ADB:Desiderius

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Desiderius, König der Langobarden“ von Felix Dahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 5 (1877), S. 70–73, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Desiderius&oldid=2486676 (Version vom 10. Dezember 2018, 02:42 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Deschwanden, Theodor
Nächster>>>
Desing, Anselm
Band 5 (1877), S. 70–73 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Desiderius (König) in der Wikipedia
GND-Nummer 137807252
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|5|70|73|Desiderius, König der Langobarden|Felix Dahn|ADB:Desiderius}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=137807252}}    

Desiderius, König der Langobarden, 756–774. Das Reich der Langobarden in Italien war darauf hingewiesen, Rom zur Königsstadt zu machen, die Anfänge selbständiger weltlicher Stellung des römischen Bischofs zu beseitigen und die Byzantiner aus der Halbinsel zu verdrängen. Von Anbeginn verfolgten alle bedeutenden Könige der Langobarden diese Ziele: der Uebertritt von dem Arianismus zum Katholicismus konnte hieran nichts ändern. Seit der gewaltigen Entfaltung des fränkischen Reiches und dem engen Bündniß der römischen Bischöfe mit den Hausmeiern, später Königen, aus dem Geschlecht der Arnulfingen, war die Lage des langobardischen Reiches eine schwer bedrohte: als natürliche Bundesgenossen boten sich ihm die Bajuvaren, welche vergeblich der immer wieder straffer angezogenen fränkischen Herrschaft widerstrebten. Dies war die politische Lage, als D., bisher dux von Tuscia, nach dem Tode König Aistulfs (December 756) zum König erhoben wurde: wie es scheinen will, unter Einfluß der Franken, deren König Pippin nach Besiegung Aistulfs den Byzantinern, Rom und den Langobarden beherrschend gegenüberstand. Eine Erhebung des aus der Klosterzelle in die Welt zurück kehrenden früheren Königs Rachis scheiterte. Die schwankenden Schritte, zu welchen D. gedrängt wurde, indem er bald Rom und die dem römischen Stuhl gehörigen Städte mit Waffengewalt zu gewinnen, bald wenigstens einen ihm ergebenen Mann zum Papst zu machen trachtete, bald mit den Franken gegen die Byzantiner, bald mit den Bajuvaren gegen die Franken sich zu verbinden suchte, können hier im einzelnen nicht verfolgt werden. Obwol durch fränkischen Einfluß erhoben, mußte D. alsbald der nationallangobardischen gegen die Franken gerichteten Politik folgen: er beseitigte die fränkisch gesinnten Herzöge Alboin von Spoleto und Johannes von Benevent: letzern ersetzte er durch Arichis, dem er seine Tochter Adalperga vermählte. Nach dem Tod des Papstes Stephan II. 757 forderte der den Franken ergebene Paul I. lange vergeblich von D. die Herausgabe der Städte, zu welcher Pippin die Langobarden verpflichtet hatte; nach vorübergehender Annäherung an die Byzantiner schloß D. 760 zu Pavia unter fränkischer Vermittelung Friede mit dem Papst und nöthigte sogar, nach Aufforderung Pippins, die Byzantiner und ihre Anhänger im Süden Italiens zur Nachgiebigkeit [71] gegen Rom. Neuer Streit mit den Franken knüpfte sich an die gewaltsamen Vorgänge bei den Wahlen des Nachfolgers Pauls I. (767), wobei die langobardische Partei zu Rom (unter Priester Waldipert) ihren Candidaten Philipp nicht zu behaupten vermochte. Stephan III. (seit 1. Aug. 769) rief gegen die römischen Parteien und die Langobarden, welche noch immer nicht alle Städte dem römischen Stuhl herausgegeben, die Hülfe der Franken an. König Pippin war (24. Sept. 768) gestorben und sein Reich unter Karl (den Großen) und Karlmann getheilt. Herzog Tassilo von Baiern, der seit 763 eine sehr selbständige Stellung gegenüber den Franken eingenommen, suchte im folgenden Jahre 769 D. in Italien auf, dessen Tochter Liutberga er geheirathet hatte. Es scheint, daß die Königin Mutter Bertha, welche 769–770 Karlmann, Tassilo, D. und den Papst aufsuchte, die seit 768 zwischen ihren beiden Söhnen und den übrigen genannten bestehenden Spannungen mit Erfolg zu heben trachtete: 770 vermählte sich Karl mit Desiderius’ Tochter Desiderata: viele der zwischen Rom und den Langobarden streitigen Städte wurden damals, wol in Folge der Vermittlung