ADB:Schmidt, Ferdinand

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Schmidt, Ferdinand“ von Heinrich Pröhle, Rudolf Schwarze in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 719–721, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmidt,_Ferdinand&oldid=- (Version vom 21. November 2019, 10:42 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 31 (1890), S. 719–721 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Ferdinand Schmidt (Autor) in der Wikipedia
GND-Nummer 117502855
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|31|719|721|Schmidt, Ferdinand|Heinrich Pröhle, Rudolf Schwarze|ADB:Schmidt, Ferdinand}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117502855}}    

Schmidt: Ferdinand S., der bekannteste Jugendschriftsteller Berlins. Er wurde geboren zu Frankfurt a. O. am 2. October 1816 und auf dem Seminar zu Neuzelle zum Volksschullehrer ausgebildet. Seine Familie hatte militärische Erinnerungen aus dem niederen preußischen Soldatenstande aufzuweisen. Dies war es, was seiner Schriftstellerei die volksthümliche Richtung und seiner ganzen Wirksamkeit, auch in der Schule, den Schwung gab. Der Erfolg erschien freilich noch sehr zweifelhaft, als er in Berlin Lehrer in der Armenschule wurde und, bereits schriftstellerisch thätig, sehr mit der Disciplin zu kämpfen hatte. Der Freiherr v. Seld, der in irgend einer Weise die Armenschule mit zu beaufsichtigen hatte, verhehlte ihm sein Mißfallen nicht. Schlimmer war es für ihn, daß auch der damalige Stadtschulrath Otto Schulz, der das Berliner Schulwesen selbständig in einem liberalen Sinne leitete, ihn an den beschränkten Unterthanenverstand erinnerte, wenn er der Stadt von seinem wirklichen oder eingebildeten Wissen auf dem Gebiete des deutschen Unterrichts oder des Lesebuches etwas zu gute kommen lassen wollte. Indessen trat hierin nach dem Tode von Otto Schulz eine Aenderung ein, als die Stadtverordnetenversammlung eine größere Bedeutung erhielt. Der Gang der Entwicklung des Berliner Volksschulwesens war nun doch einmal durch den quiescirten Seminardirector Diesterweg vorgezeichnet, dieser aber hinterließ keinen treueren Freund als Ferdinand S., der sogar dessen Schwiegersohn und Nachfolger, den Seminardirector Thilo, vom Standpunkte des Schwiegervaters aus richten wollte. Auch der patriotische und gemeinnützige Sinn des einfachen Elementarlehrers ließ sich nicht mehr über die Achsel ansehen, als Preußen immer entschiedener seinen Zielen entgegeneilte und in der Weltstadt Berlin Elemente erzeugt wurden, die, wenn der Einfluß der Prediger nachließ, am besten von einem durch die Erfahrungen in der Armenschule vorgebildeten Erzieher bekämpft werden konnten, der die Worte der Bibel „Mich jammert des Volks!“ oft wiederholt hat. Zum Theil in Dutzenden von Bänden erschienen von S. „Jugendbibliothek“, „Frauengestalten in der Sage“, „Volkserzählungen“, „Volkserzählungen und Schilderungen aus dem Berliner Volksleben“ und „Patriotische Erzählungen“. Im Katalog der königl. Bibliothek füllt das Verzeichniß seiner Schriften einen Bogen aus. Die Persönlichkeit des Autors war eine durchweg gewinnende, das intelligente Gesicht und das bescheidene Wesen empfahlen den zierlichen jungen Lehrer, der zuletzt an der 55. Gemeindeschule wirkte, den angesehensten Gelehrtenkreisen. Varnhagen v. Ense schrieb nach einem Besuche, den ihm S. machte, Worte der höchsten Anerkennung über ihn, die ihm eine ganz andere Stellung geben sollten. In der That, wenn Ferdinand S. als Jugendschriftsteller nur das Material der [720] Elementarschule weiter verarbeitete, so wies doch eben jener Gemeinsinn und jener Patriotismus über diese nur beschränkte pädagogische und schriftstellerische Thätigkeit hinaus. Er übertraf sich daher gewissermaßen selbst 1862 durch das Buch „Preußische Geschichte in Wort und Bild“. Die Stellung, welche er durch dies Werk erhielt, konnte er freilich nicht behaupten. Ein Buchhändler wollte ihn an die Spitze der Herausgabe einer Sammlung geschichtlicher Monographien stellen. Er machte eine Reise durch Deutschland und erzählte nachher mit Rührung, wie er in Tübingen Ludwig Uhland und Cotta gegenüber saß, ohne sie zu erkennen, da er sie für schlichte Bürger hielt, die beim Glase Landwein saßen. Trotz der Bemühungen des gefälligen Klüpfel kam das Unternehmen, dessen Leitung einen Schüler Ranke’s verlangt hätte, nicht zu Stande.[1][2] Nicht einmal das einzige Werk, welches ihm versprochen wurde – die Kalandsbrüder von Ledebur – ist erschienen. Doch das Scheitern dieses Planes war nicht so schlimm, als das Gelingen eines andern. Der Schweizerschriftsteller Jeremias Gotthelf hatte auch in Deutschland einen Leserkreis gewonnen. Die Leipziger Zeitschriften „Deutsches Museum“ und „Grenzboten“ hatten ihn warm empfohlen. Hierauf hatte Jakob Grimm ihn geprüft und sich den begeisterten Lobrednern angeschlossen[WS 1]. Der in der Zeitschrift für deutsches Alterthum (1890) abgedruckte Briefwechsel über das deutsche Wörterbuch zeigt, daß er darüber von Hirzel zur Rede gestellt wurde, daß aber Jakob Grimm den frommen Pfarrer von Lützelflüh mit der vollsten Sachkenntniß (worüber er sich gegen Hirzel auswies), nochmals so wie er mit Einmischung von mancherlei Schweizerdeutsch geschrieben hatte, rechtfertigte. Leider versäumte es Gotthelf, der sich noch kräftiger fühlte, als er war, damals selbst eine Ausgabe seiner Werke zu machen. Nach seinem Tode aber wurde dieselbe Ferdinand S. zur Bearbeitung übergeben, was der deutschen Litteratur nicht zum Segen gereichen konnte. Wenn auch die „Weltgeschichte für Schule und Haus“, welche S. 1876 veröffentlichte, ein gut lesbares Volksbuch sein mag, so lag es doch auf der Hand, daß sie zu wenig Eignes bieten konnte. Trotz der Grenzen, welche demnach dieser ganzen Schriftstellerei gesetzt waren und die einfach auf dem Mangel der Universitätsstudien beruhten, war S. als Jugendschriftsteller beliebter als sein Nachbar, der vielseitige Dielitz, der die königsstädtische Realschule leitete. Wie Dielitz, so rissen auch die Dresdener Nieritz und Franz Hoffmann die Jugend mehr mit sich fort als S., aber dieser erzielte die größere sittliche Wirkung. Hierdurch zeichnete er sich auch vor den begabten Berliner Dichtern aus, welche den kecken Versuch gemacht haben, mit der einen Hand das Witzblatt und mit der andern die Jugendschrift zu bedienen. Ferdinand S. besaß nicht die unergründliche Gemüthstiefe eines Pestalozzi, nicht die erhabene Einfalt eines Christoph v. Schmid und nicht die Kenntnisse des gewandten Löhr, mit dessen zu früh vergessenen Jugendschriften die seinigen sonst wohl einige Vergleichungspunkte darbieten würden. Aber, wie in seiner Grabrede in Gegenwart Frommel’s und des Stadtschulrath Bertram von Döbbelin trotz Seld und Otto Schulz ganz mit Recht gesagt wurde: er war sogleich als Armenlehrer an den rechten Platz gestellt worden. Das beweist die Anhänglichkeit der späteren Communallehrer an ihn, deren einer eine eigne kleine Schrift über ihn geschrieben hat. Es verdient die größte Anerkennung, daß die Stadt Berlin, während Bertram bereits das Volksschulwesen leitete, ihn mit vollem Gehalte in den Ruhestand versetzte, und zwar nach 43jähriger Dienstzeit, was bei seminaristisch gebildeten Lehrern kein hohes Dienstalter ist, besonders da in diesem Falle auch noch ein dreijähriger Urlaub davon abzurechnen ist. S. starb am 30. Juli 1890 im Alter von 74 Jahren und wurde am 3. August auf dem alten Elisabethkirchhofe in der Ackerstraße begraben. Ihn überlebte die Wittwe mit zweien von drei Söhnen. Seine zahlreichen Schriften trugen ihnen kein Vermögen ein.

