der Alkohol ist
das Betäubungsmittel, damit wir es nicht
spüren, wie weit entfernt von unseren innersten
unentrinnbaren Idealen wir dahin vegetieren!

[119]

Damit wir nicht vorzeitig verzweifeln! Der
Alkohol lässt uns Zeit – – –
zum Entschluss des Selbstmords! Der Gulden, den wir
mehr ausgeben als wir sollten, die Frau, die wir als
Ungeliebte, Unverehrte dennoch in unsere Arme
nehmen, die Stunde, die wir dem notwendigen Schlafe
rauben, die Nahrung, die wir
überflüssigerweise geniessen, alles,
alles, was nicht das heilige Notwendige im Haushalt
des natürlichen Organismus repräsentiert, es muss
durch Alkohol in unseren reuevollen Gedächtnissen
ausgetilgt werden! Die Melancholie über seine
Sünden, seine Unwissenheiten, seine Schwachheiten muss
hinweggeschwemmt werden durch Bier und Wein und Schnaps! Bei
irgend einem Glase Bier wird einem die ohne Liebe genossene
Frau, der überflüssig ausgegebene Gulden und das
ganze Martyrium des Daseins gleichgiltig! Bier besiegt jede
unglückliche Stimmung, schwemmt sie dahin. Der Zins
steht vor der Türe oder die Schneider-Rechnung. Aber
beim vierten Krügel Löwenbräu sage ich dem
Hausherrn die grässlichsten Dinge ins Gesicht, innerlich
natürlich, schmeisse ich den Schneider die fünf
Treppen hinab, innerlich. Und selbst die Geliebte erhält
einen Tritt, innerlich. Bier besiegt jede unglückliche
Liebe.

Alkohol füllt die schreckliche Kluft aus zwischen dem,
was wir sind, und dem, was wir sein
möchten, sein sollten! Werden
müssten! Als der Affe erkannte, dass er ein
Mensch werden könnte, begann er zu
saufen, um den Schmerz

[120]

seines
Noch-Affe-Seins hinwegzuschwemmen. Als der Mensch erkannte,
dass er ein Göttlicher werden
könnte, begann er zu saufen, um den Schmerz
seines Noch-Mensch-Seins hinwegzuschwemmen. Gebt dem Menschen
die ihm zugehörige Tätigkeit – geistige oder
körperliche –, die ihm zugehörige Frau, die
ihm zugehörige Nahrung, die ihm zugehörige Ruhe
– – – und er wird es, ohne selbst es zu
wissen, spüren: st µe d.

Alkohol ist die Ausgleichung für unsere
Unzulänglichkeiten! Je zulänglicher wir sind nach
den idealen Plänen Gottes, desto weniger Alkohol
brauchen wir. Alkohol ist der Massstab für die
Melancholie des Idealisten. Ich schwemme es hinweg, dass ich
noch nicht göttlich sein kann!


* * *


Parabel.

Im Affenreiche von einst erhob sich ein etwas heller
gefärbter Affe an einem Krück-Aste aufrecht und
sagte mit exaltierter Stimme: »Und es wird, es muss
eine Zeit kommen, sie ist organisch unentrinnbar in der
notwendigen Entwicklung von Ursache zu Wirkung, da werden die
Affen auf Zweien gehen, aufrecht, und die Kletter-Hände
werden verkümmern zu Geh-Füssen und ihr werdet
nicht mehr euch von Ast zu Ast behende schwingen
können!«

»Elender Dekadent!« brüllte ihn nun die
Herde an. »Willst du unsere wertvollsten Kräfte
verkümmern machen!«

[121]

»Jawohl,« erwiderte der heller
gefärbte, an einem Baumaste aufrecht gelehnte Affe,
»zu Gunsten wertvollerer Kräfte, die da kommen
werden!«

Daraufhin schrieb der damalige Nerven-Pathologe Professor
Schimpanse eine Broschüre: Die Décadence und
ihre Gefahren.


* * *

Märchen.

An die Wiege des Königssohnes schwebten durch die hohen
Fenster die Feen und es entbrannte ein edler Wettstreit unter
ihnen, wer dem Königssohne die wertvollste Gabe
verleihen würde.

Die eine verlieh Schönheit, die andere Gesundheit, die
dritte Geist, die vierte Gemüt etc. etc.

Man konnte jedoch keiner den Preis zuerkennen.

Da schwebte die jüngste Fee eilig herein (immer ist es
die jüngste und immer verspätet sie sich) und rief:
»O Königssohn, ich aber verleihe dir die Gabe,
dich nur in Liebe mit einem Weibe verbinden zu
können, sonst aber dazu unfähig zu
sein!«

Als dies die übrigen Feen vernahmen, verhöhnten sie
ihre Kollegin und nannten sie sogar eine
»Moderne«, obzwar dieser Ausdruck damals noch gar
nicht existierte.

Aber die junge bleiche Königin im Wochenbette rief:
»Sie hat den Preis errungen!«

Der König glaubte, seine Frau sei übergeschnappt,

[122]

aber er getraute sich nicht, es zu sagen
und führte alles auf das »Kindbettfieber«
zurück.

Da verfluchten alle übrigen Feen das Königshaus als
pervers und entzogen zur Strafe dem Königssohne alle
verliehenen Gaben.

Der König war erschrocken und verzweifelt.

Die jüngste Fee aber lächelte und lächelte.

Denn sie wusste es, dass aus ihrer verliehenen
merkwürdigen Gabe ganz von selbst alle Tugenden
und Genialitäten entspringen würden, die die Feen
dem Königssohne entzogen hatten.

Und so geschah es.

Der Königssohn wurde ein Wunder an Weisheit und
Güte, an Kraft und Heldentum und allen adeligen
Menschlichkeiten.

Aber im Zenite seines Lebens suchte er einst die jüngste
Fee auf (in einem meilenweiten Walde) und bat sie, für
ein einziges Mal den segensvollen Fluch doch von ihm
zu nehmen. Denn er kenne eine wunderbar schöne Maid, die
er aber nicht lieb haben könne, dieweil sie schlecht und
dumm sei und gefrässig.

Und die Fee gewährte es ihm für dieses eine Mal.

Später erschien ihm die Fee, die eine ausgemachte
Idealistin war, und fragte gespannt: »Nun, o
Königssohn«

»Gar net schlecht, gar net schlecht!« erwiderte
dieser hoheitsvoll.

[123]

Kleider müssen lose an dir
hängen, gleichsam verkündend: Die Bewegungsfreiheit
unseres Herrn ist uns heiliger als unsere eigene sogenannte
Schönheit! Ärmellöcher können nicht weit
genug sein! Wir wollen unserem Herrn, unserer Frau den edlen
Port-de-bras ermöglichen! Das sei unser
Kleiderschönheitsehrgeiz!


* * *

Beurteile die Schönheit des Antlitzes einer Dame erst in
dem Augenblicke, da ihr endlich einer, von dem sie es
längst erwartete, sagte: »Ich habe Sie sehr, sehr
lieb.« – – –

Dann erst befindet sie sich in ihrem überhaupt
erreichbaren Schönheitshöhepunkte!


* * *


Naturalismus und Romantik. Man kommt eben
allmählich darauf, dass die »blaue Blume«
der Romantiker ganz einfach wirklich auf dem wirklichen
Felde wachse – – – die
Feld-Glockenblume, die Kornblume, das Vergissmeinnicht etc.
etc., und zwar schöner, lieblicher,
weltentrückter und sanft-mysteriöser

als die Blumen auf dem lächerlichen Humus von
Wolkenkuckucksheim – – –! Im
»Realen« das »Ideale« noch
aufspüren können – – – das allein
heisst wirklich ein Romantiker sein!

[124]

Man soll nicht »auffallen« in
der »guten Gesellschaft«. Aber der, der das
Französische so spricht und betont wie
Sarah Bernhardt oder Coquelin ainé, fällt auch
auf – – –.

Webe denen, die durch nichts auffallen! Jede Vollkommenheit ist auffallend!


* * *


»Das Herbstrot der Blätter rührt vom
Erythrophyll-Farbstoffe her – –
–« fühlte der Dichter.

»Das Herbstrot der Blätter ist ein Mysterium
der Weltenschönheit – – –«
fühlte der Dichter. Nüchtern und
berauscht zugleich sein können! Synthese der
Künstlernatur!


* * *

»Die Frau ist eine armselige Nehmerin,« sagte der
Philister und dachte dabei an ihre Seele.

»Die Frau ist eine reiche Geberin,« sagte der
Künstler und dachte dabei an ihre Form.


* * *


Goethe:

»Sind wir weniger Weltenspiegel als du! Nur verhieltest
du dich um ein weniges ruhiger. So konnte die Welt sich
deutlicher spiegeln!«


* * *

Das Leben des Theaters – das
oberflächlichste Leben!

[125]

Das Theater des Lebens – das
tiefste Theater!


* * *


»Ich habe dich lieb – – –
also bist du schön!« sagte ein Kaufmann.

»Du bist schön – – –
also habe ich dich lieb!« sagte ein
Künstler.


* * *

Wenn es einer Köchin einfach unmöglich ist, ihrer
Herrschaft eine Speise vorzusetzen, an die sie nicht mit
äusserster Sorgfalt und fast nervenzerstörender
Konzentration alle ihre Fähigkeiten gewendet hat, so hat
sie »künstlerische Veranlagung«.

Seine einfache Pflicht tun ist unkünstlerisch,
in allem.

Mehr als seine Pflicht tun, seiner »idealen
Verpflichtung« nachkommen, ist künstlerisch,
in allem und jedem!


* * *

Gott denkt in den Genies, träumt in
den Dichtern und schläft in den übrigen
Menschen.


* * *

Eindrücke in sich aufnehmen!

Nein, Eindrücke verdauen!


* * *

[126]

Ohne Herz gibt es keinerlei Kunst.
Nur darf das Herz bei den Vorkommnissen der Stunde und des
Tages nicht zerrinnen, auseinanderfliessen, sondern nur
weich-elastisch werden! »In Form
bleiben« wäre der technische Ausdruck
für das Künstlerherz! Wir haben mehr Arbeit zu
leisten, als einen Toten, eine

Enttäuschung zu beweinen!


* * *

Groteske Vergrösserung.

Oscar Wilde schrieb über einen
Mörder-Schriftsteller: »Ich hoffe, dass die
Emotionen, die Herr D. bei der Ermordung seiner Gattin gehabt
hat, reinigend auf seinen Stil wirken werden!«


* * *

Dichterliebe.

Gmunden, du mein Heimatlichstes auf dieser Welt, wie
sanftmütig gehst du mit mir um, immer spendend und
spendend und spendend, und meine inneren Zärtlichkeiten
aufnehmend in stummer friedevoller Schönheit! Ohne mich
bist du ein totes Traumland, ohne dich bin ich ein toter
Träumer. Ich erwecke dich, du erweckst mich zu
träumerischen Lebendigkeiten!


* * *


Welches ist der heiligste Satz der Diätetik!

»On ne vit pas de ce qu'on mange, on vit de ce
qu'on digère!«

[127]

Dieses gilt nicht nur für
Speisen, sondern auch für Bücher

und Menschen! Vor allem für diese!


* * *

Manikürte Hände!

Corriger la fortune, pfui!

Deine Maniküre sei deine adelige Rasse!


* * *

Durch die »Ansichtskarten« ist ein wenig mehr
Freundschaft in die harte schwerfällige Welt gelangt.

Auf einer Ansichtskarte darf er nun offen schreiben:
»Ich gedenke Ihrer!«

Und sie erwidert: »Gruss aus B.«

Wie selig ist er!


* * *


»Bringen Sie doch Ihre Erkenntnisse in ein
System,« sagte ein Wohlwollender zu mir.

Erkenntnisse in ein System bringen ist, einige wenige
lebensfähige Wahrheiten in einem toten Meer von
Lüge ertränken wollen!


* * *

Man schreibt, damit ein anderer es lesen könne.

Eine undeutliche Schrift ist daher etwas
Widersinniges.

[128]

»Sie haben eine
übertrieben deutliche Schrift,« sagte
einmal ein Psychologe zu mir.


* * *

Ein guter Schuh ist ein schöner Schuh!
Ein Schuh, der meinem Fusse, meinen Zehen die
Bewegungsfreiheit, Elastizität und Zartheit
garantiert, wird eben dadurch bereits zu einem
schönen Schuh! Eine andere

Schuhschönheit ist widersinnig!


* * *

Wirklich gut, ganz frei und zugleich ganz ruhig-anmutig, in
einem Vergnügungsetablissement wie zum Beispiel
»Maxim« sich zu benehmen, versteht nur die
edelrassige Aristokratin und die grosse Hetäre. Die
»Bürgerlichen« haben alle dort einen Zug von
armseligem Dilettantismus.

Auf wienerisch: »Drah-Dilettantinnen


* * *


Ästhetik ist Diätetik!
Schön ist, was gesund ist.

Alles andere ist teuflische Irrlehre!


* * *

Verlegenheit ist eine ungeheuere
Beeinträchtigung der Schönheit des
Organismus!

Vermeide alle Situationen, durch die du verlegen werden
könntest!

[129]

Wie anmutig tanzt man oft allein in seinem
Zimmer. Oder singt und deklamiert. Jedoch, wenn man sich
beobachtet fühlt! Da werden die Elastikgelenke zu
Pappendeckel!


* * *

Die wirklich vollkommen schöne Frau betrachte sich als
ein »lebendiges Kunstwerk«. Sie sei um
sich so besorgt, wie die Kunsthistoriker um wertvolle
Marmorstatuen!


* * *


Für eine Frau kann ein einziger bewundernder liebevoller
und zugleich respektvoller Blick eine Regenerationskur
bedeuten, mehr als 25 Franzensbad-Eisen-Moorbäder!


* * *


Ein Aphorismus ist etwas, was dem Schreibenden einen
Essay als Kommentar erspart, den Lesenden jedoch
infolgedessen aufs höchste schockiert.


* * *

Trachte, Irregeleiteter, dass ein Trunk
Hochquellenwasserleitung, aus dem Schneeberg-Herzen,
Kaiserbrunn im Höllentale, dich mehr beselige,
als alle Pommery und Roederer der Welt!


* * *

[130]

Eine ungeschickte, linkische, unfreie,
verlegene Verbeugung beim Betreten eines Zimmers ist der
Massstab für alle anderen Kulturlosigkeiten in
einem Organismus! Vor allem sage frei und leicht: Guten
Abend!


* * *


Variété-Nummer 15, nach 10 Uhr abends.

Eine junge Amerikanerin, jung, schlank, tritt auf, in einem
geschlossenen Kleide aus schwarzer plissierter Seide.

Wie Damen gekleidet sind zu einem Souper. Nicht anders.
Anti-Variété.

Sie singt und bewegt sich wie Kinder in der Kinderstube.

So innerlich rücksichtslos gegen das Publikum.
So ganz sie selbst einfach.

Ihre Art und Weise ist fürstlich. Fürstlich.

»Ich bin, die ich bin, nichts weiter!«

Der Durchschnittbesucher weiss damit nichts anzufangen. Er
findet es fade.

Der Kavalier in der Loge getraut sich nicht, sie zum Souper
einladen zu lassen.

Nur der Dichter im Parkett wagt es, für sie zu
schwärmen. Da ist nichts Riskiertes dabei.

