ADB:Christian II. (Fürst von Anhalt-Bernburg)

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Artikel „Christian II. zu Anhalt-Bernburg“ von Ferdinand Siebigk in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 150–157, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Christian_II._(F%C3%BCrst_von_Anhalt-Bernburg)&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 05:51 Uhr UTC)
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Band 4 (1876), S. 150–157 (Quelle).
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Christian II., der Sohn und Nachfolger Fürst Christians I. zu Anhalt-Bernburg, geb. 10. (nach Andern 11.) Aug. 1599 zu Amberg in der Oberpfalz, wo sein Vater, seit 1595 Statthalter derselben, residirte, † 1656. Unter der Leitung Peters v. Sebottendorf erhielt er dort und in Dessau am Hofe seines Oheims, des Fürsten Johann Georg I., durch den nachmaligen Rector des fürstlichen Gesammtgymnasiums zu Zerbst, Marcus Friedrich Wendelin, eine gute Erziehung, die durch längeren Aufenthalt in Genf und später in Italien, wo er sich die Landessprache so zu eigen machte, daß er vor dem Dogen zu Venedig eine wohlgesetzte Rede zu halten im Stande war, ihren Abschluß erhielt. Im J. 1616 trat der junge Prinz in die Dienste des Herzogs Karl Emmanuel von Savoyen, der damals Krieg mit dem Könige von Spanien führte, und nahm unter der Leitung Christoph’s v. Dohna mit Auszeichnung an diesem Feldzuge Theil. Mit Beweisen des Wohlwollens von Seiten des Herzogs 1617 zu seinen Eltern zurückgekehrt, begab er sich gegen Ende des Jahres zu seiner weiteren Ausbildung zu König Jakob nach England und ward 1618, nach Deutschland zurückgekommen, von seinem Vater, der noch immer die Statthalterschaft zu Amberg bekleidete, zu den Berathungen in der kurpfälzischen Kanzlei gezogen, um vollständigst in die damals so schwierigen Verhältnisse eingeweiht und zur Mitwirkung bei denselben geschickt zu werden. So vielfach gebildet auf Reisen und im Feldlager, in Geschäften geübt durch die Unterweisung und das Beispiel seines Vaters, den wir, ohne zu übertreiben, den ersten Staatsmann seiner Zeit zu nennen uns berechtigt halten, finden den jungen Fürsten die im J. 1619 ausbrechenden böhmischen Unruhen. Er ward unter dem Oberbefehl seines Vaters zum Führer zweier Regimenter, eines zu Fuß und eines zu Pferde, ernannt, mit denen er an der Schlacht am weißen Berge vor Prag, am 8. Nov. 1620, so hervorragenden Antheil nahm, daß er, obwol bald nicht unerheblich verwundet, es eigentlich war, der mit wenigen anderen Führern die Schlacht wenigstens eine Stunde lang aufrecht erhielt. Und noch mehr würde er geleistet haben, wenn nicht eine zweite Verwundung ihn widerstandsunfähig gemacht hätte, worauf er in die Gefangenschaft des Obersten Verdugo gerieth, der ihn zunächst nicht erkannte, aber bald von dem hohen Range seines Gefangenen Kenntniß erhielt. Der junge Prinz ward nun von allen Seiten, namentlich auch vom Grafen Bucquoi mit der größten Aufmerksamkeit behandelt, nach Prag gebracht und dort für ihn und seine Wunden, um bald geheilt zu werden, die größte Sorgfalt angewendet; er mußte aber, obwol noch nicht ganz hergestellt, dem Grafen Bucquoi und dem Obersten Verdugo nach Mähren folgen, wo er bei letzterem in Iglau den Winter zubrachte, durchaus gut gepflegt und mit der Freiheit auszugehen und zu verkehren, wie und mit wem er wollte, bereitwilligst versehen. Auch wurde ihm von dem damaligen Statthalter von Mähren, dem Cardinal von Dietrichstein, bei seiner Ankunft und nachher viele Höflichkeit erwiesen.

