ADB:Müller, Gerhard Friedrich von

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Artikel „Müller, Gerhard Friedrich“ von Ludwig Stieda in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 547–553, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BCller,_Gerhard_Friedrich_von&oldid=- (Version vom 26. August 2019, 05:40 Uhr UTC)
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Müller: Gerhard Friedrich M. wurde am 18. October 1705 zu Herford in der Grafschaft Ravensberg (Westfalen) geboren. Sein Vater Thomas M., aus Soest gebürtig, war Rector des Gymnasiums zu Herford, seine Mutter Anna Maria war die Tochter des Professors der Theologie, Bodinus zu Rinteln. M. wurde unter Aufsicht und Anleitung seines Vaters im Gymnasium zu Herford erzogen und bezog 1722 als 17jähriger Jüngling die damalige Universität zu Rinteln, siedelte jedoch bald 1723 nach Leipzig über. Ueber die Gegenstände der Studien Müller’s ist nichts bekannt; er hörte Vorlesungen bei Professor Gottsched und beschäftigte sich in der Bibliothek des Professors der Geschichte zu Leipzig Johann Burchard Mencke (Bd. XXI S. 310). Dieser stand mit der St. Petersburger Akademie in Verbindung; er empfahl Gelehrte zur Berufung, daraufhin kam Joh. Pet. Kohl als Akademiker 1725 nach Petersburg und Kohl war es, der M. nach sich zog. M. kam am 5. November 1725 nach Petersburg und wurde als „Student“ mit dem für damalige Zeiten sehr bescheidenen Gehalt von 200 Rubel jährlich angestellt. Bei der am 27. December 1725 stattgehabten feierlichen Eröffnung der Akademie war M. zugegen – er überlebte alle seine damals anwesenden Collegen. M. hatte die Verpflichtung in dem sogenannten akademischen Gymnasium lateinische Sprache, Geschichte und Geographie vorzutragen und selbstverständlich den Sitzungen der Akademie beizuwohnen. Im Januar 1728 wurde M. zu Arbeiten im Archiv bestimmt, während der „Student“ Weitbrecht an seiner Stelle den Unterricht übernahm; dafür erhielt M. eine jährliche Zulage von 100 Rubeln, führte die Protokolle der akademischen Sitzungen und der akademischen Kanzlei, sowie die ausländische Correspondenz, gab die „Petersburger Zeitung“ (deutsch und russisch) heraus und war in der Bibliothek bei Ausgabe der Bücher thätig; dabei beschäftigte er sich mit genealogischen Arbeiten. M. war dadurch gewissermaßen der Gehülfe des Bibliothekars und nachmaligen Directors der akademischen Kanzlei Schumacher geworden; Schumacher, beim Präsidenten der Akademie Dr. Blumentrost sehr beliebt und deshalb sehr einflußreich, schenkte seinem Gehülfen M. volles Vertrauen, übergab ihm sogar während einer Reise nach Moskau die Vertretung in seinen Geschäften. Schumacher war bei den Mitgliedern der Akademie nicht beliebt und diese Mißliebigkeit wurde auch auf seinen Gehülfen M. übertragen. Gegen den Willen der Mitglieder wurde M. am 22. Januar 1731 zum Professor der Geschichte ernannt. (Es ist hier nicht der Ort über die Einrichtung der Petersburger Akademie zu reden; das sei nur kurz gesagt, daß die Stellung eines „Studenten“ etwa der eines Adjuncten oder außerordentlichen Akademikers, die Stellung eines „Professors“ der eines Akademikers entsprach.) M. hatte schon vor seiner Ernennung am 2. August 1730 eine Reise angetreten, theils um seine persönlichen Verhältnisse zu Hause zu ordnen, sein Vater war unterdeß gestorben, theils um neue Mitglieder für die Petersburger Akademie zu gewinnen. M. besuchte Deutschland, Holland und England und kehrte am 2. August 1731 nach Petersburg zurück; der Botaniker Amman, der Orientalist Kehr und andere wurden durch M. veranlaßt, in die Akademie einzutreten. Bald nach der Rückkehr [548] Müller’s traten zwischen ihm und Schumacher Mißhelligkeiten ein, deren Ursache nicht mehr zu ermitteln ist; für M. waren sie nur insofern von großer Bedeutung. als sie die unmittelbare Veranlassung waren, daß er seine Beschäftigung in der Bibliothek aufgab und seine ganze Kraft dem Studium der russischen Geschichte zuwandte. Als erste Frucht dieser Studien erschien der erste Band der „Sammlung russischer Geschichte“ am Ende des Jahres 1732. Allein die Unannehmlichkeiten in der Akademie, die Uneinigkeit zwischen M. und Schumacher dauerten fort und um allem diesen zu entgehen ergriff M. die sich ihm darbietende Gelegenheit, Petersburg auf eine Zeit lang zu meiden. Er verließ am 8. August 1733 als Glied der sogenannten großen akademischen oder kamtschatka’schen Expedition in Gemeinschaft mit dem Akademiker Gmelin (Bd. IX, S. 269) Petersburg und kehrte erst am 14. Februar 1743 dahin zurück. Hier kann auf die Expedition selbst, an der Bering und Steller auch theilnahmen, und ihre große Bedeutung für Sibiriens Erforschung nicht eingegangen werden, nur der hervorragende Antheil Müller’s muß nachdrücklich hervorgehoben werden. Es sei mit wenig Worten der Weg Müller’s und Gmelin’s angedeutet, den sie während einer fast zehnjährigen Abwesenheit von Petersburg zurücklegten, – ein Weg, der nach Müller’s Berechnung eine Länge von mehr als 30,000 Werst (Kilometer) hatte. Im August 1733 abgereist, begaben sich die Forscher über Kasan und Jekaterinburg nach Tobolsk; auf dem Wege dahin wurden Tataren, Wotjäken, Tscheremissen untersucht. In Tobolsk, woselbst M. seine Archivstudien begann, wurde der Winter 1733/34 verbracht und im Frühjahr die Reise den Irtysch aufwärts: nach Tara, weiter nach Omsk fortgesetzt und das Gebiet von Semipalatinsk erforscht. Den Winter 1734/1735 hielten sich die Reisenden in Jenisseisk auf, begaben sich dann über Kraßnojarsk nach Irkutsk und durchstreiften die Gegend am Baikalsee bis zur chinesischen Grenze, beobachteten die Buräten und kehrten nach Irkutsk zurück. Im nächsten Jahre 1734 reisen M. und Gmelin weiter nach Jakutsk, woselbst M. eingehende Archivstudien macht: ihr Wohnhaus brennt nieder, M. erkrankt. Ihre Weiterreise nach Kamtschatka verzögert sich; sie verlassen Jakutsk, untersuchen einen Theil der Lena und überwintern 1737/1738 in Irkutsk; von hier bittet M. in Rücksicht auf seine zunehmende Kränklichkeit, ihm die Rückkehr nach Petersburg zu gestatten. Im Sommer bereist er die Angara, trifft 1739 in Jenisseisk mit Steller zusammen, fährt den Jenissei hinab bis Mangasea und macht sich mit den Samojeden und Ostjaken bekannt.

