„Ora pro nobis!“

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Textdaten
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Autor: R. B - e.
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Titel: „Ora pro nobis!“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 59–63
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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„Ora pro nobis!“

Als ich im November des Jahres 1863 meinen ersten Ausflug nach dem sonnigen Italien antrat, blies ich mit wärmendem Hauche auf jeder Station die glitzernden Eisblumen von den Fenstern des Eisenbahnwaggons, um zu sehen, ob wir – fortwährend südwärts fahrend – nicht bald auch die Elemente des Südens, Leben und Wärme in der Natur, wahrnähmen. Das heitere Wien war die Mitte zwischen meiner nordischen Heimath und dem grünen Grenzgürtel Italiens – deshalb hatte ich beschlossen, hier einige Wochen zu rasten. Es lag fast hundert Meilen südlich von meiner Vaterstadt, und mit Zuversicht hatte ich erwartet, dort ein im gleichen Verhältniß wärmeres Klima zu finden. Wie staunte ich aber, als ich den Stephansthurm aus einer rein sibirischen Schnee- und Eiswüste in der Ferne auftauchen sah, die Fenster der guten Kaiserstadt ebenso gefroren fand, wie meine eigenen daheim, und auf dem Glacis Rennschlitten mit weithinschallendem Schellengeläute an mir vorüberklingeln hörte!

Das waren lustige Aussichten für meine Reisepläne! Allein wer die Gluth eines sechsundzwanzigjährigen Touristen kennt, dessen Ziel das schöne Italien ist, wird wissen, daß ein solcher in seinem Rausche gegen ebenso viel Grad Kälte vollständig unempfindlich ist. Sehen und kennen lernen – das waren die einzigen Gedanken und Ziele, denen ich nachhing. So konnte denn in solcher Zeit mein frisches, junges Blut auch wohl auf den Gedanken fallen, den Garten von Schönbrunn unter Schnee und Eis zu besuchen, um aus der Größe und Anlage des Ganzen wenigstens eine Idee seiner Wirkung in besserer Jahreszeit zu bekommen. Gedacht – gethan! Ein Fiaker brachte mich von der Mariahilfer Linie bis an das Gitterthor; von dort begann meine Fußwanderung durch die ungebahnten, verschneiten Buchengänge, an denen entlang sich die steifen, beschnittenen Hecken hinzogen wie die gepuderten Perrückenhelden, welche sie einstmals gepflanzt. Beyer’s zweiunddreißig Marmorstandbilder standen heute durch die Schneelasten, welche sich auf ihrem Rücken gehäuft hatten, wie eine buckelige, frierende Proletarierfamilie da, die beiden Springbrunnen in den großen Wasserbecken ließen in ihren gefrorenen Strahlen die letzten Flammen der kalten Sonne blitzen, und die Gewächshäuser waren sorgfältig zugedeckt. Von der Hauptallee mich nach rechts wendend, kam ich bald in einen Theil des Gartens, der mehr die Dauerhaftigkeit und Schneedichte meiner hohen Stiefeln als die Sorgfalt der Wegebaucommission bewundern ließ; die Pfade wurden fast zu Schneemulden, und ich gab meinen Vorsatz, mich zu der auf einer Anhöhe liegenden Gloriette hinanzuarbeiten, alsbald auf. Aber wo war ich nun hingerathen – ich armer nordischer Odysseus in einem k. k. Lustgarten? – Eine Wüste von Schnee und Eis rings umher und nirgends ein lebendes Wesen, das der Ton meiner Stimme erreicht hätte. Ich rief lange umsonst und wollte mich schon anschicken, meinen eigenen Spuren im Schnee folgend, wieder umzukehren, als ich einen stattlichen Herrn, in einen warmen Pelz gehüllt, mitten durch die Parkanlagen schreiten sah. Sein hoher breitschulteriger Körperbau trug ein zu demselben im rechten Ebenmaße gebildetes Haupt und die Züge seines Gesichts kennzeichneten auf den ersten Blick den treuherzigen, offenen Freund echt wienerischer Gemüthlichkeit. Ich eilte sogleich auf ihn zu und fragte nach dem rechten Wege.