Nachdem nun der Prinz lange mit Verdugo wegen seiner Freilassung verhandelt, ward ihm verkündet, daß er als deutscher Reichsfürst dem Kaiser ausgeliefert werden müsse, und erfolgte dann auch im Mai 1621 seine Ueberführung nach Wien und kurz darauf nach Wienerisch Neustadt, wo er in ziemlich strengem Gewahrsam ein halbes Jahr lang verbleiben mußte, ohne vor den Kaiser, der selbst dahin kam, gelangen zu können, obwol sich die Gesandten von England und Frankreich im Namen ihrer Herren, sowie viele Reichsfürsten für ihn verwendeten und auch sein Vater, Fürst Christian I., bereits dem Kaiser sich unterworfen [151] hatte. Endlich erhielt der junge Prinz auf sein Ansuchen die Erlaubniß nach Wien zu kommen, langte daselbst am 25. Nov. 1621 an und nahm seine Wohnung in einem ihm angewiesenen Hause der Kärnthner Straße, wo ihm durch die Anwesenheit eines an ihn gesendeten Vasallen seines Vaters, des Hauptmanns Kaspar Ernst Knoche und seines Kammerjunkers Hartmann v. Hallweyl eine wenn auch nur geringe, doch aber sehr willkommene Erleichterung seiner immer noch sehr drückenden Lage bereitet ward. Wie hoch Kaiser Ferdinand II. die Gefangennahme des Prinzen anschlug, kann man daraus entnehmen, daß er dem Obersten Verdugo nach geschehener Ueberlieferung seines Gefangenen 35000 Gulden auszahlen ließ. Ungeachtet seines eifrigen Bemühens eine Audienz beim Kaiser zu erhalten, gelang es ihm doch erst am 12. Dec. seinen Zweck zu erreichen. Nur sehr ungern und auf vieles Zureden in Wien gegenwärtiger und ihm nahe stehender protestantischer Fürsten bequemte er sich zu dem verlangten Fußfalle und zur Abbitte, machte aber durch sein ganzes Auftreten und seine angemessene wohlgesetzte Rede einen so günstigen Eindruck auf den Kaiser, daß ihm dieser augenfällig seine Gunst zuwendete. Nicht nur, daß der junge Fürst sich frei in und außerhalb Wiens bewegen durfte, hatte er auch mehrfach Audienzen beim Kaiser, wurde von ihm, dem großen Jagdfreunde, oftmals zu den kaiserlichen Jagden gezogen und auch sonst noch vielfach ausgezeichnet.

Selbstverständlich schaffte alles dies dem Prinzen Ch. Freunde in maßgebenden Kreisen und er benutzte die ihm sich darbietende Gelegenheit eifrigst, für seinen geliebten geächteten Vater zu wirken und die Hindernisse, welche dessen Versöhnung mit dem Kaiser sich noch entgegenstellten, möglichst aus dem Wege zu räumen. Inzwischen war und blieb er jedoch selbst des Kaisers Gefangener, dessen Wohlwollen sich mehr und mehr erhöhte, so daß er den Prinzen sogar zu seiner Vermählung mit der Prinzessin Eleonore von Gonzaga in den ersten Tagen des Februar 1622 mit nach Innsbruck nahm. Dort erhielt der Prinz auch die Erlaubniß, auf ein halbes Jahr zu seiner Mutter zu reisen, die sich mit ihren Kindern in Ballenstedt befand, während der geächtete Gemahl fern von den Seinigen in Flensburg verweilte, und entließ ihn der Kaiser auf das gnädigste mit der Aussicht auf baldige befriedigende Erledigung der unglücklichen Verhältnisse seines Vaters.

Am 26. Febr. nach langer Abwesenheit bei seiner Familie in Ballenstedt angelangt, blieb er in den nächsten Monaten in der Heimath, wo vieles mit den Vettern in Köthen, Dessau und Plötzkau zu verhandeln war, ward am 5. März Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft als der Unveränderliche mit dem Sinnbilde eines Cypressenbaumes und der Devise: „Dringet in die Höhe“ und war eifrigst bemüht, für seines Vaters und seine eigene Befreiung sich der Mitwirkung bekannter Reichsstände zu versichern.