Endlich im Juli 1739 erhält M. die Erlaubniß zur Rückkehr – Gmelin nicht – der gesunkene Muth Müller’s hebt sich; er macht weitere Ausflüge, untersucht alte tatarische Gräber in Abakansk und überwintert in Krasnojarsk. Trotz der Möglichkeit nun direct heimzukehren, läßt er sich 1740 durch Archivstudien in Tomsk fesseln und kommt nur bis Tjumen. Im Sommer 1741 ist M. in Jekaterinburg und am Fluß Iset, woselbst er mit Gmelin zusammentrifft; im Januar 1742 erkrankt er in Turinsk, begiebt sich, um geheilt zu werden, nach Werchoturje – heirathet daselbst die deutsche Wittwe eines deutschen Wundarztes (Name unbekannt) und kehrt dann über Solikamsk und Wologda heim. Am 14. Februar 1743 ist er endlich in St. Petersburg. – Müller’s Thätigkeit auf der Reise, trotz der vielfachen Unterbrechungen durch Krankheit und Unglücksfälle, ist sehr groß und äußerst ergiebig gewesen. – Seine Aufgabe war sich mit der Geschichte und den Alterthümern Sibiriens zu beschäftigen; er leistete mehr. Er verfaßte eine, leider unvollendet gebliebene Reisebeschreibung, durchforschte mit großem Eifer die Archive der einzelnen Städte und ließ vieles daraus abschreiben [mehr als 30 Foliobände Manuscripte), untersuchte die Sitten, Gebräuche und die Sprachen der verschiedenen Völkerschaften Sibiriens und besorgte dabei noch alle eigentlichen Reisegeschäfte, die Correspondenz mit der Akademie etc. [549] Müller’s Reisebeschreibung ist leider ungedruckt geblieben, dagegen gab Gmelin eine Schilderung der Reise, welche gedruckt wurde. – M. fühlte sich nach seiner Rückkehr nicht nach Verdienst belohnt, sein Gehalt blieb gering (660 Rubel), die Streitigkeiten mit seinen Collegen, besonders mit Lomonossow, begannen aufs Neue; bei seinen Arbeiten erwuchsen ihm daraus ungeahnte Schwierigkeiten und große Unannehmlichkeiten, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. M. arbeitete unverdrossen an seiner Geschichte Sibiriens, deren erster und einziger Band 1750 erschien, schrieb über den Handel Sibiriens etc. Allmählich besserten sich auch seine materiellen Verhältnisse, am 10. November 1747 wurde sein Gehalt bedeutend vermehrt, bis auf 1000 Rubel. M. wurde zum Historiographen des russischen Reichs ernannt und gleichzeitig zum Rector der akademischen Universität bestimmt. Im Januar 1748 wurde ein „Departement“ für Geschichte bei der Akademie eingerichtet, freilich auf anderer Grundlage als M. es gewünscht hatte; dennoch dauerten die Störungen und Hindernisse beim Arbeiten an. M. wurde wiederholt verklagt. In Folge einer bei der Akademie eingereichten Klageschrift, in welcher eine Reihe von Beschuldigungen gegen M. ausgesprochen werden, wurde M. am 6. October 1750 „degradirt“ vom Akademiker zum Adjunct, d. h. er erhielt nur 360 Rubel jährlich. Doch wurde er am 21. Februar 1751 wieder begnadigt, erhielt seinen früheren Rang und Gehalt zurück. Es waren also damals sehr eigenthümliche Verhältnisse, in welchen sich die Akademiker zu ihrem Vorgesetzten, dem Präsidenten und dessen Kanzlei befanden. Am 4. Mai 1754 wurde M. zum Conferenzsecretär der Akademie mit einem Gehalt von 1500 Rubeln ernannt und hatte nun Gelegenheit, eine reiche Thätigkeit zu entfalten, welche sich besonders für die neuen Berufungen innerhalb der Akademie sowie für die neue Universität in Moskau ersprießlich zeigte: Dilthey, Reichel, Kellner wurden berufen. In die Zeit des Secretariats fällt auch die Ausgabe der „Monatlichen Abhandlungen“, des ersten in russischer Sprache erschienenen gelehrten Journals. Die Zeitschrift enthielt größtentheils historische Arbeiten aus der Feder Müller’s oder durch ihn veranlaßt. M. war vielseitig thätig – ganz an seinem Platz.

