ADB:Albert, Michael

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Artikel „Albert, Michael“ von Adolf Schullerus in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 727–729, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Albert,_Michael&oldid=2493141 (Version vom 22. November 2017, 07:23 Uhr UTC)
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Albert: Michael A., siebenbürgisch-sächsischer Dichter, geboren am 21. Octbr. 1836 in Trappold bei Schäßburg in Siebenbürgen. Der Sohn eines wohlhabenden Bauernhauses, verlebte er in dörflicher Einfachheit und Naturwüchsigkeit eine frohe Kinderzeit. Künstlerischer Hang und poetische Begabung war das Erbtheil der Mutter, einer Predigerstochter, doch erweisen auch den Vater die Briefe an den in Deutschland studirenden Sohn als scharfen, klugen Beobachter und trefflichen Erzähler. Von 1847 an besuchte A. das Schäßburger Gymnasium, an dem unter der Führung des nachmaligen Bischofs G. D. Teutsch eine Anzahl hervorragend tüchtiger Lehrer wirkte. An Fr. Müller, dem Nachfolger Teutsch’s im Rectorate und später im Bischofsamte, wie auch an J. Haltrich, dem liebenswürdigen Märchenerzähler, fand er aufmunternde Förderer seiner schon frühe unternommenen poetischen Versuche. Von den Gedichten dieser Zeit – Liebes- und Frühlingslieder, zumeist Nachklänge Rückert’scher und Heine’scher Lyrik –, haben einige die sichtende Selbstkritik des Dichters bestanden und sind in die Sammlung der Gedichte aufgenommen worden. Von 1857–60 studirte A. an den Universitäten Jena, Berlin, Wien Theologie und deutsche Sprache und Litteratur. Förderung seiner poetischen Bestrebungen bot ihm namentlich Berlin, dessen Kunstschätze und musikalischen Veranstaltungen im Verein mit den Aufführungen in Oper und Schauspielhaus sich seiner Erinnerung tief einprägten und noch in späten Jahren die concrete Unterlage seiner Kunstanschauung geblieben sind. Im Candidaten der „Dorfschule“ kennzeichnet A. sich selbst, indem er von ihm erzählt: „Unser Candidat war oft in Museen herumgeschlendert, hatte aus Concerten und Theatern, diesen weltlichen Lockmitteln des Teufels, wie er wohl von den Kathederfrommen zu hören bekam, tiefe und bleibende Eindrücke des Hohen und Schönen mitgebracht; die Meisterwerke der bildenden Künste, die Säulen, Bogen und Ornamente des Baumeisters; der weiche, blühende Marmor des griechischen Bildhauers, der Farbenzauber des Malers; sodann die Tonkunst mit ihren phantasievollen und großartigen Schöpfungen der deutschen Meister; ferner die Hoheit Schiller’s und die unwiderstehliche Kraft Shakespeare’s auf den Brettern der Bühne – das alles hatten seine Berufsstudien nicht ausgeschlossen, und es hatte ihn für alle Zukunft hinaus mächtig angeregt und seine Seele empfänglich gemacht für alles Edle und Bedeutungsvolle im Leben“. In Wien nahm sich Prof. Roskoff in warmer Freundschaft des jungen Siebenbürgens an und begleitete auch später in langjährigem Briefwechsel seine litterarischen [728] Arbeiten mit freundlich förderndem Rath, sich herzlich an dem wachsenden Erfolge seines Schützlings erfreuend.

Nach der Rückkehr in die Heimath (1860) brachte A. ein Jahr in Bistritz zu, wurde sodann nach Ablegung der theologischen und Lehramtsprüfung als Lehrer am ev. Gymnasium in Schäßburg angestellt. Hier, nunmehr als Amtsgenosse seiner verehrten Lehrer, hat er sein Leben in schlichter, reich gesegneter Lehrarbeit zugebracht. Der Schmerz über den frühen Tod seiner Mutter („Die Mutter schläft“) übertönte das Glück der jungen Ehe, die er mit Friederike Müller, der ebenso geistvollen als gemüthstiefen Schwester des Rectors, später Bischofs, Müller geschlossen hatte. Die Berufung in die erledigte Pfarrstelle seines Geburtsortes lehnte er ab, allerdings erst nach langem Besinnen und mit Gewissensscrupeln. 1878 wurde er zugleich Leiter des Volksschullehrerseminars. Er starb am 21. April 1893 an einem Herzschlage. Die Gattin überlebte ihn nur um wenige Tage.

