ADB:Kempe, Stephan

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Artikel „Kempe, Stephan“ von Carl Bertheau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 599–601, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kempe,_Stephan&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 20:38 Uhr UTC)
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Kempe: Stephan K., der Reformator Hamburgs, war zu Hamburg geboren, wahrscheinlich am Ende des 15. Jahrhunderts. Er studirte zu Rostock Theologie; hier war der streng katholische Barthold Moller, gleichfalls ein Hamburger und später in Hamburg Kempe’s heftiger Gegner, sein Lehrer. K. ward in Rostock Franziskaner; er kam dann aber zum evangelischen Glauben und zwar, wie als sicher angenommen werden darf, in Folge der evangelischen Predigt Joachim Slüter’s; neben diesem trat er dann auch schon in Rostock mit der Predigt der evangelischen Lehre selbständig auf. Im J. 1523 ward er in Angelegenheiten seines Ordens nach Hamburg geschickt und predigte hier im Marien-Magdalenen-Kloster. Schon im J. 1521 hatte Ordo Stemmel (der Name wird verschieden geschrieben), Pastor zu St. Katharinen, in Hamburg gegen den Ablaß und das zuchtlose Leben der Geistlichen gepredigt; aber dieser war ein alter Mann, der nicht mehr durchdringen konnte; er ward von den Päpstlichen gezwungen, seine Predigten einzustellen, blieb aber persönlich bei Luther’s Lehre. Kempe’s Predigten fanden nun aber so großen Beifall, daß die Vorsteher des Klosters, als er bald wieder nach Rostock zurückgehen wollte, ihn baten, in Hamburg zu bleiben und ihn am 4. Juni 1523 zum Pastor erwählten. Allmählich kamen aus allen Kirchspielen der Stadt viele in die Marien-Magdalenen-Kirche, um das reine Wort Gottes zu hören und drei Jahre hindurch hat er ganz allein den übrigen Predigern der Stadt, die von Luther’s Lehre nichts wissen wollten, gegenüber gestanden. Daß diese sich daran genügen lassen mußten, gegen K. zu predigen und ihn bei der Obrigkeit zu verklagen, aber nichts weiter gegen ihn ausrichten konnten, zeigt am besten, wie das Volk ihm anhing. Im Einzelnen [600] wissen wir von seiner Thätigkeit in diesen Jahren nur, daß er im October 1524 den Straßenräuber Lorenz Goldschmidt als Beichtvater zur Hinrichtung begleitet hat und ebenso am 30. October 1525 den berühmten Seeräuber Claus Kniphof; daß gerade er und keiner der Stadtprediger das that, mochte es nun freiwillig oder auf Verlangen der Obrigkeit geschehen, beweist jedenfalls, daß er sich großen Vertrauens erfreute, zumal wenn man bedenkt, was damals eine Hinrichtung für eine Bedeutung im Volksleben hatte. Ueber die Thaten und Schicksale Kniphof’s hat K. ein längeres Lied in niederdeutscher Sprache verfaßt, das Lappenberg in der Zeitschrift für hamburgische Geschichte, Bd. II, S. 131 ff., hat abdrucken lassen. Im J. 1526 wurde Barthold Moller Lector primarius am Dom in Hamburg; K. stand zu diesem als seinem Lehrer und Promotor in einem Pietätsverhältnisse; sie einigten sich zunächst dahin, daß Moller, wenn er an Kempe’s Predigten etwas auszusetzen fände, es ihn solle wissen lassen, und daß sie dann in einer freundschaftlichen Besprechung sich über den fraglichen Artikel zu einigen suchen wollten. Doch trat Moller bald in seinen Predigten, ohne sich an diese Abrede zu halten, öffentlich gegen K. auf; wie dieser sagt, von den anderen dazu gereizt. Um diese Zeit bekam K. an den Pastoren Johann Zegenhagen zu St. Nicolai und Johann Fritze zu St. Jacobi Mitkämpfer; der erstere war aus Magdeburg, der andere aus Lübeck nach Hamburg berufen; diese waren die ersten lutherischen Pastoren an den Stadtkirchen; in ihrer Wahl dürfen wir ein Vorzeichen des beginnenden Sieges der Reformation in Hamburg erblicken; hatte man doch im J. 1526 vor Zegenhagen, der in der Fastenzeit 1526 zuerst als Caplan zu St. Katharinen nach Hamburg gekommen war, Bugenhagen zum Pastor zu St. Nicolai gewählt, eine Wahl, die dann wieder rückgängig gemacht wurde, weil nicht die ganze Gemeinde in sie gewilligt hatte. Als die katholischen Prediger sich nun immer heftiger der Ausbreitung der lutherischen Lehre widersetzten und auf den Kanzeln gegen sie eiferten, erließ der Rath am 29. December 1526 einen Befehl an alle Prediger, sie sollten nur das reine und lautere Evangelium predigen und sich alles Scheltens und Verketzerns auf den Kanzeln enthalten. Am 29. September 1527 ward K. zum Pastor zu St. Katharinen erwählt und am 28. April 1528 fand darauf vor dem Rath und der Bürgerschaft eine große Disputation statt; gegen vier evangelische Prediger (Kempe, Zegenhagen, Fritze und Kempe’s Nachfolger an der Marien-Magdalenen-Kirche, Conrad Lunsemann) standen acht katholische; an der Spitze der letzteren der schon genannte berühmte und gelehrte Barthold Moller. K. selbst hat uns von dieser Disputation in seinem „Bericht“ (s. unten) eine genaue Schilderung hinterlassen, aus welcher wir sehen, wie ernst und würdig es bei ihr zuging. Das Resultat war ein entschiedener Sieg der Evangelischen; nur fünf der heftigsten Gegner der Reformation wurden jedoch aus der Stadt gewiesen; Barthold Moller entfernte sich freiwillig und begab sich wieder nach Rostock. Jetzt ward zur völligen Durchführung der Reformation Bugenhagen gebeten nach Hamburg zu kommen. Als Bugenhagen von Hamburg aus zum Colloquium mit dem Wiedertäufer Melchior Hoffmann nach Flensburg reiste, begleitete ihn auch K., das Colloquium fand am 8. April 1529 statt. Im J. 1530 verheirathete sich K. mit Anna Eyke, einer Tochter eines angesehenen Bürgers seines Kirchspiels, welche früher im Harvestehuder Kloster gewesen war. In demselben Jahre war er nach Lüneburg gerufen, um dort bei der Einführung der Reformation behülflich zu sein. Er hat dann noch zehn Jahre in Hamburg gewirkt und starb am 23. October 1540.

Die meisten der obigen Angaben sind aus Kempe’s „wahrhaftigem Bericht“ (von der Einführung der Reformation in Hamburg) genommen; die beste Ausgabe dieses Berichtes befindet sich in Lappenberg, Hamburgische [601] Chroniken in niedersächsischer Sprache, Hamburg 1861. S. 479–542. Vgl. außerdem Moller, Cimbria literata, vol. I, p. 291–293. Wilckens, Hamburgischer Ehrentempel, Hamburg 1770, S. 360–369. Otto Krabbe, Ecclesiae evangelicae Hamburgi instauratae historia, Hamb. 1840 (an verschiedenen Stellen). Lexikon der hamburgischen Schriftsteller, Bd. III, S. 560 ff.; hier sind auch die von K. herausgegebenen Schriften angeführt.