In diese Zeit fällt auch die Ankunft Schlözer’s in Petersburg. A. L. Schlözer kam im November 1761 als Hauslehrer in Müller’s Haus, wurde aber bald, weil M. Schlözer’s Werth erkannte, zum Adjuncten der Akademie befördert (Mai 1762). – Nach dem Jahre 1761 hören endlich die Belästigungen Müller’s auf; Pekarskj, der Verfasser einer Geschichte der Akademie, schreibt dieses dem Wohlwollen zu, welches die Kaiserin Katharina II. dem verdienten Gelehrten erwies; M. stand unter ihrem Schutz und durfte ungestört seinen Arbeiten nachgehen, die Kaiserin ermunterte ihn wiederholt. – Und wie sonderbar: der Historiker, der Gelehrte, der Mann der Wissenschaft, er wird auf kaiserlichen Befehl am 1. Januar 1765 zum Director des Findelhauses in Moskau ernannt, unter Beibehaltung der Stellung des Historiographen bei der Akademie. Es ist nicht genau zu ersehen, was die Veranlassung dazu gewesen, M. selbst ging – selbstverständlich nicht gern auf diesen Posten. Allein man redete ihm zu – seine materielle Lage, sein Gehalt wurden verbessert. M. siedelte im März 1765 nach Moskau über und übernahm das neue Amt. Allein die Verwaltung eines so großartigen Instituts ließ dem Gelehrten wenig freie Zeit zur Arbeit – mit Freuden ergriff er daher zu Ende 1765 die ihm dargebotene Stelle des Directors des Archivs im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Moskau. Im März 1766 erfolgte Müller’s Ernennung; er erhielt außer seinem akademischen Gehalt noch 1000 Rubel. – Nun war M. in seinem eigentlichen Fahrwasser, er widmete den Rest seines Lebens ganz seinen archivalisch-historischen Studien, er ordnete das Archiv, schrieb den ersten Theil einer Geschichte der Akademie der [550] Wissenschaften (ungedruckt), verfaßte den Anfang einer Geschichte der russischen Schifffahrten nach Spitzbergen etc., lieferte Beiträge zur Geschichte Peter des Großen. Dabei machte er Reisen in die Umgebung Moskaus und sammelte Notizen über die Geschichte der von ihm besuchten Städte. – So gestaltete sich der Lebensabend des vielfach geprüften Gelehrten zu einem angenehmen: die Kaiserin kaufte 1780 die Bibliothek Müller’s um 20,000 Rubel für das Moskauer Archiv; ihre Gnade beschenkte ihn im August 1783 mit dem Titel eines wirklichen Staatsraths und dem Wladimirorden 3. Klasse. Am 11./22. October 1783 ist M. nach kurzem Krankenlager gestorben, er hatte ein Alter von 78 Jahren erreicht; sein älterer Bruder Heinrich Justus, Lehrer am akademischen Gymnasium in Petersburg, war ihm am Anfang des Jahres 1783 im Tode vorausgegangen. – M. hinterließ bei seinem Tode zwei Söhne, von denen der eine in russischem Staatsdienst stand, der andere Militär war.

Ueber Müller’s Aeußere und seine Charaktereigenschaften mag man bei Büsching und bei Schlözer nachlesen; hier nur einige Worte über Müller’s Bedeutung als Gelehrter, als Historiker und als Geograph. M. war unermüdlich fleißig: er hat viel veröffentlicht und noch viel mehr gesammelt. Seine Arbeiten sind nach allen Seiten hin von dem allergrößten Werth für die Geschichte und Geographie Rußlands gewesen und seine Sammlungen sind es noch heute, insofern ein Theil derselben erst in der jüngsten Zeit veröffentlicht worden ist. Es wurde oben hingewiesen auf die Anfeindungen und Verdächtigungen, welche M. während seines Lebens in Folge seiner Studien zu erdulden gehabt hat. Krekschin, welchem M. gesammelte Notizen ausländischer Autoren über Rußland gegeben hatte, denuncirte ihn beim Senat, daß ein russischer Akademiker Auszüge gemacht hätte, welche für die russischen Großfürsten erniedrigend seien. Das gründete sich darauf, daß in den Notizen gesagt worden war, die Großfürsten hätte sich vor den Tataren demüthigen müssen. – Eine Abhandlung Müller’s über den Ursprung des Namens und des Volks der Russen wurde auf Antrag einiger Mitglieder der Akademie unterdrückt. Das sind nur einzelne Beispiele. Diesem Verfahren der Zeitgenossen Müller’s gegenüber ist das Urtheil der jetzigen russischen Historiker ein glänzendes, die Verdienste Müller’s werden durchaus anerkannt. So schreibt Bestushew Rjumin (Russ. Gesch. 