Nachdem er, noch an seinen bei Prag erhaltenen Wunden leidend, sich des Karlsbades hatte bedienen müssen, reiste er von da über Regensburg, Linz und Wien nach Oedenburg, wo sich der Kaiser damals befand, erhielt längern Urlaub zur vollständigen Herstellung seiner Gesundheit und die Weisung sich auf dem zum October nach Regensburg berufenen Reichstage einzufinden. Er ging nun schleunigst nach Flensburg zu seinem dort weilenden Vater, besprach mit diesem das Erforderliche und[WS 1] traf am 17. Aug. in der Heimath wieder ein, wo es wiederum vieles mit den Vettern zu verhandeln gab. Im October begab er sich nach Regensburg zu dem Kaiser, fand auch dieses Mal die beste Aufnahme und wurde ihm aufs neue für seinen Vater und für sich selbst baldige günstige Erledigung ihrer Angelegenheiten in Aussicht gestellt, welche Hoffnung sich auch für ihn bereits am 31. December verwirklichte, denn an diesem Tage sprach ihn der Kaiser seiner Verhaftung frei und ledig, erkannte ihn als freien Reichsfürsten [152] feierlichst an, zog ihn zur kaiserlichen Tafel und gab dabei und überhaupt stets erneuerte Beweise seines Wohlwollens. Da der Prinz trotz dem allem jedoch bald einsah, daß es ihm doch nicht gelingen würde, für seinen Vater die Aussöhnung mit dem Kaiser jetzt schon zu erreichen, so erbat er sich die Erlaubniß, den Reichstag zu verlassen, und eilte zum geliebten Vater nach Flensburg, wo er bereits am 14. Febr. 1623 eintraf. Von hier unternahm der junge Fürst zu Ende Februar mit seinem Bruder Ernst eine Reise nach Kopenhagen, kehrte aber, da er den König von Dänemark dort nicht antraf, gegen Ende März nach Flensburg zurück, verweilte jedoch nur wenige Tage bei den Seinen und begab sich dann nach der Heimath zurück, von wo er am 21. April zunächst in Begleitung des Kammerjunkers Hermann Christian v. Stammer seine zweite Reise nach Italien antrat. Er begab sich zunächst nach Prag, wo Kaiser Ferdinand sich damals aufhielt, ward wiederum auf das huldvollste empfangen und erhielt für die vorhabende Reise ein kaiserliches Empfehlungsschreiben, konnte aber für seinen Vater trotz aller Fürbitten deutscher und fremder Fürsten doch jetzt nichts weiter erreichen, als daß der Kaiser die Einreichung eines Memorials befahl. Am 4. Mai verließ Fürst Christian Prag, ging über München und Innsbruck nach Bozen und von da nach Padua, wo er am 18. Juni eintraf und die nächsten Monate mit seinem Gefolge, das nunmehr aus dem Hofmeister Hans Ernst v. Börstell und den Kammerjunkern v. Stammer und Hartmann v. Hallweil bestand, verweilte. Am 18. November trat Ch. mit seinem inzwischen eingetroffenen Bruder Ernst die Reise nach Rom an, gerieth gleich anfangs auf der Brenta durch Zusammenstoß seiner Barke mit einer entgegenkommenden in große Lebensgefahr, ging wegen heftiger Stürme von Venedig zu Lande nach Ancona und Loretto und erreichte am 11. December Rom, überall unterwegs, obwol mehrfach durch heftiges Unwohlsein gestört, eifrigst bemüht die Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen und dadurch seine Kenntnisse zu erweitern, wie wir dies aus seinen zahlreich uns überkommenen Aufzeichnungen ersehen. Leider mußte der Fürst aus vielen Ursachen, wie