ADB:Müller, Heinrich Dietrich

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Artikel „Müller, Heinrich Dietrich“ von Ferdinand Sander in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 506–511, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BCller,_Heinrich_Dietrich&oldid=- (Version vom 7. April 2020, 17:48 Uhr UTC)
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Müller: Heinrich Dietrich M., Philolog und Schulmann, † am 21. Juni 1893. – M., der seinen bleibenden Wohnsitz und sein Arbeitsfeld während seiner männlichen Jahre in Göttingen fand, mußte sich durch eine harte Jugend zu der Stelle, die er in der deutschen Gelehrtenrepublik später einnahm, emporringen. Er wurde am 28. April 1819 in Springe am Deister als Sohn eines Steuereinnehmers geboren, dessen anfängliche militärische, langsame Laufbahn im kurhannoverschen Dienste durch die Convention und Capitulation von Artlenburg (5. Juli 1803) abgebrochen war. Dessen Vater war Notar in Harburg a. d. Elbe gewesen und als erwählter Bürgermeister dort 1776 gestorben. Unter sieben Geschwistern, mit einem älteren Bruder Wilhelm (1812–90), dem späteren Deutschphilologen, und fünf Schwestern, wuchs Heinrich M. bis zu seiner Confirmation in der Enge der Kleinstadt und dem bescheidenen Haushalte des in seinem Kreise angesehenen Subalternbeamten [507] ungestört heran. In der Kirchspielschule des Ortes und demnächst in der Privatschule des „Herrn Kantors“, eines wunderlichen Mannes, der die Schüler zu vielseitigen Interessen anregte, aber nicht gründlich zu unterrichten verstand, vorbereitet, hoffte M., wie es seinem älteren Bruder Wilhelm gelungen war, bei mäßigen Ansprüchen die lateinische Schule zu Holzminden und demnächst die Universität Göttingen besuchen zu dürfen. Da starb der Vater im Januar 1834 und hinterließ die Familie in dürftigster Lage. M. mußte nun selbst seinen Unterhalt verdienen und wurde Schreiber bei einem Zollbeamten zu Stöckte a. d. Elbe (unweit Winsen a. d. Luhe) gegen freie Station und Schreibgebühren, die sich monatlich auf etwa 10 Mark heutiges Geldes beliefen. Als dieser Vertrag sein Ende erreichte, hatte er zu wählen zwischen einer Schreiberstelle mit 144 Mark jährlich, wofür er sich selbst zu beköstigen hatte, und einer andern mit freier Station und 36 Mark bar im Jahre, wofür er überdies noch häusliche Dienste übernehmen sollte. Aber der Trieb, Tüchtiges und Höheres zu lernen, ließ ihn nicht ruhen. Er durchbrach die Fesseln, wanderte mit 2 Mark, die ihm vom Verdienste übrig blieben, zu Fuß durch die Lüneburger Heide und setzte daheim durch, daß er zurückkehren und bei dem vielseitigen Kantor sich für ein Gymnasium vorbereiten durfte. Indeß mußte er noch zweimal die Heide durchwandern, um in Winsen übernommene Arbeiten zu vollenden. Am 26. April 1836 begann das neue Leben. Wunderlich genug muß es nach Müller’s Mittheilungen an den Bruder Wilhelm bei dem universalgelehrten Kantor hergegangen sein, der in Latein, Griechisch, Französisch, Hebräisch, Mathematik und Geschichte unterrichtete. Zum Glücke übersah ihn der begabte und unermüdliche Schüler bald und legte, ohne geradezu mit jenem zu brechen, das Hauptgewicht auf seinen eigenen Lernplan. Er stellte sich vor allem selbst unter die Kritik, zu der ihn der Vergleich seines Lehrers mit den Büchern, die er durch ihn kennen lernte, herausforderte. Unter dem Drucke einer häuslichen Nothlage, die manchen an seiner Stelle entmuthigt oder gar aufgerieben hätte, rang er sich heldenhaft durch. In der Hauptsache autodidaktisch, aber im ganzen doch gut vorgebildet, trat er Ostern 1837 in die Unterprima