1. Bd., Petersburg 1872, Einl. S. 209): „Die ersten, welche sich wissenschaftlich mit russischer Geschichte beschäftigten, waren Deutsche: Kohl und Baier. Noch mehr that für die russische Wissenschaft der Historiograph Müller. Ein unermüdlicher Sammler, streng und genau in seinen gelehrten Arbeiten ist Müller der eigentliche Vater der russischen Geschichtsforschung, welche bis heute noch nicht alle von ihm gesammelten Materialien erschöpft hat. Er zuerst verfaßte ein Buch, welches die Ausländer mit dem russischen Reiche und dessen Geschichte bekannt machte, er gab ein russisches Journal heraus, welches den selben Zweck verfolgte, er edirte viele Urkunden, viele Abhandlungen russischer Autoren; er half mit seinen Kenntnissen und Arbeiten vielen anderen Forschern; er ordnete das Archiv des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten in Moskau; schließlich zeigte er selbst an Beispielen, wie einzelne Fragen der russischen Geschichte zu bearbeiten sind.“ – Doch nicht allein für das Studium der Geschichte, sondern auch für das Studium der Geographie und der Länder- und Völkerkunde Rußlands sind Müller’s Arbeiten von großem Werth und weitgehender Bedeutung, doch ist M. als Geograph noch keineswegs so gewürdigt und anerkannt, als er es verdient. –

M. hat während seines langen Lebens bis zu seinem Tode ununterbrochen gearbeitet; er hat vieles verfaßt, sehr viel gesammelt; doch sind keineswegs alle seine Abhandlungen gedruckt worden, noch viel weniger alle von ihm gesammelten [551] Materialien. Büsching, Meusel, Pekarskj zählen eine lange Reihe der Schriften Müller’s auf; hier sei auf einige der wichtigsten die Aufmerksamkeit gelenkt.

„Sammlung Russischer Geschichte“, Bd. I–IX, St. Petersburg 1732 bis 1765. Das Werk enthält fast nur Abhandlungen Müller’s; einzelne wenige sind von der Hand anderer Autoren oft unter Benutzung der von M. gesammelten Materialien verfaßt. Darunter: Nachrichten von einem alten Manuscript der russischen Geschichte (die erste Mittheilung über Nestor’s Annalen); zehn Bücher sibirischer Geschichte; Versuch einer neuen Geschichte Rußlands von Boris Godunow an; die Fortsetzung wurde auf Anstiften Lomonossow’s verboten (vgl. Pekarskj S. 380 und 413); kurzgefaßte Nachrichten vom Ursprung der Stadt Nowgorod und der Russen überhaupt. In das Gebiet der Länder- und Völkerkunde gehören: verschiedene auf Sibirien bezügliche Abhandlungen, darunter zur Geschichte der Gegenden am Flusse Amur. Besonders wichtig sind die Nachrichten von Seereisen und zur See gemachten Entdeckungen, die von Rußland aus längs der Küste des Eismeeres und auf dem östlichen Weltmeer gegen Japan und Amerika geschehen sind; es ist das die erste und einzige übersichtliche Darstellung der sogenannten kamtschatkaschen Expedition sowie der vorausgehenden russischen Entdeckungsreisen. Ferner Nachrichten über Tscheremissen, Tschuwaschen und Wotjäken; Nachrichten vom Goldsand in der Bucharei und Auszug aus dem Tagebuch Soimonows von seiner Schifffahrt auf dem kaspischen See. Beide Abhandlungen von hohem Interesse für die Kenntnisse vom kaspischen Meer und der umliegenden Gegenden. Schließlich: Nachrichten von Land- und Seekarten, die das