ADB:Brehm, Alfred

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Artikel „Brehm, Alfred“ von Wilhelm Heß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 214–216, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Brehm,_Alfred&oldid=2493606 (Version vom 29. Juni 2017, 15:58 Uhr UTC)
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Brehm: Alfred B., Sohn des bekannten Ornithologen Pastor B. (A. D. B. III, 284) wurde am 2. Februar 1829 zu Renthendorf bei Neustadt a. d. Orla geboren. Sein Vater war einer der ausgezeichnetsten Kenner und sorgfältigsten Beobachter der heimischen Vogelwelt, der unermüdlich jede freie Zeit ornithologischen [215] Studien widmete. Durch seinen Einfluß wurde von frühester Jugend an in dem jungen B. die Liebe zu der Vogelwelt geweckt. Schon als Kind begleitete er seinen Vater auf den ornithologischen Ausflügen und half ihm eifrig bei der Wartung und Zucht der zahlreichen Vögel, welche er in der Gefangenschaft hielt. Später bildete er sich zu einem geschickten Schützen aus, der manchen seltenen Vogel für die umfassende Sammlung seines Vaters erbeutete. Als er noch das Gymnasium besuchte, galt er bereits für einen hervorragenden Ornithologen, der die Stimmen sämmtlicher einheimischen Vögel kannte und zugleich in der Vogelzucht sehr bewandert war. Als er 1847 das Gymnasium absolvirt hatte und die Universität beziehen wollte, erhielt er von Baron W. v. Müller in Renthendorf die Aufforderung, ihn auf einer Reise nach Afrika zu begleiten, um ihm mit seinen ornithologischen Kenntnissen zur Seite zu stehen. Mit Freuden nahm B. diesen Antrag an und durchstreifte fast fünf Jahre lang Aegypten, Nubien und den Sudan. 1852 kehrte er zurück und veröffentlichte in den „Reise-Skizzen aus Nordostafrika“ (3 Bände, Jena 1853) ein umfassendes Bild des reichen und interessanten Vogellebens dieser Länder. Diese Reise war entscheidend für sein späteres Leben. Das Wanderleben hatte ihm so gut gefallen, daß ein seßhaftes Leben ihm nicht mehr behagte. Fremde Länder sehen und die Thierwelt derselben an Ort und Stelle beobachten war von jetzt an sein Streben. Nachdem er zuerst in Jena, dann in Wien studirt hatte, unternahm er nach seiner Promotion eine neue Reise nach Spanien und 1860 nach Norwegen, Schweden und Lappland. Die Resultate seiner Beobachtungen auf diesen beiden Reisen veröffentlichte er in seinem Werke: „Das Leben der Vögel“ (Glogau 1861). Das Werk erregte durch seine musterhaften Schilderungen Aufsehen und begründete nicht nur seinen Ruf als populär-wissenschaftlicher Schriftsteller, sondern machte ihn auch in weiteren Kreisen bekannt. Ihm verdankte er auch die Aufforderung des Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, ihn auf einer Reise nach Abessynien zu begleiten. 1862 wurde diese Reise angetreten. Auf derselben lernte B. den Thiermaler Robert Kretschmer kennen, welcher der Maler der Expedition war, eine Bekanntschaft, die später für B. von Wichtigkeit wurde. Die Reise war nur kurz. Als B. zurückkehrte, wurde er als Director des zoologischen Gartens nach Hamburg berufen. Zunächst veröffentlichte er in dieser Stellung im Auftrage des Herzogs Ernst „Ergebnisse einer Reise nach Habesch“ (Hamburg 1863). Dann aber begann er den schon früher gefaßten Plan, ein ausführliches Werk zu schreiben, welches das Leben aller bekannten Wirbelthiere und der wichtigsten wirbellosen Thiere eingehend behandelte, zur Ausführung zu bringen. Da jedoch die Verwaltung des zoologischen Gartens seine Zeit fast völlig in Anspruch nahm und es ihm daher unmöglich war mit der Ausarbeitung dieses großartigen Werkes rasch vorwärts zu kommen, so gab er seine Stellung in Hamburg auf. Schon früher hatte er sich in seinem Geburtsorte eine kleine Villa bauen lassen. Dahin zog er sich mit seiner Familie zurück, um sich ungestört seinem Werke zu widmen. In Robert Kretschmer hatte er einen treuen Gehülfen gefunden, der, ein ausgezeichneter Thiermaler, keine Mühe scheute, die Thiere in ihrer Heimath oder in den zoologischen Gärten aufzusuchen und nach der Natur zu zeichnen. So erschien denn 1864 der erste Band des „Illustrirten Thierlebens“, dem in kurzen Zwischenräumen die übrigen folgten. Da B. sich mit den wirbellosen Thieren weniger beschäftigt hatte, übertrug er Oskar Schmidt und G. L. Taschenberg die Ausarbeitung derselben. Der Erfolg dieses Werkes war ein imposanter. Nicht nur wurde dasselbe in fast sämmtliche Cultursprachen übersetzt und von Schödler eine Volksausgabe veranstaltet, [216] es wurde auch trotz des hohen Preises in kurzer Zeit eine neue Auflage nöthig.

