ADB:Martini, Eberhard Karl

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Artikel „Martini, Eberhard“ von Paul Beck in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 503–505, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Martini,_Eberhard_Karl&oldid=- (Version vom 14. Juli 2020, 10:56 Uhr UTC)
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Martini: Eberhard Karl M., ausgezeichneter Arzt, geb. den 10. Januar 1790 in Biberach, dem oberschwäbischen Städtchen, welches schon so viele bedeutende Männer hervorgebracht hat, † den 26. April 1835 zu Paris, empfing schon in seiner Jugend Anleitung und Unterricht in den Anfangsgründen der Heilwissenschaft von seinem Vater Joseph Xav. Alexius M., einem geschickten und vielbeschäftigten Chirurgen, studirte Medicin mit Auszeichnung auf den Hochschulen zu Freiburg i. Br. und Wien, und trat bei Ausbruch des Krieges im Jahre 1809 in die Armee als k. k. Unterarzt im 3. Dragonerregiment Baron Knesevich ein, um bald darauf die Riesenschlacht bei Aspern mitzumachen. Hier bot sich ihm gleich ein weites Feld zur Thätigkeit; das Schlachtfeld gewährte einen grausigen Anblick; Tausende von Verwundeten, welche sich noch irgend auf den Beinen halten konnten, hatten sich behufs Stillung ihres heißen Durstes an die nahe Donau geschleppt, welche auf stundenweite Entfernung von solchen Unglücklichen belagert war; mit Aufbietung aller Kräfte stand er den armen Verwundeten soweit er nur konnte bei und that sich hier, wie nachher bei Wagram, so hervor, daß er durch hofkriegsräthliche Verordnung nicht nur eine öffentliche Belobung sondern eine außerordentliche Remuneration von 100 fl. ö. W. erhielt. Die Ueberanstrengungen zogen ihm aber auch im kommenden Jahre ein heftiges Nerven- darauf das Wechselfieber und schließlich eine gefährliche langwierige Gelenkentzündung zu; im strengen Winter von 1812 erfror er sich auf einem Marsche die Zehenspitzen, an beiden Großzehen bis auf den Knochen, sowie Nase und Ohren. Mittlerweile im Jahre 1813 bei Wiederausbruch des Krieges zum Oberarzt vorgerückt und in einem Alter von kaum 23 Jahren zum Chefarzt des k. k. Armeespitals zu Troyes bestellt, gerieth er mit diesem zweimal in Gefangenschaft; der damals herrschende Typhus forderte nicht weniger wie 35 Ober- und Unterärzte als Opfer; auch M. verfiel demselben, verlor sogar das Erinnerungsvermögen und erholte sich erst nach einem nochmals überstandenen Nervenfieber wieder. Nach dem Friedensschlusse und nach rühmlicher Promotion blieb er seiner vollständigen, namentlich praktischen Ausbildung halber zunächst in Wien, der damaligen Metropole des ärztlichen Wissens; und ließ er sich in der Folge daselbst, wo man bald auf den talentvollen Mann aufmerksam geworden war, um so eher festhalten, als ihn sowohl die gänzlich veränderten politischen, als auch engen und kleinlichen Verhältnisse seiner Heimath im Gegensatze zu dem ihm bereits zur Gewohnheit gewordenen großstädtischen Leben nicht anziehen und ihm auch nichts versprechen konnten. Daran that er auch gut, wollte er sich nicht dem gleichen Loose, wie sein jüngerer Bruder Ferdinand aussetzen. Bald hatte er sich eine große Praxis, hauptsächlich unter der vornehmen Welt errungen; und nicht lange stand es an, bis ihm, der auch ein vorzüglicher Chirurg war, die Stelle eines k. k. Regimentsfeldarztes zuerst im Hohenzollern-Chevauxlegersregiment Nr. 2, dann beim Erzherzog Karl-Ulanen und später beim Kürassierregiment Auersperg übertragen wurde. Mußte er in dieser Charge mit der Zeit auch sein geliebtes Wien, welches ihm, wie so manchem Oberschwaben, zur zweiten Heimath geworden, verlassen und verschiedene Garnisonswechsel in dem weiten Reiche mitmachen, so hatte dies doch wieder sein Gutes und gab ihm reichliche Gelegenheit, sich Land und Leute, insbesondere die wildfremden Völker in den unteren Donauländern anzusehen und – was für den Arzt hauptsächlich von Interesse war – den gefährlichen Nachbar, die Pest, näher an ihrem Herde kennen zu lernen. Bald hatte er auch [504] in seiner neuen Stellung