„Die Wege sind hier jetzt alle recht und schlecht,“ sagte der fremde Herr, „es kommt nur darauf an, wohin Sie wollen.“

„Unter Menschen,“ antwortete ich, der winterlichen Einsamkeit überdrüssig, „sonst ist mir’s einerlei.“

„Nun,“ meinte der Fremde und ein Gedanke an Diogenes mochte ihm wohl durch den Kopf fahren, „wenn Sie Muth haben, mir erst unter die Bären zu folgen, so will ich nachher hinsichtlich der Menschen wohl Rath schaffen. Nicht weit von hier liegt Hietzing, und da kneipt es sich schon ganz gut.“

„Unter die Bären?“ frug ich erstaunt.

„Ja, unter meine lieben Bären da drüben in der kaiserlichen Menagerie, die ich jeden Tag besuche, mag das Wetter noch so schlecht und der Weg noch so beschwerlich sein. Im Sommer, wenn viel Gäste zu ihnen aus der Stadt herauskommen, da haben die guten Thiere wohl immer Kurzweil und etwas Gutes zu naschen, aber im Winter, wenn die Wege hier verschneit sind, bin ich wohl ihr einziger Freund, und sie haben sich so sehr an meine regelmäßigen Besuche gewöhnt, daß sie mich schon aus weiter Ferne wittern. Hören Sie“ – der Fremde klapperte in den Taschen seines großen Pelzes mit Nüssen – und siehe da, aus der Ferne ließ sich ein dumpfes Brummen verschiedener Bärenstimmen vernehmen. Ich staunte über das Gehör dieser Thiere und schritt mit dem Fremden dem Bärenzwinger der kaiserlichen Menagerie zu. Wir traten durch das Gitterthor in einen weiten Hof, den rings die Käfige der Bären umgaben, welche beim Anblick ihres treuen Gastes fast unbändig vor Freude wurden und sich mit den Tatzen hoch an den Eisenstäben der Gitter emporrichteten. Ein mürrischer Wärter schlug mit seinem langen Stocke nach den Thieren, als wollte er den Gefangenen selbst den Ausbruch eines Freudengefühls wehren; mein Begleiter aber warf jetzt seine süße Gabe – einen Theil der mitgebrachten Nüsse – den Thieren zu, die sich eilig darüber herstürzten. Kaum hatte dies aber der Wärter bemerkt, als er an ihn herantrat und zu ihm in ziemlich barschem Tone sagte:

„Mein Herr! ich habe, da Sie trotz meines wiederholten Verbotes auch gestern wieder die Thiere unbefugter Weise gefüttert, die Sache dem Herrn Menagerie-Inspector angezeigt, und hat derselbe mir nun den gemessensten Befehl ertheilt, Sie im Wiederholungsfalle unfehlbar arretiren zu lassen.“

„Wenn eine solche gesetzliche Bestimmung,“ antwortete mein Begleiter, „auch auf das große Publicum im Allgemeinen Anwendung finden soll, weil für die Thiere selbst eine Gefahr aus der Fütterung von schädlichen Substanzen durch fremde, unbekannte Personen erwächst, so glaube ich doch, daß mit dieser Strenge nicht gegen diejenigen verfahren werden kann, welche sich jahrelang bei täglichen Besuchen als Pfleger und Wohlthäter der Thiere erwiesen haben, und so will ich es denn auch auf diese Gefahr hin getrost ankommen lassen.“

