ADB:Schmidt, Friedrich Ludwig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schmidt, Friedrich Ludwig“ von Paul Schlenther in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 721–726, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmidt,_Friedrich_Ludwig&oldid=2506381 (Version vom 10. Dezember 2018, 04:48 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Schmidt, Ferdinand
Band 31 (1890), S. 721–726 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Friedrich Ludwig Schmidt (Schauspieler, 1772) in der Wikipedia
GND-Nummer 104325011
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|31|721|726|Schmidt, Friedrich Ludwig|Paul Schlenther|ADB:Schmidt, Friedrich Ludwig}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=104325011}}    

Schmidt: Friedrich Ludwig S., Schauspieler und Theaterdirector, wurde am 5. August 1772 zu Hannover geboren und starb am 13. April 1841 zu Hamburg, wo er seit 1815 bis unmittelbar vor seinem Tode das Stadttheater leitete. Er war der Hauptschüler und dramaturgische Erbe des großen Schröder, und Künstler, wie Heinrich Marr und Theodor Döring verehrten in ihm ihren Lehrmeister.

Der Sohn eines königlich hannoverschen Zolleinnehmers, wuchs er, das vierte unter zwölf Geschwistern in der Hut einer treuen Stiefmutter heran. Bis zur Einsegnung besuchte er das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo er bis Tertia gelangte. Dann war er 1786–1788 Lehrling in einem großen Schnittwaarengeschäft und 1788–91 chirurgischer Handlanger beim Kreisphysikus. Nachdem er mehr mit Hülfe seines ausgezeichneten Gedächtnisses als seiner erworbenen Kenntnisse das Diplom als ausübender Wundarzt erhalten hatte, folgte er endlich seiner längst genährten Theaterpassion, und ohne Wissen des guten Vaters, trotz wohlgemeinter Warnungen des theatermüden jüngeren Döbbelin debütirte er am 22. Januar 1792 zu Braunschweig bei der Tilly’schen Truppe. Er wurde zunächst als zweiter Liebhaber und in Bedientenrollen beschäftigt, auch in Singspielen mußte er mitwirken. Das Repertoire bestand vorwiegend aus Kotzebue und Schröder. Daneben kam auch Shakespeare vor, dessen Hamlet schon in Hannover auf den jugendlichen Theaterenthusiasten mächtigen Eindruck gemacht hatte. Am 15. August 1792 heirathete S. seine Collegin Löwe. Die Ehe wurde aber nach zwei Jahren wieder getrennt, weil die junge Frau an Wahnsinnsanfällen litt. Bei der Tilly’schen Gesellschaft, mit der er auch Lübeck und Rostock bereiste, blieb S., abgesehen von einer kurzen verunglückten Kunstfahrt auf eigne Faust nach Amsterdam, bis zum Herbste 1794. Dann ging er mit guten, unterwegs in Berlin von Fleck erhaltenen Lehren zu Karl Döbbelin nach Posen. Hatte in Amsterdam die Invasion der Franzosen seine Pläne durchkreuzt, so kam ihm jetzt der polnische Aufstand Kosciuszko’s in die Quere. Mit knapper Noth erreichte er sein Ziel. Die Döbbelin’sche Gesellschaft verkehrte auch in Frankfurt a. O. und Stettin und gelangte im Frühling 1795 nach Magdeburg, wo S. zum ersten Mal festeren Boden gewann. Seine Hauptrolle, mit der er allerorten viel Glück und Ehre machte, war damals der Zschokke’sche „Abällino“. Da sich die Magdeburger mit Döbbelin auf die Länge nicht stellen konnten, beschlossen sie, das neu erbaute Schauspielhaus in eigene Direction zu nehmen, und an S., der sich hier beliebt gemacht hatte, erging der Antrag, die Regie zu übernehmen. Er hatte inzwischen