Der Direktor fühlt: Es ist kein Succés mit ihr.
Das Publikum ist jedesfalls noch nicht reif. Vielleicht in 50
Jahren ... vorläufig wünscht man den Firlefanz.


* * *

[131]

Sich an eine gute, dem Organismus wertvolle
Sache »gewöhnen«, ist ein Merkmal
»geistiger Schwäche«. Den Wert einer Sache
immer und immer wieder in gleicher Intensität empfinden
können, ist ein Merkmal »geistiger
Spannkraft«!

Mein wunderbarer seidener Regenschirm! Meine
unverwüstlichen amerikanischen Schuhe! Mein ideales
Opernglas! Meine süsse anmutige Frau!


* * *


Der alte Schreiblehrer F. war eine Künstlernatur.

Er sagte: »Sie sollen nicht meine Schrift
erlernen, sondern die Ihrige! Rasch, ohne Bedenken,
weite Striche, vorwärts, leben Sie sich aus auf dem
Papiere, vor, nur vor!«


* * *

Es ist nicht gut, wenn man dem Genie ausserhalb seiner
»genialen Funktionen« noch anmerkt, dass es ein
Genie sei! Kraftvergeudung rächt sich irgendwo!


* * *

Genialität. »Ich glaube es nicht,« sagt die
blinde Helen Keller, »dass, ohne mich zu
überheben, jemals ein Sehender einen so tiefen Genuss
von der Edelrose haben könnte wie ich, wenn ich sie mit
meiner Innenhand umfasse und ihren Duft in mich
hineintrinke!«


* * *

[132]

Neue Gärten!
»Extrakte« repräsentierend eines
wirklichen Stückes der Natur selbst!

Z.B. Bergesalm mit Zirbelholzkiefergestrüpp und Polstern
von gelbem Moose. Erinnerungen an Freiheit, Schönheit
und Frieden! Dinge im Tale für die
Bergsehnsüchtigen!

Ein Garten sei ein Extrakt eines wirklichen Stückes
der Natur! Aber wirklich der Natur selbst!

Man spüre nicht die vermittelnde Menschenhand.

Deshalb sind Beete etwas Naturwidriges.

Alle, alle Blumen seien als »Wiesenblumen«

behandelt, verstreut auf die ganzen Wiesen wie sonst
Löwenzahn, Margueritten etc. Die Orchideenwiese! Die
Ritterspornwiese! Die weisse Hyazinthenwiese! Die blaue
Hyazinthenwiese! Die rot-gelbe Tulpenwiese! Die gelbe
Nelkenwiese!

Dann Teiche, die wahrhaftiges Sumpfleben darstellen, nicht in
öder Kreisform und künstlich klar, sondern
bizarr, naturgemäss und erfüllt von
Leben und Verwesung zugleich!

Dann der weiss-rot-goldene Karpfenteich, angefüllt mit
weiss-rot-goldig gesprenkelten Karpfen! Herrliche Tiere!

Dann der »dunkle Teich«: Umrandet von Rotbuchen.
Auf dem Teiche schwarze Schwäne mit roten
Schnäbeln.

Der graue Teich: Silberweiden rundum und graue Gänse mit
hellroten Schnäbeln.

[133]

Die Natur selbst in ihren eigenen
künstlerischen Merkwürdigkeiten!

Exotische Blumen, die wie frei auf Wiesengrund wachsen!
Gleichsam nicht mehr im »Käfig des
Blumenbeetes«!

Teiche, die Naturausschnitte repräsentieren!

Nicht mehr von Menschengnaden herausgezirkelt!

Das Mysterium der Natur erhalten!
Schonungsvoll wiederhergestellt in dieser
»mordenden Kultur«!

Und breite Tafeln an den Gartengittern: »Von heute an
bis – duften die Syringen, die Linden! Von heute an bis
– blüht die weiss-rote Tulpenwiese.«

Dann werden Menschen kommen einer höheren Lebensordnung, an dem Gitter harrend, um zu geniessen, was
bisher wenige des Genusses für wert hielten!
Genuss-Fähigere!


* * *


Verzauberte Prinzessin.

4 Uhr nachmittags. Sonne, Sonne, Sonne und Wasserspiegel. Er
fuhr im Boote an der Schwimmschule vorbei. Da stand auf der
letzten Stufe, die in den See führte, eine
Fünfzehnjährige, aschblond, in einem weissen
Trikot, das ganz nass war und rosig durchschimmerte. Er lud
sie ein, sich an das Boot anzuhängen. Er fuhr in die
wunderbare Bucht mit

[134]

Haselstauden und
Schilf. Ihre nackten Arme waren unbeschreiblich schön
und das Antlitz mit den runden Augen und der breiten
Stumpfnase das einer Wassernixe.

Wenn er sie am Lande traf, war sie das armselige
Bürgermädchen.

Da sagte er verlegen: »Wie geht's, Annerl!«

Um 4 Uhr nachmittags aber hing sich jeden Tag die süsse
Wassernixe in weissem Trikot mit nackten Armen an sein Boot
an. Er sprach nie ein Wort mit ihr, berührte hie und da
zärtlichst ihre süssen nassen kalten Hände an
dem Bootrande.

Wenn er sie am Lande traf, war sie das armselige
Bürgermädchen.

Da sagte er verlegen: »Wie geht's, Annerl!«


* * *

Kindermädchen.

Kindermädchen, blondes Kindermädchen,

tagaus, tagein, gleichmütig-heiteren Sinnes,
erfüllst du deine Pflicht.

Die jungen Herren vom Hause blicken dich an, blicken dir nach
– – –.

Der fremde Gast bewundert deinen edlen weissen Hals –

– –.

So schöpfst du leicht das Obers ab des Lebens

in der Familie, welche schwerer lebt!

Und irgendwo, in weiter Ferne ist

stets noch ein »Bräutigam« in Sicht.

»Er wird mich heiraten, bis – –

–«

[135]

Kindermädchen, blondes
Kindermädchen,

tagaus, tagein, gleichmütig-heiteren Sinnes,
erfüllst du deine Pflicht –.

Der fremde Gast bewundert deinen edlen weissen Hals,

und leicht errötend gehst du aus der Stube.


* * *


Terpsichore.

Frau B.

Geliebtestes Seestädtchen, mit deinen unbeschreiblichen
Abenddämmerungen am See-Ufer, wenn plötzlich nach
verbrecherischer Tagesschwüle ganz kühle
Wasser-duftende Luftwellen kommen und die Felder
Kukuruz-süss zu duften beginnen, wie erlöst von
bannender Tagesschwüle, geliebtestes Seestädtchen,
ich sah die Dame tanzen, nachts, auf der
Kurhaus-Réunion. Es war die süsse Anmut der
ganzen Natur selbst, vereinigt in einem zarten Menschenleibe!
So wie ich, einige Stunden früher, sass und sass und
sass, die Wasserfläche anstarrte in ihrer
mysteriösen Schönheit, die zerschlissenen
zerrinnenden Wolken, die schiefen See-pflügenden
Jachten, die fliegenden und ins Wasser einrutschenden
Schwäne, den durchscheinenden weissen Wasserdunst im
Abenddämmern, so sass ich nun und trank mit meinen Augen
die unermessliche Anmut deiner heiligen Bewegungen in mich
hinein, Frau B.!

Oh, wie viel süsse kindlich-freudige Lebenskraft, wie
viel zugleich bereits von Ergebung und Müdigkeiten,

[136]

wie viel inneres zartestes Erleben, wie
viel stummes Nachgeben, stilles Dahinschleichen, war in
deinem süssen Tanzen, Frau, und das Wissen, dass Jugend
eine Sekunde währt, erlischt und niemals wiederkehrt
– – –!

Ich fühlte: Wer, oh, Frau, genoss dich so wie ich
mit meinen Augen, da ich dir tanzen zusah in der Nacht
der Kurhaus-Réunion!

Ein Herr sagte zu mir: »Sehen Sie, da haben Sie einmal
ausnahmsweise recht; Sie, das muss eine sehr fesche Person
sein! Da muss man sich gleich durch ein Mitglied des
Vergnügungskomitees vorstellen lassen. Lieber Herr
Apotheker – – – ja, die im weissen Kleid,
die so fesch tanzt, ja, die, bitt' schön – –
–.«

– – –

« – – – ja, der verrückte
Schriftsteller hat auch g'sagt, gnä' Frau, es liegt so
was in Ihnen – – –.«

Die Dame: »Er blickte wenigstens so – –
–.«

»Ja, hat er! Ja, die Dichter, die können blicken.
Bei uns is es mehr drinnen – – –.«


* * *


Die Quelle.

Immer dachte ich es mir: Woher, woher nimmt der gottbegnadete
Dichter Maeterlinck diese dem Irdischen so süss
entrückten Gestalten, diese allerzartesten
Frauengebilde, die wie mit Libellenflügeln über dem
Leben schwirren und gleichsam edleren Gesetzen gehorchen und
aus einer Welt zu kommen

[137]

scheinen, wo die
primitiven Sexualkräfte bereits in seelisches Empfinden
völlig umgesetzt und verbraucht wurden!!

Woher nimmt er diese Gestalten, die gleichsam auf besseren
Sternen wohnen als unsere alte Erde ist und im Leben des
Tages ein Mysterium bilden von überschwenglichen
zartheitkranken Seelen! An welchen Quellen der Natur trank
der Dichter! Wo entdeckte er die Kräfte, die zugleich
vom sicheren Boden des Alltags und zugleich aus den
Geheimnissen der Allwelt kamen!

Nun las ich sein Buch, »Das Leben der
Bienen«.

Hier war die Quelle!

Im Bienenstaate, in diesem irdischen Geheimnisvollsten, im
Bienenkorbmärchen, wo die hunderttausend Jungfrauen
einem höheren Zweck zuliebe ihr keusches Dasein
führen, die Königin ihr königliches Leben lebt
und dennoch eines Tages in einer dunklen Ecke verschmachten
muss, wo die Drohnenschlachten sich ereignen, die ewig
patrouillierenden Wächter beim Eingange mysteriösen
Dienst verrichten, wo rastlose Arbeit im Finstern
stattfindet, geheimnisvolles Morden von Prinzessinnen im
Schlaf, geheimnisvolles Werden im Finstern, wo riesige
wachsbleiche Wachsgebäude sechs-wandiger Zellen sind,
wunderbar errichtet, wo Schrecken ist durch Eindringlinge bei
Nacht, Klagelaute und Gemurmel, selbstlos-freudiger Auszug
des Schwarms ins öde Ungewisse, Hochzeitsglück in
Lüften und zugleich der

[138]

Tod, alles
Gesetzen unterworfen, die der Mensch niemals ganz
durchdringt, voll Weisheit, voller Unergründlichkeit,
ein lichter Weg und eine dunkle Wirrnis!

Wo Gesetze unerbittlich ehern herrschen, die der Mensch nicht
enträtseln, nicht bekämpfen kann, da, da lernte es
der Dichter, der Bienenzüchter während 20 Jahren,
die Menschen, losgelöst vom Tages-Gesetze, in
antizipierten Entwicklungsstadien der Seele zu erfassen, die
gleichsam bereits ausserhalb des Irdischen sich befinden und
wohin ausser der wissende Blick Gottes nur noch der
ahnende Blick des Dichters zu dringen vermag!


* * *

Obmann.

Es war in einer ganz kleinen Provinzstadt, ich war Obmann der
Geschworenen. Lauter Bauern. Eine
»Madonna« von siebzehn Jahren war
angeklagt. Sie hatte in einem Stalle geboren. Sie lehnte in
dem schmerzlichen Augenblicke an der Stallwand. Das Kind war
direkt, wie sie sagte, auf die Steinfliesen heruntergefallen.
Den Schädel eingedrückt. Niemand glaubte es ihr.

Der Verführer sass im Gerichtssaale.

Wie ein Verführer – – – schön und
roh, gemein bis in die Knochen. Was ging es ihn an!
Hätte sie sich nicht –!

Meine Bauern-Kollegen sagten zu mir: »Na, na, Sie,
dös kennen mir. Wenn mir nix kennen, dös

[139]

kennen mir. Dös is a Luder! Sie sein
alle so. Dös andere möcht' ihnen passen. So a
Kanaille!«

Da sagte ich in meiner äussersten Not zu diesen
Bauernklacheln: »Meine Herren, sie hat monatelang an
Kindswäsche genäht. Sie hat Kindswäsche
genäht, meine Herren, fleissig und emsig.
Kindswäsche – – – bedenken Sie, seit
Monaten – – –!«

Das Wort »Kindswäsche« ist bereits
überhaupt wie ein Purgiermittel, es wirkt milde und
auflösend bei Seelenverstopfung.

Die Bauernschädel dachten:

»Wann sie im vorhinein Kindswäsche genäht hat
– – –!«

Sie bekam also nur zwei Jahre, wegen fahrlässiger
Tötung.

Der Verführer sass da, schön und roh, gemein bis in
die Knochen. Was ging es ihn an! Hätte sie sich nicht
– – –.


* * *


Religion.

Sie dachte: »Ich will, ich will leben für dieses
heilige Welten-Gehirn des Mannes, das der Welt endlich den
Frieden bringen soll nach Jahrhunderten des Chaos, für
das Bismarck-Gehirn der Welt, das endgültiges
Licht brächte ins Dunkel, Ordnung in die Wirrnis! Ich
will daher, dass jede meiner Bewegungen ihn beglücke,
ihn leicht und froh und arbeitsfreudig und menschenfreundlich
erhalte, der Atem meines Mundes, die Form meiner knabenhaften

[140]

Brüste, der Duft meiner Haare und was
sonst noch an mir ist. Kraft und Freudigkeiten will ich ihm
bringen, dass er an seiner Mission arbeiten könne, die
Welt zu erlösen von ihren Lügenhaftigkeiten! Mit
meinem Leib, diesem bezweckten Geschenke Gottes,
will ich ihn reicher machen und reicher, da ich denselben
nur mitbekam, um aus diesem Menschen
»Mann« den Menschen »gottähnliches
Wesen zu machen! Der Schöpfer dachte sich in genialer
Weise mich als Mittel aus, den Mann durch mich zu
Seinem Ebenbilde zu erhöhen! Wie die Sonne und der Regen
für Blüten will ich sein für ihn, wie der
Sauerstoff für die Lungen, wie der Schlaf für die
Ermüdeten, eine Heil-Spenderin! Wie wenn die Geliebte
des Blondin nur dafür Tag und Nacht sorgte, dass er
sicher den Niagara-Fall auf gespanntem Seile
überschritte! Oder dass Battie Seeth abends im
Löwenkäfig Herr bliebe! Oder der Gelehrte sein Ziel
fände! Der Dichter sein Gedicht!«

So erträumte sie es, gleichsam in dem Gitterbettchen
ihrer jungfräulichen Kinderstube.

Aber später merkte sie es, dass die anderen Damen andere
Pläne hatten mit dem Mann.