Dieses schlichte Lehrerleben aber war erfüllt von reichem, aus bescheidenen Anfängen zu selbstbewußtem Stolze sich erhebendem, dichterischem Schaffen. Aus Wien hatte A. den Entwurf eines Dramas mitgebracht („Karl XII.“), das im ganzen Aufbau wie in der reichen Bildersprache unverkennbar unter dem Einflusse des Schiller’schen „Wallenstein“ steht. Der Versuch, das Stück in Wien aufführen zu lassen mißlang; somit erkaltete auch die Freude des Dichters an dem Jugendwerk, das trotz mehrmaliger Ueberarbeitung schließlich doch ungedruckt geblieben ist. Sofort nach der Heimkehr veröffentlichte A. in Kalendern und Zeitschriften eine Reihe seiner Jugendgedichte, denen die Weite der poetischen Lebensanschauung, der gesättigte Wohllaut der späteren Dichtungen zwar fehlt, die aber in ihrem engbegrenzten Inhalt und in der herben, fast schmucklosen Darstellung doch den Stempel echter, wahrer Empfindung tragen. Anregung zu neuem Schaffen gab der rege Briefwechsel mit Traugott Teutsch in Kronstadt, der vereint mit dem Freunde der dichterischen Production unter den Siebenbürger Sachsen gebührende Anerkennung erringen wollte. So entstanden die zeitgeschichtlichen Novellen Albert’s, darunter „Die Dorfschule“ (1866), „Die Kandidaten“ (1872), „Traugott“ (1874), „Auf dem Kriegsboden“ (1880; Gesammtausgabe unter dem Titel „Altes und Neues, gesammelte siebenbürgisch-sächsische Erzählungen“, Hermannstadt 1890). Es sind Volkserzählungen im besten Sinne des Wortes: etwas schwerflüssig in der Darstellung, gedrängt und schwerbeladen mit Gedanken und beziehungsreichem Bilderschmuck, bieten sie allerdings weniger leichtverständliche Lectüre für das Volk, als fein ausgeführte Lebensbilder aus dem Volke selbst, dessen innere Erschütterung im Umschwung der politischen Verhältnisse der 60er Jahre, in der Zertrümmerung des Sachsenbodens („Königsboden“) und dem Verlust der municipalen Selbständigkeit in diesen Novellen zum ergreifenden Ausdrucke kommt. Während die dichterisch bestimmteste unter ihnen, „Die Dorfschule“, das Ringen der Neuzeit mit dem harten Boden des Volksthums im Bilde des Neubaues einer Dorfschule schildert, zeigen die Novellen „Traugott“, „Auf dem Königsboden“, wie der Kampf um die nationale Existenz zum Gefühl der Heimathlosigkeit, zur Verzweiflung führt. Keine andere sächsische Dichtung spiegelt so unmittelbar anschaulich und doch wieder in so scharfer psychologischer Analyse das Volksleben wieder als diese zeitgeschichtlichen Novellen Albert’s.