mit Döbbelin in Potsdam zum Wohlgefallen des Hofes gespielt und auch ein Gastspiel am Berliner Hoftheater absolviren dürfen, wo er im April 1796 u. a. den „Anton“ in Iffland’s „Jägern“ gab. Fleck tadelte damals seinen Mangel an Haltung, sein heftig aufbrausendes Wesen und sein Uebermaaß an Declamation, verhieß ihm aber eine gute Zukunft. Der Magdeburger Antrag erreichte ihn in Stettin, wo er gerade den in Polen sein Glück vergeblich suchenden Döbbelin in der Prinzipalschaft vertrat. Bestärkt durch allerlei persönliche Reibereien mit Döbbelin griff er freudig zu, und am 19. September 1796 eröffnete er seine Regiethätigkeit dort auf neu hergerichteter Bühne mit der üblichen Antrittsrede und einem Iffland’schen Schauspiel. Sein Freund Pitterlin begleitete ihn als Capellmeister. Sein Einvernehmen mit dem aus Magdeburger Bürgern bestehenden Directionszirkel war anfänglich das beste. Gelegentliche Gastspiele, wie das von Beck und Iffland frischten das Theaterinteresse auf, eine neue Einstudirung des Hamlet [722] nach den Angaben in Wilhelm Meister erregte allgemeinste Theilnahine, und ebenso wurden „Fiesco“, die „Wallensteintrilogie“, Lessing’s „Nathan der Weise“, sein „Philotas“, die „Braut von Messina“ als große theatralische Leistungen anerkannt. Die Hauptrollen spielte meist der Regisseur selbst, der den jugendlichen Philotas und den würdigen Nathan damals in sich vereinigt glaubte. Daß S. der erste Nathanspieler war, der diesem Drama Erfolg einbrachte, verdient litterarhistorisch vermerkt zu werden. Es geschah 1801 zu Magdeburg. Sogar zu einem Gesammtgastspiel nach seinem alten künstlerischen Ausgangspunkt Braunschweig entschloß er sich, wo die Magdeburger Gesellschaft die Concurrenz mit einer französischen Truppe glücklich überstand. Auch in seinen persönlichen Angelegenheiten rückte S. in Magdeburg vorwärts. Seine lückenhafte Bildung ergänzte er im regen geistigen Verkehr mit dem damaligen Magister Delbrück, dem späteren Erzieher Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I.; und schon am 13. August 1798 hatte er sich mit einem ehrsamen Magdeburger Bürgermädchen, Henriette Moers, der Tochter eines Rentmeisters, verheirathet. Sie wurde die treue Gefährtin seines ganzen späteren Lebens und beglückte ihn durch zahlreiche Kinder. Gelegentliche Reisen nach Berlin, wo er mit Iffland, Engel, Kotzebue und durch Delbrück auch mit den kleinen Königssöhnen zusammentraf, frischten seinen Geist auf und regten ihn zu neuen künstlerischen Unternehmungen an. So war Magdeburg auf bestem Wege, etwas für die deutsche Theatergeschichte zu bedeuten. Da kam es zu Unannehmlichkeiten mit dem Directionszirkel. S. wurde ein unliebsamer Gehülfe aufgenöthigt, und so legte er 1804 nach siebenjähriger Thätigkeit die Regie nieder. In der mehr und mehr verlotternden Wirthschaft, die nun unter der Regie und Pacht der Hostovksy und Fabricius folgte, hielt er aber als Schauspieler noch ein Jahr aus. Dann nahm er, da sich gewisse durch Iffland gesteigerte Hoffnungen auf das Berliner Hof- und Nationaltheater, vielleicht zum Schaden dieser vielgeprüften Bühne, trotz erfolgreichem Gastspiel, nicht erfüllten, ein Engagement nach Hamburg an, verabschiedete sich am 2. April 1806 als Schwätzer Zurlering von seinen Magdeburgern und reiste mit Weib und Kindern auf einem Elbkahn seinem neuen Bestimmungsorte zu. Hier in Hamburg fand er Heimath für Lebenszeit.

