ADB:Glogau, Gustav

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Artikel „Glogau, Gustav“ von Hermann Siebeck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 394–397, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Glogau,_Gustav&oldid=- (Version vom 17. Oktober 2019, 21:21 Uhr UTC)
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Glogau: Gustav G., Philosoph, geboren am 6. Juni 1844 zu Laukischken in Ostpreußen. Er besuchte zu Tilsit, wo sein Vater Superintendent war, das Gymnasium, studirte seit 1863 in Berlin. Frühzeitig geweckte philosophische und historisch-philologische Neigungen veranlaßten ihn hier nach einem an der Militär-Akademie verbrachten Jahre sich der Universität zuzuwenden. An dieser hat außer A. Böckh und Trendelenburg namentlich H. Steinthal auf ihn gewirkt. Er fand bei dem Begründer der Völkerpsychologie eine an der Hand namentlich sprachgeschichtlicher Studien gebildete Erweiterung und Vertiefung der genetischen, speciell der Herbartischen Psychologie, deren weittragende Wirksamkeit hinsichtlich der letzten Probleme vom Wesen und der Entwicklung des Menschen ihm schon damals sich zum Bewußtsein brachte. Er erblickte in ihr die Möglichkeit einer Fortbildung der wissenschaftlichen Methode im Geiste von W. v. Humboldt und Kant, der zufolge, wie er sich nachmals äußerte, die Philosophie nicht neben den concreten Wissenschaften einhergehe, sondern in dem Ringen mit den besonderen Aufgaben der Wissenschaft selbst erst entspringe und sich vertiefe (Abriß der philos. Grundwissenschaften, 1880, I, S. VIII). 1869 promovirte G. mit einer Abhandlung über die aristotelischen Begriffe der μεσότης und des ὀρϑὸς λόγος. In dem Kriege von 1870, an dem er hierauf theilnahm, wurde er bei Beaumont schwer verwundet. Nach seiner Wiederherstellung bestand er im nächsten Jahre zu Halle das preußische Oberlehrerexamen und unterrichtete ein Jahr lang daselbst an den Francke’schen Stiftungen. Hierauf berief ihn die Schulbehörde in eine Oberlehrerstelle am Progymnasium zu Neumark in Westpreußen, wo er dann mehrere Jahre gewirkt hat. In dieser Zeit trat seine erste größere litterarische Leistung hervor: „Steinthal’s psychologische Formeln, zusammenhängend entwickelt“ (Berlin [395] 1876). In den schematischen Formulirungen vermittelst der Anwendung von Buchstaben, wodurch Steinthal in seinem Abriß der Sprachwissenschaft ein Mittel der Veranschaulichung insbesondere für die Apperceptionsvorgänge darzubieten sucht, erblickte G. die Grundlage zu einem Organon der hierfür in Betracht kommenden Methode überhaupt, um die Bewegung des theoretischen Geisteslebens, dessen Verschlungenheiten die begriffliche Sprache nicht überall zu folgen vermag, darstellbar und begreiflich zu machen. Vermittelst eines systematisch ausgebauten psychologischen Algorithmus suchte er insbesondere die Entwicklung des Denkens an der Hand von Apperception und Sprache von elementaren Formen zu höheren und complicirteren zu veranschaulichen. Das geistreiche und scharfsinnige Unternehmen hätte wol mehr Beachtung und Würdigung gefunden, als es thatsächlich der Fall gewesen ist, wenn es nicht in die Periode des ersten kräftigen Hervorbrechens der experimentellen Psychologie gefallen wäre. Durch diese wurde zunächst das Interesse für derartige, dem speculativ Deducirenden immer noch näher liegende Versuche rasch auf die Seite gedrängt. Sie hat aber, wie manche ihrer Erscheinungen in der Gegenwart zeigen, im Verlauf ihrer Entwicklung ihrerseits selbst mehr und mehr das Bedürfniß bekundet, die Ergebnisse ihrer Beobachtungen sich gegebenen Falles wiederum durch ähnliche Formeln und Schemata zu verdeutlichen und namentlich auch hinsichtlich ihres Zusammenhangs anschaulich zu machen.