des Gymnasiums zu Holzminden und gelangte in drei Jahren an das Ziel der Schule, die er mit einem „recht guten“ Reifezeugnisse verlassen durfte. Auch diese Holzmindener Jahre waren an Arbeit – besonders in Privatstunden – und Entbehrungen überreich. Doch wußte er durchzusetzen, daß er sich andererseits sogar den Luxus der Tanzstunde und der Theilnahme an einem Singvereine gestatten durfte. Ostern 1840 bezog er die Universität Göttingen, und zwar als Student nicht der Theologie, wie er ehedem beabsichtigt hatte, sondern der Philologie. Nicht Abneigung gegen jene, wie er ausdrücklich bezeugt, sondern die in den Schuljahren allmählich erstarkte Vorliebe für diese leitete ihn bei der Berufswahl. An der Georgia Augusta finden wir nun die beiden strebsamen Brüder vereint, „ein Loch wie zwei ehrsame Hamster“ bewohnend. Wilhelm war damals Accessist an der Bibliothek. Seine spärliche Remuneration von 75 Mark p. a., einige litterarische Honorare sowie Heinrich’s Gewinn aus Privatstunden und Stipendien mußten die Mittel für das gemeinsame Leben der hartgewöhnten Brüder liefern, die davon noch an die bedürftige Familie abgaben. Daß es nicht ganz ohne Schulden abging, die erst allmählich abgetragen werden konnten, ist verständlich. Auf der Universität scheint M. mehr aus eigenem Studium der Quellen, zu denen ihm der Zugang durch den Bruder erleichtert war, als aus den Vorträgen seiner Lehrer gewonnen zu haben. Doch gedachte er später mit begeistertem Danke K. Fr. Hermann’s, der freilich erst Mitte 1842 von Marburg nach Göttingen kam, sodaß er ihn nur ein Jahr noch hören konnte. In [508] der Prüfung für das höhere Lehramt (1844) fanden die Examinatoren, daß er zwar nur einzelne Gebiete der philologischen Wissenschaft mit selbständiger Genauigkeit kannte, diese aber aus guten Quellenstudien beherrschte, mit scharfem Urtheile und ungetrübter Anschauung durchdrang und eine vorzügliche Fähigkeit zu wissenschaftlicher Darstellung besaß. Nach dieser Prüfung in das Göttinger pädagogische Seminar eintreten zu können, erwies sich als trügerische Hoffnung, da keine Stelle für ihn frei war; so mußte er aufs neue ein hartes Joch auf sich nehmen, um nur leben, seine Schulden abtragen und dann und wann etwas für die darbende Familie erübrigen zu können. Er trat als Lehrer in das Privatinstitut des Doctors Bülau in Hamburg ein. Er hatte dort wöchentlich 30 Stunden Unterricht und 9 Stunden Aufsicht beim Arbeiten der Schüler in theilweise starken Classen, daneben 192 Correcturen zu leisten. Nach Abzug der freien Station ohne Wohnung blieb ihm in dem theueren Hamburg ein Einkommen von etwa 550 Mark jährlich, das er trotz dieser schon übermäßigen Anspannung noch, wenn Gelegenheit war, durch ertheilten Privatunterricht etwas aufbesserte. Man kann in der That von ihm sagen: „Multa tulit, sudavit et alsit!“ und seine bitteren Klagen verstehen: „Meine philologischen Studien liegen ganz darnieder; ich kann garnicht daran denken! – Es ist doch etwas Trostloses, die Sonne nur mit dem Wunsche aufgehen zu sehen, daß der Tag erst wieder vorbei wäre, und bei dem Anfange der Woche nur das Ende im Auge zu haben. Und wenn dann noch die Arbeit selbst so wäre, daß sie geistige Anstrengung erforderte oder doch nur Interesse einflößen könnte. – Aber der Gedanke, daß ich, wenn ich einige Jahre hier zubrächte und mich soviel wie möglich einschränkte, für unsere Familie Beträchtliches thun könnte, erleichtert mir meine saure, saure Stellung!“ Der Mutter freilich konnte er kaum noch wirksam zu Hülfe kommen. Sie starb – und kurz nach ihr eine der Schwestern – im Frühjahre 1845.

