ADB:Keller, Adelbert von

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Artikel „Keller, Adelbert von“ von Wilhelm Ludwig Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 452–454, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Keller,_Adelbert_von&oldid=- (Version vom 22. September 2019, 21:20 Uhr UTC)
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Keller *): Dr. Heinrich Adelbert von K., deutscher und romanischer Philolog, der Sohn des Stadtpfarrers Johann Jakob Keller (vgl. über diesen Bd. XV, S. 582), wurde den 5. Juli 1812 zu Pleidelsheim in Württemberg geboren. Nachdem er seine Gymnasialbildung in Stuttgart erhalten, studirte er in Tübingen Theologie, daneben aber auch unter Leitung von Ludwig Uhland und Moriz Rapp neuere Philologie. Im J. 1834 unternahm er, altfranzösische Handschriften zu durchforschen, eine Reise nach Paris. Eine Frucht seiner Arbeiten auf der dortigen großen Bibliothek ist: „Li romans des sept sages, nach der Pariser Handschrift herausgegeben“, Tübingen 1836. Die ausgedehnte Einleitung, welche dem Texte vorangeht, wird stets ein rühmliches Denkmal der von K. schon in jungen Jahren erworbenen erstaunlichen Gelehrsamkeit und eindringenden Kenntniß der verschiedensten Litteraturen bleiben.

In die Heimath zurückgekehrt, wurde K. 1835 Privatdocent der neueren Sprachen und Litteraturen an der Universität in Tübingen, 1837 zweiter Bibliothekar. Im September 1840 wandte er sich nach Italien, er gelangte anfangs October nach Rom, wo er bis in den März 1841 verweilte. Diese auf den Rath des Arztes unternommene Reise benützte der rastlose Gelehrte, in venezianischen, florentinischen und römischen Büchersammlungen nach deutschen und romanischen Handschriften zu suchen. So entstand das reichhaltige Werk, das den Titel führt: „Romvart. [453] Beiträge zur Kunde mittelalterlicher Dichtung aus italienischen Bibliotheken“, Mannheim und Paris 1844. Außerordentlicher Professor wurde K. 1841, ordentlicher Professor und Oberbibliothekar 1844. Nachdem er 1850 von der Bibliothek zurück getreten, fuhr K. bis zu seinem Ende fort, sich seinem Lehrberufe zu widmen, in welchem er eine reiche Wirksamkeit entfaltete. Seine gediegenen und überaus geschätzten, immer aufs neue umgearbeiteten Vorlesungen umfaßten die deutsche und auch die romanische Philologie; Grammatik, Erklärung von Texten, Litteraturgeschichte führte er in planmäßigem Wechsel vor. Ebenso wie als Lehrer war K. auch als Schriftsteller auf beiden Gebieten und in einem Umfange thätig, der nur durch seine streng geregelte Zeiteintheilung, durch seinen außerordentlichen unermüdlichen Fleiß erklärlich wird. Seine sämmtlichen Werke (von den ungezählten Beiträgen, die er gelehrten und anderen Zeitschriften gespendet, ganz abgesehen) hier zu verzeichnen, ist nicht möglich, ich muß mich auf eine Auswahl beschränken und so mögen denn genannt sein: „Altfranzösische Sagen“, Tübingen 1839, zweite Auflage Heilbronn 1876; „Miguels de Cervantes sämmtliche Romane und Novellen“ (in Gemeinschaft mit Friedrich Notter), Stuttgart 1839, zweite Ausgabe 1850; El conde Lucanor, compuesto por D. Juan Manuel“, Stuttgart 1839; „Romancero del Cid“, Stuttgart 1840; eine Ausgabe der lateinischen „Gesta Romanorum“, Stuttgart 1842; „William Shakespere’s dramatische Werke, übersetzt und erläutert“ (in Verbindung mit Moriz Rapp), Stuttgart 1843, zweite Ausgabe 1854; „Alte gute Schwänke“, Leipzig 1847, zweite Auflage Heilbronn 1876; „Lieder Guillems IX. Grafen von Peitieu, Herzogs von Aquitanien“, Tübingen 1850; „Lieder Guillems von Berguedan“, Mitau und Leipzig 1849; „Italienischer Novellenschatz, ausgewählt und übersetzt“, Leipzig 1851, 1852; „Walthers von Rheinau Marienleben“, Tübingen 1853 bis 1855; „Beiträge zur Schillerlitteratur“, Tübingen 1859, Nachlese 1860; „Urkundliches zu Uhland’s Leben“, Stuttgart 1862; „Jacob Grimm“, Stuttgart 1863; „Ludwig Uhland’s Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage“ (in Gemeinschaft mit Franz Pfeiffer und dem Unterzeichneten), Stuttgart 1865 bis 1873; „Uhland als Dramatiker, mit Benutzung seines handschriftlichen Nachlasses dargestellt“, Stuttgart 1876.

