ADB:Mathys, Jan

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Artikel „Mathyszoon, Jan“ von Carl Adolph Cornelius in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 600–602, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mathys,_Jan&oldid=- (Version vom 15. November 2019, 18:15 Uhr UTC)
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Mathyszoon: Jan M., abgekürzt Jan Mathys (weniger richtig oft Johann Mathiesen genannt). Was vor den letzten fünf Monaten seines Lebens liegt, in denen er als Prophet an die Spitze der Melchioriten tritt und sie auf die Bahn leitet, an deren Ende die Münsterische Katastrophe steht, ist alles unbekannt; auch die Zeit seiner Geburt, auch wann, wie und durch wen er in die täuferische Gemeinschaft eingeführt worden ist. Man weiß nur, daß er Bäcker zu Harlem war, und ein Augenzeuge schildert ihn als einen Mann von hohem Wuchs mit großem schwarzen Bart. – Er gehörte zu den Anhängern, welche Melchior Hofmann seit 1530 in den Niederlanden gewonnen und mit dem Glauben an die täuferischen Lehrsätze und an seine prophetischen Auslegungen der heiligen Schrift erfüllt hat. Wie die andern lebte er im J. in der gespannten Erwartung des nahen Beginnes der großen Dinge, die der Zukunft des Herrn die Wege bereiten sollten. Er ist es dann, der plötzlich und ohne daß wir wissen, wie ihm der Gedanke gekommen ist, die Thaten Gottes, welche Hofmann prophezeite und abwartete, als Gottes Bote in Ausführung zu bringen unternimmt. Im allgemeinen stützt er sich dabei allerdings auf Hofmann, aber im einzelnen widerspricht er ihm sofort, wie er auch gegen Hofmann’s Sinn und Lehre seine Frau verlassen und eine junge Gläubige zu Harlem, Namens Differe, zur Ehe genommen und mit sich nach Amsterdam geführt hat. Im Besitz specieller Offenbarungen setzte er sich leicht über Hofmann hinweg, der nur den Buchstaben der heiligen Schrift hatte. Sobald er aber sich der vollen Selbständigkeit vermaß, mußte sein Geist ihn rasch und weit ab von Hofmann’s Zielen führen. – Er kam um den Anfang Novembers 1533 nach Amsterdam, erklärte der dortigen Gemeinde, daß er Henoch, der zweite Zeuge des Herrn, sei und forderte kraft seiner göttlichen Sendung Gehorsam von den Brüdern, indem er den Wiederbeginn der Taufe anbefahl und damit zugleich eine Aenderung des öffentlichen Zustandes, das Aufhören der bisherigen Bedrückung und Verfolgung der Gläubigen, in Aussicht stellte. Man widerstand ihm mit der Hinweisung auf Hofmann’s widersprechenden Befehl in Betreff der Zeit der Taufe, und wohl auch, weil man die Art der Erfüllung der Hofmann’schen Prophezeihungen sich anders gedacht hatte. Aber er überwand die Zagenden durch seine Selbstgewißheit und durch die Drohung mit dem Zorne Gottes. Sie mochten sich sagen, daß sie durch den neuen Propheten doch in der That das erhielten, was sie erhofft hatten, und daß ihnen nicht zukomme, die Art der Erfüllung der göttlichen Verheißungen dem Herrn vorzuschreiben. Ihre Unterwerfung aber brachte dem Propheten die Herrschaft über alle niederländischen Gemeinden. Sofort sandte er die Amsterdam’schen Brüder paarweise in die Provinzen hinaus als Täufer und Apostel der fröhlichen Botschaft von dem Umschwung der Zeiten; und diese fanden wol hie und da Zweifel, aber nirgends Widerstand; vielmehr wurde in dem ganzen Bereiche der Melchioritischen Gemeinschaft in den Niederlanden die Taufe und die Bestellung der Hirten und Täufer vollzogen. – Es scheint, daß dann durch den raschen und großen Erfolg, den die Apostel zu Münster hatten, wo in acht Tagen an 1400 die Taufe empfingen, [601] M. sofort zu einem neuen Schritte fortgerissen worden ist. Gleich nach dem Beginne der Taufe zu Münster, der auf den 5. Januar fällt, verkündete der Prophet, daß das Ende der Trübsal durch die That der Gläubigen selbst zu erfolgen habe und daß sie das Schwert in die Hand nehmen sollen, um die Gottlosen zu strafen. Unter dem Einfluß dieser neuen Botschaft wurden die friedlichen Gläubigen, zunächst in Münster, eine kriegsbereite Partei. Als dann in wenigen Wochen der Sieg in Münster sich deutlich den Brüdern zuneigte, machte sich der Prophet selbst auf, um an die Stätte, die er als das verheißene neue Jerusalem erkannte, seinen Sitz zu verlegen. – Die Berichte und Urkunden, die M.’s Thaten während seiner Münster’schen Zeit, von Mitte Februar bis Anfang April 1534, berühren, sind in hohem Grade unzureichend und lassen nur die Umrisse seiner Wirksamkeit, lückenhaft