durch seine ungewöhnliche Begabung und seine Leistungen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und erhielt von verschiedenen Commandirungen, wie an die Militärgrenze etc. abgesehen, im Jahre 1824 die ehrenvolle Entsendung in die Moldau (namentlich nach Galacz) zur Beobachtung der Pest. Seine darüber erstattete ausführliche Relation, die Aufführung einer Reihe gelungener Heilversuche und seine später eingesandten Erfahrungen legen ein überaus günstiges Zeugniß von seinem Wissen, Eifer und seinen Leistungen ab. Diesem ziemlich bewegten bereits liebgewonnenen Wirkungskreise sollte er auf einmal entrissen werden: zu Anfang des J. 1825 wurde er ohne sein Zuthun zum k. k. Leibarzte des Erzherzogs und Cardinals Rudolph, damals Fürsterzbischofs in Olmütz, auf dessen besonderen Wunsch vom Kaiser ernannt, welchem Rufe er sich natürlich nicht entziehen konnte. So einträglich und an sich behaglich diese Vertrauensstellung war, so sagte dieselbe doch in ihrer Einförmigkeit, aber auch in Folge der unerträglichen Kränkungen des damaligen Obersthofmeisters Grafen Troyer (welcher statt des „Schwaben“ einen andern hatte an seinen Posten bringen wollen), und hauptsächlich in Folge der öffentlichen Belohnung eines Andern für ein ihm (M.) allein gebührendes Verdienst, dem lebhaften und unruhigen Geiste Martini’s, welcher sich zudem nunmehr etwas gebunden fühlte, auf die Dauer weniger zu; und so kam ihm eine Berufung am 18. März 1828 als Consulatsarzt nach Bukarest-Jassy mit dem Nebenauftrage zur Beobachtung der Pest gerade recht und entsagte er dem Hofdienste und einem neben freier Station lebenslänglich zugesicherten Gehalte von 1500 fl. ö. W., um in die k. k. Armee zurückzutreten. Die kaiserliche Ordre war aber auch in ihn auszeichnender Weise ergangen und in für ihn schmeichelhaften Ausdrücken abgefaßt, wie „in Rücksicht seiner in Pestangelegenheiten erworbenen vielen praktischen und wissenschaftlichen Kenntnisse, seines gewohnten Diensteifers und seiner für das Pestfach bereits bewiesenen besonderen Vorliebe und Befähigung und im Vertrauen auf seine bisher bewiesene Thätigkeit“ –, ein Vertrauen, welches er dann auch in der That wieder aufs Neue rechtfertigte. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1831 versah er eine Zeitlang die Chefarztstelle des Militärspitals zu Baden. Die umfassendste Thätigkeit wartete indeß auf ihn zu Wien, woselbst er, der durch seine vorherige Thätigkeit im Pestfach mit Recht hiezu für vorzugsweise qualificirt gelten durfte, beim Ausbruch der Choleraepidemie im Juli 1831 zum Chefarzt des großen Militärcholerahospitals bestellt wurde. Gleich bei Uebernahme seiner wichtigen Funktion war er von der in Oesterreich landläufigen irrigen Ansicht abgekommen, die Cholera für eine Schwester der Pest anzusehen, und inaugurirte er seine Thätigkeit mit der erfolgreichen Anwendung eines neuen originellen, von der bisherigen Behandlungsmethode abweichenden Heilverfahrens, welches im Wesentlichen in der Eingebung starker (von ihm als Basis der Therapie der Cholera aufgestellter) Brechmitteldosen bestand; in der kurzen Zeit vom 14. September bis Anfang December behandelte er – beinahe Tag und Nacht auf den Beinen, obwohl selbst damals schon sehr leidend – neben vielfachen ihm abgezwungenen privaten Choleraconsultationen 302 Militärpersonen, von welchen – im Gegensatze zu früher, wo beinahe alle ihr Leben lassen mußten – 195 (also nahezu 2/3) genaßen und 107 mit Tode abgingen. In jenen angst- und gefahrvollen Tagen Wiens, in denen man namentlich in der ersten Zeit, als gleich ein paar sehr bekannte einheimische Aerzte, Röhrich, Sydorowich und Gassner der Seuche zum Opfer fielen, vor Schrecken und Bestürzung vielfach den Kopf verlor, trat M. ruhig, muthig und vertrauenerweckend der fürchterlichen Krankheit und der damit zusammenhängenden allgemeinen Panik entgegen und erzielte dadurch, daß letztere sich allmählich legte und einer gefaßteren Stimmung Platz machte; sein Lazareth glich, wie er nicht ohne berechtigtes Selbstgefühl schreibt, einer