ADB:Legrand, Johann Lukas

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Legrand, Johann Lukas“ von Georg von Wyß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 128–132, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Legrand,_Johann_Lukas&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 23:16 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Legipont, Oliver
Nächster>>>
Legros, Martin
Band 18 (1883), S. 128–132 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Johann Lukas Legrand in der Wikipedia
GND-Nummer 136592015
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|18|128|132|Legrand, Johann Lukas|Georg von Wyß|ADB:Legrand, Johann Lukas}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=136592015}}    

Le Grand: Joh. Lukas Le G., Director der helvetischen Republik, geb. am 30. Mai 1755, † am 4. Oct. 1836, entstammte einem 1640 aus Doornik in den spanischen Niederlanden (Tournay) in Basel eingewanderten Geschlechte, als einziger Sohn des Kaufmanns und Großrathsmitgliedes Daniel L. Schon im 11. Jahre vaterhaLb verwaist, erhielt er seine Erziehung in der Anstalt von Planta und Neesemann in Haldenstein bei Chur, studirte Theologie in Göttingen [129] und Leipzig, wo er den Magistergrad erwarb und auf Zollikofer’s Kanzel predigte, und veröffentlichte – nach Reisen in Frankreich und England heimgekehrt – 1773 in Basel: „Meditationes circa Eloquentiae sacrae officium et finem“ und „Observationes philologicae“. Inzwischen brachte ihn seine innere Entwicklung unter dem Einflusse der Zeit zu Zweifeln an der hergebrachten Glaubenslehre, er entsagte dem Kirchendienste und trat in den Kaufmannsstand über. Strenge Wahrhaftigkeit und die Achtung, welche er den kirchlichen Anstalten bewahrte, bewogen ihn zu diesem Schritte; erfüllt von dem Vorsatze, der menschlichen Gesellschaft und seinem Vaterlande in jeder mit seinem Gewissen vereinbaren Weise zu dienen, ergriff er auch seinen neuen Beruf in diesem Sinne. Mit Hingebung widmete er sich neben den Geschäften desselben Bestrebungen zum Wohle des Nächsten, trat Isaak Iselin’s Gesellschaft zu Beförderung des Guten und Gemeinnützigen bei, wurde Mitglied der helvetischen Gesellschaft zu Schinznach, 1787 einer der Begründer der allgemeinen Lesegesellschaft in Basel und folgte auch dem Rufe seiner Mitbürger zu Uebernahme öffentlicher Aemter. 1783 wurde er Mitglied des Großen Rathes, im gleichen Jahre Zunftmeister und als solcher Mitglied des Kleinen Rathes oder der Regierung. Hier übernahm L. die Leitung des Erziehungswesens, für das er, überdies angeregt durch Verkehr mit Basedow und Campe, vorzügliches Interesse hegte und bewirkte 1796 und 1797 eine Reform des Basel’schen Gymnasiums. Reichlich bethätigte er seinen Wohlthätigkeitssinn für Bedrängte und Nothleidende jeder Art, zumal als der Ausbruch der französischen Revolution und Frankreichs Krieg gegen die Coalition Basels Umgegend heimsuchten und zahlreiche Flüchtlinge auf schweizerischen Boden trieben. Als Mitglied des Kleinen Rathes, seit 1792 auch Landvogt von Riehen vor Basel, empfing L. in seiner Wohnung daselbst als auf neutralem Territorium am 26. December 1795 die aus österreichischer Gefangenschaft freigegebenen französischen Conventsdeputirten, gegen welche gleichzeitig vor einem anderen Thore von Basel die aus dem Temple in Paris entlassene Tochter Ludwig’s des XVI., Maria Theresia, nachmals Herzogin von Angoulême, an die Bevollmächtigten des Kaiserhofes in Wien übergeben wurde. Als