ADB:Krause, Karl Christian Friedrich

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Krause, Karl Christian Friedrich“ von Carl von Prantl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 75–79, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Krause,_Karl_Christian_Friedrich&oldid=- (Version vom 20. August 2019, 08:37 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Krause, Jonathan
Band 17 (1883), S. 75–79 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Karl Christian Friedrich Krause in der Wikipedia
GND-Nummer 118566342
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|17|75|79|Krause, Karl Christian Friedrich|Carl von Prantl|ADB:Krause, Karl Christian Friedrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118566342}}    

Krause: Karl Christian Friedrich K., geb. am 6. Mai 1781 in Eisenberg (in Sachsen-Altenburg am Thüringerwald), † am 27. September 1832 in München, Sohn eines geistlichen Lehrers, erhielt den ersten Unterricht an der Bürgerschule seiner Vaterstadt, besuchte dann (1792) die Klosterschule in Donndorf. hierauf (1794) das Lyceum in Eisenberg, und, nachdem sein Vater Pfarrer in Nobitz geworden (1795), das Gymnasium zu Altenburg. In seinen Knabenjahren war er körperlich zart und kränklich, indem er mit Augenleiden, Kopfschmerzen und selbst epileptischen Anfällen zu kämpfen hatte, geistig aber war er früh entwickelt und zeigte eine sinnige Hingabe an die Natur, sowie eine hohe Begabung zur Musik, so daß er schon im 7. Jahre im Clavierspiele mehr als Gewöhnliches leistete. Im Herbste 1797 bezog er die Universität Jena, um [76] Theologie zu studiren, hörte aber mit größerem Eifer philosophische und mathematische Vorlesungen; in den ersteren fühlte er sich von Fichte und Schlegel sehr angezogen, Schelling aber gefiel ihm weniger. Bereits damals zeigte er einen ihm nachmals stets anhaftenden Mangel an haushälterischem Ordnungssinne, sowie an Fähigkeit sich in die äußeren Verhältnisse zu finden; er stürzte sich durch unnöthige kostspielige Anschaffungen in Schulden, zu deren Bezahlung er seinen Vater in Anspruch nehmen mußte. Den philosophischen Doctorgrad erwarb er am 6. October 1801 und machte hierauf auch das übliche Candidatenexamen, obwol er entschlossen war, die theologische Laufbahn aufzugeben. Im März 1802 habilitirte er sich als Privatdocent mit einer Abhandlung „De philosophiae et matheseos notione et earum intima coniunctione“ und hielt nun unter reichlichem Zuspruche der Studirenden Vorlesungen über Mathematik, Logik, Naturrecht, Naturphilosophie und über das System der Philosophie. Alsbald (Juli 1802) verheirathete er sich ohne den Willen seiner Eltern mit der Tochter eines Eisenberger Weinhändlers, Amalie Fuchs, welche jedoch aus ihrem väterlichen Vermögen keinerlei Zuschuß erhielt, und somit zog, da auch diese Gattin des häuslichen Sinnes entbehrte, in Bälde die Noth ein, welche auch stete Begleiterin des Hauses blieb, zumal da im Laufe der Zeit aus der Ehe 14 Kinder hervorgingen. Die schriftstellerische Thätigkeit begann K. mit „Grundlage des Naturrechts“ (1803), dann „Grundriß der historischen Logik“ (1803), d. h. eine eigenthümliche tief durchdachte, aber in abstoßendster Sprache geschriebene Entwickelung der Kategorien, hierauf „Grundlage eines philosophischen Systems der Mathematik“ (1804), „Die Factoren und Primzahlen von 1–100 000“ (1804) und „Entwurf des Systems der Philosophie, 1. Abtheilung: Anleitung zur Naturphilosophie“ (1804). Da im J. 1804 die bekannte Glanzperiode der Universität Jena zu Ende ging, indem mehrere hervorragende Lehrer anderweitigem Rufe folgten, nahm auch bei K. die Zahl der Zuhörer merklich ab, und nachdem derselbe im Sommer 1804 aus Verstimmung gar nicht gelesen hatte, siedelte er in der Absicht, zurückgezogen zu philosophiren, ohne Amt und ohne