ADB:Lattmann, Julius

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Lattmann, Julius“ von Ferdinand Sander in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 51 (1906), S. 597–602, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lattmann,_Julius&oldid=- (Version vom 24. Juli 2019, 07:07 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Latendorf, Friedrich
Nächster>>>
Lauer, Gustav von
Band 51 (1906), S. 597–602 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand Juni 2014, suchen)
GND-Nummer 116863323
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|51|597|602|Lattmann, Julius|Ferdinand Sander|ADB:Lattmann, Julius}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116863323}}    

Lattmann: Julius L., † am 19. August 1898, Schulmann und classischer Philolog. Karl August Julius L. wurde am 4. März 1818 in Goslar am Harze geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Lattmann und dessen Gattin, geb. Vieweg, eine Pfarrerstochter, deren Einfluß den Erstgeborenen von früh auf für das Studium der Theologie bestimmte. Da in Goslar damals kein Gymnasium bestand, kam dieser mit zwölf Jahren in das Haus seines Oheimes, des mit einer Schwester seiner Mutter verheiratheten Seminardirectors Brederlow zu Halberstadt. Er besuchte das dortige Gymnasium und seit Herbst 1833, mit dem in Ruhestand tretenden Oheime dorthin übergesiedelt, dasjenige zu Blankenburg im Harze, legte aber Herbst 1837 die vor kurzem im Königreiche Hannover eingeführte Reifeprüfung, um für den hannöverischen Staatsdienst gesichert zu sein, in Göttingen unter dem Director Ferdinand Ranke ab. Während des nun folgenden theologischen Studiums in Göttingen, wo er daneben auch philologische Collegien bei Otfried Müller und philosophische bei Herbart und Heinrich Ritter besuchte, und seit Ostern [598] 1839 in Jena lernte er Strauß’ Leben Jesu kennen und wurde durch diese Lectüre in seiner anerzogenen Frömmigkeit und theologischen Ansicht derart erschüttert, daß er beschloß, auf den Beruf eines lutherischen Geistlichen zu verzichten. Lücke in Göttingen, Baumgarten-Crusius und Hase in Jena vermochten nicht, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Zwar kehrte er nach halbjähriger Unterbrechung, während deren er daheim das durch den Tod des Vaters verwaiste Geschäft verwaltete, Ostern 1840 noch als Theolog nach Göttingen zurück und bestand 1841 das erste theologische Examen in Hannover (Examen praevium), beantragte aber selbst schon 1842 als Hauslehrer in Wietze bei Celle zu großer Betrübniß seiner Mutter die Streichung seines Namens aus der Liste der theologischen Candidaten. Herbst 1843 bezog er nochmals die Universität Göttingen zum Studium der Philologie, das er, besonders unter Karl Friedrich Hermann, bis Herbst 1846 eifrig betrieb und dann durch die wohlbestandene Oberlehrerprüfung abschloß. Aus der Studienzeit begleitete ihn ins Leben treue, bis zum Tode fortgesetzte Freundschaft mit den Philologen Heinrich Dietrich Müller († 1893) und Ludwig Lange († 1885), sowie mit dem als Hymnologen bekannten späteren Pastor Wendebourg zu Lewe-Liebenburg, der gleich ihm das Alter von achtzig Jahren erreichte und ihm trotz wesentlich verschiedener theologischer, politischer und kirchlicher Richtung stets treu verbunden blieb. Uebrigens kam, um das hier vorweg zu nehmen, auch L. selbst von seinem jugendlichen Extreme durch späteres tieferes Studium und praktische Erfahrung auch im eigenen Hause bald zurück und gelangte, ohne je auf das Recht freier historischer Kritik zu verzichten, zu warmer Schätzung des Christenthumes als wichtigsten Factors der modernen Cultur wie auch des kirchlichen Gemeindelebens als gegebener Quelle des gesunden religiösen Empfindens für den Einzelnen, besonders für die Jugend. Bezeichnend sagte er wohl später, in dem ungern übernommenen Religionsunterrichte hätte anfangs nicht er den Schülern, sondern hätten diese ihm Religion gelehrt. Ebenfalls aus der Studienzeit schon stammte Lattmann’s reges patriotisches und politisches Interesse. In Jena hatte er sich lebhaft der Burschenschaft angeschlossen und die in ihr herrschenden Ideen in sich aufgenommen. Dem „ganzen Deutschland“ galt fortan seine Liebe derart, daß es ihm 1866 leichter ward, als manche Freunde verstehen konnten, den Zusammenbruch des Königreiches Hannover als nothwendiges Opfer für die kräftigere Einigung der deutschen Nation zu verstehen und zu verschmerzen. Seine politische Ansicht fand er später am besten vertreten in der nationalliberalen Partei, der er 1866 auch förmlich beitrat und fortan treu blieb, wenngleich seiner ganzen Eigenart nach durchaus nicht als Jasager bei allen Parteibeschlüssen und politischen Stellungnahmen.

