ADB:Gottesfreund (1. Artikel)

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Artikel „Gottesfreund“ von Jakob Baechtold in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 9 (1879), S. 456–460, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gottesfreund_(1._Artikel)&oldid=2516067 (Version vom 21. Mai 2018, 09:11 Uhr UTC)
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Band 9 (1879), S. 456–460 (Quelle).
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Gottesfreund: „Der G. im Oberland“,[WS 1] allerdings nicht eigentlich Name, sondern nur eine allgemeine Benennung, unter der in der Geschichte der deutschen Mystik eine geheimnißvolle Persönlichkeit erscheint, die man früher mit dem Namen Nicolaus von Basel bezeichnete, die aber – wie die neueste Forschung darthut – keineswegs mit diesem verwechselt werden darf. Gottesfreunde nannte sich im 14. und 15. Jahrhundert namentlich mit Bezug auf die Schriftstelle Johannis 15, 15 eine geheime Verbrüderung von Laien und Geistlichen, die zurückgezogen von der Welt nach der größten Verborgenheit strebte und sich einem beschauenden und übenden Leben hingab. Um die Person des „großen Gottesfreundes im Oberland“, der das Haupt des Geheimbundes war, zu enträthseln, ging Karl Schmidt (1866) von der durch Niders Formicarius verbürgten Nachricht aus, daß zwischen 1393 und 1408 zu Wien ein Laie, Nicolaus von Basel, verbrannt worden sei wegen Verbreitung ketzerischer Lehren der Begharden. Einem 1393 ebenfalls wegen Häresie in Köln verbrannten Benedictiner, Martin von Mainz, wurde hauptsächlich zur Last gelegt, daß er sich einem Laien Nicolaus von Basel unterworfen habe. Obwol Schmid sich später überzeugte, daß in den zahlreichen uns erhaltenen Schriften [457] des Gottesfreundes keine ketzerischen, zumal waldensischen Lehren nachgewiesen werden können, hielt er dennoch in seiner neuesten Schrift (1875) an der Identität zwischen Nicolaus und dem G. fest. Seitdem haben Preger und Denifle zur unzweifelhaften Thatsache erhoben, daß der Name Nicolaus von Basel aus der Litteraturgeschichte zu streichen ist. Lütolf aber kommt das Verdienst zu, die ersten sicheren Resultate über den Aufenthalt des Gottesfreundes an den Tag gefördert zu haben. Die Frage nach der Abkunft des räthselhaften Mannes wird sich kaum beantworten lassen, denn nur zwei treue Freunde, Tauler und Rulmann Merswin wußten darum. Seine Jugendgeschichte erzählt der G. in dem „Buch von den zweien jungen fünfzehnjährigen Knaben“ auf die anmuthigste Weise. Seit frühester Kindheit war er, der Sprößling eines reichen Kaufmanns, mit dem Sohn eines Ritters innig befreundet und während sich dieser im Waffenspiel übte, zog der andere mit seinem Vater in fremde Länder nach Kaufmannsschätzen. Vater und Mutter starben frühzeitig und der neunzehnjährige Jüngling kam in Besitz eines so großen Erbes, daß er erschrak und nicht wußte, was damit thun. Der junge Ritter bewog ihn, der Kaufmannschaft zu entsagen und mit ihm zu Schimpf und Ernst auf Turniere und zu andern Lustbarkeiten zu reiten. Und die beiden Gesellen wurden insonderheit lieb den edlen Frauen, denn sie machten diesen große Kurzeweile, führten sie zu Brunnen und in Gärten und achteten der Kosten wenig und hatten gar einen hübschen, züchtigen Wandel. Also geschah es, daß zwei schöne und edle Jungfrauen mit ihrem Gemüth an die beiden fielen und sie verloren alle zusammen ihre Herzen. Nach langem Harren erhielt der Kaufmann von der edlen Familie seiner Margarita die Einwilligung zur Ehe. Die Ehesteuer war festgesetzt und der Tag der Verlobung herangekommen. Aber als der Jüngling nach seiner Gewohnheit Nachts in der Kammer vor dem Crucifix betete, da neigte sich das hölzerne Marterbild gegen ihn und sprach mit süßer Stimme: „Stehe auf, lass’ die Welt und nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach!“ Und über dieser Rede vergaß er von Stund an des Weibes und der ganzen Welt. Als nun der Brautlauf abgestellt wurde und die Jungfrau ihn mit weinenden Augen fragte: „Ach Geliebter, sage, habe ich dir je etwas gethan, daß du mich verlassen willst?“ da gingen ihm die Augen auch über und er antwortete: „Nein, Geliebte, aber ich habe mich einer andern vertraut, die noch schöner, edler und reicher denn du ist, und das ist die liebe Mutter Gottes!“ Da sprach sie: „Und ist das wahr, so will ich mich darum doch nicht von dir scheiden; hast du die Mutter Gottes erwählet, so will ich ihren Sohn nehmen!“ Und sie übergab ihm ihre Kleinodien und entsagte von nun an der Welt auch. Von den Leuten und selbst von dem Jugendfreund, dem Ritter verspottet, zog er in einen abgelegenen Theil der Stadt, hatte wunderbare Erscheinungen und kam in kurzer Zeit durch die göttliche Gnade dahin, daß er die heilige Schrift verstund wie ein Gelehrter. Von seinem Reichthum theilte er als Schaffner des himmlischen Herrn den Armen mit. Diese Wendung geschah ums J. 1343. Preger hat als Geburtsjahr des Gottesfreundes 1317 nachgewiesen. Als Geburtsort darf man ohne Bedenken Basel annehmen, denn die Straßburger, welche sich durch Merswin’s Vermittelung brieflich an ihn wandten (hinwiederum haben sich zwanzig Briefe von ihm aus der Zeit von 1363–80 erhalten), nannten ihn stets den großen lieben Gottesfreund im Oberland. Demnach lag seine Heimath südlich von Straßburg. Er kannte den Elsässer Dialect, aber dieser war nicht seine Muttersprache. Straßburg besuchte er öfters, er brauchte dazu mehr als zwei Tagreisen. Als seine Heimath bezeichnet er eine größere Stadt, in der man viel Handelschaft betrieb, wo es Ritter und ein Dominicanerkloster gab. Bald nach der eigenen Bekehrung suchte G. andere für seine Richtung zu gewinnen, [458] so den genannten Rulmann Merswin, den Ritter, hauptsächlich aber Tauler. Diese Bekehrung ist das merkwürdigste Beispiel von der Macht seiner Persönlichkeit. Gewaltige Naturereignisse, so die große Pest von 1346–50, das Erdbeben von Basel 1356 und die allgemeine Noth der Zeit mögen dem G. die Bekehrungsversuche erleichtert haben. 1350 unternahm er eine Missionsreise nach Ungarn, erließ bei Anlaß der großen Seuche eine Ermahnung an das Volk und nach dem Basler Erdbeben ein Sendschreiben an die Christenheit. Allmählich aber reifte in ihm der Gedanke, einen geheimen Bund der Gottesfreunde zu stiften. Ueber den Bestrebungen dieser Gesellschaft liegt tiefes Dunkel, nach außen hin suchte sie durch ihr Beispiel, ein gottgeweihtes Leben, Buße und Entsagung zu wirken. Der G. sammelte um sich vier Männer, den Ritter, einen Domherrn, einen zweiten Ritter und einen bekehrten Juden, der in der Taufe den Namen Johannes erhielt; ihr Koch hieß Kunrad, ihr Bote Ruprecht. Im „Fünfmannenbuch“ hat der G. den Straßburger Johannitern seine Gesellschaft geschildert. Erst wollte man sich an einen geistlichen Orden anschließen, allein müde vom Gewühl der Welt begaben sich die fünf Männer in die Einsamkeit ums J. 1374. Ein Hündlein wies sie des Weges so lange, bis es zuletzt auf einem Berg im Gebiet