ADB:Krusenstern, Adam Johann von

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Artikel „Krusenstern, Adam Johann von“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 270–274, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Krusenstern,_Adam_Johann_von&oldid=2500637 (Version vom 22. Oktober 2018, 04:23 Uhr UTC)
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Krusenstern: Adam Johann von K., Weltumsegler, geographischer Forscher und russischer Admiral, ward als das jüngste von sechs Geschwistern den 8. Novbr. (a. St.) 1770 auf dem väterlichen Gute in Haggud in Südharrien (Esthland) geboren und empfing den ersten Unterricht theils im elterlichen Hause, theils auf der Ritter- und Domschule zu Reval, die er von 1782 bis 1785 besuchte. Seine maritime Laufbahn entschied der zufällige Rath eines Familienfreundes und 1785 trat K. in das Seecadettencorps zu Kronstadt ein, welches leider zu dieser Zeit nur ein geringes Maß wissenschaftlicher Schulung seinen Zöglingen zu bieten vermochte. Die Zeiten waren dem Fortkommen eines jungen Seemannes günstig. Als 1787 gegen die Türkei und 1788 gegen Schweden gerüstet ward, nöthigte der Mangel an Seeoffizieren, die älteste Klasse der Seekadetten in Dienst zu stellen und K., welcher 1787 zum „Gardemarin“ befördert worden, trat im Mai auf dem „Mstislaff“, Linienschiff von 74 Kanonen, in den praktischen Dienst ein. Dieser Uebergang geschah unter günstigen Auspicien. Der Befehlshaber dieses Schiffes, Capitän Mulowsky, übte durch sein tüchtiges, ächt seemännisches Wesen einen entschieden günstigen Einfluß auf den jungen Kadetten, der außerdem das Glück hatte, die Seegefechte von Hochland und Oeland und im nächsten Jahre die Wegnahme des schwedischen Schiffes Sophia Magdalena mit solcher Auszeichnung mitzumachen, daß er zum Lieutenant ernannt und mit der Ueberführung der genommenen Flagge und des gefangenen Admirals Lyenanker nach seinem Schiffe betraut ward. Folgenreicher ward aber die nach langen und trägen, größtentheils in Reval verlebten Friedensjahren 1793 verfügte Versetzung auf die englische Flotte, welche K. mit 11 anderen jungen russischen Seeoffizieren traf. Hier erlangte er auf weiten Reisen, in vielseitigem Dienst und durch den Umgang mit bedeutenden Männern [271] jene Weltkenntniß und jenen weiteren Blick, die ihn sehr bald über das Mittelmaß hervorragen ließen. Er bat um Verwendung in entfernten Gegenden, und so kreuzte er unter Admiral Murray und Capitän Cochrane an der nordamerikanischen Küste, besuchte Westindien, ging 1797 nach dem Kap, Calcutta, Malakka und Canton, und kehrte reich an Erfahrungen und auch an Plänen reich, 1799 nach Rußland zurück, wo sich bald die günstigsten Aussichten ihm eröffnen sollten. Während seines Dienstes auf der englischen Flotte von 1798–99 hatte K. ausgiebige Gelegenheit gehabt, den ostasiatischen Handel kennen zu lernen, der damals fast ausschließlich von Holländern und Engländern betrieben wurde, und beklagte oft, daß Rußland an den Reichthümern so gut wie keinen Antheil hatte, welche derselbe anderen Nationen brachte. Mit Unterstützung des russischen Gesandten in London, Grafen Woronzoff, war es gewesen, daß er 1797 nach Indien und 1798 auf einem Kauffahrer nach China gegangen war, um die Schifffahrt in jenen Meeren, sowie die dortigen Handelsverhältnisse kennen zu lernen. Als er sich 1798 und 99 in Canton aufhielt, kam ein Schiff mit Fellen aus Nordwestamerika an, das seine Ladung mit fabelhaftem Gewinne verkaufte, und dies gab nun den Plänen Krusenstern’s feste Gestalt, indem sie sich zunächst auf die Entwickelung des Seehandels zwischen Russisch-Amerika und China richteten. Bis dahin wurden die kostbaren Pelzwaaren von dort über Ochotsk nach Kjachta gebracht, wobei Verlust und eine große Beschränktheit des Handels nicht zu vermeiden waren. 