ADB:Messerschmidt, Daniel Gottlieb

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Artikel „Messerschmidt, Daniel Gottlieb“ von Ludwig Stieda in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 494–497, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Messerschmidt,_Daniel_Gottlieb&oldid=- (Version vom 20. Oktober 2019, 06:29 Uhr UTC)
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Band 21 (1885), S. 494–497 (Quelle).
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Messerschmidt: Daniel Gottlieb M. (oder Messerschmied), wurde am 5./16. Septbr. 1685 zu Danzig geboren und daselbst erzogen; er studirte in Halle zuerst Mathematik und Physik, dann Medicin und wurde im Mai 1713 (nicht 1707 wie Pallas meldet) daselbst zum Doctor der Medicin promovirt; seine Dissertation führt den Titel: „Dissertatio solennis medica de ratione praeside universae medicinae“, Halae Magdeburgicae 1713, 46 S. in 4°. M. ging in seine Vaterstadt und ließ sich als prakticirender Arzt nieder. Als Kaiser Peter I. 1716 in Danzig war und das Museum von Breynius besuchte, bat er Breynius, ihm einen Gelehrten zu empfehlen, welcher Rußland bereisen und erforschen solle. Breynius wies auf M., der in Folge dessen spätestens 1717 nach St. Petersburg reiste. Die Vorbereitungen für die Reise müssen aber sehr lange Zeit in Anspruch genommen haben, denn erst am 14. Febr. 1719 unterzeichnet M. einen Contract, wonach er auf Kosten und im Interesse der medicinischen Canzellei sieben Jahre lang das russische Reich, vorzüglich Sibirien bereisen sollte. Die medicinische Canzellei, an deren Spitze damals Dr. Blumentrost als Archiater stand, repräsentirte damals die oberste Medicinalbehörde des Reiches. Nach der Instruction, welche M. erhielt, sollte seine Aufmerksamkeit sich auf Folgendes richten: 1. Erdbeschreibung, 2. Naturhistorie und deren Theile, 3. Medicin, Materia medica, epidemische Krankheiten etc., 4. Beschreibung der sibirischen Nationen und ihrer Sprachen, 5. Denkmäler und andere Alterthümer, 6. Was sich sonst Merkwürdiges finden würde. Alles was er sammelte, sollte er nach Petersburg schicken. M. übernahm alles das ohne Gehülfen, allein, für eine jährliche Besoldung von 500 Rub. Silber unter Versprechung eines kaiserlichen Gnadengeschenks nach seiner Rückkehr. Erst im Sommer 1720 trat er seine Reise an und am 27. März 1727 traf er nach fast siebenjähriger Abwesenheit wieder in St. Petersburg ein. Wir versuchen es in möglichst gedrängter Kürze an der Hand des in den N. Nordischen Beiträgen gedruckten, von Georgi angefertigten Auszuges aus Messerschmidt’s eigenen Aufzeichnungen – eine Uebersicht der weiten und ausgedehnten Reise Messerschmidt’s zu geben. M. reiste im Sommer 1720 nach Moskau und dann nach Tobolsk, woselbst er den Winter zubrachte und sich mit dem gefangenen schwedischen Kapitän Phil. Joh. Tabbert (welcher später unter dem Namen Strahlenberg geadelt wurde) innig befreundete. Tabbert schloß sich dem Reisenden an und am 1. März 1721 fuhren beide von Tobolsk den Irtysch hinauf bis Tara und von da durch die Barabasteppe nach Tomsk. Im Juli ging M. allein den Tom hinauf bis Kusnetzk und über das Gebirge nach Abakansk am Jenissei. Im Beginn des folgenden Jahres 1722 reisten beide zu Schlitten den Jenissei hinab bis nach Krasnojarsk; hier trennte sich im Mai Tabbert, welcher heimkehrte, um ausgewechselt [495] zu werden, und M. setzte allein seine Reise fort und zwar zu Wasser auf dem Kemtschuk und Tschulym und dessen Zuflüssen. Nachdem M. in Krasnojarsk überwintert hatte, zog er im Mai 1723 den Jenissei hinab nach Jenisseisk und weiter nach Mangasea, von hier schiffte er in die Mündung der unteren Tunguska hinein und fuhr stromaufwärts so lange der Fluß befahrbar ist, also bis in die Nähe der Lena. Ueber Land wanderte er dann nach Kirensky Ostrog an der Lena, und von hier anfangs zu Wasser auf der Lena, dann später zu Schlitten nach Irkutsk, woselbst er im December anlangte. Am 29. Febr. 1724 verließ er Irkutsk, bereiste Transbaikalien (Daurien), besonders die mongolische Steppe, besuchte den See Dalai-nor und kehrte am 25. April 1725 nach Irkutsk zurück. Im Juni 1725 fuhr M. die Angara (Obere Tunguska) und