Mit diesen Worten warf der fremde Herr abermals einige Hände voll Nüsse den Bären zu, die sich wiederum gierig darüber herstürzten. Der Wärter aber ging, ohne ein Wort zu sagen, nach der eisernen Gitterthür und schloß uns in den unfreundlich kalten Hofraum ein. „Mitgegangen, mitgehangen!“ schien es hier zu heißen, – ich war meines freundlichen Führers unfreiwilliger Mitgefangener. Glücklicherweise sollte die Gefangenschaft in diesem kalten Raume nicht lange dauern, da der Herr Inspector sehr bald in Begleitung seines diensteifrigen Wärters und eines Constablers erschien, uns die Thür öffnete und meinen Begleiter ersuchte, dem Schutzmanne nach dem nächsten Polizeibureau zu folgen, um dort weiter vernommen zu werden. Dem Fremden war dieser Aufenthalt höchst unangenehm, er schützte nöthige Dienstgeschäfte vor und bot dem Beamten die Erlegung der gesetzlichen Strafe brevi manu an. Dieser bedauerte jedoch in diesem Falle nichts entgegennehmen zu dürfen, da zur Erhebung der Strafe nur die Polizei und zwar nach vorheriger Vernehmung und gehöriger Protokollirung competent sei. Mein Begleiter machte ein [60] verdrießliches Gesicht – er mochte den Geschäftsgang bei den Wiener Polizeibehörden wohl schon kennen.

„Das wird morgen früh“ – sagte er nach der Uhr blickend – „und ich habe keine halbe Stunde mehr zu verlieren; – es ist vier Uhr vorüber – so eilen Sie wenigstens; Herr Inspector, so schnell wie möglich einen Boten an die Intendanz der Hofoper am Kärnthner Thore zu schicken, und lassen Sie sagen, daß heute Abend die ‚Zauberflöte‘ nicht gegeben werden könne, da Papageno sich in polizeilicher Haft befände.“

Der Inspector machte ein verlegenes Gesicht und stammelte dann: „Wie – Sie sind doch halt nit der –“

Hölzel“ – fiel mein Begleiter ihm in’s Wort – „ganz richtig, der Hofopernsänger Gustav Hölzel; – darum eilen Sie, den Boten abzufertigen, denn der Hof hat Besuch und der Kaiser wird heute selbst in die Oper kommen, und einen zweiten Papageno giebt’s jetzt nicht bei uns –“

„Ja schaun’s“ – sagte der rücksichtsvolle Wiener –, da müssen wir Sie halt schon aus Kunstrücksichten laufen lassen – hat mich sehr gefreut! – hab’ die Ehre! – Er riß mit außerordentlicher Höflichkeit die Mütze ab und complimentirte uns förmlich hinaus. Wir aber suchten lachend die Hietzinger Kneipe auf und erzählten den Vorfall dort unter allgemeiner Heiterkeit. Zur rechten Stunde fuhren wir alsdann nach dem Theater, und nachdem mein neuer Freund mir noch seine Stammkneipe genannt, wo er jeden Abend nach dem Theater und jeden Morgen nach der Probe zu treffen war, reichte er mir zum Abschied die Hand und eilte, sich in sein buntes Vogelgewand zu werfen. Ich aber nahm einen Platz im Parquet ein und wartete des lustigen Vogelsängers diesmal mit besonderer Ungeduld.

