ADB:Uhland, Ludwig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Uhland, Ludwig“ von Hermann Fischer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 148–163, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Uhland,_Ludwig&oldid=2486305 (Version vom 13. Dezember 2018, 00:07 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Uhland, Ludwig Josef
Nächster>>>
Uhle, Johann August
Band 39 (1895), S. 148–163 (Quelle).
Wikisource-logo.png Ludwig Uhland bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Ludwig Uhland in der Wikipedia
GND-Nummer 118625063
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|148|163|Uhland, Ludwig|Hermann Fischer|ADB:Uhland, Ludwig}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118625063}}    

Uhland: Johann Ludwig U., der Dichter, geboren in Tübingen am 26. April 1787, † ebendaselbst am 13. November 1862. – Uhland’s Familie war seit 1720 in Tübingen ansässig. Sein Großvater, Ludwig Josef U. (1722–1803), war Professor der Theologie, sein Vater, Johann Friedrich U. (1756–1831), Universitätssecretär, seine Mutter, Elisabeth geb. Hofer (1760 bis 1831), die Tochter von dessen Amtsvorgänger; ein Bruder der Mutter, † 1813 als Pfarrer in Schmiden b. Cannstatt, ist von U. in zwei Gedichten („Auf den Tod eines Landgeistlichen“ und „Auf der Ueberfahrt“) verewigt worden. U. gehörte so von Haus aus zu einer echt altwürttembergischen Familie von bürgerlich-gelehrtem Zuschnitt und hat diesen Charakter in seiner eigenen Person zäh festgehalten; Rechtssinn und Unbeugsamkeit sollen vom Vater, Phantasie und Gemüth von der Mutter ererbt gewesen sein. U. hatte außer einem jüngeren Bruder, der als Knabe starb, noch eine Schwester, Luise (1795–1836), welche sich mit einem Theologen Meyer verheirathete; ihre Nachkommenschaft hat das Geschlecht von Uhland’s Eltern fortgepflanzt, während die jetzigen Träger des Namens Uhland alle Seitenverwandte von des Dichters Vater sind. – U. wuchs gesund heran und genoß eine solide Erziehung. Er durchlief mit Auszeichnung die Tübinger „anatolische Schule“, von der er, weil sie keine obern Classen besaß, schon im October 1801 auf die Universität überging und zwar zum Studium der Rechte. Das eigentliche Fachstudium begann aber erst 1805. Bis dahin beschäftigte sich U. mit Fortsetzung der philologischen Uebungen der Lateinschule; und zwar trieb er nicht bloß alte Philologie, sondern auch schon etwas mittelalterliche; den Saxo Grammaticus und das sog. Heldenbuch hat er schon in ganz jungen Jahren gelesen. Aus den Schul- und ersten Universitätsjahren kennt man nicht ganz wenige poetische Versuche. Sie sind in den biographischen Werken von Uhland’s Wittwe, Notter, Jahn, Karl Mayer zum Theil abgedruckt; vollständiges Verzeichniß und theilweise weitere Mittheilungen bei Nägele, s. u.; sie in eine Ausgabe Uhland’s aufzunehmen, war nicht recht, denn kaum ein einziges unter ihnen trägt die späteren Züge des Dichters; es sind gewandte, ansprechende Versuche in classicistischer Manier, aber ohne individuelle Art. Die Production Uhland’s, soweit er sie selbst für aufbewahrungswerth gehalten hat, beginnt erst 1804 mit den nordischen Scenen „Die sterbenden Helden“ und „Der blinde König“ (dieses in einer ältern Form, die bekannte ist von 1814). U. war als Student Mitglied eines Kreises, welcher der Poesie zugethan war und in dem damaligen Streit zwischen Classicismus und Romantik sich auf die Seite des Neuen stellte; doch war nicht U., sondern Justinus Kerner derjenige, der die Sache der Romantik am ersten und entschiedensten verfochten hat; außer beiden ist nur Karl Mayer in der allgemeinen deutschen Litteraturgeschichte bekannt. In diesem Kreis entstand 1807 ein handschriftlich circulirendes „Sonntagsblatt“, zu dem auch U. Beiträge lieferte (siehe K. Mayer’s Werk). Außerdem fällt in jene Jahre von 1804–1810 schon ein ganz beträchtlicher Theil von Uhland’s Lyrik, der einige seiner bekanntesten und besten Producte umfaßt. Die Jurisprudenz hat U. mit der Gewissenhaftigkeit studirt, die jede Handlung seines Lebens kennzeichnet; 1808 bestand er das Examen vor der Facultät und erwarb sich am 5. April 1810 die Doctorwürde durch die (von Vangerow gerühmte) Dissertation „De juris romani servitutum natura dividua vel individua“. Im Mai 1810 reiste er [149] nach Paris, um die dortigen Rechtseinrichtungen kennen zu lernen, die für Württemberg als Mitglied des Rheinbundes von Bedeutung waren. Der Aufenthalt ist aber noch mehr für philologische Zwecke ausgenutzt worden. U. traf in Paris mit dem von Tübingen her bekannten Varnhagen zusammen; er lernte Chamisso kennen, der ihm das Original der „Königstochter“ vermittelte; noch werthvoller war die Bekanntschaft mit Immanuel Bekker, der ihn in die spanische und portugiesische Litteratur einführte. U. hat in den ¾ Jahren seines Pariser Aufenthalts die eindringlichsten Studien altfranzösischer Litteratur gemacht, daneben sich auch mit altdeutscher beschäftigt. Die Frucht davon war Uhland’s erste gelehrte Arbeit, „Ueber das altfranzösische Epos“, welche 1812 erschien, leider in der rasch eingegangenen Zeitschrift „Die Musen“ von Fouqué, mit dem U. in lebhaftem brieflichem Verkehr stand. Aus diesem Grund wenig beachtet, ist die Arbeit erst 1833 durch Lachmann (Vorrede zu Wolfram von Eschenbach) zu den gebührenden Ehren gezogen worden, nachdem Paulin Paris, ohne sie zu kennen, zu gleichen Folgerungen gekommen war. Mit Scharfsinn und methodischer Sicherheit, wie sie bei einem Erstlingswerk doppelt zu bewundern sind, hat U. die Grundzüge der Geschichte des afr. Epos gezogen zu einer Zeit, als die Kenntniß desselben fast ganz aus den alten Handschriften selbst geschöpft werden mußte. U. hat dem Aufsatz Proben einer vortrefflichen Uebersetzung des Epos Girard de Viane beigegeben, von denen einige Tiraden später unter den „Altfranzösischen Gedichten“ in der Gedichtsammlung wieder abgedruckt wurden („Roland und Alda“); die altfranzösischen Gedichte sind überhaupt durchaus Ergebnisse des Pariser Aufenthalts. Weil die württembergische Regierung seinen Urlaub nicht verlängerte, mußte U. schon am 26. Januar 1811 Paris wieder verlassen und war am 14. Februar wieder in Tübingen. In die Zeit, die er nun zu Haus zwischen poetischen Beschäftigungen und widerwilliger Vorbereitung auf den praktischen Beruf theilte, fällt seine Bekanntschaft mit Gustav Schwab, der damals in Tübingen studirte. 1812 erhielt U. den Antrag, als zweiter Secretär beim Justizministerium in Stuttgart einzutreten; am 6. December erhielt er die (freilich unbesoldete) Stelle und siedelte am 16. December nach Stuttgart über, das nun für 17 Jahre sein Wohnsitz wurde. Es behagte ihm schlecht in dem Amt; eine feste Anstellung wurde nicht daraus, und gegen die autokratische Art der Geschäftsbehandlung empörte er sich. Außerdem war das Jahr 1813 überhaupt das Jahr der Pflichtenconflicte wie für andere Württemberger, so besonders für ihn, der an solchen sehr schwer trug, weil ihm die lebendige Kraft eines rücksichtslosen Durchgreifens nicht eigen war; nicht umsonst ist jenes Jahr auch an poetischen Producten Uhland’s arm. Zwei seiner näheren Freunde waren dem russischen Feldzug zum Opfer gefallen; einem von ihnen, Friedrich v. Harpprecht, setzte er ein doppeltes Monument, indem er 1813 als „Denkmal Friedrichs von Harpprecht“ seine Biographie nebst Mittheilungen aus dem Nachlaß herausgab und noch zehn Jahre später in der „Ueberfahrt“ ihn als den erwähnte, der „brausend vor uns allen ist in Kampf und Sturm gefallen“. Eine Zwiespältigkeit der Interessen, welche die Freude an den Begebenheiten des Befreiungsjahrs lähmen mußte, lag in der ganzen politischen Lage. U., wie viele andere Landsleute, war Napoleon’s Feind nicht nur aus allgemein deutschem Patriotismus, sondern auch weil Napoleon, der Verschwägerte König Friedrich’s, an dem verfassungslosen Zustand der Heimath mit schuld war; eine Einmischung von Bewunderung für die einzige Größe des Mannes (wie etwa W. Hauff, der jüngere Württemberger, ein solches Gemisch von Stimmungen in der Novelle „Des Kaisers Bild“ vortrefflich geschildert hat) war bei U., dessen schroffer republikanischer Empfindung jede Art von Heroencult ferne stand, nicht denkbar. So lange also die Württemberger auf Napoleon’s [150] Seite kämpften, war für U. eine gemüthliche Antheilnahme unmöglich, und erst nach ihrem Uebertritt zu den Alliirten konnte sich eine einheitliche patriotische Empfindung in ihm aussprechen, die denn auch in mehreren Gedichten die schönsten Worte gefunden hat. Im Mai 1814, nachdem Uhland’s Bitte um feste Anstellung abgeschlagen worden, verließ er den Staatsdienst und blieb als Advocat in Stuttgart. Auch dieser Beruf, unwillig ergriffen, befriedigte ihn nicht; andere Stellungen wollten sich theils, wie namentlich akademische Rufe, nicht finden, theils hat er selbst sie ausgeschlagen. In jene Zeit fällt das Erscheinen von Uhland’s Gedichten und Dramen und sein Eintritt in die politische Thätigkeit.

