Seite:PoincareMass.djvu/10

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Und machen wir nicht dennoch unbewußt eine solche Annahme, wenn wir von Zeit reden bei dem, was sich außerhalb unseres Bewußtseins ereignet; nehmen wir nicht selbst den Platz dieses unvollkommenen Gottes ein; und stellen sich die Atheisten nicht selbst an den Platz, wo Gott wäre, wenn er existierte?

Was ich soeben gesagt habe zeigt uns vielleicht, warum wir alle physischen Erscheinungen in einen Rahmen zu fassen versucht haben. Aber dies kann nicht als Definition der Gleichzeitigkeit gelten, da dieser vorausgesetzte Geist, wenn er wirklich existierte, für uns unergründlich wäre.

Wir müssen also nach etwas anderem suchen.

VIII.

Die gewöhnlichen Definitionen, die der psychologischen Zeit entsprechen, genügen uns nicht mehr. Zwei gleichzeitige psychologische Vorgänge sind so eng miteinander verbunden, daß die Analyse sie nicht trennen kann, ohne ihre Einheit zu zerstören. Ist es ebenso mit zwei physischen Vorgängen? Ist meine Gegenwart nicht meiner Vergangenheit von gestern näher als der Gegenwart des Sirius?

Man sagt auch, daß zwei Vorgänge als gleichzeitig angesehen werden können, wenn ihre Aufeinanderfolge nach Belieben umgekehrt werden kann. Es ist augenfällig, daß diese Definition auf zwei physische Vorgänge, die sich in großer Entfernung voneinander ereignen, nicht paßt, und daß man, genau genommen, nicht einmal versteht, was diese Vertauschbarkeit bedeutet; zudem müßte zuerst die Aufeinanderfolge selbst definiert werden.

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Das Maß der Zeit. Der Wert der Wissenschaft, B. G. Teubner, Leipzig 1898/1906, Seite 35. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMass.djvu/10&oldid=1033651 (Version vom 28.02.2010)