ADB:Marchand, Theobald

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Artikel „Marchand, Theobald“ von Joseph Kürschner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 296–298, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Marchand,_Theobald&oldid=- (Version vom 5. Dezember 2019, 19:45 Uhr UTC)
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Marchand: Theobald M., Theaterprinzipal, geb. 1741 zu Straßburg als der Sohn eines Wundarztes, † am 22. Novbr. 1800 zu München. Die Quellen über diesen nicht unwichtigen Theaterprinzipal des vorigen Jahrhunderts fließen spärlich, das einzige hier in Betracht kommende deutsche Theaterlexikon führt ihn nicht einmal auf! Gleich der Beginn der Geschichte seiner Lebensschicksale zeigt eine empfindliche Lücke. Wie seine Biographen berichten, ging er mit 17 Jahren nach Paris, um sich für den Beruf seines Vaters vorzubereiten. Die einschmeichelnden Weisen der Spieloper von Gretry, Dunis und Monsigny begeisterten ihn für die Bühne, wo er aber zu derselben getreten und wann dies gewesen, ist nicht ersichtlich. Im December 1769 (1768?) wird er von Sebastiani für dessen Truppe engagirt, doch ist nicht wohl anzunehmen, daß er erst damals debütirte, da ja dann 12 Jahre zwischen seiner Reise nach Paris und dem Beginn seines neues Berufs gelegen hätten. Daß er erst mit 28 Jahren Schauspieler geworden sei, ist nicht denkbar, um so weniger, als er bei der Sebastiani’schen Gesellschaft in Mainz sogleich als erster Schauspieler und Komiker auftritt und allgemein beliebt ist. Bereits 1770 übernahm er denn auch als Director die Truppe seines Prinzipals Sebastiani, der sich vom Theater zurückzog. Er bereiste mit der Gesellschaft Mainz, das als sein eigentliches Standquartier gelten kann, Frankfurt, Hanau, Straßburg, Mannheim, Pyrmont und Köln. Unter seinen Mitgliedern, die er zu einem guten Ensemble erzog, ragen namentlich der Chevalier und erste Liebhaber Huck, die Damen Eva, Brochard (erste Rollen im Singspiel und zärtliche Rollen im Schauspiel) und Marchand, der Komiker F. Hellmuth, der Baßbuffo Brandl u. a. hervor. M. selbst gefiel besonders als Charakterdarsteller und komischer Alter im Singspiel; man rühmt seinen „Geronte“ (Wohlthätige Murrkopf), „Dominik“ (Essighändler), „Sock“ (Die seidenen Schuhe) und Goethe – der ihn aber schon 1771 in Straßburg gesehen haben dürfte – schreibt in Erinnerung an die Frankfurter Verhältnisse im 17. Buch von „Dichtung und Wahrheit“: [297] „Marchand suchte durch seine eigene Person das Mögliche zu leisten. Er war ein schöner, groß und wohlgestalteter Mann in den besten Jahren, das Behagliche, Weichliche erschien bei ihm vorwaltend: seine Gegenwart auf dem Theater war daher angenehm genug. Er mochte so viel Stimme haben, als man damals zur Ausführung musikalischer Werke wohl allenfalls bedurfte; deshalb er denn die kleineren und größeren französischen Opern herüber zu bequemen bemüht war. Der Vater in der Gretry’schen Oper, „die Schöne bei dem Ungeheuer“, gelang ihm besonders wohl, wo er sich in der hinter dem Flor veranstalteten Vision gar ausdrücklich zu geberden wußte“. 1773 wurde M. zum kurpfälzischen Hofschauspieler ernannt; im März 1777 gab er seine letzte Vorstellung in Mainz (über die Mainzer Periode s. Perth, Gesch. d. Theaters u. d. Musik zu Mainz 45–51). In Frankfurt hat M. nach den Auszügen der Frau Belli-Gontard aus den „Frankfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“ Vorstellungen gegeben 1771 (er spielte damals im Junghofe und „gab die meisten Komödien, besten Opern und schönsten Ballets, täglich, den Sonntag aber ausgesetzt“), 1772 (eröffnete er am 7. Sept. das von Herrn von Bienenthal „neuerbaute Comödien-Hauß im Junghof“), 1773–1776. 1775 führte er namentlich Operetten auf. Zu einem heftigen Federkrieg gab 1774 Marchand’s Weigerung Veranlassung, ein Stück des Dramatikers Frhrn. v. Nesselrode aufzuführen. Die Streitschriften wurden unter dem Titel „Beytrag zur Geschichte der deutschen Schaubühne“ gesammelt, die Verfasser nicht erlangen konnte (Chronologie 348 ff.). Dieser Nesselrode ist derselbe, der sich 1775 wegen seines Stückes Ahnenstolz mit dem Geheimrath v. Rauschenberg in Düsseldorf schoß und deshalb flüchten mußte (Beytrag zur Geschichte des deutschen Theaters I, S. 22 ff.). Von dem Wirken Marchand’s in Straßburg giebt u. a. Meyer’s Brief an Salzmann (Stöber, Der Actuar Salzmann, S. 81) Außkunft. Er findet, daß die Truppe (1771) „wirklich gute Leute“ hat, verwahrt sich aber gegen die „blinden Anbeter“, welche sie über den ausgezeichneten, auch von Goethe geschätzten Schauspieler Aufresne erheben. Auch der Kampf der Geistlichkeit gegen das Schauspiel wird hier erwähnt. Ueber die Aufführungen in Hannover findet sich in Müllers „Chronik des Hoftheaters zu Hannover“ nichts; dagegen ist eine ziemlich eingehende Charakteristik der Gesellschaft Marchand’s, in der seine Stimme „nicht die angenehmste“ genannt und ihm in ersten Rollen Mangel an Würde und Feuer, auch allzu „französische Aktion“ vorgeworfen wird, in der „Allg. Bibl. f. Schauspieler u. Schauspielliebhaber“ (I, S. 90) nachzulesen. Entgegen den meisten Angaben, die ihn erst 1775 in Mannheim auftreten lassen, kam M. bereits seit 1771 in diese Stadt, in welcher während der beiden vorhergehenden Jahre schon Sebastiani Vorstellungen gegeben hatte. Als später der Kurfürst Karl Theodor ein Nationaltheater daselbst ins Leben rief, meldete sich M. bei dem Fürsten zum Directionsposten und, protegirt vom Grafen v. Oberndorf und Intendanten v. Portia, wurde sein Gesuch angenommen. Durch Patent vom 6. Mai 1777 erhielt er die Ernennung zum Hoftheaterdirector der „kurfürstlichen deutschen Schaubühne“, die ihn verband „fähige junge Leute in der Kunst zu unterrichten und zu dem Behufe wöchentlich zweimal die Grundsätze der Schauspielkunst durch Vorlesungen zu erklären“ etc. Die Marchand’sche Gesellschaft wurde mit der früher in Mannheim gewesenen zu einer verbunden, spielte aber nur bis zum 13. Septbr. 1778 in Mannheim, da nach dem Tode des Kurfürsten von Baiern Maximilian III. (30.12.1777) Karl Theodor seine Residenz nach München verlegte und die Hoftheatergesellschaft ebenfalls dorthin übersiedeln mußte (Ueber die Mannheimer Periode vgl. Pichler, Chronik des Hof- und Nationaltheaters zu Mannheim, S. 21–32). Die Gesellschaft bestand damals aus 19 männlichen und 11 weiblichen Mitgliedern, außer dem Balletpersonal. Viele günstige Urtheile [298] liegen über das Personal vor und doch brachte es das Münchener Theater nicht zu der epochemachenden Stellung des Mannheimer. Als Intendant stand dem Ganzen der Graf von Seeau vor. In das J. 1783 fällt ein heftiger Zeitungskrieg, der zwischen dem Herausgeber des „Dramatischen Censor“, Ph. Strobel und M. entbrannt war. Strobel klagte über die Vorliebe Marchand’s für französische Stücke – die ihm übrigens auch schon früher, u. a. in der Chronologie und in der Litt.- u. Theater-Ztg. 1779, S. 148 vorgeworfen wird – doch erklärte M. dagegen, daß von 167 Stücken des Repertoirs mit Ausschluß der Oper nur 47 französischen Ursprungs seien. Unter den 104 neueinstudirten Stücken waren überhaupt nur 18 französische. Im Allgemeinen war das Repertoir nicht wesentlich verschieden von dem anderer Bühnen (es ist zu finden in Grandauer’s Chronik des königl. Hof- und National-Theaters zu München S. 17–54). Marchand’s Einfluß als Director scheint mit den Jahren stetig abgenommen zu haben, direct gegen ihn gerichtet waren die vom 6. Februar 1793 datirten „Verordnungen und Gesetze des kurfürstlichen Nationaltheaters“, welche von Mißbräuchen, der Nothwendigkeit Frieden zu stiften u. a. sprechen, auch einen dirigirenden Ausschuß aufzustellen geboten, so daß der bisherige Director im Juli desselben Jahres die Direction niederlegte. Als Schauspieler – nun hauptsächlich in Väterrollen thätig – wirkte M. noch bis zu seinem Tode. Ein Urtheil von 1779 (Litt.- u. Theater-Ztg. a. a. O.) schildert M. den Director als einen Mann von ausgebreiteten Kenntnissen, tiefer und richtiger Einsicht in allem was das Theater betrifft, fügt aber sogleich den Wunsch hinzu, er möchte weniger Eigenliebe sowohl gegen sein Vaterland als auch gegen sich selbst haben. Dem Schauspieler schadete auch nach diesem Zeugniß seine Korpulenz. – Marchand’s Frau Magdalene, geb. Brochard, war eine tüchtige Kraft namentlich im Fach der Soubretten, sie starb 1794, nachdem sie schon mehrere Jahre die Bühne nicht mehr betreten hatte. Der Theater-Kalender von 1786 bezeichnet sie als glückliche Gattin, Mutter und Menschenfreundin. Die Tochter Marchand’s, Margarethe, geb. 1768 in München, galt früh als treffliche Darstellerin von Kinderrollen. Später genoß sie den Unterricht der ausgezeichneten Sängerin Lebrun im deutschen und italienischen Vocalstil und debütirte 1787 in der Oper „Castor und Pollux“. Ihr Ruf steigerte sich in kurzer Zeit außerordentlich und als sie nach Verheirathung (1740) mit dem Musikus Franz Danzi (Allg. D. Biogr. IV, 755) in dessen Begleitung (1791) eine mehrjährige Kunstreise antrat, fand sie auf dieser nicht nur in deutschen Städten, namentlich Prag und Leipzig, sondern auch in Italien (1794/95) den auszeichnendsten Beifall. Schon krank, kehrte M. 1796 nach München zurück und starb hier nach langem Zurückgezogensein von der Bühne am 10. (11.?) Juni 1800. Die glanzvollsten Leistungen der vielbewunderten Sängerin waren „Susanne“ (Figaro), „Carolina“ (Matrimonio segreto von Cimarosa), „Nina“ in Paesiello’s gleichnamiger Oper. Wie als Sängerin wurde M. auch als ausgezeichnete Schauspielerin bewundert.