Gedichte von Uhland existiren seit 1800; er hat aber alle über 1804 zurückliegenden verworfen und auch unter den späteren strenge Auswahl getroffen. Das Folgende bezieht sich nur auf die Gedichte, die er selbst aufgenommen hat. Seit 1809, nachdem schon in mehreren Zeitschriften Gedichte von ihm erschienen waren, suchte U. nach einem Verleger; es fand sich lange keiner. Im J. 1811 sammelten sich die schwäbischen Romantiker unter Kerner’s Führung zu einem eigenen Almanach, der als „Poetischer Almanach für das Jahr 1812“ erschien; an diesem und an dem für 1813 herausgegebenen „Deutschen Dichterwald“ war U. mitbetheiligt, an dem letzteren als Mitherausgeber. Im Sommer 1815 endlich erschienen die „Gedichte“ bei Cotta. Die Sammlung enthielt etwa ⅔ dessen, was in den spätesten Auflagen zu finden ist; fünf Nummern hat U. in späteren Auflagen weggelassen. Die Aufnahme war nicht sofort lebhaft, erst 1820 erschien eine zweite, 1826 eine dritte Auflage; die vierte 1829, die fünfte 1831, die sechste 1833; von da an sind nur die Jahre 1840, 1848, 1855 ohne neue Auflagen, von 1833, 1845, 1847, 1851, 1856, 1860 sind zwei, von 1853 drei, von 1863, dem Jahr nach Uhland’s Tod, vier Auflagen datirt. Der Zuwachs an Gedichten ist in den meisten Auflagen unbedeutend. In der ersten Auflage fehlten nur drei größere Abtheilungen, die aber gleich in der zweiten hinzu kamen: die „Vaterländischen Gedichte“ 1815 bis 1817 nebst einigen verwandten Zeitgedichten, die ihnen in der Sammlung vorausgehen, die „Altfranzösischen Gedichte“, die aber schon 1810 f. entstanden waren, und die zwei Gesänge des „Fortunat“ (1814–1816); das Fragment des „Konradin“ wurde erst viel später aufgenommen. Sonst sind alle Gattungen schon in der ersten Auflage vertreten, und ohne die spätern würden zwar nicht ganz wenige Proben Uhland’scher Poesie fehlen, aber das Gesammtbild des Dichters wäre dasselbe. Ueberhaupt ist die chronologische Entstehung von Uhland’s Gedichten eigenthümlich. Wenn sich in den Gedichten sein ganzer geistiger Habitus zeigt, so lehrt ihre Entstehungszeit und -Art ihn wieder von einer eigenen Seite kennen.

Was man über Uhland’s physische Persönlichkeit weiß, zeigt, daß er von zäher Kraft und Gelenkigkeit, aber nicht vollsaftig und üppig blühend war; nie von hervorragender jugendlicher Expansivität, hat seine Natur Kraft und Widerstandsfähigkeit bis in die spätesten Jahre bewahrt. Ebenso im Moralischen: niemals eine üppige, leidenschaftliche, hinreißende Selbstentfaltung, aber auch nie die Reaction, die einer solchen so oft folgt, das Herabsinken zum Quietismus und Nihilismus; ganz frühe schon ein Fertigsein des ganzen Menschen, das der Figur etwas Starres, Unbewegliches gibt, aber den Eindruck der sichern, ethisch gefestigten ruhenden Kraft macht. In Beziehung auf die poetische Production dieselbe Frühreife und Gleichmäßigkeit in dem inneren Charakter. Zunächst zeigt sich zwar, wenn man auf die Entstehungszeiten der Gedichte sieht, die man durch W. L. Holland’s rühmliche Bemühungen bei den meisten bis auf den Tag kennt, große Ungleichmäßigkeit. Es zeigt sich eine lebhafte Blüthe und [151] ein rasches Nachlassen. Von 1804 bis 1815, dem Erscheinungsjahr der Sammlung, ist jedes Jahr durch Gedichte vertreten, bis zur Zahl von dreißig (1811), im Durchschnitt reichlich fünfzehn. Das Jahr 1816 hat noch 25, aber meist im Zusammenhang mit den politischen Zeitläuften stehende. Von 1817 bis 1828 ein bis zwei jährlich. 1829 wieder ein Dutzend, 1834 zwanzig, aber 1830 bis 1833 nur sieben im Ganzen, 1835 bis 1862 zehn. Sieht man jedoch näher zu, so findet man auch in jener ersten Periode größter Fruchtbarkeit stets nur einzelne Zeiten, wo mehrere Gedichte rasch hinter einander entstanden sind, dazwischen große Pausen, die sich bis zu halben Jahren ausdehnen. Mitunter liegt zwischen der ersten Conception eines Gedichts und seiner Ausführung ein langer Zwischenraum; aber die Ausführung selbst ging rasch und mühelos, fast ohne Correcturen, vor sich. Das beweist, daß U. die Lust zum Dichten nicht immer, ja nur mit öfters größeren Zwischenräumen hatte; er selbst bezeugt, daß er nur dichtete, wenn er den Drang dazu fühlte, daß die Poesie ihn frühzeitig „in Ruhe ließ“. Das Element sinnlicher Erregung fehlt ihm durchaus, und so kann es sich auch bei jenen Perioden poetischen Schaffens nicht um solche leidenschaftlich gesteigerter Empfindung handeln, wie etwa bei manchen Epochen Goethischer Erotik, sondern nur um das ruhigere Anwachsen oder Nachlassen künstlerischer Stimmung. Die qualitative Vergleichung der Gedichte zeigt, daß zwischen denen älterer und späterer Zeit kein Wesensunterschied ist. U. hat Schwächen seiner ersten Poesie bald und völlig abgethan und zeigt in manchen Gedichten von 1829 und 1834 eine Stufe höchster stilistischer Vollendung, eine gesteigerte Schönheit und Weihe des Ausdrucks; aber eben diese Gedichte schließen sich zum Theil (wie der Waller und Bertran de Born) formell eng an ältere Producte an, jedenfalls treten sie nirgends aus seiner früheren Art und Weise heraus. Aus dem Jahr 1805 sind ein paar Gedichte, wie „Des Dichters Abendgang“, „Der König auf dem Thurme“, „Die Kapelle“, „Die sanften Tage“, „Schäfers Sonntagslied“, welche ihn nicht nur auf der Höhe des Könnens und in einer fast unheimlichen Gereiftheit der Persönlichkeit zeigen, sondern welche auch seine specifische Eigenthümlichkeit vielleicht ausgeprägter als irgend ein späteres haben. Man möge damit etwa Mörike vergleichen, der mit demselben oder größerem lyrischem Talent mehr Wandlungsfähigkeit verband und daher in den reizenden epigrammatischen Gebilden seines Alters sich von der tief innerlichen Lyrik seiner Jugend wesentlich unterscheidet.