des Herzogs von Oesterreich anhielt. Dort gründeten die Brüder Kapelle und Wohnstätte. Schon zu Lebzeiten des Gottesfreundes wurden einige vergebliche Versuche gemacht, den Aufenthalt desselben zu ergründen, und zwar ist es bezeichnend, daß diesen auch die Straßburger stets in der Schweiz suchten. Schmidt glaubte den Ort im Hergiswald am Abhange des Pilatus gefunden zu haben, Preger entschied sich für die Vogesen. Die knappen Andeutungen in den Schriften des Gottesfreundes, sowie die Aufzeichnungen von Merswins Schreiber, Nicolaus von Laufen, würden nicht genügen diese Niederlassung zu ermitteln; so viel geht aber aus jenen hervor, daß die Stelle im Bisthum Constanz sich befand, zwei Meilen von einer Stadt, die an einem See liegt, entfernt war, und daß zu jener Zeit im Lande, von welchem aus man, um nach Straßburg zu gelangen, herabfahren mußte, Krieg war (der Guglerkrieg war eben ausgebrochen). Nach Lütolf’s überzeugenden Untersuchungen ist diese Niederlassung die Brüdern-Alp am Schimberg im Entlebuch, an einer anmuthigen Berghalde der Pilatuskette gelegen. Noch jetzt steht daselbst eine Capelle, der Mutter Gottes geweiht – ein Umstand, der ganz zu dem Mariencultus der Gottesfreunde stimmt. Nicht nur berichtet die Tradition, daß hier einst sechs Brüder gelebt haben, sondern der älteste Eintrag in das Jahrzeitenbuch von Entlebuch nennt geradezu sechs Brüder am Schimberg, die – man weiß nicht wann – aber lange vor 1470 gestorben sein müssen. Diesem Anniversarium zufolge heißen zwei Brüder Peter, zwei Johannes, einer Kunrad, und der letzte Lütold. Aus dem „Fünfmannenbuch“ kennt man die Namen Kunrad und Johannes. Auch in Luzerner Rathsprotocollen und sonstigen Actenstücken des 15. und 16. Jahrh. werden die Brüder vom Schimberg einige Male aufgeführt als längst aus der Welt Geschiedene. In einem Rechnungsbuch des Luzerner Staatsarchivs wird eine Ausgabe verzeichnet, die 1420 anläßlich eines Besuchs des Cardinals (Branda Castiglione) bei den Brüdern am Schimberg gemacht wurde. Das Räthsel, wie die Gottesfreunde gerade die Brüdernalp zu ihrem Zufluchtsort wählten, löst sich natürlich und ohne das weisende Thier, wenn man folgende Thatsache kennt: in der Nähe der Alp liegt der Wallfahrtsort Heiligkreuz. Die Brüder daselbst standen in Verbindung mit Straßburg. Durch diese Vermittlung mögen die Gottesfreunde Kunde von der einsamen Alp erhalten haben. Hier lebten sie nun als freie Gesellschaft; die Priester unter ihnen lasen die Messen, je nach dem geistigen Bedürfniß wurden Fasten geboten; Spaziergänge in den Wald, Unterredungen über ihre Anfechtungen, [459] Ekstasen und über die Zeitverhältnisse, von denen sie genau Kunde hatten, füllten ihre Tage aus. Geheime Boten gingen ab und zu nach Straßburg und verriethen dort in der Kirche zum grünen Wörth durch Räuspern und andere verabredete Zeichen ihre Anwesenheit. Die Erlebnisse eines jeden seiner Genossen werden uns von dem G. in dem „Buch von den fünf Mannen“ auf trauliche Weise erzählt. – Unterdessen hatten sich in der Christenheit wichtige Ereignisse begeben. Gregor XI. war aus Avignon nach Rom zurückgekehrt. Da machte sich 1377 der G., begleitet vom Domherrn, auf zum Papst, redete ihm mit großer Kühnheit ins Gewissen und verhandelte mit ihm über die Gebrechen der Kirche. Gregor wünschte den merkwürdigen Mann in seiner Nähe behalten zu können, entließ ihn aber auf inständige Bitten desselben und versah ihn mit guten Empfehlungsschreiben. Heimgekehrt erhielt der G. vom