ADB:Mörner, Theodor von

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Artikel „Mörner, Theodor von“ von Graap. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 481–483, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%B6rner,_Theodor_von&oldid=- (Version vom 22. September 2019, 11:25 Uhr UTC)
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Mörner: Theodor von M., Historiker, geboren am 20. April 1817 zu Habelschwerdt in Schlesien, † am 3. Januar 1874, entstammte einem alten neumärkischen Adelsgeschlecht, von dessen Mitgliedern viele sowol der preußischen Armee als dem Staate mit Auszeichnung gedient haben. Sein Vater hatte als Lieutenant den Feldzug von 1806/7 und als Husarenrittmeister den von 1813/15 mitgemacht und war nach seiner ehrenvollen Verabschiedung Verwalter der Kreiscasse in Habelschwerdt.

M. erhielt eine sorgfältige Erziehung, besuchte vom 10.–17. Lebensjahre mit Erfolg das Gymnasium zu Schweidnitz und dann die Gewerbeschule, (spätere Gewerbeakademie) zu Berlin, um sich auf Wunsch der Eltern der Maschinenbaukunst zu widmen. Der Trieb zu den Wissenschaften aber veranlaßte ihn schon nach sechs Monaten zum Besuch der Universität zu Berlin. Am 21. Mai 1835 wurde er von Heinrich Steffens immatriculirt. Die Beschränktheit seiner Mittel verbot ihm zwar manchen frohen äußeren Lebensgenuß, dafür aber fand sein frühreifer Geist Ersatz in ernster, wissenschaftlicher Arbeit. Er hörte Ranke’s, Wilken’s und Lancizolle’s Vorlesungen, daneben Böckh, Ritter u. A. Vier Jahre eifrigen Studiums und fruchtbarer Anregungen lagen hinter ihm, als ihn im J. 1839 eine schwere Krankheit befiel, die ihn drei volle Jahre von allen Arbeiten fernhielt. Als er endlich sein Studium – diesmal in Breslau – wieder aufnehmen konnte, verfaßte er sein erstes Werk über das Leben, die Schriften und die Quellen zur Geschichte des Orosius, welches er 1844 der philosophischen Facultät der Universität Berlin zur Erlangung des Doctorgrades einreichte. Die Schrift selbst widmete er Leopold Ranke als demjenigen Lehrer, in welchem er den Hauptvertreter der Geschichte, insbesondere der methodischen und kritischen Quellenforschung erblickte, von der diese Erstlingsarbeit glänzendes Zeugniß ablegte. [482] Neben bereits umfassender Gelehrsamkeit zeigt sie einsichtiges Urtheil und durchdringenden Blick.

In den der Promotion folgenden Jahren beschäftigte er sich eifrig mit den Vorarbeiten zu einer umfassenden Geschichte des großen Concils zu Basel. Die Collectaneen und Notaten zu des Aeneas Silvius Leben und Schriften füllen allein einen ansehnlichen Quartband kleinster Schrift.

Unter Berufung auf diese Arbeit und auf den Umstand, daß die Fortsetzung und Vollendung derselben durch die Nähe der Quellen in der Schweiz begünstigt werden würde, bewarb er sich 1848 um eine Professur der Geschichte in Zürich. Die Bewerbung scheiterte, obgleich Leopold Ranke und Dieterici dieselbe durch nachdrückliche Empfehlung unterstützten. Dieser Ausgang entmuthigte M. so, daß er nie wieder einen Versuch zur Besteigung eines Lehrstuhls unternahm.

Ohne seinen gelehrten Arbeiten untreu zu werden, beschäftigte er sich nunmehr 1849 bei der „Hannoverschen Zeitung“, welche aber nach wenigen Monaten wieder einging. Als dann 1850 sein Vater starb, war er auf eigenen Erwerb angewiesen. In dieser Lage war es eine günstige Fügung, daß sein Lehrer v. Lancizolle, der zum Director der preußischen Staatsarchive ernannt worden war, ihn aufforderte, in den Archivdienst einzutreten. Am 13. Juli 1852 begann er diese Laufbahn als Hülfsarbeiter im Geheimen Staatsarchiv. Durch diplomatische und historische Kenntnisse, sowie durch Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit in hohem Maße für diesen Beruf geeignet, ergab er sich doch nur mit Schmerz darein, einen wesentlichen Theil seiner Kraft der rein wissenschaftlichen Arbeit zu entziehen. Doch ließ er den amtlichen Dienst die Vorliebe für theoretische Beschäftigung nicht entgelten. Seitdem die Lösung einer sehr schwierigen Aufgabe, die Nachweisung der Bestandtheile, aus welchen die in den Provinzen vorhandenen Archive zusammengesetzt waren, seinem eisernen Fleiß mit überraschendem Erfolge gelungen war, fielen stets ihm die Aufträge und nicht bloß für das geheime Staatsarchiv zu, deren Ausführung besondere Sachkenntniß und Umsicht erforderte, auch die dornigsten Commissorien dieser Art; eine Sendung nach Dresden, die Auseinandersetzung über die Hausarchivalien des Herzogs von Nassau, wußte er geschickt zu guter Lösung zu führen.

Noch im J. 1853 zum Assistenten ernannt, wurde er im März 1857 Geheimer Archivar, 1859 Archivrath, 1860 zweiter Geheimer Staatsarchivar; endlich im December 1866 Geheimer Archivrath.