Wenn man die Fähigkeit der Stoffwahl, die künstlerische Behandlung und die individuell-persönliche Durchdringung als die drei wesentlichen Elemente der poetischen Kunst ansehen kann, so ragt U. in den beiden ersten unter den deutschen Dichtern in einer Weise hervor, daß er nur wenige seinesgleichen hat. Man muß dann freilich unter Stoffwahl nicht die Wahl eines möglichst bedeutenden und inhaltsschweren Stoffes verstehen – denn dieser Inhalt wird oft genug erst aus der Individualität des Dichters heraus in den Stoff gelegt –, sondern das Verständniß für das Finden von Stoffen, welche einer rein poetischen Behandlung fähig sind, die Fähigkeit zum Urtheil über die Stoffe, die gerade diesem Dichter zugänglich sind, zu dem horazischen sumere materiam aequam viribus. Man kann als Kernpunkt in Uhland’s Wesen den Charakter bezeichnen, genauer seine unerschütterliche Liebe zu dem Richtigen und Wahren, die jedem Ding genau seine Sphäre anweist, genialen Uebergriffen feind ist und mitunter fast pedantisch ausschließt, was zur Sache selbst nicht gehört, mag es ihm sonst noch so nahe liegen. Der Mann, der in seiner Rede über die Sage vom Herzog Ernst seine eigene poetische Behandlung des Gegenstandes mit keiner Silbe erwähnt, bei der Besprechung der alten Fiction von der blauen Blume die Rolle gänzlich verschwiegen hat, welche diese bei den Romantikern spielte: dieser Mann [152] war sich jeden Augenblick klar über das, was zur Sache gehörte, und über das, was er vermochte. Wie U. nie gedichtet hat, ohne in der Stimmung zu sein – es war die Verzweiflung seiner Freunde, daß er sich nie Gelegenheitsgedichte abpressen ließ –, so hat er auch nie versucht, die Grenzen seiner Begabung zu überschreiten. Hierin liegt neben der Enge und Schwerflüssigkeit seines Wesens der tiefe sittliche Ernst desselben. Er hat eine genaue, auf gesunden Wahrnehmungsorganen und gründlicher Betrachtung beruhende Kenntniß der Dinge in einer bestimmten Sphäre, der des rein und interesselos schönen, des menschlich rührenden und erhebenden; darüber hinaus zwar die Fähigkeit des aneignenden Verständnisses und gerechten Urtheils, wie die Bemerkungen des „Stilisticums“ (s. u.) zeigen, aber keinerlei Trieb zum Ueberschreiten jener Sphäre, in der es ihm wohl ist; wenn für ihn die Lehre von der Omnipotenz des genialen Individuums nicht existirt, so desto mehr das Wort, daß sich der Meister in der Beschränkung zeigt. Allgemeine philosophische, culturhistorische, theologische, ästhetische Ideen haben ihn nie tiefer bewegt, und auch in seinen Gedichten würde man sie fast durchaus vergeblich suchen; hier hat Goethe’s Kritik ihre Wahrheit, daß da nichts Weltgeschick-bezwingendes gedeihen könne. Aber immer wird man die höchste Fähigkeit finden, den poetischen Nerv eines Gegenstandes zu erfassen und den Stoff so zu behandeln, daß er rund und körperlich dasteht. Man kann bei den erzählenden Gedichten die Probe machen und die Behandlungen der nämlichen Gegenstände durch Andere mit den seinigen vergleichen; immer hat U. die Gabe der Erzählung, jenes seltene Charisma rein epischer Darstellung vor den andern voraus. Dazu gehört die Gabe der metrischen und stilistischen Form. U. ist als Dichter ein Künstler wie Wenige, vielleicht kein geringerer als der mehr gerühmte Platen, nur versteckt sich bei ihm der Künstler hinter dem Gegenstand, es ist kein Ueberschuß der Form und der künstlerischen Individualität über den Gegenstand hinaus da, sondern beide decken sich, wie es für das wahre Kunstwerk verlangt wird. Wenn U. in Beziehung auf Correctheit des Elementaren in der Form besonders in späterer Zeit sehr streng ist, so versteht er namentlich stets die richtige rhythmische und strophische Form für den Gegenstand zu finden. Es genügt an „Taillefer“, „Das Glück von Edenhall“, „Waller“, „Fortunat“ zu erinnern und diesen glänzenden Prachtstücken einer lebendig sprudelnden oder majestätischen Diction den trockenen Rhapsodenstil der Eberhardsballaden gegenüberzustellen. Mit so viel Glück auch U. Worte und Wendungen alter Volkslieder, mittelhochdeutsche oder provincielle Ausdrücke zu verwenden verstand, so wenig ist in den rein lyrischen Gedichten oder in den epischen höhern Stils (Bertran de Born u. ä.) von solchen Stilmitteln zu finden. Trotzdem hat man bei U. nie oder selten – am meisten wol in dem spanischen Gedichtcyclus – das Gefühl einer künstlichen Anempfindung, sondern das der sichern künstlerischen Herrschaft über die Mittel. In dieser Beziehung läßt er öfters unsere Größten ebenso hinter sich, wie er nach Gehalt und Persönlichkeit sich ihnen nicht gleichstellen kann.

Das schwächste Element in Uhland’s Poesie ist die Individualität. Sein ruhiges, im persönlichen Leben fast philiströses Wesen hat ihn nie den klaren Blick für die Dinge verlieren lassen; er ist also nicht pathologisch, subjectiv, zum Widerspruch reizend oder gar abstoßend, aber auch nicht fascinirend und mit sich fortreißend. Er läßt die Dinge an sich kommen, geht ihnen nicht entgegen; und wenn sie dann durch das Medium seiner Persönlichkeit hindurchgegangen, zur poetischen Darstellung gekommen sind, so glauben wir sie nur wenig verändert wiederzufinden. Seine Dichterindividualität ist, um eines der mittelalterlichen Bilder zu gebrauchen, die er liebte, wie ein farbloses Glas des feinsten Schliffs, durch das man das reinste Bild der Dinge erhält, weder getrübt, [153] noch in Regenbogenfarben funkelnd, weder vergrößert, noch verkleinert. Daher die Wirkung unmittelbar einleuchtender Wahrheit. Es ist eben dieser Objectivität wegen auch schwer, ein eigentliches Specificum von Uhland’s Poesie zu finden. Negativ charakterisirt sie sich leicht durch das Fernhalten aller speculativen, aller mystischen Elemente, durch Beschränkung auf Phantasie und Empfindung, ebenso durch Mangel leidenschaftlicher Subjectivität und pathologischer Seelenzustände; positiv noch am meisten durch eine eigenthümliche, elegisch wirkende Mischung von gefaßter männlicher Kraft und wehmüthig-stiller Stimmung. Die oben genannten Gedichte von 1805 dürften leicht das Charakteristischste sein, was U. gedichtet hat, wenn man nicht statt ihrer auf den „Traum“ (1811) hinweisen will, auf den Hebbel, der glühendste Verehrer Uhland’s, mit Recht einmal hingewiesen hat. Unbewußt hat U. selbst vielleicht die beste Charakterisirung seiner Poesie gegeben, wenn er unterschied zwischen den großen Dichtern, welche nicht nur durch ihre Poesie, sondern auch durch stoffliche, speculative Bedeutsamkeit wirken und solchen „mittleren“ Dichtern, „bei welchen jener fremdartige Stoff ausgeschlossen bleibt, die daher minder reich und mannichfaltig sind, bei denen aber das wahre innerste Wesen der Poesie reiner vorhanden ist, als bei jenen großen“.

Eine Künstlernatur von Uhland’s Art wird fast nothwendig zur epischen Darstellung neigen. In der That, wenn auch das Epos größeren Umfangs nur einmal von U. versucht worden ist, in den zwei allein vollendeten Gesängen des komischen Epos „Fortunat“, so bildet die episch-lyrische Gattung der Ballade, Romanze, Rhapsodie, auch gelegentlich in dialogischer Form, die ganze Hälfte seiner Gedichte, und zwar die vorzüglichere Hälfte insofern, als hierin, im Ganzen und wenn man nicht auf die Bedeutsamkeit des Inhalts, sondern auf die Vollendung des epischen Stils sieht, vielleicht auch von unsern größten Dichtern ihm keiner gleichkommt. An sich möchte ich die rein lyrischen Gedichte nicht unvollkommener nennen; aber diese drängt die schwächere Subjectivität unbedingt hinter so weltweite Persönlichkeiten wie Goethe oder auch so leidenschaftlich-subjective wie Heine, ja oftmals auch hinter die tiefere und reichere Natur eines Mörike zurück. Auch die lyrischen Gedichte Uhland’s haben gerne einen epischen Zug. Aeußerungen lebhaften inneren Triebs sind selten, um so häufiger prachtvolle Situationsbilder. Fast nothwendig muß da von den zwei Hauptgegenständen der Lyrik die Erotik im Hintergrund stehen, die Naturlyrik in den Vordergrund treten. Wenn U. nur ein paar Liebeslieder gedichtet hat, die neben andern genannt werden dürfen, und ihm die Schilderung der Freundschaft (Herzog Ernst) unendlich mehr als die der Geschlechterliebe geglückt ist, so kann er mit seinen Naturliedern neben Goethe treten; geht ihm hier die Fähigkeit mystischer Versenkung und glühender Inbrunst ab, so entschädigt er durch die reinsten Bilder liebevoller Anschauung. Vor allem ist die meisterhaft getroffene landschaftliche Stimmung, obwol U. niemals zeichnet, ein fast nie fehlender Bestandtheil nicht nur seiner Naturlyrik, sondern auch vieler andern Gedichte. Gedankenlyrik im engsten und höchsten Sinne fehlt; im weiteren, als nachdenkliche Erfassung einer bestimmten Situation, ist sie in den Sonetten, Epigrammen und sonst gelegentlich um so schöner vertreten. Ein Seitenzweig ist die politische Lyrik, deren Mittelpunkt die „Vaterländischen Gedichte“ bilden; zumeist ernst, gelegentlich von großem Schwung – wer sich in die frühern Jahrzehnte zurückdenken kann, erinnert sich der großartigen Wirkung des bedeutendsten von ihnen „Wenn heut ein Geist herniederstiege“ –, auch wol scharf tadelnd, gelegentlich höhnisch, auch von der Höhe der sonstigen stilistischen Kunst Uhland’s zu derber populärer Wirkung herabsteigend; aber nie unedel, nie mit Phrasen klingelnd. – Was die Form betrifft, so hat sich U., außer ein paar von ihm selbst verworfenen [154] Jugendversuchen und wenigen distichischen Epigrammen, stets der gereimten Metra bedient, Assonanzen ein paar Mal für Nachbildung französischer und spanischer Poesie, freiere Rhythmen kaum je, ungereimte jambische Fünffüßler ein paar Mal verwendet. In der großen Mehrzahl der Gedichte gebraucht er die einfachsten Vers- und Strophenformen, vorwiegend tetrastichische.