Sie dachte: »Weshalb, weshalb wollen sie ihn nicht
erhöhen, sondern erniedrigen!«

Und Frau D. sagte einmal zu der Weinenden:
»Sie müssen ihn eifersüchtig machen, meine
Liebe, glauben Sie es mir. Es muss ihm vor Verzweiflung sein
Gehirn ausrinnen. Er muss ganz vertrottelt

[141]

werden und um sich selbst herum zu rasen
beginnen, wie eine in der Kerzenflamme angebrannte Fliege.
Glauben Sie es mir. Sie dürfen ihn nicht zu sich selbst
kommen lassen!«

Und sie glaubte es ihr. Aber sie fühlte zu sehr in sich
die Mission, den von Gott in den Schädel des Mannes
eingesetzten »Welt-Extrakt« Gehirn zu
schützen, als dass sie es zu ihren Gunsten hätte
schwächen und ausrinnen lassen können. So
überliess sie ihn unter Tränen den Damen, die
weniger »Religion« in sich hatten.


* * *

Ein moderner König.

Eines Morgens waren an allen hervorragenden Plätzen der
Stadt riesige Plakate in englischen roten und weissen Lettern
auf Goldgrund angeschlagen: Bürger, meine Kinder!

Ich beginne mit einem Gleichnis: Wenn ein zartes Linnen,
in Tagesbetätigungen ein bisschen verbraucht und
zerrissen, in jeder Nacht von einer idealen Näherin und
Büglerin aufs allerzarteste wieder-hergestellt
würde, so könnte theoretisch dieses Linnen ewig
dauern!

Nun, sehet, so eine ideale Näherin und Büglerin an
eurem Leibe, eurem Geiste und an eurer Seele, die in
Tagesbetätigungen abgenützt werden, ist euer
Schlaf!

Ich verkünde euch daher die Stadt des Schlafes!

[142]

Von acht Uhr abends an beginnt die
gesetzliche Totenstille in meiner Stadt und wehe, wer durch
einen Laut sie störte!

Von acht bis neun ist es meinen geliebten Bürgern
gestattet, sich für die heilige Nachtruhe vorzubereiten.

Jeder meiner Bürger hat ein staatlich verbrieftes Recht
auf zehn Stunden Schlaf innerhalb 24 Stunden!

Im tiefen, von selbst endenden Schlafe liegt die
Kraft des Leibes, der Seele und des Geistes meiner
Bürger! Was sie an Kräften bei Tage hinopfern, zum
Wohle der Gesamtheit, muss ihnen nachts unter staatlicher
Garantie und Kontrolle ersetzt werden, damit ihr
Lebenskapital sich nicht verringere, das ein Faktor des
Gesamtwohles ist!

Die Gerichte werden ihre Tore schliessen müssen, denn
der vollkommen ausgeschlafene Mensch ist sanftmütig und
weise und fügt sich liebevoll von selbst in die
Gesamtordnung ein!

Die Ärzte werden auswandern, denn der innerhalb 24
Stunden vollkommen ausgeschlafene Mensch bringt immer
während der Nachtruhe alle Wunden wieder zur Verheilung,
die seine Tagestätigkeit ihm etwa schlüge!

Es gibt keine unglückliche Ehe, denn der vollkommen
ausgerastete Mensch, also auf der Höhe seiner
geistig-seelischen Clairvoyancen, weiss zu wählen und zu
warten, weiss Ideale aufrecht zu erhalten, und auch in
Weisheit zu verzichten!

Franzensbad wird verödet liegen und Karlsbad

[143]

und Marienbad für meine Bürger!
Ihr werdet liebenswürdig werden wie der Japaner,
beweglich wie der Franzose, eisenfest wie der Deutsche,
arbeitstüchtig wie der Amerikaner und in tausenden
Familien werden besonders Veranlagte, Überlebensgrosse
erstehen, zu Genies gemästet an ausreichendem Schlafe!

Jeder wird zu seiner Kraft, zu seinem

Können kommen und diese unglückseligste
Herde, die vergeblich Wollenden, werden aussterben,
verschwinden!

Ich gebe euch das Gesetz der Gesetze, kein anderes!

Denn aus ihm erblüht von selbst der Friede, die Kraft
und das Glück!

Ich gebe euch die Stadt des Schlafes!

Von acht Uhr abends an herrsche Todesstille! Bis sechs Uhr
morgens!

Oh Mensch, lasse doch, Verbrecherischer, Irrsinniger,
Blödester, dieser unerschöpflich gütigen
langmütigen Natur, die das Äusserste an Zartsinn
und genialen Fürsorglichkeiten für dich aufwendet,
lasse ihr doch um Gottes willen Zeit, in der heiligen Stille
der Nacht, an dir, Sünder, das wieder auszubessern,
gutzumachen, wiederherzustellen, was du in
Tagestätigkeiten verausgabt und verloren hast!

Bürger, meine Kinder, ich bin nur euer eigener
Gesetzgeber in euch selbst, vorzeitig, rechtzeitig aus euch
hinausgestellt als euer befehlender König!

Amen.


* * *

[144]

Lunaria biennis.

Im empfehle den Damen als zartesten Zimmerschmuck für
Vasen die Mond-Viole, Lunaria biennis.

Es sind lange, zarte Zweige, an welchen viele viele ganz
dünne weiss-silberne durchscheinende
perlmutterglänzende Membranen gleichsam gespannt sind.
Wie Silberhäutchen. Es sieht ganz merkwürdig aus.
Wie wenn Japaner es sich erdacht hätten! Mehr so wie
kunstgewerblich.

Sie werden mich fragen: »Was sind es! Blüten,
Blätter, Früchte! Ist es ein Baum, ein Strauch! Und
wo gedeiht er!«

Ich antworte ganz bescheiden: »Ich weiss es
nicht.«

Ich hatte nie die Absicht, dem edelzarten Gewächse durch
Wissen das Romantisch-Märchenhafte zu nehmen, das es in
seiner geheimnisvollen Merkwürdigkeit ausstrahlt. Es
gibt genug Leute, die beim Anblick der süssen Mond-Viole
sagen würden: »Dieses Gewächs nämlich
gehört in die Klasse der sogenannten – –

–« und jetzt kommt meistens ein lateinischer
Name.

Ich bin nicht so. Ich habe es seit einem Jahre mit Geschick
vermieden, mir eine Aufklärung über meine
süsse geliebte Pflanze aufbürden zu lassen. Ich
weiss nur, dass sie schön ist.


* * *

Ballast.

Du hängst an mir – – – jawohl, du
hängst an mir!

[145]

Und jeder
Seelenschritt spürt dein Gewicht, Helene!

Wie ich mich nach der Freiheit sehne!

Du hängst an mir und deine Augen blicken ängstlich

wie ein Hund,

dem der Gebieter vorschnell die Eingangstüre schliessen
will – – –. Dein Mund,

längst dankt' er ab ob seiner Unzulänglichkeiten

zugunsten deines Auges stummer Sprache!

Du hängst an mir. Und einmal schriebst du mir:

»Wenn and're sprechen, hör' ich zu, wenn
du sprichst, lausch' ich!«

Und einmal: »Dass du bist, ist gut

So spricht der Fisch zum Wasser: »Dass du bist, ist
gut!«

Sieh', da verlor ich jedesmal, zu morden dich, den Mut!

Du hängst an mir, ich spüre deine Schwere,
schlafloser Nächte tränenschwere Last!

Dennoch wird es enden. Denn endlich stirbt die Seele doch
– – –.

Und eines Tages werde ich die leichten Seelenschritte des
Befreiten schreiten – – –.

Siehe, dann aber ist auch schon die Stunde nahe,

da, wie im Jachtboot das Zentner-Eisen-Schwert zu unterst
nötig ist für leichte Fahrt,

ich wieder, allzuleicht, labilen Gleichgewichts,
Helene,

mich nach dem Bleigewichte deiner Tränen sehne!


* * *

[146]

Konditorei im Seestädtchen,
ein Genie im Verborgenen, Grossstadt-Konditoreien mit
aufgeblasenen Namen weit hinter sich lassend.

Z.B. Nuss-Crême-Kugeln, in einer geöffneten
entkernten Malagatraube eingebettet.

Die Dreizehnjährige hatte wunderbar edle Beine in
grauseidenen Strümpfen, hörte ganz impassibel den
Médisancen zu.

»Jawohl,« sagte der Dichter, »Anna sprang
ganz direktement aus dem Sacré-Coeur in das Pavillon
›Irroy‹ in ›Venedig in Wien‹

als Animier-Mädchen. Es wurden da natürlich
grausame Worte gesprochen, für die es einer gewissen
Vorbereitung bedurft hätte. Da sah ich Tränen
langsam ihre Wangen herabgleiten. Ich legte meine Hand sanft
auf die ihrige. Sie erwiderte mir jedoch: »C'est moi,
c'est moi seule qui a tort, monsieur. Excusez moi –

– –.«

Der Dichter schenkte der Dreizehnjährigen mit den edlen
Beinen in grauseidenen Strümpfen zehn
Nuss-Crême-Kugeln in Malagatrauben eingebettet.

Sie sagte: »Ich werde auch im Sacré-Coeur
erzogen – – –.«

Die junge Gräfin sagte: »Was sagen Herr Dichter zu
dem süssen Fräulein, das sich auf einer
Schilf-Insel splitternackt von Herrn so und so
photographieren liess!«

»Ich sage, dass wenn die Frau Fabrikdirektor von C.
dazu seinerzeit den Mut gefunden hätte, sie jetzt nicht
jahrelang ihre Mitmenschen mit den Berichten vergangener
Schönheit belästigen würde

[147]

müssen. In uns allen lebt und webt
nämlich unentrinnbar das Ideale und der Sinn für
Vollkommenheit. Eine schöne Hand dürfte nicht lange
im Handschuh bleiben wollen, ein schöner Fuss sehnt sich
krankhaft nach Sandalen und verachtet eigentlich den
schönen teuren Schuh, der ihn nur einsargt! Wenn eine
schön tanzt, wird sie uns baldigst etwas vortanzen. Oder
in späteren Jahren uns allzuoft die Mitteilung machen:
›O, mein Herr, ich war eine leidenschaftliche
Tänzerin.‹ Das Vollkommene hat Altruismus in
sich, es möchte sich dem Nebenmenschen offenbaren,
mitteilen, ihn beglücken und erfreuen, es scheut nicht
das Licht der Öffentlichkeit, spürt eine innere
Mission. Die Schönheit will nicht ungenossen sterben!
Nur das Unzulängliche bleibt gerne in Schranken, deckt
sich, schützt sich mit verlogenen Prinzipien, sagt:
›Ich bin einmal nicht dafür‹!«

Die junge Gräfin zahlte dem Dichter seine ganze
Konditorei-Rechnung infolge dieser Ansichten.

Die Dreizehnjährige kreuzte die wunderbaren Beine in
grauseidenen Strümpfen und sagte: »Im
Sacré-Coeur haben wir unter uns eine Königin
erwählt. Die, die am schönsten war. Eines Nachts
wurde sie erwählt. Man macht ihr von nun an alle ihre
Aufgaben, hilft ihr, wo man es nur kann, schnürt ihr
ihre Stiefelchen zu, ja man wäscht sie sogar. Man ist
selig, ihr helfen zu dürfen – –

–.«

»Und was wird aus dieser Unglücklichen im Pavillon
›Irroy‹ werden! « sagte Frau von G.
mitleidsvoll

[148]

und besorgt. Sie dachte aber:
»So ein junges Mistviecherl – –

–.«

Der Dichter erwiderte: »Einer meiner reichen Freunde
wird sie demnächst heiraten, Gnädige!«

»Ich bezahle also, bitte, fünf Marons
glacés, ein Melonen-Eis und zwei
Butterteig-Palmiers,« sagte die Gnädige und
entfernte sich schleunigst infolge dieser Hiobspost.

Die junge Gräfin sagte: »Wo befindet sich diese
Schilf-Insel, auf der man sich nackt photographieren lassen
kann!«

Die Dreizehnjährige hingegen hatte Bauchschmerzen
infolge von Nuss-Crême und Eis-Wasser.


* * *


Das Bangen.

Mir bangt um dich – – –.

Weshalb mir bang ist, weiss ich nicht,

Ich weiss nur, dass mir bang ist.

Mir ist bang!

Wie einer Mutter bang ist ohne Grund,

Noch sind sie alle munter und gesund – – –!

Wie einem Schiffer bang ist, bange, bange,

Während die anderen noch lange

Den wolkenlosen Himmel blöd betrachten,

Und Ihn ob seiner Weisheit nur verachten.

Mir bangt, wie einem bangt,

Der Kinder auf dem Meer-Sand-Hügel spielen sieht,

Und weiss, dass nun die Flut vom Land sie abtrennt –

flieht!

[149]

Mir bangt, wie einem bangt,

Der weiss, er wird gehenkt um sieben Uhr früh.

So, so bangt mir um dich – – –

Du bist mein Leben, es bangt mir um mich!

Du aber, du gehst deinen Weg von mir,

Nicht bangt vor meinem bangen Bangen dir!

Dem neuen Schicksal treibst du jach entgegen – –

Und perlt mein Todesschweiss auf deinen Pfad hernieder

Nimmst du's als Tau auf neuen Morgenwegen!


* * *

Nippes.

Eine junge Dame kaufte sich eine wunderbare
grün-blau-lila schillernde Tiffany-Vase. Und dann in
einem Naturalien-Sammlung-Geschäfte einen
grün-blau-lila schimmernden Riesenkäfer aus
Brasilien.

Diese beiden Objekte stellte sie in ein viereckiges
Glaskästchen aus geschliffenen dicken Glasplatten auf
ein dickes poliertes graues Birkenholzbrett. Darunter schrieb
sie:

Natura

Artis

Magistra.

Die Damen der Bekanntschaft sagten: »Eine exzentrische
Person! Immer muss sie etwas Apartes haben – –
–.«


* * *

[150]

Lob der Mangelhaftigkeit.

Er hatte die Dame innerlich ganz überwunden, war mit
ihr, mit sich fertig geworden. Sein
siedendes Rückenmark war durch die
Nordpolarkälte seines Gehirnes besiegt worden.
Aus einem Träumer war ein Erwacher,
aus einem dunklen Romantiker ein heller Klarseher, ein
Clairvoyanter geworden!

Und dennoch verdankte er diesen Sieg dem Zufall! Dem Zufall
ihrer Unzulänglichkeiten!

Hätte sie die Hände der N.B. gehabt, das
Adelsantlitz der Prinzessin R. in M., den Ambrateint der Frau
Professor T., die Stirne der E.T., die tönende und
dennoch sanft-mysteriöse Stimme der Ch. de V., die
französische Grazie der R.L., die Lawn-tennis-Kunst der
Schwestern P., die Naturliebe, die Rax- und Schneebergliebe
der Gr. E., den englischen, über den Dingen
sanftmütig schwebenden Humor der M.M., die süsse
Bohêmenatur der L.L., die sehnige Elastizität der
Th. K., den Adel und die sanfte Würde der Fr. M. –

– – er hätte niemals die Krankheit seiner
sehnsuchts-irrsinnigen Nerven heilen können durch diesen
ernsten kalten Arzt »Erkenntnis«! Er wäre
unterlegen seinem Herzen! Was ihn rettete, was ihn ewig
retten wird, ist der glückliche Zufall der
Unzulänglichkeiten der Angebeteten! Wehe, wenn
er eine Zulängliche anträfe auf seinen
Wegen! Da triebe er mit einem abgerissenen Säumchen
ihres Kleides einen Kultus bis an sein Lebensende, der mehr
dem Irrsinn gliche als der

[151]

Liebe! Da
ertränke er im Meere seiner eigenen Zärtlichkeiten!