1800 nach Rußland zurückgekehrt, arbeitete K. eine Denkschrift über diesen Gegenstand und über die Entwickelung der russischen Handelsmarine im Allgemeinen aus, worin er u. a. den Vorschlag machte, in dem bis dahin nur Adeligen zugänglichen Seekadettencorps jeweils 100 Bürgerliche für die Führung der Kauffahrer auszubilden. Zuerst abgewiesen, erlangte er Gehör und Beifall, als 1802 Mordwinoff Seeminister geworden war und Graf Romanzoff, damaliger Handelsminister, schloß sich mit lebhafter Befürwortung an. K. schrieb zeitlebens dem Letzteren das Hauptverdienst am Gelingen seines Planes zu und es entwickelte sich mit der Zeit zwischen den beiden Männern eine Freundschaft, welche der Entwickelung des russischen Seewesens und der geographischen Erforschung Rußlands zum größten Vortheil gereichte. Viel rascher als K. selbst vorausgesehen, wurde jener ins Werk gesetzt; K., der sich im Frühling dieses Jahres verheirathet hatte, wurde am 7. August 1802 zum Befehlshaber zweier nach der Nordwestküste bestimmter Schiffe ernannt, und hatte Mühe der Uebereilung vorzubeugen, welche die Reise bereits im October antreten lassen wollte. Erst am 7. August 1803 liefen die „Nadeschda“ (Hoffnung) und die „Newa“, beide in England angekauft, von Kronstadt aus, jenes 450 T. von K. befehligt, mit 85, dieses 370 T. unter Lisianskoy, mit 54 Mann an Bord. Auf der „Nadeschda“ befand sich eine Gesandtschaft nach Japan unter Resanoff; von Gelehrten begleiteten von Langsdorff, Horner, Tilesius, Laband, Brinkin, als Maler Kurlandzoff die Expedition, und unter den Kadetten befanden sich die später als Reisende bekannt gewordenen Otto und Moritz von Kotzebue. Die gegen Krusenstern’s Plan und Absicht der Expedition beigegebene Gesandtschaft erwies sich schon bald als eine Quelle zahlloser Wirrnisse und Hindernisse, da Resanoff die Oberleitung der ganzen Expedition beanspruchte und K. mehr als einmal dieser Forderung entgegenzutreten wagte. Wenig fehlte, so wäre, von Resanoff angeschwärzt, K. in Peter-Paulshafen vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Selten dürfte eine Weltumsegelung unter inneren Schwierigkeiten solcher Art vor sich gegangen sein. Ueber Falmouth erreichten sie am 19. Oct. Teneriffa, suchten auf der Ueberfahrt nach der brasilianischen Küste vergebens die Insel Ascension, deren Existenz seit La Pérouse’s vergeblichem Suchen angezweifelt wurde, und erreichten am 19. Decbr. Sa. Caterina in Brasilien. Am [272] 26. Febr. 1804 umsegelten sie Cap Horn, erreichten am 5. Mai die Mendoza- und Washingtons-Inseln, verweilten zwei Wochen auf Nukahiwa und landeten am 9. Juni auf Hawaii, von wo die Nadeschda allein nach Kamtschatka (13. Juli) und Japan weiterging. Vom 6. Octbr. bis zum 16. April 1805 lag das Schiff vor Nagasaki, um dann die Gesandtschaft, welche zu gar keinem Ziele geführt hatte, am 5. Juni im Peter-Paulshafen auf Kamtschatka ans Land zu setzen, von wo aus dieselbe ihre Rückreise durch Sibirien nach St. Petersburg bewirkte. Auf der Fahrt von Japan nach Kamtschatka wurde ein Theil der Küsten von Jesso und Sachalin untersucht und die Kurilen unter einem neuen Parallel geschnitten; erhebliche Verbesserungen wurden dadurch der Karte La Pérouse’s zugefügt, deren Längenbestimmungen in dieser Gegend fast um einen ganzen Grad korrigirt werden