Wenn Uhland’s Poesie zwar nicht durch stark markirte individuelle Züge, wol aber durch einen gleichmäßig festgehaltenen Grundcharakter gekennzeichnet ist, in ihrem innern Wesen also keine Geschichte hat, so lassen sich doch auch in ihr historische Wandlungen in bezug auf ihren litterarhistorischen Zusammenhang wahrnehmen. Abgesehen von der mittelalterlichen und der späteren volksthümlichen Poesie, die am stärksten auf ihn wirkten, und von Goethe, dessen Einfluß (s. unten den Aufsatz von Sintenis) nur wenig hervortritt, ist U. nur von der Romantik beeinflußt, ja er ist in einigen satirischen Gedichten für sie eingetreten. Um und nach 1804 steht er im engsten Zusammenhang mit der nordischen, sentimentalen Richtung in der Romantik, speciell mit dem befreundeten Fouqué: scandinavische Stoffe 1804; 1805 ff. die Könige und Königstöchter, die Schäfer, Mönche, Nonnen, wovon „Des Sängers Fluch“ noch 1814 ein verspäteter und vereinzelter Nachklang ist. Nur gelegentlich 1809, kurz nach dem Erscheinen von „Des Knaben Wunderhorn“, hat U. im Volksliedton gedichtet, freilich ein paar seiner bekanntesten Lieder; dagegen ist Popularität immerhin ein Kennzeichen des größten Theils seiner Lyrik. Schon damals, aber weit nachhaltiger hat ihn die formfreudige, geistreich spielende Manier der italianisirenden und hispanisirenden Romantik, wie sie am meisten durch Tieck vertreten war, gefesselt: Sonette von 1809 bis 1814, Octaven 1807 bis 1819, Glossen 1813 f., die in der Sammlung beisammen stehenden Romanzen im spanischen Stil („Der Sieger“ bis „Liebesklagen“) 1809 bis 1814; am glänzendsten ist diese Richtung im Fortunat, 1814–1816, vertreten. Geblieben ist bei U. von all diesen Einwirkungen, abgesehen von der allgemeinen Vermehrung der stilistischen Fertigkeit, der Zug zum Epischen und zu mittelalterlichen Stoffen; das ganz specifisch Romantische aber, in dem der poetisch kaum minder begabte, aber unendlich viel subjectivere Justinus Kerner zeitlebens hangen blieb, war für U. nur Durchgangspunkt und er ist mit Recht als der bezeichnet worden, der die Romantik aus ihren Extravaganzen zu einer in ihrer Art classischen, gefaßten, tendenzlosen, allgemein befriedigenden Gestalt weiter geführt hat.

Das Jahr 1815, in dem Uhland’s Gedichte erschienen, ist zugleich der Beginn der württembergischen Verfassungskämpfe. Infolge des Preßburger Friedens 1805, welcher die deutschen Fürsten zu Souveränen machte und damit die Garantie der alten württembergischen Verfassung durch das Reich beseitigte, hatte Kurfürst Friedrich die ständische Verfassung aufgehoben und am 1. Januar 1806 die Königswürde proclamirt. Im J. 1815 bei Neuordnung des deutschen Staatenbunds wurde aber bestimmt, daß alle deutschen Staaten ständische Verfassungen haben sollten. König Friedrich legte den Entwurf einer solchen vor; die dazu einberufene Kammer verwarf ihn. Auch weitere Versuche, die dann sein Nachfolger Wilhelm (1816–1864) fortsetzte, scheiterten, bis 1819 eine Verfassung zu Stande kam und zwar durch freie Zustimmung der verfassungberathenden Kammer zu dem Regierungsentwurf, also auf dem Boden des Vertrags, wie die früheren württembergischen Grundgesetze. Die Opposition gegen die Vorschläge der beiden Könige ging zum Theil von den neuwürttembergischen Elementen aus, welche für ihre Mediatisirung einen Entgelt wollten, zum Theil von der Partei der altwürttembergischen Verfassung, des „alten, guten Rechts“. U. war der bedeutendste Wortführer der letzteren Partei, welche ihrer historischen Stellung nach die streng conservative Vertreterin des Alten war, jedenfalls die [155] Wiederherstellung des Rechtsbodens verlangte, aber, was den Inhalt ihrer Forderungen betrifft, liberal mit republikanischem Grundzug, wie das alte Recht selbst. Da U. noch nicht wählbar war, beschränkte er sich zunächst auf schriftstellerisches Eingreifen. Er ließ sich zuerst mit dem Gedicht „Am 18. October 1815“ hören. Dieses und die fünf nächsten in der Gedichtsammlung wurden im Herbst 1816 als „Vaterländische Gedichte“ in einem dünnen Heft herausgegeben. Vermehrte Auflagen erschienen; bis Sommer 1817 kamen die sieben weiteren Gedichte hinzu. Außerdem verfaßte er 1817 die kurze Flugschrift: „Keine Adelskammer!“, welche eine Probe geben kann, wie er entschiedene Stellungnahme mit würdigem Ton zu verbinden wußte. Für die constituirende Versammlung von 1819 wurde U. vom Oberamt Tübingen gewählt; er verfaßte die Adresse an den König und feierte das Zustandekommen des Verfassungswerks durch den Prolog zum Herzog Ernst, der am 29. October zur Feier des Abschlusses in Stuttgart aufgeführt wurde. U. hat mit seinen Vaterländischen Gedichten ein edles Muster volksmäßiger, entschiedener, aber doch nicht maßloser politischer Lyrik gegeben; man kann ihn in manchem als den geistigen Vater der württembergischen Demokratie bezeichnen, die sich seiner Wendungen und Gedanken bemächtigt hat; seine vornehm-ruhige Art hat freilich nicht viel Nachfolge gefunden. G. Schwab hat die V. G. in einem Gymnasialprogramm von 1823 ins Lateinische übersetzt: L. Uhlandi de constituenda republica carmina, Latinitate et metris Horatianis vestita. Erst 1834 kam die stark abstechende „Wanderung“ als fünfzehntes Gedicht hinzu. Man kann dem Inhalt nach noch ein paar weitere Gedichte hieher rechnen: nicht nur die unmittelbar vorausstehenden Gedichte, die allgemeine Zeitstimmung enthalten, sondern namentlich das Gedicht „Katharina“ auf die am 9. Januar 1819 gestorbene Königin von Württemberg, das mit seinem Preis der Wohlthaten dieser Fürstin wie mit der schroffen Negirung des Preises der Fürstin als solcher ganz in jenen Empfindungskreis gehört.

