Überlinger Sagen (1890)

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Textdaten
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Autor: Theodor Lachmann
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Titel: Überlinger Sagen
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aus: Alemannia, Band XVIII, S. 178–183
Herausgeber: Anton Birlinger
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Peter Hanstein
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Erscheinungsort: Bonn
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[178]
ÜBERLINGER SAGEN[1]

13 DAS KIND IM LÖWENRACHEN

Zu Überlingen stand noch vor wenigen Jaren im Turmgäßchen, in der Nähe des Barfüßertors, ein altertuemliches baufälliges Haus, über dessen Tor ein aus Sandstein gemeißelter Löwenkopf mit einem Säugling im Rachen zu sehen war. Jezt ist das Haus umgebaut, modernisiert, der Löwenkopf mit dem Kinde ward weggenommen, befindet sich nun im „Kulturhistorischen Kabinet.“ Über den Ursprung dises Steindenkmals wird Folgendes erzält:

Vor alter Zeit lebte in disem Hause ein Frau, welche ein einziges Kind hatte, das sie zärtlich liebte. Eines Morgens, als sie gerade mit dem Kämmen irer Hare beschäftigt war, kam zur offen stehenden Türe ein gewaltiger Löwe herein, gieng auf das Kind in der Wige los, erfaßte es mit seinen Zänen, trug es eilends fort. Die Mutter, anfangs starr vor Schrecken, da sie das Entsezliche sah, raffte sich auf, stürzte mit aufgelösten Haren dem Löwen nach, welcher ob der plözlichen Erscheinung stuzte, entriß demselben das Kind und trug es unversert in ir Haus zurück. Zum bleibenden Andenken an dise wunderbare Errettung ires Kindes ließ die Frau den Löwenkopf über dem Haustor anbringen.

Mündlich


14 DER OCHSENSPRUNG AM ST. KATHARINAFELSEN

Eine halbe Stunde von Überlingen erhebt sich in westlicher Richtung das Molassegebirg fast senkrecht und turmhoch aus dem See und zieht landeinwärts als breite Hochebene mit fruchtbaren Feldern und saftigen Wisengeländen. Die höchste Felswand, an deren Fuße eine der hl. Katharina geweihte Kapelle angebracht war, heißt der St. Katharinafelsen.

Auf einem Acker genannter Hochebene, gerade über dem St. Katharinafelsen, pflügte dereinst ein Landmann mit einem Par Ochsen, die von seinem Töchterchen gefürt wurden. Der Tag war heiß, die Tiere unruhig, von Hize und Mücken geplagt. Da fiel plözlich ein Schwarm Bremsen die Ochsen derart an, daß sie scheu wurden und mit dem Pfluge davonrannten, das Mädchen mit sich schleppend, das den Strang nicht losgelaßen. Vergebens suchte der Bauer die Tiere zurückzuhalten, er holte sie nicht mer ein, sie waren schon am Abhang angekommen; mit Schaudern sah er, daß das rasende [179] Gespann mit seinem Kind über die turmhohe Felswand in den See hinabstürzte. Als er händeringend in die schauerliche Tiefe hinabschaute, da leuchtete im ein Hoffnungsstral, die Ochsen schwammen samt dem Pflug auf dem See dahin, mit inen das Mädchen, welches am Seile mitgefürt wurde. Nun tat der Vater im Stillen das Gelübde: Wenn sein Kind gerettet würde, so werde er am jenseitigen Ufer der H. Katharina eine Kapelle bauen. Getrösteten Herzens verfolgte er das seltsame Schauspil, wie die Stiere mit dem Pfluge und dem Kinde auf dem Waßer dahinruderten, weiter und immer weiter; sie durchschwammen die ganze Seebreite und gelangten glücklich am jenseitigen waldigen Ufer an. Bald darauf hatte der glückliche Vater sein Kind und seine ganze Habe unversert wider, und ließ nun zur Erinnerung an die wunderbare Errettung die St. Katharina-Kapelle am jenseitigen Ufer, gegenüber dem St. Katharina-Felsen des disseitigen Gestades, errichten. Später baute das Kloster Reichenau in die Nähe eine Probstei mit hübschem Garten, wo der Abt sich im Sommer gerne aufhielt.