Der Hof kam – die Ouverture begann, der Vorhang erhob sich und entschleierte die Welt der Wunder mit ihrem finstern nächtigen Pomp, und mächtig rauschten die Tonwellen des genialen Meisterwerkes, getragen vom gewaltigen herrlichen Vollklang des großen Orchesters der kaiserlichen Hofoper. Ich saß ganz in Verzückung verloren, da weckte mich plötzlich ein dröhnender Beifallssturm aus meinen Betrachtungen. Ich blickte auf und siehe da – er war aufgetreten, der muntere Vogelsänger – der Applaus galt ihm, dem treuherzigen Freunde hungernder Bären und verirrter Reisenden – und kein Wiener wußte es anders, als den beliebten Baß-Buffo in seinen Hauptrollen wie einen alten Freund mit lebhaftem Beifallsgruße zu empfangen. Und er war dieser Liebe werth, als Künstler, der, mit seltenen Stimmmitteln ausgestattet, auch die ganze geistige Tiefe einer Partie zu erfassen wußte, wie als Mensch, welchen Jeder seiner schlichten, wohlwollenden Natur, seines harmlos heitern Wesens und seines redlichen, biedern Charakters wegen liebgewonnen hatte. Man [61] muß ihn als lustigen Papageno und wiederum als tiefernsten „König Thoas“ in Gluck’s Iphigenie, in der einactigen kleinen Rolle des „Schauspieldirectors“ und wiederum in der riesenhaft schwierigen Aufgabe des „Beckmesser“ in Richard Wagner’s neuester Oper „Die Meistersinger“ gehört haben, muß ihn - um eine Idee von der Vielseitigkeit seiner Talente zu bekommen - im traulichen Kreise eins seiner selbstcomponirten einfachen Liedchen, deren Opuszahl schon weit in’s Gebiet der dreistelligen Ziffern drang, vielleicht gerade das weltbekannte: „Mir hat a mol vom Teufel g’träumt“ singen hören, dann wieder eine große dramatische Partie bewältigen sehen und zuletzt ihm, dem gemüthlichsten Gast und Freund, in die zahlreichen Kreise seiner Verehrer folgen, die sein sprudelnder, harmloser Humor in angenehmster Weise zu unterhalten versteht. Wenn er daher eines Abends nach dem Theater plötzlich mit finsteren Mienen in den gewohnten Kreis seiner Freunde trat und statt nach dem geliebten Schoppen zur ersten besten, jedoch möglichst großen Zeitung griff, mehr um sich dahinter zu verbergen, als daraus die ihm langweilende Politik zu studiren, so war dies in der That eine so auffällige Erscheinung, daß jeder im Kreise den Nachbar forschend ansah, bis plötzlich eine Nachricht die Situation aufklärte, die bald darauf nicht nur die Localblätter Wiens, nein – die Theaterzeitungen der ganzen Welt erfüllte: Hölzel war ein Opfer seines mannhaften, geraden und festen Charakters geworden - die Intendanz hatte den Liebling des Publicums ohne Umstände entlassen, weil er sich geweigert hatte, eine Partie zu verunstalten, die als eine meisterhafte, komische Charakterrolle längst zum Eigenthum der gesammten deutschen Nation geworden war.

Es galt dem Capuzinermönche „Tuck“ in Marschner’s Oper „Templer und Jüdin“, dieser Figur voll von echtem deutschen Humor, welche, das Waidwerk im Herzen und die Flasche in der Capuze, als ein meisterhafter Typus des mittelalterlichen Mönchthums und als ergötzlichste Partie der genannten Oper jedermann durch das lustige Trinklied bekannt ist, dessen Refrain „Ora pro nobis“ mit höchst komischem Effect jedesmal in den geistlichen Stil verfällt. Gerade diese charakteristische Seite der beliebten Mönchsfigur war es aber, welche längst schon die Intendanz der kaiserlichen Oper, an welche sich der pfäffische Clerus mit allen haarsträubenden Vorstellungen und Höllenmalereien auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege durch Beichtväter und Beichtschwestern gewendet hatte, wie ein Dorn in’s Auge stach, weil dieser Capuziner aus einer Zeit, die mehr als ein halbes Jahrtausend hinter uns liegt, leider immer noch ein treffendes Bild aus dem Mönchsleben unserer Zeit bot. So lange indeß Marschner am Leben war, hatte sich Niemand an seinem Meisterwerke zu vergreifen gewagt; denn das schleichende Gesindel, welches überall gern im Finstern wirkt, fürchtet den Scandal – und den hätte es mit dem erzürnten Componisten sicher gegeben. Kaum deckte jedoch Marschner die Erde, als man das Unwetter ahnte, welches mit einem Male jetzt – kaum zwei Jahre nach des Meisters Tod – „von oben“ über diesen „lustigen Bruder“ hereinbrach. Brevi manu bekam der Darsteller desselben, Herr Hölzel, obgleich dem früheren Darsteller der Rolle, Staudigl, nie ein solcher Zwang auferlegt war, in der Probe den Befehl, von heute ab diese Partie nicht in der braunen Capuzinerkutte, sondern in einem langen schwarzen Rock zu spielen und in dem herrlichen Trinkliede statt der Worte „Ora pro nobis!“ (bitte für uns!) die völlig farb- [62] und charakterlosen „Ergo bibamus“ (lasset uns trinken) zu singen.

