ADB:Claudius, Matthias

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Artikel „Claudius, Matthias“ von Carl Christian Redlich in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 279–281, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Claudius,_Matthias&oldid=2490028 (Version vom 21. Oktober 2017, 02:58 Uhr UTC)
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Claudius: Matthias C., geb. 15. Aug. 1740 (nicht 2. Jan., und nicht 1743) im Ploener Marktflecken Reinfeld bei Lübeck, † 21. Jan. 1815 in Hamburg. Von seinem gleichnamigen Vater, dem Pfarrer in Reinfeld, wurde er bis zu seiner Confirmation unterrichtet, 1755–1759 besuchte er die lateinische Schule zu Ploen, studirte 1759–63 in Jena erst Theologie, dann Jurisprudenz und Cameralia und veröffentlichte daselbst kurz vor seinem Abgang von der Universität seine ersten Gedichte, die nicht in die Sammlung seiner Werke aufgenommenen Tändeleien und Erzählungen, in denen er als ungeschickter Nachahmer Gerstenberg’s auftrat. Amtscheu, wie er bis an sein Ende geblieben ist, hielt er sich mit Ausnahme eines Jahres, das er als Secretär des Grafen Holstein in Kopenhagen zubrachte, ohne Beruf im Vaterhause auf, bis er 1768 durch Etatsrath Leisching, den Gründer des Hamburgischen Adreßcomtoirs, nach Hamburg gezogen wurde, um bei der Redaction einer neuen Zeitung, der „Adreßcomtoir-Nachrichten“, zu helfen. Poetische und prosaische Beiträge von ihm finden sich in denselben von Juni 1768 bis October 1770. Nachdem er sich mit Leisching entzweit, übernahm er Neujahr 1771 die Redaction des von Bode gegründeten neuen Blattes „Der Wandsbecker Bothe“, von dem er seinen Schriftstellernamen erhalten hat, und siedelte nach Wandsbeck, wo das Blatt gedruckt wurde, über. Hier verheirathete er sich 15. März 1772 mit Anna Rebekka Behn, eines Zimmermanns Tochter. Von Bode Ende Juni 1775 entlassen – das wenig verbreitete und nur in einigen Exemplaren erhaltene Blatt ging schon ein Vierteljahr später ein – suchte er vergebens eine Anstellung, bis er auf Herder’s Empfehlung vom hessischen Minister v. Moser als Mitglied der ebengestifteten Oberlandcommission nach Darmstadt berufen wurde. C. hielt es in dieser Stellung, in der er u. a. wieder ein Volksblatt zu redigiren hatte, nur ein Jahr aus und kehrte im Frühjahr 1777 nach seinem geliebten Wandsbeck zurück, kaufte sich dort an, lebte als homme de lettres vom Uebersetzen (Terrasson’s „Gethos“, Ramsay’s „Cyrus“, St. Martin’s „Irrthümer und Wahrheit“, Fenelon’s religiöse Schriften), [280] von dem Selbstverlag seiner Werke, die er unter dem Titel „Asmus omnia sua secum portans“ in acht Theilen 1775–1812 herausgab, und vom Kostgeld verschiedener Jünglinge, welche in seinem kinderreichen Hause für längere oder kürzere Zeit Aufnahme fanden. Ein bescheidenes Jahrgehalt, das ihm der dänische Kronprinz Friedrich 1785 verlieh, und das von demselben Wohlthäter ihm übertragene mühelose Amt eines ersten Revisors der schleswig-holsteinischen Bank zu Altona, dessen Verwaltung ihn nicht von seinem Wandsbeck trennte, verscheuchten dem anspruchlosen Manne die letzten Nahrungssorgen. Erst die Kriegsunruhen des Frühjahrs 1813 vertrieben ihn aus seinem Heim und brachten ihm ein Jahr voll mancherlei Noth und Entbehrungen. Leidend kehrte er nach Wandsbeck zurück und starb bald darauf im Hause seiner ältesten Tochter, der Frau des Buchhändlers Fr. Perthes.

