ADB:Pfeiffer, Franz

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Artikel „Pfeiffer, Franz“ von Joseph Strobl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 25 (1887), S. 635–639, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Pfeiffer,_Franz&oldid=2504078 (Version vom 18. November 2018, 06:23 Uhr UTC)
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Band 25 (1887), S. 635–639 (Quelle).
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Pfeiffer: Franz P., deutscher Philolog, ist geboren am 27. Februar 1815 zu Bettlach bei Solothurn, als Sohn armer Aeltern. Sein Vater hatte in einem französischen Reiterregimente gedient und erhielt nun sich und die Seinen von dem wohl kärglichen Einkommen als Musikus und Militärinstructor. In Solothurn empfing P. den ersten Unterricht im Altdeutschen durch Professor Weishaupt. Im J. 1834 bezieht er die Universität München, wo er sich zunächst der Medicin zuwendet, gleichzeitig aber auch Maßmann’s Collegien besucht. Durch letztern gedrängt, sich für ein bestimmtes Studium zu entscheiden, gibt er die Medicin auf und widmet sich völlig dem Altdeutschen. Von seinem Eifer für dieses legt Zeugniß ab, daß er, noch zwischen beiden Berufsstudien schwankend, im J. 1835 seine erste Abschrift eines altdeutschen Gedichtes, des Antichrist aus dem Cgm. 574 Fol. 87 f., verfertigte. Abschriften sind für die nächsten Jahre seine Hauptbeschäftigung, eine große Reise vom Sommer 1840 bis März 1841 ward allein zu dem Zwecke unternommen, Abschriften altdeutscher Werke herbeizuschaffen. P. entwickelt hierin einen Fleiß, der uns oft in Erstaunen versetzt. Ein buntes Vielerlei von altdeutschen Schriften ist damals [636] durch seine Hand gegangen, ein günstiges Geschick hat ihm einen Umfang von Belesenheit verschafft, dessen damals sich wenige rühmen konnten. Vieles aus seinen Abschriften hat er im Laufe der Zeit selbst veröffentlicht, manches ward von andern benutzt. In diese Zeit fällt auch der eine und der andere Plan, der später ausgeführt ward, seit 1838 sammelt er zu seiner Ausgabe des Eckhart, 1839 denkt er bereits daran, Berthold’s Predigten herauszugeben. In Haupt’s und Hoffmann’s altdeutschen Blättern und in des erstern Zeitschrift für deutsches Alterthum erschienen kleinere und größere Mittheilungen aus Handschriften, theils in bloßem Abdruck, theils in normalisirten Texten. In den Jahren 1842–1844 veröffentlichte er in der Bibliothek des litterarischen Vereines zu Stuttgart allein fünf Bände von zusammen über tausend Seiten, darunter die Weingartner und die alte Heidelberger Liederhandschrift, ferner die livländische Reimchronik. Letztere im Grunde nur ein aus einer Heidelberger Handschrift ergänzter und auch sonst verbesserter Neudruck der alten Bergmann’schen Ausgabe von 1817. Im J. 1850 erschien seine letzte Publication in diesem Vereine, die schwierige Ausgabe des habsburgisch-österreichischen Urbarbuchs. Der erste Dichter, welchem P. sorgfältige Aufmerksamkeit schenkte, war Rudolf von Ems. Seinen Alexander und Wilhelm besaß er in Abschriften, der gute Gerhard lag ihm in der sorgfältigen Ausgabe Haupt’s vor. In den gelehrten Anzeigen, herausgegeben von Mitgliedern der königlich bairischen Akademie der Wissenschaften 1842, lieferte er eine Besprechung dieser Ausgabe, die Haupt’s Beifall fand und deren wichtigste Resultate von letzterem in seiner Zeitschrift III, 275 f. abgedruckt wurden. 