ADB:Heermann, Johannes

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Artikel „Heermann, Johann“ von Hermann Palm in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 247–249, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heermann,_Johannes&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 00:17 Uhr UTC)
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Heermann: Johann H., geistlicher Liederdichter, ist geboren am 11. Octbr. 1585 zu Rauden im Fürstenthum Wohlau als Sohn eines armen Kürschners. Von seiner Mutter früh dem Predigerberufe bestimmt, wurde er in das Haus des als Liederdichter bekannten Geistlichen Valerius Herberger in Fraustadt gebracht; seit 1603 empfing er seine Bildung auf dem Elisabethan in Breslau, seit dem 27. October 1604 auf dem Gymnasium zu Brieg, unter dessen ausgezeichnetem Rector Schickfuß, d. h. zur glänzendsten Zeit dieser Schule als ihr glänzendster Schüler. Im Jahre 1607 gehörte er unter 99 Primanern zu den 6 Judices oder dem Schulsenat und wurde im folgenden Jahre einstimmig von allen Mitschülern zu dessen Prätor oder Vorsitzenden erwählt. In einer schon im August 1606 von ihm de laudibus gymnasii Bregensis gehaltenen lateinischen Rede verkündet er mit allen Mitteln der Schulrhetorik das Lob der Anstalt und wurde dafür von zwei Lehrern in griechischen und lateinischen Versen wieder beglückwünscht. Ja am 8. October 1608 wurde er wegen seiner oratorischen und [248] poetischen Leistungen von dem Breslauer gelehrten Arzte und poeta laureatus Caspar Cunrad nach eingeholter Erlaubniß des kaiserlichen Pfalzgrafen, in glänzender Versammlung mit dem Dichterlorbeer gekrönt. Die 1869 erschienene Geschichte des Gymnasiums zu Brieg berichtet noch mehr Züge seiner ausgezeichneten Schülerzeit. Bald nach seiner Dichter-Krönung scheint er das Gymnasium verlassen zu haben. Im folgenden Jahre ging er mit den Söhnen seines Patrons Wenzel v. Rothkirch nach Leipzig, Jena und Straßburg, mußte aber seiner Augen wegen schon 1610 nach Hause zurückkehren, wo er schwer erkrankte; 1611 wurde er zum Kaplan in Köben a. d. Oder und bald darauf zum Pfarrer gewählt und bewährte sich in diesem Amte als ausgezeichneter Redner; doch war er sein ganzes Leben hindurch meist immer leidend; dazu kamen in den Jahren 1633 und 34 die furchtbaren Schrecken des Krieges und der Pest über sein Vaterland, die ihn nöthigten sein Amt aufzugeben und nach Lissa in Polen zu flüchten, wo er nach langjährigen Leiden 1647 am 24. Februar starb. – H. ist nächst Paul Gerhardt der bedeutendste evangelische Liederdichter des 17. Jahrhunderts und genoß auch als solcher schon unter seinen Zeitgenossen hohes Ansehen. Opitz und Gryphius feiern beide ihn und seine Werke in Gedichten. Er steht zwischen der alten und neuen Zeit des evangelischen Kirchenliedes mitten inne; seine Lieder haben noch viel von der Strenge, dem Objectiveren und Epischeren der älteren Periode, zugleich aber auch schon von dem Betrachtenden, fast Lehrhaften der zu gleicher Zeit mit ihm emporkommenden ersten schlesischen Schule und sogar bereits die neuen Versformen derselben, zu der die damals übliche Form der sapphischen Ode in: „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“, und des Alexandriners in: „O Gott, du frommer Gott“ gehören (Vilmar). Auch seine Sprache ist von ungewöhnlicher Formvollendung. Die schweren Prüfungen, durch welche er hindurchgehen mußte, haben seinen Liedern jene Herzenssprache voll christlicher Einfalt, Innigkeit und Zuversicht verliehen, die namentlich allen hochbetrübten Seelen von jeher so wohl bekannt und verständlich gewesen ist, und derentwegen sie noch heute in allen evangelischen Gesangbüchern getroffen werden. Die oben genannten beiden dürften die größeste Verbreitung gefunden haben; das letztere derselben war des Dichters eigenes tägliches Gebet und enthält gleichsam eine Ethik im Kleinen. Seine zweite Strophe: Gib, daß ich thu mit Fleiß, ist auf dem Schlachtfelde von Leuthen historisch geworden. Die Lieder sind zum Theil in älteren Gesangbüchern zerstreut, zum Theil in Sammelwerken enthalten. Diese, durch Mützell (Geistliche Lieder der evangelischen Kirche 1858) mit größter Sorgfalt ihren Ausgaben und Einzelnheiten nach festgestellt, sind: 1. „Devota musica cordis, Haus- und Herz-Musica“, in drei Hauptausgaben und bei drei Verlegern 1630, 1636 und 1644, außerdem noch oft erschienen, enthält 54 Lieder. 2. „Exercitium pietatis. Uebung in der Gottseligkeit, d. i.: Inbrünstige Seufzer und andächtige Lehr- und Trostsprüchlein für die liebe Jugend; aus den Sonntags- und Fest-Evangelien“, zuerst 1630, dann 1636 seinen lieben Kindern geweiht; außerdem öfter erschienen sind Tetrasticha, denen ein lateinisches Distichon vorangeht, zu seiner Zeit für Schulzwecke viel benutzt und von anderen, wie Czepko und Angelus Silesius nachgeahmt. 3. „Neu umgegossenes und verbessertes Schließ-Glöcklein“, 1633. 4. „Sonntags- und Fest-Evangelia durchs ganze Jahr“, 1636[WS 1] und öfter. Es sind theils rein lyrische theils den evangelischen Inhalt erzählend wiedergebende Dichtungen. 5. „Zwölf geistliche Lieder, jeder Zeit nützlich zu singen“, 1639. 6. „Poetische Erquickstunden“, ein opus postumum hrsg. von seiner Wittib und Erben, 1656, und davon vielleicht noch in demselben Jahre eine Fortsetzung. – Außer diesen Dichtungen existiren von H. noch Predigten und asketische Schriften; schon 1609 erschienen zwei wie es scheint prosaische Werke. Ausführliche Nachrichten geben von ihm [249] M. J. D. Heermann, Prediger im Bethaus zu Köben im: „Neuen Ehrengedächtniß“ dieses Dichters. Glogau 1759. Evang. K. Zeitung 1832, Nr. 27. Theolog. kirchl. Annalen von A. Hahn. Breslau 1842. Bd. I, Heft 2, 3 u. 4. Pischon, Denkmale III, 203. Sein Leben von Fr. Ledderhose, Heidelberg 1855. Seine geistl. Lieder von Ph. Wackernagel, 1855.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1836