Seine ersten Schritte ins praktische Schulleben machte L. in Göttingen vom Herbst 1846 bis zum 1. Juli 1848 als Mitglied des vom Director August Geffers geleiteten pädagogischen Seminars und in Stade bis Michaelis 1849 als außerordentlicher Hülfslehrer während der Beurlaubung des dortigen Conrectors, späteren Directors Plaß zum Frankfurter Parlamente. Im März 1847 wurde er Doctor der Philosophie mit der Dissertation: „Ciceronem orationis pro Archiâ poëtâ reverâ esse auctorem demonstratur“, die er dem Oheime Brederlow zueignete. In den Jahren 1848 und 1849 betheiligte er sich mit jugendlicher Lebhaftigkeit und, wie ruhigere Beobachter urtheilten, etwas zu stürmisch am hochwogenden politischen Leben. Auch in den Vereinsbestrebungen der Lehrer höherer Schulen im Hannoverischen für bessere Gestaltung des Schulwesens und Besserstellung der Lehrer spielte er als einer der Führer unter den Jugendlichen seine Rolle. Mit dem 1. Januar 1850 [599] trat er, nunmehr als Hülfslehrer (Collaborator) angestellt, an das Gymnasium zu Göttingen zurück, dem er zwanzig Jahre seiner besten Kraft widmete. Im August 1850 starb seine Mutter. Nach mancher Sorge um das berufliche Fortkommen des unruhigen Sohnes hatte sie noch den Trost erlebt, ihn in Göttingen in einem friedlicheren Fahrwasser selbst zu sehen. Nicht erleben durfte sie seine Verlobung und Verheirathung (1851) mit Auguste Grotefend, der stattlichen Tochter des frühverstorbenen Göttinger Gymnasialdirectors August Grotefend (1798–1836). Das reine häusliche Glück, das dieser Ehebund begründete, wurde nur durch Krankheit der Gattin getrübt und durch deren frühen Tod (1861) zerstört. Sie hinterließ einen Sohn, der dem Vater in der Berufswahl folgte und jetzt als Professor in Ilfeld lebt. Noch jäher endete der zweite Ehestand Lattmann’s. Die zweite Frau, Emilie Hildebrand aus Münden, eine nahe Freundin der ersten, die L. 1863 heimführte, starb bereits im November 1864, nachdem sie kurz zuvor ihm den zweiten Sohn geboren hatte, der später die richterliche Laufbahn einschlug. L. blieb fortan Wittwer. Besonders wichtig wurde es für L., daß er in Göttingen seinen alten Freund H. D. Müller wiedertraf, der von philologisch-wissenschaftlicher Grundlage aus eben begonnen hatte, seinen griechischen Unterricht in neuer Weise zu gestalten. L., der sich gern bei Müller’s Ueberlegenheit an philologischer Schulung Raths erholte und durch die Herbart’schen Traditionen des Göttinger Gymnasiums ohnehin zu ernsterer Einkehr in methodischer Hinsicht angeregt war, übernahm 1854 von seinem Freunde den grundlegenden griechischen Unterricht und ging nicht nur mit aller Wärme auf dessen neue Ideen ein, sondern drang auch darauf, in gleichem Sinne den lateinischen Unterricht anzufassen, und suchte in theoretischem Nachdenken wie praktischer Beobachtung die tieferen und tiefsten Wurzeln dieser von beiden Männern als nothwendig erkannten und als nützlich erprobten Reform zu ergründen, ja damit das Ganze der Methodik des Gymnasial- und des höheren Unterrichtes überhaupt in richtigen Zusammenhang zu bringen. So erwuchs aus dem täglichen Verkehre beider Freunde die gesammte philologisch-methodische