er selbst, wegen seines Gesundheitszustandes, wie der anhaltische Chronist sagt, hier der „welschen“ Reise ein Ziel setzen und, viel zu früh für seinen Wissensdurst, bereits am 16. December den Rückweg antreten, der die Reisenden über Florenz, Bologna und Ferrara am 5. Jan. 1624 nach Padua zurückführte. Trotz des schwankenden Gesundheitszustandes hielt es aber den Fürsten hier nicht lange, schon Mitte Januar sehen wir ihn in Pavia und Mailand, Verona und Vicenza und am 12. Februar tritt er mit seinem Bruder Ernst und der oben genannten Begleitung eine neue Reise nach dem Süden der Halbinsel an, die dieses Mal keine Störung erlitt. Nach Durchstreifung Mittel- und Unteritaliens kamen die Reisenden am 26. Mai nach Padua zurück, traten aber gleich darauf die Heimreise an und trafen am 2. Juli in Köthen bei Fürst Ludwig wieder ein. Von hier aus begab sich Ch. ohne Bernburg zu berühren am 4. Juli auf den Weg nach Holstein, um seine Mutter und Geschwister von dort abzuholen, fand sie in Flensburg, das der Vater bereits verlassen, in bestem Wohlsein und trat mit ihnen am 3. August den Rückweg nach Bernburg an. Unterwegs trafen sie in Bernburg unerwartet mit Fürst Christian I. zusammen, der sich am 16. Juni zu Wien vollständig mit dem Kaiser ausgesöhnt hatte, und so erreichte denn unser Prinz mit seiner ganzen fürstlichen Familie am 18. August wieder das heimische Bernburg, von dem er so lange entfernt gewesen. (Vgl. Tagebuch Christian des Jüngern, Fürst zu Anhalt. Herausg. von J. Krause. Leipzig 1858.)

Aber nicht lange hielt ihn hier sein Drang fremde Länder zu sehen, und zwar war dieses Mal Spanien sein Ziel. Schon am 25. September verließ er Bernburg aufs neue, ward aber in Nürnberg durch den Herzog Joachim [153] Ernst von Holstein und dessen Gemahlin von seinem Plan abgebracht und kehrte über Frankfurt a. M. nach Bernburg zurück, wo er und die Seinigen bald darauf durch den Tod der treuen Mutter und Gemahlin, der Fürstin Anna, einer geborenen Gräfin von Bentheim, einen schweren Verlust erlitten. Bald aber führte unser Prinz dem so gelichteten Kreise der Seinen ein neues theures Glied zu, indem er seine längst beabsichtigte Verbindung mit der Prinzessin Eleonore Sophie von Holstein, der Schwestertochter seines Vaters, ins Werk setzte. Die Vermählung fand am 17. März 1625 in Ahrensböck in Holstein statt und am 26. trafen die Neuvermählten aufs festlichste empfangen in Bernburg ein. Nur kurze Zeit blieben sie am häuslichen Herd; die Reiselust des jungen Fürsten erwachte aufs neue, der Entschluß zu einer Reise durch die Niederlande und Frankreich war bald gefaßt und schon am 16. Juli gelangte der Plan zur Ausführung. Der Weg führte von Magdeburg über Hamburg, von da über Bremen, Amsterdam, Rotterdam, Calais, Rouen, wo ein längerer Aufenthalt genommen wurde, nach Paris, wo die fürstlichen Reisenden vom 31. Jan. 1626 bis zum 7. Februar verweilten. Sie fanden zwar bei König Ludwig XIII. sehr gute Aufnahme, aber die Bemühungen des Prinzen, die Erstattung der immer noch bedeutenden, aus dem französischen Kriegszuge seines Vaters von 1591 herrührenden Forderungen zu erlangen, blieben ohne jeden Erfolg. Von da ging die Reise über