ADB:Maria Antonia Walburga

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Artikel „Maria Antonia Walpurgis“ von Moritz Fürstenau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 371–374, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Maria_Antonia_Walburga&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 09:47 Uhr UTC)
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Maria Antonia Walpurgis, geboren den 18. Juli 1724 in München, war die älteste Tochter des Kurfürsten von Baiern, Karl Albert (später Kaiser Karl VII.) und der jüngsten Tochter Kaiser Joseph’s I., Maria Amalia. Ueber die Kindheit und erste jugendliche Entwickelung der Prinzessin bieten sich nur wenige, sehr mangelhafte Notizen dar. Daß M. A. schon in ihrem 11. Lebensjahre ihrer Großmutter, der Kaiserin Wilhelmina Amalia (Gemahlin Kaiser Joseph’s I.) lateinisch zu schreiben vermochte, läßt vermuthen, welche gelehrte Studien sie früh begonnen. Auch mit ihrem Bruder Maximilian Joseph wechselte sie bereits im Jahre 1736 lateinische Schreiben und versuchte sich später auch im Italienischen. In der Musik, wozu die junge Fürstin schon frühzeitig Talent und Neigung zeigte, unterrichtete sie der kurfürstlich baierische Kapellmeister Giovanni Ferrandini, ein damals bekannter und beliebter Komponist. Bereits im Jahre 1745 tauchte in München und Dresden der Plan einer doppelten Vermählung des jungen Kurfürsten von Baiern, Maximilian Joseph, mit der kursächsischen Prinzessin Maria Anna und des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian mit M. A. auf. Es dauerte jedoch noch 2 Jahre, ehe die Verhandlungen zum Abschluß kamen. Am 13. Juni 1747 fand in München die Trauung per procura statt, am 15. Juni verließ die nunmehrige Kurprinzessin von Sachsen München und hielt am 20. Juni ihren Einzug in Dresden, wo an demselben Tage Abends 6 Uhr die kirchliche Einsegnung stattfand, woran sich eine lange Reihe von Festlichkeiten schloß. In der Verbindung mit einem liebenden Gatten begann nun für M. A. eine Zeit ruhigen und ungetrübten Glückes. Friedrich Christian, wenn auch körperlich gebrechlich und an den Füßen gelähmt, war ein Mann von wohlwollendstem Gemüth und dem edelsten Charakter. Von inniger Liebe zu den schönen Künsten und Wissenschaften beseelt, harmonirte er hierin ganz mit seiner Gemahlin, und wenn seine Milde und Herzensgüte vielleicht der Entwickelung größerer Energie bisweilen entgegentreten mochte, so war M. A. genau nach ihrer Persönlichkeit geeignet, diesen Mangel, wenn man es als einen solchen bezeichnen wollte, auszugleichen. Ihr der Erziehung ihrer Kinder, der [372] Kunst und Literatur geweihtes glückliches und heiteres Leben dauerte ungetrübt bis zum Jahre 1756. Der siebenjährige Krieg, der mit dem Einmarsch der preußischen Armee (Ende August 1756) in Sachsen begann, sollte Unheil und Drangsal aller Art, wie über das arme Sachsen, so auch über M. A. bringen. Es wird genügen, daran zu erinnern, daß nach der Capitulation der sächsischen Armee am Lilienstein im October 1756 der König von Polen sich, von Brühl begleitet, nach Warschau begab, während die Königin, der Kurprinz und M. A. in Dresden bis 1759 zurückblieben, die Leiden der Stadt und des Landes theilten und, soweit es in ihren Kräften stand, zu mildern versuchten. Zuerst tritt in dieser Zeit auch der politische Einfluß der Fürstin auf. Während früher der Kurprinz von der unmittelbaren Concurrenz an der Regierung ausgeschlossen war, ward ihm jetzt, in Gemeinschaft mit seiner Gemahlin, die Leitung