großen Klinik, in welcher Professoren und [505] Doctoren aller Nationen des In- und Auslandes, durchschnittlich 30 pr. Tag, ein- und ausgingen, mit dem größten Interesse seinen Ordinationen, zum Theil auch den Sectionen, deren M. allein mehr als 60 vornahm, anwohnten, so daß er sich mit Recht rühmen konnte, ein respectableres Collegium von Aerzten würde sich schwerlich irgendwo anders beisammen gefunden haben. Mit der größten Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit gab er ihnen von Allem Einsicht und Kenntniß, wie dieselben ihm auch öffentlich das Zeugniß gaben, daß sie sich bei ihm die meiste Ausbeute geholt haben. Seine Beobachtungen, Erfahrungen und auch sein Heilplan über die Cholera, welche er aber in allzu bescheidener Weise nur als „Andeutungen zur Erforschung für Gelehrtere“ angesehen wissen wollte, sind in einem an seinen Bruder Ferdinand gerichteten und auszugsweise durch diesen in den Heidelberger klinischen Annalen (Band VIII, 1. Heft, S. 84–114, Jahrgang 1832) ohne sein Zuthun veröffentlichten, auch als Separatabdruck (Heidelberg und Wien 1832, 8°, 32 S.) erschienenen Briefe niedergelegt. War M. hierin auch noch ferne von der wahren Erkenntniß namentlich der Entstehungsursache, welche man jetzt in unseren Tagen endlich gefunden zu haben sich Hoffnung macht, so befand er sich doch auf dem richtigen Wege, wenn er schon damals, wo die Cholerakunde noch in den Windeln lag, von Anfang an die Contagiosität der Seuche gegen viele mit Entschiedenheit verfocht und als Entstehungskeim ein fixes oder flüchtiges Contagium annahm; und darf er, der unverdienter Vergessenheit anheimgefallen, zu den hervorragendsten Pionieren der Choleraforscher gezählt werden. Wir wüßten kein unverdächtigeres Zeugniß über die Leistungen und die Bedeutung dieses Mannes anzuführen, als folgende Aeußerung des im Lobe sonst sparsamen Generalcommandos in seinem Berichte an den Hofkriegsrath: „Welche Verdienste sich Dr. M. als Chefarzt im Choleraspitale zu Wien um die leidende Menschheit und den Staat erworben, ist zu notorisch, als daß das Generalcommando sich hierüber weiter zu verbreiten für nöthig fände. Das Generalcommando hält es deshalb nur für seine Pflicht, diesen ausgezeichneten Militärarzt in seiner gegenwärtigen Lage der besonderen Anerkennung Einem etc. ehrfurchtsvoll zu empfehlen“. Beim Kaiser Franz hatte er sich schon während der Epidemie durch sein verdienstreiches muthiges Wirken die höchste Anerkennung und Wohlgefallen erworben; und sicher hätte der Mann noch eine große Zukunft vor sich gehabt, wäre er nicht bis zum letzten Augenblicke thätig, zu Paris, wohin er zu Anfang des Jahres 1835 eine wissenschaftliche Reise (hauptsächlich zur Betreibung von Cholerastudien) unternommen, durch einen plötzlichen Tod seinem Berufe und der Wissenschaft so frühe entrissen worden. Sein rasches Dahinscheiden ist aus einem Herzleiden erklärlich, welches bei M. schon seit 8 Jahren ohne Zweifel in Folge der in seinen jüngeren Jahren durchgemachten übermenschlichen Strapazen und Leiden hervorgetreten war! M. hatte in seinem bewegten Leben äußerst wenig Zeit zu litterarischer Thätigkeit gefunden; außer einigen in verschiedenen Zeitschriften zerstreuten Abhandlungen liegt nichts von seiner Feder vor; dagegen hatte er an der Hand seiner großen, vielseitigen und in allen möglichen Ländern gesammelten praktischen Erfahrungen ein reiches wissenschaftliches Material, welches leider hernach zum Theil verloren ging, zum Theil in allerlei Hände gelangte, aufgespeichert, um dasselbe dereinst in den Tagen der Ruhe und Muße, die ihm aber nicht beschieden sein sollten, zu bearbeiten und schriftstellerisch zu verwerthen.

Callisen, Medicin. Schriftstellerlexikon, XXX. Bd., S. 256 (Ziff. 637); Familiennachrichten und Notizen aus dem Archiv des k. k. Kriegsministeriums zu Wien (in Wurzbach’s biograph. Lexikon des Kaiserthums Oesterreich fehlt M.). – Ein gutes lithographisches Bildniß von ihm ist durch Eybl im Jahre 1833 gezeichnet und im lithographischen Institut zu Wien in gr. Fol. gedruckt.