die Grundsätze der Revolution auch in die Schweiz und in Basel unter Leitung des seit 1796 einflußreichsten Mannes, des Oberzunftmeisters Peter Ochs, eine Partei sich bildete, die auf Umgestaltung des Gemeinwesens im Sinne der Demokratisirung hinarbeitete, trat auch L., dessen Anschauungen mit jenen Grundsätzen im Wesentlichen übereinstimmten, dem „Club an der Rheinbrücke“ und der aus demselben hervorgehenden „Gesellschaft zur Beförderung bürgerlicher Eintracht“ bei, in denen die Partei ihren Ausdruck fand. Voll idealer Hoffnungen erblickte L. in ihren Bestrebungen den Anfang zur Verwirklichung allgemeiner christlicher Brüderlichkeit. Ehe indessen ein aus ihrer Mitte hervogehender Antrag auf Abänderung des Fundamentalgesetzes im Sinne völliger Gleichberechtigung der Bürger und Unterthanen, der Städter und der Landleute, im Schoße der Behördern durchdrang, ergriffen die letzteren selbst die Initiative, traten in Versammlungen zusammen, mit denen die Regierung pactiren mußte, und bewirkten durch ihre Haltung, unterstützt durch die gleichgesinnten Städter, daß eine Garnison aus ihrer Mitte in die Stadt aufgenommen und ein Patent von der Obrigkeit erlassen wurde (20. Jan. 1798), welches vollkommene Gleichberechtigung und Verschmelzung von Stadt und Land zu einem politischen Ganzen verhieß. Eine Nationalversammlung von 60 Mitgliedern wurde aufgestellt (2. Februar) und übernahm mit dem Auftrage, die definitive Verfassung für das Gemeinwesen zu entwerfen, die einstweilige Regierung des letzteren. L., durch Charakter und Ansichten vorzüglich populär, wurde bei all’ [130] diesen Vorgängen unausgesetzt in Anspruch genommen. Anfangs Januar erhielt der „beliebte Zunftmeister“ den Auftrag, die in Liestal versammelten, durch Worte einer Rathsbotschaft aufgeregten Landleute zu beschwichtigen, was ihm aber trotz eindringlichster Bitten nicht gelang; am 19. Januar stellte man ihn an die Spitze der städtischen Deputation, welche die ländliche Garnison zum Einzuge in die Stadt einzuladen hatte, und in allen vorbereitenden Verhandlungen, in Commissionen und Ausschüssen, wie schließlich in der Nationalversammlung selbst, war L. stets unter den ersten Erwählten und Bevollmächtigten seiner Mitbürger. In besonderen Aufträgen der Nationalversammlung trat er an der Spitze von ihr bestellter Regierungscommissionen bei dem französischen Residenten Mengaud in Basel, auch als Mitglied einer Deputation auf, die am 24. Febr. vor den Räthen in Bern erschien, um dieselben, freilich ohne Erfolg, aufzufordern, Basels Beispiele zu folgen. Als aber die Invasion der Franzosen in der Schweiz Bern niederwarf und der Eidgenossenschaft eine nach Ochs’s Vorschlägen vom französischen Directorium entworfene Einheitsverfassung aufzunöthigen begann, an welcher die Basel’sche Nationalversammlung vergeblich Abänderungen, zumeist unter Le Grand’s Einfluß, anzubringen versuchte, erfolgte am 12. April 1798 in Aarau die Proclamirung der einen und untheilbaren helvetischen Republik durch die vereinigten Abgeordneten von zehn Cantonen und bei Constituirung derselben wurde L. am 18. April zum ersten Mitgliede der obersten Verwaltungsbehörde, des helvetischen Directoriums, ernannt. In Basel, dessen Nationalversammlung sich nun auflöste, erregte Le Grand’s Berufung an die Spitze des neuen Staatswesens große Freude. L. selbst, obwol „mit Schauder auf das Uebermaß von Gewalt hinblickend, welches die Constitution seinen Amtsgehilfen und ihm verleihe“, und nur mit schwerem