ADB:Gude, Karl

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Gude, Karl“ von Eduard Jacobs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 618–621, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gude,_Karl&oldid=- (Version vom 17. Oktober 2019, 00:42 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Gudden, Bernhard von
Band 49 (1904), S. 618–621 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Karl Gude in der Wikipedia
GND-Nummer 140528946
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|49|618|621|Gude, Karl|Eduard Jacobs|ADB:Gude, Karl}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=140528946}}    

Gude: Karl Heinrich Friedrich G., Schulmann und Schulschriftsteller, geboren zu Hasserode-Friedrichsthal bei Wernigerode am 28. Februar 1814, † zu Magdeburg am 27. November 1898, wuchs unter recht bescheidenen aber harmonischen und für seine Entwicklung ungemein günstigen Verhältnissen auf. Wie bereits sein zu Beinum bei Salzgitter wirkender Vater war auch er der erstgeborene Sohn eines Lehrers, die Mutter die jüngste Tochter eines halb ländlichen Handwerkers und Unterbeamten. Von Seiten beider Eltern fromm, sorgfältig und liebevoll erzogen, wuchs er neben fünf Geschwistern als ein zwar nicht sonderlich starker aber hochgewachsener, blauäugiger und munterer Knabe auf. Bis in sein hohes Alter sind ihm Eltern und Geschwister in theurer Erinnerung geblieben, nicht weniger der Boden seiner schönen, engeren Geburtsheimath, des hasserödischen Holtemme- und Brockenthals. Zehnjährig wurde er der lateinischen Oberschule in Wernigerode übergeben, die damals keineswegs in hoher Blüthe stand und mit ihren seit 1825 nur vier Classen bis zur Tertia eines Gymnasiums förderte, aber einige tüchtige Lehrer aufzuweisen hatte, so neben dem classischen Philologen Heinecke den allenthalben in hoher Achtung stehenden Ordinarius der ersten Classe, Oberlehrer Kallenbach, gleich tüchtig als Lehrer und Erzieher, der denken und arbeiten lehrte, besonders den deutschen Aufsatz gründlich trieb und einen Abriß der deutschen Litteraturgeschichte mit Einschluß einiger Beispiele aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen gab. Mit einem ausgezeichneten Zeugniß über Fleiß und sittliche Führung sowie über gute Anlagen versehen, bezog G. zu Ostern 1831 das Lehrerseminar zu Halberstadt, das unter der Leitung Brederlow’s, eines anerkannt tüchtigen Schulmanns stand. Als G. diese Anstalt bezog, war darin eine merkwürdige Bewegung: die freiheitlichen Gedanken der Pariser Julirevolution hatten den jungen Seminarlehrer Meyer ganz eingenommen, und da er die Seminaristen in burschikoser Weise ganz als Studenten behandelte, zog er die meisten zu sich herüber. Für den sonst sehr feurigen und strebsamen G. ist es aber bezeichnend, daß er dieser Bewegung gegenüber im wesentlichen ruhiger Beobachter blieb. Nach vorzüglich bestandener Reifeprüfung verließ er 1834 das Seminar und kehrte zunächst an seinen Heimathsort zurück, um seinen Vater im Schulamt zu unterstützen. Gern wäre er länger bei dieser von dem schönsten Erfolg begleiteten Thätigkeit geblieben, wenn ihm die Väter der Gemeinde eine bescheidene Entschädigung zugebilligt hätten. Da dies nicht geschah, so sah er sich veranlaßt, im Herbst 1835 einem Ruf als Lehrer an der Bürgerschule in Merseburg zu folgen. Da es neben der sechsclassigen Bürgerschule hier noch eine zweiclassige Armenschule gab, so ging er freiwillig zu dieser über und brachte sie bald zu großer Blüthe. Aber der fleißige und strebsame junge Lehrer fand neben der Erfüllung dieses Berufes noch die Zeit, an sich und an seiner Vorbereitung auf eine zukünftige größere Aufgabe im Schulwesen weiter zu arbeiten. Hierzu wurde er aber in Merseburg durch verschiedene Umstände in einer Weise gefördert, wie sichs günstiger kaum denken ließ. Sein Vorgesetzter, der Regierungs– und Schulrath Weiß, ein Mann von mannichfaltigen wissenschaftlichen Interessen, zog ihn in sein Haus und machte ihn zum Vertrauten seiner Gedanken. Unvergleichlich wichtiger aber war es, daß der geistvolle, feurige Conrector am Domgymnasium, Heinr. Hiecke (s. A. D. B. XII, 385), der dem deutschen Unterricht eine bessere Stellung im Lehrplan der