Ostern 1846 trat M. in das pädagogische Seminar zu Göttingen ein und begann damit die langjährige Wirksamkeit am dortigen Gymnasium, an dem er, bald von dem gemeinsamen Leiter des Gymnasiums und des Seminars, Director August Geffers, als tüchtige Lehrkraft erkannt, als Collaborator festgehalten ward und später zum Conrector und Professor aufrückte, bis er im Herbst 1882 in den Ruhestand trat. Als Mitglied des Seminars traf er mit seinem gleichaltrigen Studiengenossen Julius Lattmann wieder zusammen, mit dem er vertraute Freundschaft schloß, aus der eine ganze Reihe gemeinsam bearbeiteter Lehrbücher für den Sprachunterricht am Gymnasium hervorging. Lattmann, der 1870 als Gymnasialdirector nach Klausthal berufen ward und ihn überlebte, hat nach des Freundes Tode diesem den Nekrolog geschrieben. Ebenso traf M. dort den jüngeren Studienfreund Ludwig Lange wieder, der 1849 zur akademischen Laufbahn übertrat und darin reiche Erfolge erntete. Dieser suchte den Freund zu dem gleichen Schritte zu bewegen. Allein M. konnte sich dazu nicht entschließen; nicht, wie er erklärte, der unsicheren Aussichten halber – darben hätte er gelernt, erklärte er, – sondern in dem Vorgefühle, daß die Besonderheit seiner wissenschaftlichen Ansichten ihm im akademischen Kreise kaum ein leichtes Aufkommen gestatten würden. Daß bei der Dürftigkeit der damaligen Besoldungen die Lebenslage des jungen Lehrers nur langsam sich besserte, ist zu verstehen. Doch es gelang seiner strengen, besonnenen Lebensordnung, das Gleichgewicht herzustellen; und als er 1855 in Bertha Kostede aus Minden († 1890) eine treue, wirthschaftliche und stets heitere Lebensgefährtin heimgeführt hatte, zog mit ihr auch frohes Behagen in das Hauswesen des ernsten Gelehrten ein, der nunmehr eine seiner ledigen Schwestern dauernd zu sich nahm. Der Ehe entsprossen eine Tochter, die nach [509] dem Tode der Mutter dem alternden Vater noch einige Jahre des Alters behaglich zu gestalten verstand, und ein Sohn, der als tüchtiger junger Gymnasiallehrer neben ihm eine Zeit lang an derselben Anstalt wirkte.

Wer M. in seinen besten Jahren kannte, wie der Schreiber dieser Zeilen, der wird von ihm das Bild eines treuen, unverdrossenen Lehrers bewahren, der bei allem unverkennbaren Vorwiegen der wissenschaftlichen Interessen und bei aller trockenen Gemessenheit seines Auftretens doch der Jugend aufrichtiges Wohlwollen entgegentrug und mindestens die geistig empfänglichen Schüler zu tieferem und eigenem Nachdenken dauernd anregte. Besonderen Fleiß verwandte er auf die schriftlichen Correcturen, deren Ausführlichkeit ihm von den Schülern wenig gedankt ward. Im höheren Alter scheint die Weltfremdheit des einsamen Gelehrten ihn gegen den Muthwillen der Jugend allerdings ziemlich blind gemacht zu haben. Er konnte, selbst in dem redlichen, entsagenden Fleiße seiner Jugend fortarbeitend, sich nicht vorstellen, daß so mancher leichtfertige und ausgelassene Jüngling des Lehrers argloses Vertrauen mißbrauchte und in der Schule mehr die Gelegenheit zu allerhand Ulk als zu mühsamer Arbeit an sich selbst suchte. Doch fehlt es nicht an Zeugnissen dankbarer Verehrung auch von den Schülern dieser späteren Jahre.