Bertha’s, von D. herausgegeben. Fränkische Große, welche Bertha zu D. begleitet hatten, darunter Karls Vetter Adalhard, bekräftigten durch Eide die Gültigkeit der Ehe und wol auch das Bündniß zwischen Karl und D. Auf das leidenschaftlichste eiferte Papst Stephan gegen diese „arge Verbindung“ seiner fränkischen Beschützer mit seinen langobardischen Gegnern und gegen die bereits geschlossene Ehe (sowie gegen den angeblichen Plan einer Vermählung der [erst dreizehnjährigen] Schwester der fränkischen Könige, Gisela, mit Desiderius’ Sohn Adelchis). Da diese Vorwürfe nichts fruchteten, verständigte sich der Papst selbst mit D., welcher im J. 771 vor Rom zog, angeblich nur, um am Grabe St. Peters zu beten: in zwei Unterredungen mit dem Papst versprach D. die Forderungen des römischen Stuhls (wegen jener Städte) zu erfüllen: dafür gab Stephan seine beiden bisherigen Berather, Christophorus und Sergius, heftige Feinde des Königs, Preis: nach einem verunglückten Versuch gegen den Papst selbst wurden beide von den Langobarden gefangen und geblendet: jener starb, dieser wurde gefangen gehalten im Lateran; der leitende Beamte des Papstes wurde Paul Afiarta, das Haupt der langobardischen Partei. Diese eigenmächtige Verbindung zwischen dem Papst und D. erregte den Unwillen der fränkischen Könige: und doch war sie nur Wiedervergeltung der ein Jahr vorher zwischen ihnen und den Langobarden gegen den Papst geübten Politik. Karlmann warf sich zum Rächer der Frankenfreunde Christophorus und Sergius auf. Karl aber brach für immer mit D., indem er dessen Tochter ohne Verschulden verstieß, lediglich aus politischen Gründen, weil er den Bruch mit den Langobarden wollte: vergeblich bemühten sich Königin Bertha und Karls Vetter Adalhard für die langobardische Fürstin. Nach dem Tode Karlmanns (4. Dec. 771) floh dessen Wittwe Gerberga mit ihren Söhnen zu D.: Karl hatte mit Zustimmung der geistlichen und weltlichen Großen seines Bruders Reich in Besitz genommen: D. sollte die Thronfolgerechte der Waisen geltend machen. Im J. 772 wurde Karl durch den Beginn seines großen Unternehmens, der Unterwerfung der Sachsen, in Anspruch genommen. Aber im Laufe dieses Jahres bereiteten sich in Italien die Dinge, welche das Geschick des Langobardenreiches und seines Königs vollendeten. D. hatte schon Stephan III. gegenüber seine Versprechungen nicht erfüllt. Der neue Papst Hadrian I. (seit 1. Februar 772) erwies sich bald als Gegner der Langobarden, verwarf den Bündnißantrag des Königs und war auch durch die Waffenerfolge Desiderius’, welcher in das Exarchat und bis Otricoli vordrang, nicht zur Nachgiebigkeit zu bewegen: er weigerte sich, die Söhne Karlmanns zu Königen zu salben, was D., um ihn dauernd mit Karl zu verfeinden und um die gefährliche Einigung der [72] fränkischen Macht wieder zu lösen, eifrig betrieb. Paul Afiarta, der Führer der langobardischen Partei zu Rom, ward auf Befehl des Papstes zu Ravenna verhaftet und auf Anordnung des dortigen Erzbischofs hingerichtet. D. zog mit seinem Sohn und Mit-König Adelchis, mit Gerberga und deren Söhnen drohend gegen Rom und besetzte alle Straßen, so daß Hadrian seine Boten, welche Karl um Hülfe anrufen sollten, zur See nach Marseille senden mußte. Aber mit diesen trafen auch Gesandte Desiderius’ am Hofe Karls zu Diedenhofen ein (März 773), welche betheuerten, der König habe alle die bestrittenen Städte und Rechte dem römischen Stuhl längst herausgegeben und überwiesen: der Papst habe keinen Grund zur Beschwerde. Karl, durch den Sachsenkrieg beschäftigt, hielt den Augenblick zum Losschlagen gegen D. noch nicht für gereift: er suchte zu vermitteln: er bot, indem er Gesandte an den Papst und an den König schickte, diesem sogar eine Geldentschädigung, wenn er alle vom Papst geforderten Städte herausgeben wollte. Aber D. scheint seinerseits die Lage der Verhältnisse einer Eröffnung des doch schwerlich zu vermeidenden Kampfes mit Karl gerade jetzt als günstig angesehen zu haben: unzufriedene fränkische Große weilten bei ihm: sie mögen ihm Aussichten auf eine Erhebung zu Gunsten der Söhne Karlmanns in dessen Reich gemacht haben: D., der auch seine grundlos verstoßene Tochter zu rächen hatte, wies die Anträge Karls zurück.

