ADB:Freidank

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Artikel „Freidank“ von Karl Bartsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 7 (1878), S. 336–338, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Freidank&oldid=- (Version vom 15. Dezember 2019, 12:55 Uhr UTC)
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Freidank: Dichter des 13. Jahrhunderts. Ob ein Adlicher oder Bürgerlicher, darüber schwanken die Ansichten; der Umstand, daß ihn Rudolf von Ems, sein Zeitgenosse, meister nennt (wogegen das her späterer Dichter nicht in Betracht kommt), so wie daß die Kolmarer Annalen ihn als Fridancus vagus bezeichnen, spricht mehr für die bürgerliche Abkunft. Er verfaßte um 1229 bis 1230 unter dem Titel „Bescheidenheit“, was in der älteren Sprache „Einsicht, vollständige Beurtheilung der Dinge“ bedeutet und in der lateinischen Uebersetzung durch „discretio“ wiedergegeben wird, ein Lehrgedicht, das in kurzen, meist zwei Zeilen umfassenden Sätzen und Sprüchen Lebensweisheit predigt, und eben wegen seiner gedrungenen und eindringlichen Art sehr bald einer großen Beliebtheit sich erfreute. Ein Theil des Werkes ist in Syrien entstanden, wohin der Dichter im Kreuzheere Friedrichs II. gekommen war. Sonst wissen wir von seinen Lebensumständen nichts; daß er identisch sei mit einem gegen Ende des 13. Jahrhunderts erwähnten Bernhard F., ist zweifelhaft; die Nachricht, daß er in Italien gestorben und in Treviso begraben worden, stammt aus dem 15. Jahrhundert und bezieht sich eher auf einen am Ende des 14. Jahrhunderts gestorbenen Freidank.

Der Dichter hat seine Sprüche zum Theil aus der altüberlieferten Spruchweisheit des Volkes, zum Theil aber auch aus älteren Dichtern, Hartmann von Aue, Wirnt von Grafenberg etc. geschöpft. Ein einheitliches nach einem strengen Plan gegliedertes Ganze sollte das Werk nicht sein; in seiner losen Anlage bot es daher Anlaß zu zahlreichen Einschiebungen und zu Umstellungen, wie denn die Handschriften in der Anordnung und Aufeinanderfolge der Sprüche so stark von einander abweichen, wie dies sonst bei keinem poetischen Werke des Mittelalters der Fall ist. An die Spitze seines Gedichtes stellt F. die Lehre, daß Gott dienen der Anfang aller Weisheit sei, daß, wer um dies kurze Leben die ewige Freude gebe, sich selbst betrüge und auf den Regenbogen baue. Der Mensch soll, wenn er seine Seele bewahren will, sich selbst fahren lassen, soll auf Gott und die Vorsehung vertrauen und sich hüten, über unlösbare Fragen unnütz zu grübeln. An Wundern zu zweifeln ist unrecht; die Natur selbst führt uns täglich die größten Wunder vor Augen. Er empfiehlt Reue, die freilich ohne Werke todt ist; er eifert gegen den Ablaß, da nur Gott Sünden vergeben könne. Wenn der Papst, meint er, ohne Reue und Buße von Sünden lösen kann, dann sollte man ihn steinigen, wenn er auch nur einen Menschen zur [337] Hölle fahren läßt. Wie hier dem Papst, so sagt er an andern Stellen den Mächtigen der Welt ebenso offen und kühn die Meinung. Er eifert gegen die Hoffahrt des Adels, adlich ist ihm nur wer Tugend hat; er straft die Fürsten, welche schlechten Rathgebern folgen, und beklagt den heillosen Zustand in deutschen Landen, die voll seien von Gerichten und Vögten, von Münzen und Zöllen, die aber alle zum Raube genutzt würden. Es gebe nicht drei Fürsten, die nach Gottes Willen lebten; wenn nach der Tugend gerichtet würde, dann wäre mancher Herr ein Knecht. Des Dichters Freimuth, seine schön menschliche und humane Gesinnung blickt überall hervor; in seinen politischen und kirchlichen Ansichten zeigt er sich als einen entschiedenen Anhänger der kaiserlichen Partei, als einen Gegner des im Kampfe um die Weltherrschaft mit dem Kaiserthum ringenden Papstthums. Seine religiösen Anschauungen sind frei von allem Zelotismus und unterscheiden sich dadurch von denen des wenig älteren Thomasin, der in seinem welschen Gaste als entschiedener Anhänger des Papstes hervortritt.