S. erhielt zunächst eine Jahresgage von 800 Thalern. Am 22. April debütirte er in einem Kotzebue’schen Stück vor leerem Hause, denn es waren politische Unruhen, schönes Wetter und – Posttag. Für Schmidt’s ganze Zukunft entscheidend wurde sein freundschaftlicher Verkehr mit Friedrich Ludwig Schröder, welcher ihn theils auf seinem Landgute, theils in seiner Stadtwohnung häufig empfing und den Gelehrigen mit seinen dramaturgischen Grundsätzen und Ansichten vertraut machte. Schröder war Besitzer des einst von seinem Stiefvater Ackermann übernommenen Theaters und hatte es directionsmüde an ein Consortium verpachtet, welches aber seinen Wünschen so wenig entsprach, daß er ihm nach 10 Jahren den Contract kündigte. Der alt und in seinem Geschmack einseitig und eigensinnig gewordene große Künstler wagte sich am 1. April 1811 noch einmal in das Theatergetriebe. Er überahm seine Bühne wieder selbst und ernannte S. zum „Garderobeninspector“. Schröder aber hatte sich überlebt und zog sich nach einem mühseligen Jahr grollend wieder in seine ländliche Einsamkeit zurück, Jacob Herzfeld, der frühere Mitdirector, übernahm wiederum die künstlerische Leitung, jedoch auf besonderen Wunsch des Altmeisters wurde ihm S. als Regisseur an die Seite gestellt, und zwar mit einem Gehalt von 1600 Thalern. Aus dem Regieamt wurde aber bereits 1815 eine Directionsthätigkeit, und zwar geschah dies auf Veranlassung Schröder’s, welcher in S. den berufensten und zuverlässigsten Fortsetzer seiner Ueberlieferungen erkennen mochte. An Stelle eines stillen Socius übernahm S. neben Jacob Herzfeld am 1. April die „Mitdirection“. [723] Es war hohe Zeit, daß Schröder einen sichern Mann auf seinen Posten stellte, denn schon nach 1½ Jahren starb er, von S. auf seinem Sterbebette treu behütet. Als diesem die Wittwe zum Andenken den Stock des großen Todten schenkte, sagte er ihr die Worte: „Sollte ich alt werden und es geht mir wohl, so ist ja Schröder die Veranlassung, also mit Recht mir Stütze und Stab!“ Bis zum 2. August 1826 behielten die Directoren das „altgemüthliche Theaterchen am Opernhof“ von den nicht immer ganz leicht zu behandelnden Schröder’schen Erben in Pacht. Dann kauften sie es für eigene Rechnung zum Preise von 30 000 Thalern an. Wenige Wochen später verlor S. seinen Genossen Herzfeld durch den Tod und ersetzte ihn durch den Schauspieler Karl Lebrün, mit dem er einen Societätsvertrag auf zehn Jahre schloß. Ohne geschäftlichen Vortheil endete die Aera Herzfeld-Schmidt; am 1. April 1827 begann die Aera Schmidt-Lebrün. Und die neue Aera brachte dem Hamburger Theater auch ein neues Haus. Vom alten, dieser classischen Stätte des Lessing-Ekhof-Schröder’schen Geistes nahm man am 1. Mai mit einem Stück von Schröder wehmüthigen Abschied. In seinem Tagebuche ruft S. ihm nach: „Unscheinbar von außen, warst du doch die Wiege des Codex unserer Kunst und der Hamburg’schen Dramaturgie.“ Was von dem alten Geiste ins neue, am 3. Mai eröffnete Theater am Gänsemarkt herübergerettet wurde, kommt auf Rechnung unseres S., der freilich gleich zu Anfang über die Größe und Weitläufigkeit des neuen Theaters ähnliche, gewiß vollbegründete Klagen führte, wie sie neuerdings in Wien von den altangestammten Zierden des Burgtheaters über den neuen, Ohr und Auge verwirrenden Prunkpalast am Franzensring erhoben werden. S. betrat die neue Bühne zuerst als „Vansen“ und schon bei den ersten Worten merkte er, daß da ganz andere Saiten aufgezogen werden mußten, als in dem kleinen alten Hause, wo die Schauspieler nur zu sprechen brauchten, wie ihnen „der Schnabel gewachsen“ war. „Ach, wie bald sollte ich inne werden, daß es um Feinheiten, kunstvollere Nuancen und geistreiche Pointirung auf diesem nur der Oper günstigen Riesenschauplatze unwiederbringlich gethan sei! Das Reich des Verstandes, der klugen Combination, des fertigen Ensembles war vorüber – dasjenige der Lunge begann.