Schullitteratur, die anfangs ihre Namen vereint und mehr und mehr den Namen Lattmann in den weitesten Kreisen des höheren Schulwesens bekannt machte. Müller nämlich interessirte sich persönlich nur oder fast nur für die wissenschaftliche Seite der Sache und überließ dem Mitarbeiter gern die Verantwortung für die eigentlich schulpraktische, der gerade dessen glühender Eifer galt. Doch es muß auf Lattmann’s litterarische Thätigkeit noch nachher besonders zurückgeblickt werden. Hier mag daher zunächst der äußere Gang seines Lebens zu Ende geführt werden.

Lattmann’s reifende Tüchtigkeit im praktischen Lehramte und der Ernst, mit dem er sich an der theoretischen Erörterung der im Schwange gehenden Schulfragen der Zeit betheiligte, mußte die Aufmerksamkeit der höheren Schulbehörden erwecken. Im J. 1868 wurde ihm eine Directorstelle angeboten. Indeß der regelmäßige Gedankenaustausch mit Müller und die gemeinsame Arbeit an den Schulbüchern, wie Göttingen überhaupt mit den Hülfsmitteln, die es dem Gelehrten bietet, auch der leichte Verkehr mit dem befreundeten Verleger K. Ruprecht, das alles war ihm so ans Herz gewachsen, daß er ablehnte. Aber der Himmel über ihm umwölkte sich bald nachher. Den ausgesprochenen Wunsch Müller’s und Lattmann’s, zur Befestigung ihrer Methode einige Jahre den Anfangsunterricht im Lateinischen und Griechischen selbst übernehmen zu dürfen, wollte der sonst beiden altbefreundete Director Julius Schöning nicht gewähren. Man erhitzte sich gegeneinander. War L. bereits durch Ueberarbeitung reizbar geworden, oder war seine Reizbarkeit Folge dieser [600] Verhandlungen, kurz es kam zu einer Beschwerde über den Director, mit der L. vom hannoverschen Provinzialschulcollegium und vom Minister abgewiesen ward. Wurde dabei ausdrücklich anerkannt, daß der Beschwerdeführer aus sachlichen Beweggründen gehandelt hätte, so zeigte sich bald, daß man nicht daran dachte, ihm die Beschwerde nachzutragen. Im Februar 1870 bot das Provinzialschulcollegium ihm den Posten des Directors am Gymnasium zu Klaustal an, der durch Ernst Ziel’s Berufung nach Dresden erledigt wurde, und diesmal nahm er an, um aus der unleidlich gewordenen Lage in Göttingen zu kommen. 20 Jahre lang leitete er (1870–1890) die ihm auch anvertraute Anstalt mit voller Hingabe an sein Amt und mit reichem Erfolge. Mochte er über die geschäftliche Seite seiner Aufgabe manchmal seufzen, so entschädigte ihn dafür die herrliche, gesunde Lage der Hauptstadt des Oberharzes und vor allem die reiche Gelegenheit, seine methodischen Ansichten in eigener Uebung und mannichfacher Beobachtung zu erproben. In jugendlicher Frische nahm er auch an manchen außer seinem eigentlichen Berufskreise liegenden Interessen lebhaften Antheil und entfaltete eine umfangreiche litterarische Thätigkeit. Schwer entschloß er sich, da ihm das anhaltende Sprechen durch örtliches Leiden erschwert ward, bei sonst kaum geminderter Rüstigkeit im 73. Jahre seines Alters zum Herbst 1890 den Uebertritt in den Ruhestand zu beantragen, der ihm unter Ernennung zum Geheimen Regierungsrath bewilligt ward. Seinen Wohnsitz nahm er wieder in Göttingen, wo er im Verkehre mit alten Freunden, sonst still