1843 erschien Pfeiffer’s Ausgabe von Rudolf’s Barlaam und Josaphat, seinem Gönner dem Freiherrn von Laßberg, der ihn auf der Meersburg so freundlich aufgenommen hatte, gewidmet. Rasch folgten 1844 der Edelstein von Ulrich Boner, 1845 der erste Band der Mystiker, neben Hermann von Fritzlar und Nicolaus von Straßburg als Anhang David von Augsburg enthaltend, 1846 Marienlegenden, 1847 Wigalois, 1848 Mai und Beaflor, 1852 Heinzelein von Konstanz, 1854 ausgewählte Theile aus der Chronik des deutschen Ordens von Nicolaus von Jeroschin. Bisher hatte man sich in der mittelhochdeutschen Prosa, von W. Wackernagel abgesehen, mit bloßen Abdrücken begnügt, in dem Beginnen Pfeiffer’s, die Mystiker kritisch herauszugeben, lag eine Erweiterung des Arbeitsgebietes der deutschen Philologie. Eine fernere lag in der Ausdehnung der Kritik auf mitteldeutsche Sprachdenkmäler. Im Edelstein des Schweizers Boner hat P. die Sprache noch ziemlich unkritisch behandelt. Die Untersuchung über Boner’s Sprache ward für „gegebene Gelegenheit“ gespart. In der livländischen Reimchronik gibt er ebenfalls ungenügendes über die Sprache, der Text ist normalisirtes Mittelhochdeutsch. Erst im folgenden Jahre (1845) bringt der erste Band der Mystiker eine „Uebersicht der Laute“ des Mitteldeutschen. Manche dialectische Eigenthümlichkeit war erst nach Abdruck des Textes gefunden; die „Uebersicht“ selbst ist erst nach Abschluß des Ganzen begonnen und darum auf Grund des Textes, nicht der Anmerkungen, denen sie im Drucke doch nachfolgt, zusammengestellt, weßhalb sie aus diesen ergänzt werden muß. Es scheint, daß des Herausgebers Aufmerksamkeit erst während des Druckes geschärft wurde. Wilhelm Grimm las seine Abhandlung über Athis und Prophilias im Beginne des Jahres 1844, der Druck der Abhandlung 1846 nimmt auf die Ausgabe der Mystiker Rücksicht. W. Grimm und P. waren seit 1840 in Verbindung getreten, ein Einfluß des erstern ist in der Bestimmung des Mitteldeutschen daher nicht ganz abzuweisen. In den andern Ausgaben setzt P. das von Lachmann und Haupt begonnene fort. Sie fanden Haupt’s Beifall, Müllenhoff’s unbeschränkte Anerkennung. In dem was reiche Erfahrung und umfassende Belesenheit lehren kann, überragt [637] P. z. B. seinen Lehrer Maßmann. Was aber den Sinn für Individuelles anlangt, so steht ihm K. A. Hahn weit voraus. Im Barlaam macht er, der Kenner Rudolf’s, nicht den Anfang zu dem, was Hahn mit viel geringeren Mitteln für Konrad’s Otto geleistet hatte. Als schwache Seite der Ausgaben Pfeiffer’s hat schon Haupt die Metrik erkannt. P. verhält sich nicht von vorneherein ablehnend gegen Lachmann’s Metrik. Er bessert in Haupt’s Gerhard eine Schreibung nach Lachmann’s strenger Forderung. Im Heinzelein von Konstanz bewegt er sich ganz in den Bahnen Lachmannischer Metrik. In dieser Ausgabe bestrebt er sich außerdem deutlich, den strengen Anforderungen an einen Herausgeber gerecht zu werden, sogar in Aeußerlichkeiten schließt er sich an Haupt’s Ausgaben an. Einen Abschluß seiner mitteldeutschen Studien bildet, nicht ohne einen hoffnungsvollen Ausblick auf weitere Forschungen zu gewähren, sein Jeroschin. Im J. 1853 erhielt P. Holtzmann’s Untersuchungen über das Nibelungenlied im Manuscripte mitgetheilt. Er trat rasch der neuen Ansicht bei. Sie befreite ihn und andre von dem gewaltigen Drucke der Persönlichkeit Lachmann’s. Man meinte nun mit den Nibelungen fertig zu werden, ohne Lachmann auf den vielverschlungenen, beschwerlichen Wegen nachfolgen