Aber ein gütiges Schicksal spült nur Atome deiner
Ideale dir an den Strand! Da kannst du
»irrsinnig« werden auf Zeit, kannst deine
vierzehn Tage machen, kündigen und geh'n, geheilt
entlassen.


* * *


Ein Liebes-Brief.

Elisabeth Barret-Browning, die Dichterin, schrieb an ihren
Gatten, Robert Browning, den Dichter:

»Vergiss es nie, oh mein Geliebter, dass Du
frei bist! Deine Entwicklung, Dein Sein,
Dein Werden, sind mir teurer als die Empfindung,
Dich ganz und ganz allein zu besitzen! Ich bin
über nichts erstaunter als über dieses Mysterium,
dass Du immer wieder in meine liebevollen Arme kommst!

Dass Gewohnheit und Selbstverständlichkeit des Besitzes
Dich noch nicht müde, gleichgültig gemacht haben!

Was, was haben wir Armseligen denn Euch zu bieten!

Trotz unserer liebevollen Herzen!

Jede, jede junge schöne Frau besitzt doch in ihrem
wunderbaren süssen Leibe schon die mysteriöse
Anziehungskraft auf den Mann eines Magnetes auf Eisen!

Wodurch könnten wir diese besiegen, wir, die wir
eigentlich nicht mehr zu bieten haben als jene!

Deshalb staune ich, erbebend, dass Du zu mir,

[152]

zu mir wiederkehrst, wiederkehrst und
wiederkehrst, Geliebtester!«


* * *


Buchbesprechung.

»Menschen« von Ellen Key. (S. Fischer, Verlag,
Berlin.)

Des Dichters Robert Browning und der

Dichterin Elisabeth Barrett Liebe und Ehe.

Ich habe für eine teure Dame das Buch zusammen
gestrichen und zerschnitten. Es blieben übrig Seite 149,
13. Zeile bis Seite 203 inklusive.

Nun ist es ein Extrakt geworden!

Auf diesen Seiten erlebt man das Märchenhafteste des
Daseins – – – Zwei, die zusammenkamen!

Zwei, die, im Weltenraume einzig für einander bestimmt
– – – sich fanden!

Dies, dies allein ist das Wesen der Ehe, wie Gott es sich
erträumt hat in seinen romantischen Weltenplänen!

Da allein entsteht dieses unbeschreibliche und
mysteriöse Erblühen der rastlosen
Selbstlosigkeiten! Die Dauer-Romantik!

Die Dauer-Romantik, die unerschöpflich
Kräfte saugt und saugt für ihr zartes gebrechliches
Wesen aus dem Sein des anderen!

Männer, wartet auf die euch Zugehörigen im
Weltenraume!

Wartet bis zu eurer Sterbestunde! Da habt ihr

[153]

dann in eurem Innern eine Ehe gehabt, eine
wahrhafte wirkliche Ehe, mit der, die nie kam!


* * *


Ich trinke Tee.

Sechs Uhr abends rückt heran. Ich spüre es
heranrücken. Nicht so intensiv, wie die Kinder den Weih
nachtsabend heranrücken spüren. Aber immerhin.
Punkt sechs Uhr trinke ich Tee, ein feierliches Geniessen
ohne Enttäuschungen in diesem belasteten Dasein. Etwas,
was man sicher hat, man hat seine friedevolle
Glückseligkeit in seiner eigenen Macht. Es ist direkt
unabhängig vom Schicksale. Schon das Eingiessen des
guten Hochquellwassers in mein schönes weites
Halb-Litergefäss aus Nickel macht mir Freude. Dann warte
ich das Sieden ab, den Sang des Wassers. Ich habe eine
riesige halbkugelige tiefe Schale aus ziegelrotem Wedgewood.
Der Tee ist aus dem »Café Central«, duftet
wie Almwiese, wie Kohlröserl und Gräser im
Sonnenbrande.

Der Tee ist goldgelb-strohgelb, niemals bräunlich,
leicht und unbedrückend. Dazu rauche ich eine Zigarette
»Chelmis, Hyksos«. Ich trinke sehr, sehr langsam.
Der Tee ist ein inneres anregendes Nervenbad. Man trägt
die Dinge leichter dabei. Man fühlt es, eine Frau sollte
eine solche Wirkung ausüben. Aber sie tut es niemals.
Sie hat noch nicht die Kultur friedereicher
Sanftmütigkeiten, um wie ein edler warmer goldgelber Tee
zu wirken. Sie glaubt, sie verlöre dann etwa ihre Macht.
Aber mein Tee

[154]

sechs Uhr abends verliert
niemals seine Macht über mich. Ich sehne mich ihm
täglich in gleicher Weise entgegen und liebevoll
vermähle ich ihn meinem Organismus.


* * *

Anerkennung.

Man fragte mich einmal: »Sie, P.A., welche von allen
Anerkennungen hat Ihnen am meisten Freude bereitet in Ihrem
Leben!«

Ich erwiderte: »Einmal schrieb mir eine fremde Dame aus
Berlin: ›Mein Herr, seitdem ich Ihren Satz über
die Heiligkeit des Schlafes gelesen habe, bin ich
nicht mehr imstande, mein dreizehnjähriges süsses
wunderschönes Töchterchen aus dem Morgenschlafe zu
reissen! Sie weiss nichts davon und ist sehr erstaunt
über diese glückliche Wendung ihres Geschickes!

Diese Worte haben mir seit 1897 bis heute die grösste
Freude von allen bereitet!«

»Und weshalb gerade diese!«

»Ich habe einen jungen, mir ganz fremden schönen
Organismus durch einen einzigen Satz aus der Ferne vor
Anämie, vor Franzensbad, vor Entwicklungsstörungen,
vor Melancholieen und Depressionszuständen bewahrt, habe
ihm Gesundheit, Lebensheiterkeit und Frieden gesichert
– – –!«


* * *

[155]

Buchbesprechung.

Eine Dame sagte zu mir: »Empfehlen Sie mir ein
wunderschönes Buch – – –.«

»Lesen Sie ›Die Hochzeit der Esther Franzenius
‹!«

»Ist es wirklich so besonders schön!«

»Ich habe es nicht gelesen – –

–.«

»Wie!«

»Ich hörte nur einen Satz daraus zitiert:
›Sie überliess ihm ihre Hände wie einen
Trunk und schaute zu – – –.‹ Lesen
Sie daher die ›Hochzeit der Esther Franzenius
‹!«


* * *

Individualität.

Als mein Buch herauskam, 1896, entspann sich bei den wenigen,
die überhaupt daran Anteil nahmen, oft eine heftige
Auseinandersetzung darüber, ob man zu betonen habe
›Wie ich es sehe, oder 'Wie ich es sehe
!

Die letztere Betonung nun ist die einzig richtige:

Denn insofern eine Individualität nach irgend einer
Richtung hin eine Berechtigung, ja auch nur den Schein einer
Berechtigung hat, darf sie nichts anderes sein als ein
Erster, ein Vorläufer in irgend einer organischen
Entwicklung des Menschlichen überhaupt, die aber auf
dem naturgemässen Wege der möglichen Entwicklung
für alle Menschen liegt!

[156]

Der »Einzige« sein ist
wertlos, eine armselige Spielerei des Schicksals mit einem
Individuum.

Der »Erste« sein ist alles! Denn er hat
eine Mission, er ist ein Führer, er weiss, die ganze
Menschheit kommt hinter ihm! Er ist nur von Gott
vorausgeschickt!

In allen Menschen liegt ein zarter trauriger, Ideale
träumender Dichter tief verborgen. Alle

Menschen werden einst ganz fein, ganz zart, ganz liebevoll
sein, und die Natur, die Frau, das Kind mit allen
Zärtlichkeiten lieb haben eines exaltierten
Dichterherzens.

Der Dichter ist nie der »Einzige«. Dann
wäre er wertlos, ein Seelen-Freak! Er ist der
»Erste«. Er fühlt es, er weiss es,
dass die anderen nachkommen, weil sie bereits in sich
verborgen die Keime seiner eigenen Seele tragen!

Es darf nicht heissen ›Wie ich es sehe
‹.

Es muss heissen ›Wie ich es sehe‹!

Wahre Individualität ist, das im
voraus allein zu sein, was später alle,
alle werden müssen! Falsche

Individualität ist, ein zufälliges Spiel der Natur
sein wie ein weisses Reh oder ein Kalb mit zwei Köpfen.
Wem nützte es denn! Es gehörte in ein
Kuriositäten-Kabinett der Menschheit!


* * *


Türe an Türe.

Und ich gab mein Wort, nicht zu kommen.

[157]

Da liessest du, meinen Bitten nachgebend,
deine Türe, die in mein Zimmer führte, unversperrt.

Draussen lag die vereiste Waldstrasse im Mondlicht und der
Sturm sang vom Mürztal herauf in den schwarzen
Föhrenwald hinein am Göstritz.

Ich lag und lauschte.

Ich lag und weinte.

Hie und da, in langen Zwischenräumen, hüsteltest
du. So von der ungewohnten Berg-Nacht-Luft.

In namenloser Wehmut begrüsste ich diesen zarten Laut
als das einzige Zeichen deiner Anwesenheit.

Der Sturm sang vom lichten Mürztale herauf in den
dunklen Föhrenwald hinein.

Von Zeit zu Zeit hüsteltest du.

Ich lag und lauschte.

Ich lag und weinte.

Langsam – verging – die Nacht.

Am Morgen sagtest du: »Weshalb sind Sie nicht
gekommen!«

»Wenn ich gekommen wäre, Sie hätten mich
beschimpft, vertrieben – – –.«

»Was macht das! Aber es wäre dann mächtiger
gewesen in Ihnen als Ihr Eid!«


* * *


Ein Geschäft.

»Darf ich mir die ganze Schachtel nehmen! Ich rauch'
die so riesig gern – – –« sagte sie
zu mir.

[158]

Ich war verzweifelt. Ich betete das
süsse, anmutige Geschöpf an, während jedoch
die ganze Schachtel »Chelmis Ramses« im
Café zehn Kronen kostete, Trafik acht Kronen.

»Ja, nehmen Sie die ganze Schachtel!«

Als ich die Zigaretten dem Kellner des eleganten
Nachtcafé bezahlen wollte, sagte er: »So ein
Mistviecherl; nimmt Ihnen gleich eine ganze Schachtel
weg!«

»Nun,« sagte ich, »da haben Sie die zehn
Kronen. Was kümmert es Sie!«

»Nein,« sagte der Kellner, »die Sache ist
so, die Dame hat mir die Schachtel sofort für zwei
Kronen weiterverkauft. Morgen verkauf' ich sie wieder
für zehn Kronen, folglich schulden Sie mir nur die zwei
Kronen, die ich der Dame bezahlt habe!«

Ich war selig. Ich sagte: »Sie, ich lasse mir von Ihnen
nichts schenken, verstehen Sie mich!«

Er: »Das würde ich auch gar nicht wagen. Aber ich
habe es Ihnen vorgerechnet!«

»Ja, aber weshalb tun Sie denn das für
mich!«

»Herr Doktor, ich kenn' Sie schon so lang, Sie sind ja
auch schon quasi von unserm G'schäft. Herr Doktor, wir
müssen zusammenhalten gegen diese Mistviecher!«

So hielten wir denn zusammen gegen die Mistviecher, wobei ich
ganze acht Kronen ersparte.


* * *

[159]

Götterdämmerung. Anfang.

»Zu neuen Taten,

teurer Helde,

wie liebt' ich dich,

liess' ich dich nicht!«

Der gebildete Philister: »Ich weiss ja, was er sagen
will damit, der Richard Wagner. Glauben Sie, ich bin so dumm!
Aber könnte er nicht viel einfacher und
verständlicher sagen:

›Teurer Helde,

wie liebte ich dich,

liesse ich dich nicht

zu neuen Taten!‹

Das würde ein jeder verstehen. Nein, er muss es
umdrehen, um uns zu blamieren!«

Mir aber, mein Herr, gefällt die erste Fassung
tausendmal besser. Sie ist aus dem Mysterium
hochadelig-weiblichen Empfindens heraus gedichtet:

Zu neuen Taten — Höchstes selbstloses
Verständnis für den Geliebten

teurer Helde — Liebe und Verehrung

wie liebt' ich dich — Erkenntnis ihrer eigenen
weiblichen Unzulänglichkeiten

liess' ich dich nicht — Entsagung zu Gunsten seiner
Ideale.

»Zu neuen Taten, teurer Helde,

wie liebt' ich dich,

liess' ich dich nicht!«

[160]

ist das Um und Auf jeder moderne
Entwicklungen durchmachenden Frau.

»Ich wünsche es, dass mein Geliebtester die Gipfel
seiner eigenen Fähigkeiten erklimme! Mit mir,
aber auch sogar gegen mich. Was ihm dazu verhelfen
mag, ist mir heilig. Ich selbst bin selbstverständlich
immer bereit. Aber reiche ich aus! ›Zu neuen Taten,
teurer Helde, wie liebt' ich dich, liess' ich dich nicht!
‹«


* * *

Heldin.

Sie wurde ganz krank vor Erregung, als sie Battie Seeth sah
mit seinen 25 Löwen. Sie bat ihren Kavalier, es ihr doch
zu gestatten, zu den Löwen sich zu begeben. Er sprach
also mit dem Bändiger darüber. Eines Nachts nach
der Vorstellung befahl also Seeth den Löwen Achmed in
die offene Arena. Achmed knurrte schrecklich, umschlich das
fremde Mädchen, erhob ohne böse Absicht die Pranke.
Seeth gab ihm einen leichten Schlag darauf, da küsste
das Mädchen den Löwen rasch auf die Schläfe.
Fertig.

Ich fragte sie, welche Empfindungen man dabei habe!

Sie erwiderte: »Gar keine. Man ist verloren. Man lebt
schon nicht mehr. Es ist einem alles ganz gleich. Das Leben
hängt so an einem dünnen Faden, dass es bereits
abgeschnitten, nicht mehr vorhanden ist, vorüber. Aber
das ist das Wunderbare

[161]

daran. Ich
möchte auf dem Turmseile tanzen ohne Rettungsnetz.
Bleibe oben oder stürze! Krepiere, wenn du Balance
verlierst! Ich möchte in einer Arena so reiten auf
ungesatteltem Pferde, dass die Damen in Ohnmacht fielen und
die Herren Stallmeister erbleichten!«

»Das sind die Geschäftsspesen der
Berühmtheit,« sagte ich.

»Nein,« sagte sie, »man riskiert ja nichts.
Denn ein Leben ohne das ist überhaupt nichts
wert.«

Ich fühlte: »Geborene
Löwenbändigerin.«

Sie sagte: »Ich habe einen ›Freund‹. Er
ist wie der Löwe Achmed. Das Leben hängt da stets
an einem Faden.«

Ich begleitete sie nachts zu ihrem Hause.

Irgendwo im Dunkeln stand ein Mann mit einem Mädchen.
Meine Begleiterin schlich sich an, stürzte sich auf die
Rivalin und ohrfeigte sie fürchterlich.

Der Mann zog ein Messer und stiess es meiner Begleiterin
zwischen die Rippen.


* * *

Gebet.