Der Schwerpunkt der eigenen Interessen lag allerdings für M. zweifellos in seinen wissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten. Für diese scheint die innige Gemeinschaft mit seinem Bruder Wilhelm von wesentlichem Einflusse gewesen zu sein. Bei beiden Brüdern verband sich das Studium der Sprachgeschichte mit dem der Mythologie. War der eine mehr dem germanischen, der andere dem griechischen Alterthume zugewandt, so trafen sie doch zusammen in den Interessen für die Analogien und verwandtschaftlichen Zusammenhänge und in dem Rückgange auf die gemeinsame Grundlage in der indogermanischen Forschung; und mit Recht wird von kundiger Seite hervorgehoben, daß der jüngere Bruder Heinrich in diesem Austausche mindestens ebenso viel gab wie nahm. Für die sprachgeschichtliche und sprachtheoretische Thätigkeit war bei diesem außerdem die Schularbeit als auslösende Gelegenheit maßgebend und das Zusammenwirken mit Julius Lattmann als formbestimmend. Dieser berichtet darüber in seinem Nekrologe: „Die dauernde Verbindung, in der ich durch den Dienst in zwei aufeinander folgenden Classen mit ihm [M.] stand, führte zu der gemeinsamen Herausgabe von Lehrbüchern, die zunächst nur den Zweck hatten, dasjenige, was wir schon praktisch geübt hatten, zu fixiren: theils um selbst dem entsprechende Lehrbücher zu benutzen, theils um uns nach weiterem Vorrücken diese Grundlagen bei unseren Nachfolgern zu erhalten. Es handelte sich dabei zunächst um die griechische Formenlehre, die aber sogleich auch den Wunsch erweckte, die lateinische in conformer Behandlung vorangehen zu lassen. Unser Aufrücken in die Secunda und Tertia 1863 veranlaßte die Herausgabe der lateinischen Schulgrammatik. Es ist nicht recht, daß diese nur unter meinem, aus buchhändlerischen Rücksichten vorangesetzten Namen genannt wird; in wissenschaftlicher Beziehung und auch für die präcise Stilisirung, die wissenschaftlichen und schulmäßigen Ausdruck zu verschmelzen sucht, ist Müller der Autor, ich bin nur der Ausarbeiter gewesen. Auch die pädagogischen Principien, die ich später selbständiger verfolgt habe, stammen ihren Keimen nach aus unserem collegialischen Verkehr.“ Der Versuch, aus dem umfangreichen Müller-Lattmann’schen praktischen Schulschriftthum Müller’s Antheil rein herauszuschälen, würde danach schwierig sein und jedenfalls hier zu weit führen. Es genüge, auf die fleißige Arbeit beider Verfasser und Müller’s geistige Urheberschaft, sowie auf das Lebensbild Lattmann’s in der A. D. B. und (dort dankbar benutzt) das seines Sohnes Hermann L. in den Neuen Jahrbüchern [510] für Philologie und Pädagogik hinzuweisen. Die schulpraktischen Atbeiten begleitete M. mit einer Anzahl von tiefer grabenden sprachwissenschaftlichen Schriften, wie „Syntax der griechischen Tempora“ (1874), „Der indogermanische Sprachbau in seiner Entwicklung“ (1879), „Sprachgeschichtliche Studien“ (1884), „Zur Entwicklungsgeschichte des indogermanischen Verbalbaus“ (1890). Es lag ihm daran, neben der damals oft einseitig bevorzugten physiologisch-phonetischen Seite der Sprache oder vielmehr über dieser auch die logisch-psychologische, culturhistorische geltend zu machen. Gewiß stak darin etwas Berechtigtes und Wahres. Eine große, bedeutsame Ansicht von Wesen und Werth der Sprache lag zu Grunde. Aber Müller’s etwas starre, im einzelnen oft gebieterische, eigensinnige und schroffe Art reizte den Widerspruch der Kritiker und verhinderte nur zu sehr die unbefangene Würdigung des Guten, was er unleugbar brachte.