“ Von einem alten Kunstfreunde aus der Lessingzeit, dem Freiherrn v. Vogt, ließ sich S. noch 1834 bestätigen, daß Schröder’s Geist noch auf dem für Conversationsstücke nirgends in Deutschland erreichten Ensemble zu ruhen scheine. Freilich setzt der alte Herr hinzu: „Könnten Sie nur wieder in einem kleinen Hause spielen! Nur da ist Natürlichkeit möglich; nur da wird jede Nüance, die dem Spiel erst Leben gibt, gesehen und verstanden.“ Weniger gut als dem Conversationsstück ist es in Hamburg unter S. wie unter Schröder der classischen Tragödie ergangen, und von allen Schiller’schen Dramen gelang „Kabale und Liebe“ am besten. Wenn auch S. in der Geringschätzung des „Versgeklingels“ keineswegs so weit ging wie der Altmeister und als Sohn des Schiller’schen Zeitalters diesem sein Recht ließ, so konnte er sich doch beispielsweise mit der Schlegel’schen Shakespeare-Uebersetzung so wenig befreunden, daß er für Hamlet noch immer Schröder’s alte Umarbeit vorzog. Erst ein Besuch bei Tieck in Dresden, der durch seine Vorlesung von „Romeo und Julia“ tiefen Eindruck auf S. machte, konnte sein Verständniß für Shakespeare erweitern. Mit neuern Producten des sogenannten höhern Dramas ging er so gewaltthätig um, daß man ihn spöttisch die „unbarmherzige Theaterscheere“ nannte; so soll Hebbel’s „Judith“ durch diese Scheere sehr zu Schaden gekommen sein. Andererseits erwarb er sich wie einst in Magdeburg durch die Nathanaufführung, so auch in Hamburg litterarisch-dramaturgische Verdienste ersten Ranges. Mit sicherm Gefühl erkannte er vor allem die Bedeutung von Heinrich Kleist und Ferdinand Raimund. Schmidt’s Bearbeitung des „zerbrochenen Kruges“, die [724] am 28. September 1820 zum ersten Mal in Hamburg in Scene ging, wetzte die traurige Scharte von Weimar so gründlich aus, daß sie noch heute auf allen bedeutenden Bühnen fortlebt, und Schmidt’s Dorfrichter Adam vererbte sich über Döring und Laroche weiter auf viele hervorragenden Schauspieler unserer Zeit. Auch den „Prinzen von Homburg“ brachte S. frühzeitig, wenn auch für den großen Dichter leider zu spät, auf die Bühne. Weniger wollte es mit der „Familie Schroffenstein“ glücken; aber hier ist schon der Versuch rühmlich. Raimund lernte der Hamburger Director auf seiner einzigen Kunstreise, die er sich persönlich verstattet hat, 1829 in Wien, wo er damals am Burgtheater 7 Mal gastirte, kennen, sowol den Director wie den Darsteller. Der Erfahrung trotzend, daß süddeutsches Wesen auf norddeutschen Bühnen damals sich schlecht einbürgern wollte, lud S. den genialen Urwiener nach Hamburg. Das erste Gastspiel, das in den Herbst 1831 fiel, wurde durch die Cholera unterbrochen, die auch dem gesammten Theaterwesen einen Ruck fast bis zur Auflösung gab. Zuletzt kam Raimund 1836 nach Hamburg und brachte den „Verschwender“ mit. S. erzählt, daß ihn das Hobellied bis zu Thränen gerührt habe, während die Hamburger kühl blieben.

