Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/42

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

sondern ganz allein den Glanz der Herrlichkeit des Höchsten[1], wobei alle das schauen können, was ihnen bestimmt ist. 43 Jener Tag dauert eine Jahrwoche[2]. 44 So ist mein Gericht und seine Ordnung; dir allein habe ich dies kundgethan.

Traurig ist, daß der Geretteten so wenig sind; aber diese Wenigen sind um so kostbarer.

45 Ich[3] antwortete und sprach: Schon einmal[4], Herr, habe ich gesagt und sage nochmals: Selig sind, die in die Welt kommen und deine Gebote halten! 46 Aber worüber ich schon damals[5] flehte[6]: wer ist unter den Lebenden, der nicht gesündigt? wer unter den Weibgeborenen, der nicht deinen Bund gebrochen? 47 Jetzt erkenne ich, daß die zukünftige Welt Wenigen Erquickung bringen ’wird‘, Vielen aber Pein[7]. — 48 Denn erwachsen ist in uns[8] das böse Herz;

das hat uns diesem entfremdet
und der Vernichtung nahegebracht;
’es hat uns des Todes Wege gewiesen‘[9]
und des Verderbens Pfade gezeigt
und uns vom Leben fernegefürhrt;

und dies nicht etwa wenige, nein, fast alle, die geschaffen sind!

49 Er antwortete mir und sprach: Höre mir zu, so will ich dich belehren und dich nochmals zurechtweisen[10]. 50 Ebendeshalb hat der Höchste nicht einen Äon geschaffen, sondern zwei. — 51 Nun[11] hast du geklagt, der Gerechten seien nicht viele, sondern wenige; der Gottlosen aber seien viele. So höre dagegen: 52 Nimm an, du besäßest ganz wenige kostbare Steine, würdest du sie dir ’mit Blei und Thon‘[12] zusammenlegen ? Des Bleis aber und Thones ist viel. 53 Ich sprach: Herr, wie ginge das? 54 Er sprach zu mir: Und weiter,

frage auch die Erde, die kann dir’s sagen;
gieb ihr gute Worte[13], sie wird es dir künden.

55 Sprich zu ihr: Du bringst Gold und Silber und Erz hervor, aber auch Eisen, Blei und Thon; 56 Silber aber giebt es mehr als Gold, Erz mehr als Silber, Eisen mehr als Erz, Blei mehr als Eisen, Thon mehr als Blei. 57 So erwäge nun du selber, was kostbar und wertvoll sei: wovon es viel giebt, oder was selten ’vorkommt‘[14]? 58 Ich sprach: Herr, mein Gebieter, das Häufige ist weniger wert, das Seltene[15] ist kostbarer[16]. 59 Er antwortete mir und sprach: Nun schließe aber weiter aus deinen eigenen Gedanken: Wer das Seltene[17] besitzt, hat


  1. Vgl. Jes. 60,19f. Offenb. Joh. 21,23. Der Abschnitt atmet die Stimmung des Mystikers, dem Alles vor Gott verschwindet.
  2. Wie die Welt in einer Woche geschaffen worden ist; wiederum nach dem Dogma, daß die Endzeit der Urzeit gleich sei. Der Stelle liegt eine Tradition zu Grunde, die der von 7,30 verwandt, aber auch von ihr verschieden ist.
  3. 7,45-115 hält Hilg. (mit Unrecht) für späteren Einsatz; vgl. oben S. 350.
  4. 7,17.
  5. 7,18.
  6. ἀλλὰ περὶ ὧν ἡ δέησίς μου (Bensly).
  7. Syr quia paucis futurum est, ut saeculum venturum ferat iucunditatem, multis vero tormentum = ὁτι ὀλίγοις μὲν μελλήσει ὁ αἰὼν ὁ ἐρχόμενος εὐφροσύνην ποιεῖν, πολλοῖς δὲ βασάνους· Lat hat für μελλήσει (incipiet) μελήσει (pertinebit) gelesen (Bensly).
  8. Über diesen Gebrauch des Accusativ vgl. Bensly.
  9. Syr et vias moris demonstravit nobis.
  10. καὶ ἐκ δευτέρου νουθετήσω σε (Bensly).
  11. enim. vgl. zu 6,8.
  12. Ar.¹ si pretiosos lapides, uniones, habes paucos numero eorum, num iis addes plumbum et fictile? Darnach ist Lat (Syr) ad numerum eorum wohl εἰς ἀριθμὸν αὐτῶν = לְמׅסְפָּרָם (an ihrer Zahl). In Lat ist hinter compones eos tibi weggefallen plumbum et fictile. Andererseits ist in Syr Aeth Ar.¹ der Schlußsatz plumbum autem et fictile abundat ausgefallen. Also etwa λίθους ἐκλεκτοὺς ἐὰν ἔχῃς ὀλίγους πάνυ εἰς ἀριθμὸν αὐτῶν, συνθήσεις σοι μόλυβδον καὶ κέραμον; μόλυβδος δὲ καὶ κέραμος ἄφθονοί εἰσιν v. Wilamowitz.
  13. Etwa הֶהֱלׅיק אֶל.
  14. γίγνεται.
  15. Zu enim vgl. zu 6,8.
  16. Für die Geschichte nationalökonomischer Anschauungen ist es interessant, zu beobachten, wie der Verf. hier den Satz aufstellt, das Seltene sei zugleich kostbar; den Lesern ist, wie es scheint, dieser Gedanke etwas Neues.
  17. Aeth rariora vgl. Ar¹ Syr ὁ ἔχων τὸ δυσπόριστον χαίρει ὑπὲρ τὸν ἔχοντα ἀφθονίαν v. Wilamowitz.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 372. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/42&oldid=2234676 (Version vom 31.08.2014)