Das Bedürfniß, wieder in directe Fühlung mit einer seinem geistigen Hauptinteresse zugänglichen Umgebung zu kommen, veranlaßte G., eine 1876 sich bietende Gelegenheit zu benutzen, um an das Gymnasium von Winterthur überzusiedeln. Von dort aus habilitirte er sich 1878 an der Züricher Universität mit einer Vorlesung über die psychische Mechanik (Zeitschr. f. Philosophie Bd. 75). Er erhielt auch bald die Berechtigung zu philosophischen Vorlesungen am Polytechnikum und wurde an dieser Hochschule 1882 zum Professor ernannt. Eine erkenntnißtheoretische Arbeit aus dieser Zeit ist die „Darlegung und Kritik des Grundgedankens der Cartesianischen Metaphysik“ (Zeitschr. f. Philos. Bd. 73). Die erste gedrängte Darstellung seiner systematischen Ansichten gab er in der Abhandlung über „die Grundbegriffe der Metaphysik und Ethik im Lichte der neueren Psychologie“ in Bd. 10 der Zeitschr. f. Völkerpsychologie. Als neue Fermente für seine philosophische Entwicklung waren bis dahin einerseits der Einblick in die Bedeutung der neuen Abstammungslehre, andrerseits vom Historischen her die tiefergehende Kenntnißnahme des deutschen Idealismus, insbesondere der Lehren Fichte’s und Hegel’s in ihm wirksam geworden. Dem Grundgedanken dieser Richtung auf der Unterlage der modernen wissenschaftlichen Errungenschaften zu einer Neuschöpfung zu verhelfen wurde der leitende Gesichtspunkt seines Hauptwerkes: „Abriß der philosophischen Grundwissenschaften“, dessen ersten Band er 1880 erscheinen ließ. Er gab darin einen neuen erkenntnißtheoretischen Unterbau des von der eben bezeichneten Richtung überkommenen Gedankens. Kant’s Lehre vom „Gegenstand“ tritt hier von vornherein unter die Wirkung der Einsicht, daß das wissenschaftliche Denken eine späte Entwicklungsstufe des Geistes bezeichnet und mithin nicht wie bei jenem direct aus sich, sondern aus Niederem und Früherem als aus seinen Bedingungen verstanden werden muß. Als Mittel hierzu soll eine Weiterführung und Umbildung der neu hervorgetretenen sprachgeschichtlichen und völkerpsychologischen Gesichtspunkte dienen, unter angemessener Berücksichtigung namentlich auch der neuen Probleme, die von Seiten der Descendenztheorie sich erhoben hatten. Es handelte sich um eine neue Inangriffnahme derselben Aufgaben, die Hegel in seiner Phänomenologie sich gestellt hatte, nur eben vermittelst einer psychologisch-genetischen [396] Ableitung der Kategorien im Sinne von idealen geistigen Typen, die in der Herausbildung des Naturerkennens, wie des socialgeschichtlichen Lebens als die wirkenden Normen heraustreten. Eine durchgeführte Darstellung der Psychologie außerhalb der hier gebotenen Eingrenzung durch die erkenntniß-theoretischen Beziehungspunkte und zugleich mit Zurückstellung der schematischen Formeln unternahm G. in dem 1884 veröffentlichten „Grundriß der Psychologie“.

Der zweite Band des Hauptwerks (u. d. T. „Das Wesen und die Grundformen des bewußten Geistes“) erschien acht Jahre nach dem Hervortreten des ersten. In der Zwischenzeit waren für G., nachdem er das psychologisch-genetische Problem der Phänomenologie erledigt und gleichsam aus sich herausgestellt hatte, die ethischen und religiösen Motive mehr in den Mittelpunkt des speculativen Bewußtseins getreten. Sie hatten darauf hingedrängt, Begriff und Wesen des Geistes, wie er im 1. Bd. bestimmt worden war, in die Conception des Wesens Gottes als des Urgrundes der ethischen, ästhetischen und logischen Innenwelt ausmünden zu lassen. Es sollte bedeutsamer heraustreten, was es mit der ursprünglichen geistigen „Sollicitation“ auf sich habe, aus der die Grundinstitutionen und der Kern des menschlich-geistigen Daseins herauswachsen, die aber dabei von Haus aus jenseits aller Reflexion und subjectiven Gedankenbildung gelegen ist. Die Selbstentfaltung des Geistes soll m. a. W. sich vertiefen durch ihre Auffassung als die Selbstoffenbarung Gottes als der „innerhalb der endlichen Geister wirksam übergreifenden Macht“, die als solche für den Entwicklungsproceß des geistigen Gesammtlebens einen ursprünglichen Zusammenhang der Individuen begründet. Die verschiedenen Arten von Ideen erscheinen im Lichte dieser Gesammtanschauung „als der von Gott den erschaffenen Geistern von Gott verliehene Wesenskern, auf dessen Entfaltung zugleich der intelligible Weltzusammenhang berechnet ist“. Die phänomenologische Darstellung, die innerhalb des früheren Zusammenhangs die Aufgabe hatte, die Entwicklung von Sprache und Mythus in ihrer Bedeutung für das Hervortreten des wissenschaftlichen Geistes aufzuzeigen, geht jetzt mehr darauf aus, noch über den letzteren hinaus die Hervorbringung des religiösen Bewußtseins in ihrer Nothwendigkeit und abschließenden Bedeutung ins Licht zu setzen. Die abstracte Ideenlehre soll nicht, wie bei Hegel, das Wesen und Wirken Gottes als mit der substantiellen Bewegung des göttlichen Logos in eines fallend erscheinen lassen, sondern (mehr im platonischen oder neuplatonischen Sinne) nur den Werth eines μίμημα τοῦ ὄντος besitzen, eines Abbildes des höchsten Seins, das als Urgrund des Wirklichen nicht lediglich in einem System abstracter Gesetze bestehen kann. Den Ideen kommt hiernach eine doppelte Art abgeleiteten Seins zu: eine subjective als „sich entbindenden Kräften des zur Gottähnlichkeit aufringenden endlichen Geistes“, und eine objective als „Aequivalenten“ und „Offenbarung“ von Gottes Substanz.