Subsistenzmittel mit Frau und zwei Kindern nach Rudolstadt über, von wo er im April 1805 nach Dresden umzog, um Kunststudien zu betreiben. Dort hatte er wol einigen Erwerb durch Unterricht in der Musik und durch Privatvorlesungen, war aber doch in der Hauptsache auf seinen Vater angewiesen, welcher für ihn zwei Drittel seines jährlichen Einkommens opferte. Eine seit 1806 begonnene nähere Bekanntschaft mit dem Freimaurerorden, in welchem er 1807 den Meistergrad in der Loge „zu den drei Schwertern“ erlangte, war für ihn in vieler Beziehung folgenschwer. Zunächst faßte er im März 1808 in festerer Form den Gedanken eines „Menschheitsbundes“, welcher sich auch auf die Menschheit der übrigen Planeten und sonstigen Weltkörper erstrecken sollte, und indem er in Napoleon ein passendes Werkzeug zur ersten anfänglichen Realisirung dieser Idee erblickte, wobei vorerst ein Concordat aller christlichen Parteien abgeschlossen werden könne, beabsichtigte er eine Schrift „Der Weltstaat durch Napoleon“ zu veröffentlichen, beschränkte sich aber vorläufig auf ein „System der Sittenlehre“ (1810), d. h. eine maurerische Ethik, woneben er für sein Ideal durch ein „Tagblatt des Menschheitlebens“ zu wirken suchte, welches jedoch nach einem Vierteljahre zu erscheinen aufhörte. Große geistige Anstrengung verwandte er einerseits auf „Das Urbild der Menschheit, vorzüglich Freimaurern gewidmet“ (1811, 2. Aufl. 1851) und andererseits auf die geschichtlichen Untersuchungen „Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurer-Brüderschaft“ (1811, 2. Aufl. 1820), worin er sowol manche traditionellen Annahmen als unberechtigt zurückwies, als auch über die geheimnißvolle Symbolik sich unbefangen äußerte. Darüber erhob sich in den Logen ein gegnerischer Sturm und K. wurde aus dem Orden ausgestoßen. Zu gleicher [77] Zeit (1811) wurde er durch Ennemoser (s. Allg. D. Biogr. Bd. VI S. 150) mit dem Mesmerismus bekannt gemacht und verübte selbst mehrere magnetische Curen, wodurch er aber seine eigene Gesundheit schädigte. Die Mißlichkeit der äußeren Lage veranlaßte ihn wieder an einen festeren Lebensplan zu denken, und indem er seit 1812 seine schwärmerischen Ideen über Napoleon zurückgelegt hatte, richteten sich seine Blicke auf Preußen. Im December 1813 zog er mit Familie nach Berlin, wo er sich noch in demselben Winter mittelst der Abhandlung „De scientia humana et de via ad eam perveniendi“ als Privatdocent habilitirte; dort gründete er die Berlinische Gesellschaft für deutsche Sprache und faßte die vorläufige Idee des von ihm sogenannten „Urwortthums“, d. h. eines neuen Wörterbuches. Da sich aber die Hoffnung gänzlich zerschlug, an die Stelle des im Januar 1814 gestorbenen Fichte zu kommen, kehrte er nach vier Semestern wieder von Berlin nach Dresden zurück (November 1815). Hier beschäftigte er sich neben dem Studium des Sanskrit und des Persischen mit seinen Projecten betreffs Pasilalie und Pasigraphie, womit die Veröffentlichung zweier Schriften zusammenhing, nämlich „Ueber die Würde der deutschen Sprache“ (1816) und „Ausführliche Ankündigung eines neuen vollständigen Wörterbuches oder Urwortreichthumes der deutschen Sprache“. Vom April bis September 1817 machte er mit dem vermöglichen Fabrikanten Tamnau eine Reise nach Italien bis Neapel und zurück über Lyon und Paris; nach der Heimkehr aber befanden er und seine Familie sich in einer wahrhaft hilflosen Lage, so daß ihre Nahrung nur in trockenem Brote bestand, während auch der Vater für die zahlreichen Köpfe nicht mehr hinreichend Unterstützung schaffen konnte; doch arbeitete K. rastlos an seinem „System der Wissenschaften“ und hielt auch Privatvorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft (1823, gedruckt 1829). Erklärlicher Weise suchte er wieder eine geregelte Lehrthätigkeit zu erlangen und nach