Herzen sich von seiner Familie und seinem Handlungshause trennend, hielt es für Gebot der Pflicht, dem an ihn ergangenen Rufe zu folgen. Das Schwere seines neuen Amtes lag indessen thatsächlich nicht in der Fülle von Gewalt, womit das helvetische Directorium nach dem Buchstaben der Verfassung bekleidet war, sondern vielmehr in seiner Ohnmacht gegenüber den fränkischen Gebietern und in der Unmöglichkeit, in der es sich befand, in dem durch dieselben in jeder Weise ausgesogenen und bedrückten Lande eine Verfassung, die dem Geiste des Volkes völlig fremd und der Mehrheit nur durch Frankreichs Waffen aufgedrängt war, zu wirklichem Leben zu bringen und den zerrütteten inneren Frieden, den zerstörten Wohlstand des Landes wiederherzustellen. Mit aller Treue und furchtlosem Muthe harrte L. in der undankbaren Aufgabe aus, die ihm geworden. Es gelang ihm, manches Böse zu verhüten, manche ungerechte Verfolgung Einzelner zu hindern, wie z. B. nur sein Einfluß es war, der Lavater gegen den Zorn der französischen Bedrücker über dessen muthige „Worte eines freien Schweizers an die Große Nation“ schützte. Er verwandte sich auch mit Erfolg für kirchliche, Armen- und Schulanstalten. Aber die energischen Protestationen Le Grand’s und des Directoriums gegen die Willkür und Raubsucht der fränkischen Commissäre und Officiere blieben doch meist gänzlich wirkungslos und L. vermochte auch weder den verderblichen Abschluß der von Frankreich verlangten Offensiv-Allianz Helvetiens mit der Nachbarrepublik, noch die blutige Unterdrückung Nidwaldens durch Schauenburg im Herbste 1798 zu verhüten. Unter seiner Anregung und Unterstützung nahm sich dann Pestalozzi der Waisenschaar in dem verheerten Lande an. Schon beim Antritte seiner Stelle war es aber Le Grand’s fester Entschluß gewesen, nicht länger als ein Jahr die Seinigen zu verlassen, für welche mittlerweile sein Schwiegervater die Obsorge und die Führung des von L. errichteten Fabrikgeschäftes in Arlesheim übernommen hatte, und nachdem sich L. schon im [131] September 1798 Urlaub zu öfterem Besuche daselbst hatte erbitten müssen, nöthigte ihn der Tod seines Schwagers noch vor Ablauf eines vollen Amtsjahres seine Entlassung aus dem Directorium zu verlangen, die ihm am 29. Januar 1799 ertheilt wurde. Aufrichtiges Bedauern auch der politisch Andersdenkenden begleitete den Rücktritt des allgemein hochgeachteten Mannes, der übrigens, merkwürdigerweise, noch immer für Helvetien frohe Erwartungen von den Wirkungen seiner Verfassung und dem Glücke der verbündeten französischen Waffen hegte, während die Schweiz sich gerade an der Schwelle der leidensvollsten Jahre befand, die ihr durch die Verpflanzung des europäischen Krieges auf ihren Boden und fruchtlose Erhebungen gegen die französische Gewaltherrschaft bevorstanden. L. wandte sich nun wieder den industriellen Geschäften, nicht minder aber und mit immer steigender Anstrengung einer philanthropischen Wirksamkeit zu, deren Quelle in einem innersten Bedürfniß lag, Anderen nach Kräften zu dienen und in welcher er sich nach und nach zu dem christlichen Glauben seiner Jugend zurückgeführt fand. In seiner Bandfabrik, die er von Arlesheim nach St. Morand, einem ehemaligen Kloster in der Nähe von Altkirch im Elsaß, verlegte, wo er sich mit einer Colonie von Schweizern niederließ, wurde er nicht nur der Brodherr, sondern wie das Familienhaupt seiner Arbeiter, deren leibliches und geistiges Wohl er sich eifrig angelegen sein ließ; vielfach unterrichtete er