den Jenissei hinab nach Jenisseisk, ging von hier über das Zwischenland (Wolok, eine Strecke Landes zwischen zwei schiffbaren Flüssen) nach dem oberen Ket und diesen hinab in den Ob und diesen gleichfalls hinab bis nach Surgut und in die Mündung des Irtysch, woselbst er in Samarow-Jam überwinterte. Im Februar 1726 fuhr er den Irtysch hinab nach Tobolsk, von hier über Tjumen und Tjurinsk nach Werchoturje, über das Uralgebirge nach Solikamsk, im December nach Chlynow (dem heutigen Wjätka), im Januar 1727 über Kusmodemjask, Nishny-Nowgorod, Moskau nach Petersburg, woselbst er am 27. März 1727 eintraf. In Petersburg empfing man den Reisenden nicht so, wie er es erwartet hatte. Es waren bei der medicinischen Canzellei Klagen über ihn eingelaufen, seine Sachen wurden mit Arrest belegt und eine Untersuchung eingeleitet, bei welcher freilich seine Unschuld an den Tag kam. Aber er wurde gering belohnt, indem er nur 200 Rub. S. erhielt. Ob M. keine Stellung in Petersburg haben oder ob man ihm keine geben wollte, ist nicht zu ermitteln, jedenfalls blieb M. noch zwei Jahre in Petersburg. 1729 verheirathete er sich mit Brigitte Helene Böchler (Boecler), einer Tochter des Obristen B., eine „rasche wilde“ Frau, welche er in Solikamsk im Traume gesehen haben wollte, und verließ Petersburg, um nach seiner Vaterstadt Danzig zurückzukehren. Auf dem Wege dahin aber erlitt er am 29. Octbr. 1729 nahe bei Pillau Schiffbruch und verlor dabei leider alle seine Habe sowie seine zu litterärischen Zwecken aufgezeichneten Notizen. Seine Vaterstadt Danzig fand er so verändert und wie es ihm schien so verdorben, daß er sich wieder nach Petersburg zurückwandte. Im September 1730 in Petersburg in traurigem Zustande angekommen, lebte er hier fast ohne allen Umgang in Armuth und Hülflosigkeit, wesentlich durch Unterstützung des bekannten Erzbischofs von Nowgorod Theophanes. – M. starb am 25. März 1735 und war schon eine ziemliche Zeit begraben, als seine Freunde und Bekannten von seinem Tode etwas vernahmen. Seine Wittwe heirathete später den Reisenden und Naturforscher Steller, verließ ihn aber bald nach der Hochzeit; eine Tochter Messerschmidt’s soll 1776 (nach Bacmeister) in Petersburg gelebt haben. M. hat außer seiner Dissertation nichts drucken lassen; wir sind daher in der Beurtheilung seiner Leistungen und Verdienste ganz auf das Urtheil seiner Zeitgenossen und derjenigen Personen angewiesen, welche Messerschmidt’s Sammlungen und mannigfache schriftliche Aufzeichnungen benutzten. Nach Brandt (s. u.) befinden sich in der Bibliothek der Akademie zu St. Petersburg folgende Manuscripte Messerschmidt’s: Drei Foliobände. Der eine enthält 1) „Ephemerides Baroscopicae oder tägliche Verzeichnisse der Witterung auf der nördlichen Breite von 58° seit dem 1. Febr. 1720 observirt“; 2) „Specimen historiae naturalis“; Katalog der bisher in Rußland und Sibirien beobachteten Kräuter; 3) „Specimen geographicum, Landkarten etc.“; 4) „Avium in Sibiriae regno observatarum enumerationes“. Der zweite Folioband umfaßt die Correspondenz Messerschmidt’s mit der medicinischen [496] Canzellei und ein Bruchstück des Katalogs einer Sammlung. Der dritte Folioband, der stärkste, führt den Titel: „Sibiria perlustrata seu Pinax triplicis naturae regni simplicium octo annorum per Sibiriam, Kirgisisiam, Tungusiam, Samojediam, Boraethiam, Davuriam etc. itineribus observatorum cum Isidis Sibiricae Xenio seu rerum naturalium 1800 fere e Sibiriae gremio depromptarum exhibitarumque Sylloge iconismis aliquot instructa, cui ignorata hactenus antiquitatis monumenta et subterranea e vetustis Kirgisiae potissimum sepulcharibus eruta tumulis subjiciuntur cum Hodegetico seu consignationibus itinerum Sibiricorum“. Dieser dritte Band besteht aus drei Theilen, einem Tomus geographico-physicus, die Reiserouten, Breitegrade der Oerter etc. enthaltend; einem T. physico-medicinalis, naturgeschichtliche Notizen enthaltend und einem T. philologico-historico-monimentario- et antiquario-curiosus, mit vielen Abbildungen, die Alterthümer Sibiriens behandelnd. – Ferner zehn kleine Octavbände, davon geben neun ein Ornithologicon Sibiricum mit vortrefflichen Beschreibungen der Vögel; der zehnte Band giebt ein Ichthyologicon Sibiriae-Tattaro-Russiae. – Bald nach Messerschmidt’s Tode übertrug der damalige Präsident dem Akademiker Amman (Botaniker) die Durchsicht, eventuell die Herausgabe der Messerschmidt’schen Handschriften. Amman machte den Anfang: alle auf die Pflanzen bezüglichen Notizen sind mit Benutzung der von M. gesammelten Exemplare verwerthet in Amman’s Stirpium rariorum in Imperio Russico sponte provenientium icones et descriptio, Petrop. 