ADB:Graul, Karl

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Artikel „Graul, Karl“ von Wilhelm Hosäus in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 9 (1879), S. 604–605, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Graul,_Karl&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 23:52 Uhr UTC)
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Graul: Karl Friedrich Leberecht G., Dr. theol. (von grundlegender Bedeutung für evangelisch-lutherische Missionstheorie und Einführung derselben in die Universitätswissenschaften), wurde am 6. Februar 1814 in Wörlitz (bei Dessau) geboren. Er war der Sohn eines einfachen, schlichten, christlich gläubigen Leinewebers. Weckte die reiche Umgebung in dem begabten Knaben früh den Sinn für Natur und Reisen, so erhielt er vom väterlichen Hause daneben als schönes Erbe den Sinn für das Schlichte und Einfache, Nüchterne und Grade, für das Volk und das Volksthümliche. Bis zum 17. Jahre fast ausschließlich von seinem väterlichen Freunde E. Hoppe (damals Rector in Wörlitz – Graul sagte später von ihm: „Er hat mich zum Christen, zum Theologen, zum Lutheraner gemacht“ –) unterrichtet, besuchte G. von 1831–32 das Gymnasium zu Dessau, von 1832 das Gymnasium zu Zerbst. Letzteres verließ er mit der Censur „ganz vorzüglich gut bestanden“ Michaelis 1834, um in Leipzig Theologie zu studiren. Gleich nach der Ankunft löste er eine Preisaufgabe, in der er die herkömmliche Ansicht über die Abfassungszeit der Colosser-, Epheser- und Philipperbriefe gegen die von Schultz und Schott aufgestellte Behauptung, diese Briefe seien nicht während der römischen, sondern während der cäsareensischen Gefangenschaft des Apostels geschrieben, vertheidigte. Später gewann in Leipzig vor Allen Dr. Wolff (Oberkatechet an der Peterskirche) Einfluß auf ihn: was ihm an Demüthigung seines Verstandes- und Geistesstolzes noch fehlte, erfuhr er, wie er selbst bezeugte, von ihm. Er lernte in Wolff zum ersten Male im Leben einen geistig überlegenen Mann kennen, vor dem er sich beugen mußte und beugte. Mehr durch rastlosen Privatfleiß, als durch pünktlichen Collegienbesuch gefördert, bestand er 1838 in Dessau das theologische Examen mit der Note „sehr gut“, ging dann als Hauslehrer in eine englische Familie in Italien, lernte Neapel, Sorrent, Rom, Pisa etc. durch längeren Aufenthalt kennen und kehrte endlich nach zwei Jahren, durch die Kenntniß dreier neuer Sprachen (französisch, englisch und italienisch) bereichert, nach Dessau zurück, wo er bis zum J. 1843 an einem Privatinstitute lehrte und zugleich die Prinzessin Agnes von Anhalt (jetzige regierende Herzogin von Sachsen-Altenburg) im Italienischen unterrichtete. In diese Zeit fällt seine Verheirathung, wie seine Uebersetzung von Dante’s Hölle (1843) und die Herausgabe seiner „Hammerschläge in Dreizeilern“ (1843). Im J. 1843 übernahm er, durch seinen Freund P. Caspari empfohlen, die Leitung der von der Dresdener Missionsgesellschaft gegründeten Missionsanstalt zu Dresden und begann damit seine theologische Laufbahn. Sein erstes Bemühen war, die Mission aus einer Vereinssache zu einer Kirchensache zu machen. Alles Pietistische, Ungesunde, Schwärmerische, leider nur zu oft in protestantischen Kreisen mit der Missionssache verbunden, widerstand ihm, dem geschulten Theologen, dem klaren, nüchternen Denker, dem rückhaltlosen Freunde der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Seit 1846 gab er das evangelisch-lutherische Missionsblatt heraus, das durch Graul’s vorzügliche Redaction geradezu epochemachend auf seinem Gebiete wurde. Im J. 1848 bewirkte er die Verlegung der Anstalt von Dresden nach Leipzig: durch Verbindung mit der Universität sollte die theologische und philologische Bildung der Zöglinge erleichtert, der Anstalt selbst statt des provinziellen Charakters ein universaler verliehen werden. Nunmehr wandte sich G. zur specielleren Ausarbeitung seiner Grundsätze für die Heidenmission, fühlte aber bald, wie