verschiedenen Umfragen siedelte er im August 1823 mit Frau und 12 Kindern (zwei waren unterdessen gestorben) nach Göttingen um, wo er durch Vertheidigung von 25 philosophischen Thesen sich abermals als Docent habilitirte. Nur von H. v. Thorbecke, dem nachmaligen holländischen Minister, wurde er freundlich aufgenommen, die übrigen Amtsgenossen verhielten sich mindestens spröd gegen ihn, da auch sein Haushalt, in welchem sichtlich unaufhörliche Noth waltete, einen ungünstigen Eindruck machte. Jede Aussicht auf Anstellung als Professor zerschlug sich immer wieder, wobei allerdings die alte Feindschaft des in hohen Kreisen einflußreichen Freimaurerordens mitwirken mochte. Obwol er häufig mit asthmatischen und nervösen Anfällen zu kämpfen hatte, hielt er um des Unterhaltes willen womöglich täglich fünf Stunden Vorlesungen, in welchen erfreulicher Weise die Zahl der Zuhörer allmählich zunahm und außerdem ertheilte er Privatunterricht in Musik. Daneben war er fruchtbar in Veröffentlichung seiner bisher in der Stille durchgearbeiteten philosophischen Ueberzeugung; es erschienen: „Abriß des Systems der Philosophie, 1. Abtheilung Analytische Philosophie“ (1825); „Vorlesungen über das System der Philosophie“ (1825); „Darstellungen aus der Geschichte der Musik“ (1827); „Abriß des Systems der Logik“ (1828); „Abriß des Systems der Rechtsphilosophie“ (1828) und die erwähnten „Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft“ (1829, eine 2. Auflage hiervon unter Benutzung des Nachlasses erschien unter dem Titel „Erneute Vernunftkritik“, 1869). Nun aber brach abermals ein Mißgeschick über ihn herein. Mit dem Neujahrstage 1831 hatten Studentenunruhen begonnen, welche gegen zwei Vertreter der Regierung gerichtet waren und schließlich zu einem heftigen Einschreiten militärischer Gewalt führten; dabei aber waren mehrere Zuhörer Krause’s betheiligt und unter diesen am lebhaftesten Freiherr v. Leonhardi, welcher schon im vorhergehenden Jahre wegen Beleidigung des Professors Wendt relegirt worden war, und Ahrens [78] (später als Rechtsphilosoph bekannt), welchem es gelang sich durch die Flucht Weiterem zu entziehen, sowie Plath (nachmals Schwiegersohn Krause’s), welcher Jahre lang im Gefängnisse schmachtete. Die Regierung faßte Argwohn gegen K. selbst und wurde hierin bestärkt, als derselbe wiederholt Geldsendungen erhielt (sie waren aus dem Nachlasse der in Eisenberg gestorbenen Schwiegermutter Krause’s), indem man hierin Unterstützungen seitens des im Juli 1830 entstandenen Pariser Revolutionscomité’s vermuthete. Somit wurde K. am 9. März 1831 vor die Universitäts-Gerichts-Deputation geladen, wobei es schließlich, während ihm nicht das geringste Vergehen nachgewiesen werden konnte, dazu kam, daß er am 13. April versprach, zu Pfingsten Göttingen verlassen zu wollen, wogegen ihm die Regierung 200 Thaler Reisegeld und ein Zeugniß über „freiwillige“ Abreise zusicherte. K. zog nun nach München, wo er bei der Akademie der Wissenschaften eine Anzahl mathematisch-philosophischer Abhandlungen einreichte, um auf Grund derselben eine Honorarprofessur zu erlangen; Schelling aber als Präsident der Akademie erlaubte den betreffenden Vortrag nicht und erklärte sich auch als Mitglied der philosophischen Facultät der Universität gegen die Aufnahme Krause’s. Außerdem hatte die hannöverische Polizei an den für solche Dinge empfänglichen bairischen Minister Fürsten Wallerstein Mittheilungen über die ihr verdächtig erschienene Persönlichkeit Krause’s gemacht, und die Folge hiervon war, daß demselben am 17. März 1832 ein Ausweisungsdecret zugestellt wurde. Allerdings wurde dieses auf Fürsprache des Professors der Philosophie Franz v. Baader durch hohe Vermittlung wieder zurückgenommen, aber K. welchen seine früheren körperlichen Leiden wieder befallen hatten, war durch die erneute