ADB:Messerschmidt, Franz Xaver

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Artikel „Messerschmidt, Franz Xaver“ von Albert Ilg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 497–499, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Messerschmidt,_Franz_Xaver&oldid=- (Version vom 17. September 2019, 07:33 Uhr UTC)
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Messerschmidt: Franz Xaver M., Bildhauer, geb. den 20. Aug. 1732 zu Wiesensteig bei Dillingen in Schwaben[1], wuchs in größter Armuth heran, zeigte aber schon als Hirtenjunge seltene Naturauffassung im Schnitzeln und Zeichnen. Nach des Vaters Tode wurde der Knabe bei dem Bruder seiner Mutter, dem Hofbildhauer Joh. B. Straub in München untergebracht, wo er in der Holzplastik große Fortschritte machte. Hier weilte er bis in sein 18. Jahr worauf er sich zu einem zweiten Oheim, Philipp Jacob Straub nach Graz begab, der daselbst landständischer Bildhauer war. Nach zweijährigem Aufenthalt ging er jedoch nach Wien, um dort Schüler der kaiserlichen Akademie zu werden. Seine wichtigsten Lehrer und Vorbilder waren hier Prof. Jacob Schletterer und der Bruder des berühmten Rafael Donner, Matthäus, vorzugsweise aber nahm sich seiner der Director der Anstalt, der einflußreiche Hofmaler, Martin van Meytens an, der ihm 1757 auch eine Beschäftigung im k. k. Zeughause verschaffte. Seine außerordentlichen Fortschritte machten auch Maria Theresia zu seiner Gönnerin; schon circa 1760 fertigte er ihre 7 Fuß hohe Statue von Bleiguß, die Herrscherin im ungarischen Krönungskleide[WS 1] vorstellend, welche zuerst in dem Locale der Bildergallerie, der sog. Stallburg, aufgestellt war, heute aber im Schlosse zu Laxenburg. Nun trat er, 1765, mit kaiserlicher Unterstützung eine Reise nach Italien an, wo er in Rom durch seine naturalistische Auffassung und einfache Technik großes Aufsehen erregte und von Papst Clemens XIII., für den er ein Crucifix von Buonarotti copirte, eine römische Bronzebüste zum Geschenk erhielt. Einen ehrenvollen Ruf an die Pariser Akademie ausschlagend, kehrte er über London nach Paris zurück, wo ihm 1769 durch Meytens die Anwartschaft auf eine akademische Professur zu Theil wurde, vorläufig erhielt er die Stelle eines[WS 2] Substitutsprofessors. Dieses Provisorium sollte aber die Ursache seines Unglückes fürs ganze Leben werden, denn er erreichte die Stelle als Professor niemals. Sein gerader Sinn, seine durch die dürftigen Verhältnisse im Elternhause vernachlässigten Umgangsformen, derben Manieren und vor Allem eine geradezu gefährliche Wahrheitsliebe, machten ihm das Professorencollegium zu unversöhnlichen Feinden und es begann nun ein wahrer Krieg gegen den schutzlosen Mann. Eine theils angeborene, theils durch die Verbindung mit seinem Freunde, dem bekannten Entdecker der magnetischen Kuren, Dr. Mesmer, genährte [498] Absonderlichkeit seines Geistes, welche freilich stets zunahm und am Ende seines Lebens, besonders in Folge der erlittenen Kränkungen, in zeitweiligen Irrsinn ausartete, war den Gegnern ein willkommener Anhalt, um ihn als unfähig darzustellen und seine Pensionirung zu bewirken. Wie die erhaltenen Protocolle zeigen, gelang es, den Protector der Akademie, Fürst Kaunitz, wie die Kaiserin selbst, zu überreden, und 1774 wurde M. mit einer geringen Pension entlassen. Innerhalb dieser fünf Jahre hatte er folgende Werke geschaffen: die metallene Büste des kaiserlichen Leibarztes G. van Swieten für die medicinische Facultät, 1769 (gest. von Haid); „Maria und Johannes“, Marmorfiguren, für den Stephansdom; die große Bleigruppe der Immaculata an der Façade und einen monumentalen Brunnen (die „Wittwe von Sarepta“) im Hofe des Savoyischen Damenstiftes, bei welchen beiden Werken der Bildhauer Martin Fischer sein Gehilfe war; den Altar des Kaunitz’schen (jetzt kaiserlichen) Schlosses Austerlitz in Mähren; das Grabmal des Reichhofrathes von Senckenberg für Frankfurt a. M. und mehrere verschollene Arbeiten. Auch entstand um jene Zeit eine herrliche Bleibüste des jungen Kaiser Joseph II. (in den