zurückgezogen, ein eifriger Wanderer, jugendlich alles Neue im Schulwesen und im öffentlichen Leben verfolgend und vor allem fleißig arbeitend und schriftstellernd, noch fast acht Jahre eines schönen Otii cum dignitate verleben durfte. Zwar mahnte ihn die allmähliche Abnahme der Kräfte an sein Alter; aber am 17. August 1898 hatte er noch in seinem geliebten Garten Rosen gepflückt und den Wagen zur Ausfahrt mit zwei ihn besuchenden jungen Damen bestellt, als ihn am Mittag der tödliche Gehirnschlag traf, dem er in der Frühe des 19., ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, erlag. Die hohe schlanke Gestalt, die Leichtigkeit der Bewegung, das lebhafte, heitere Antlitz waren dem Achtzigjährigen wenig verändert bis zuletzt geblieben.

Zum Schriftsteller wurde L., wie bereits angedeutet, durch den Einfluß seines Freundes und Göttinger Collegen Heinrich Dietrich Müller. Dieser hatte bereits seit 1850 besonders für den grundlegenden griechischen Unterricht neue Wege eingeschlagen und zu diesem Zwecke das eingeführte Lehrbuch durch Dictate und als Handschrift gedruckte Einlagen ergänzt. Das Nonum prematur in annum! war inne gehalten und der neue Gang für beide alte Sprachen sorgfältig festgelegt, als die Freunde 1861 mit dem „Lern-, Lese- und Uebungsbuche für den lateinischen Unterricht“ und der „Vorschule für den lateinischen E1ementarunterricht“ hervortraten, denen 1863 die „Griechische Formenlehre“ folgte. Die Schrift Lattmann’s „Ueber die Frage der Concentration“ (1860) war bereits vorausgegangen, in der er Einheitlichkeit des gesammten gymnasialen Lehrplanes durch dessen Gruppirung um das leitende Centralfach – die alten Sprachen – sowie Concentration des Lehrstoffes, der Lehrkraft und der Lernkraft forderte. Es folgte den ersten Lehrbüchern seine Schrift „Zur Methodik des grammatischen Unterrichtes im Lateinischen und Deutschen“ (1866). Hier erscheint neben dem Stichworte Concentration das zweite von ihm später oft zur Bezeichnung der Müller-Lattmann’schen Lehrart gebrauchte Combination. Combinirt wünschte er das mechanische Lernen mit der Erweckung des Sprachinteresses und -Verständnisses und mit dem Schöpfen der Sprachkenntniß aus thunlichst zusammenhängender Lectüre. Aufgebaut sollte [601] das ganze System werden in fünf concentrischen Kreisen oder Stufen, auf deren jeder schon die ganze Sprache in abnehmender Verkürzung, also schon in Sexta Deklination, Conjugation, Syntax, gelehrt werden sollte. Mit Tertia sollte dann der elementare Unterricht sein Ziel erreichen und von da in den höheren Unterricht übergehen und die Lectüre völlig zur Herrschaft gelangen. Es kann hier nicht die ganze Reihe der Schulbücher aufgeführt werden, durch die L. anfangs mit Müller und später mit seinem Sohne Hermann in verschiedenen, theilweise zahlreichen Auflagen seinen Lehrgang immer vollkommener darzustellen suchte. Ebensowenig erlaubt der Raum nachzuweisen, wie L. zu den einzelnen Fragen, die seit 1870 das höhere Schulwesen und die ihm dienende Lehrerwelt bewegten, Stellung nahm. Es muß dafür auf die pietätvoll eingehende Lebensskizze verwiesen werden, die Hermann Lattmann von seinem Vater in der Berliner