Aussichtslosigkeit gänzlich gebrochen und erlag, nachdem er im Sommer noch im Kainzenbade bei Partenkirchen Heilung gesucht hatte, nach der Rückkehr von dort plötzlich einem Schlagflusse. Aus seinem handschriftlichen Nachlasse erschienen später (herausgegeben theils von Leonhardi, theils von Ahrens oder Anderen): „Die absolute Religions-Philosophie“ (1834–36); „Die Lehre vom Erkennen und von der Erkenntniß“ (1836); „Abriß der Aesthetik“ (1837); „Anfangsgründe der Theorie der Musik“ (1838); „Die reine oder allgemeine Lebenslehre und Philosophie der Geschichte“ (1843); „Vorlesungen über psychische Anthropologie“ (1848). Jüngst wurden aus dem Nachlasse Krause’s von P. Hohlfeld und A. Wünsche herausgegeben „Vorlesungen über Aesthetik“ (1881) und „Die Dresdener Bildergallerie in ihren hervorragendsten Meisterwerken“ (1883). Mag man über Krause’s praktisches Ungeschick und mancherlei Fehlgriffe urtheilen, wie man wolle, so hat er doch jedenfalls in einer wahrhaft reinen selbstlosen Hingabe an seine Ideen gearbeitet und geduldet; sowie er überhaupt ein offener, treuer, bescheidener und liebreicher Mann war, so fühlte er sich stets von allem Reinmenschlichen innigst begeistert. In seiner philosophischen Anschauung besaß er von Schelling her einen theocentrischen Standpunkt, verband aber hiermit eine Verwerthung der Methode Fichte’s, und er wird immerhin als der bedeutendste selbständige Schellingianer bezeichnet werden müssen. Sein System gliedert sich in einen analytischen Weg, welcher vom menschlichen Selbstbewußtsein zum Absoluten aufsteigt, und einen synthetischen Weg, welcher von da abwärts durch die rationelle Theologie, dann Psychologie, Naturphilosophie (diese im Anschlusse an Oken) und Anthropologie zur philosophischen Religionslehre führt, worauf die von ihm sogenannten formalen Wissenschaften, nämlich Mathematik, Logik, Aesthetik, Ethik und Rechtslehre folgen, um in der Philosophie der Geschichte den letzten Abschluß zu finden. Während er so in der That ein allseitiges System entwickelte, verscherzte er einerseits selbst sich einen nicht unverdienten Erfolg dadurch, daß er in Folge seiner Schrulle des Sprachpurismus in einer unverständlichen Terminologie schrieb (es ist dem Leser [79] doch zu viel zugemuthet, wenn er sich in die von K. beliebte Bedeutung von Worten einstudiren soll, wie z. B. „Orwesen, Malwesen, Omwesen, Satzheit, Richtheit, Faßheit, Seinheitureinheit, Vereinselbganzweseninnesein, Wesensoromlebselbstschauen“ u. dgl.). Andererseits aber kam hinzu, daß K., wol nicht ganz ohne eigenes Verschulden, niemals eine eigentlich amtliche Stellung einnahm, und kaum dürfte die Meinung irrthümlich sein, daß Krause’s Philosophie, wenn sie sich einer derartigen staatlichen Unterstützung erfreut hätte, wie dieselbe dem Hegelianismus und auch dem Herbartianismus thatsächlich zu Theil wurde, wahrlich in gleichem Grade über gar viele Lehrstühle verbreitet gewesen wäre. Trotzdem weist der Krausianismus neben einer kleineren Gemeinde Gleichgesinnter in Deutschland auch weitere Erfolge in Belgien und in Spanien auf.

H. S. Lindemann, Uebersichtl. Darstellung des Lebens und der Wissenschaftslehre K. Chr. Fr. Krause’s und dessen Standpunktes zur Freimaurerbrüderschaft (1839). A. Procksch, K. Chr. Fr. Krause, ein Lebensbild nach seinen Briefen dargestellt (1880). Ueber Krause’s Philosophie s. außer den geschichtlichen Werken Erdmann’s und Zeller’s Tiberghien, Exposition du système de Krause (1844). Paul Hohlfeld, Die Krause’sche Philosophie in ihrem geschichtl. Zusammenhange u. in ihrer Bedeutung f. d. Geistesleben d. Gegenwart (1879). Rud. Eucken, Zur Erinnerung an K. Chr. Fr. Krause (1881). Alfr. Cleß, Das Ideal der Menschheit (1881). Br. Martin, K. Chr. Fr. Krauses Leben, Lehre und Bedeutung (1881). Rosenthal in „Europa“ 1882 Nr. 16 f.