Längst ist dise Probstei samt der St. Katharina-Kapelle zerfallen und abgebrochen, und der Garten, worinn ehedem Reichenauer Mönche unter edlen Obßbäumen wandelten, wider zu Wald geworden. Auch die alte St. Katharina-Kapelle am disseitigen Ufer fiel dem neuen Straßenbau zum Opfer und ist nun durch eine in den Sandsteinfelsen gehauene Nische mit der Statue der hl. Katharina und Betbank ersezt. Aber die Namen sind noch gebliben und im Munde des Volkes leben die alten Geschichten fort. Eine Abbildung des erzälten Vorkommnisses befindet sich noch heute im Landwirt Kramerschen Hause zu Wallhausen.

Mündlich


15 DIE ZWINGENBURG BEI BILLAFINGEN

Ungefär anderthalb Stunden landeinwärts von Überlingen zieht sich fast parallel mit dem Überlingersee das fruchtbare Billafinger Tal hin, zu beiden Seiten von hohen Bergzügen eingeramt. Der südliche Bergzug ist mit dichtem Tannenwald besezt, aus dem westlich vom Dorf Billafingen ein runder Hügel hervorschaut, welcher von einem Erdwal umgeben ist, der steil gegen die Talseite abfällt. Es ist diß ein sog. „Ringwal“, eine „Völkerburg“, und heißt wie das ganze Gewann „Zwingenburg“.

Nach den Erzälungen des Volkes stand auf disem Hügel dereinst ein Schloß, dessen Besizer, die „Zwingherren“, einen ser üppigen, ausgelaßenen Lebenswandel fürten. Sie bedrückten ire Untertanen aufs Schändlichste, und stellten namentlich den Weibern nach. Kein Mädchen war vor inen sicher: die Bräute [180] des Tales musten vor irer Hochzeit jeweils vier Wochen lang auf der Burg zubringen. Der lezte der Zwingherren trib es noch am Schlimmsten; seine Gräueltaten machten in überall verhaßt. Um deshalb seine Wege zu verbergen, ließ er sein Reitpferd verkert beschlagen, so daß, wenn er weggeritten, man glauben muste, er sei heimgekert, und wenn er nach Hause gekommen, die Spuren nach auswärts fürten. Auf seiner Burg hielt er oft nakte Bälle. Das Maß seiner Laster war aber nun voll. Als am Weihnachtstage seine Frau in die Kirche nach dem benachbarten Bondorf gegangen, war bei irer Rückker das Schloß spurlos verschwunden. Die wenigen Bewoner, die sich noch zu flüchten gewußt, erzälten der Schloßherrin: wärend des Gottesdienstes habe der Herr mit dem Dienstmädchen in ganz entblößtem Zustand einen Tanz aufgefürt und da sei die Burg in die Tiefe versunken. Auch ein Kind war noch gerettet worden, da es die Wärterin in einem irdenen Topf hatte den Berg hinab rollen laßen.

Andere erzälen dagegen den Untergang des Schloßes folgendermaßen: An einem Sonntage ward wärend des Vormittagsgottesdienstes bei lustiger Musik ein nakter Ball in der Burg gehalten. Da ereilte die Frevler die gerechte Strafe. Der Himmel verfinsterte sich, schwarze Wolken zogen sich zusammen, ein heftiges Gewitter mit schreklichem Bliz und Donner brach plözlich los und ein Blizstrahl traf das Schloß, welches mit Mann und Maus niderbrannte. Die Großmutter wonte gerade dem Gottesdienst in Billafingen bei; da kam der Schloßhund, welcher sich losgerißen, mit der Kette zu ir in die Kirche und die Greisin wuste nun das Schicksal der Burg.