zu müssen. Es war eine natürliche Folge, daß man noch mehr aufgab. Mit dieser Wendung beginnt eine neue Periode in Pfeiffer’s Thätigkeit. Manches früher begonnene wird noch zu Ende gebracht. Im J. 1857 erschien die erste Abtheilung des zweiten Bandes der Mystiker, Meister Eckhart enthaltend, Text ohne Anmerkungen und Lesarten, die nie erschienen. Im J. 1861 das längst vorbereitete Buch der Natur von Konrad von Megenberg, endlich 1862 nach raschem Entschluß der erste Band der Predigten Berthold’s von Regensburg, ebenfalls bloß Text. Pfeiffer’s Arbeit wendet sich nun andern Zielen zu. Er sagt sich offen von Lachmann los, bricht brieflich den Verkehr mit Haupt ab. In seinem Büchlein „Zur deutschen Litteraturgeschichte“ 1855, das Weihnachten 1854 erschien, beginnt er, in seinem Aufsatze über Freidank die Walther-Freidankhypothese W. Grimm’s bekämpfend, die Polemik gegen Lachmann; zunächst gegen dessen Metrik. Mit Ausnahme der Widerlegung der Hypothese W. Grimm’s stehen die Resultate keines Aufsatzes aus diesem Schriftchen mehr sicher. Es enthält außer der Abhandlung über Freidank die über Blicker von Steinach und Konrad Fleck. Der Beweisgang des Aussatzes über Blicker ist bezeichnend für Pfeiffer’s litterarhistorische Methode. Gottfried von Straßburg lobt Blicker’s Gedicht Umbehang und nennt den Dichter neben Hartmann von Aue, Heinrich von Veldeke, Reimar und Walther von der Vogelweide. Er gibt Bruchstücke eines altdeutschen Gedichtes, in denen sich eine Meisterschaft verräth, „wie ich sie außer bei Gottfried bei keinem altdeutschen Dichter sonst gefunden habe“. Rudolf von Ems bringt in zweien seiner Werke Dichterverzeichnisse. Es ist schlechterdings unmöglich, daß ihm ein Gedicht, das solche Vorzüge besitzt, unbekannt geblieben sei. Hat er es aber und seinen Verfasser gekannt, so kann es nur der Umbehang Blicker’s sein. Denn die andern von Rudolf verzeichneten Gedichte besitzen wir entweder noch oder wir errathen ihren Inhalt, der auf unsere Bruchstücke nicht paßt. Im J. 1856 gründet P. die „Germania, Vierteljahrsschrift für deutsche Alterthumskunde“. Auf dem Gebiete der deutschen Philologie soll die Herrschaft der Autorität, das Ansehen der Schule eine Höhe erreicht haben, die nicht mehr fördernd, sondern hemmend wirke und mit freier Forschung und rücksichtslosem Bekenntniß der Wahrheit unverträglich sei. Das sei der Grund, warum eine neue Zeitschrift gegründet werde. Schüchtern wagt sich in das Programm bereits die neuere Litteraturgeschichte. „Die neuere Litteratur, so weit sie Gegenstand ästhetischer Betrachtung und Würdigung ist, liegt natürlich außerhalb unseres Kreises, aber die Grenzen können nicht streng genug gezogen werden.“ [638] Aus den Arbeiten Pfeiffer’s in dieser Zeitschrift sind die bedeutendsten: Wernher vom Niederrhein und der wilde Mann 1856. Ueber Gottfried von Straßburg 1858, beide auf Grund von Reimbeobachtungen, letztere außerdem aus Gründen der Metrik dichterisches Eigenthum scheidend. Die zweite Abhandlung und eine über Bernhard Freidank 1857 enthalten scharfe Polemik. Gegen Lachmann’s Metrik wendet sich P. in dem Aufsatze über Gottfried, in dem er nachzuweisen sucht, was niemand geleugnet hat und er selbst 1852 in seinem Heinzelein schon wußte, daß nicht alle altdeutschen Dichter die von Lachmann beobachteten Regeln befolgten. Die Germania tritt außerdem polemisch auf gegen Haupt und Müllenhoff. Bald findet P. Mitarbeiter, welche sich bestreben, es