kaiserl. Kunstsammlungen) und als Pendant zu der Statue der Kaiserin jene ihres Gemahls im Krönungsmantel (ebenfalls in Laxenburg). Die Beziehungen zu Dr. Mesmer versenkten den Künstler in dessen mystische Theorien und zogen ihn selbst in die Wirrsale des Spiritismus, welche seinen Geist allmälig immer düsterer umfangen sollten. Für die Kunst erwuchs ihm daraus die wunderliche Idee, in einer Reihe von Büsten (er hatte 100 projectirt) im Sinne des Mesmerismus die Abspiegelungen und Wirkungen der verschiedenartigsten psychischen sowie somatischen Zustände zur Darstellung zu bringen. Die Durchführung dieses Planes wurde nunmehr seine Lebensaufgabe, neben welcher er, der Welt immer fremder gegenüberstehend, alles Uebrige zur Seite schob. Er zog sich zunächst nach München, dann in seine Heimath zurück, wo er wie ein Einsiedler lebte. Eine Einladung an den bairischen Hof blieb gleichfalls erfolglos. Endlich entschloß er sich 1777 nach Preßburg zu gehen, wo sein Bruder Johann Adam als mittelmäßiger Bildhauer thätig war. Er kaufte sich außerhalb der Stadt am Donaustrand, in öder Lage bei einem Kirchhofe ein Häuschen, in dem er nun seinen „Charakterköpfen“ oblag, auch äußerlich das Bild eines Menschenfeindes und Sonderlings darbietend. Der gesteigerte Wahn seines Geistes ließ ihn dem Volke als Hexenmeister erscheinen, er selbst hatte verrückte Einbildungen, in denen er mit Dämonen kämpfte, die ihn bei der Arbeit störten etc. Seinen Lebensunterhalt fristete er durch Anfertigung von Gelegenheitsarbeiten, so entstanden damals zwei fast bizarre Marmorbüsten eines gräflichen Paares Batthyanyi, die sehr schöne Bleibüste eines Kapuziners, jene des Ofener Universitätsbibliothekars Dr. Kovacich etc. Herzog Albrecht von Sachsen-Teschen bot ihm vergebens eine bedeutende Summe für die bereits vollendeten Charakterköpfe, – er wollte das Hundert voll anfertigen. Noch heute ist Messerschmidt’s Andenken in Preßburg lebendig, wo er für eine Art Dr. Faust angesehen und als solcher gefürchtet war. Zahlreiche Anekdoten schildern seine seltsamen Thaten, seine bizarren Einfälle, seine göttliche Grobheit und seine Genialität. Nach seinem, den 19. August 1783 erfolgten Tode waren ein halbes Hundert der berühmten Köpfe vorhanden, welche nun bis in die neueste Zeit eine wahre Odysseusfahrt durch Oesterreich durchzumachen hatten und unter den seltsamsten Verhältnissen von Zeit zu Zeit als veräußerliche Objecte auf Licitationen, in Ausstellungen und Schaubuden im Wiener Prater selbst auftauchten. Heute besitzt ein Kunstliebhaber in Wien, Herr Klinkosch, deren 47, zwei weitere Graf Edm. Zichy daselbst. stellen u. A. vor: des Künstlers Kopf, lächelnd und ernsthaft; einen verlebten Wüstling, den Gähnenden, Einfältigen, Abgezehrten, Melancholiker, [499] Augenkranken, Nießenden, Hypochonder, Verdrießlichen, Weinenden, vom Ertrinken Geretteten, den Trotzigen, Verläumder, Heuchler. Gelehrten, Feldherrn, Zigeuner, den Verwundeten, das hohe Alter, den Schalksnarren, den Erzbösewicht etc. Alle sind sie Meisterwerke der Charakteristik, der realistischen Wahrheit und Anatomie, nur an einigen macht sich der Anhauch des getrübten Geistes bemerkbar, so in den zwei, von M. selbst sogenannten „Schnabelköpfen“, wahrhaft entsetzlichen Monstrositäten, welche er unter diabolischen Qualen hervorgebracht haben wollte. In M. sehen wir eine äußerst genial veranlagte, große Künstlernatur, welche unter normalen Verhältnissen wohl berufen gewesen wäre, in der Kunst Oesterreichs die naturalistische Richtung, die schon Donner anbahnte, damals zum Siege zu führen, wodurch vielleicht der hereinbrechenden Leerheit des classisch-akademischen Stiles ein Damm entgegengesetzt worden wäre.

Vgl. Franz X. Messerschmidt’s Leben und Werke von Dr. Albert Ilg, mit urkundlichen Beiträgen von Johann Batka, Leipzig, G. Freitag, 1885. 8°.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 497. Z. 21 v. o. l.: Geislingen in Württemberg st. Dillingen in Schwaben. [Bd. 26, S. 830]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage Krönungskeide
  2. Vorlage eine