höheren und mittleren Schulen zu erringen sich bemühte, auf den strebsamen und wohl beanlagten Bürgerschullehrer aufmerksam wurde. Hiecke sah das gesammte [619] Unterrichtswesen in allen seinen Stufen als einen Gesammtorganismus an, so daß er auch Volks- und Bürgerschulen in seinen Plan einschloß. So waren ihm denn strebsame Lehrer an der Bürgerschule willkommene Mitarbeiter, darunter G. der ersten einer. Und da er durchaus frei von dem engen Standesbewußtsein eines humanistisch und akademisch vorgebildeten Philologen war, so trat er auch persönlich in den engsten Verkehr mit G. und anderen tüchtigen Lehrern der Bürgerschule. Da ferner der Director des Domgymnasiums, Professor Wieck, darin mit ihm eins war und das Gymnasialcollegium fest zusammenhielt, so bildete sich ein philologisches Kränzchen, worin neben anderen Schulfragen besonders die des Unterrichts in der Muttersprache lebhaft erörtert wurden. Diesem Kreise schloß sich nun auch mit anderen Collegen, z. B. seinem Freund und Landsmann A. Grube, den er auch nach Merseburg gezogen hatte (s. d.), G. an. Da die jungen Männer auch in die Familienkreise der geistig bedeutenden Männer gezogen wurden, so machten sich die ersteren auch ungezwungen die guten Umgangsformen der feineren Gesellschaft zu eigen. Hiecke wirkte auch im unmittelbaren Verkehr auf G. ein, indem er ihn von dem unfruchtbaren Studium der Hegel’schen Philosophie, auf das ihn Professor Wieck geführt hatte, abzog und ihn ermunterte, sich statt dessen eifrig mit der deutschen Litteratur zu beschäftigen. Diesem Rathe folgte G. mit dem ganzen Ernst seines Strebens; außerdem lernte er von Hiecke, wie man eine Dichtung nach ihrer Gesammtidee und in ihrer Schönheit, auch, wo das angeht, nach ihrer besonderen Veranlassung, dann auch nach der metrischen und sprachlichen Form zu prüfen und zu erfassen habe. Dabei trieb G. mit seinem Freunde Grube eifrig das Studium der pädagogischen Litteratur, ließ sichs auch nicht verdrießen, um Vorlesungen in Halle zu hören, sehr oft den Weg dahin zu unternehmen und bei nächtlicher Weile zurückzukehren. So wurde denn Merseburg für ihn zur Hochschule. Hiecke bediente sich schon in Merseburg der Mitarbeit seines Schülers bei seinem Lesebuch für die unteren und mittleren Classen von Gymnasien und Realschulen, und sagt in der Vorrede zur dritten Auflage, bei der zweiten Auflage (Vorrede 18. April 1844) habe dieses Buch unter der unausgesetzten Mitwirkung seiner Freunde Bäßler, Freyer und Gude eine förmliche Umgestaltung erhalten. Aufs gründlichste vorgebildet, konnte G. nach dreizehnjähriger Wirksamkeit in Merseburg diese Stadt verlassen, um einestheils ein bedeutend größeres Schulamt zu versehen, anderntheils aber das Werk seines bis in den Tod hochverehrten Lehrers und Freundes Hiecke, die Förderung des deutschen Unterrichts, besonders durch Einführung in das schöne deutsche Schriftthum fortzusetzen. Im J. 1848 vom Bürgermeister und Schulrath Grubitz an die höhere Töchter- nunmehrige Luisenschule zu Magdeburg berufen, hat er an dieser bis in sein 71. Lebensjahr gewirkt, um dann am 16. April 1884 in den Ruhestand zu treten. Diese Anstalt, eine der größten in ihrer Art, zählte bereits 1875 über neunhundert Schülerinnen in 21 Classen. Er entwarf für diese Schule einen mustergültigen Lehrplan, unterrichtete mit dem größten Erfolge und erwarb sich allgemeine Achtung, Liebe und Verehrung bei seinen Amtsgenossen und Schülerinnen, was in rührendster Weise am 28. Februar 1894 bei der Feier seines 80. Geburtstages zu Tage trat. Der unvermählt gebliebene fand neben seinem amtlichen Wirken die Muße zu einer sehr bedeutsamen schriftstellerischen Thätigkeit, die aber stets zu seinem schulmännischen Wirken in engster Beziehung stand. Im J. 1850 (Vorrede Januar 1851) bearbeitete er mit dem Lehrer L. Gittermann sein „Vaterländisches Lesebuch in Bildern und Musterstücken für Schule und Haus“. Die Bezeichnung vaterländisch ist hier im vollsten Sinne zu fassen, denn „das Vaterland ist der Krystall, in welchem sich die Farben der [620] übrigen Welt reflectiren, die Basis, ohne welche all unsere Cultur unfruchtbar sein würde“ (Vorrede). Sonst sind die Leitgedanken fast wörtlich dieselben, welche Hiecke bei