Von einem Gebäude finden sich jedoch auf dem Bühl keine Reste; nur lose Steine ligen umher; ebensowenig sind irgendwo Brandspuren zu entdecken. Dunkle Tannen bedecken den Berg und zalreiche Fuchslöcher schauen an den Abhängen vor und zeigen, daß der ganze Hügel unterminiert ist. Die Leute aber behaupten, daß tiefe Verliese weit unter der Erde hingehen und einen Schaz bergen. Noch jezt suchen am Karfreitag bißweilen Knaben hier nach Geld und sollen solches auch schon gefunden haben. Auch der Großvater des benachbarten Hofbauern soll hier einst Goldmünzen in großer Menge gefunden haben und sei dadurch reich geworden. Einst giengen Kinder auf die Zwingenburg und sahen erstaunt unter einer Tanne einen ganzen Haufen „Zugören“ (Rörenknochen von Schafen, Zigen, welche zum Befestigen der Zugstränge am Rosskummet dienen). Sie erzälten diß zu Haus, worauf ir Vater auf den Berg gieng, aber nirgends war mer Etwas zu sehen. Hätten die Kinder die Nadeln gleich mitgenommen, so hätten sie vil Geld nach Hause gebracht. Ein ander Mal besuchten Knaben die Zwingenburg und sahen ein glänzendes Kegelspil samt Kugeln daligen, sie sezten die Kegel auf und kegelten nach Herzenslust; plözlich aber rollten Kegel und Kugeln den [181] Abhang hinab und waren nicht mer zu finden. Zu Hause erfuren die Buben, daß es ein goldenes Kegelspil gewesen. Vor meren Jaren begaben sich einige Männer aus dem Tal auf die Zwingenburg, um den Schaz zu heben. Beim Graben stießen sie auf eine eiserne Kiste und wollten sie eben herausnemen, da sagte einer der Schazgräber: „Schau! da springt eine Haselmaus herüber!“ Auf dises versank plözlich die Kiste, denn beim Schazgraben darf kein Wort gesprochen werden. Eine Stimme aber ließ sich vernemen: „Der Schaz ist nun so weit hinabgesunken, als das Billafinger Tal tief ist.“ Jezt liefen die Gräber erschrocken davon und ließen sich nie mer zum Weitergraben herbei. Bißweilen siht man am Fuße des Berges einen schwarzen Mann umherwandeln. An Weihnachten soll schon öfters wärend des Vormittagsgottesdienstes Tanzmusik von der Zwingenburg herabgetönt haben.

Mündlich


16 DER KIRCHENBAU VON ALTHEIM

Bei dem etwa 3 Stunden landeinwärts von Überlingen gelegenen Dörfchen Altheim stet auf einem Felde in der Nähe des Schulhauses ein Steinkreuz one Inschrift und Jarzal. Auf disem Felde wollte man zuerst die Kirche bauen. Schon lagen Mauersteine und Holzwerk bereit auf dem Plaze. Aber jedes Mal, wenn man mit dem Bau beginnen wollte, war das gesammte Baumaterial verschwunden und lag jeweils des Morgens auf einem kleinen Bühl im Orte. Um nun der Sache auf die Spur zu kommen, ward ein Mann beauftragt, nachts auf dem erwälten Bauplaze zu wachen. Andern Morgens aber ward der Wächter erdroßelt auf der Stätte gefunden, die Bausteine und das Balkenwerk felten wider und lagen wie immer auf dem kleinen Bühl. Da gab man den bereits bestimmten Bauplaz ganz auf, und baute die Kirche auf der Stelle, wo man jeweils die Baumaterialien frühmorgens getroffen. Der Bau gieng hier rasch und one Störung vorwärts, und es erstand die jezige, dem hl. Pankratius geweihte Pfarrkirche mit weithin sichtbarem Turme. Eine änliche Sage get auch über den Kirchenbau von Roggenbeuren.

Mündlich


17 DER STÄTTELBERGER VON SERNATINGEN[2]

Am Westende des Überlingersees ligt das große Pfarrdorf Sernatingen, welches einst zum Gebiete der Freien Reichsstadt Überlingen gehörte; ein Amt des Spitals Überlingen befand [182] sich hier, die Einwoner waren Untertanen von Überlingen. Im Jare 1802 fiel mit Überlingen auch Sernatingen an das Haus Baden, und 1826 ließ Großherzog Ludwig von Baden hier einen Freihafen errichten, machte dadurch den Ort zu einem Hauptstapelplaz des See’s, und nannte in „Ludwigshafen“. Infolge der durch die Eisenbanbauten veränderten Verkersrichtung verlor jedoch Ludwigshafen wider seine Bedeutung für den Transithandel zwischen Italien und Westdeutschland und ward in seinem weitern Emporblühen gehemmt.