Ich segne eure armseligen Unzulänglichkeiten, ihr, die
ihr mein allzu zartes Herz entzündet! Da spielet ihr mit
uns nur – solang wir mit euch

spielen! Mögest du mir nie erscheinen, körperlich
vollkommene, seelisch zarteste, anmutsreichste,
verständnisvollste, lieblich-sanfteste, Blumen und Tiere
fanatisch verehrende, edel-bescheidene, in dich gekehrte,

[162]

leicht versöhnliche,
milde-gütige, vornehm-würdevolle, ruhige und
dennoch innerlich erbebende süsse Fraue, mögest du
mir nie, nie erscheinen! Denn plötzlich erkennend der
anderen schreckliche Unzulänglichkeiten, würde ich
da, wie ein irrsinniger Sklave, nichts tun, als den Boden,
den du wandeltest, Tage und Nächte lang mit meinen
Ehrfurcht-bebenden Küssen tränken!
Unzulängliche, schützet mich vor den
Wahrheits-Ekstasen meines bisher mit
Lüge gepanzerten Herzens! Schützet mich! Auf dass
ich lachen könne meiner Tränen, Einhalt
gebieten könne meinem Schmerze und Gott, dem
Idealeträumer treu bleiben könne, indem
ich Euch immer treulos werde!


* * *

Die Maus.

Ich zog in das ruhige Zimmerchen, fünften Stock, gutes,
altes Stadthotel, ein, mit zwei paar Socken und zwei riesigen
Flaschen Slibowitz für unvorhergesehene Fälle.

»Bitte,« sagte der Zimmerkellner, »soll ich
das Gepäck holen lassen!«

»Ich habe keines,« sagte ich einfach.

Dann sagte er: »Wünschen Sie elektrische
Beleuchtung!«

»Jawohl.«

»Es kostet fünfzig Heller per Nacht. Sie
können aber auch bloss Kerze haben,« sagte er in
Berücksichtigung der gegebenen Umstände.

[163]

»Nein, ich wünsche elektrische
Beleuchtung.«

Um Mitternacht hörte ich Geräusche von zerrissenen
und zerkratzten Papiertapeten. Dann kam eine Maus, stieg
meinen Waschtisch hinan und betrat das Lavoir, machte
überhaupt verschiedene artige Evolutionen, begab sich
sodann wieder auf den Fussboden, da Porzellan nicht
zweckentsprechend war, hatte überhaupt keine festen
weitausgreifenden Pläne und hielt schliesslich die
Dunkelheit unter dem Kasten bei den gegebenen Umständen
für ziemlich vorteilhaft.

Morgens sagte ich zu dem Dienstmädchen: »Sie, eine
Maus war heute nacht in meinem Zimmer. Eine schöne
Wirtschaft!«

»Bei uns gibt's keine Mäuse, das wäre nicht
schlecht. Woher sollte denn bei uns eine Maus herkommen! So
was lassen wir uns überhaupt gar nicht nachsagen!«

Ich sagte infolgedessen zu dem Zimmerkellner:

»Ihr Stubenmädchen ist ein freches Geschöpf.
Heute nacht war eine Maus im Zimmer.«

»Bei uns gibt's keine Mäuse. Woher sollte denn bei
uns eine Maus herkommen! So was lassen wir uns überhaupt
gar nicht nachsagen!«

Als ich in das Hotelvorhaus trat, betrachteten mich der Herr
Portier, der Herr Hausknecht, die anderen beiden
Fräulein Stubenmädchen und der Herr
Geschäftsführer, wie man einen betrachtet, der mit
zwei paar Socken, zwei Slibowitzflaschen einzieht und bereits
Mäuse sieht, die nicht da sind.

[164]

Auch lag mein Buch »Was der Tag mir
zuträgt« offen auf meinem Tische und ich
überraschte einmal das Stubenmädchen bei der
Lektüre desselben.

Unter diesen facheusen Umständen war meine
Glaubwürdigkeit in bezug auf Mäuse ziemlich
untergraben. Dafür hatte ich immerhin einen gewissen
Nimbus eingeheimst und man rechtete nicht mehr mit mir, liess
mir sogar kleine Schwächen passieren, drückte ein
Auge zu, benahm sich ausserordentlich kulant wie mit einem
Kranken oder anderweitig zu Berücksichtigenden.

Die Maus jedoch erschien jede Nacht, kratzte an der
Papiertapete, bestieg häufig den Waschkasten.

Eines Abends kaufte ich eine Mausefalle samt Speck, ging mit
dem Instrument ostentativ an dem Portier, dem Hausknecht, dem
Geschäftsführer, dem Zimmerkellner und den drei
Stubenmädchen vorbei, stellte die Falle im Zimmer auf.
Am nächsten Morgen war die Maus drin.

Ich gedachte nun, ganz nonchalant die Mausefalle
hinabzutragen. Die Sache sollte für sich selber
sprechen!

Aber auf der Stiege fiel es mir ein, wie erbittert die
Menschen werden, wenn man sie einer Sache
überführt, zumal eine Maus sich nicht in einem
Passagierzimmer eines Hotels befinden sollte, in dem es
Mäuse einfach »gar nicht gibt«! Auch
wäre mein Nimbus eines Menschen ohne Gepäck, mit
zwei paar Socken, zwei Flaschen Slibowitz, einem Buche
»Was der Tag mir zuträgt« und der nachts
bereits Mäuse

[165]

sieht, dadurch
beträchtlich erschüttert worden, und ich wäre
sofort in die peinliche Kategorie eines sekkanten und
höchst ordinären Passagiers herabgesunken. Infolge
dieser Bedenken liess ich die Maus in einem für diese
Zwecke ziemlich geeigneten Orte verschwinden und stellte
meine Mausefalle auf dem Fussboden meines Zimmerchens wieder
leer auf.

Von nun an wurde ich mit noch zärtlicherer
Rücksicht behandelt, man wünschte mich unter keinen
Umständen zu erregen, gab nach wie einem kranken
Kindchen. Als ich endlich abreiste, war bei allen
freundschaftliches Mitgefühl und Attachement vorhanden,
obzwar ich als Gepäck nur zwei paar Socken, zwei leere
Slibowitzflaschen und eine Mausefalle mitnahm!


* * *


Lift.

Mir ist der Lift noch immer ein »Mysterium«.

Ich bin nicht so blöde, durch leichte Gewöhnung an
die Segnungen moderner Kultur mir den Reiz derselben zu
zerstören!

Ich fühle dieses geheimnisvolle Stiegenüberwinden,
diese Kraftersparnis meiner Kniegelenke, meines Herzens,
meiner ach! keineswegs kostbaren Zeit noch immer als etwas
Wunderbares.

Die Türe meines Lifts schiebt sich von selbst langsam
zu, was für Leute mit Paketen oder Körben direkt
störend, für einen Schriftsteller jedoch ziemlich
angenehm sich gestaltet.

[166]

Ich weiss nicht, an welcher Art von
Maschinerie mein Lift hängt. Ich erfahre nur hie und da
durch den Hausmeister, dass heute etwas nicht ganz in Ordnung
sei oder dass der Installateur da sei. Ich verstehe jedoch
weder, was für eine Katastrophe im Entstehen war, noch
was ein Installateur ist. Beides jedoch scheint mit
eventuellen Lebensgefahren vereinbarlich zu sein.

Grässlich ist es, mit einem fremden Menschen
hinaufzufahren. Man glaubt die Verpflichtung zu haben, ein
Gespräch zu entrieren, und überlegt es sich
krampfhaft von einem Stockwerke zum anderen. Es ist eine
verlegene Spannung wie bei der Maturitätsprüfung.
Das Gesicht nimmt einen starren glotzenden Ausdruck an.
Endlich sagt man: »Ich empfehle mich!«, mit einer
Betonung wie wenn man eine Freundschaft fürs Leben
geschlossen hätte.

Deshalb, um allen diesen Unannehmlichkeiten auszuweichen,
komme ich immer erst um 6 Uhr morgens nach Hause. Da darf der
Lift noch nicht funktionieren.


* * *

»In der Güte liegt alle Weisheit« sagte der
sentimentale Idiot.

»In der Weisheit liegt alle Güte« sagte der
End-Entwickelte.


* * *

[167]

Die Zukunft ist die Gegenwart des
Voraus-Schauers!!


* * *


Ein Welten-Bankhaus seiner selbst sein!

Ein Vanderbildt seiner Lebens-Kräfte.

Vor allem: Warte auf die, um die du Tag und Nacht tief
besorgt sein könntest, wie eine Mama um ihr zartes Baby.
Nur von seelischen Tätigkeiten kommen dir
unerschöpfliche Kräfte. Aus den inneren
Tätigkeiten der Sehnsucht und der zärtlichen
Besorgnis!

Wehe dem, der »liebelos« sich ausgibt. Nichts
kommt ihm zurück von seinen gespendeten
Kräften!

Er züchtet sich seine künftige
Stoffwechsel-Erkrankung, diese schreckliche Abrechnung!


* * *

»Ich bin müde – – – aber man
muss es überwinden« sagte der Idiot. »Wo
käme man hin, wenn man sich immer nachgäbe!«

»Ich bin müde« sagte der Dampfkessel,
»aber man muss es überwinden.« Da barst er.


* * *


»Mein Kind muss um 7 morgens aufstehen, wegen der
Schule. Daher muss es einfach bereits um 7 abends
schlafen gehen. In drakonischer Strenge sorge ich dafür,
ausnahmslos. Und die oft erbitterten

[168]

Mienen
wird die Zukunft in dankbar-freudige umwandeln. Jedesfalls
habe ich meine ›hygienische Pflicht‹ getan.
Und eine andere gibt es überhaupt nicht!«

»Mein Kind gedeiht. Es kann nicht anders als gedeihen!

Ein Ziegel müsste denn vom Dache stürzen und es
treffen.

Sonst aber habe ich sein Schicksal in ehernen Händen,
nein, in ehernem Gehirne – – –.«

»Deutschland gedeiht« sagte Bismarck, »ich
habe sein Schicksal in ehernen Händen, nein, in ehernem
Gehirne!«


* * *


Kann man alles ausrechnen!

Ja, alles!


* * *


»Man kann nicht alles ausrechnen,« sagte der
a-b-c-Schüler.


* * *


»Wenn man es aber gut zerkaut – –
–« sagte der Idiot in Bezug auf einen zähen
Braten.

So friss doch Leder, in einer Fein-Hack-Maschine zu Brei
zerrieben, also noch besser zerkaut!


* * *

Zerkauen, ja, aber was! Granitwürfel!

[169]

Und zum edlen Gervais-Käse bedarfst du
überhaupt keiner Zähne!


* * *


Im Anfang des Lebens ist die »breiartige
Nahrung«. Und zum Schlusse! Und dazwischen sind die
Irrtümer. Die nennt man »Das
Mannesalter«! Die Reife!


* * *

»Ich kann auch ›ohne Liebe‹
geniessen« sagte der Idiot.

Mit 60 bekam er ein schweres Magennervenleiden.

»Er hat zuviel gelebt – – –«
sagte man.

Ich glaube, zu wenig!


* * *

Zwei Männer.

Sie weinte bitterlich bei der Aufführung von
»Rheingold«.

Infolgedessen heiratete er sie.

Sie weinte bitterlich bei der Aufführung von
»Rheingold«.

Infolgedessen wagte er es nicht, sie zu heiraten –

– –.


* * *

Mit einem schönen Weibe nicht rechten heisst
Künstler sein!

[170]

Ihr einziges unzerstörbares Mysterium
ist die Schönheit ihrer Form.

Wie sollte durch das, was sie tut oder unterlässt, ihr
süsser märchenhaft wunderbarer Leib schlechter,
minderwertiger werden! Er spendet ewig gleichmütig
seinen Märchen-Zauber!


* * *


»Du hast mich betrogen, Geliebteste! Keineswegs. Noch
immer duftet mir jede Pore deines vergötterten
Leibes!«


* * *


»Wenn sie Kake-Walk tanzte, begann meine menschliche
Verzweiflung über die so oft Treuelose einen
schrecklichen Kampf mit meiner künstlerischen
Begeisterung für sie. Eine erbitterte Schlacht wogte in
meinem Nervensysteme und wiederholt schien die Kränkung
den Sieg in Händen zu haben. Aber jedesmal erhielt der
Gegner in mir wieder durch eine unbeschreiblich geschickt und
überraschend ausgeführte Bewegung die Oberhand, bis
er endlich siegreich das Panier in meinem Herzen
aufpflanzte!«


* * *

Sexuelle Dinge nicht besprechen! Wie wenn der Botaniker
sagte: »Wir wollen uns auf das Wurzel-Leben der Pflanze
nicht weiter einlassen – – –.«


* * *

[171]

»– – – –

– nur bleibe mir immer, mein Sohn, elastisch wie
Kautschuk, körperlich und geistig; daran allein werde
ich es merken, dass die Frauen dir nur nützen und dich
nicht belasten!«


* * *


Er gab im Bordelle den 7 Mädchen absichtlich je zwei
Kronen, damit sie Hasard spielen sollten. Er sah eine Weile
aufmerksam dem Spiele zu. Da merkte er allmählich, an
wessen Mädchens Schicksale in Gewinn und Verlust er die
regste Teilnahme hatte. Auf diese fiel dann seine Wahl.


* * *


Freiübungen bei dem übertriebenen Marsch-Tempo
italienischer Märsche. Mit ungeheurem
Flach-Trommel-Wirbel, diesem Auslöser von
Bewegungs-Spannkräften! Los! Vor! Halt!

In Schweiss gebadet, ruhten die Truppen, flach auf dem Boden
liegend – – –.


* * *

Man kann nur genial turnen oder gar nicht!

Alles andere ist Selbstbetrug!


* * *


»Sie haben mit der süssen Baronin so schön
Ein-Walzer-Schritt (Boston) getanzt, dass alle aufhörten
zu tanzen und Ihnen lieber zusahen – –
–.«

»Wenn ich nicht so gut mindestens tanzte, dass

[172]

alle anderen aufhörten zu tanzen und
lieber zusähen, würde ich es überhaupt nicht
wagen zu tanzen!«


* * *


»Schreitest du elastischer, oh Herr, wenn du mich in
deinen Armen gehabt hast! Dann nimm mich!«


* * *


»Ich habe nun meine süsse Geliebte verloren«
sagte der Künstler.

»Wieso denn!«

»Sie setzt Fett an – – –.«


* * *


Körperliche Starrheit – – –
geistige und seelische Starrheit!


* * *

Ein Schlangenmensch im Variété hat mehr Anlagen
zum Genie als das Genie!


* * *

Niemand kann das erträumen, was nicht in ihm bereits im
Keime eingeschlossen liegt! Man erträumt

nur seine eigenen Wirklichkeiten – – –
seine idealen Möglichkeiten!


* * *


Jemand starb ihm dahin, den er lieb hatte –

[173]

– – da suchte er die Frauen
auf, den Alkohol, diese beiden Ablenkungen vom eigenen Ich.

Jemand starb ihm dahin, den er lieb hatte – –

– da schuf er die Symphonie »Gedenken«!


* * *

»Ich halte meine eigenen Seelen-Tätigkeiten nicht
mehr aus« sagte der Schwächling des Lebens und
ging ins Bordell, sie herabzumindern – – –.


