ADB:Johann von Viktring

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Artikel „Johannes (Victoriensis)“ von August Fournier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 476–477, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Johann_von_Viktring&oldid=- (Version vom 20. Juli 2019, 07:54 Uhr UTC)
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Johannes (Victoriensis), Abt des Cistercienserklosters zu Viktring in Kärnthen, einer der vorzüglichsten Chronisten des späteren Mittelalters, wurde ungefähr in den siebenziger Jahren des 13. Jahrhunderts geboren. Seine Heimath ist so wenig bekannt als das Jahr seiner Geburt. Aus urkundlichen Zeugnissen jedoch und den Notizen eines Abtskatalogs ergiebt sich, daß er Mitte Mai 1307 zum Abt erwählt worden und am 12. Novbr. 1347 gestorben sei. Er war der vertraute Caplan des König-Herzogs Heinrich von Kärnthen. – Als dieser im J. 1335 das Zeitliche segnete, ging J. im Auftrage der hinterbliebenen Tochter desselben, Margaretha (Maultasch), nach Linz, um hier vor Kaiser Ludwig IV. und den Herzogen Albrecht II. und Otto von Oesterreich [477] deren Anrecht auf die Länder des Vaters zur Geltung zu bringen. Die Mission, soweit sie die Belehnung des Gemahls der Margaretha, Johann Heinrichs von Luxemburg, mit dem erledigten Herzogthume Kärnthen zum Zwecke hatte, scheiterte, wie J. selbst ausführlich erzählt. Das genannte Land ward den Habsburgern Otto und Albrecht II. verliehen, denen nunmehr, als seinen neuen Landesfürsten, der Viktringer Abt in Treue zugethan blieb. Seitdem hat J. als Hofkaplan Albrechts II. wiederholt in Wien seinen Aufenthalt genommen, bis er sich 1341 gänzlich in sein Kloster zurückzog, um hier die Geschichte seiner Zeit zu schreiben. Schon vorher hatte er Material zu einer Geschichte des Stifts gesammelt, und ein handschriftliches Viktringer Copialbuch enthält in der That den Entwurf zu einer „Historia fundationis“. Das Hauptwerk Johanns aber, der „Liber certarum historiarum“, wie der Verfasser selbst den Entwurf überschrieb, ist erst im Jahre 1341 in einem Zuge aufgezeichnet und bis zu der Zeit, da J. die Feder niederlegte, heraufgeführt worden. In der ursprünglichen Gestalt, – ein Münchener Codex (Nr. 22107) bewahrt das erste autographe Concept – erscheint das Werk als eine Geschichte von Oesterreich und Kärnthen von 1231 bis 1341, wobei der Autor für die früheren Zeitabschnitte vorzüglich die Reimchronik des steierischen Ottokar zu Grunde legte. Schon im folgenden Jahre jedoch, 1342, ward das Werk nach Herbeiziehung neuer Quellen zu einer Reichschronik erweitert und bis 1217 hinaufgerückt. Mit dieser Redaction desselben hat uns J. F. Böhmer (Fontes rer. Germ. I.) zuerst bekannt gemacht. Es gab aber noch eine andere. Nimmer rastend arbeitete J. sein Buch im J. 1343 neuerdings um, indem er die Erzählung nunmehr mit den Karolingern beginnen ließ und zugleich sorgsam die jüngsten Ereignisse nachtrug. In dieser Form läßt es sich in einer späteren Compilation, dem von Hier. Pez (Scriptores rer. Austr. I.) herausgegebenen Anonymus Leobiensis, nachweisen. Ja, es ist selbst wahrscheinlich, daß unser Abt noch eine dritte Redaction in der Form einer Weltchronik geplant hatte, jedoch zweifelhaft, ob diese Absicht je zur Ausführung kam; Material hierzu findet sich ebenfalls in der angeführten Münchener Handschrift überliefert. Soviel über das Werk. Der Chronist selbst war ein Mann von reichen Kenntnissen und Erfahrungen, von einer ganz ungewöhnlichen Belesenheit in den Klassikern, insbesondere den Dichtern des Alterthums, und mit einem feinen Sinn für Schönheit der Form begabt, für welchen Anlage und Ausschmückung seines Buches zeugen. Dabei hatte er eine verständige und anerkennend objective Auffassung von den Geschehnissen seiner Zeit, über die ihn der Verkehr mit den österreichischen Herzogen, namentlich aber mit dem von ihm hochverehrten Patriarchen Berthrand von Aquileja zu unterrichten geeignet war. In seiner Weltanschauung, wie sie in den poetischen Dedicationen an seine fürstlichen Gönner und in den Entwürfen zur Geschichte seines Klosters zu Tage tritt, erkennt man leicht den Einfluß Ottos von Freising; in seiner Stellung zu dem Streite des Kaisers mit den Päpsten denjenigen seines Freundes Berthrand: J. verurtheilt das Vorgehen Ludwig des Baiers gegen Rom, ohne jedoch ein blinder Anhänger der thomistischen Doctrin zu sein.

Böhmer, Fontes rerum Germanicarum I. XXVI-XXXIV. Lorenz, Deutschl. Geschichtsquellen I, 209–217. Fournier, Zur Kritik des Joh. Victoriensis, in der Zeitschrift f. d. österreich. Gymnasien, 1873. 717–727. Derselbe, Abt Johann von Viktring und sein Liber certarum historiarum, Berlin 1875. Mahrenholtz, Johannes von Viktring als Historiker, in den Forschungen zur deutschen Geschichte XIII, 535–576. Derselbe, Zur Kritik von Johann von Viktring’s Liber certarum historiarum, Programm der Realschule im Waisenhause zu Halle, 1878.