Brüssel nach Bentheim und Schuttorf in Westfalen, wo die Prinzessin ihrer bevorstehenden Entbindung wegen zurückblieb, während der Prinz nach der Heimath sich begab und erst am 20. April bei seiner Gemahlin wieder eintraf, nachdem er unterwegs mit dem ihm von Wien aus schon bekannten Wallenstein zusammengetroffen und auch in Wolfenbüttel den König Christian IV. von Dänemark gesprochen hatte. Nach erfolgter Geburt eines Prinzen ging das fürstliche Paar wieder nach den Niederlanden und nahm dort vom 10. Juli ab zu Harderwyk auf längere Zeit seinen Aufenthalt. Erst am 21. Juni 1627 verließ Ch. mit seiner Gemahlin diesen freundlichen Ort, ging mit ihr nach Ahrensböck in Holstein, dem Wohnsitz ihrer Eltern, und von da im August nach Bernburg zurück, blieb aber hier nur bis zum November, wo er sich in dem ihm von seinem Vater überlassenen Ballenstedt, mitten in den Schrecknissen des Krieges, der auch sein Heimathsland hart bedrängte, einen eignen Haushalt begründete. Die wenigen Monate in Bernburg hatten ihm herbe Verluste gebracht; er verlor nicht nur seinen in Schuttorf geborenen Sohn, den Prinzen Beringer, sondern auch eine kleine Tochter, die ihre Geburt nur wenige Tage überlebte. In Ballenstedt erfreute sich Ch. die ganze nächste Zeit hindurch, soweit es der bald näher, bald ferner wogende Krieg gestattete, eines ruhigen Lebens, das J. 1629 riß ihn aber wieder aus seinem Frieden. Es trat an ihn durch Wallenstein das Ansinnen Kaiser Ferdinands heran, Dienste in dessen Heere zu nehmen. Der Prinz antwortete ausweichend, aber nicht gerade ablehnend und erklärte seine Bereitwilligkeit, bei einem in Rede stehenden Unternehmen außerhalb Deutschland sich zur Verfügung zu stellen. Obschon dieses nun nicht zur Ausführung kam, hatte der Prinz sich doch so die Gunst des Kaisers gesichert und dies, sowie die Bekanntschaft mit Wallenstein brachte dem so arg gedrückten Vaterlande doch manche Hülfe. Im Herbst und Winter sehen wir den Prinzen wieder mehrfach fern von seiner Familie. Er machte eine Reise nach Liegnitz und Brieg, und dann nach nochmaliger Rücksprache mit Wallenstein nach Wien zu Kaiser Ferdinand. Wiederum fand er hier die beste Aufnahme bei der ganzen kaiserlichen Familie, erhielt auch den goldenen Kammerherrnschlüssel, sowie die Zusage einer nicht unbedeutenden jährlichen Pension und der möglichsten Begünstigung und Unterstützung für sein Heimathsland und kehrte erst am 3. Jan. 1630 nach Ballenstedt zurück.

[154] Der Tod seines Vaters, des Fürsten Christian I., berief Ch. am 17. April 1630 mit seinen Brüdern Ernst und Friedrich zur Nachfolge in dem Bernburger Landestheil. Nach angenommener Erbhuldigung reiste Fürst Ch. II. zum Kaiser, der auf dem Reichstage zu Regensburg sich befand, um dort in anhaltischen Gesammt- und in seinen eigenen Angelegenheiten zu wirken, konnte aber sein Vorhaben nicht ausführen, denn die Nachricht von der Kriegsnoth, die über das Bernburger Land hereingebrochen war und seine getreue Stadt Bernburg selbst auf das ärgste bedrängte, veranlaßte seine schleunigste Rückkehr in sein Land, dessen Zustand ungeachtet kostspieliger Salvagardien und Schutzbriefe noch auf lange Zeit hin ein trostloser blieb.