* * *


Er sagte zu ihr: »Ich kenne die zehntausend Variationen
auf deinem geliebten Antlitze. Ich kenne darauf die
Schwächungen der Langweile und die Stärkungen
anregender Stunde! Ich kenne die Totenmaske der
Enttäuschung und das verklärte
Künstler-Antlitz traumversunkener Minuten! So bin ich
deiner nie sicher und du ersparst mir den schrecklichen
Barbaren-Glauben, deiner sicher sein zu können!

Ewig kommen und versinken Welten auf deinem geliebtesten
Antlitz, und ich stehe vor diesem brandenden Ozeane,
ohnmächtig und dennoch in Andacht versunken!«


* * *


»Sage ihr doch, dass sie auf Erden keinen getreueren
Freund haben könne als mich, und dass sie es einst
bereuen werde – – –.«

Ich sagte es ihr.

Sie erwiderte: »Ich weiss es. Aber der Parfüm

[174]

»Cuir de Russie« hat auf mich
bereits schon eine anregendere Wirkung als er und seine Liebe
– – –.«


* * *

Nach langen »Irrfahrten der Seele« kehrte sie
reuig zu ihm zurück.

»Ich musste es erst erfahren, dass du doch von allen
der Beste seiest – – –.«

Sie musste es erst erfahren, dass man nicht ewig jung und
anziehend bleibe und daher sich rechtzeitig an den Idioten
anklammern müsse – – –.


* * *

Eifersucht. Es kommt ein Augenblick der
Verzweiflung, der »zehrenden Not«, der die
Seelen-Spannkräfte aufzehrt, vernichtet. »Es hat
ihm die Seele weggefressen.« Der Dichter im
Menschen stirbt ab, wird gemordet. Die unermessliche
Dichter-Kraft im Menschen wird heimtückisch hingemordet.
Es bleibt der »nüchterne Mensch« übrig.
Um diesen Mord am Dichter in uns trauern wir.
Eifersucht ist die Angst, dass der Dichter in uns

heimtückisch ermordet werde – – –. Es
ist die Angst vor unseren Nüchternheiten, wenn der
Dichter in uns tot ist – – –. Man
mordet den Dichter in uns, nicht uns!


* * *

»Ausgleichungen. Das Wort ist leider nicht von mir.
Aber wenn ich dir deine Zigarette anzünden

[175]

darf, Hilsen Loute, so habe ich tiefere
Empfindungen als der, der dich in Besitz nimmt!

›Ich habe Hilsen Loute die Zigarette angezündet,
11 Uhr abends, Café D., 5. Februar 1905.
‹«


* * *


Perversitäten! Ein dilettantischer Ausdruck. Was dich
rosig macht, mit frischen blinkenden Augen, was dein Herz
höher schlagen macht, deinen Appetit fördert, deine
Bedrücktheiten bannt, deine Beweglichkeiten steigert,
deine Lebens-Frohheit weckt, ohne fascheuse Reaktionen, das,
das kann nicht »pervers« sein; was es auch sonst
sei!

Es gibt nur eine Perversität – –
– sein Lebens-Kapital schwächen, verringern!


* * *

Wie das Antlitz Rubinsteins beim Spielen von Beethoven, wie
das Antlitz Beethovens beim Komponieren, wie das Antlitz
eines fanatischen Berg-Erklimmers auf dem erreichten Gipfel,
so müsste der Ausdruck des Antlitzes einer werden, die
dich wirklich lieb hätte!

Jeder müsste zu ihr sagen: »Waren Sie vielleicht
kürzlich am Semmering!«

Wie das Antlitz eines, der in der Ziehungsliste soeben
läse, er habe den Haupttreffer gemacht!

Was man durch Turnen und Tanzen erreichen kann, Erhöhung
des Stoffwechsels, muss mindestens auch die Liebe erwirken
können! Sonst remonstriert

[176]

der
Körper unbewusst gegen die angebliche »seelische
Erlösung«! Im letzten Grunde ist die Liebe eine
hygienisch-diätetische Angelegenheit.

»Ich habe Otto sehr, sehr gern, aber meine
Verdauungstätigkeiten lassen dennoch nach –

– –.«

»Wenn Georg bei mir ist, werde ich frisch und
unbedenklich.«

»Ich war sehr strenge gegen meine Dienstboten; aber
seit ich Karl kenne, bin ich ungeheuer milde mit
ihnen.«

»Wir sind alle Kanaillen, solange wir nicht unser
›Ideal‹ gefunden haben. Dann erst beruhigen
wir uns.«

Der liebende Mann sagt: »Ich habe alles getan, was in
meinen Kräften steht – – –.«

Aber was nicht in seinen Kräften steht! Da erst
begänne vielleicht ihr Glück!


* * *

»Ich erfinde soeben, mein Herr, eine neue warme
Fisch-Sauce; habe daher keine Zeit, Ihren Liebesbrief zu
beantworten – – –.«


* * *


Und dein Antlitz sei das vom Schicksal ausgestellte Zeugnis
deiner Menschlichkeiten!

Im Spiegel liest du deine Gott-Ähnlichkeiten ab –
– –


* * *

[177]

»Als ich anfing, älter zu
werden, begann ich für ihn wunderbare Stickereien zu
verfertigen. Dadurch gab ich mich mit meinen nunmehrigen
Kräften ihm hin, wie in den Zeiten meiner blühenden
Jugend auf andere Weise.

Ich sagte zu meinen Nachfolgerinnen: ›Gebt nur acht,
mit euren zarten nackten Füssen, auf seinen
Bett-Teppich. Denn ich habe ihn in Tränen gestickt
– – –.‹«


* * *


Zu allem, zu allem gehört Seele. Und selbst ein
Hemdknöpfchen wird besser halten, wenn es mit Seele
angenäht ist – – –.


* * *


Es gibt Tiere, die die Gefangenschaft nicht vertragen und
trotz »sorgfältigster Pflege«

eingehen. Nur Tiere!


* * *


Wenn meine wunderbare vergötterte Mama abends ins
Theater, in Gesellschaft ging, empfand ich als Kind einen
Schmerz, der gerade so schrecklich war wie die
späteren Eifersuchtsqualen des Erwachsenen. Die zehrende
Not!

»Kannst du mir das antun, kannst du mir das, das antun!
Du, du, die ich so märchenhaft lieb habe! Kannst du zu
anderen Menschen gehn!«

Ja, sie konnte es. Sie konnte es ganz leicht und einfach.

[178]

Gibt es eine Mama, die zu Hause bliebe
wegen des Jammerns ihres Kindchens!

»Er wird sich schon beruhigen, gnädige
Frau,« sagte die Bonne, »gehen Sie nur rasch fort
– – –.« Aber er beruhigte sich nie.


* * *

Einen Menschen erziehen heisst seine sexuellen Dinge in
seelische Angelegenheiten umwandeln können! Die
Rück-Umwandlung geschieht dann von
selbst.


* * *

Wenn eine Frau einen Mann, der jahrelang in grenzenloser
Sehnsucht an ihr hängt, dennoch nie erhört, ist es
nur deshalb, weil sie den edlen Schwärmer nicht
enttäuschen möchte!


* * *

Der Frauen-Mund, der einen Frühlings-Wiesen-Atem hat,
möchte eigentlich immer spenden und spenden und spenden
– – –. Das Vollkommene trägt eine
Beglückungs-Mission in sich.


* * *

Goldgelber Tee ist ein anregendes warmes Kräuter-Bad von
innen.


* * *

Meine Mama sagte zu mir: »Ich habe mit 16 Jahren

[179]

geheiratet, und 5 Kinder geboren. Ich war
meinem Manne treu. Wozu habe ich meine 2 wunderbaren
Hände, meine 2 wunderbaren Füsse
mitbekommen! Zu meiner Aufgabe hätten auch
minderwertigere Exemplare genügt – –

–.«


* * *

Halten wir uns an die erreichbaren Ideale und verschaffen wir
uns dadurch den Tonus unserer Nerven. Zum Beispiel:
Bryant and May, London, Royal Wax Vestas. Die edelsten
Wachszündhölzchen der Welt.

Sie erfüllen ihren Zweck in unübertrefflichen
Vollkommenheiten. Zündhölzchen-Genies!

Man ist immer wieder überrascht und tief erfreut. Ein
Schächtelchen 4 Kreuzer! Niemals eine Enttäuschung.

Ich kannte einen ganz armen Menschen, der immer Wax Vestas,
Bryant and May, bei sich trug und den es glücklich
machte, anderen damit Feuer anzubieten für ihre edlen
Zigaretten.

Man hielt es für unnötig in seinen
Verhältnissen.

Aber gerade in seinen Verhältnissen war es
nötig.

Der einzige Luxus, die einzige Noblesse, die er sich noch
gestatten konnte!


* * *

»Um ihrer sanften gleitenden Schritte willen liebte ich
sie. Diese eine Vollkommenheit liess der Phantasie
wenigstens die Möglichkeit, sich die übrigen nicht
vorhandenen zu erträumen. Irgendwo aber

[180]

wenigstens muss das
›Gott-Ähnliche‹ sich erweisen, zum
Durchbruche gelangen! Wenn es ›irgendwo‹ sich
schüchtern vorwagt, dann ist es auch sicherlich
überall im Keime vorhanden – –

–.«


* * *

Ideale Zahnstocher: Breite dünne aus
Pfaffenkäppchen-Holz. Sie sind fest und dennoch
elastisch; biegsam wie Toledaner-Klingen. Eine Dame sagte zu
mir: »In meinem Hause gibt es nur Zahnstocher aus
Pfaffenkäppchen-Holz!«

In einem solchen Hause möchte ich leben. Da befindet
sich alles unbedingt auf der Höhe der Zahnstocher
– – –!


* * *


Mit-Esser im Gesichte können ästhetisch

morden und infolgedessen seelisch.

»Er opferte sich auf für mich; aber er hatte
kleine schwarze Punkte auf der Nase. Deshalb musste ich ihn
allmählich hassen – – –.«


* * *


»Ich möchte wegen Ihrer süssen sanften Stimme
vor Ihnen hinknieen. Aber Sie würden es lächerlich
finden und blamierend. Eine Kirche findet es weder
lächerlich noch blamierend, wenn jemand hinkniete
– – –.«


* * *

[181]

Wenn »Don Juan« wirklich es
wüsste, was eine Frau zu ihrem wirklichen
Glücke brauchte, würde er momentan die Kraft
verlieren, ein Don Juan zu sein. Nur aus seiner dummen
Frechheit schöpft er die Kraft, ein sieghafter Don
Juan zu bleiben!


* * *

Unser Nervensystem trägt keinerlei Verantwortung
für seine Moment-Impressionen. Jede Minute hat ihre
eigenen Gesetze. Frage mich um 6 Uhr, was ich um 5 für
ein Mensch war! Vielleicht ein höherer, vielleicht ein
niedrigerer – – –.


* * *

Die Frau fühlte: »Wenn der Trottel mich
so lieben könnte wie der Weise! So wirklich nur
das lieb haben könnte, was an mir auch wirklich
liebenswert wäre! Aber dann würde er wieder nicht
für mich ›leben und sterben‹ können!

Der Weise muss eine Meinung eigentlich von uns
haben, die uns alle zwänge, uns
aufzuhängen! Einer, der alle unsere
Unzulänglichkeiten spürte – – –.
Deshalb favorisieren wir den Idioten. Aber wir wissen es
dennoch zugleich, dass er einer ist!«


* * *

Es hätte für den Ichtiosaurus eine ungeheure
Seelen-Kraft dazu gehört, in der Kreide- und
Schachtelhalm-Periode unserer Erd-Entwicklung die
heutige Entwicklung

[182]

zu
erträumen! Dieselbe Kraft wäre
erforderlich, heute die künftigen Entwicklungen
zu erschauen! Nur Dichter haben es.

Aber die »Leugner«, die
»Gottes-Leugner« müsste man vorerst
vernichten!

Die »sich in den Weg Stellenden« infolge von
verkümmerten eingeschrumpften Herzen!! Fluch denen, die
»das Tier in ihnen selbst« predigen! Der
Schachtelhalm-Wald, der den Buchen-Wald

nicht ahnte und verleugnete! Und den zu endgültiger
Gott-Ähnlichkeit prädestinierten Organismus
»Mensch«! Fluch dem »nur sich selbst
Sehenden«!!


* * *


Es gibt zwei Arten von unmöglichen Menschen: die, die
uns leicht in Verlegenheit bringen können und
wollen, und die, die sich leicht in Verlegenheit
bringen lassen!

Die ersteren sind rohe Schurken, die letzteren
Lebens-unfähige Allzuzarte. Wenn man aber die
ersteren sofort umbrächte, könnten die letzteren
verhältnismässig bequem bestehen!


* * *


Wertschätzung. Ich bin 46 Jahre alt geworden und habe
niemals eine Frau »rülpsen« gehört.
Aber von Männern noch fast einen jeden! Von anderen
Geräuschen gar nicht zu reden.


* * *

[183]

Wenn eine Frau ihre eigene
»ästhetische Unzulänglichkeit«

betrauert, wie muss sie den eigentlich verachten, der davor
weinend in die Kniee sänke – – –.

»Ich weiss, was du von mir brauchst, Schurke, aber sage
es doch wenigstens gerade heraus – –
–« fühlt sie.

Man kann nur Vollkommenheiten anbeten. Denn nur diese sind in
der Lage, es uns zu glauben, dass sie vollkommen sind!

»Jawohl, mein Herr, mein Busen ist so, wie sie
ihn besingen – – –.«


* * *


In bezug auf ihre mysteriöse Anziehungskraft erscheinen
einer schönen Frau alle Männer eigentlich als
Irrsinnige. Aber sie äussert es nicht, sondern
nützt die günstige Konstellation einfach aus. Wie
wenn in einem Irrenhause einer zur alten Wärterin sagte:
»Sie sind die Kaiserin von China!«

»Jawohl, mein Herr, das bin ich« erwidert ruhig
die versierte Wärterin.


* * *


Der Mann hat nicht die geringste Ahnung davon, wodurch er
ununterbrochen und in jedem Augenblicke eine Frau bitterlich
enttäuschen könnte.

»Weshalb lässt Karl morgens jedesmal die Seife in
das Seifenschüsselchen herabfallen! Kann er sie denn
nicht leise hinlegen! Oh wie ich auf dieses Geräusch

[184]

schon bereits ängstlich und
verzweifelt jedes mal warte, lauere! Oh wenn ich es ihm nur
einmal sagen könnte! Aber ich werde es nie!«


* * *

Bordell. »Bevor ich mit Ihrem reichen Freunde mich auf
mein Zimmer zurückziehe, Herr Dichter, werde ich Ihnen
noch Ihren geliebten Kake-Walk vortanzen. Es ist mein Bestes,
was ich zu bieten habe. Beneiden Sie Ihn nicht.
Er bekommt nur den schäbigen Rest

– – –.«


* * *


Entwicklung. Seitdem man die Schwäne mit kerzengeradem
Halse malt, trauen sie sich auch in der Natur nicht mehr den
gewundenen Schlangenhals zu tragen.

Oder sollten sie ihn nie gehabt haben!


* * *


Die Dame kam aus der Oper, und zankte dennoch mit
ihrem Stubenmädchen – – –.


* * *

Ein Brief.