und halb deutlich, durchschimmern. – Der Sieg der täuferischen Partei in Münster, der sich zuletzt in der Wahl eines neuen, ganz täuferischen Stadtrathes am 23. Februar ausspricht, hat die Herrschaft über die Stadt in die Hände des Propheten ausgeliefert. Aber es ist eine formlose Herrschaft. Erst nach seinem Tode hat man eine dem neuen Zustande mehr entsprechende Form städtischer Verfassung gefunden; während seines Lebens stehen Prophetenherrschaft und Rathsregiment unvermittelt neben einander. Die Sorgen der Verwaltung, die Leitung und Arbeit der Vertheidigung der Stadt gegen die Schaaren des Bischofs und seiner Bundesgenossen blieben der bürgerlichen Obrigkeit unbedingt überlassen; doch auch hier durchbrach im einzelnen der Eigenwille des Propheten ungefragt die Schranken. Die principiellen Entscheidungen dagegen müssen alle auf ihn zurückgeführt werden. So zuerst die „Reinigung der Tenne“, d. i. die Austreibung der Gottlosen aus der Stadt am 27. Februar, die er ankündigt und deren Ausführung unter seinem Vortritt erfolgt. Ferner der Anfang einer strengeren Gütergemeinschaft durch Vernichtung der Rentenbriefe und Enteignung alles Goldes und Silbers zu Gunsten der Gemeinschaft. Dann die Verbrennung aller Bücher mit Ausnahme der Bibel. Am meisten scheint ihn der Unterschied und Gegensatz zwischen seinen holländischen und friesischen Landsleuten, den „rechten Wiedertäufern“ und den theilweise minder zuverlässigen Eingeborenen, zu beschäftigen. Er sammelt die ersteren um sich und sorgt für sie. Von ihm rührt, wie nicht zu bezweifeln, der Aufruf an die Niederländer her zur Auswanderung nach Münster. Nicht zufrieden mit dem Beschluß der Münsterischen, für das Unterkommen der Fremden sorgen zu wollen, ernennt er einige Zeit später eine eigene unabhängige Behörde mit dem Auftrag der Vertheilung von Wohnungen und Hausrath. Auf der anderen Seite macht er ein unbedachtes Schmähwort eines Münsterischen Bürgers gegen die prophetische Obrigkeit zum Capitalverbrechen, versammelt die Gemeinde auf dem Domhofe, klagt den Verbrecher an, erklärt ihn des Todes würdig und legt selbst Hand an zur Vollstreckung des Urtheils; und als sich aus der Mitte der Bürger Widerspruch gegen solchen Einbruch in das städtische Recht erhebt, antwortet er mit Verhaftung und lebensgefährlicher Bedrohung der Häupter der Bürgerschaft. Dann bedroht er die in der Noth der Austreibung und wider Willen Getauften nachträglich als schlechte Christen mit dem Tode; und es ist fraglich, ob die Drohung nicht ernst gemeint gewesen, sowie früher die dem Propheten zugeschriebene Absicht, die Reinigung der Tenne nicht durch Austreibung, sondern durch Tödtung der Gottlosen zu vollziehen. – Im allgemeinen darf man in seiner Leitung der Gemeinde nicht ein System suchen, wie denn auch die völlige Entfaltung des täuferischen Gemeindelebens in eine etwas spätere Zeit gehört. Ein planmäßiges Handeln liegt ihm fern, er steht unter dem Einfluß des Augenblickes. Durch einen inneren Trieb, halb willenlos, wird er in einer bestimmten Richtung fortbewegt, Verzückungen und Visionen wechseln mit einem [602] stoßweisen, ungestümen, gewaltthätigen Handeln. Sehr bezeichnend ist die Einleitung zur Reinigung der Tenne, wie Knipperdollinck sie schildert: „Sie lagen in Knipperdolling’s Haus auf dem Gewandtisch, der Hausherr mit Johann von Leiden, während M. im Hause auf und nieder ging; da sahen sie, wie plötzlich sein Antlitz sich verwandelte, sein Kopf noch einmal so groß zu werden schien, und hörten ihn rufen: Morde, schlage todt.“ In diesem und in anderen Fällen mag geschickte Einwirkung seiner Getreuen größeres Unheil verhütet haben, aber unberechenbar und gefahrvoll blieb sein Wesen, so lange er lebte. Sein eigener Tod war nur die Folge einer plötzlichen Eingebung. Es wird erzählt, daß er bei einem häuslichen Feste von Landsleuten, während man von göttlichen Dingen sich unterhielt, plötzlich in eine Verzückung gerieth, in welcher er zuletzt die Worte sprach: „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst,“ darauf von der Gesellschaft Abschied nahm und nach Hause ging. Am folgenden Morgen sei er mit wenigen Begleitern zum Kampfe gegen die Feinde hinausgezogen, in welchem er den Tod gefunden hat.

Obbe Philips, Attestatie. – Niesert, Münsterisches Urkundenbuch. – Geschichtsquellen des Bisthums Münster. – Dorp, Warhaftige Historia. – Kerssenbroick, Anabaptistici furoris Monasterium evertentis historica narratio.