Ihn möglichst zu erleichtern schloß sich der Fürst, trotz seiner unverminderten Anhänglichkeit an Kaiser Ferdinand II., mit seinen Vettern in Dessau, Köthen und Plötzkau 1631 eng an König Gustav Adolf von Schweden an, aber dennoch sah er sich am Schlusse des Jahres genöthigt, vor der Bedrängung des Krieges von Bernburg noch Harzgerode zu weichen. Die nächsten Jahre vermochte Ch., da der Krieg sich nach andern Gegenden zog, zur Regulirung der innern Landesverhältnisse zu verwenden, z. B. zur Einigung mit seinem Bruder Friedrich (Prinz Ernst war in Folge seiner bei Lützen erhaltenen Wunden gestorben) über die väterliche Erbschaft, indem er ihm die Aemter Harzgerode und Güntersberge, sowie das Uebrige des sogenannten Harzdistricts überließ und zur möglichsten Heilung der Kriegsschäden. Wir finden nur verzeichnet, daß er im Frühjahr 1632 am Hofe des Königs Sigismund von Polen in Warschau gewesen und daß er 1635 in Regensburg, nachdem die anhaltischen Fürsten von dem Bündnisse mit Schweden zurückgetreten waren und sonach mit dem Kaiser Frieden geschlossen hatten, im Namen des gesammten Hauses die Lehen empfangen habe. Am Schluß des J. 1635, welches noch für den Fürsten wegen der mit den Vettern erreichten Einigung über die anhaltischen Gesammtverhältnisse durch genaue Bestimmungen über das Seniorat wichtig war, und im Frühjahr 1636 brach der Krieg mit allen seinen Schrecknissen über das bernburgische Land wieder herein. Die Schweden, erbittert, daß die Fürsten von Anhalt ihre Partei verlassen, bemächtigten sich der von sächsischen Völkern besetzten Stadt Bernburg sowie des Schlosses und hausten so darin, daß die fürstliche Familie fast nur als gefangen anzusehen war, und dieser schreckliche Zustand erreichte seinen Höhepunkt, als die Schweden am 11. März von dem sächsischen General Wilsdorf wieder vertrieben wurden. Die fürstliche Familie gerieth in die größte Gefahr, mehrere Menschen wurden neben dem Fürsten getödtet, die Fürstin ergriff zwei Pistolen, um ihre Ehre gegen die Wuth der Soldaten zu schützen und das Schloß wurde gänzlich ausgeplündert. Von allem entblößt flüchtete Fürst Ch. seine Familie nach Köthen und brachte sie von da bei der Gemahlin Eltern im friedlichen Ahrensböck in Sicherheit, dann eilte er selbst, um seinem unglücklichen Lande zu helfen, in welchem Kaiserliche und Sachsen gleich schrecklich wütheten, nach Wien zum Kaiser, fand aber anstatt Hülfe nur tröstende Worte und beschwichtigende Versprechungen, deren Nichterfüllung vorauszusehen war. Ch. begab sich nun nach seinem Vaterlande zurück, das inzwischen etwas Ruhe erlangt, aber nun wieder durch Theuerung und ansteckende Krankheiten, dem treuen Gefolge des Krieges, zu leiden hatte und ging bald wieder nach Regensburg, wo er bis nach erfolgter Wahl und Krönung des römischen Königs Ferdinand verblieb. Reich beschenkt verließ er Regensburg am 12. Jan. 1637, konnte aber der vielen streifenden Parteien wegen nur bis Eger gelangen, kehrte deshalb nach Regensburg zurück und ging, da inzwischen sein großer Gönner, Kaiser Ferdinand II. gestorben, von dort nach Wien, wo er am 22. März anlangte und von dem neuen Kaiser Ferdinand III. auf das freundlichste aufgenommen wurde. Mit [155] den tröstlichsten Zusagen betreffs der Erleichterung des Fürstenthums und anderer dem Kaiser vorgetragenen Wünsche verließ Fürst Ch. gegen Ende April Wien und ging, mit kaiserlichen und sächsischen Pässen wohl versehen, über Prag, Dresden, Freiberg, Altenburg nach Weimar. Als er aber von dort nach Bernburg sich begeben wollte, wurde er bei Heldrungen von einer Streifpartei überfallen und aller seiner in Regensburg erhaltenen Geschenke und sonstiger bei sich habender Habe beraubt. Mehrere seiner Leute wurden getödtet und verwundet. In elendem Zustande kam er in Bernburg an, hielt sich aber nur so lange dort auf, um die nöthigsten Einrichtungen zu machen, und eilte dann nach Ahrensböck, um seine noch dort weilende Gemahlin abzuholen, mit welcher er im August in seinem Lande wieder eintraf. Es waren hier nun zwar von den kaiserlichen Generalen in Befolgung der in Wien erwirkten Schutzbriefe manche Erleichterungen befohlen worden, da aber die Magdeburger Garnison und die kursächsischen Truppen die anhaltischen Lande und namentlich Fürst Christians Land doch noch schwer drückten, so eilte der Fürst wiederum nach Wien und erwirkte dort die umfassendsten Verordnungen behufs Schonung der anhaltischen Länder. Aber was halfen diese wohlmeinenden Decrete, wenn ihr Urheber nicht die Macht besaß die Ausführung zu gewährleisten. Der Kaiser war nicht Herr in seinem Heere, geschweige denn in denen der ihm verbündeten Fürsten, und gegen die Bedrückungen der schwedischen Truppen konnte er bei dem so sehr wechselnden Kriegsglück und dem Hin- und Herwogen des Krieges, wenig oder gar keine Hülfe gewähren. Wenn sich auch der Krieg in den nächsten Jahren 1639 und 1640 nach andern Gegenden zog, ward doch Fürst Christians Ländern wenig Ruhe gewährt und Durchmärsche wie Besatzungen quälten sie nach wie vor aufs ärgste. Die Einwohner verarmten mehr und mehr, der Ackerbau stand in vielen Gegenden still, die Steuerkraft des Landes erlahmte und die Befriedigung der Gläubiger drohte eine Sache der Unmöglichkeit zu werden und dabei stellte der sich wieder nähernde Krieg neue Leiden in Aussicht.

