ADB:Leyser, Polykarp von (Philosoph)

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Artikel „Leyser, Polykarp (IV.)“ von Johann August Ritter von Eisenhart in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 527–528, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Leyser,_Polykarp_von_(Philosoph)&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 23:07 Uhr UTC)
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Leyser: Polykarp (IV.) L. (Lyser), Professor der Geschichte und Poesie, Polyhistor, geb. am 4. Sept. 1690 zu Wunsdorff (alt Wunendorp), einem Städtchen unfern Hannover, † am 7. April 1728 zu Helmstädt. L. stammt von derselben altbegüterten Familie wie Augustin v. Leyser (s. o.), mit dem er gleichzeitig als Professor in Helmstädt wirkte. Doch blieb Polykarp’s Linie stets in bürgerlichen Kreisen; sein Vater war Polykarp III. L., sein Großvater Friedrich Wilhelm L., sein Urgroßvater Polykarp II. L., Sohn des Dresdener Hofpredigers Polykarp I. L., über welche alle im Vorstehenden berichtet ist. L. besuchte mit seinem jüngeren Bruder, Wilhelm Friedrich L., das vom Abte Thomas Stange um 1550 gegründete Pädagogium zu Ilfeld, dann die Gymnasien zu Göttingen und Magdeburg und bezog wohl vorbereitet 1709 die hessen-schaumburgische Landesuniversität Rinteln, im folgenden Jahre Rostock; an beiden Orten hörte er vorzugsweise theologische Vorträge und übte sich häufig in Disputationen. 1712 ging er nach Helmstädt, wo er neben theologischen Vorlesungen auch philosophische hörte und 1713 seine erste Dissertation „De conciliis Moguntiensibus“ schrieb. Auf Wunsch seiner Eltern kehrte er im nämlichen Jahre in die Heimath zurück und bereicherte durch gründliche Privatstudien und fleißige Lectüre wissenschaftlicher Werke den ohnedies schon ausgedehnten Umfang seiner Fachkenntnisse. Um die philosophischen Studien zum Abschluß zu bringen, begab er sich 1714 nach Wittenberg, verfaßte dort von 1714–17 mehrere Abhandlungen verschiedensten Inhalts, gründete die „societas colligentium“ und wurde nach Erwerbung des Grades eines magister philosophiae 1716 in den philosophischen Lehrkörper als Adjunct („assessor ordinis philosophici“) aufgenommen. Während nun L. dort als Lehrer wirkte, war er zugleich selbst Schüler der Arzneiwissenschaft, mit der er sich näher vertraut machen wollte, weshalb er medicinische Vorlesungen und Privatissima besuchte. 1718 erhielt er einen Ruf nach Helmstädt als außerordentlicher Professor der Philosophie, und wurde wegen seiner erfolgreichen Thätigkeit bereits im nächsten Jahre zum ordentlichen Professor der Poesie befördert. Er veröffentlichte hier eine Reihe litterär-historischer Arbeiten. Als Rinteln 1721 eine akademische Festfeier beging, wurde L. von der Helmstädter Hochschule dorthin abgeordnet, welche Sendung er zu einer wissenschaftlichen Reise benützte, über die er selbst in der Abhandlung „De flore academiarum promovendo“ (1723) näheren Bericht erstattet. Er ging in Begleitung des Baron v. Dankelmann zuerst nach Kassel, besah die altehrwürdige Krönungsstadt Frankfurt, suchte in Gießen einige Gelehrte auf, berührte Mainz und Heidelberg und traf in den letzten Tagen des Decembers 1721 in Straßburg ein, wo er von den Professoren der dortigen Hochschule aufs freundlichste begrüßt behufs Erwerbung des Doctorgrades der Medicin (6. August 1722) und beider Rechte (5. Novbr. desselben Jahres) längere Zeit blieb. Mit ehrenvollen Zeugnissen in die Heimath zurückgekehrt, entwickelte er eine ungewöhnliche litterarische Thätigkeit, da er in dem Zeitraume von 1722–27 wohl an 30 theils juristische, theils geschichtliche, theils rechtshistorische Abhandlungen veröffentlichte. Im März 1726 unternahm er eine zweimonatliche Reise nach Dänemark und brachte einen reichen Schatz alter Handschriften, Urkunden und geschichtlicher Denkmale nach Hause. Hier wurde ihm gegen Ende des genannten Jahres die Professur für Geschichte übertragen; seine Antrittsrede behandelte das Thema: „Quod nihil sciatur, nisi quod historice scitur“. – Am 31. October des nämlichen