ADB:Guts Muths, Christoph

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Artikel „Guts-Muths, Johann Christoph Friedrich“ von Heinrich Julius Kämmel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 224–225, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Guts_Muths,_Christoph&oldid=- (Version vom 21. Mai 2019, 13:21 Uhr UTC)
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Guts-Muths: Johann Christoph Friedrich G., der Vater der deutschen Gymnastik, geb. am 9. August 1759 in Quedlinburg, † am 21. Mai 1839 in Ibenhain bei Schnepfenthal. Der einzige Sohn eines wenig begüterten Vaters, den er bereits im zwölften Lebensjahre verlor, entwickelte er früh die Neigung zur Selbstthätigkeit, auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt aber erhielt er durch tüchtige Lehrer eine gründliche Vorbereitung für die wissenschaftliche Laufbahn. Noch als Schüler begann er dann auch bereits in der Familie des Leibarztes Ritter, der die häusliche Unterweisung seiner Kinder ihm anvertraute, eine pädagogische Thätigkeit, die, durch Basedow’s Elementarwerk mannigfach bestimmt, ihn früh auf den seiner Natur besonders angemessenen Beruf hinleitete. Im J. 1779 bezog er die Universität Halle, wo er unter Semler, Knapp und Niemeyer Theologie studirte, aber auch unter Trapp’s Anleitung seine pädagogische Einsicht erweiterte, während er zugleich mit Mathematik und Physik, mit Geschichte und neueren Sprachen eifrig sich beschäftigte. Als er 1782 in die Vaterstadt zurückgekehrt war, trat er auch wieder in Ritter’s Haus ein, um mit erweitertem Wissen und größerer Sicherheit seine pädagogische Thätigkeit fortzusetzen, die er auch dann nicht abbrach, als das Haupt der Familie 1784 der Tod hinweggenommen hatte. Er war in dieser Zeit auch Führer Karl Ritter’s geworden, der durch ihn die ersten Anregungen zu seinen großartigen geographischen Studien erhielt. Und diesen Knaben führte er nun auch 1785, einen älteren Bruder mitnehmend und in Begleitung der Mutter, der kurz vorher erst begründeten Erziehungsanstalt Salzmann’s in Schnepfenthal zu. Salzmann aber, der in dem jungen Hauslehrer rasch ungewöhnliche Eigenschaften erkannte, hielt ihn für seine Anstalt fest, wie er beide Brüder bei sich aufnahm. Seitdem ist G. bis in sein hohes Alter dem Schnepfenthaler Erziehungshause treu geblieben. Er übernahm neben dem Unterrichte in Geographie und Technologie (seine Geschicklichkeit in mancherlei Handarbeiten war anerkannt) mit besonderer Vorliebe den Unterricht in der Gymnastik, und dazu konnte ja der Philanthropinismus, der so früh auf ihn eingewirkt hatte und in Schnepfenthal eine so besonnene Ausbildung erhielt, ihn wie von selbst bestimmen. Was er für die gymnastischen Uebungen der Anstalt vorfand, war zunächst nur ein in der Nähe gelegener halb freier, halb von Buchen beschatteter Platz; aber Uebung und Nachdenken, verbunden mit Erforschung dessen, was im Alterthum zur Gymnastik gehört hatte, brachten ihm gleich in den ersten Jahren ein reiches Material, das dann in sorgfältiger Durcharbeitung 1793 seine „Gymnastik für die Jugend“ darstellte, ein Buch, welches 1804 in einer zweiten sehr vermehrten, ja völlig umgearbeiteten Ausgabe wieder erschien. Von der Handarbeit durch die geselligen Spiele hindurch bis zur fein berechneten Uebung hinauf hat alles der Ausbildung körperlicher Kraft und Gewandtheit Dienende für ihn seine Bedeutung, und man darf wol sagen, daß das von ihm entwickelte System der Gymnastik durch die neuere Turnkunst nicht wesentliche Ergänzungen erhalten hat. Und so ist auch der bescheidene Platz, auf welchem er seine Zöglinge so lange geübt hat, durch die nach und