Hätte M. bei ungeschwächter Gesundheit für die Stunden der Muße, welche die amtlichen Verpflichtungen ihm ließen, diejenige leibliche und geistige Spannkraft übrig behalten, deren er zu wissenschaftlicher Verwerthung des ihm immer vertrauter werdenden archivalischen Stoffes bedurfte, so würde die amtliche Arbeit, die ihm überwiegend Pflicht war, ihm auch an sich selber lieber und erfreulicher geworden sein. Das geheime Staatsarchiv lag ihm am Herzen und er wußte, daß nur eine der seinigen gleiche Stellung, die freie Praxis in archivalischen Schätzen und die nur in Jahren zu gewinnende Leichtigkeit in ihrer Handhabung zu zweckentsprechender Mittheilung geschichtlicher Originalzeugnisse befähige. Aber seine Gesundheit sank mehr und mehr. Seit 1856 war er Jahr für Jahr genöthigt, die Zeit der Beurlaubung zu Badecuren zu verwenden, leider mit immer geringerem Erfolg.

Dennoch hat er während der Zeit seiner Amtsführung im geheimen Staatsarchiv bedeutende Publikationen ins Werk zu setzen vermocht, so seine „Märkischen Kriegsobersten des 17. Jahrhunderts“ (1861) und „Kurbrandenburgische [483] Staatsverträge von 1601–1700“, welche beiden Werke als mustergültig bezeichnet werden müssen.

Durch seine gründliche Kenntniß der archivalischen Bestände aus dieser Zeit war er im Stande, bei der Herausgabe der Urkunden und Actenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, deren Leitung ihm in Gemeinschaft mit J. G. Droysen und M. Duncker anvertraut war, mit Rath und That die wesentlichste Hülfe zu leisten. Seine höchst emsigen und umfassenden Vorarbeiten zur Geschichte des kurbrandenburgischen Ministers Adam v. Schwarzenberg zu einer abschließenden Darstellung des Lebens und der Staatsleitung dieses Ministers zu verwerthen, wurde M. durch das Vorschreiten seiner Krankheit verhindert; seine Vertrautheit mit der Thätigkeit Schwarzenberg’s hatten ihm aber den Gegenstand so lebendig gemacht, daß er selbst als die Erlahmung der Nerven bereits sein Augenlicht zu verkümmern begonnen hatte, noch diese Arbeit wieder aufzunehmen versuchte.

Krankheit und Vereinsamung legten ihre düsteren Schatten früher als es dem Durchschnitt der Menschen verhängt ist, über dieses ernste Gelehrtenleben. Abgesehen von dem, was ein ihm eigener Zug von melancholischer Schüchternheit und ängstlicher Selbstwägung an diesem Loose verschulden mochte, wurde er auch durch den Verlust der nächsten Freunde hart getroffen. Ernst Strehlke, der im Frühjahr 1869, kaum 30 Jahre alt, einem Lungenleiden erlag, war M. als Genosse im Amt und geistesverwandter Forscher wie ein jüngerer Bruder werth geworden. Auch durch den frühen Tod des trefflichen A. von Haefften verlor er einen Collegen, den er hochschätzte und liebte. M. war unverheirathet geblieben. In engster Beziehung stand er zu seinem älteren Bruder, der in Berlin als Rath beim Polizeipräsidium fungirte. Nach dessen p1ötzlichem Tode im J. 1865 war ihm keine nähere Anlehnung an Blutsverwandte mehr übrig.

Verzichten, bewußtes, schmerzliches Verzichten galt ihm als Schicksalsspruch für sein Privatleben, wenn auch sein tiefes Gottvertrauen ihn davor bewahrte, mit dem Verhängniß zu rechten oder zu grollen. Entschlossener Muth, den inneren Schatz auch für äußeren Erfolg zu verwerthen, war ihm nicht gegeben. Selbst im geselligen Verkehr mußten seine feinen und stets auf eigenster Auffassung beruhenden Mittheilungen mehr erlauscht werden, als daß er selbst sie zur Geltung gebracht hätte. Um so wohlthuender berührte es, wenn in Augenblicken sorglosen Selbstvergessens eine zutrauliche Mittheilung ihm entschlüpfte; besonders waren es Erinnerungen aus der Kindheit, aus dem Vaterhause, wie nur ein reines Gemüth sie mit Vorliebe hegt, welche er zuweilen mit heiterer Lebhaftigkeit wiedergab.

Seine körperlichen Leiden wuchsen indessen immer mehr. Einseitige Lahmheit, nächtlicher Nervenschmerz, namentlich in der Herzgegend, waren schon zu stehenden Beschwerden geworden, als im Frühjahr 1871 ein Anfall von Lähmung eintrat. Unter zeitweiser Wiederholung solcher Zufälle verlor er nach und nach den freien Gebrauch der Glieder, die Sprache versagte mehr und mehr, das Augenlicht wurde immer unsicherer, bis der Tod ihn am 3. Januar 1874 von seinen schweren Leiden erlöste. Mit ihm war ein edler Mensch, ein treuer Beamter, ein gewissenhafter Forscher dahingegangen; seine wissenschaftlichen Leistungen werden unentwerthet durch die Zeit noch lange der historischen Erkenntniß dienstbar sein.

Zeitschrift f. Preuß. Gesch. u. Landeskunde, 11. Jahrg. Berlin 1874, S. 241–247.
Graap.