Jahres heirathete er die Wittwe des Doctors beider Rechte Schröter, eine [528] Tochter des Abtes Schmid, aus welcher Ehe eine Tochter, Philippina Sibylla, hervorging. In der Nacht vom 1. auf 2. April 1728 erkrankte L. heftig; sechs Tage später in der neunten Abendstunde des 7. April verschied er bei vollem Bewußtsein umgeben von seinen trauernden Freunden, erst 37 Jahre 7 Monate alt. – L. war ein diensteifriger Amtsgenosse, ein biederer Charakter, ein vielseitig gebildeter Mann, der vermöge seiner ungewöhnlichen Summe von Kenntnissen, die Doctorwürde in drei Facultäten – in der philosophischen, juristischen und medicinischen – errungen hat, und eine auserlesene Bibliothek hinterließ. Indessen scheint der Polyhistor in medicinischen Fragen, wie über den Kreislauf des Blutes und andere Punkte in der Schrift: „Icon omnis generis doctrinae“ seltsame Meinungen aufgestellt zu haben, wenigstens nach Stolle’s Aeußerung in seiner „Anleitung zur Geschichte der medicinischen Gelahrtheit“ (S. 234 u. 452), daß L. „mit von der Hardt und Hardouin ein paradoxes Triumvirat von Gelehrten des 17. saeculi repräsentire“. Schon im J. 1719 erschien zu Helmstädt ein „Conspectus scriptorum editorum et edendorum a Polycarpo Lysero“. Das Verzeichniß der scripta edita umfaßt 28 Nummern des buntesten Inhalts, aber vorwiegend litterar-historischer Schriften; das der edenda ist deshalb interessant, weil es beweist, mit wie großartigen Plänen der junge Gelehrte sich trug; nur wenige sind zur Ausführung gekommen, weil sein rastloser Wissensdrang ihn von einem Gegenstand zum andern führte und ihn antrieb, sich in den verschiedensten Gebieten des Wissens gründliche Kenntnisse zu erwerben. Als er in Helmstädt auch den Lehrstuhl der Geschichte übernahm, warf er sich mit allem Eifer auch auf die Erforschung der Geschichte und Alterthümer seiner Heimath und wollte in einer Reihe von Monographien die Geschichte der adelichen Geschlechter in den braunschweig-lüneburgischen Landen beschreiben; erschienen ist die „Historia comitum Wunstorpiensium, Blankenburgensium, Ebernsteinensium, Reinsteinensium“, über die noch in Aussicht genommenen gibt die Vorrede zur Hist. com. Wunst. (Helmst. 1726), S. 3 genaue Auskunft. Seine in das Gebiet der Rechtsgeschichte und Diplomatik einschlagenden Abhandlungen sind als „Opuscula quibus jurisprudentia, historia et ars diplomatica illustratur“ gesammelt, zu Nürnberg 1800 4°. erschienen. Eine ähnliche Sammlung von Schriften litterar-historischen Inhalts kam bald nach seinem Tode heraus mit dem Titel „Amoenitatum litterariarum reliquiae“ (Leipzig 1729, 287 S. 8°); sie enthält 13 kleinere Abhandlungen, aber nur einen Theil der Schriften, die L., auf diesem Gebiete geliefert hat. Da er auch in den exacten Wissenschaften gründliche Kenntnisse besaß, wie mehrfache Schriften von ihm beweisen, so muß man sich fast wundern, daß er wenigstens ein größeres Werk zu Stande gebracht hat, die „Historia poetarum et poematum medii aevi“, (Halae 1721). Durch dieses Werk, in welchem von 700 Dichtern eine große Anzahl lateinischer Dichtungen des Mittelalters theilweise zuerst veröffentlicht ist, hat sich L. einen Unsterblichen Namen in der Litteraturgeschichte erworben. Es ist ein Quellenwerk ersten Ranges und noch jetzt das einzige seiner Art. Da seitdem sehr zahlreiche lateinische mittelalterliche Gedichte im Druck erschienen sind (wir erinnern nur an die Publicationen von Dümmler und Duméril, an die Carmina burana etc.), so war eine neue Bearbeitung des Leyser’schen Werkes längst ein Wunsch der gelehrten Welt; es wollte auch ein bedeutender deutscher Buchhändler eine solche liefern, er hat aber trotz vielfacher Umfragen noch keinen Gelehrten gefunden, der sich einer so schwierigen und umfangreichen Aufgabe unterziehen wollte.

Suppl. actorum acad. Lips. T. X. p. 132 ss.Elogium P. Leyseri vor den Opuscula etc. (Nürnberg 1800, 4°), S. 3-20. – L. Wachler, Gesch. d. histor. Forschung etc., Bd. 2. Abthl. 1. S. 326 u. 27. – L. Wachler, Handb. d. Gesch. d. Litteratur, 3. Umarbeit. Thl. 2. S. 250 u. ff.