Im April und Mai des J. 1641 ward namentlich die Stadt Bernburg und ihre Umgegend der Schauplatz harter Kämpfe zwischen den schwedischen und den kaiserlichen Heeren, welche das Land weit und breit verheerten und aussogen. Dann trat wieder etwas Ruhe ein, bis im Herbste des J. 1644 der Krieg sich wieder nach Anhalt zog und namentlich Fürst Christians Residenz und deren Umgebung der Schauplatz desselben wurde. Das kaiserliche Heer unter Gallas hielt Bernburg besetzt, die Schweden unter Torstensohn lagerten davor: als dann Gallas das Schloß räumte, besetzten es die Schweden und beschossen von da die Stadt und die darin liegenden Kaiserlichen und so empfanden das unglückliche Bernburg und die umliegenden Dörfer, die zwei Armeen erhalten mußten, acht Wochen lang alle Schrecknisse des Krieges, bis endlich Gallas sich zum Abzuge nach Magdeburg genöthigt sah, wohin ihm die Schweden folgten.

Fürst Ch. saß während der Zeit im hohen Schloß zu Bernburg und sah die Noth der Seinen ohne helfen zu können. Als im folgenden J. 1645 etwas Ruhe eingetreten war, besuchte er auf einer Reise nach Holland, wo er seine beiden ältesten Sohne dem berühmten Sponheim zu Leyden übergab, Münster und Osnabrück, um dort bei den zum Friedenscongreß versammelten Gesandten, unter denen er viele Bekannte hatte, für Anhalts Ansprüche zu wirken, und machte in den folgenden Jahren, da die Kriegsunruhen Anhalt mehr und mehr verschonten, und auch nach dem ersehnten Friedensschlusse, zu demselben Zwecke mehrfache Reisen nach Holland, den kurpfälzischen, kurmainzischen und welfischen Höfen. Nachdem nun der Friede wieder eingekehrt, sehen wir den Fürsten Christian eifrigst bemüht, obwol er selbst, wie gesagt, noch mehrfach abwesend war, die zahllosen Wunden, die der Krieg seinen [156] unglücklichen Unterthanen geschlagen, durch Rath und That, so weit seine beschränkten Mittel es gestatteten, zu heilen, und namentlich betheiligte er sich eingehend bei der auf dem Landtage des J. 1652 bewirkten gänzlichen Reorganisation des anhaltischen Steuer-, Schulden- und Rechtswesens, von welchem bei Fürst August von Plötzkau, dem damaligen Senior (s. d.) ausführlicher gesprochen wurde. Es war ihm jedoch nicht vergönnt, die Erfolge seiner Bemühungen um die Wiederaufrichtung seines Landes zu sehen, er fühlte bald, wie sehr die Sorgen und Anstrengungen der langen, schweren, nun glücklich überwundenen Kriegszeit seinem Körper geschadet und seine Kräfte erschöpft hatten, und eifrigst bedacht, durch Gebet und ein beschauliches Leben sich auf sein Abscheiden vorzubereiten, erwartete er mit Ruhe seine Erlösung von allem irdischen Leid, die ihm auch bereits am 21. Sept. 1656 zu Theil ward.