Neben der politischen Thätigkeit ging in denselben Jahren eine lebhafte dramatische her. Uhland’s dramatische Pläne (s. unten Keller) reichen ebenso weit zurück wie seine lyrischen Gedichte. Schon sehr frühe, vielleicht vor 1804, hat er eine Uebersetzung von Seneca’s Thyest angefertigt. Darauf folgen dann mehrere Entwürfe, von denen ich nur die nenne, welche wirklich dramatischen Charakter, nicht bloß dialogische Form haben. Ins Jahr 1805 fällt ein bloß flüchtig erwähnter Plan „Achilleus’ Tod“; 1807 die ziemlich weit gediehenen Fragmente einer „Francesca von Rimino“, welche im Ausdruck gelegentlich an Goethe’s Tasso gemahnen (obwol U. diesen erst nach seinem dreißigsten Jahre gelesen haben soll, Notter 19). Alles folgende gehört der romantischen Gattung an. Wiederum stehen zeitlich voran einige deutsch-nordisch-ritterliche Fragmente in Fouqué’s Manier: „Speerwurf“, „Hyld und Helgo“ (1807 ?), „Alfer und Auruna“ (1807), „Benno“ (1809). Der englischen Sage sind entnommen: „Tamlan und Jannet“ (1809), „Der eifersüchtige König“ (1810); nur dem Namen nach kennt man „Die unbewohnte Insel“. In der Art von Tieck’s Dramen bewegt sich „Eginhart“ (1808), mit einem komischen Nachspiel von 1809; „Der Bär“, 1809 mit Kerner zusammen verfaßt, die Verse jedenfalls von U., ist eine Posse im spanischen Kostüm; in dieselbe Gattung gehört „Die Serenade“ (1809). Archaisirendes, halb oder ganz komisches Drama in Hans Sachsischen Versen findet man in „Karl d. Gr. in Jerusalem“ (Zeit unbekannt, nicht nach 1814) und den „Weibern von Weinsberg“ (1816). Mit dem Jahr 1816 beginnen die Versuche im ernsten historischen Drama; es ist bezeichnend, daß sie meist auch politischen Hintergrund haben. Dahin gehören die vollendeten Stücke „Ernst, Herzog von Schwaben“ (1816 f.) und „Ludwig der Baier“ (1818); [156] das letztere war hervorgerufen durch eine von der Münchner Hoftheaterintendanz für Stücke aus der bairischen Geschichte ausgeschriebene Preisconcurrenz, hat aber keinen Preis erhalten. Von Fragmenten und Plänen gehören hieher „Konradin“ (1816 f.), „Welf“ (1818), „Otto von Wittelsbach“ (1819), „Bernardo del Carpio“ (aus der spanischen Heldensage) 1819 und 1822, „Johannes Parricida“ (1819? 1820?); dazu die Bearbeitungen altdeutscher Sage, „Die Nibelungen“ (1817 f.) und „Der arme Heinrich“ (1818). – Von allen diesen Plänen sind nur: Der Bär, Ernst von Schwaben und Ludwig der Baier vollendet worden. Die beiden letzten hat U. selbst herausgegeben (E. v. S. 1818, L. d. B. 1819). Von den andern hat er zum Theil Proben in den „Gedichten“ gegeben: „Brautgesang“ aus Alfer und Auruna; „Schildeis“ aus Eginhart; „Harald“ und „Das Ständchen“ aus Tamlan und Jannet; „Konradin“; aus der Serenade sind die „Liebesklagen“ hervorgegangen; die „schwäbische Kunde“ war wohl ursprünglich für Karl d. Gr. bestimmt. Der Bär erschien nach Uhland’s Tod in Ludwig Seeger’s Deutschem Dichterbuch aus Schwaben (1864). – Wenn auch alle diese Entwürfe als Experimente in verschiedenen Stilarten von Interesse sind und an rein poetischer Schönheit und Bildlichkeit mitunter reich genug sind, so kann doch außer den zwei vollendeten Tragödien nur der Entwurf der Nibelungen ein nachhaltigeres Interesse erwecken. Mit richtigem Blick hat U., wie Hebbel, die deutsche Darstellung der Sage bevorzugt, die einzige, aus der sich ein Drama in der wirklichen Menschenwelt formen ließ; ja er geht in der rein menschlichen Haltung der Fabel weiter als Hebbel. Den gebornen Dramatiker zeigt freilich keiner der Entwürfe. Auch die beiden vollendeten Dramen nicht; eher noch der poetisch weniger hervorragende, aber dramatisch nicht schlecht aufgebaute Ludwig, als der poetisch sehr hochstehende, auch in der Bühnenwirkung vortreffliche, aber im dramatischen Bau recht mangelhafte Ernst.

Nach Entlassung der verfassunggebenden Kammer wurde alsbald der erste Landtag unter der neuen Verfassung constituirt und U. für die Stadt Tübingen darein gewählt. Er hat 1820–1826 und 1833–1838 dem württembergischen Landtag angehört, nicht als einer der häufigsten Redner, wol aber als einer der fleißigsten und gewissenhaftesten Abgeordneten; nur bei wichtigen Fragen trat er hervor und spielte dann stets eine der ersten Rollen. Kein gewandter Sprecher – er hat später auch seine akademischen Vorlesungen wörtlich niedergeschrieben – verfügte er in großen Momenten doch über eine wunderbar wirkende Beredsamkeit, von der einige Proben weltbekannt geworden sind. Er gehörte der liberalen Opposition an, ohne extreme Ansichten, aber mit der Festigkeit und Unerbittlichkeit eines Mannes, der seiner Sache gewiß war und sich gegenüber seiner bedächtig erwogenen Ansicht weder durch Namen noch Programme imponiren ließ. Der hartköpfige Demokrat, der durch keinerlei Gegengründe zu überzeugen war, der aber, stets sachlich und gemessen im Auftreten, der persönlichen Kritik nicht die geringste Handhabe bot und dem weder mit der Peitsche noch mit dem Zuckerbrot irgendwie beizukommen war, hat nicht umsonst in dem ebenso hartköpfigen König Wilhelm einen guten Hasser gefunden. Leider war die Frucht der ganzen ständischen Thätigkeit dem Aufgebot von Fleiß und moralischem Ernst doch nicht entsprechend; die großen Fragen der Zeit fanden im Stuttgarter Ständesaal nur ein machtlos verhallendes Echo.

Am 29. Mai 1820 gründete U. seinen Hausstand durch seine Verheirathung mit Emilie (in der Familie Emma genannt) Vischer, mit der er seit dem 16. Januar verlobt war. Der Bund beruhte offenbar mehr auf Freundschaft und Harmonie der Wesen als auf leidenschaftlicher Neigung, für die U., wenn überhaupt jemals (man hört von einer Jugendliebe, deren Gegenstand in jungen [157] Jahren starb), so gewiß jetzt mit 33 Jahren nicht geschaffen war. Die Frau verstand es, die hohen Eigenschaften des schweigsamen, ungewandten Mannes zu erfassen; wenn auch Kinder ausblieben, so wurde und blieb doch die Ehe durchaus glücklich. Der Wohnsitz in Stuttgart wurde beibehalten; die Advocatur hat U. seit seiner Verheirathung, die ihn in gute äußere Verhältnisse brachte, nur ganz wenig und bezeichnenderweise zu Gunsten von Armen betrieben. Dafür nahm er neben der ständischen Arbeit die gelehrte wieder auf, die er bis zu seinem Ende fortsetzte. Im J. 1822, zehn Jahre nach dem Aufsatz über das altfranzösische Epos, erschien die nicht minder grundlegende Schrift „Walther von der Vogelweide, ein deutscher Dichter“ (Stuttgart, Cotta; in der posthumen Sammlung der „Schriften“ Bd. V); früher fällt nur ein unbedeutender, mehr patriotischer als wissenschaftlicher Artikel „Ueber die Aufgabe einer Gesellschaft für deutsche Sprache“ (1817, erst nach dem Tode, Schriften V, veröffentlicht). Die Arbeit über Walther ist noch jetzt schätzbar, so viel auch seither über ihn erschienen ist. U. zeigt hier an einem würdigen Gegenstand sein Talent objectiver Geschichtschreibung, der gründlichen Quellenbenutzung und der reinen, tendenzlosen Darstellung der Sache aus sich selbst heraus. Man hat U. öfters, mehr als nöthig war, mit Walther verglichen; jedenfalls aber ist richtig, daß der alte Dichter hier einen Darsteller gefunden hat, dem es gegeben war, ihn sich und andern mit Liebe und Hingebung anzueignen. Die Schrift zählt unter die Hauptleistungen der damals aufblühenden deutschen Philologie, und Lachmann hatte Recht, seine fünf Jahr später erschienene Walther-Ausgabe „Ludwig Uhland zum Dank für deutsche Gesinnung, Poesie und Forschung“ zu widmen. U. wollte auf diese Arbeit ein größeres Werk über Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter folgen lassen; 1823/24 wurde der Theil davon im Manuscript fertig, der sich dem Walther inhaltlich am nächsten anschloß, „Der Minnesang“ (erst Schriften V gedruckt); in der Art dem vorhergehenden Werke gleich, als eine innere Geschichte des Minnesangs und Analyse seiner Ideen noch immer von Werth, wenngleich mehr veraltet als das ältere Werk, seit man die einzelnen Einflüsse, Richtungen und Schulen mehr zu scheiden gelernt hat. Der Plan des Gesammtwerks war aber ein ganz umfassender; beim Erscheinen von Wilhelm Grimm’s Heldensage 1829 äußerte U., sie enthalte Vieles, was er gegeben haben würde; auch in ihrer Art sind sich die beiden Forscher – im Gegensatz zu dem diametralen Unterschied Uhland’s und Jakob Grimm’s – nahe verwandt. Für die akademischen Vorlesungen wurden diese Studien verwerthet. Eine Nebenarbeit aus dem von U. mit Meisterschaft bearbeiteten Gebiete der spätmittelalterlichen Volkslitteratur und Volkskunde war der Aufsatz „Zur Geschichte der Freischießen“, der als Einleitung zu Halling’s Ausgabe des Glückhaften Schiffs 1828 erschien (Schr. V). Auf einem andern Gebiet machte sich U. verdient, indem er die Pietätspflicht übernahm, mit Schwab zusammen die erste Gesammtausgabe von Hölderlin’s Gedichten zu veranstalten (Stuttgart 1826).

Im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Arbeiten standen auch manche der zahlreichen Reisen, die U. theils allein, theils mit seiner Frau oder mit Freunden gemacht hat. Sie haben ihn durch ganz Deutschland bis Wien, bis nach Kopenhagen und nach Belgien geführt. Am fruchtbarsten wurde der Verkehr mit Joseph von Laßberg, der brieflich seit 1820, persönlich seit 1823 geführt wurde; der interessante, umfängliche Briefwechsel beider ist veröffentlicht, s. u.