1737; ferner gab Amman heraus: Descriptio cameli bactriani binis in dorso tuberibus e scriptis D. G. Messerschmidii collecta (Comment. Ac. Sc. Petrop. Tom. X. Petrop. 1747. p. 324–368). Allein Amman starb schon 1741 und obwohl Sorge getragen werden sollte, das nützliche Unternehmen Amman’s fortzusetzen, so geschah von Seiten der Akademie nichts. Freilich sind M.’s Aufzeichnungen von vielen andern Forschern studirt und benutzt worden, so von Gmelin, Pallas, Georgi, Müller. Namentlich Gmelin (Reise durch Sibirien von 1734–1743, Göttingen 1751, I. Fol. Vorr.) spendet dem Reisenden ein außerordentliches Lob. – In den Neuen Nordischen Beiträgen (III. Band) ist eine kurze Uebersicht der Reise Messerschmidt’s auf Grundlage seiner Tagebücher von Dr. J. G. Georgi enthalten; besonders berücksichtigt ist die Wasserreise von Mangasea die Nischnaja Tunguska hinauf (S. 105–121), die Reise in Transbaikalien und die Fahrt auf dem Ket.

M. ist ein außerordentlich fleißiger und gelehrter Forscher gewesen. Sein Biograph Georgi in den N. Nordischen Beiträgen schreibt von M.: Er besaß eine ausgebreitete Gelehrsamkeit auch in den orientalischen Sprachen und widmete den Wissenschaften den anhaltendsten und mühsamsten Fleiß; wenn er den Tag über reiste und sammelte, so journalirte er bis in die späte Nacht und oft bis zum folgenden Morgen, da er dann nur wenige Stunden schlummerte. Seine Tagebücher sind voller Beweise seiner aufrichtigen Frömmigkeit. Hypochondrie aber machte diesen sonst so aufgeweckten Mann oft ängstlich, einsiedlerisch, zu ernsthaft, mißtrauisch und gegen die Fehler seiner Untergebenen strenge. Wenn er auf der Reise in den Quartieren nicht zum Arbeiten kommen konnte, machte er lateinische und deutsche Sinngedichte, Gesänge und Sonette, die er theils mit seinem Namen, theils Vulcanius Apollinarius unterschrieb, oder er schrieb ganze Meditationen, besonders theologische in sein Tagebuch; die vom 10. Juli 1726 ist über die Apocalypse. Sein Tagebuch ist davon nicht nur sehr bunt, sondern besonders sein Stil sehr abwechselnd und oft ziemlich komisch. Bacmeister (l. c.) betont die Kenntnisse Messerschmidt’s, lobt seinen vortrefflichen Charakter, weist auf seine etwas finstere und ungesellige Gemüthsstimmung; M. habe es stets für eine Erniedrigung seiner Person angesehen, für geleistete Dienste um eine Belohnung bitten zu müssen. Die Bedeutung Messerschmidt’s liegt darin, daß er [497] der erste gelehrte und naturwissenschaftlich gebildete Reisende war, welcher in Sibirien sammelte; seinem Fleiß und seinen Sammlungen verdankt die wissenschaftliche Welt die erste genaue Kenntniß über Sibirien in naturhistorischer wie geographischer Beziehung. Eine Abtheilung der Pflanzenfamilie Sebastiana ist von Linné dem Reisenden zu Ehren Messerschmidia genannt worden. –

J. G. Gmelin, Reise durch Sibirien von 1733–1743, Göttingen 1751. Erster Theil. Vorrede. J. Bacmeister, Essai sur la bibliothèque de St. Pétersbourg 1786, p. 160 u. 161 (Biogr.). Neue Nordische Beiträge, III. Bd. Petersburg u. Leipzig 1782. S. 97–158: Nachricht von Dr. Daniel Messerschmidt’s siebenjähriger Reise in Sibirien. J. G. Georgi’s geogr.-physik. Beschreibung des Russ. Reichs. I. Th., Königsb. 1797. S. 50–51 (Biogr. u. Reiseber.). Richter’s Geschichte der Medicin in Rußland, III. Th. Moskau 1817, S. 148–157 (Biogr.). Recueil des Actes de la séance publique de l’Académie imp. des Sciences de St. Pétersbourg le 29. Dec. 1831. Anhang 101–104 von Brandt. K. E. Baer, Peter d. Großen Verdienste um die Erweiterung der geogr. Kenntnisse, Petersburg 1872. S. 12 (Brandt und Baer geben Verzeichnisse der von Messerschmidt hinterlassenen, in der akad. Bibliothek zu Petersburg befindlichen Handschriften).