Wenn man B. vorgeworfen hat, daß er die Systematik, Anatomie und Physiologie zu wenig berücksichtigte, so muß andererseits hervorgehoben werden, daß er dagegen der bisher vernachlässigten Biologie einen hervorragenden Platz einräumte. Er schildert das Leben der Thiere zum größten Theile auf Grund seiner eigenen reichen Erfahrungen in so meisterhafter Darstellung, daß das Interesse des Lesers erregt werden muß. Wenn ihn auch die Liebe zur Thierwelt hier und da verleitet hat, diese zu sehr zu idealisiren, so thut dies dem Werthe des ganzen Werkes keinen Abbruch. Der Zweck des Werkes, Liebe zur Thierwelt zu erwecken und zoologische Kenntnisse in die breitesten Schichten des deutschen Volkes zu verbreiten, hat sich in hohem Grade erfüllt.

Noch ehe dieses Hauptwerk Brehm’s völlig erschienen war, erhielt er einen Ruf nach Berlin, um dort ein Aquarium zu gründen und dasselbe zu leiten. Seine Schöpfung ist noch heute eine Sehenswürdigkeit. Sein unruhiger Geist ließ ihn jedoch diese Stelle bald wieder aufgeben, um sich ganz wieder seinen litterarischen Arbeiten zu widmen. Da die umfassenderen Werke über Vogelzucht veraltet waren, so beschloß B. ein solches Werk zu schreiben. Er war wol wie kein anderer dazu geeignet, denn seit seiner frühesten Jugend hatte er sich mit Vogelzucht beschäftigt, reiche Erfahrungen auf diesem Gebiete gesammelt und galt mit Recht als erste Autorität. 1872 erschien das Werk unter dem Titel: „Gefangene Vögel“ (Leipzig und Heidelberg). Es entsprach voll den Erwartungen, welche man auf dasselbe gesetzt hatte. 1876 unternahm B. mit Dr. O. Finsch und dem Grafen von Waldburg-Zeil-Trauchburg im Auftrage des Vereins für die deutsche Nordpolfahrt eine Reise nach Westsibirien, von der er namentlich eine interessante ethnographische Sammlung mitbrachte. Kaum zurückgekehrt, begleitete er den Kronprinzen Rudolf von Oesterreich nach den Wäldern an der mittleren Donau und 1879 nach Spanien. In der Zeit zwischen den verschiedenen Reisen hielt er Wandervorträge in verschiedenen größeren Städten, die überall großen Beifall fanden, denn er verstand es meisterhaft, durch seine fesselnde Darstellung die Hörer hinzureißen. 1883 reiste B. nach Nordamerika, um auch dort Vorträge zu halten. Aber sein sonst kräftiger Körper war den großen Anstrengungen doch nicht gewachsen. Schon in Amerika wurde B. krank und kurze Zeit nach seiner Rückkehr nach Renthendorf starb er am 11. November 1884. Seine Gattin war ihm 1878 im Tode vorangegangen. Er hinterließ drei Töchter und einen Sohn, welcher sich ebenfalls den Naturwissenschaften widmete und als Ornitholog und kaiserlich deutscher Gesandtschaftsarzt in Madrid lebt.