Dieser Gegensatz zwischen eigenem Geschmack und den Gelüsten des Publicums durchzieht Schmidt’s gesammte Directionsthätigkeit; er ist auch das elegische Leitmotiv seiner umfangreichen, bis an den Tod reichenden „Denkwürdigkeiten“, welche Hermann Uhde 1875 im Auftrag des Sohnes bei Mauke, Hamburg, in zwei dicken Bändchen herausgegeben hat. Uhde, der in Vor- und Nachwörtern dieser „Denkwürdigkeiten“ seinen Helden stark verklärt, urtheilte 4 Jahre später in seiner „Geschichte des Hamburger Stadttheaters“ (Stuttgart, Cotta) wesentlich kühler über Schmidt’s Direction und wirft ihm zu öftern Malen schwächliche Nachgiebigkeit gegen Launen und Ungeschmack des Publicums vor. In der That fehlte es S. an der mächtigen litterarisch-künstlerischen Persönlichkeit, um als führender Geist die Masse mit sich zu ziehen. Wie er in allen Dingen ein Muster bürgerlicher Tugenden war und am genehmsten ihm das kam, das sich „recht populär, häuslich und bürgerlich“ gab, so hat er fast bis zuletzt gute Disciplin unter seinen Leuten gehalten, treu seiner Kunst und seinem Meister, ehrlich gestrebt und Wackeres geleistet, aber nicht ohne einen Gran kleinmüthiger Spießbürgerlichkeit, in welcher er durch den gealterten Schröder bestärkt worden war. Aber es ist fraglich, ob ein kühnerer Geist so lange in Hamburg Stand gehalten hätte, während S. doch zwei Jahrzehnte hindurch die alte Tradition, schauspielerisch wie litterarisch, aufrecht hielt. Wenn er zuweilen epigonenhaft Altbackenes für neu anbieten wollte, so suchte er sich doch auf der Höhe seiner Zeit zu halten. Und von Weber’s „Freischütz“ bis zu Meyerbeer’s „Hugenotten“, von Müllner und Raupach bis zu Scribe und Gutzkow fand Alles in Hamburg eine Stätte. Seinen Aerger über die einträglichen und zugkräftigen Birch-Pfeifferiaden wird man dem ehrlichen Manne herzlich gerne glauben und man wird anerkennen, wie fein er die fruchtbare Madame von seinem verehrten Iffland zu unterscheiden weiß, aber darf man es dem Theaterdirector allzusehr verargen, daß er die seinem Publicum schmackhafte „Pfefferrösel“ aufführte? In diesen und ähnlichen Vorwürfen steht Uhde dem praktischen Bühnenwesen allzu doctrinär gegenüber. So tadelt er Schmidt’s Vorliebe für Gastspielreisende, und doch konnten Künstler wie Sophie Schröder, Ludwig Devrient, Seydelmann nur anregend auf den Geschmack des Publicums wie der Darsteller wirken. Allerdings läßt sich in Verfolg der 26jährigen Directionsthätigkeit Schmidt’s eine merkliche Decadenz wahrnehmen. Nachdem er sich 1837 von Lebrün, dessen Trunksucht starke Verlegenheiten brachte, hatte trennen müssen und in Julius Mühling einen jüngeren Genossen sich gewählt hatte, schien auch seine eigene Kraft zu ermatten. [725] Sogar eine Kunstreitergesellschaft wird vom Director der alten Schröder-Bühne als verderbliche Concurrenz empfunden und unter Hinweis auf die Zunftrechte des Handwerks ruft er nach der Polizei. Zunehmenden Coulissenkabalen konnte er immer geringern Widerstand entgegensetzen, und so beschloß er, nach 26jähriger Direction sich in den Ruhestand zurückzuziehen. Im März 1841 trat er noch einmal in seinen Lieblingsrollen auf; u. A. auch als Dorfrichter Adam. Sein letztes Auftreten fand am 28. März 1841 statt, und sinnvoll hatte er sich ein Lustspiel von Schröder zum Abschied gewählt. Genossen wie Publicum erwiesen dem ehrwürdigen Greise reich verdiente Ehren. Er selbst aber konnte ein Leben ohne Müh’ und Arbeit nicht ertragen. Schon zwei Wochen später erlag er einem Lungenschlag.

