ADB:Mühling, Julius

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Artikel „Mühling, Julius“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 491–493, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BChling,_Julius&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 20:54 Uhr UTC)
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Mühling: Julius M., Theaterdirector, wurde im J. 1793 zu Peine im Braunschweigischen als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Für den Beruf eines Kaufmanns vorgebildet, trat er schon in jungen Jahren in die herzoglichen Dienste, indem er Bergfactor wurde. Er heirathete bereits mit einundzwanzig Jahren und war schon Vater von vier Kindern, als er sich überreden ließ, seiner schönen Tenorstimme wegen zur Bühne zu gehen. Nachdem er in Halberstadt Probe gesungen hatte, wurde er für die Hofbühne in Braunschweig engagirt (1819). Aber obwol sein Contract höchst günstig ausgefallen war, zog er es doch vor, schon nach kurzer Zeit um seine Entlassung einzukommen. Er fühlte das Bedürfniß, zu seiner Ausbildung möglichst viel zu singen und zu spielen. Er schloß sich daher verschiedenen Wandertruppen an und eignete sich sowol als Schauspieler wie als Sänger eine nicht alltägliche Routine an. Besonders gelang ihm die Darstellung von Lebemännern und Cavalieren, denn er besaß eine schöne Portion von Humor und eine große Zungengewandtheit. Er war in Düsseldorf, Aachen und Magdeburg thätig und leitete in den Jahren 1830–1837 die Theater in Aachen und Köln. Eine Einladung F. L. Schmidt’s, mit in die Direction des Hamburger Stadttheaters einzutreten, die er im J. 1836 erhielt, bestimmte ihn, seine Stellung aufzugeben und nach Hamburg überzusiedeln. Er stand in dem Ruf eines gewandten und betriebsamen Geschäftsmannes und scheint nach Devrient’s [492] Urtheil seine Direction in Hamburg hauptsächlich von dem Standpunkt eines solchen aufgefaßt zu haben, während Gutzkow, dessen in jener Zeit entstandene Dramen allerdings von M. zuerst auf die Bühne gebracht wurden, sich günstiger über das damalige Hamburger Stadttheater ausgesprochen hat. Jedenfalls pflegte er mit besonderer Vorliebe das Ballet und ließ die berühmtesten Tänzerinnen, wie Marie Taglioni und Therese Elßler, auf seiner Bühne auftreten. Daneben aber duldete er auch Possen der niedrigsten Art, und scheute auch nicht vor Schaustellungen und Kraftproductionen zurück, die heute das Feld unserer Varités bilden. Als Schmidt am 31. März 1841 die Mitdirection aufgab, trat „der talentvolle und gescheidte“ Tenorist Julius Cornet in seine Stelle ein und übernahm die Leitung der Oper, während M. sich der Pflege des Schauspiels widmete. Er hesaß ein hinreichendes Verständniß für die traurige materielle Lage der damaligen Bühnendichter und führte als der erste eine geregelte Bezahlung derselben ein, indem er ihnen nicht bloß Honorar, sondern auch gewisse Einnahmeantheile als besondere Vergünstigungen zubilligte. Aber so viel sich M. auch Mühe gab, den Ruhm des Hamburger Stadttheaters zu erhalten, so wenig war er der Mann dazu, das harmonische Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte vor dem Verfall zu bewahren.

Während des Brandes von Hamburg vom 5. bis 8. Mai 1842 mußte das Theater geschlossen werden. Als es am 18. Mai wieder eröffnet wurde, schien sich die Neigung des Publicums dem ernsten Drama zuwenden zu wollen, doch bezeigten weder M. noch sein College Cornet Verständniß für diesen Zug der Zeit. M. brachte eine unglaubliche Menge neuer und neueinstudirter Schauspiele in raschester Folge zur Aufführung, aber es fehlte seinen Bemühungen der Charakter der Stetigkeit. Er überstürzte alles, und bei dieser Treibjagd stellte sich der gewünschte Erfolg nicht ein. Das classische Repertoire wurde immer mehr vernachlässigt, und wenn einmal ein Stück davon zur Darstellung kam, war die Aufführung so schlecht, daß sie Niemanden befriedigte. M. hoffte fortwährend darauf, daß das Theatercomité ihm infolge des Brandes die Pacht für das Jahr 1842 erlassen würde. Als er sich in dieser Erwartung getäuscht sah, kündigte er am 12. März 1845 seinen Contract und motivirte diesen Entschluß namentlich durch den Hinweis auf die Concurrenz, die ihm das Thaliatheater und die übrigen Vorstadttheater bereiteten. Als die Kündigung angenommen worden war, suchte er und Cornet die Zeit, die ihnen noch bis zum Ablauf des Vertrags blieb, nach Kräften für sich auszunutzen. Dabei brachten sie die Bühne immer mehr herunter. Trotzdem fiel der Abschied, den sie am 28. März 1847 von dem Hamburger Stadttheater nahmen, nicht unehrenvoll aus. M. privatisirte zunächst ein Jahr lang. Im folgenden Jahre ließ er sich jedoch bereit finden, gemeinsam mit Leonhard Meck die Leitung des Stadttheaters in Frankfurt a. M. zu übernehmen. Er mußte auch hier die Ungunst der Zeit an sich erfahren. Infolge der September-Revolution hatten die Diplomaten und die reichsten Bewohner die Stadt verlassen. Es vergingen Jahre, bis sich der Theaterbesuch wieder hob und für die Unternehmer ein finanzieller Erfolg sich ergab. M. versuchte auch in Frankfurt sein altes Mittel, „die Masse durch Masse zu zwingen.“ Ein Gastspiel jagte das andere, die seltsamsten Zusammenstellungen kamen an einem Abend vor, aber alle Bemühungen blieben ohne Erfolg. M. und Meck entschlossen sich daher bereits Ende October 1852, die Direction an den bisherigen Leiter des städtischen Theaters in Prag, Johann Hoffmann, abzutreten. M. blieb unter ihm artistischer Director, allerdings nur zwei Jahre, da sich Hoffmann nicht länger auf seinem Posten halten konnte. Als [493] das Theater am 1. August 1853 wegen Umbaues geschlossen wurde, zog sich M. für immer von der Bühne zurück. Ein immer drohender werdendes Augenleiden nöthigte ihn, bei Gräfe in Berlin Hülfe zu suchen. Er blieb in Berlin als Privatmann wohnen und erlebte noch seine goldene Hochzeit, bei welcher Gelegenheit er durch die Verleihung des Kronenordens ausgezeichnet wurde. Er starb im 81. Jahre zu Berlin am 7. Februar 1874.

Eduard Devrient, Geschichte der Deutschen Schauspielkunst. Leipzig 1874. Bd. V, S. 5 u. 20. – Friedr. Ludw. Schmidt, Denkwürdigkeiten. Hamburg 1875. Th. II (Register). – Die Gegenwart. Hrsg. von Paul Lindau. Berlin 1874. Bd. V, S. 40 fg. – K. Gutzkow, Rückblicke auf mein Leben. Berlin 1875, S. 241. – Deutscher Bühnen-Almanach. Hrsg. v. A. Entsch. Berlin 1875. Jahrg. XXXIX, S. 116–118. – Almanach der Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger. Leipzig und Cassel 1875. Jahrg. III, S. 78–83. – H. Uhde, Das Stadttheater in Hamburg. Stuttgart 1879 (Register). – E. Mentzel, Das alte Frankfurter Schauspielhaus u. seine Vorgeschichte. Frankfurt a. M. 1902, S. 104 fg. u. 119.