Das hieß nicht nur mit Einem Striche die ganze herrliche Partie ihrer ursprünglichen Bedeutung nach vernichten, nicht nur dem Sänger eine seiner besten Rollen „verballhornisiren“ – das hieß vielmehr einem todten Meister eines seiner herrlichsten Geistesproducte verstümmeln – das hieß eingreifen in die Rechte, welche das Publicum der Wiener Hofoper, ja, welche die deutsche Nation an dem Nachlasse seiner schaffenden Geister hat; – und diesen rein und unverfälscht zu wahren, wie einen heiligen Hort, das ist ihre, das ist jedes deutschen Mannes Ehrenpflicht. – Mit diesem Proteste wies auch Hölzel den an ihn ergangenen Befehl zurück, ja bat sogar, ihn lieber zu entlassen, ehe man ihn zwinge, das also verstümmelte Lied zu singen, aber man verwies ihn einfach auf den Befehl und gestattete ihm nur, die Capuzinerkutte zu behalten.

Mit düsteren Gedanken verläßt der Sänger die Probe. Soll er das Aeußerste wagen? Er weiß, welche Strafen dem Ungehorsam nach den Theatergesetzen folgen, und seine Existenz hängt vielleicht davon ab, aber er ist auch Künstler, und zwar ein Künstler von rechtem Geiste, und sein Innerstes sträubt sich empört gegen den Gedanken, dem pfäffischen Gezücht die Hand zum Verrath gegen einen todten Meister zu bieten; ein Werk, das er bisher mit Begeisterung und Ehren, mit aller Sorgfalt und Liebe des wahren Künstlers gehegt und gepflegt, mit einem Male zu Boden zu reißen und statt der herrlichen, meisterhaft gearbeiteten Figur ein elendes Jammerbild ängstlicher, lichtscheuer Creaturen auf die Bühne zu bringen. Das ist zu viel – das ist mehr, als sein Künstlergewissen zuläßt! In höchster Aufregung stürzt er fort; er durchstreift die Straßen von Wien, eilt auf dem gewohnten Wege hinaus nach Schönbrunn. Die Bären brummen ihm entgegen – sie verleugnen den alten Freund nicht, wenn er sie auch nicht mehr füttern darf. Drinnen bei den Menschen ging mit ihm der Zweifel, hier, in der freien Gottesnatur, wo hinter den Eisengittern von langer Gefangenschaft halberschlaffte Thiere lebendige Zeugen sind, wie elend jeder Zwang selbst das stärkste Geschöpf macht, – hier kehrt ein klares Bewußtsein und mit ihm die männliche Ruhe in seine Brust zurück.

Entschlossen geht er mit dem sinkenden Abend in die Kaiserstadt zurück, schreitet durch die tagshell erleuchteten Corridore des Theaters am Kärnthner Thor und betritt heiterer, als er sie am Morgen verlassen, seine Garderobe. Dort war ihm aber eine neue Ueberraschnng aufbewahrt. Statt der Kutte lag richtig der alte schwarze Kittel an seinem Platz. Er berief sich auf die Erlaubniß, die Kutte anzuziehen, umsonst – die Kutte war nicht zu finden, und erst, als er erklärte, so nicht hinauszugehen, wurde sie herbeigeschafft.