persönlich ihre Kinder; eine Beschäftigung, an welcher er besonderen Gefallen fand. Im J. 1812 aber veranlaßte ihn ein Besuch bei Oberlin im Steinthale in den Vogesen, seinen Wohnsitz in der Nähe von Oberlins Pfarrei aufzuschlagen und schließlich mit seiner Familie und seinem Etablissement sich in Fouday daselbst niederzulassen (1814). Ein Band vertrautester Freundschaft knüpfte sich sofort zwischen ihm und Oberlin. L. wurde des schon hochbejahrten und einsam stehenden Oberlin kräftiger Beistand und theilte sich mit demselben in das Werk der Fürsorge für die Bewohner des Thales, denen Le Grand’s industrielle Thätigkeit im Augenblick einer Mißernte und der infolge Aufkommens der mechanischen Spinnstühle eingetretenen Stockung der bisherigen Baumwollenspinnerei eine neue Erwerbsquelle eröffnete. In den schweren Theuerungsjahren von 1816 und 1817 war L. neben Oberlin der Schutzgeist des Steinthales. Vorzüglichen Antheil aber nahm L. immer mehr an der Leitung der Schulen und des Unterrichtes im Thale, errichtete eine Pflanzschule für Handwerker und widmete sich, die commerziellen Geschäfte nach und nach ganz an seine Söhne überlassend, mit jugendlicher Wärme und Begeisterung seiner Lieblingsaufgabe, der Fürsorge für die Jugend, für welche er die Erbauung von Schulhäusern und die Anstellung der nöthigen Lehrer eifrig förderte. Auch des Werkes der Bibelverbreitung nahm sich L. mit Oberlin aufs thätigste an und blieb hiefür, wie für dasjenige der Mission in steter Verbindung mit seinen Freunden in Basel und den dortigen Anstalten und Gesellschaften. So hatte er Oberlin während mehr als eines Jahrzehnts zunächst gestanden, als dieser im Alter von 86 Jahren am 1. Juni 1826 seinen Lauf vollendete. L., eben von einer Reise in Missionsangelegenheiten heimkehrend, eilte an das Sterbebette des Freundes, den er bis zu dessen letztem Augenblicke nicht mehr verließ, und blieb der väterliche Berather und Tröster der ihres Hirten beraubten Bewohner des Steinthales. Seine und seiner Söhne thatkräftige Anregung bewirkte, dem Verstorbenen zum Gedächtniß, die Errichtung der Oberlin’schen Stiftung, deren Einkünfte zu Anstellung von Lehrerinnen für Kinder vom dritten Jahre an (die ersten entstehenden „Kleinkinderbewahranstalten“) dienten. Als im Herbste gleichen Jahres Le Grand’s Gattin ihm nach 46jähriger glücklicher Ehe durch den Tod entrissen wurde, gründete er, ihr zum Andenken, eine weitere ergänzende [132] Schule gleicher Art in Fouday. Zur lebendigeren Erinnerung an Oberlin ließ L. eine Büste desselben durch den trefflichen Bildhauer Ohmacht anfertigen, am 1. Juni 1827 in der Kirche zu Waldbach aufstellen, vertheilte zahlreiche Abgüsse derselben und wies den Erlös aus dem Verkaufe anderer der Oberlin’schen Stiftung zu. Unermüdet setzte er auch weiterhin seine Thätigkeit im Geiste des Verstorbenen fort, ertheilte noch im 79. Altersjahre, als schon seine Augen dunkel geworden waren, von seinem Zimmer aus Unterricht in den 5 Schulen der Oberlin’schen Stiftung und bis zu seinem letzten Augenblicke erfüllte warmes Interesse für die Erziehung der Jugend, für Volksbildung und Volkswohl den liebenswürdigen Greis. Im 82. Jahre starb er. Seine und seiner Gattin Gebeine deckt dasselbe Grab zur Seite von Oberlin’s Ruhestätte auf dem Friedhofe von Fouday.

Neuer Nekrolog der Deutschen, Jahrg. 1836, S. 608 u. ff. – Neujahrsblatt der Hülfsgesellschaft in Zürich auf das Jahr 1858 (mit Le Grand’s Bildniß) und die dort genannten zahlreichen Quellen.