Sehr geehrter Herr,

Sie haben mir es heute brieflich mitgeteilt, dass Sie sich in
bezug auf Ihre geliebte Frau und mich in qualvoller Todesnot
befinden. Obzwar Ihre süsse Gattin mir nicht
gleichgültig ist, ist es von nun an

[185]

für mich selbstverständlich, Sie,
mein Herr, in jeder Beziehung zu berücksichtigen.

Ergebenst

A.R.


* * *


Mit 19 Jahren hatte ich ein Verhältnis mit einer
wunderbar schönen jungen »Gefallenen«. Aber
obzwar sie selbstverständlich für einen jeden um
wenige Kronen zu haben war, ging dennoch keiner meiner
Freunde und Bekannten je mit ihr. In diesen
Kreisen wahrt man noch und respektiert die Rechte
der Seele!


* * *

»Ich gehe zu ihm, in seine Arme, just und just –

– –« sagte Anna zu ihrem
unglückseligen Geliebten.

»So gehe denn, Anna! Aber möge er
mindestens so glücklich werden an dir wie ich
bereits, wenn ich den Griff deines Schirmes an meine Lippen
drücke – – –.«

Da sagte sie erbleichend: »Ich gehe nicht
–.«


* * *

»Kannst du, Anna, einer Fliege die Flügel, die
Beine ausreissen und den Leib so langsam dahinsterben lassen!
Wegen nichts, wegen einer Laune! Aus Ungezogenheit!

Wenn du es kannst, dann bin ich verloren.

[186]

Denn unsere Seele ist nicht anders vor euch
wie eine lebende und eingefangene Fliege.«


* * *


Das Sterben.

Vor der Zeit wurde sie alt, wegen der Enttäuschungen,
wie alle Menschen.

Es ist ein Krebs der Seele, unmerklich zernagend.

Sie wurde 60 Jahre alt, immer dicker, immer gelber, immer
enttäuschter.

Ihr ältester Sohn hatte ihr schon vor Jahren gepredigt:
»Mama, Schlafen ist wichtiger als Essen und Trinken.
Lasse doch wenigstens der Natur Zeit die Sünden unserer
Unwissenheiten zu tilgen!«

Sie erwiderte: »Um 6 Uhr morgens muss aber das
Speisezimmer gebürstet, geklopft werden, ferner, aber
davon verstehst du ja nichts – – –«

Nein, davon verstand er nichts.

Die Lebens-Ordnung auf Kosten der
Hausordnung!

Diese Hausordnung wurde ihr grässlicher Henker.

Das Gesetz der leblosen Materie hatte das Gesetz der
lebendigen Materie besiegt!

Die Hausordnung die Lebensordnung!

Eines Nachts wurde sie gehenkt, gehenkt, gehenkt –
– – – – dann im letzten entsetzlichen
Augenblicke befreit, losgemacht, abgeschnitten –

– – aufgespart nämlich für einen
späteren noch entsetzlicheren Anfall der Herzkrankheit
und Atemnot!

[187]

Die Augen, die Augen, erfüllt mit
unsäglicher Angst! Diese Augen schrieen:
»Hilfe!«

Ihre Tochter, die sich selbst in Leid verzehrte, wegen der
mannigfachen Enttäuschungen, Krebs der Seele,
und ebenfalls ein bisschen dick und schwammig wurde
infolgedessen, sagte nach diesem ersten Anfalle: »Heute
habe ich mir einen Revolver gekauft. Wenn mir dasselbe
passierte wie Mama, passiert es mir ein zweites Mal nicht
mehr – – –«

Der älteste Sohn sagte: »Gott führt Buch
über unsere Einnahmen und Ausgaben

während unseres ganzen Lebens. Er hofft, dass wir
haushalten werden, segnet uns darum. Aber wir tun es
nicht. Gott weint nicht über uns, lächelt nicht
über uns. Er ist gerecht und wartet. Er will die
Wahrheit unseres Lebens durch entsetzliche Strafen
erzwingen. Er kontrolliert den allmählichen
Konkurs des Lebenskraft-Kapitales und bestraft ihn mit
›chronischer Krankheit‹«!

Man erwiderte dem ältesten Sohne: »Philosophieren
statt Mitleid haben, pfui, aus der Art Geschlagener!«

Ja, aus der Art war er geschlagen:

Er besass das rechtzeitige, das vorzeitige
Mitleid, das Präventiv-Mitleid, jenes
allein wertvolle Gefühl, das sich
bereits mit dem Denken vermählt hat, das
Herz-Gehirn, das Gehirn-Herz!

Die alte Schwester der kranken Dame spielte mit ihr jeden
Abend Bézigue, liess sie gewinnen,

[188]

damit sie noch ein bisschen sich freuen
könne. Man schickte ihr aus Aufmerksamkeit Seefische,
Austern, Champagner, beaf tea jellie ins Haus.

Sie dachte: »Für die Würmer mästet man
mich.«

Aber sie sagte: »Ich danke euch von ganzem Herzen. Es
hat mich so erfreut.«

Dem ältesten Sohne sagte sie: »Du, ich habe 45
Jahre hindurch meine armen Dienstboten morgens um 5 Uhr aus
dem Schlafe getrieben, wegen der Hausordnung. Glaubst du,
dass das nun die Strafe ist!«

»Ja. Ich glaube es. Ich weiss es!«

Die Verwandten kamen meistens nachmittags. Da war das Haus
schon in Ordnung.

Die Sterbende sagte bei der Jause: »Willst du den Tee
licht oder dunkler, bitte, du kannst beides haben, nein, es
macht wirklich keine Mühe! Mit Milch oder mit Rum! Oder
mit Zitrone! Bitte, bediene dich doch. Ja, was du mir da
erzählst, ist wirklich sehr komisch. Nein, wer
hätte das gedacht! Marie, servieren Sie die
Orangen-Creme. Bitte, nehmen Sie von den
Südfrüchten. Auf meine Datteln und Malagatrauben
bin ich wirklich sehr stolz. Ich verrate nicht die
Quelle.«

»Dieses Geheimnis nehme ich ins Grab mit,« sagte
sie lächelnd, worauf sie jemand vorwurfsvoll auf die
Hand tippte. Abends war sie ganz erschöpft von der Jause
und den Gesprächen.

Um 9 Uhr spielte ihre alte Schwester mit ihr Bézigue
und liess sie absichtlich gewinnen.

[189]

»Wie konntest du! Wusstest du denn
nicht, dass alle 8 Könige bereits draussen sind!«

Nein, sie wusste es angeblich nicht.

»Ich getraue mich wirklich kaum, die 50 Heller von dir
anzunehmen – – –«

»Mache doch keine Geschichten. Ich habe korrekt
verloren.«

»Nun, auf Revanche.«

In derselben Nacht kam der letzte Anfall. Das Herz arbeitete
sich zu Ende. Es wollte und konnte nicht.
Entsetzlich!

Sie starb lautlos.

Die Tochter erwachte und sagte in die Dämmerung hinein:
»Mama – – –«

Dann schrie sie: »Marie, Agnes – –
–«

Die aus dem Tief-Schlafe aufgeschreckten Dienstboten
erschienen fast taumelnd.

Am Vormittage erschien der älteste Sohn. Er sagte zu
Marie und Agnes: »Ihr seid ja ganz gelb. Ihr habt zu
wenig geschlafen. Legt euch nieder!«

Zu seiner Schwester sagte er: »Lege dich nieder und
schlafe! Bist du nicht gewarnt genug Ich werde sorgen, dass
dich niemand wecke – – –«

Sie fiel weinend in Kleidern aufs Bett.

So wurde es 1 Uhr nachts. Und nichts rührte sich im
Hause.

Der älteste Sohn hielt Wache!

Er trat in das Zimmer zu der toten Mutter, stellte sich hin,
küsste ihre Hand und sagte: »Zum ersten Male
schläfst du dich aus, Irregeleitete! Ich hielt seit

[190]

jeher den Schlafenden für einen
Gestorbenen. Er ist unfähig für das
Lebendigsein, noch nicht reif, noch nicht parat. Ich
hatte immer tiefstes Mitgefühl, wenn das Leben
ausrasten wollte vom Leben! Nun wirst du die Stunden
einbringen, arme Mama, mit Zinsen und Zinseszinsen!«

Am Tage des Leichenbegängnisses sahen alle ganz
unausgeschlafen aus, gelb, verwittert, schlaff, wie vorzeitig
gealtert. Sogar der Hausmeister und die Hausmeisterin, die
die Sache nichts anging, sahen verfallen aus.

Die Tote im Sarge hatte ein ganz friedevolles Antlitz.

Die Tochter liess am nächsten Morgen das Speisezimmer
usw. usw. bürsten, klopfen, reinigen, die Teppiche mit
Kraut natürlich.

»Wenn Mama es noch sehen könnte – –
–« fühlte sie.


* * *


Dokument.

Ich sah wie du gingst, schleichend schleifend gleitend, mit
weiten Schritten, der Oberkörper sanft nachgebend der
Bewegung. Da liebte ich dich!

Ich sah deine wunderbaren schmalen Hände mit den
leichten langen adeligen Fingern auf der Sessel-Lehne
lässig lehnen, schwebend, wie Schmetterlinge noch fast
im Fluge auf Blütendolden sitzen. Da liebte ich dich!

Ich sah dich sanft dich bücken und in unerhörter

[191]

Leichtigkeit irgend einen Gegenstand vom
Boden aufheben. Da liebte ich dich!

Ich sah dich deinem Vater schmeichelnd über die grauen
Haare zärtlich streichen. Da liebte ich dich!

Ich sah dich deinen Goldfischen das Wasser im Aquarium
sorgsam reinigen. Da liebte ich dich!

Ich sah dich genial Lawn-tennis spielen. Da liebte ich dich!

Ich sah dich in japanischer Grazie Tee trinken. Da liebte ich
dich!

Ich sah dich sticken und nähen, lesen und Briefe
schreiben. Da liebte ich dich!

Ich sah dich mit einem Wort in allen deinen süssen
unbewussten Wahrhaftigkeiten. Da musste ich dich lieben,
lieben!

Aber es kam ein Tag, da geschah alles nur mehr für mich,
für mich, und mir zuliebe – – –.

Da hörte ich auf, dich zu lieben!

Ich war gerührt, erstaunt, ergriffen, selig und bewegt
– – –.

Aber es war, wie wenn eine riesige mysteriöse
grenzenlose Liebe nun in kleinem handlichem Taschenformat
herauskäme, eine gemeinverständliche Edition.

Die zum Gebrauche adaptierte Liebe – – –!


* * *


Über Testamente.

Es ist Sache des Kulturmenschen, sobald er auch nur
einen einzigen Gulden in seinem Eigentume hat, ein Testament
zu machen!

[192]

Die Möglichkeit der Verfügung
über irgend ein Eigentum über das Leben hinaus aus
der Hand zu geben, ungenützt zu lassen, ist die
Fahrlässigkeit eines Unkultivierten!

Das Testament und seine Art ist das Zeichen aller
Kultur-Grade in einem testierenden Organismus! Dein
Testament bist du!

Hier allein kannst du, losgelöst von Zwang und
Leidenschaft der Stunde und des Tages, gleichsam
träumerisch, versunken in eine Zeit, da das Irdische
nichts mehr für Dich bedeutet, deinen in freier
Geistigkeit, in freier Seelenruhe geläuterten Willen
wirken lassen!

Das bisher durch tausend Rücksichten geknebelte
Menschentum in dir mag in dieser Stunde der Entrücktheit
aus diesem verworrenen Getriebe »Leben«, nun
erblühen, sich dieses einzige Mal vielleicht entfalten,
und, während du bisher als starrer Ich-Mensch leben
musstest im Kampf ums Dasein, erwachse in dieser kurzen
Stunde der Testament-Abfassung deine bis dahin
unterdrückte Menschenfreundschaft!

Gerechtigkeit und Sanftmut, Weisheit, Voraussicht, edle
Menschenkenntnis, befeuert und gestärkt durch seinen
lebhaften philosophischen Trieb, seine Dankbarkeit für
das gütige Schicksal des Daseins, das einem Eigentum
verlieh, zu beweisen, vereinigen sich nun in dem Organismus
eines kultivierten Testators zu einer seine
bisherigen Lebenskräfte in eins zusammenfassenden und das Gebäude seines

[193]

Lebens krönenden
geistig-seelischen Betätigung!

Wehe den konventionellen gleichgültigen
Testamenten!

Der letzte Wille sei gleichsam ein Überfliegen über
seine eigene Persönlichkeit hinaus, aus freierem
friedevollerem Lande kommend, mit verklärter Geisterhand
geschrieben, einen Hauch von Gottes Gnädigkeit
enthaltend!

Dein Testament bist du!

Es trage den Stempel einer abgeklärten Stunde, da ein
bereits Verstorbener dennoch am Leben war!
Es sei der Ausdruck der von düsterer Erdenschwere
erlösten Menschenseele, die versäumten Idealismus
nachholen möchte!


* * *

Über Schreibfedern.

Jeder Kultur-Mensch müsste eine Schreibfeder haben, die
irgendwie mit seiner Persönlichkeit zusammenhinge! Man
müsste es sich einfach nicht recht vorstellen
können, wie er mit einer anderen schreiben könnte.
Jede andere müsste für ihn direkt eine
Gedanken-Hemmerin, eine
Empfindungs-Zurückdrängerin sein!
Während die ihm zugehörige Schreibfeder gleichsam
von selbst Geist und Seele zu Papier brächte, in
Schrift umsetzte!

Meine Feder ist die blaue Stahlfeder Kuhn 201. Wie eine
Cremoneser Geige, wird sie durch Benützung immer sanfter
und besser. Oft scheint sie

[194]

fast dem
sogenannten » Gedankenfluge« vorauszueilen.
Jedesfalls überlasse ich mich ihr, als einer sicheren
edlen Führerin.

Ein ausländischer Psychologe schrieb mir vor zwei
Jahren: »Ich brauche es für ein grundlegendes Werk
– – – was wissen Sie mir über die Art
Ihrer Produktion Wichtiges mitzuteilen!«

Ich erwiderte sofort: »Blaue Stahlfeder Kuhn 201,
Papier-Gross-Quart-Format, starke Pappendeckel-Unterlage, um,
im Bette liegend, schreiben zu können. Seelenruhe und
etwas Geld. Alles andere nebensächlich!«

Wenn mir eine junge Dame sagt: »Ich schreibe alles nur
mit der Feder so und so,« wird sie mir bereits dadurch
innerlich nähergerückt. Wenn eine ältere Dame
es sagt, halte ich es für eine Schrulle.

Keine bestimmte Schreibfeder zu benützen, ist ein
Zeichen von »mangelnder Individualität«
würde ein Moderner dekretieren.

Ich aber sage nur sanft und bescheiden: Blaue Stahlfeder Kuhn
201, sei bedankt!


* * *

Sandalen.

Sandalen, ideale Fuss-Nichtbekleidung!

Überlege es aber erst, ob die »fatale
Neuerung«, der du dich ergibst, in der
ästhetischen Welt entschädigen könne
für die Unannehmlichkeiten gestörter und
verletzter Gewohnheiten!!

Ob deine zarten Gelenke am Fusse, dein hoher

[195]

edler Rist, deine lieblichen rosigen und
beweglichen Zehen, deine Mitmenschen mit dem ungewohnten
Anblicke deiner Nacktheiten zu versöhnen imstande sind!

Ich sah einst im Sommer auf der See-Esplanade zwei Kinder von
9 und 11 Jahren mit Sandalen und nackten Füssen.