Eine Stunde später trat der langgewohnte Capuziner, heiter und sicher, wie früher, vor die Lampen und nur in seinem Herzen bebte es – er wußte, daß das „Ora pro nobis“ für ihn in diesem Augenblicke so viel zu sagen hatte, wie für Galilei einst sein „Und sie bewegt sich doch!“, aber er konnte den Unsinn des „Ergo bibamus“ nicht über die Lippen bringen. Mit dem Geist der Rolle im Kopf und dem Gefühl der Sünde, die er gegen ein Kunstwerk begehen sollte, kam der Refrain und mit ihm das tönende „Oro pro nobis“, zu dem der erschrockene Richard Löwenherz schüchtern den Chor – aber „Ergo bibamus“ – mitsang.

Das beliebteste Mitglied der Kaiserlichen Hofoper war von diesem Augenblick an seiner Functionen enthoben. Ein erbitterter Zeitungskampf entbrannte, in dem – zur Ehre sei es gesagt! – fast alle Blätter Wiens und des übrigen Deutschlands auf der Seite des Rechts und des „charakterfesten Sängers“ standen; aber dies half so wenig, wie die Opposition des Publicums: Hölzel blieb von Allem nichts als eine kleine Pension, die er noch dazu nur direct der Gnade des Kaisers verdankte, und das Publicum der Kaiserlichen Oper war seines besten Baßbuffo’s und so manches unersetzbaren Hochgenusses beraubt. Mißmuthig machte Hölzel von da an mehrere Kunstreisen, gastirte hier und dort an den besten Theatern Deutschlands, überall mit großem Beifall; dann kehrte er wieder nach Wien zurück, wo er sich fleißig seinen seelenvollen Liedercompositionen widmete und der Stunde harrte, die ihn wieder vor die Lampen rufen würde. Und sie kam.

Wenn auch die Wiener Direction ihn bisher unberücksichtigt ließ, so war es doch ein großes musikalisches Ereigniß unserer Tage, was den „Halbverschollenen“ wieder aus seiner künstlerischen Zurückgezogenheit an das Licht glanzvollen Wirkens rief.

Richard Wagner hatte seine neueste komische Oper „Die Meistersinger“ seinem kunstliebenden Könige gewidmet, und dieser ordnete mit wahrhaft fürstlicher Munificenz jene Mustervorstellungen an, von denen vor Kurzem die Spalten aller Zeitungen Deutschlands angefüllt waren. Nicht allein der decorative Theil, sondern noch mehr auch der musikalische wurde auf Befehl des Königs mit den tüchtigsten Sängern Deutschlands ausgestattet, die von weit her für die lange dauernden Proben und die vier ersten Münchener Vorstellungen gegen außerordentlich hohe Summen engagirt wurden. Besonders rathlos aber war man wegen der schwierigsten und der einzigen komischen Partie der Oper, der des „Beckmesser“, bis man in unserm Hölzel die Kraft fand, welcher man eine so schwer zu bewältigende Aufgabe mit vollem Vertrauen übergeben durfte. Wie er dieselbe löste und wie er es namentlich war, der das schwierige Gesammtspiel in großartigster Weise zu fördern wußte, darüber spricht sich Heinrich Laube in seinen bekannten, in der „Neuen freien Presse“ jüngst erschienenen Besprechungen der ersten Meistersinger-Aufführung in den folgenden Worten aus: „Mit wahrer Freude sahen wir Herrn Hölzel wieder, welcher die schwierige Partie des ‚Beckmesser‘ vortrefflich durchführte und durch seine drastische Komik mehr als einmal trefflich wirksam nachhalf, wo dem Dichter und Componisten der Humor vollständig ausgegangen war. Wir müssen aus Anlaß dieser eminenten Leistung Hölzel’s den oft und vielseitig ausgesprochenen Wunsch wiederholen, es möchte unser Hofoperntheater diesen altbewährten Liebling des Wiener Publicums endlich wieder für sich gewinnen.“