des Kammerdepartements, allerdings des wichtigsten, übertragen. Hiermit war M. A. eine Last auferlegt, der wenige Frauen gewachsen sein würden. Darüber aber, daß sie es war, welche die Geschäfte übernahm und soweit es die unendliche Schwierigkeit in dem von Freund und Feind ausgesogenen Lande gestattete, mit Erfolg leitete, lassen die Quellen keinen Zweifel übrig. Nicht blos aber die Finanzlage des Landes war es, welche Maria Antonia’s Fürsorge in Anspruch nahm: es kam wol keine einigermaßen wichtigere Frage vor, welche nicht der Kurprinzessin zur Erwägung gestellt ward. So war es bei den Verhandlungen mit den auswärtigen Staaten, welche dem Abschluß des Friedens vorhergingen, sehr häufig M. A., welche die Entscheidung gab. Der 15. Februar 1763 brachte endlich den ersehnten Frieden. Kurz nachher, am 16. März, hatten der Kurprinz und M. A. mit Friedrich dem Großen in Moritzburg eine Zusammenkunft. Hier mag wol zunächst ein vertraulicheres Verhältniß zwischen ihm und der Fürstin eingeleitet worden sein. Unerwartet schnell starb am 5. October 1763 der Kurfürst von Sachsen und König von Polen, August III. Friedrich Christian bestieg den Thron und es eröffnete sich nun für M. A. die Aussicht, ihre große Befähigung zum Regieren, der wol ihre Neigung dazu nicht nachstand, bethätigen zu können. Eine der ersten Regierungshandlungen des neuen Regenten war eine Anerkennung des großen Talentes, welches er bei seiner Gemahlin erkannt hatte: er übertrug ihr die Direction des sämmtlichen Finanzwesens. Durch ein besonderes Rescript ward ferner M. A. die „Hauptaufsicht“ über die Porzellanmanufactur zu Meißen von ihrem Gatten überwiesen. Auch eine wichtige, von Friedrich Christian eingeleitete, jedoch erst unter der Administration des Prinzen Xaver zur Ausführung gelangte Maßnahme, die Erweiterung oder Gründung der Kunstakademie unter der Direction des Legationsrathes v. Hagedorn, verdankte man wesentlich Maria Antonia’s Einfluß und Verwendung, wie dies aus den Vorträgen Hagedorn’s zu entnehmen ist. Alle vielleicht hochfliegenden Pläne, die M. A. gefaßt, wurden aber vereitelt durch den plötzlichen Tod ihres Gatten, des Kurfürsten Friedrich Christian. Von den Blattern befallen, übertrug er auf die Dauer seiner Krankheit die Regierung seiner Gemahlin. M. A. präsidirte auch in Folge dieses Auftrages am 16. December einer Sitzung im geheimen Cabinet, aber schon am folgenden Tage erledigte sich ihre Function. denn am 17. December 1763 starb nach nur viertägiger Krankheit Friedrich Christian am Schlagfluß. Die beim Hintritt ihres Gemahls im 40. Lebensjahre stehende Kurfürstin-Wittwe M. A. überlebte denselben noch mehr als 16 Jahre, welche der Förderung der Wissenschaften und Künste, der Uebung der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit, sowie der Erziehung ihrer Kinder gewidmet waren. Auch industriellen Bestrebungen blieb die hohe Frau nicht fern, wie die im Jahre 1763 hinter Naundorf bei Großenhain mit einem Aufwand von 45 500 Thalern von ihr angelegte, 1775 jedoch wieder [373] verkaufte Kattunfabrik und die Erbauung des von ihr dem Prinzen Anton vermachten Brauhauses in Dresden-Friedrichstadt beweisen. Die Betheiligung der Fürstin an den Staatsgeschäften hörte mit dem Regierungsantritte ihres ältesten Sohnes, Friedrich August des Gerechten, im Jahre 1768 gänzlich auf. Er bewies seiner Mutter seine Dankbarkeit, indem er ihr, nach den Ehepacten nur auf 60 000 Thaler festgesetztes Wittthum durch Rescript vom 10. Februar 1769 auf 130 000 Thaler erhöhte. Einen