Zeitschrift für das Gymnasialwesen (1900) entworfen hat, und auf die „Geschichte der Methodik des lateinischen Elementarunterrichts seit der Reformation“ (Göttingen 1896), in der der alte L. gegen den Schluß die eigenen methodischen Ansichten eingehend erörtert. Nur kurz sei angedeutet, daß L. den Gedanken der höheren Einheitsschule, wie er etwa seit 1880 in den Vordergrund der Verhandlung trat, bekämpfte, und daß er in seiner Art auch dem Realschulwesen redlich gerecht zu werden suchte, das er aus seiner Lehrthätigkeit an den mit dem Göttinger Gymnasium verbundenen Realclassen kannte, daß er dagegen in den späteren Jahren den Beginn des fremdsprachlichen Unterrichtes mit Französisch oder Englisch und den späteren Eintritt des Lateins vertrat. Von seinen methodischen Arbeiten seien außer den schon erwähnten noch genannt die Klaustaler Programmaufsätze von 1871 (Die durch die neuere Sprachwissenschaft herbeigeführte Reform des Elementarunterrichts in den alten Sprachen), 1882 (Die Combination der methodischen Principien im lateinischen Unterrichte der unteren und mittleren Classen, 2. Aufl., 1888), 1885 (Die Grundsätze für die Gestaltung der lateinischen Schulgrammatik), 1888 (Welche Veränderungen des Lehrplans würden erforderlich sein, wenn der fremdsprachliche Unterricht mit dem Französischen begonnen wird?) – und die Schriften: „Reorganisation des Realschulwesens und Reform der Gymnasien“ (1873); „Ueber den in Quinta zu beginnenden lateinischen Unterricht, nebst einem entsprechenden Lehrbuch“ (1889). Lattmann’s Schulschriftstellerei schloß würdig mit zwei ernsten geschichtlichen Arbeiten: der bereits erwähnten „Geschichte der Methodik des Lateinischen Elementarunterrichts“ (1896) und der kritischen Würdigung Ratke’s: „Ratichius und die Ratichianer“ (1898), die als Werk eines achtigjährigen Greises erstaunlich zu nennen ist. Es wird mir stets eine rührende Erinnerung bleiben, beide Bücher von meinem alten Lehrer noch kurz vor dessen Ableben als Andenken mit eingehendem Begleitbriefe erhalten zu haben. – Daß Lattmann’s Blicke auch über die Grenzen des Schulstatus hinausgingen, wurde oben angedeutet. Auch als Schriftsteller ließ er sich in Zeitschriften und F1ugschriften gelegentlich vernehmen wie zur Frage der neuhochdeutschen Rechtschreibung, so bei der Vorbereitung und Einführung eines neuen kirchlichen Gesangbuches im Hannoverischen, bei dem in den achtziger Jahren entbrennenden Streite über das apostolische Symbolum, über die vorgeschichtlichen Wallburgen Niedersachsens und die in Caesar’s „Bellum Gallicum“ erwähnten Oppida und manches andere.

Ein reiches und in summa schönes Leben! Konnte bei dem stark persönlichen und etwas doctrinären Gepräge, das dem rastlos und redlich Strebenden unverkennbar anhaftete, L. nicht in die vorderste Reihe einflußreicher Zeitgenossen vordringen, so darf der dankbare Schüler ihm doch das Wort Cicero’s [602] nachrufen, das er einst durch ihn kennen lernte: „Prima sequentem honestum est in secundis tertiisve consistere“.

Hauptquelle: Hermann Lattmann, Julius Lattmann, Ein Lebensbild (Zeitschrift f. d. Gymnasialwesen, 1900, S. 157–190), neben persönlicher Kenntniß und Erfahrung.