Die von W. Grimm ausgesprochene und begründete Vermuthung, daß F. ein angenommener Name sei, hinter dem kein anderer als Walther von der Vogelweide stecke, daß also die Bescheidenheit ein Werk des berühmten Lyrikers sei, ist mit Recht auf großen Widerspruch gestoßen und hat unter den Germanisten außer W. Wackernagel wol kaum einen ernstlichen Anhänger gefunden. Die Uebereinstimmung in Gesinnung und Lebensanschauung darf unbedenklich zugegeben werden; sie beweist aber nichts, da es zu jener Zeit wol mehr Männer von verwandter Denkart wie Walther gegeben haben wird. Die wörtlichen Berührungen und Anklänge sind auf Rechnung von Entlehnungen zu setzen, die F. aus den Liedern Walthers sich ebenso gestattete, wie aus Hartmann u. a. Andererseits ist in Behandlung des Metrischen und Sprachlichen eine so merkliche Verschiedenheit wahrzunehmen, daß schon dadurch die Identität sehr unwahrscheinlich wird. Viel wahrscheinlicher ist, daß F. außer der Bescheidenheit auch ein erzählendes Gedicht verfaßt habe, das Friedrichs I. Kreuzfahrt und Tod zum Gegenstand hatte, das aber verloren ist. Darauf weist die Stellung hin, die ihm Rudolf von Ems unter lauter erzählenden Dichtern anweist.

Die Bescheidenheit gehörte zu den gelesensten Werken des Mittelalters; von wenigen altdeutschen Gedichten haben sich so zahlreiche Handschriften erhalten, die bis an den Schluß des Mittelalters reichen. Wol schon im 13. Jahrhundert wurde sie in lateinische gereimte Hexameter übersetzt, welche Uebersetzung (Fridangi discretio) gleichfalls in ziemlich vielen Handschriften erhalten ist, die zugleich den deutschen Text geben (herausgegeben von Lemcke, Stettin 1868). Die jüngeren Lehrdichter, namentlich Hugo von Trimberg, haben aus ihr geschöpft und citiren sie häufig; auch ohne daß Freidank’s Name genannt wird, und dies ist erst recht ein Zeichen seiner Popularität, finden wir ihn oftmals citirt, so von U. Boner in seinem Edelstein. Oswald von Wolkenstein hat ein ganzes Lied aus Sprüchen der Bescheidenheit zusammengesetzt. Sprüche aus ihr wurden an Balken von öffentlichen Gebäuden angebracht; so finden oder fanden sich solche am Rathhause zu Erfurt und am alten Scharren zu Hannover. Noch im 16. Jahrhundert unternahm Seb. Brant eine Umarbeitung des beliebten Werkes, welche gleichfalls sehr große Verbreitung genoß und von 1508, wo sie erschien bis 1583 siebenmal aufgelegt wurde. Und noch am Schlusse des 16. Jahrhundert zeigt Rollenhagen im Froschmäuseler Bekanntschaft mit ihm und citirt Sprüche aus ihm.

Kritische Ausgabe von Wilh. Grimm: Vridankes Bescheidenheit, Göttingen 1834. 8.; 2. Ausgabe 1860. Mit erklärenden Anmerkungen von [338] Bezzenberger, Halle 1872. Uebersetzung von K. Simrock, Stuttgart 1867. – Ueber die Anordnung der Handschriften vgl. H. Paul, über die ursprüngliche Anordnung von Freidank’s Bescheidenheit, Leipzig 1870. – Seine Waltherhypothese hat W. Grimm in der Einleitung zur Ausgabe von 1834 dargelegt und in der akademischen Abhandlung über F. (Berlin 1850; Nachträge 1851 und 1855) weiter zu begründen gesucht. Eine Widerlegung lieferte F. Pfeiffer, Zur deutschen Litteraturgeschichte, Stuttgart 1855, S. 37–87 (wiederholt in: Freie Forschung, Wien 1867, Nr. VI); vgl. noch Germania 2, 29 ff.; 3, 367 ff.; J. Grimm, Kleinere Schriften 3, 7 ff.; – Vgl. noch J. Grion in der Zeitschrift für deutsche Philologie 2, 408–440, wo aber sehr vieles gewagte.