russische Reich betreffen, VI, 1–108; eine Fortsetzung lieferte Schmidt-Phiseldeck in den Beiträgen zur Kenntniß der Staatsverfassung von Rußland. – „Origines gentis et nominis Russorum“, Petropoli 1749, 4°. Die interessante Abhandlung führt eine von Baier aufgestellte Ansicht, daß die Waräger (Russen) Scandinavier gewesen seien, weiter aus: von den Waräger-Russen hätten die Slaven den Namen Russen überkommen. Die Abhandlungen sollten am 6. September 1749 von M. in einer feierlichen Sitzung der Akademie verlesen werden, aber der Inhalt schien einzelnen Mitgliedern der Akademie nicht passend, die Festsitzung wurde vertagt und ein anderer Akademiker zum Vortrag bestimmt. Alle (russisch und lateinisch) gedruckten Exemplare, sowie die Manuscripte und Correcturbogen wurden im Archiv aufbewahrt. Nach Jahren schickte Schlözer ein Exemplar der Abhandlung an Gatterer, welcher dieselbe in der Allgemeinen historischen Bibliothek, Halle 1768, Bd. V S. 238–340 abdruckte. – Ein Theil des Inhalts der Schrift ist übergegangen in die Abhandlung vom Ursprung der Stadt Nowgorod und der Russen (Sammlung russischer Geschichte, 5. Bd., 5. und 6. Stück) und in die Abhandlung „Von den Völkern, welche vor Alters in Rußland gewohnt haben.“ – „Beschreibung des Zarthums Sibirien“, 1. Theil (russisch), St. Petersburg 1750. Ein zweiter Theil ist nicht erschienen; der erste Theil umfaßt fünf Bücher, welche auch deutsch in der Sammlung russischer Geschichte (6. Bd., 2.–6. Stück) veröffentlicht sind; nach Pekarskj hat M. noch weiter die Bücher 6–22 verfaßt und der Akademie vorgelegt und zum Druck bestätigen lassen, doch sind nur die Bücher 6–10 deutsch in der Sammlung russischer Geschichte Bd. VIII und russisch in den Monatlichen Abhandlungen gedruckt worden. Ob die übrigen Bücher sich im Manuscript erhalten haben, darüber berichtet Pekarskj nichts. Auf Grundlage der Arbeiten Müller’s schrieb Fischer seine Geschichte Sibiriens (Petersburg 1768). – Eine Anzahl Abhandlungen Müller’s sind in Büsching’s Magazin für neue Historie und Geographie abgedruckt; darunter „Von den Völkern, welche vor Alters in Rußland gewohnt haben“ (Bd. XVI S. 287–348). In russischer Sprache in St. Petersburg herausgegeben 1773 und zum zweiten Mal 1778. Auch hier ging M. auf die Waräger-Frage ein. – [552] Eine Anzahl Abhandlungen in Arndt’s St. Petersburgischem Journal: Reiseberichte, Städtebeschreibungen, Beiträge zur Jugendgeschichte Peters; von alten Gräbern in Sibirien. Einige Abhandlungen in den Commentaria Acad. Petropolit. und den hannöverschen nützlichen Sammlungen und in dem Gottsched’schen Journal: „Neuestes aus der anmuthigen Gelehrsamkeit“, in Büsching’s Wöchentlichen Nachrichten. Von 1755–1756 gab M. in russischer Sprache ein Journal „Monatliche Abhandlungen“ heraus, welche meist Müller’s eigene, zum Theil auch deutsch veröffentlichten Arbeiten enthalten. Auch das russische in Moskau erschienene Journal „Arbeiten der freien russischen Gesellschaft in Moskau“ enthält Abhandlungen Müller’s. „Geographie und Verfassung von Kamtschatka“, aus verschiedenen schriftlichen und mündlichen Nachrichten gesammelt zu Jakutsk 1737 in Steller’s Beschreibung vom Lande Kamtschatka, Leipzig 1774. „Nachrichten über den russischen Adel“ (russisch), St. Petersburg 1790, 494 S. Im besonderen Auftrag der Kaiserin Katharina II. 1777 verfaßt. – „Lettre d’un officier de la marine Russienne à un Seigneur de la Cour concernant la carte des nouvelles decouvertes au Nord etc.“, Berlin 1753. Soll auch deutsch und englisch erschienen sein. Eine gegen de l’Isle’s, die kamtschatkasche Expedition betreffende Aeußerungen gerichtete Schrift.