Die gelehrte Thätigkeit hat wenigstens für einige Zeit auch zu einer festen Lebensstellung geführt. Von den mehrfachen vergeblichen Hoffnungen auf akademische Lehrämter war schon die Rede; noch 1827 scheiterte eine solche auf [158] Tübingen. Aber 1829 beantragte der akademische Senat in Tübingen Uhland’s Berufung nochmals. Die Regierung forderte zunächst den auch vorgeschlagenen Schwab auf, der als Lehrer am Stuttgarter Gymnasium auf eine höchst verdienstliche Lehrthätigkeit zurückblickte und politisch nicht mißliebig war; erst nachdem er abgelehnt hatte und sich in Baiern eine Aussicht für U. zu bieten schien, wurde U. am 29. December 1829 zum außerordentlichen Professor der deutschen Sprache und Litteratur, aber mit Sitz und Stimme in der philosophischen Facultät ernannt. Er siedelte im April 1830 nach Tübingen über, das von da an sein Wohnort blieb. Mit dem Sommer 1830 begann er seine akademische Thätigkeit. Er hat gelesen: Sommer 1830 Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter (Schr. I, II); Winter 1830/31 Nibelungen; Sommer 1831 Geschichte der deutschen Poesie im 15. und 16. Jahrhundert (Schr. II); Winter 1831/32 Sagengeschichte der germanischen und romanischen Völker (Schr. VII); außerdem hat er Sommer 1830, Winter 1830/31, Sommer 1831, Sommer 1832 „stilistische Uebungen“ für Studenten aller Facultäten gehalten. In diesem Stilisticum kamen Aufsätze und Gedichte verschiedener Art zum Vortrag und zur Besprechung; die von Holland publicirten (s. u.) Bemerkungen Uhland’s zeigen sein mildes, ruhiges Urtheil und seine gesunden Begriffe, auch sein Verständniß solcher Gebiete, die er nie selbst bearbeitet hat; sie gehören zu den werthvollsten Beiträgen zu seiner eigenen Kenntniß. Die wissenschaftlichen Vorlesungen, von denen nur die über die Nibelungen ohne selbständige Bedeutung, daher auch nicht publicirt ist, lassen die Sicherheit bewundern, mit der hier, freilich in wohlgeschriebenen Heften, der erste Wurf gelungen ist. Mit Recht berühmt sind die Inhaltsangaben alter Sagenerzählungen. Aber auch die historische Darstellung zeugt von genauestem Studium, von selbständiger Auffassung und namentlich von der Gabe, das für den akademischen Vortrag geeignete in der Auswahl und Anordnung zu treffen. Die Sprache verräth, oft in sehr ansprechender Weise, gelegentlich auch etwas zu sehr, den Dichter. Erst am 22. November (nicht März) 1832 hielt U. seine Antrittsrede und wurde am 7. December beeidigt; sie handelt „über die Sage vom Herzog Ernst“ (Schr. V) und gibt eine feine historische Analyse, wie solche U. später auf dem Boden der schwäbischen Sagenkunde noch mehr gegeben hat. Als äußere Begebenheiten der Docentenzeit müssen der Tod der Mutter am 1. Juni 1831 und der des Vaters am 29. August desselben Jahres erwähnt werden; der kleine Gedichtcyclus „Nachruf“ bezieht sich darauf; 1836 folgte Uhland’s Schwester im Tode nach.

Die stagnirende liberale Bewegung war seit der Julirevolution auch in Württemberg wieder in Fluß gekommen. U. ließ sich bestimmen, für den neu zu berufenden Landtag zu candidiren, und wurde am 3. Juni 1832 für Stuttgart gewählt. Der Landtag trat am 15. Januar 1833 zusammen und es kam alsbald zu scharfen Conflicten, wobei U. neben Paul Pfizer an der Spitze der Opposition stand. Der „vergebliche“ Landtag wurde aufgelöst. Bei den Neuwahlen wurde U. wieder gewählt, erhielt aber den für die Beamten damals nothwendigen Urlaub nicht und erklärte am 16. Mai seinen Austritt aus dem Staatsdienst, der ihm am 22. gewährt wurde mit dem Zusatz „sehr gerne“; man wollte wissen, dieser Zusatz sei auf die Initiative des Königs zurückgegangen. So endigte Uhland’s kurze, vielversprechende akademische Thätigkeit; einen Lohn für das charaktervolle Aushalten konnte ihm die ständische Arbeit nicht geben, denn die Opposition erreichte nichts. Deutlich zeigen ein paar Gedichte von 1834 eine Bitterkeit und Resignation in politischen Dingen, wie sie U. sonst fremd war. Am 16. März 1848 beantragte der Senat der Universität seine Wiederanstellung. U. wollte nicht mehr.

[159] Die gelehrte Thätigkeit setzte U. in verstärktem Maaße fort. Sie richtete sich, wie in der Hauptsache schon zuvor, auf Volkspoesie und Volkssage. Schon 1836, im selben Jahr, in dessen Sommer U. sein eigenes Haus an der Tübinger Neckarbrücke bezog, erschien der erste Band seiner „Sagenforschungen“: „Der Mythus von Thôr nach nordischen Quellen“ (Stuttg., Schr. VI); ein mit Recht berühmtes Werk. Hier ist zum ersten Mal versucht, die Masse der bunten und phantastischen Traditionen von dem norwegischen Hauptgotte zu ordnen und zu deuten. Die naturalistische Mythenauslegung Uhland’s ist vielen Mythologen Vorbild geworden; nicht alle sind mit dem poetischen Sinn und der Mäßigung vorgegangen wie er. Wenn auch die moderne Anschauung von dem rein märchenhaften Charakter derartiger Riesensagen zu manchen Deutungen Uhland’s selbst ein Fragezeichen setzen muß, so wird Niemand verkennen, daß er als einer der ersten mit Umsicht und Energie die Analyse mythischer Vorstellungen in die Hand genommen hat. U. wollte die „Sagenforschungen“ fortsetzen. Im Nachlaß fand sich das fast druckfertige Manuscript zu einer Abhandlung über Odin (Schr. VI), theils von 1837, theils erst aus Uhland’s spätesten Zeiten. Hier sind schon manche Keime vorhanden zu der historischen Auffassungsweise späterer Zeiten; daß Odin aus Deutschland stammt, Thor norwegisch, Freyr schwedisch war, ist erkannt. Aber diese Dinge sind nicht bis zum Ziele verfolgt; es herrscht die fachliche Analyse der Mythenerzählungen selbst vor und der Mangel aller älteren Sagenforschung, das Fehlen der Quellenkritik, zeigt sich auch hier. Im übrigen zeigen alle sagengeschichtlichen Arbeiten Uhland’s, wie auch die zerstreuten Bemerkungen, die er anderswo über Sagenkritik gemacht hat, daß er in einem nicht unberechtigten Gegensatze der Auffassung zu Jakob Grimm stand; er maß antiken und späteren, überhaupt fremden Cultureinflüssen mehr Bedeutung bei als dieser; seine nüchterne Natur ließ ihn, im Gegensatz zu dem warmen, glaubensvollen J. Grimm, beim Erscheinen des Zappertischen Schlummerlieds sogleich von seiner Unechtheit überzeugt sein. Seit 1846 wird der Plan einer „Schwäbischen Sagenkunde“ erwähnt; die erste Hälfte davon, von 1850 an geschrieben, hat sich im Nachlaß gefunden (Schr. VIII) und zeigt, abweichend von anderen Werken Uhland’s, große Kühnheit und geistreiche Combination; wenn dieses Werk auch inhaltlich am meisten problematisch ist, so muß doch seine Nichtvollendung ganz besonders bedauert werden, denn über diese Dinge, die Weide des Dilettantismus, ist von fachkundiger Hand gar nichts Zusammenfassendes mehr geschrieben worden. Einzelne Ausschnitte schwäbischer Sagenforschung, für den großen Zusammenhang wenig bedeutend, aber Muster von genauer und liebevoller Untersuchung, gab U. in den ersten Bänden von Pfeiffer’s Germania: Die Pfalzgrafen von Tübingen, Dietrich von Bern, Bodman, Die Todten von Lustnau; ferner zur allgemein deutschen Sagenkunde: Sigemund und Sigeferd, Der Rosengarten von Worms (Schr. VIII); außerdem im Nachlaß zerstreute Aufzeichnungen (ebd.).