[721] Das Material zum Theil nach der Vossischen Zeitung vom 30. Juli, sowie vom 2. und 3. August 1890.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 720. Z. 11 v. o.: In der That erschien – im Verlag von Brigl in Berlin – um 1860 unter dem Titel: „Deutsche National-Bibliothek. Volksthümliche Bilder und Erzählungen aus Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart. Herausgegeben von Ferd. Schmidt“, eine Anzahl von Bänden historischen Inhalts, hübsch ausgestattet bis zu 16 Bogen stark. Darunter Arbeiten von Biedermann, Falke, Klüpfel, Kutzen, K. A. Mayer, Schottmüller, Joh. Voigt, Wachsmuth, Waitz u. a. Den Bänden ist als Vorwort eine Autobiographie der Verfasser nebst deren Porträt vorangestellt. [Bd. 33, S. 800]
  2. S. 720. Z. 11 v. o.: In der That erschien – im Verlag von Brigl in Berlin – um 1860 unter dem Titel: „Deutsche National-Bibliothek. Volksthümliche Bilder und Erzählungen aus Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart. Herausgegeben von Ferd. Schmidt“, eine Anzahl von Bänden historischen Inhalts, hübsch ausgestattet, bis zu 16 Bogen stark, darunter Arbeiten von Biedermann, Falke, Klüpfel, K. A. Mayer, Schottmüller, Joh. Voigt, Wachsmuth, Waitz u. A. Den Bänden ist als Vorwort eine Autobiographie der Verfasser nebst deren Porträt vorangestellt. [Bd. 36, S. 790 f.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: augeschlossen