ADB:Kristan von Mühlhausen

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Artikel „Christian von Mühlhausen, Bischof von Samland“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 176–178, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kristan_von_M%C3%BChlhausen&oldid=- (Version vom 24. Oktober 2019, 02:28 Uhr UTC)
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Band 4 (1876), S. 176–178 (Quelle).
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Christian (Kristan, Kirstan) von Mühlhausen, Bischof von Samland (1276–1295). Er stammte aus einem angesehenen ritterbürtigen Geschlechte, das sich sicherem Vermuthen zu Folge nach der Reichsburg Mühlhausen in Thüringen nannte, und war nicht minder wahrscheinlich in der Reichsstadt gleichen Namens (wol im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts) geboren. Seine Zukunft suchte er durch den Eintritt in den geistlichen Stand und zugleich in den Deutschen Orden, der in Thüringen rasch breite Wurzeln gefaßt hatte, zu begründen. Im Dezember 1271 tritt er urkundlich als Mitglied dieses Ordens auf und erscheint das Jahr darauf bereits als Comthur der Commende in der Altstadt Mühlhausen, mit der die Stellung eines Pfarrers an der dortigen Hauptkirche von St. Blasien verbunden war. Sehr früh ist er zugleich in nahe Beziehungen zu dem Landgrafen Albrecht von Thüringen getreten, man vermuthet nicht ohne Grund, daß er in der Zeit von 1260–1270 in dessen unmittelbaren Diensten gestanden hat, und ihre engen Beziehungen zu einander haben sich auch in späterer Zeit fortgesetzt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es die Empfehlung eben des genannten Landgrafen, welche Ch., dem es nicht an Ehrgeiz gefehlt hat, im Anfange des J. 1276 zu einer höheren Würde beförderte. Mit dem Tode Heinrichs von Streitberg war das preußische Bisthum Samland, in dessen Sprengel Königsberg fiel, erledigt. Papst Gregor X. forderte im August [177] 1275 den Bischof Friedrich von Merseburg auf, für die erledigte Kirche (ecclesia Sambienis), wo möglich aus der Reihe der Deutschordenspriester einen neuen Hirten einzusetzen, und dessen Wahl fiel auf den Comthur Ch. von Mühlhausen, dem schon in der nächsten Zeit von dem gedachten Bischof zu Merseburg die Consecration ertheilt wurde. Das Bisthum Samland lag nun freilich noch zum Theil in partibus infidelium, es hatte z. Z. nicht einmal ein Capitel, und seine Einkünfte waren precär und dürftig genug; Ch. gab daher, eine realistische Natur wie er war, vom Anfang seiner Erhöhung an der Möglichkeit Ausdruck, daß der Herr ihn in Deutschland selbst mit einem besseren Bisthum versehen, oder daß er das Ordenskleid, das er jetzt trage, mit einem andern vertauschen könne. Das Bisthum, dessen beschwerliche Obsorge ihm zu Theil geworden war, übte daher durchgehends nur geringen Reiz auf ihn aus. Während der gesammten Zeit seines Episkopats, die 19 Jahre dauerte, hat er dasselbe nur zweimal besucht und im Ganzen nicht mehr als 2–3 Jahre dort zugebracht. Erst im Spätherbst 1277 machte er sich zum ersten Male auf den Weg, sein Bisthum zu besuchen, ungefähr über ein Jahr hat er sich jetzt dort aufgehalten, ohne daß uns, ausgenommen eine Maßregel geschäftlicher Natur, erhebliches von seiner Wirksamkeit in dieser Zeit überliefert wäre. Im Anfange des J. 1280 treffen wir Ch. wieder in Deutschland, am Rhein und noch häufiger in Thüringen. Er scheint in diesen Jahren das Amt eines Weihbischofs der Mainzer Kirche ausgeübt zu haben. In Thüringen verwickelte ihn sein schon berührtes Verhältnis zu dem Landgrafen Albrecht von Thüringen in dessen bekannte Streitigkeiten mit seinen Söhnen Friedrich und Diezmann. So geschah es, daß Ch. im J. 1281 von dem Markgrafen Diezmann aufgehoben und längere Zeit auf der Burg Schlotheim bei Mühlhausen festgehalten wurde; erst ein für jene Zeiten beträchtliches Lösegeld gab ihm die Freiheit wieder.