Einfluß auf die Staatsgeschäfte verstattete er ihr so wenig, wie später seiner Gemahlin oder einem Prinzen des Hauses. Einige Reisen nach Aachen zur Kur, nach München, Italien und Berlin, um Friedrich den Großen zu besuchen, unterbrachen Maria Antonia’s der Kunst geweihtes Leben. Nur einmal noch wurde der Name der Kurfürstin in einer Aufsehen erregenden Weise in Verbindung mit politischen Ereignissen genannt. Es geschah dies, als M. A. ihre Ansprüche an den baierischen Allodialnachlaß erhob und daraus eine Menge Verhandlungen. Verwickelungen und Intriguen entstanden, in welchen auch der Marchese d’Agdollo eine bis jetzt noch nicht durchaus aufgeklärte Rolle spielte. (Vergl. d. Artikel Agdollo im 1. Bande dieses Werkes.) Entgegen den nicht zuverlässigen Berichten Mirabeau’s in seinem Buche „de la monarchie Prussienne sous Frédéric le Grand“ (Londres 1789) und Bülau’s in der Fortsetzung von Gretschel’s „Geschichte des sächsischen Volkes“ (Th. 3, S. 226) und in seinen „Geheimen Geschichten“ etc. (Bd. I, S. 196 ff.) gibt Dr. Karl von Weber in seinem interessanten Buche „Maria Antonia Walpurgis, Churfürstin von Sachsen“ (Dresden 1857, Bd. II, S. 45 ff.) eine hauptsächlich auf archivalischen Quellen beruhende Darstellung der Angelegenheit, ohne freilich die letzte definitive Aufklärung derselben geben zu können. M. A. cedirte schließlich ihre Erbansprüche ihrem Sohne Friedrich August III., welcher dafür ihre bedeutenden Schulden bezahlte und die Secundogenitur im Betrage einer Jahresrente von 85 000 Thalern gründete. M. A. wendete das für die Ordnung der sächsischen Finanzen bewiesene Geschick nicht in gleichem Maße in ihrem eigenen Haushalte an. Schon während des Winters 1779 auf 1780 hatte M. A. an Brustbeschwerden gelitten. Am 17. April des letzteren Jahres verschlimmerte sich das Uebel, bis am 23. April 1780 Nachmittags ¼ 4 Uhr der Tod eintrat. Am 29. April fand die Beisetzung statt. Ihr Sohn, Friedrich August der Gerechte, rühmte in der öffentlichen Anzeige ihres Ablebens von ihr: „Sie war eifrig in den Pflichten der Religion, barmherzig gegen Arme und Hilfsbedürftigte, kundig der Wissenschaften und Künste, überaus geduldig in Geschäften und Arbeiten, die liebreichste, zärtlichste, beste Mutter.“

M. A. fand, als sie 1747 nach Dresden kam, einen glänzenden und kunstsinnigen Hofkreis vor. Die Beschäftigung mit Musik und Theater füllte einen großen Theil der Zeit des damaligen Hoflebens aus. Die geistreiche Kurprinzessin brachte neues Leben in die musikalischen Kreise des Hofes und trat selbst producirend auf. Sie besaß ausgezeichnete Kenntnisse und Fertigkeiten in der Musik, Poesie und Malerei. Ihr Ruhm erfüllte damals die ganze civilisirte Welt. Noch jetzt gedenkt man in Sachsen dankbar der Stifterin der gegenwärtig bis zu einem Umfange von über 47 000 Bänden angewachsenm Secundogenitur-Bibliothek, der Gönnerin des Malers Raphael Mengs, der Kapellmeister Hasse, Porpora, Naumann, Schuster, Seydelmann, der Sängerinnen Mingotti und Mara. Ihre beiden Hauptwerke, die Opern „Il trionfo della fedeltà“ und „Talestri, Regina delle Amazzoni,“ hatte sie gedichtet und componirt, und wenn dieselben auch nach dem Vorbilde Metastasio’s und Hasse’s gearbeitet sind, enthalten sie trotz aller Unselbständigkeit so viel Schätzenswerthes, daß man es begreiflich findet, wenn Zeitgenossen beide Werke sehr rühmen, wie dies damals in Marpurg’s kritischen Beiträgen und Hiller’s wöchentlichen Nachrichten geschah, und nicht [374] veranlaßt wird, diese Stimmen höfischer