mußten. Vorzüglich die Lage von Tsusima u. a. Inseln, die der La Pérouse-, der Sangarstraße und der vermeintlichen Insel Karafuto nördlich von Jesso wurde genauer bestimmt und über die Aino’s von Jesso und Sachalin Beobachtungen gesammelt, deren Zusammenstellung im 2. und 3. Kapitel des 2. Bandes der Reisebeschreibung die erste treue, vorurtheilslose Schilderung dieses merkwürdigen Volkes ist. Ebenso verdankte man die erste genaue Bestimmung der Länge Nagasaki’s den Arbeiten Krusenstern’s und seines Gehülfen Horner. Die Bemerkungen Krusenstern’s über die Entwickelungsfähigkeit des russischen Handels in diesen Gegenden sind voll Verstand und sein Rath auf Sachalin eine Handelsniederlassung zu gründen ist bekanntlich 1875 durch den Austausch dieser japanischen Insel gegen die russischen Kurilen befolgt worden, allerdings zu spät, um die von K. gehofften Ergebnisse heben zu können. Auf der Rückreise von Kamtschatka nach China wurde neuerdings eine Untersuchung der Küsten von Sachalin vorgenommen, wobei aber Krusenstern’s Schiff, das 5 m tief ging, die tatarische Straße nicht zu durchschiffen vermochte, was bedauerlicher Weise zur Folge hatte, daß auch dieser Forscher in den Irrthum verfiel, Sachalin als Halbinsel anzusehen. Zum letzten Mal hielt sich die Nadeschda vom 30. August bis 5. October 1805 im Peter-Paulshafen auf und wir verdanken hauptsächlich diesem Verweilen die werthvolle Arbeit über den „Jetzigen Zustand von Kamtschatka“, welche als 8. Kapitel im 2. Band der Reisebeschreibung steht. Von hier aus wurde nun die Rückreise nach Europa angetreten, in Macao und Canton ein Aufenthalt vom 20. November 1805 bis 9. Februar 1806 gemacht, welcher zur Sammlung von Nachrichten über China’s wirthschaftliche Verhältnisse und über den damaligen Stand des Handels in Macao und Canton benutzt wurde. Durch die Sundastraße und über St. Helena (3. Mai) kehrte die Nadeschda am 19. August nach dreijähriger Abwesenheit nach Kronstadt zurück, nachdem die Newa schon einige Tage früher in diesen Hafen eingelaufen war. Nachdem schon früher sowohl K. selbst als auch einige seiner Begleiter eine Reihe von wissenschaftlichen Beiträgen aus den Ergebnissen dieser ersten russischen Weltumsegelung veröffentlicht hatten, erschien 1810–12 die „Reise um die Welt in den Jahren 1803, 1804, 1805 und 1806“ zu St. Petersburg in deutscher, 1809–13 in russischer Sprache. In den 2 ersten Bänden gab K. die Schilderung der Reise selbst, im 3. stellt er eine Anzahl wissenschaftlicher Monographien zusammen, zu welchen außer ihm Horner, Tilesius und Espenberg beitrugen. Krusenstern’s eigene Arbeiten betreffen Beobachtungen über Strömungen, Gezeiten und Witterungsverhältnisse. Ein Atlas von 104 Tafeln gehört zu diesem großen Werk. Das monumentale Ergebniß aber der auf diese Reise sich gründenden wissenschaftlichen Arbeit Krusenstern’s ist der „Atlas de l’Océan Pacifique publié par ordre de S. M. I.“ in 34 Blättern (1824–27), in welchem K. alles vereinigt, was zu seiner Zeit [273] an guten geographischen Bestimmungen für dieses Meer veröffentlicht oder durch die mannigfaltigsten persönlichen Beziehungen aus ersten Quellen zu erlangen war. Auf diesem Gebiete hat er Zeit seines Lebens immer fortgearbeitet und nicht aufgehört, in allen Fragen, sei es hydrographischer, physikalisch-geographischer oder entdeckungsgeschichtlicher Natur, welche auf dasselbe sich bezogen, eine der ersten Autoritäten zu sein. K. wurde nach seiner Rückkehr zum Kapitän zweiter Klasse, 1811 zum Klassen-Inspektor im Seecadettencorps ernannt, er nahm regsten Antheil an der Ausrüstung der Kotzebue’schen Expedition, welche zu einem guten Theile sein eigenstes Werk war, ging 1814 selbst nach England, um die wissenschaftlichen Instrumente zu beschaffen, und erhielt dann einige Jahre Urlaub, welchen er zur Ausarbeitung seines großen Atlasses der Südsee benutzte. Von 1822 an war er wieder in Petersburg als Mitglied des Gelehrtencomité’s des Seeministeriums, des Admiralitätsconseils, der Oberschuldirection und des Comité’s für die Organisation der bürgerlichen Schulen thätig. 