ADB:Martini, Erich Karl Wilhelm Georg

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Artikel „Martini, Erich Karl Wilhelm Georg“ von Otto Mejer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 506–507, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Martini,_Erich_Karl_Wilhelm_Georg&oldid=- (Version vom 28. November 2022, 04:20 Uhr UTC)
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Martini: Erich Karl Wilhelm Georg M., Director der chirurgischen Abtheilung des Krankenhauses zu Hamburg, geb. zu Schwerin am 10. April 1843, † zu Hamburg am 12. Febr. 1880. Ein Großsohn des Theologen Christoph Dav. Anton M. (s. o. S. 500). Von fünf Brüdern der zweitälteste genoß er einer sorgfältigen häuslichen Erziehung zu Rostock, wo sein Vater seit 1844 Vorsitzender des dortigen großherzoglichen Obergerichtes und des Landesconsistoriums war; aber er verlor denselben, als er in seinem fünfzehnten Jahre eben begonnen hatte, die Oberclassen des Gymnasiums zu besuchen. Je ausgezeichneter der Verstorbene als Mensch und als Beamter gewesen war, desto schwerer war für die Familie der Verlust, der zugleich ihre äußeren Umstände veränderte. Es galt von nun an für die Geschwister, nicht nur sich selbst durch diese Lage nicht niederdrücken zu lassen, sondern auch die Sorgen einer leicht geängsteten, liebevollen Mutter tragen zu helfen. Was damit auf die jungen Schultern gelegt wurde, war viel: aber weder gewissenhafter und vollständiger, noch freundlicher und freudiger konnte die Aufgabe gelöst werden, als es durch M. geschah, indem er dabei mit angestrengtem Fleiße und glücklichem Erfolge seinen Weg durch Schule und Universität machte. Auf dieser wandte er sich, veranlaßt durch den Anatomen C. Bergmann, einen Verwandten, von Anfang an der Medicin, zu und mußte er sich auswärtige Universitäten aufzusuchen zunächst versagen, so hatte er in Rostock den Vortheil, ausgezeichneten Lehrern, namentlich Thierfelder und Simon, leichter nahe zu treten, als auf einer größeren Lehranstalt der Fall hätte sein können. Solche Verhältnisse gestalteten sich um so fruchtbarer, je eifriger M. im Lernen war. Während schon frühe seine Anlage und Neigung für die Chirurgie sich zeigten, gewann er eine ebenso breite wie feste ärztliche Gesammtbildung als Arzt, übte sie praktisch als Assistent erst Thierfelder’s, dann Simon’s, und lernte dazwischen auf einer nach Prag, Wien und Berlin unternommenen Studienreise, die ihm nach wohlbestandenem medicinischen Examen möglich wurde, auch die bedeutenderen dortigen Anstalten und Lehrer seines Specialfachs kennen. Im Februar 1869 übernahm er eine Stelle als Assistenzarzt an der chirurgischen Abtheilung des großen hamburger Krankenhauses, um Erfahrungen zu sammeln, die er später als akademischer Lehrer zu verwerthen wünschte; ließ sich dann aber (Herbst 1871) zunächst als Arzt in Hamburg nieder, und besaß sehr bald eine ausgedehnte Praxis. Sein Erfolg beruhte neben seiner medicinischen Tüchtigkeit zugleich in seinem persönlichen Wesen: er war seinen Kranken nicht bloß hülfreich, sondern wohlthuend. Arm und reich war ihm einerlei, der hülfsbedürftigste Kranke allezeit der liebste. So herzlich er dabei am Leide der Patienten Theil nahm, so faßte er, wie einer seiner ärztlichen Freunde von ihm sagt, „dies Leid doch niemals für sich allein, sondern immer zusammen mit den Kräften der Heilung und des Heiles, die es entbindet“, daher war seine Theilnahme eine erfrischende, tröstliche, aufrichtende; sie trug ihm nicht bloß den Dank, sondern die Liebe seiner Kranken ein. – Auf den Wunsch des Leiters der chirurgischen Krankenhausabtheilung hatte er sein Verhältniß zu derselben nicht völlig gelöst, und als im Jahre 1876 dieser dirigirende Arzt erkrankte, war Martini’s Ansehen schon so groß, daß ihm erst die Stellvertretung, hierauf (November 1877) die Nachfolge im Directorium übertragen ward. Die chirurgische Abtheilung des hamburger Krankenhauses ist eines der größten derartigen Hospitäler Deutschlands. Daß dessen Leitung dem erst vierunddreißigjährigen jungen Manne anvertraut wurde, durfte ihm um so erfreulicher sein, als er es allein seiner praktischen Thätigkeit verdankte, derentwegen er zu litterarischen Arbeiten viel weniger als er gewünscht hätte, gekommen war. Zwar legte er jetzt seine Privatpraxis nieder. Aber Zeit gewann er doch nicht; denn die ausgedehnteste Consultationspraxis konnte er nicht ablehnen; und [507] wollte es auch nicht, da in jedem einzelnen Falle es einem leidenden Menschen zu helfen galt. Nach dem Urtheile der Aerzte, welche mit ihm arbeiteten, war M. ein genialer Operateur, obwohl er wenn möglich die Operation zu vermeiden suchte: es waren der Umfang und die Gründlichkeit seiner ärztlichen Bildung, welche verhinderten, daß bei allem Geschick und bei aller Leidenschaft für seine chirurgische Kunst er ein Specialist wurde; vielmehr „schwebte ihm allezeit als erstes Ziel vor, den physiologischen Zusammenhang der Erscheinungen zu erkennen, und danach sein Thun einzurichten“. – Mit Feuereifer widmete er sich den Arbeiten, die ihm sein Amt im Krankenhause auflegte, sowie den Vorbereitungen einer Reorganisation dortiger Einrichtungen, welche in Aussicht stand. Da erkrankte er am Rückfall einer Infection durch Leichengift, an der er schon wiederholt gelitten hatte, und nach wenig Tagen war er nicht mehr. Sein Tod erschien, wie die hamburger Zeitungen jener Tage es ausdrücken, als ein öffentliches Unglück, das die Stadt betroffen habe: einer der Nekrologe, indem er sein mit allgemeinster Theilnahme aller Stände begangenes Begräbniß schildert, bemerkt, daß solches Maß des Antheils der hamburger Bevölkerung nur zwei Mal in dem laufenden Jahrhundert vorgekommen sei, beim Tode Klopstock’s und bei dem des Freiherrn v. Merk. – Ein künstlerisch geschmücktes Grabdenkmal und eine zu Martini’s Andenken begründete Stipendienstiftung erhalten in Hamburg seinen Namen und drücken aus, welchen Schatz von Dank, Liebe und Vertrauen er mit ins Grab genommen hat. Das Verzeichniß seiner medicinischen Aufsätze findet sich bei Blanck, Die mecklenburgischen Aerzte, S. 237, eine Ergänzung in Gussenbauer’s Zeitschrift f. Heilkunde, Bd. 1 und in Langenbeck’s Archiv f. Chirurgie, Bd. 26, Heft 2. Was das. Bd. 25, Heft 2 und an anderen Orten Biographisches über M. mitgetheilt worden war, ist in zwei zu Schwerin 1880 und 1881 erschienenen Heften „Zur Erinnerung an Doctor Erich Martini“ theils abgedruckt theils nachgewiesen worden.