nach getroffenen Einrichtungen und aufgestellten Geräthe für Viele von vorbildlicher Bedeutung geworden. Die patriotischen Zwecke, denen er durch sein „Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes“ (Frankfurt a. M. 1817), wie durch den „Katechismus der Turnkunst“ (ebd. 1818) zu dienen strebte, ließ freilich die hereinbrechende Zeit der Reaction nicht erreichen; aber er zeigte dabei doch, wie die Jahre herrlicher Erhebung ihn mit der von F. L. Jahn vertretenen Richtung in denselben [225] großen Zusammenhang geführt hatten. In anderer Weise hatte er schon 1796 durch die Schrift „Spiele zur Uebung und Erholung des Körpers und Geistes“ (2. Aufl. 1802), sowie durch sein 1797 erschienenes „Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst“ wichtige Gesichtspunkte aufgestellt und zweckmäßige Anleitung gegeben. Der ersteren Schrift schloß sich 1802 der „Spielalmanach für die Jugend“ an. In den geographischen Unterricht hat er vielleicht zum ersten Male Methode und Leben gebracht. Wie er seine Mittheilungen veranschaulichte, durch die mit den Zöglingen unternommenen Wanderungen anregender machte, durch das Zeichnen von Landkarten den Schülern fester einprägte, so hatte noch kaum ein Anderer die Sache angegriffen. Und auch auf diesem Gebiete hat er als Schriftsteller gewirkt. Wir erinnern an sein „Handbuch der Geographie“ (Leipzig 1810, 2 Bde., 2. Aufl. 1825 f.), an seinen „Abriß der Erdbeschreibung“ (Leipz. 1819, 3. Aufl. 1839), an seine „Methodik der Geographie“ (1835), an seine Mitarbeit bei dem vollständigen Handbuch der Erdbeschreibung von Gaspari, Hassel, Ukert u. A., an das mit J. A. Jacobi bearbeitete Werk „Deutsches Land und deutsches Volk“ (Gotha 1821 f.). – In Verbindung mit seinem technologischen Unterrichte erschien sein viel gebrauchtes Buch „Mechanische Nebenbeschäftigungen für Jünglinge und Männer“ (Altenburg 1801, 2. Aufl. Leipzig 1816). – Eine besondere Thätigkeit entwickelte er noch bei der Herausgabe der Zeitschrift „Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesammte pädagogische Litteratur Deutschlands“, die mit wiederholt verändertem Titel von 1800–20 sich behauptete und ihm vielfache Gelegenheit gab, die regen pädagogischen Bestrebungen jener Zeit fördernd zu begleiten. Die meisten seiner litterarischen Arbeiten sind in dem freundlichen Landhause entstanden, das er seit 1797 in dem nicht fern von Schnepfenthal gelegenen Ibenhain bewohnte. Da entfaltete sich nun auch um ihn – er war mit einer Seitenverwandten Salzmann’s verheirathet, die ihm eine Reihe von Kindern schenkte – das traulichste Familienleben, dem er in patriarchalischer Würde vorstand. Nebenbei beschäftigte ihn auch die Pflege seines Blumen- und Obstgartens, die Besorgung seiner Bienenstöcke, die Arbeit an der Drechselbank. Nach Schnepfenthal kam er in früheren Jahren täglich zweimal, später nur einmal, um Unterricht zu ertheilen, und da wußte er stets Ernst und Milde, Würde und Freundlichkeit in glücklicher Weise zu verbinden. Die allezeit festgehaltene einfache, naturgemäße Lebensweise ließ ihn noch im Alter rüstig erscheinen; am 1. Juni 1835 konnte er sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum feiern. Aber zwei Jahre später sah er sich durch das Schwinden der Kräfte genöthigt, seine pädagogische Thätigkeit einzustellen. Er trat völlig zurück zu Ostern 1839, und schon nach wenigen Wochen führte eine kurze Krankheit seine Auflösung herbei.

S. Diesterweg in den Rhein. Blättern für Erziehung und Unterricht 1840. I. Kawerau in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 1859, 643 ff. Kramer, K. Ritter, Bd. I. Salzmann in Schmid’s päd. Encykl., Bd. III.