Im Verlaufe des J. 1284 trat Ch. eine zweite Reise in sein Bisthum Samland an, die Veranlassung dazu war die nicht mehr länger zu verschiebende Organisation desselben. Er rief jetzt auch in der That auf Andringen des Deutschen Ordens und im Einvernehmen mit ihm ein Domcapitel in das Leben, aber es gibt kaum etwas charakteristischeres für Ch. als diese seine Schöpfung; denn sie war nichts als eine Fiction. Die ernannten Canoniker gehörten zwar dem Deutschen Orden an, wohnten aber alle zu Mühlhausen in Thüringen und dessen Umgebung und fiel es ihnen gar nicht ein, nach dem ungastlichen Samland überzusiedeln oder auch nur von ihrer neuen Würde Gebrauch zu machen. In erster Linie scheint auch unwürdige Sparsamkeit Ch. zu diesem Verfahren bewogen zu haben. Gleichwol hat der Erzbischof Johannes I. von Riga, zu dem sich Ch. persönlich begeben, diese seine Stiftung bestätigt. – Im August 1285 begegnen wir dem beweglichen Bischof wieder in Thüringen. Er verkaufte hier willkürlich genug Güter der Samländer Kirche, die in der Nähe von Gotha lagen, was ihm später mit Recht bittere Nachrede zugezogen hat. Sonst treffen wir ihn jetzt in weltlichen Geschäften in der Nähe des Landgrafen Albrecht, später des König Adolf, der damals seine vielberufene Expedition nach und durch Thüringen unternahm. Im März 1287 wohnte Ch. dem Nationalconcil in Würzburg bei, begab sich aber noch vor dessen Beendigung nach Schlesien, um zwischen dem Bischof und dem Herzog von Breslau zu vermitteln. Im J. 1289 reiste er, wie nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet wird, im Auftrag des Erzbischofs Gerhard von Mainz an den päpstlichen Hof nach Rom, im Mai 1290 erscheint er aber schon wieder in Erfurt, wo damals König Rudolf seit längerer Zeit weilte. Die dauernde Abwesenheit Christians aus seinem Sprengel und sein fortgesetztes Wanderleben haben aber die Wirkung hervorgebracht, daß von Seite seiner Gegner die Behauptung ausgestreut wurde, er gebe sich unrechtmäßiger [178] Weise als Bischof von Samland aus und sei es in Wirklichkeit nicht. Wenigstens ist es kaum anders zu verstehen, wenn der Bischof Heinrich von Merseburg im August 1292 in einem offenen Briefe an alle Bischöfe und Prälaten die feierliche Versicherung ausspricht, Ch. sei in der That von seinem Vorgänger Friedrich laut Aufforderung des Papstes Gregor X. zum Bischof von Samland ausersehen und als solcher geweiht worden. Wie dem nun sei, Ch. hatte zwar für sich in Samland einen Stellvertreter bestellt; aber auf die Länge ließ sich der Deutschorden an dieser unzureichenden Versehung der Samländer Kirche nicht genügen und bestand jetzt auf der Creirung eines wirklichen Domcapitels, das seinen Sitz in Preußen nehme, das Recht der Cooptation habe und eventuell den neuen Bischof aus der Zahl der Deutschordens-Geistlichen wählen sollte. Dieser Beschluß ist denn auch ausgeführt worden; die bez. Verhandlungen aber sind in Thüringen resp. in Mühlhausen gepflogen worden. Ch. hat sein Bisthum nicht mehr gesehen. Von seinem Thun in der letzten Zeit seines Lebens sind noch einige reiche Stiftungen hervorzuheben, die er dem Predigerorden und der Hauptpfarrkirche und dem Deutschenordenshause in der Altstadt Mühlhausen zugewendet hat. Am 2. September 1295 ist Ch. in seiner Vaterstadt, für die er von jeher eine deutliche Vorliebe gehabt zu haben scheint, gestorben und sein Leichnam in der schon erwähnten Hauptkirche beigesetzt worden. Ist die Vermuthung seines neuesten Biographen begründet, so hat die dankbare Vaterstadt das Andenken an ihren ihr so anhänglichen Sohn durch die Errichtung einer Statue am nördlichen Portal der St. Blasiuskirche zu erhalten versucht; das samländische Bisthum dagegen hat ihm kein anerkennendes Gedächtniß bewahrt.

Dr. Perlbach in den „Neuen Mittheilungen des thüringisch-sächsischen Geschichtsvereins“ zu Halle (Bd. XIII. S. 372–392). – K. Herguet, Kristan von Mühlhausen, Bischof von Samland (1276–1295). Halle 1874. – Zu vgl. Bunge, Livland, die Wiege der deutschen Weihbischöfe. Leipzig 1875.