ihm in dieser Polemik gleich zu thun. Einige Male treten sie paarweise auf den Plan. Es fällt in diesen Polemiken die Gereiztheit und Heftigkeit des Tones bei geringer sachlicher Förderung auf. Es fällt auf, daß der Leser nur Tadel von Einzelheiten hört und nirgends von der Gesammtleistung der Angegriffenen erfährt. Man vermuthet unschwer, daß es Einflüsse von außen her sind, welche die Gegensätze verschärfen. Auf solche wenigstens scheinen Pfeiffer’s Worte zu deuten: „Wer … von den Fachgenossen, die nicht in seinen, sondern lieber eigene Wege gehen, mit so offener Wegwerfung als von Handlangern, Pfuscher und Dilettanten seit langem spricht und nun auch schreibt …“ – Nachdem P. längere Zeit in Stuttgart in der bescheidenen Stellung eines zweiten Bibliothekars an der königlichen öffentlichen Bibliothek gewirkt hatte und mit dem Titel eines Professors ausgezeichnet worden war, folgte er im Herbste 1857 einem Rufe als ordentlicher Professor an die Universität Wien. Es tritt hier in seinen Arbeiten ein gewisser positiver Zug in den Vordergrund. An der Stelle des gestürzten Gebäudes sollte ein neues aufgeführt werden. Der freilich nicht verstandenen bisherigen Auffassung der mitteldeutschen höfischen Sprache wird 1861 eine neue entgegengestellt. Den „wiedergewonnenen“ Nibelungen wird ein Dichter zugewiesen 1862. Die Ausgabe Walther’s von der Vogelweide 1864 sollte zeigen, wie Ausgaben altdeutscher Dichter beschaffen sein müßten. Dieselbe Ausgabe bringt eine Darstellung der Metrik, gereinigt von Lachmann’scher „Willkür“. Das Jahr 1866 stellt den Sprachproben Müllenhoff’s das altdeutsche Uebungsbuch entgegen. Zwischen hinein fallen Conjecturen zu Erec, zu Walther von der Vogelweide, Ausgaben kleinerer althochdeutscher Denkmäler, eine „Rettung“ des berüchtigten Schlummerliedes u. a.

Die streithafte Polemik und daneben die positive Richtung wirkten auf die Jugend, die P. zu ihrem Lehrer hatte. Eine absterbende Schule, die sich durch tausend Pfähle den Weg zur weiteren Forschung verrammelt hatte, dort – freie Bahn für den Strebsamen hier – so erschienen dem Jüngling unter dem Eindruck von Pfeiffer’s Wort und Schrift die beiden wissenschaftlichen Richtungen, von denen er erfuhr. Dieser frische Zug hat manche junge Seele geweckt. Und hat der eine oder der andere auch später manches, ja vieles, was er einst freudig aufnahm, als Irrthum erkannt, dankbarer Erinnerung blieb und bleibt P. sicher. Ein gnädiges Geschick lenkte durch das letzte Buch, an dem P. arbeitete, den „Briefwechsel zwischen Joseph Freiherrn von Laßberg und Ludwig Uhland“, Wien 1870, seinen Blick auf die schöne Zeit der Jugend zurück. Die Meersburg stieg aus den dunkeln Fernen wieder auf und die Fülle der Erinnerungen begrub all das Leid und Bittere, das die Jahre ihm gebracht. So schloß sich über ihm, als er am 29. Mai 1868 nach langem Leiden, doch eines plötzlichen Todes starb, das Grab.

Zum Andenken Franz Pfeiffer’s. Ein Nachruf von Hans Lambel (Beilage zur Allgemeinen Zeitung. München 1868, Nr. 189, 190, 191). – Franz Pfeiffer. Eine Biographie von Karl Bartsch im „Briefwechsel zwischen [639] Joseph Freiherrn von Laßberg und Ludwig Uhland.“ Herausgegeben von Franz Pfeiffer. Wien 1870, S. XVII–CVII. – Franz Pfeiffer und seine Widersacher von Em(il) K(uh). Kaiserl. Wiener Zeitung 1870, Nr. 138, 141, 144. (Beruht, ohne daß der Vf. es anmerkt, zum großen Theil auf schriftlichen Mittheilungen F. Pfeiffer’s.)