Im J. 1883 war G. als außerordentlicher Professor nach Halle berufen worden und kam von da im nächsten Jahre als Ordinarius nach Kiel. In den Kreis seiner Vorlesungen hat er dort u. a. die Religionsphilosophie aufgenommen (hsg. von H. Clasen, Kiel 1898); außerdem die Pädagogik. Besonders anregend wirkte er als Interpret einzelner Classiker der Philosophie, sowie namentlich auch des Goethe’schen Faust. Bei Gelegenheit eines Vortrags über Goethe (im 97. Bd. der Zeitschr. f. Philosophie) kennzeichnet G. auch seine principielle Stellung zu Kant. Das Unvergängliche in dessen kritischem Unternehmen lag für ihn in drei Punkten: in dem Hinweis auf die Schöpferkraft des Geistes innerhalb der Erfahrung; in der Vernichtung des [397] empirischen Standpunktes als des Schlüssels auch für das innere Leben der Dinge; in der fundamentalen Thatsache des Gewissens für die Kenntniß der intelligibeln Welt. Dagegen sei „die innere Bewegung des geschichtlichen Geistes“ bei Kant nicht zur Beachtung gekommen. Eine endgültige Auseinandersetzung mit Steinthal gab G. 1886 in der Recension von dessen Ethik. Von dem Standpunkte einer specifisch anthropologisch oder völkerpsychologisch begründeten Weltanschauung aus waren ihre Wege schließlich doch in entgegengesetzter Richtung gegangen. Daß das entscheidende Wort betreffs der Probleme des empirischen Daseins, insbesondere der Begründung der Ethik, im Uebermenschlichen zu suchen sei, wurde von dem Einen in Frage gestellt, von dem Andern unbedingt bejaht, wobei freilich, wie G. bei Gelegenheit einer Kritik Tolstoi’s hervorhebt, die Nothwendigkeit anzuerkennen sei, daß von dorther das Gute sich erst in der Gesinnung des ringenden Menschen „emporgebiert“.

G. starb infolge eines unglücklichen Zufalls 1894 auf einer Reise in Griechenland zu Laurion. Umrisse für den systematischen Abschluß seines Lehrgebäudes lassen sich aus den letzten Abschnitten seiner „Logik und Wissenschaftslehre“ (Kiel 1894) mit einiger Deutlichkeit entnehmen. Seine philosophische Lebensarbeit wurzelt in dem Bemühen, das Geisteswerk des deutschen nach-kantischen Idealismus von der Aufweisung der „innern (genetischen) Bewegung des geschichtlichen Geistes“ her neu zu begründen und zugleich den intellectualistischen Charakter, den es namentlich bei Hegel bekommen hatte, von den Positionen des religiösen Bewußtseins her vertiefend umzugestalten. Letzteres hauptsächlich an der Hand einer selbständig begründeten Synthese der Grundanschauungen eines Platon und Leibniz vermittelst des modernen Evolutionsgedankens und der Lehre von der Phänomenalität der Materie. Natur und Geist erscheinen dabei als die Pole einer Wesenreihe, „deren letzte Enden sie kaum noch ausdrücken mögen“. Die Grenzbegriffe aber der Erkenntniß liegen ihm von der einen Seite her in der Frage der Bedingtheit der Einzelgeister durch das schöpferische göttliche Wesen („Gott ist, weil ich bin“) – von der andern in dem tiefsten Punkte des Problems der Theodicee.

Ein Verzeichniß auch der kleineren Schriften Glogau’s findet sich im 107. Bd. d. Zeitschr. f. Philosophie etc. S. 129 f. – Ueber ihn selbst handeln Deussen, Zur Erinnerung an Gustav Glogau. Kiel 1895. – Siebeck, Zum Gedächtniß an G. Glogau (Zeitschr. f. Philos. 107, S. 120 ff.; – ders. in den Philosoph. Monatsheften 25, S. 432 ff. – H. Clasen, G. Glogau’s System d. Philosophie (Zeitschr. f. Philos. Bd. 118. 119). – Eine Glogau-Gesellschaft, die sich seit etwa vier Jahren gebildet hat, gibt ein „Jahrbüchlein“ heraus.