seinem „Deutschen Lesebuch“ ausspricht. Form und Inhalt sind in gleicher Weise zu berücksichtigen, Verstand und Gemüth sind gleichzeitig zu bilden, um zum höchsten Ziele aller Bildung, der sittlich-religiösen, zu führen. Gebundene und ungebundene Rede sind nebeneinander vertreten, um sich zu ergänzen. Später in eine obere, mittlere und untere Stufe getheilt, erschien das Unternehmen in einer großen Zahl stets sorgfältig durchgesehener Auflagen. Nach Gittermann’s Ableben traten J. Haubold und die Magdeburger Schulrectoren Brandt und Hagemann als Mitarbeiter hinzu. Bei dem „Vaterländischen Lesebuch“ war G. hauptsächlich nur methodischer Sammler und lieferte nur eine kleine Zahl eigener Beiträge. Im J. 1852 aber begann er mit seinem Freunde Grube ein Unternehmen, bei welchem beide den Inhalt selbst lieferten und nur vereinzelt Aufsätze von anderen (Bäßler, Neuling) aufnahmen, nämlich die „Unterhaltungen und Studien aus der Natur und Menschenwelt“. Bis 1856 erschienen davon fünf Jahrgänge. In seinen hierzu gelieferten Aufsätzen offenbart G. sein Geschick als gewandter Darsteller und feiner Beobachter. Aus dem schönsten dieser Aufsätze aber (Jahrg. 4, S. 1–56): „Der Brocken und seine Wälder“ weht uns seine innige Liebe und Anhänglichkett an den Harz und seine engere Geburtsheimath wohlthuend entgegen. Daneben zeugt die 1860 erschienene, seinem Vater zum 80. Geburtstage gewidmete Schrift „Die Gleichnißreden Jesu“ von seinem frommen Sinne, aber auch von seinem Gedankenreichthum. Mehrfach aufgelegt, wurde sie seit 1889 mit der Behandlung der Bergpredigt verbunden. Sein Hauptwerk aber, das seinem Namen ein dauerndes Gedächtniß sichert, sind seine „Erläuterungen deutscher Dichtungen nebst Themen zu schriftlichen Aufsätzen in Umrissen und Ausführungen. Ein Hülfsbuch beim Unterricht in der Litteratur und für Freunde derselben“. Ursprünglich nur auf einen Band berechnet, erschien es zuerst im J. 1858, wuchs aber mit der Zeit auf fünf Bände oder Reihen an, wozu seit 1874 als Ergänzung zur fünften Reihe eine Auswahl deutscher Dichtungen aus dem Mittelalter nach den besten Uebersetzungen und Bearbeitungen kam. In diesem Werke ganz besonders tritt G. als Fortsetzer der Bestrebungen Hiecke’s und Echtermeyer’s hervor; die Leitgedanken, neben denen auch die hohe nationale Begeisterung uns entgegenweht, sind theilweise mit Hiecke’s eigenen Worten ausgesprochen. G. sucht nachzuweisen, von welcher Absicht der Dichter ausgegangen ist, welche Bedeutung das dichterische Kunstwerk als Ganzes und in seinen einzelnen Theilen hat; bei der Behandlung darf keine solche Zergliederung vorgenommen werden, daß dadurch der Duft der dichterischen Schöpfung verloren geht. Mit fast schwärmerischer Vorliebe behandelt er Schiller, der ihn auch in seinem ganzen persönlichen Wesen am meisten anmuthet, als echtesten Dichter des deutschen Volkes, doch hat er auch die übrigen Zierden des deutschen Dichtersaals in weitem Umfange gewürdigt. Unleugbar sind seine „Erläuterungen“ geeignet, eine warme Liebe und eingehendes Verständniß für die deutsche Dichtung zu wecken. Auch äußerlich betrachtet muß der Einfluß dieses Werkes als ein sehr weitreichender erkannt werden, wenn man bedenkt, daß es noch bei seinen Lebzeiten zehn jedes Mal an Zahl vermehrte Auflagen erlebte. – Durch sehr geordnete, naturgemäße Lebensart, viel Bewegung in freier Luft und viele Erholungsreisen von den Alpen bis zur Nord- und Ostsee, doch nur so weit die deutsche Zunge klingt, erhielt er sich lange körperlich und geistig frisch und spürte erst im letzten Lebensjahre eine bedeutende Abnahme seiner Kräfte. Er war kein schöpferischer Geist, aber unermüdlich strebsam in harmonischer Entwicklung der ihm verliehenen [621] Gaben und Zusammenfassung derselben zu einem einheitlichen Wirken und Streben.

Kirchenbuch von Hasserode-Friedrichsthal. – Acten des Fürstl. Gymnasiums zu Wernigerode. – Aug. Grube, Aus meiner Schulzeit, in Kehr’s Pädagog. Blättern. 7. Jahrg. 1878. – Gottlob Brandt, Erinnerungen, 1893. – Handschr. Aufzeichnungen der wissenschaftl. Lehrerin an der Magdeburger Luisenschule, Auguste Schreiber, einer treuen Schülerin und Amtsgenossin Gude’s . – Magdeb. Ztg. v. 28. Febr. 1894 und 2. Dec. 1898.