Nun entbot Karl die große Reichs- und Heeresversammlung der Franken nach Genf (nicht nach Genua!) und ließ diese seine Kriegserklärung gegen die Langobarden bestätigen. Gleich von Genf aus führte Karl ein Heer über den Mont Cenis, ein zweites sein Oheim über den (seither nach ihm benannten großen) Bernhard: vor den „clusurae“ (Engpässen) von Susa vereinigten sich beide. Aber D. hatte diese Pässe rechtzeitig besetzt und verschanzte noch seine von Natur aus so feste Stellung: Karl konnte nicht hoffen, mit Gewaltangriff die „clusurae“ zu nehmen: er erneuerte seine früheren Vorschläge. D. wies sie abermals zurück. Inzwischen scheint sich Karls militärische Lage verbessert zu haben: er stellte D. neue, aber miner günstige Bedingungen: er erbot sich zum Rückzug gegen Vergeiselung dreier vornehmer Langobarden für Herausgabe der bestrittenen Städte an den Papst, aber ohne weiter die früher versprochene Geldentschädigung von 14000 Solid. zu erwähnen. Nach (und vielleicht schon vor) abermaliger Ablehnung Desiderius’ gelang es Karl, die im Frontalangriff unbezwingbare Stellung der Langobarden zu umgehen: eine erlesene Schar überstieg auf schwierigen Wegen die Kämme der Felsengebirge und bedrohte die Langobarden vom Rücken her. Aus der Volkssage und Kunstdichtung, welche sehr bald diese Vorgänge umschleierte – ein langobardischer Spielmann sollte gegen einen echt sagenhaften Lohn die Franken über die Jöcher zu führen sich erboten haben – wird man im Zusammenhange mit glaubhaften Geschichtsquellen, welche von dem Abfall langobardischer Großen zu Karl und von deren Drängen zum Kriege berichten, wol wenigstens entnehmen dürfen, daß diese Umgehung nicht ohne Verrath gelingen konnte. Nunmehr räumten die Langobarden eilig die unhaltbar gewordene Vertheidigungsstellung im offenen Feld vor der fränkischen Uebermacht: D. zog sich nach der Hauptstadt Ticinum zurück, Adelchis warf sich in das feste Verona. Die Einschließung Ticinums begann im October 773. Mit sehr großer Standhaftigkeit vertheidigte sich hier D., während Karl gegen Verona einen, wie es scheint, erfolglosen Versuch machte: besser gelangen Unternehmungen gegen andere Städte am linken Ufer des Padus. Karl verließ im April das Lager und verständigte sich in Rom mit dem Papst. Von D. fiel einstweilen das ganze Herzogthum Spoletium ab und die Städte Firmum, Ancona, Auximum: auch ein alter Gegner Desiderius’, der einflußreiche Abt Anselmus von Nonantula, der, verschwägert mit dem früheren König Aistulf und ehemals Herzog von [73] Friaul, später aber Mönch geworden, wegen gefährlicher Umtriebe aus dem Reich verbannt war, scheint von Monte Casino aus gewirkt zu haben wider den König, dessen Ausdauer allein ohne Unterstützung von außen Ticinum und das Reich nicht retten konnte: nach einer neunmonatlichen Vertheidigung – Seuchen hatten die Belagerten geschwächt – ergab sich die Stadt (Mitte Juni 774): Karl bemächtigte sich der Person des Königs und des wichtigen Königsschatzes: auch Verona capitulirte nun: Adelchis entfloh nach Byzanz: und ohne weiteren Widerstand unterwarf sich sofort das ganze Reich mit Ausnahme des ducatus beneventanus, wo Herzog Arichis, des D. Eidam, sich noch bis 789 in Selbständigkeit behauptete. Karl nahm nun den Titel König der Franken „und der Langobarden“ an: eine Einverleibung des Landes in den fränkischen Reichsverband fand nicht statt. D. wurde mit seiner Königin Ansa (die angeblich von Paulus Diaconus verfaßte Grabschrift für diese ist unecht) und einer Tochter gefangen nach Lüttich gebracht und der Aufsicht des Bischofs Agilfrid überwiesen, später soll er bis zu seinem Tode in Corbie an der Somme gelebt haben. Sehr früh hat Volkssage und Kunstdichtung den letzten Langobardenkönig und sein Haus geschmückt und verhüllt.

Sig. Abel, Untergang des Langobardenreiches, Göttingen 1859. – Jahrbücher des fränkischen Reiches unter König Pippin von L. Oelsner. Leipzig 1871. – Jahrbücher des fränkischen Reiches unter Karl d. Gr. von Sig. Abel. 1. Bd. Leipzig 1865. – Dahn, Paulus Diaconus (I. Band der Langobardischen Studien), Leipzig 1876. – Dahn, Könige der Germanen, VII. Würzburg 1877.