Fürst Ch. II. von Anhalt war von der Natur körperlich und geistig wohl ausgerüstet, er erfreute sich einer schönen Gestalt und einnehmender Gesichtszüge, hatte die Gabe sich durch sein maßvolles, nie seinen Stand verleugnendes Auftreten überall Freunde zu erwerben, war Meister in allen ritterlichen Uebungen und ein tapferer Krieger. Dabei war er auch geistig vielen Fürsten seiner Zeit weit überlegen, er sprach und schrieb außer seiner Muttersprache Lateinisch, Französisch und Italienisch mit gleicher Fertigkeit, war mit einem scharfen Blick für staatsmännische Geschäfte begabt, hatte reges Interesse und eingehendes Verständniß für alte und neue Kunst, wie die Bemerkungen in den uns aufbewahrten Tagebüchern über seine zahlreichen weiten Reisen stets zeigen. Erfüllt von tiefer Religiosität war er stets ein liebevoller Gemahl, ein sorgsamer Familienvater und ein treuer Freund und Berather seiner Unterthanen. Wenn er aber nach manchen Seiten hin nicht die Stufe erstiegen oder das geleistet hat, was nach vorstehendem von ihm zu erwarten war, so liegt der Grund davon in den Verhältnissen und namentlich in der Ungunst der Zeit, in welcher er lebte. Tapferer, mit scharfem, richtigem Feldherrnblick begabter Krieger, sah er sich genöthigt, die wiederholten Anerbietungen des Kaisers und anderer Fürsten, in ihre Dienste zu treten, abzulehnen, um nicht beim Hin- und Herwogen des Krieges seinen Unterthanen und Glaubensbrüdern zu schaden; der treue Familienvater ist nicht im Stande den Seinigen in der Heimath die nöthige Sicherheit zu gewähren und muß ihnen oftmals in der Ferne ein Asyl beschaffen, der sorgsame Landesfürst sieht mit zerrissenem Herzen die Noth seiner Landeskinder und kann nicht helfen, ja muß es sogar für geboten erachten, sie oft und lange zu verlassen, um außerhalb seines Landes Hülfe für sie zu suchen, und auch, als der Friede wieder eingekehrt, hindert ihn die allgemeine Erschöpfung das zu leisten, wozu das Herz ihn treibt. Und so wäre es nicht schwer, noch weiter auszuführen, wie vielfach die Verhältnisse dem Geltendmachen und Ausführen der Anlagen und Ansichten des Fürsten unübersteigliche Hindernisse in den Weg legten. Fürst Ch. II. ist dem Adler zu vergleichen, dem die Schwingen gelähmt sind. Vermählt war der Fürst, wie schon gesagt, mit der Fürstin Eleonore Sophie, einer Prinzessin von Holstein, einer hochgebildeten Frau, die ihren Gemahl vollkommen verstand und auf seine Ideen einzugehen vermochte; sie begleitete ihn mehrfach auf seinen vielen Reisen, war eine treue Mutter ihrer zahlreichen Familie und steuerte nach Kräften dem sie so oft umgebenden Elende. Lange nach ihrem Gemahl, 1675, starb sie auf ihrem Wittwensitze zu Ballenstedt, tief beklagt von ihrer Familie und den vielen, denen sie Erleichterung ihrer Noth gewährt. Von den fünfzehn Kindern dieses fürstlichen Paares, acht Prinzen und sieben Prinzessinnen, erreichten nur der Nachfolger, Fürst Victor Amadeus und die Prinzessinnen Eleonore Hedwig, Ernesta Auguste, Angelica, Anna Sophie und Anna Elisabeth ein höheres Alter. Von den Brüdern des Fürsten Ch. starb Fürst Ernst im Alter von 24 Jahren als [157] schwedischer Oberst an der in der Schlacht bei Lützen erhaltenen Wunde, am 3. Dec. 1632 und Fürst Friedrich, der die Aemter Harzgerode und Güntersberge, sowie später noch Gernrode und Plötzkau erhielt, stiftete die Linie Anhalt-Bernburg-Harzgerode.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: uud