Gustav Hölzel, der Sohn des rühmlichst bekannten österreichischen Schauspielers Nicolaus Hölzel, am 2. September 1813 zu Pest in Ungarn geboren, zeigte schon früh großes Talent für Musik, bald auch eine unüberwindliche Neigung für die Bühne, so daß er schon als sechszehnjähriger junger Mann das väterliche Haus verließ, um in Raab und Oedenburg sein erstes Engagement anzutreten. Nach mehren anderen Durchgangsstadien war er von 1833–1837 Mitglied des Hofoperntheaters in Wien und nahm hierauf ein Engagement als erster Baritonist am Theater der Königsstadt in Berlin an, wo man ihm nach Ablauf des ersten Jahres sogar eine lebenslängliche Anstellung bot. Wenn es aber einen Menschen giebt, der nicht in die Umgegend von Berlin paßt, so ist es Gustav Hölzel. Kaum ein Jahr hielt er es im Berliner Sande aus, – nicht einmal die Verlockung einer lebenslänglichen ehrenvollen Anstellung konnte ihn bestechen, dort zu bleiben. Er bekam eine Art von Heimweh nach den Alpen und ging deshalb nach der Schweiz, wo damals in Zürich Charlotte Birch-Pfeiffer die Direction des Stadttheaters hatte und den jungen talentvollen Künstler gern engagirte. Hier lernte er seine jetzige Gattin, Molly Gerstäcker, Tochter des noch in gutem Andenken stehenden Tenoristen und Schwester des Schriftstellers, kennen und wurde mit ihr im August desselben Jahres getraut.

Anfang 1840 kehrte er nach Wien an das Hofoperntheater zurück, an welchem er zweiundzwanzig Jahre lang in ununterbrochenem Engagement blieb und ein Liebling des Wiener Publicums wurde. Während dieser Zeit entwickelte sich sein Talent zur Liedercomposition, und diesen Liedern gerade verdankt er den größten Theil seiner Popularität auch im übrigen Deutschland. Schon das erste: „Als i bin verwichen zu mei Diandl g’schlichen“, wurde bald so allgemein beliebt, daß er Muth bekam, auf der neuen Bahn fortzufahren, und jetzt folgte bald eines rasch dem andern. Zu den bekanntesten derselben gehören unstreitig: „Mein Liebster ist im Dorf der Schmied“, „Das Glockengeläute“, „Der Krieger und sein Roß“, „Das Lied von der Lanze“, Uhland’s: „Was ist das für ein durstig Jahr“, „Du hast die schönsten Augen“, „Die Thräne“, „Hans Zwieselich“, wie die Lieder in österreichischer Mundart: „Das Grüaberl im Kinn“, „Der Himmel“, „Mir hat amol vom Taifel ’traimt“, „Der guate Rath“, „Drescherlied“, und viele andere. Da er die Lieder selber mit einer kräftig schönen und tiefen Baritonstimme so prächtig sang und eben so fest durch diese wie die in’s kleinste deutliche Aussprache der Worte das Publicum erfreute, öffnete ihm das ein weiteres Feld. Er benutzte seinen jährlichen Urlaub am Kärthnerthor-Theater, um an anderen Bühnen sowohl zu gastiren, als auch Concerte zu geben, in denen er seine eigenen Lieder sang, und war bald ein überall willkommener [63] Gast. Lange Jahre durch besuchte er London, dazwischen auch St. Petersburg, Warschau und Stockholm.

Hölzel selbst ist im gewöhnlichen Leben die personificirte österreichische Gemüthlichkeit, aber ein prächtiger Gesellschafter, und trotz seiner unzerstörbaren Ruhe voll trockenen Humors und voller Witz. Die Hauptsache jedoch: Hölzel ist, bei einer echten Künstlernatur, auch ein braver und wackerer Mann und verdient deshalb mit vollem Recht seinen Ehrenplatz in der Gartenlaube.

R. B–e.