Wie als Schauspieler und Schauspieldirector, so hat sich S. auch schriftstellerisch hervorgethan. Unter dem Titel „Dramaturgische Aphorismen“ erschienen von ihm 1820, 1828 und 1834 drei Bändchen. in denen er manche gute Lehre der Schauspielkunst vorträgt. Schröder’s oberster Grundsatz, absolute Lebenswahrheit, galt auch für ihn, und gegenüber der von Weimar her immer mehr vordringenden Theatermanier war die strenge Befolgung dieses Princips doppelt verdienstlich. Was man in unserm Jahrhundert unter der Hamburger Schauspielerschule versteht, ist im wesentlichen auf Schmidt’s Wirken zurückzuführen. Und überall, wo man auf heutigen Bühnen von starken künstlerischen Naturellen die Gebote der Einfachheit und Natürlichkeit befolgt, wird sich, wenn nicht immer der directe Weg, so doch irgend ein Umweg zum Hamburger Stammhalter der Schröder und Lessing finden lassen. So lebt Schmidt’s Andenken weit fester in seinem vergänglichen Wirken fort, als in dem, was von ihm durch Druck und Schrift Dauer gewonnen hat. Denn außer seinen dramaturgischen Aufzeichnungen und seinen nachgelassenen Denkwürdigkeiten, die ein documentum temporis acti sind, hat er zahlreiche Bühnenstücke verfaßt, denen er selbst keinen allzu hohen dichterischen Werth scheint beigemessen zu haben. Er folgte der alten Schauspielersitte, für den litterarischen Bühnenbedarf selber zu sorgen. So hat er nicht nur eine Fülle von Gelegenheitsstückchen und Festspielen verfaßt, u. A. der nach schwerer Kriegsnoth entstandene „Tag der Erlösung“, sondern, nachdem er sich in früher Jugend dem Zeitgeschmack gemäß an moralischen Gegenständen versucht und unter dem Titel „Unglück prüft Tugend“, „Die Kette des Edelmuths“ oder „Rechtschaffenheit und Betrug“ thränenreiche Familienstücke zu Wege gebracht hatte, wagte sich dann sein stark erregtes historisches Interesse auch an vaterländische Stoffe. Besonders gab ihm dabei die Vergangenheit Magdeburgs zu schaffen. Das namhafteste dieser Stücke betitelt sich: „Der Sturm von Magdeburg“ und wurde am 10. Mai 1799 auf der Magdeburgischen Nationalbühne zuerst aufgeführt. Es behandelt die Tilly-Affaire von 1631. S. wurde durch die jährliche Feier der Eroberung von Magdeburg dazu angeregt; also auch hier etwas wie ein Gelegenheitsstück, das aus der Lectüre von Schiller’s Geschichte des dreißigjährigen Krieges Früchte gezogen hat und in seinem Prosastil der aus Goethe’s Götz hervorgegangenen allmählich stark verwässerten Ritterdramatik nicht ganz fern steht. Mit zunehmendem Leben versiegte Schmidt’s productive Ader. Dem Hamburger Theaterdirector und vielbeschäftigten Schauspieler wurde die Zeit zum Dichten immer knapper; und was ihm von Muße übrig blieb, wendete er auf sein Familienglück.

Sein ältester Sohn, Philipp S., geboren am 18. December 1800, † am 6. August 1873, lebte als vielbeschäftigter Arzt hochangesehen in Hamburg. Seit dem 22. November 1831 war Philipp mit der Opernsängerin Elisabeth Schröder verheirathet, einer Tochter der großen Tragödin Sophie Schröder Der älteste Sproß dieser Ehe, Friedrich Ludwig S., Schauspieler in Hamburg [726] († am 29. Juli 1890), konnte bereits 6jährig den Großvater bei seinem 25jährigen Directions-Jubiläum in einem von Karl Gutzkow gedichteten Festspiel durch mimisch-declamatorische Leistung erfreuen. Drei Töchter des alten S. waren sehr glücklich und vortheilhaft mit hochgeachteten und einflußreichen Hamburger Bürgern verheirathet. Keine hat den Beruf des Vaters erwählt, obwol die älteste, Luise, in zarter Kindheit oft bei den vom Vater zum Broterwerb veranstalteten „Declamatorien“ sich betheiligt hatte. S. war von Leib und Seele Bühnenkünstler, soweit die Kunst in Frage kam; seine Privatneigung aber zog ihn in ehrsame und wohlgeordnete bürgerliche Verhältnisse.