Seite:Relativitaetsprinzip (Lorentz).djvu/4

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Fresnel[1] mußte in seiner Aberrationstheorie den Äther als stillstehend annehmen. Die Körper, sogar die ganze Erde, seien für den Äther ganz frei durchdringbar und lassen ihn bei ihrer Bewegung vollkommen in Ruhe. Dieses ist die Theorie des ruhenden Äthers.

Wir denken uns, daß man in einem Laboratorium damit beschäftigt ist, irgendeine Erscheinung zu studieren, und daß das Laboratorium sich mit einer konstanten Translationsgeschwindigkeit durch den Äther hindurch bewegt. Man kann dieses auch so ausdrücken, daß der Äther eine konstante Translationsgeschwindigkeit relativ zum Laboratorium hat. Durch das ganze Zimmer und durch alle in demselben aufgestellten Apparate hindurch weht mit überall gleicher Geschwindigkeit ein Ätherwind. Infolge der Bewegung der Erde um die Sonne wird dieses in unseren Laboratorien immer der Fall sein. Würde nun dieser Ätherwind bei optischen und elektromagnetischen Versuchen gar keinen Einfluß haben?

An der Beantwortung dieser Frage ist lange gearbeitet worden.

Da die Geschwindigkeit der Erde in ihrer Bewegung um die Sonne nur etwa 1/10000 der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes beträgt, so kann man erwarten, daß die Effekte bei Versuchen, bei denen die Fortpflanzung des Lichtes studiert wird, klein sein werden. Man kann erwarten, daß einige, im Vergleich mit der Haupterscheinung, derselben Größenordnung sein werden wie \frac{v}{c} (v = Translationsgeschwindigkeit der Erde oder allgemeiner des Systems, c = Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes), während andere Effekte der zweiten Ordnung von Kleinheit im Vergleich mit \frac{v}{c} sind, usw.

Wir wollen gleich voranstellen, daß keiner dieser Effekte eines Ätherwindes auf die Erscheinungen jemals wahrgenommen worden ist.

Es gelang ziemlich leicht, eine Theorie aufzustellen, die Rechenschaft davon gibt, daß Effekte der ersten Größenordnung nicht auftreten.

Man könnte sich nun vorstellen, daß die Effekte der zweiten Größenordnung zu klein seien, um beobachtet werden zu können. Das ist aber keineswegs der Fall bei dem berühmten Versuch, den Michelson[2], durch eine Bemerkung Maxwells angeregt, gemacht hat.

P, Q und R stellen in Figur 1 fest mit der Erde verbundene Punkte vor. PQ hat die Richtung der Translation der Erde in ihrer jährlichen Bewegung um die Sonne. PR ist senkrecht darauf. PQ = PR = l. Von P aus pflanzt sich ein Lichtstrahl mit der Geschwindigkeit


  1. Lettre de Fresnel à Arago, Sur l'influence du mouvement terrestre dans quelques phénomènes d'optique. Ann. de chim. et de phys. 9 (1818), S. 57. Oeuvres complètes de Fresnel, t. 2, S. 627.
  2. A. A. Michelson, The relative motion of the earth and the luminiferous ether. Amer. Journ. of Science (3) 22 (1881), S. 20. A. A. Michelson and E. W. Morley, Amer. Journ. of Science (3) 34 (1887), S. 333.
Empfohlene Zitierweise:

Hendrik Antoon Lorentz: Das Relativitätsprinzip. B.G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914, Seite 2. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Relativitaetsprinzip_(Lorentz).djvu/4&oldid=1471304 (Version vom 19.02.2011)