1826 aber ward er kurz nach der Thronbesteigung Nikolaus I. zum Gegenadmiral und Vorstand des schon früher nach Petersburg verlegten Seecadettencorps ernannt und füllte diese einflußreiche Stellung 17 Jahre aus. Er fand hier die ausgiebigste Gelegenheit seine seemännischen Erfahrungen zugleich mit seinem Wissen und Können aufs Fruchtbarste zu verwerthen und man darf wohl sagen, daß für diese Stellung zu seiner Zeit kein zweiter Mann in Rußland so durch Anlage und Lebensgang bestimmt war wie er. Zwar konnte es nicht anders sein, als daß seine auf höhere Geistesbildung der Seeoffiziere und auf humane Behandlung Aller zielenden Bestrebungen dem Widerstand der reinen Praktiker begegneten, aber er setzte seine Reformen gegen diese durch, vor allem die Schaffung eines höheren dreijährigen Unterrichtskursus für die fähigsten Seekadetten, welche das Corps mit Auszeichnung verlassen hatten. Noch weniger konnte es diesen Feinden gelingen, den Glanz zu trüben, den Freundschaft und Anerkennung der Besten des In- und Auslandes auf Krusenstern’s Person warfen. Es mag hier nur hervorgehoben werden, daß er der Civilklasse des preußischen Verdienstordens, der Royal Society, dem Institut de France, der Göttinger Societät und natürlicherweise als Ehrenmitglied der Petersburger Akademie angehörte; die Dorpater Hochschule ernannte ihn zum Ehrendoctor. Sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum wurde in Petersburg mit einem Glanz und einer Herzlichkeit gefeiert, wie nie vorher eines in diesen Kreisen, und die Zeitgenossen sind einig darin daß die Verehrung, welche K. in allen Schichten fand, ebenso seinem Charakter als seinem Geiste galt; er durfte während der Jahre des herannahenden Alters fast jeden durch Geist und Charakter ausgezeichneten Mann in Petersburg, unter Fremden und Einheimischen, seinen Freund nennen. 1842 als Admiral auf seine Bitte in Ruhezustand versetzt, starb K. am 24. August 1846. Seine Schüler haben ihm vor dem Gebäude des Kadettencorps zu St. Petersburg ein Denkmal errichtet. – Von größeren Arbeiten Krusenstern’s nennen wir außer den beiden monumentalen, die schon genannt sind: „Wörtersammlung aus den Sprachen einiger Völker des östlichen Asiens“, 1813; „Beiträge zur Hydrographie der größeren Oceane“, 1819; „Recueil de Mémoires hydrographiques“, 2 Bde., 1824–27 und „Supplément au Recueil“, 1835. Seiner Arbeit über die Polarreisen ist oben bei O. von Kotzebue gedacht. Unter seinen kleineren Arbeiten sind die zur Entdeckungsgeschichte der Südsee und der Polarmeere (Maldonado, NW. Durchfahrt) in den Allg. Geogr. Ephemeriden und den Memoiren der K. Russischen Admiralität von besonderem Werth. Zahlreiche Mittheilungen enthalten auch Malte Brun’s Nouv. Annales.

Krusenstern’s eigene Angaben in der Reise um die Welt; Th. v. Bernhardi, Vermischte Schriften, 1879, I. Recke, Allg. Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon, [274] 1829. Bd. II. Prince Em. Gallitzin, Notices sur les voyages autour du monde des navigateurs russes. Bull. Soc. Géogr. Paris 1853. II.