nothwendig zur gründlicheren Erörterung aller einschlagenden Fragen ein längerer Besuch der charakteristischen Missionsplätze sei und wie nur an Ort und Stelle die Grundsätze für eine gesunde Missionspraxis festgestellt werden könnten. Besonders wichtig erschien ihm das Studium der [605] Judenmission in Palästina, der Mission unter den Muhamedanern in Egypten, der tamulischen Mission in Ostindien und der Mission unter ungesitteten Völkern in Südafrika. Das Entgegenkommen der Missionsgesellschaft und besonders seines edeln Gönners, des Grafen v. Einsiedel in Dresden, machte ihm die zu diesem Zwecke entworfene Reise nach dem Oriente möglich, auf die er fast vier Jahre (1849–53) verwandte und die er selbst in 5 Bänden beschrieben hat (1854–56). Bereichert an wichtigen Beobachtungen und Erfahrungen, als Kenner des Sanskrit und verschiedener kleiner indischer Sprachzweige, auf dem Gebiet des Tamulischen fortan als Autorität geltend, kehrte er zurück – freilich abgearbeitet und leiblich gebrochen. Als ob er fühlte, daß er Eile habe, ging er nun daran, das Erworbene zu verarbeiten. In den J. 1854–56 erschienen die drei ersten Bände seiner „Bibliotheca tamulica“ (der Schlußband erschien erst nach Graul’s Tode, von dessen Schüler Germann herausgegeben); 1856 unternahm er zur Anknüpfung von Missionsverbindungen eine Reise nach Schweden und Rußland; 1860 trat er das Directorat der Anstalt an seinen Nachfolger Hardeland ab. Inzwischen hatte er seine Missionstheorie durchgearbeitet, deren Grundgedanken sich auf Folgendes zurückführen lassen möchten: 1) gegenüber pietistischen Auffassungen (vgl. besonders Baptisten und Methodisten) hat die Mission zunächst den Zweck, Völker zu christianisiren; die Bekehrung der Einzelnen kann dabei nicht letztes Ziel, sondern nur Ausgangspunkt sein; diesen Zweck kann nur eine kirchlich confessionelle Mission, die auf einer festen religiösen Weltanschauung ruhet, erreichen; 2) der Missionar muß vielseitig, theoretisch wie praktisch begabt, selbstlos, wahrhaft durchgebildet sein, seine Sprachbefähigung muß durch klassische Studien erprobt und entwickelt sein, er muß besonders eingehende Kenntniß der Sprache, Litteratur und Mythologie des Volkes, unter dem er arbeiten soll, besitzen (G. hatte rücksichtlich des letzteren Punktes vielfach an englischen Missionaren traurige Erfahrungen gemacht); 3) die Mission im fremden Lande muß ein wohlorganisirtes Regiment haben; endlich 4) ist die Wahl des Missionsfeldes ernst zu prüfen, wobei denn auf Seßhaftigkeit der Völker, Annäherung an europäische Cultur etc. besonders zu achten ist. In der für die ostindische Mission so wichtigen Kastenfrage vertrat G. die mildere Praxis. Als maßgebend und vorbildlich für alle Missionsthätigkeit erschien ihm die apostolische und altkirchliche Missionsthätigkeit und als Frucht des Studiums derselben erschien sein Werk: „Die christliche Kirche an der Schwelle des irenäischen Zeitalters“ (1860). Im Herbste wandte sich G. nach Erlangen, von dessen theologischer Facultät ihm schon 1854 die theologische Doctorwürde verliehen worden war. Seine öffentliche Habilitationsvorlesung daselbst (1. Juni 1864) sollte aber zugleich sein Abschiedswort sein. Nach einer kurzen Reise in die Heimath fiel er in schwere Krankheit und erholte sich nicht wieder. Von seiner hohen poetischen Begabung gibt ein Bändchen Gedichte Zeugniß, das er für das Weihnachtsfest 1864 vorbereitet hatte: „Indische Sinnpflanzen“. Er freute sich derselben noch auf dem Sterbebette. Er entschlief den 10. November 1864, auf seinen Lippen noch die schönsten Strophen seiner Lieblingslieder: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“.

Vgl. G. Hermann, Dr. theol. Graul und seine Bedeutung für die luth. Mission, Halle 1867, und Dr. Luthardt in Herzog’s Real-Encyklopädie für Theol. u. Kirche, Suppl. I. Dem Verf. obigen Lebensabrisses haben daneben mündliche und briefliche Nachrichten, wie eigene Erinnerungen zur Seite gestanden.