Müller’s Antheil an der russischen Kartographie ist noch sehr wenig untersucht. Als M. im J. 1743 aus Sibirien zurückkehrte, sollte eine neue Generalkarte und einige Specialkarten Rußlands herausgegeben werden; die Arbeiten waren dem Professor Winsheim übertragen worden. Die Mithülfe Müller’s wurde nicht angenommen, doch legte man ihm die fertige Karte zur Verbesserung vor. Da er sich nicht im Stande sah alles zu verbessern, so erbot er sich eine neue Karte stechen zu lassen, doch wurde das Anerbieten nicht acceptirt. Als nach dem Tode des Professors Winsheim das „geographische Departement“ unter Müller’s Aufsicht stand, versuchte M. verschiedene Arbeiten vornehmen zu lassen, doch stieß er auch hier auf viele Hindernisse. Nur eine (neue) Generalkarte Rußlands unter dem Titel „Postkarte“ ließ er 1772 auf Grundlage seiner eigenen Arbeiten stechen und herausgeben. – Seit der sibirischen Reise hatte M. zu einer Generalkarte Sibiriens Vorarbeiten gemacht, doch kam es nicht zur Beendigung der Arbeit; er benutzte die Vorarbeiten bei Herausgabe der Karte zu Kraschenninikow’s Kamtschatka und zu der Karte, welche die Akademie in Betreff der Entdeckungen zwischen Kamtschatka und Amerika 1753 veröffentlichte. Zwei andere Karten Müller’s, eine das kaukasische Gebirge und die Gebiete zwischen dem kaspischen und schwarzen Meere darstellend, die andere das Gebiet von Ufa und Orenburg betreffend, wurden fertig gestellt, aber nicht gestochen. –

In Kürze seien eine Anzahl Werke anderer Autoren genannt, deren Herausgabe das große Verdienst Müller’s ist: Kraschenninikow’s Beschreibung von Kamtschatka, Büsching’s Geographie Rußlands, Tatischew’s Geschichte des russischen Reichs in 4 Bänden, Chilkow’s Kern der russischen Geschichte, Polunin’s Geographisches Lexicon, die sogenannten Stufenbücher (Genealogische Mittheilungen) u. a. m.

M. hat eine Reihe sehr bemerkenswerther Handschriften hinterlassen, welche theils in der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg, theils im Archiv des Ministeriums des Auswärtigen in Moskau aufbewahrt werden. Dazu gehören: Beschreibung der Reise, welche einzelne Mitglieder der k. Akademie in Sibirien machten; Historische, geographische und ethnographische Beobachtungen auf der Wolgareise von Twer nach Kasan 1733; Zur Geschichte der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, 1. Bd.; Geschichte der Schifffahrten nach dem Norden aus authentischen Nachrichten des Admiralitäts-Collegs; Sammlung der Bündnisse und der übrigen Staatsverträge zwischen Rußland und dem [553] römisch-kaiserlichen Hof 1484–1519, zwischen Rußland und Preußen 1517 bis 1700, zwischen Rußland und Dänemark 1492–1562 u. a. m. Außer diesen seinen eigenen Handschriften sind noch die Copien verschiedener Acten sibirischer Archive zu erwähnen, welche M. bei Gelegenheit seiner sibirischen Reise anfertigen ließ, zum Theil auch selbst anfertigte; sie sind noch lange nicht alle abgedruckt. Ein kleiner Theil der von M. gesammelten Materialien ist herausgegeben von der archäographischen Commission in St. Petersburg in den „Ergänzungen zu den historischen Actenstücken“ und in den Sammlungen von Urkunden und Verträgen des (russischen) Reichs, 1814–1818.

Nova Acta Acad. Petropolit. T. I. Petersburg 1787 hist. pro anno 1783, p. 214–215. Büsching, Beiträge zur Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, 3. Thl., Halle 1785, S. 1–140. A. L. Schlözer’s öffentliches u. Privatleben, erstes Fragment, Göttingen 1802. Meusel’s Lexicon teutscher Schriftsteller, Bd. X, Leipzig 1809, S. 384–397. (Russisch): Pekarskj, P., Geschichte d. k. Akademie d. Wiss. in St. Petersburg, 1. Bd., Petersburg 1870, S. 308–430 u. an verschiedenen anderen Stellen. Man vergleiche außerdem andere Publicationen Pekarskj’, welche die Akademie betreffen.