Noch bedeutender sind Uhland’s Leistungen für das deutsche Volkslied. Er wollte, wie sich seit 1828 nachweisen läßt, im Gegensatz zu der kritiklosen Art Früherer eine philologisch gesichtete Sammlung älterer deutscher Volkslieder auf Grund genauester Erforschung des handschriftlichen und gedruckten Materials geben. Namentlich diesem Zweck dienten die vielen Reisen, besonders 1838 nach Wien, 1842 nach Norddeutschland und Dänemark, 1844 nach Belgien (hier sei auch seine Betheiligung an den Germanistenversammlungen in Frankfurt 1846 und Lübeck 1847 erwähnt). In zwei Bänden erschienen 1844/45 bei Cotta „Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder, mit Abhandlung und Anmerkungen“. Außer den Texten selbst sind aber nur die nöthigsten Nachweise über die Quellen und über das Verfahren des Herausgebers gegeben. Erst aus Uhland’s Nachlaß [160] wurden die Abhandlung (Schr. III) und die Anmerkungen (Schr. IV) veröffentlicht; von jener ist nur die erste Hälfte ausgeführt, diese sind sehr eingehend, aber nicht lückenlos. Die Ausgabe der Volkslieder ist wol das werthvollste, sicher das dauerndste, was U. als Gelehrter geschaffen hat; sie hat diesem Forschungsgebiet erst einen soliden Boden geebnet; von neueren Sammlungen, soweit sie nicht ganz speciellen Charakter haben, können nur Liliencron’s historische Volklieder und Böhme’s altdeutsches Liederbuch damit verglichen werden; der einzige, immerhin wesentliche Mangel ist das Fehlen der Melodien. Es war eine späte, aber wenigstens bei gutem Anlaß erfolgte Anerkennung, wenn ihm die philosophische Facultät Tübingen am 31. October 1845 bei Einweihung des neuen Universitätsgebäudes den Doctor verlieh, juris legumque propugnatori acerrimo, incorruptissimo, poetarum nostrae aetatis principi, antiquitatis germanicae investigatori sagacissimo, indefesso, viro morum integritate animique candore et constantia inter omnes conspicuo; als weitere Anerkennung kann erwähnt werden, daß die Wiener Akademie U. am 4. Mai 1848 zu ihrem correspondirenden Mitglied ernannte. Die Abhandlung zu den Volksliedern hat man als das Reifste und Feinste gerühmt, was U. geschrieben hat. Sie ist in ihrer Anlage dem Werk über den Minnesang unmittelbar verwandt; der Gegenstand, durchaus im Mittelpunkt von Uhland’s Interesse und congenialem Verständniß gelegen, ist im Kern erfaßt und mit der größten Liebe in schlichter, aber oft hinreißend schöner Art behandelt.

Die Revolution von 1848 riß U. aus seinem Gelehrtenleben heraus. Am 2. März war große Volksversammlung in Tübingen, nach deren Beschluß U. eine Adresse an den ständischen Ausschuß in Stuttgart mit verschiedenen liberalen Forderungen verfaßte. Am 9. März bildete der König das liberale „Märzministerium“; Paul Pfizer, Uhland’s Freund, der über die preußische Hegemonie ganz anders dachte als er, aber in Liberalismus und Unabhängigkeit der Gesinnung ihm vollkommen gleich war, wurde Cultminister. Er setzte Uhland’s Ernennung in den Siebzehner-Ausschuß durch, der in Frankfurt die Revision der deutschen Bundesverfassung mit berathen sollte. U. nahm an und reiste am 25. März nach Frankfurt ab. In dem Ausschuß, der unter Dahlmann’s Führung stand, war der großdeutsche U. mit seiner Idee eines Wahlkaiserthums isolirt. Da er am 26. April von dem Wahlbezirk Tübingen-Rottenburg in die Nationalversammlung gewählt wurde, so legte er sein bisheriges Amt nieder, das ihm mit dem Sitz im Parlament unvereinbar schien. Er ließ seine Frau nach Frankfurt nachkommen und fand wenigstens in geselligem Verkehr einige Erholung von der parlamentarischen Thätigkeit, die ihn von Anfang an nicht befriedigte. Er nahm im Parlament seinen Sitz auf der äußersten Linken des linken Centrums, vorübergehend auf der Linken selbst, kehrte aber bald auf den alten Platz zurück. Er war demokratisch, aber nicht revolutionär und communistisch, nicht kosmopolitisch, sondern entschieden patriotisch und mißbilligte von Anfang an alle möglichen tollen und unpatriotischen Ideen und Schritte der Extremen. Von der Rechten, auch den ihm sonst nahe stehenden J. Grimm, Arndt, Dahlmann trennte ihn neben der demokratischen Gesammtanschauung insbesonders seine Stellung in der Frage des Reichsoberhaupts. Er war gegen den Ausschluß Oesterreichs und gegen erbliches Kaiserthum; wenn er aber auch nach damaliger süddeutscher Art mehr Sympathie für Oesterreich als für Preußen haben mochte, so hielt er sich doch auch von jenem unabhängig, stimmte nicht für Erzherzog Johann, sondern für Gagern als Reichsverweser und besuchte nie die Abende des Erzherzogs, dessen unpolitischer Gast er 1838 gewesen war. Clubversammlungen besuchte er selten und gehörte keiner Partei an. Regelmäßiger Besucher der Sitzungen, trat er als Redner nur ganz selten [161] und in bedeutenden Augenblicken auf. Am bekanntesten wurden seine Reden vom 26. October 1848 und vom 22. Januar 1849, jene gegen den Ausschluß Oesterreichs, diese gegen das Erbkaiserthum; die letztere war es, die mit dem geflügelten Wort schloß: „Glauben Sie, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Oeles gesalbt ist.“ Als nach Ablehnung der Kaiserwürde durch Friedrich Wilhelm IV. die Mehrzahl das Parlament verließ, verfaßte U. den Aufruf an das deutsche Volk, welcher das Ausharren der Minorität motivirte. Daß Alles verloren war, wußte er so gewiß, als er niemals viel gehofft hatte; aber er hielt es für Ehrensache, zu beharren. Der Verlegung des Parlaments nach Stuttgart, die am 30. Mai beschlossen wurde, widersetzte er sich, ging aber mit, weil er den Beschluß für bindend ansah. Von nun an war er in der Opposition gegen die Radicalen, die jetzt die Mehrheit hatten. In Stuttgart sprach er am 6. Juni gegen die Einsetzung der Reichsregentschaft; er hatte auch sonst gegen unüberlegte und ungerechte Ansichten und Beschlüsse zu kämpfen und das württembergische Ministerium, das sich in der übelsten Zwangslage befand, gegen die Anfeindungen der Radicalen zu vertheidigen. Das Ministerium forderte die Nationalversammlung auf, in Stuttgart jede weitere officielle Handlung zu unterlassen und sich einen andern Sitz auszusuchen, und als das ignorirt wurde, erfolgte am 18. Juni die Auflösung der Versammlung durch Militär. U. war dabei in der ersten Reihe des Zuges der Parlamentsmitglieder, wurde aber nicht verletzt, wie das Gerücht ging; verletzt ist überhaupt Niemand worden; den übertreibenden Gerüchten setzte U. eine Erklärung entgegen, in der er nur die unnöthig brutale Form der Auflösung bedauerte. Gleich in den nächsten Tagen reiste er nach Tübingen zurück. Am 16. October schrieb er gegen die Ausübung des Standrechts in Baden. Im Juli 1850 hatte er als Mitglied des württembergischen Staatsgerichtshofs über eine Handlung des Ministers v. Wächter zu urtheilen. Damit war seine politische Thätigkeit zu Ende. Ein Nachspiel fanden diese politischen Vorgänge gegen Ende 1853, als zu gleicher Zeit das Capitel des preußischen Ordens pour le mérite ihn zum Mitglied vorschlug und Maximilian II. ihn zum Ritter des neuen bairischen Ordens für Wissenschaft und Kunst ernennen wollte. U. wies beide Auszeichnungen mit Dank zurück; er wollte nicht mit Geschenken von oben aus dem Bankerott der deutschen Hoffnungen hervorgehen, der manche, die ihm nicht fern gestanden waren, um Stellung, Ehre, Heimath, ja um das Leben gebracht hatte. Man konnte eine solche Handlungsweise Vorurtheil nennen; Eitelkeit und Volkstribunenthum kannte U. nicht.

Seit diesen Aufsehen erregenden Dingen ist U. aus der Stille des Privatlebens nie mehr hervorgetreten; nur bei dem Schillerfest in Stuttgart am 10. November 1859 hat er sich in einem Trinkspruch hören lassen. Er blieb aber nicht nur unermüdlich an der gelehrten Arbeit, sondern hat sich auch körperliche Rüstigkeit bis in das hohe Alter bewahrt. Noch im September 1861 hat er bei schlechtem Wetter im Bodensee gebadet und im Februar 1862 die Winterreise nach Weinsberg nicht gescheut, um dem am 23. Februar verstorbenen Justinus Kerner das Geleite zu geben. Kurz darauf erkrankte er und wurde nicht ganz wiederhergestellt; die Feiern seines 75. Geburtstags konnte er nur von fern in der Stille verfolgen. Ein Curversuch im Spätsommer in dem Soolbad Jagstfeld mißlang; nach quälenden Leiden ist der Mann, der seit den Kinderjahren nie einen Arzt gebraucht hatte, am 13. November 1862 in Tübingen gestorben. Seine Beerdigung am 16. November, zu welcher von Stuttgart zwei Extrazüge abgelassen wurden, gestaltete sich zu einer großartigen Feier. Seine Wittwe ist erst am 5. Juni 1881 in Stuttgart gestorben.