In weiteren Kreisen wurde Albert’s Name durch die Veröffentlichung seiner Dramen bekannt: „Die Flandrer am Alt“ (1883), „Harteneck“ (1886), „Ulrich von Hutten“ (1893). Das erstere hat die Landnahme der in Siebenbürgen einwandernden Sachsen „nicht nur mit der Urkunde des Rechts und mit der rodenden Axt und Haue, sondern mit dem Gemüte, mit der vollen Volkspersönlichkeit“ [729] zum Vorwurf. Während im ersten, episch sich ausbreitenden, Acte sich die Volksgemeinde in ihren „gesetzmäßigen Institutionen, in der Denk- und Gefühlsweise des Volkes, in der Tiefe seiner historischen Perspective plastisch darstellt“, geben die folgenden in bewegter Scenenfolge das Bild der Eroberung der neuen Heimath, im Abfall des Ritters Arnold und im Richterspruch Hermann’s, des Führers der Einwanderer, über den doppelt an ihm treulos gewordenen Eidam sich zu hoher dramatischer Wirkung erhebend. Wenn auch hinsichtlich des dramatischen Aufbaues nicht einwandsfrei, gab doch gerade dieses Drama, ebenso durch die Originalität der Erfindung, die mit glücklichem Tacte Stimmung und Gedanken der Gegenwart in Gestalten der Vergangenheit zu verkörpern wußte, wie durch die schöne, bodenständige Sprache, besonders der romantisch durchhauchten Wildnißscenen, den vollgültigen Beweis der dramatischen Begabung Albert’s. Die „Flandrer am Alt“ sind das eigentlich nationale Schauspiel der Siebenbürger Sachsen geworden. An dramatischer Geschlossenheit überragt die „Flandrer“ das Trauerspiel „Harteneck“, das die Geschichte des 1703 in Hermannstadt wegen politischer Vergehen und ebenso wegen persönlicher Verschuldung hingerichteten Sachsengrafen Sachs von Harteneck (s. A. D. B. XXX, 134) dramatisirt. Während Traugott Teutsch in seinem Drama „Sachs von Harteneck“ (1874) das Hauptgewicht auf die persönliche Verschuldung gelegt und so eine Familientragödie geschaffen hatte, zeichnet die Dichtung Albert’s den Sachsengrafen in seiner ganzen gewaltigen Persönlichkeit, die ihre Hauptkraft gerade in den politischen Kämpfen seiner Zeit zur vollen Geltung bringt. „Seine Tragik ist, daß er in einem Knotenpunkt großer historischer Entwicklung (Uebergang Siebenbürgens unter die Herrschaft des Hauses Habsburg) verschlungen wird durch rücksichtslose Genialität.“ Das Drama ist öfters aufgeführt worden und hat stets tief gehenden Eindruck hinterlassen. Das letzte dramatische Werk Albert’s, „Ulrich von Hutten“, dessen Anfänge schon in die Wiener Studienzeit zurück gehn, ist erst aus dem Nachlaß des Dichters veröffentlicht worden. Die spielende Leichtigkeit in der Beherrschung großer Massen, die volle persönliche Ausgestaltung ganzer Zeitrichtungen (Hutten, Erasmus, Luther) zeigen hier im einzelnen den Dichter auf der Höhe seines dichterischen Könnens, aber der volle dramatische Eindruck scheitert doch an der im ganzen wenig activen Rolle des Haupthelden. Ebenfalls aus dem Nachlaß herausgegeben, allerdings schon vom Dichter selbst zum Druck gesichtet, sind die „Gedichte“ (1893). Sie sind zweifellos die werthvollste poetische Schöpfung Albert’s. Wie der Dichter in reflectirender Weise der modernen Kunstrichtung gegenüber es aussprach: „Ich denke, wir bleiben bei Goethe, bei Weisheit und Morgenröthe“, so hat er in seiner eigenen lyrischen Production aus der Romantik der Jugendjahre sich an Goethe bei aller Fülle und wohllautenden Formung der Sprache zu schlichtem, naturwahrem Gefühlsausdruck emporgerungen. Unter den Gedichten nehmen neben den national-politischen Zeitgedichten und dem erschütternden „Totenkranz“ (auf den Tod eines Knaben) die abgeklärten, vornehmlich Naturstimmung und Heimathserinnerung widerspiegelnden Lieder der letzten Jahre sowie die köstlichen „Humoristischen Dorfgeschichten“ einen hervorragenden Platz ein. Wenn M. Albert’s Dichtungen auch ihrem Stoffe nach zum weitaus größten Theile in der engen Heimaths wurzeln, so gibt ihnen die künstlerische Formvollendung und der edle, rein menschliche Gehalt doch Anrecht auf Beachtung auch außerhalb der Berge Siebenbürgens.

A. Schullerus, Michael Albert, sein Leben und Dichten. Hermannstadt 1898. – Bibliographie der Werke und Abhandlungen M. Albert’s im Korresp.-Blatt d. Vereins f. siebenb. Landeskunde 1898, S. 114–117.