Claudius’ originelle Schriftstellerei, die erst fünf Jahre nach seinen unselbständigen Jugendversuchen mit seinem Eintreten in den Hamburger Kreis beginnt, ließ anfangs nur ahnen, welches ihr eigenthümliches Gebiet später werden sollte. Zu umfangreicheren eigenen poetischen Schöpfungen fehlte ihm die Kraft, aber er unterschied mit vollstem Verständniß, was von den zeitgenössischen Dichtungen bleibenden Werth hatte, und begrüßte in seinen Zeitungen die Schriften der ihm auch persönlich befreundeten Klopstock, Lessing, Herder, des Göttinger Kreises und Goethe’s mit ebenso unverhohlener Theilnahme, als er gegen Wieland Partei nahm. Mit schalkhaftem Humor brachte er seine aphoristischen Urtheile in einer anfangs etwas forcirten, aber allmählich immer natürlicher sich gestaltenden volksthümlichen Sprache vor und streute dazwischen seine kleinen lyrischen Ergüsse, „einzelne fliegende Blätter und fast nur Reihen ohne Gelehrsamkeit und fast ohne Inhalt, aber für gewisse Silbersaiten des Herzens, die so selten so gerührt werden“, wie Herder sagt. Einzelne dieser Lieder sind Perlen in dem Schatz der deutschen Lyrik, wenn auch Mängel der Form fast allen, das Abendlied ausgenommen, ankleben. Mit dem Aufhören seiner publicistischen Thätigkeit trat auch die dichterische mehr zurück. Seit seiner Rückkehr von Darmstadt sah er das Gewerbe, das er als Bote den Menschen zu bestellen hatte, fast ausschließlich darin, „durch Ernst und Scherz, durch Gut und Schlecht, Schwach und Stark und auf allerlei Weise an das Bessere und Unsichtbare zu erinnern, mit gutem Exempel vorzugehen und taliter qualiter durchs factum zu zeigen, daß man nicht ganz und gar ein Ignorant, nicht ohne allen Menschenverstand und – ein rechtgläubiger Christ sein könne“. Mit kindlichem Glauben erfaßte er das Evangelium, als Priester seines Hauses lehrte er seinen Kindern sein lebendiges Herzenschriftenthum und suchte den Segen, den er für sich und die Seinen gefunden, durch seine Prosaschriften in weiteren Kreisen zu verbreiten. So wurde er ein Glied jener kleinen Gemeinde von Denkern, die an der glaubensarmen Wende des 18. Jahrhunderts, unter sich befreundet und mannigfach einander begrüßend, aber von ihren Zeitgenossen nicht verstanden und oft geschmäht, die Fahne des christlichen Glaubens hoch hielten, als er aus der Kirche geschwunden schien. Die alte mit Goeze zu Grabe getragene lutherische Orthodoxie hatte C. unbefriedigt gelassen; noch weniger that ihm der aufgeklärte Nationalismus der jüngeren Generation Genüge, und unverdrossen nahm er in seiner Weise den Kampf gegen die moderne Aufklärung auf, mochten auch die alten Freunde dazu den Kopf schütteln und sich von ihm abwenden und die Stimmführer der neuen Zeit ihn mit Spott und Hohn verfolgen. Daß er sich mit Grauen von der französischen Revolution abwandte und auch auf politischem Gebiete fest am Alten hing, verschärfte den Gegensatz, in dem er zu dem aufstrebenden Geschlecht stand. Seine Fehde mit Hennings, dem Herausgeber des „Genius der Zeit“, gibt davon ein unerfreuliches Zeugniß. C. hat es aber noch erlebt, daß durch die [281] deutsche Theologie ein frischerer Lebensodem strömte, und daß ihre neuen Vertreter ihn als Genossen begrüßten, und nach seinem Tode sind gerade die Theile seiner Werke, welche seine Zeit als traurige Erzeugnisse eines die eigene geniale Jugend verleugnenden grämlichen Greises verschmäht hatte, für weite Kreise ein hochgeschätzter und vielgelesener Besitz geworden.

Vgl. Wilh. Herbst, Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote. 3. Aufl. Gotha 1863. – Mönckeberg, Matthias Claudius, Hamburg 1869. – Redlich, Die poetischen Beiträge zum Wandsbecker Bothen, gesammelt und ihren Verfassern zugewiesen. Hamburg 1871. – Matth. Claudius’ Werke. 9. Aufl. revidirt und mit einer Nachlese vermehrt von Redlich. Gotha 1871.