[162] U. war als Mensch derselbe wie als Dichter, Forscher und Politiker: ohne hervorstechende, blendende Eigenschaften, aber mit Vorzügen begabt, die auf die Dauer gewinnen; mehr treuer Freund als feuriger Liebhaber; nie sich hervordrängend, versagte er sich nie, wo er es für Pflicht hielt; schüchtern, unbeholfen, von einer erdrückenden Schweigsamkeit, war er im engeren Kreise lebendig und heiter und im rechten Augenblick auch der zündenden Rede fähig; einer jener sozusagen passiven Charaktere, welche nicht führend auftreten, aber auch nie vom Flecke weichen, daher ohne fruchtbare Wirksamkeit in den Epochen, wo der Knoten mit dem Schwerte durchhauen werden mußte, aber um so werthvoller in den Tagen stagnirender Indifferenz; durchdrungen von der Empfindung für Würde und Freiheit des Individuums, welche in seiner vernunftmäßig angelegten Natur wie ein Erbstück des Rationalismus erscheint, war er gerecht gegen jeden, streng gegen sich selbst, gegen Andere nur, wo der sittliche Kern des Menschen in Betracht kam; ein Freund jeder freien Aeußerung und doch für sein Theil an den Traditionen der Familie, den Gewohnheiten der Kirche festhaltend; ein echter Demokrat von republikanischem Grundzug, aber pietätvoll gegen die historischen Formen des politischen Lebens; ohne nationales Vorurtheil, aber ein treuer deutscher Patriot. Sein Aeußeres war wenig ausgezeichnet, die Gesichtszüge eher häßlich, nur die Stirn bedeutend, der Kopf von ausgeprägt germanischer Bildung, wie sie in seiner Heimath selten so rein hervortritt; Augen blau, Haare blond. Befriedigende Bildnisse Uhland’s gibt es daher kaum, obwol einige aus verschiedenen Zeiten (besonders ein Jugendbild von Morff) als ähnlich gelten. Denkmäler sind ihm, so viel ich weiß, gesetzt worden: im Herbst 1865 eine Erzbüste von Ernst Rau im Garten der Stuttgarter Liederhalle und am 14. Juli 1873 das Standbild von Gustav Kietz in Tübingen; eine zweite, neu bearbeitete Büste in Marmor hat Rau für Uhland’s Wittwe gefertigt, sie befindet sich jetzt in der Stuttgarter Staatsgalerie.

In diesem Artikel wollte und konnte ich nicht viel anderes geben, als ich in meiner Schrift „L. U. Eine Studie zu seiner Säkularfeier“ (Stuttg. 1887) gesagt habe. Im Folgenden das nöthigste Bibliographische.

Uhland’s Gedichte s. o.; nach seinem Tode mehrere revidirte, auch ein wenig vermehrte Ausgaben durch Wilh. Ludw. Holland; Prachtausgabe von Cotta zum Jubiläum 1887; illustrirte schon früher; „Volksausgabe“ der „Gedichte und Dramen“ (Ernst v. Schwaben und Ludwig d. Baier) in 3 Bänden 1863. – „Werke“, herausgegeben in zwei Bänden von Ludwig Fränkel (1893): Einleitung, Gedichte (leider auch die von U. nicht aufgenommenen), Anmerkungen; Dramen: die vollendeten und von den unvollendeten die größeren Bruchstücke; politische Reden und Aufsätze; ein paar litterarische Aufsätze und Briefe. – „Gesammelte Werke“ (es sollte „ausgewählte“ heißen, ich bin unschuldig daran) in sechs Bänden mit einer biographisch-litterarhistorischen Einleitung von Hermann Fischer (Cotta’sche Bibliothek der Weltlitteratur): Bd. 1: Gedichte; 2: Dramen und (ausgewählte) dramatische Entwürfe; 3–6: Ausgewählte gelehrte Arbeiten (mit Ausschluß der Volksliederarbeiten, s. u.).

Jugendgedichte: in den Biographien, s. o.; Zusammenfassung durch Eugen Nägele, Beiträge zu Uhland. Tübinger Gymn.-Progr. 1893. – Wettgesang zwischen U. und Rückert, hgg. v. Holland. Tüb. 1876.

Alles Dramatische (außer der Ausführung von Ernst v. Schwaben und Ludwig der Baier): Adelbert v. Keller, U. als Dramatiker. 1877.

Volkslieder: außer der Originalausgabe (s. o.) Neudruck 1881; die dritte Auflage (in der Cotta’schen Bibliothek der Weltlitteratur), mit Einleitung von Hermann Fischer, enthält in 2 Bänden die Texte, in Bd. 3 die Abhandlung, in Bd. 4 die Anmerkungen zu der Abhandlung (nicht die zu den Volksliedern selbst).

[163] Gelehrte Arbeiten (die Originaldrucke der zu Uhland’s Lebzeiten erschienenen s. o.) gesammelt: Uhland, Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage (hgg. von Holland, A. v. Keller und Franz Pfeiffer), 8 Bde., Cotta, 1865–1873.

Biographisches: L. Uhland’s Leben. Aus dessen Nachlaß und aus eigener Erinnerung zusammengestellt von seiner Wittwe. Stuttg. 1874 (kostbare Gabe, zuvor für Freunde gedruckt, viele Briefe, auch Gedichte, Reden etc.). – Fr. Notter, L. U. Stuttg. 1863 (mit ungedruckten Gedichten; viel Politisches). – Otto Jahn, L. U. Bonn 1863 (mit werthvollen Beilagen: Nachlese zu den Gedichten, Aufsätze aus dem Sonntagsblatt, Briefe, politische Reden und Aufsätze, chronol. Verzeichniß der Gedichte). – A. v. Keller, Urkundliches zu Uhland’s Leben (Staatsanzeiger für Württemberg 1863, Nr. 70). – Karl Mayer, L. U., seine Freunde und Zeitgenossen. 2 Bde., Stuttg. 1867 (Fundgrube persönlicher Erinnerungen, Briefe und Gedichte). – Briefwechsel zwischen Laßberg und U., hgg. v. Franz Pfeiffer. Wien 1870 (von Pf. schon 1863 eine kurze Gedächtnißschrift). – J. Hartmann, Aus Briefen von J. Kerner an U. (Württemb. Vierteljahrsh. I, 217 ff.). – W. L. Holland, Zu Uhland’s Gedächtniß. Leipz. 1886 (Uhland’s Aufzeichnungen für sein Stilisticum). – Nachlese zu den Uhland-Biographien (Württ. Vierteljahrshefte X, 1 ff.). – Ed. Paulus, L. U. und seine Heimath Tübingen. 2. Aufl., Stuttg. 1887. – Andere biographische und allgemeine Darstellungen von Joh. Gihr (1864); Osk. Jäger (Festschr. f. die 34. Philol.-Vers. 1879); Dederich (1886) s. u.; Bechstein, Köstlin, Rümelin, Salomon (1887). – Die Enthüllung des Standbildes von L. U. zu Tübingen. Tüb. 1873. – Fr. Vischer, Festspiel zur U.-Feier. Stuttg. 1887. – Ueber Uhland’s Aeußeres: Vischer, Kritische Gänge, s. u.; A. Wintterlin, Württembergische Künstler, S. 460 ff.

Litterarhistorisches, Exegetisches, Kritisches: Gustav Pfizer, U. und Rückert. Stuttg. 1837. – Fr. Vischer, Kritische Gänge. Neue Folge, Heft 4. – Ambros Mayr, Der schwäbische Dichterbund. Innsbr. 1886. – Berthold Pfeiffer, L. U. und seine Stellung im deutschen Geistesleben (Korrespondenzblatt f. die Gelehrten- und Realschulen Württembergs 1889). – Herm. Fischer, Beiträge zur Litteraturgeschichte Schwabens. Tüb. 1891: Klassizismus und Romantik in Schwaben zu Anfang unseres Jahrhunderts; Uhland’s Beziehungen zu ausländischen Litteraturen; U. und Hebbel (vorzügliche, nur oft zu enthusiastische Bemerkungen über U. finden sich in Hebbel’s Werken, Briefen u. Tagebüchern). – R. M. Werner, Neuere Uhland-Litteratur (Anzeiger f. deutsches Alterthum 8). 1888. – Georg Hassenstein, L. U., seine Darstellung der Volksdichtung und das Volkstümliche in seinen Gedichten. Leipz. 1887. – Sintenis, Goethe’s Einfluß auf U. (Jahrbücher für Philologie und Pädagogik 106, 369 ff.). – Schulzen, Mhd. Anklänge in Uhland’s Gedichten. Thann 1879. – Fasold, Altdeutsche und dialektische Anklänge der Poesie Uhland’s (Herrig’s Archiv 72). – Düntzer, Uhland’s Balladen und Romanzen. Leipz. 1879. – Paul Eichholtz, Quellenstudien zu Uhland’s Balladen. Berlin 1879. – H. Dederich, L. U. als Dichter und Patriot. Gotha 1886 (Anhang: Quellennachweise zu den episch-lyrischen Dichtungen). – Heinr. Weismann, Uhland’s Dramen. Frankf. 1863. – Düntzer, Uhland’s Dramen und Dramenentwürfe. Leip. 1892. (Aufsätze über einzelne Dichtungen etc. übergehe ich; s. Goedeke’s Grundriß.)