Eine große Reihe anderer Werke hat K. in den Publicationen des litterarischen Vereins in Stuttgart herausgegeben. Dahin gehören unter anderen: „Fastnachtspiele aus dem 15. Jahrhundert“, drei Bände, 1851 bis 1853; „Grimmelshausens Simplicissimus“, Band I. II. 1854; „Erzählungen aus altdeutschen Handschriften“, 1854; „Hugos von Langenstein Martina“, 1855; „Amadis, erstes Buch“, 1856; „Karl Meinet“, 1857; „Nachlese zu den Fastnachtspielen“, 1858; „Steinhöwels Decameron“, 1859; „Translationen durch N. v. Wyle“, 1860; „Grimmelshausens Simplicissimus“, Band III. IV, 1862; „Ayrers Dramen“, Band I. II, 1864; Band III. IV. V, 1865; „Das deutsche Heldenbuch“, 1867; „Hans Sachs“, Band I bis V, 1871, Band VI, 1873, Band VII, 1874, Band VIII, 1875, Band IX, 1876, Band X, 1878, Band XI, 1879, Band XII, 1880; „Das Nibelungenlied nach der Piaristenhandschrift“, 1880; „Faust’s Leben von Georg Rudolf Widmann“, 1881; „Hans Sachs“, Band XIII (in Gemeinschaft mit E. Götze). 1881, Band XIV (ebenfalls mit E. Götze), 1882.

Präsident des 1839 begründeten litterarischen Vereins in Stuttgart wurde K. im J. 1849. Durch die umsichtige, keine Mühe scheuende, durchaus uneigennützige Leitung dieser Bibliophilengesellschaft, die erst er zu ihrer großen Bedeutung erhoben, hat sich K. ein unvergängliches Verdienst erworben; einer beträchtlichen Zahl hervorragender Werke, deren Uebernahme irgendein Verlagsgeschäft kaum gewagt hätte, wurde durch ihn in den Vereinsschriften eine Stätte bereitet. Was unter dieser seiner Führung von dem Vereine geleistet worden, das hat K. selbst in den folgenden [454] beiden Arbeiten dargelegt: „Zum hundertsten Bande der Bibliothek des litterarischen Vereins. Eine Denkschrift von dem Präsidenten des Vereins“, Tübingen 1870 und in dem „Bericht über Entstehung und Fortgang des litterarischen Vereins in Stuttgart von dem Präsidenten des Vereins“, Tübingen 1882. Als eine Lebensaufgabe hatte sich K. ein schwäbisches Wörterbuch gestellt, bei dem er Schmeller’s bayerisches Wörterbuch als glänzendes Vorbild vor Augen hatte. Die vollständige Durcharbeitung des manches Jahrzehnt hindurch in unablässiger Thätigkeit gewonnenen Stoffes, in dessen Sammlung er sich nicht genug thun konnte, war K. nicht mehr vergönnt, aber es ist dafür gesorgt, daß, was der Meister vorbereitet, durch treue Schülerhand zur Veröffentlichung gelange.

A. v. K. entschlief sanft den 13. März 1883 nach längerer Krankheit, zu der sich zuletzt eine Lungenentzündung gesellt hatte.

K. war eine vielseitige Begabung verliehen worden, das reichste Wissen, und nicht nur in seinem Fache, hat er sich selbst erworben. Neben den geschichtlichen Disciplinen blieb ihm die Philosophie nicht fremd und nicht die Kunst. Wohl vertraut mit dem Entwicklungsgange der Plastik, der Malerei und der Architektur, liebte er die Musik, die er selbst ausübte, vor allem aber war er, mit eigenem dichterischem Talente geschmückt, ein begeisterter Verehrer der Poesie. Er war ein Mann des reinsten und edelsten Charakters, ein treuer und zuverlässiger Freund, er war voll Hochachtung vor jeder geistigen Leistung, liebevoll gegen die jüngeren, die sich hervorzuthun suchten, gar viele haben seines Herzens Freundlichkeit erfahren. Neben voller Anerkennung seines Wirkens von Seiten der Fachgenossen hat es ihm auch an äußeren Ehren nicht gefehlt. Er war Rector der Universität Tübingen im Jahre 1858, zwei Könige von Württemberg und auswärtige Monarchen haben ihn durch hohe Orden ausgezeichnet, die königl. bayerische Akademie der Wissenschaften, viele gelehrte Vereine haben ihn zu ihrem Mitgliede gewählt. In der Geschichte der deutschen und der romanischen Philologie wird der Name Adelbert von K. allezeit fortleben.


[452] *) Zu Bd. XV S. 562.