Rathe des nahegelegenen Städtchens Sursee Privilegien und Schutz für die unruhigen Zeiten. Unmittelbar hierauf begab er sich aus unbekannten Gründen mit dem Priester Johannes auf eine Reise nach Metz. 1378 starb Gregor und Urban VI. wurde auf den päpstlichen Stuhl erhoben, ihm gegenüber aber ein Gegenpapst Clemens VII. aufgestellt. Das Schisma brach wieder aus. In dieser wirrevollen Lage wurde der G. öfter von kirchlichen Großen, selbst vom Deutschordensmeister Konrad von Brunsberg[WS 2] um Rath gefragt, welchem Papst man anhangen solle. Wiederholt trafen in diesen trüben Zeiten mehrere Gottesfreunde zu Berathungen zusammen, so am Gertrudentag 1379 auf einem hohen Gebirg, wo eine kleine Kapelle in einen Fels gehauen war. Den Zweck und Verlauf dieser Zusammenkunft erzählt der G. in einem Brief vom 16. April 1379 an den Comthur des Johanniterhauses zu Straßburg, Heinrich von Wolfach. Er erhielt die Aufforderung, abermals zum Papste zu fahren. Aus unbekannten Ursachen unterblieb die Reise. Am grünen Donnerstag 1380 kamen dreizehn Gottesfreunde – wahrscheinlich der ganze Bund der Wissenden – am nämlichen Orte wieder zusammen. Ein Brief vom Himmel fiel unter sie, der die Weisung enthielt: Gott habe das angedrohte Strafgericht um drei Jahre verschoben unter der Bedingung, daß sich die Gottesfreunde auf so lange Zeit einschlössen und mit Niemandem verkehrten. Nachdem der G. im Oberland auch seinen Vertrauten Merswin ermahnt hatte, Gottes Gefangener zu werden, schickte er sich an, auf die Ascetenstufe der Inclusen zu treten und ließ sich auf Pfingsten 1380 mit seinen Brüdern einschließen und zwar fürs ganze Leben. Nach Schmidt’s Darstellung wäre er nach Verfluß der drei Jahre als Bußprediger in die Welt hinausgetreten und zu Wien als Häretiker 1409 mit zwei Gefährten dem Flammentod überliefert worden. Diese Ansicht ist nach den genannten Untersuchungen als völlig zurückgewiesen zu betrachten. Der G. sehnte sich vielmehr nach Ruhe und bereitete sich zum Sterben. Allein auch der Tod schien den geheimnißvollen Pfad zur abgelegenen Clause nicht zu finden; vorher noch drang in die stille Einsamkeit wüster Weltlärm und das Geklirr der Waffen von Sempach; doch war es dem G. vergönnt, das Ende des Schisma’s zu erleben. Noch einmal nach langen Jahren taucht die ehrwürdige Gestalt aus der Vergessenheit heraus. Einer frommen Frau verdanken wir die letzte Nachricht. Schwester Margarita von Kenzingen fand den Weg zur verborgenen Zelle aus Gottes besonderen Gnaden und erhielt dort den geistlichen Rath, in das Kloster der Dominicanerinnen zu Unterlinden bei Kolmar einzutreten. Diese Begegnung fällt in die Jahre 1419 oder 1420: Der große G. hatte bereits das hundertste Lebensjahr überschritten, wie der Bericht bewundernd hervorhebt.

Karl Schmidt, Nicolaus von Basel. Leben und ausgewählte Schriften, 1866; Derselbe, Nicolaus von Basel, Bericht von der Bekehrung Taulers, 1875; Preger in der Zeitschrift für histor. Theologie 1869; Denifle in [460] den Historisch-politischen Blättern, Bd. 75, 1875 und in Haupt’s Zeitschrift XIX, 478 u. ff.; Lütolf im Jahrbuch für Schweizerische Geschichte 1, 3 u. ff. Lütolf bereitet eine Ausgabe der noch ungedruckten Tractate des Gottesfreundes vor für die „Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz.“


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Über diese Person existiert in Band 14 ein weiterer Artikel.
  2. Ein Konrad von Braunsberg war 1384-1394 Johanniter-Komtur zu Heitersheim.