Noch jezt ist mer als ein Dritteil der Gemarkung von Ludwigshafen, Waldungen, Äcker und Wisen, verschidene Bauernhöfe etc. Eigentum des Überlinger Spitals und wird von disem verpachtet. Im Orte selbst befindet sich ein Anwesen, das sog. „Schlößle“, ein ansehnliches Haus mit angebauten Ökonomiegebäuden, welches früher von einem Weier umgeben war, über den eine Fallbrücke fürte. Dises „Schlößle“ war ein Filialspital von Überlingen, wo die Sernatinger armen Kranken, Waisen etc. Aufname und Verpflegung erhielten. Hier wonte auch ein Waldhüter Namens Ziriak Kessinger, welcher die auf Sernatinger Gemarkung gelegenen Forsten des Überlinger Spitals zu beaufsichtigen hatte. In einem Rechtsstreit zwischen der Freien Reichsstadt Überlingen und dem Dorf Sernatingen schwur derselbe als Zeuge einen falschen Eid zu Gunsten Überlingens. Es handelte sich nemlich um den Besiz des Sernatinger Walddistrikts „Stättelberg“, den beide Teile als ir Eigentum beanspruchten. Eine Eidesleistung auf dem streitigen Grund und Boden sollte die Sache entscheiden. Nun gieng Kessinger auf wirkliches Spitalgut, nam Erde vom Boden und schüttete sie in die Stiefel, biß die innern Solen völlig damit bedeckt waren; zugleich verbarg er seinen Eßlöffel, mit dem er täglich die Suppe schepfte, in seinem Hut. So vorbereitet erschin er auf dem streitigen Walddistrikt und leistete mit erhobener Hand folgenden Eid: „So war der Schepfer über mir[3] ist, stehe ich auf spitälischem Grund und Boden.“ Infolge dises Schwurs verlor Sernatingen den Wald. Den Frevler aber traf die Strafe des Himmels, denn bald darauf fiel der meineidige Waldhüter, vom Volke „Stättelberger“ genannt, auf dem Gang zur Kirche an der obern Stige plözlich tot um, und muste nun als Geist umgehen. Hierin erkannte das Volk, daß der Schwur ein Meineid gewesen, und für die Seele des Unglückseligen ward alljärlich eine hl. Messe gelesen. Manchmal wurde nun der „Stättelberger“ im Walde gesehen im grünen Rocke mit einer Axt unter dem Arm. Besonders im Advent und in der Fastenzeit war er den Leuten aufsäzig, welche nachts zwischen dem Abend- und Morgengebetläuten den Weg vom Gewann Männertal biß zum Schlößle passierten. Wenn solch ein einsamer Wandrer fluchte, husch [183] saß der Stättelberger auf dessen Rücken und wich erst in der Nähe des Schlößles oder wenn das Gebetläuten anhub. Auch im „Schlößle“ trib der „Stättelberger“, der bekanntlich dort gewont, sein Unwesen und rumorte oft gewaltig. Namentlich aber machte er, wenn je einmal die Lesung der für seine Erlösung gestifteten hl. Messe unterbliben, ein solches Spektakel im Haus, daß die Bewoner die ganze Nacht keine Ruhe hatten.

Mündlich


18 DER SPUK IM GEWANN HANGEN BEI LUDWIGSHAFEN

Zwischen Ludwigshafen und Bodman dent sich vom Seeufer biß gegen das Dorf Espasingen ein sumpfiger Landstrich aus, welcher den Gewannnamen „Hangen“ fürt und von der Stockacher Aach, die hier in den See mündet, durchloßen wird. Über disen Bach fürt eine Brücke, die sog. „Hutbrücke“. Der Name „Hangen“ soll daher rüren, weil ehedem bei der Brücke der Galgen gestanden. Deshalb ist es auch in disem Gelände nicht geheuer; allerlei Spuk wird da getriben. Eines Abends wollte einmal ein Knabe aus Ludwigshafen auf einem der Nußbäume, die hier am Ufer standen, Nüße holen. Wärend er auf dem Baume saß, kam über das Feld her eine weiße Gestalt, in weißem Gewande und mit weißem Strohhut, gieng dreimal um den Baum herum und dann wider zurück über das Feld. Dem Knaben ward es unheimlich, er ließ die Nüße im Stich, gieng rasch vom Baum herunter und eilte heim. Ein ander Mal wollte nachts bei Mondschein ein Jäger in einem Entenstand, den er hier am Strande errichtet, Enten schießen. Aber es kam ein Fuchs über das Feld daher, gieng immer am Ufer hin und her und ließ so die Enten nicht näher kommen. Da schoß der Jäger auf den Fuchs, der alsdann plözlich verschwunden war. Folgenden Tags erfur der Jäger, daß man im benachbarten Bodman einer alten Frau, welche allgemein als Hexe galt, Schrotkörner aus dem Leib hat schneiden müßen.

Mündlich

ÜBERLINGEN LACHMANN     

  1. Alem. XVI 248 ff. XVII 263 ff.
  2. Schedler teilte früher in der Alem. die Sage kurz mit.
  3. Allgemeiner uralter Zug.

Anmerkungen (Wikisource)

Die Einzeltexte finden sich unter:

  1. Das Kind im Löwenrachen
  2. Der Ochsensprung am St. Katharinafelsen
  3. Die Zwingenburg bei Billafingen
  4. Der Kirchenbau von Altheim
  5. Der Stättelberger von Sernatingen
  6. Der Spuk im Gewann Hangen bei Ludwigshafen