Schmeicheleien zu beschuldigen. „Il trionfo della fedeltà“ erschien 1756 bei Johann Gottlob Emanuel Breitkopf in Leipzig, der bei dieser Oper zugleich ein verbessertes und sehr schönes Verfahren, Noten mit beweglichen Typen zu drucken, in Anwendung brachte, was damals nicht geringes Aufsehen machte. „Talestri“ erschien 1765 in derselben Verlagshandlung. Auf den Titelblättern beider Opern nennt M. A. sich E. T. A. P., d. h. Ermelinda Talea, Pastorella Arcada. Sie war nämlich seit 1747 Mitglied der Arkadier, einer gelehrten Gesellschaft in Rom. Außer diesen zwei Opern componirte M. A. noch sechs von ihr gedichtete Arien und zwei Gelegenheitsgedichte, ferner die Musik zu einer Cantate des Hofpoeten Migliavacca und einen Band sogenannter Meditationes. Viele ihrer Dichtungen wurden von den kurfürstlichen Kapellmeistern Hasse, Ristori und Naumann in Musik gesetzt. Auch Giovanni Ferrandini, Gennaro Manna, Karl Heinrich Graun, Michael Schmidt, und ihr erlauchter Sohn, Prinz Anton, componirten dergleichen. M. A. führte zum Theil auch ihre Sachen selbst aus, da sie eine gute Clavierspielerin und Sängerin war. In Dresden hatte sie der berühmte Nicolo Porpora, welcher als einer der ersten Gesangsmeister galt und der auf der Fürstin Betrieb 1748 dorthin berufen worden war, unterrichtet. In München sang sie 1740 die Hauptrolle in einem Pastorale, welches zur Feier der glücklichen Ankunft des Kurfürsten Clemens August von Köln gegeben wurde; in Dresden sang sie in il Trionfo und Talestri die Hauptrollen. Ertheilte M. A. in Bezug auf Musik Italien entschieden den Vorzug, so scheint dies nicht in Betreff des recitirenden Drama’s gewesen zu sein. Erst durch ihren Einfluß begann französische Poesie sich am sächsischen Hofe wieder hervor zu wagen. Die Kurfürstin ließ seit 175l auf dem Theater im kurprinzlichen Reithause von Herren und Damen des Hofes französische Comödien aufführen, worunter Demetrio von Metastasio, den M. A. selbst ins Französische übersetzt hatte. Besonders füllte aber Voltaire das Repertoir. Auch das deutsche Schauspiel beschützte sie ganz gegen die damalige Ansich der Hofgesellschaft und besuchte seit 1754 fleißig die Vorstellungen der „hochdeutschen Comödianten“. M. A. malte auch, unter anderen Bildern ihr eigenes Porträt. Sie schickt dies Friedrich dem Großen, indem sie um seine Nachsicht für ein so schülerhaftes Talent bittet. Dieses Porträt ist oft gestochen, so 1764 „par Giuseppe Canale“ und 1765 von Marcency de Guy. Friedrich der Große, der M. A. kannte und hochschätzte, sprach sie zuerst am 16. März 1763 in Moritzburg. Als Kurfürstin besuchte sie ihn zweimal in Sanssouci: den 20. bis 29. October 1769 und den 26. September bis 5. October 1770. Beide unterhielten eine lebhafte Correspondenz, die vom 24. April 1763 bis zum 28. December 1779 dauerte. Was ihr Aeußeres anlangt, so ergeben schon ihre Briefe aus der Zeit ihrer Verlobung, daß sie nicht in der Selbsttäuschung befangen war, als sei sie schön: sie bezeichnet sich selbst als nicht hübsch. Selbst ihre Mutter wünschte nicht, daß Maria Antonia’s Kinder ihr im Aeußern ähnlich werden möchten. – Die königliche Gemäldegallerie zu Dresden enthält zwei vorzügliche Bildnisse der Fürstin von dem berühmten Anton Raphael Mengs. Ein genaues Verzeichniß der Werke und Compositionen Maria Antonia’s bringt Dr. Julius Petzholdt in seinem Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft (1856).

Vergl. außerdem: M. Fürstenau, Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden, II S. 183 ff.