Dieselbe Tragik waltete über dem anderen Gebiete seiner Wissenschaft, das M. mit warmer Hingabe und bewundernswerthem Fleiße bearbeitete. Angeregt durch Otfried Müller, den er persönlich allerdings in Göttingen nicht mehr angetroffen hatte, glaubte er den griechischen Olymp aus dem Zusammenschmelzen zahlreicher einzelner Stammesculte und Stammessagen im Verlaufe der altgriechischen Geschichte, besonders im kleinasiatischen Siedellande verstehen, dagegen die um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vorwaltenden Versuche, entweder griechischen, römischen, germanischen Polytheismus als verschieden gestaltetes indogermanisches Erbe oder die Göttermythen sozusagen als Bildersprache für die Vorgänge in der Natur zu deuten, verwerfen zu müssen. Das bekannte Zeugniß Herodot’s, daß Homer und Hesiod erst den Hellenen ihre Götterlehre gegeben haben, sprach für ihn. Längst ist auch heute das Berechtigte seiner Grundansicht in der mythologischen Forschung durchgedrungen. – Betrachtet man jetzt gern die örtlichen Culte als die Elemente, aus denen später die nationalen Göttergestalten sich bildeten, so betonte doch gerade auch M. folgerecht die „chthonische“, d. h. doch auch bodenständige Seite, die noch so oft durch das vergeistigte Götterbild des classischen und nachclassischen Zeitalters hindurchscheint. Aber bei seinen Zeitgenossen fand er anfangs meist heftigen Widerspruch und auf die Länge, je mehr er in seiner Art zu sehen und zu urtheilen gegen andere sich abschloß und der Kritik oft mit herber Antikritik antwortete, wenig Gehör. Erst eine jüngere Generation ist ihm entweder mit grundsätzlicher Zustimmung gerecht geworden, wie besonders O. Crusius, oder hat seine allerdings im Einzelnen oft eigenwilligen und allzukühnen Constructionen wenigstens mit schuldiger Achtung für seinen eindringenden Fleiß und Scharfsinn abgelehnt, wie z. B. Erwin Rohde in der Psyche, K. Robert in der griechischen Mythologie und Ed. Meyer in der Geschichte des Alterthums. Denn allerdings verfuhr zweifellos M. in der Auswahl und Benutzung der Quellen seinen Grundgedanken zuliebe ohne die nöthige kritische Strenge und hegte von der historischen Verwerthung der „mythischen Stammgeschichte“ Erwartungen, die sich mindestens bei dem dermaligen Stande der Forschung nicht erfüllen konnten. Immerhin: wenn Müller’s Freunde oft bedauerten, daß er mit unbeugsamer Zähe an dem aussichtslosen Kampfe für seine eigenartige mythologische Theorie festhielt und sich in diese einspann, so rechtfertigte sich bald nach seinem Tode die Zuversicht des „lebenslang bei Seite geschobenen Mannes“ (O. Crusius), daß eine Zeit kommen werde, die sein Streben besser verstehe und billiger würdige. Näheres Eingehen auf die Frage ist hier ausgeschlossen. Die mythologischen Hauptschriften Müller’s sind: „Ares. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der griechischen Religion“ (1848), womit er zunächst einigen Beifall – so bei K. Fr. Hermann und A. Geffers errang; „Zeus Lykaios“ [511] Gymnasialprogramm 1851), „Mythologie der griechischen Stämme“ (2 Theile, 1857 und 61), „Jahresbericht über griechische Mythologie“ (1858 im Philologus, Bd. XII), „Historisch-mythologische Untersuchungen“ (I. Pelasger und Hellenen. II. Die Sage vom trojanischen Kriege und die Homerische Dichtung. 1892).

Den erregenden Ereignissen seiner Lebenszeit – namentlich denen der Jahre 1848, 1866 und 1870/1 – stand M. als aufmerksamer und scharfsichtiger Beobachter gegenüber, den „so leicht nichts aus seiner Ruhe brachte“, wie er selbst von sich sagte. Zu eigener politischer Bethätigung fühlte er sich nicht berufen; aber der deutsch-patriotische Gesichtspunkt galt ihm als der leitende in allen öffentlichen Angelegenheiten. In seinem häuslichen Kreise fand der sonst ernste, gemessene Mann trotz seiner eifrigen wissenschaftlichen Arbeiten noch stets Muße, um als liebevoller Gatte und Vater auf die großen und kleinen Interessen der Seinigen freundlich theilnehmend einzugehen.

Vgl. besonders: Julius Lattmann, H. D. Müller; ein Nekrolog (in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik. Jahrg. 1894. S. 344 bis 352 und 392–400) und Cr. (Otto Crusius), H. D. Müller als Mythologe (Beilage 69 vom 24. März 1894 zur Münchener Allgemeinen Zeitung).