Die Schönheit des Anblickes kämpfte einen
Augenblick lang mit der Un-Gewohnheit. Aber das
Künstlerisch-Vollkommene trug den Sieg davon.

Nur wünschte ich es mir sogleich innerlich dringend,
nicht alle anwesenden Kinder auf der Esplanade von nun an mit
nackten Füssen in Riemen-Sandalen spazieren gehen zu
sehen.

Die »Gunst des Schicksals« spreche da stets das
letzte Wort, und die »perfide Eitelkeit« sogleich
tölpelhaft mitkonkurrierender Mütter würde die
»hygienisch-diätetische« Welt zwar
fördern, aber der »ästhetischen
Welt« zugleich schreckliche Opfer auf erlegen!

Der Fuss, nackt in Riemen-Sandalen, ist das gewiss gleichsam
von der Natur vorbestimmte und
vorausgeträumte Ideal.

Aber zu dieser letzten und höchsten Entwicklung des
Fusses muss man erst gleichsam die griechischen Götter
der Schönheit versöhnt haben durch ästhetische
Vollkommenheit!

Bleibe solange verhüllt, eingesargt, oh Mensch,
in deinem Gewande, bis du durch Schicksal

[196]

oder Selbst-Erziehung ein
Ȋsthetisches Zeugnis der Reife und
Vollendung« vor dem Throne der Natur niederzulegen
imstande bist!

Riemen-Sandalen an nacktem Fusse sind die ideale
Fussbekleidung!

Aber möge dieser durch seine Form-Vollendung
erst es versuchen, mit seiner ungewohnten Nacktheit die
Mitmenschen zu versöhnen!


* * *

Fünf Kreuzer-Tanz.

In einem Prater-Wirtshaus. 5 Kreuzer-Tanz. Nachts.

Sie und er an einem Tische.

Sie, spöttisch, aufreizend: »No also, jetzt sein
mer alsdann da – – –.«

Stille.

Er: »No, hab' i Ihna g'hindert zu tanzen! Na also. Was
woll'ns!«

Sie: »Wer red't von Tanzen!«

Es kommt jemand, sie zum Tanze aufzufordern.

»Ich danke, ich tanze nicht – –

–.«

»Gib doch dem Herrn keinen Korb – –
–.«

Sie blickt ihn an, blickt ihn an, fühlt: »Du
Falscher, du Feiger – – –.«

3 Uhr morgens. Er lauert ihr und ihren beiden Tänzern
auf, schleicht nach, verschwindet.

Ein Morgen, ein Vormittag, ein Nachmittag des Irrsinns, der
Herzens-Not. Krebs der Seele. Es frisst an, zehrt,
untergräbt, höhlt aus, vernichtet. Kanaille!

[197]

Abends 5 Uhr kommt er mit ihr zusammen bei
der Sophienbrücke.

Sie habe nur getanzt, er selbst habe sie dazu doch animiert.
Nichts sei geschehen. Wirklich gar nichts.

Er steht schweigend.

»No,« sagt sie, in der tausend Leben
unausgeschöpfter Jugend brausen, »no,« sagt
sie liebevoll, »Sie grosser Dummrian, Sie –

– –.«

Er sticht ihr ein Messer in den Bauch.

Die Wiener Geschworenen sprachen ihn frei vom Morde, wegen
»momentaner geistiger
Unzurechnungsfähigkeit«.

Der Dichter aber träumte: »17-Jährige,
tausend Leben unausgeschöpfter Jugend brausten in dir
– – –. Amen.«


* * *

Sommernacht in Wien.

Nach den Mühseligkeiten, Demütigungen des
Gelderwerbes vermittels Blumen und Champagner im
»Englischen Garten« kommen die Mädchen ins
Kaffeehaus, als freie Herrinnen, zu ihrem eigenen
Vergnügen, gleichsam momentan in Prinzessinnen
umgewandelt aus dienenden Sklavinnen. Niemand darf mehr
denken über sie: »Zudringliche
Geschöpfe« oder es sogar aussprechen:
»Bitte, belästigen Sie uns nicht!«

Sie sind Damen geworden, die Gnaden austeilen, nach Laune und
eigenem Willen. Von 3 Uhr morgens

[198]

an spielt
Herr Karl dort auf seiner süssen sanften Geige. Wally
beginnt zu tanzen und Steffi und Tertschi. Jede in ihrer
Weise eine Vollkommenheit. Wally tanzt, wie eine kranke,
leidenschaftliche Seele sich austanzen möchte, um sich
zu erlösen. Oft mit Tränen in den Augen und Hilfe
suchend. Steffi tanzt in wilder, wunderbarer,
unermüdlicher Kinder-Naturkraft. Tertschi tanzt wie die
süssen Wiener Mädel tanzen auf dem Relief vom
Strauss-Lanner-Denkmal im Rathausparke. Wie ein Modell zu
Seiferts wunderbar zarten Reliefen ist sie. Besonders der
Gesichtsausdruck. So weltentrückt vor Tanzesfreude.

Erfüllt von romantischen Träumereien und
Hirngespinsten und unerfüllbaren
Sehnsuchten und Gutmütigkeiten sind diese
Mädchen. Künstlerische Anmut wird in ihnen frei bei
den Klängen des Kake-Walk und der polnischen Mazur. Man
versteht es, dass sie in heldenhafter
Leichtsinnliebe eventuell in Abgründe stürzen
und zerschellen, klaglos und dennoch verwundert über
ihr Schicksal.

Wer will sie denn je erretten, beschützen, betreuen!

Wer hat Achtung und Ehrfurcht vor ihren künstlerischen
Qualitäten!

Der Mann ist dumpf und stumpf und träge in seiner
ermüdeten und ebenfalls enttäuschten Seele.

Daran gehen diese Mädchen zugrunde. An dem, was die
schlechteren Mädchen am Manne

[199]

gesündigt haben. Er rächt sich
– an den besseren unter ihnen.

Es schämt sich ausserdem heute ein jeder, begeistert zu
sein, aus sich selbst für Augenblicke herauszutreten,
einfach ausser sich zu sein! Jeder hat im Kampf ums
Dasein irgendwo eine schäbige Würde zu bewahren,
eine Stellung zu berücksichtigen! Einer Lüge
seine Wahrhaftigkeit zum Opfer zu bringen!

Nur die Würde seiner menschenfreundlichen Begeisterung
achtet er nicht! Er hat nicht den Mut, in die sen
Mädchen ein tiefes Künstlertum zu erlauschen,
zu entdecken. Es sind eben noch keine
»protokollierten Firmen« à la
Cleo, Otero, Cavalieri, Paquerette. Für Blumenmädel
und Champagnermädel setzt man sich noch nicht
ein. Die verführt man und nützt
sie aus, wirft sie dann weg wie Krebsschalen und
Zitronenschalen. Feiges, duckmäuserisches Gesindel
der Männer! Nur vor immens bezahlten
»Sternen« habt ihr den Mut, begeistert
zu sein Weshalb Weil ein Variété-Direktor ihnen
6000 Kronen monatlich bezahlt Das, das treibt euch,
Hohlköpfe, zu Schulden und Verbrechen

In unbeschreiblich rührender Weise bieten Wally,
Steffi, Tertschi ihre Künste gratis dem Zuschauer
dar im Café, 3 Uhr morgens.

Keine Brettl-Diva könnte je so wirken. Man erlebt
Menschenschicksale. Schweigende Not des Herzens und
wiederum daneben die kreischende

[200]

Verzweiflung. Und alles ausgelöst
durch Alkohol und Musik. Frei geworden in der
geknechteten Seele!

In den Ruhepausen singt die süsse, sanfte Geige:
»Madrigal« und »Ouvres tes yeux
bleus« und »Wenn es am schönsten ist, dann
muss man scheiden«.

Tertschi, du hast die idealsten zartesten Beine und
Füsse von der Welt und die süsseste wienerische
Anmut!

Wally, du tanzest die Leiden der Seele und ihre
Qualen!

Steffi, du bist die Tanzkönigin an und für
sich, in edler Bewegung jauchzend, erst dabei du selbst
werdend!

Morgens zwischen 3 bis 5 Uhr spendet ihr eure edle
Künstlerschaft! Im »Englischen Garten« waret
ihr Angestellte, Verkäuferinnen, Sklavinnen. Da aber
seid ihr freie Herrinnen, so ohne Wunsch und Zweck.
Edle, süsse, geniale Tänzerinnen! Seid bedankt und
gesegnet!


* * *

Fliegen in der Sommer-Schwüle.

Er fiel ab bei ihr. Der Herr A. Obzwar er ein ganz netter
Bursche war. Nichts interessierte sie nämlich an ihm.
Ihr zartes Nervensystem blieb stumpf in seiner Gesellschaft.
»Er regt mich nicht an,« sagte sie. Es war eben
einmal so und nichts zu machen trotz aller seiner guten
Eigenschaften.

An einem sehr drückenden August-Tage (die Zeitungen
brachten ungeheuerliche Berichte von SonnenStich

[201]

in Amerika) sprach man von der
Fliegen-Plage und ihrer grausamen Störung bei
Kühen und Pferden; und bei Menschen besonders
während des Nachmittag-Schlafes.

Und von der Unzulänglichkeit der patentierten,
in allen Ländern patentierten Apparate
»Fliegentod«!

Lauter Leim-Mittel, an welchen die Fliegen nicht
kleben bleiben wollten.

Da sagte jemand in der Gesellschaft: »Beneidenswerter
Herr A., der unfehlbare Fliegen-Jäger!«

»Wie macht er es denn!« sagte die Dame und
erwachte aus dem Märchen-Schlummer ihres eigenen
Nervensystemes. Es war nämlich der Herr, der sie durch
nichts emotionieren konnte. »Wie fängt er
denn die Fliegen!«

»Er schleicht sich mit der hohlen Hand an, er
pürscht‹ sich an, und
unfehlbar, eine blitzschnelle Bewegung, hat er sie
und futsch – – –.«

»Besuchen Sie mich morgen nachmittags, Herr A.,«
sagte die Dame herablassend. »Auf die
Fliegen-Pürsch!«

Er nahm an, wie zu einer anderen Jagd-Einladung. Z.B. im
Vorfrühling zur Hahnen-Balz im Gebirge, oder zum
Hasen-Triebe oder auf Rehe.

Er fing ihr, unfehlbar, alle Fliegen weg, mit ungeheurer
Präzision. Sie war ganz begeistert.

Er hätte nun sagen können: »Den Dank, Dame,
begehre ich nicht« und hätte sie zur
selbigen Stunde verlassen können –

– –.

[202]

Aber es war ja gar kein so
gefährliches Abenteuer – – –.

Infolgedessen sagte er nicht die Schluss-Pointe von
Schiller!

Und zur »selbigen Stunde« verliess er
sie auch nicht.

Sondern etwas später.

»Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie so geschickt sein
können – – –« sagte sie sanft zu
dem Fliegen-Fänger.


* * *


Der Kommis.

Um 12 mittags haben wir immer das Geschäft gesperrt. Da
ist sie gekommen, unseren Herrn Chef abzuholen. Wunderbar war
sie. Wie eine Kaiserin.

Um 7 abends haben wir zugesperrt. Da ist sie gekommen,
unseren Herrn Chef abzuholen. Wunderbar war sie. Wie eine
Kaiserin.

Dann ist sie aber plötzlich nicht mehr gekommen.

Und dann hat unser Herr Chef den Oberleutnant im Duell
erschossen.

Dann ist auch unser Herr Chef nicht mehr regelmässig ins
Geschäft gekommen.

Dann ist er ganz ausgeblieben.

Aber eines Tages ist er wiedergekommen und hat zu uns
gesprochen:

»Ich danke euch für eure seltene
Pflicht-Treue.« Und unseren Gehalt hat er uns
freiwillig erhöht. Wir waren sehr befriedigt. Aber die
Frau, die wie

[203]

eine Kaiserin aussah, haben
wir nie mehr zu Gesicht bekommen – – –.


* * *

Aus dem Tagebuche eines Grossvaters.

Also Arterien-Verkalkung höchsten Grades – –

–.

Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt hat:
»Ich glaube nicht, dass mein Erscheinen jemanden je so
glücklich gemacht hat wie Sie! Mein Mann ist auf Sie
nicht eifersüchtig. Natürlich. Dennoch hat mein
Erscheinen nie jemanden so glücklich gemacht wie Sie.
Ich danke Ihnen – – –.«

Die Berg-Wiesen in R. werden duften und leuchten, besonders
nach Regen am Abend. Niemals ist jemand so begeistert vor
ihnen gestanden wie ich. Sie sprachen direkt zu mir:
»Wir haben niemanden je so glücklich gemacht wie
dich – – –.«

Enkelin, süsse, bescheidene, allzuzarte, verlegene, in
dich gekehrte, immer spürtest du es: »Mein
Grosspapa versteht mich besser als alle – –

–.«

Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: »Warte,
warte auf einen, der dich so, so verstünde wie dein
verstorbener Grossvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten
können – – –.«

Amen – – –. Arterien-Verkalkung
höchsten Grades – – –. Lebet wohl!


* * *

[204]

Aus dem Tagebuch eines süssen
Mädels in Wien.

»Ich hab den Peter so gern, wenn er nicht da ist. Da
hab ich ihn lieber wie alle anderen. Aber wie er da ist, mag
ich ihn nicht mehr. Er ist so beschwerlich für uns, wie
wenn ein Fisch in der Luft atmen müsste!«

Ich weiss nicht, was das ist.

Man kennt sich nicht aus in ihm.

Hat er uns gern, hat er uns nicht gern!

In seinen Briefen, da ist er wirklich der einzige Peter, wie
er leibt und lebt! Seine geschriebenen Worte glaubt man ihm
aufs Wort, aber nicht seine gesprochenen – –

–.

Er ist aber auch nur als Geschriebener der Peter! Da ist er
so, dass man gerührt ist, wenn man an ihn denkt! Aber
wenn er kommt, ist alles aus.

Er verlangt zum Beispiel in einem Briefe ein lila
Strumpfband, das ich lange Zeit getragen habe.

Wenn man diese begeisterten Worte liest, möchte man
sofort das Strumpfband ausliefern, in Freude und Glück.

Aber wenn er persönlich kommt, sagt man ihm sogleich:
»Nein, ich gebe das Strumpfband nicht her. Wie komme
ich dazu! Und übrigens, was hast du davon! Es ist ein
Unsinn. Und überhaupt, es passt mir nicht –

– –.«

»Bitte sehr,« sagt er, »ich dachte, du
könntest es entbehren. Ich hätte dir ein
wunderschönes neues Paar gegeben – –

–.«

[205]

»Ich brauche keine neuen. Ich behalte
lieber meine alten – – –. Mach mich nicht
nervös – – –«

Kaum ist er draussen, möchte man ihn zurückrufen,
ihm das Strumpfband mit tausend Freuden schenken.

Aber man ruft ihn nie zurück, schenkt ihm nie das
Strumpfband. Sondern man fühlt: »Er wird traurige
Stunden haben meinethalben – – –.
Der arme süsse Peter – – –.«
T

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Empfohlene Zitierweise:

Peter Altenberg: Pròdromos. Berlin 1906. Seite 205. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Pr%C3%B2dromos&oldid=480491 (Version vom 20.10.2008)

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